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Bienstein und Fröhlich beschreiben, wie Pflegende Menschen mit sensorischen Angeboten ansprechen, aktivieren, beleben, berühren und beruhigen können. Die Basale Stimulation dient der Förderung von Menschen in krisenhaften Lebenssituationen, deren Austausch- und Regulationskompetenzen deutlich vermindert, eingeschränkt oder dauerhaft behindert sind. Im Zentrum des Konzeptes stehen die Fähigkeiten zur Wahrnehmung, Kommunikation und Bewegung. Basale Stimulation ist eine Form ganzheitlicher, körperbezogener Kommunikation für Menschen mit wesentlichen Einschränkungen. Basale Stimulation versteht sich als •gezielte Unterstützung schwersterkrankter und beinträchtigter Menschen •Angebot körperlichen und ganzheitlichen Lernens •umfassende Entwicklungsanregung in frühen Lebensphasen •ein absichtsvolles, geplantes und intensives Berührungsangebot •Orientierung in unklaren Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Bewegungssituationen •Stressreduzierung für Menschen in belastenden Grenzsituationen und gesundheitlichen Krisen •Begleitung von Menschen in ihrem Sterbeprozess Das erfolgreiche Grundlagenwerk zur Basalen Stimulation in der Pflege bietet einen umfassenden Überblick darüber, was Basale Stimulation ist, welches Grundverständnis und Ziele sie leiten, welche Personen und Lebensthemen in ihrem Mittelpunkt stehen, wer sie ausführt, wo sie stattfindet und aus welchen Elementen sie besteht. Konkret beschreibt es Schwerpunkte pflegerischen Handelns bezüglich Atmen, Baden, Einreibungen (ASE), Ganz- und Teilwaschungen, Kleiden, Lagern, Mundpflege, Mobilisieren, Positionieren, Waschen und Schluckförderung. Detailliert werden auditive, gustatorische, olfaktorische, vestibuläre, vibratorische und visuelle Angebote der Basalen Stimulation vermittelt. Die 9. Auflage wurde vollständig überarbeitet und mit neuen Grafiken und Fotos illustriert. Die Themen Angehörige und Angehörigenperspektive, Inklusion, Leiblichkeit, Orte der Pflege, primäre nonverbale Kommunikation, Vorsorgevollmacht und Team wurden ergänzt. Das Kapitel Forschung wurde komplett überarbeitet. Ein neuer Beitrag zur "pflegerischen Berührung in Pandemie-Zeiten" verdeutlicht, wie bedeutsam Berührungen und der Berührungsberuf Pflege sind und wie direkte und indirekte körperzentrierte Angebote gestaltet werden können.
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Seitenzahl: 434
Veröffentlichungsjahr: 2021
Basale Stimulation in der Pflege®
Christel Bienstein, Andreas Fröhlich
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege
Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund
Christel Bienstein
Andreas Fröhlich
Basale Stimulation in der Pflege®
Die Grundlagen
9., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage
Christel Bienstein. Prof., Pflegewissenschaftlerin, Dipl. Päd. Entwicklerin der Basalen Stimulation® in der Pflege. Präsidentin des DBfK, Berlin.
E-Mail: [email protected]
Andreas Fröhlich. Prof. Dr. paed. Dr. h.c., Kaiserslautern
E-Mail: [email protected]
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Lektorat Pflege
z.Hd. Jürgen Georg
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Lektorat: Jürgen Georg, Lena Marie Klose
Bearbeitung: Martina Kasper
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Michael Uhlmann (www.uhlensee.de)
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Illustration/Fotos (Innenteil): Andreas Fröhlich, Kaiserslautern
Satz: punktgenau GmbH, Bühl
Format: EPUB
9., vollst. überarb. u. erw. Auflage 2021
© 2021 Hogrefe Verlag, Bern
© 2016 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96043-2)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76043-8)
ISBN 978-3-456-86043-5
http://doi.org/10.1024/86043-000
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Inhaltsverzeichnis
Die Basis
Einleitende Gedanken
Pflegerische Berührung in Pandemie-Zeiten
1 Einführung in das Konzept
1.1 Spüren
1.2 Hören
1.3 Riechen
1.4 Sehen
2 Perspektiven der Beteiligten
2.1 Fallberichte und Erfahrungen Betroffener
2.2 Erfahrung einer Angehörigen
2.3 Erfahrung einer Pflegenden
2.4 Verschiedene Wirklichkeiten
3 Grundelemente der Basalen Stimulation
3.1 Hexagon – das Sechseck
3.1.1 Wahrnehmen
3.1.2 Kommunizieren
3.1.3 Bewegen
3.1.4 Den eigenen Körper erfahren
3.1.5 Erfahrungen mit Menschen machen
3.1.6 Gefühle spüren
3.1.7 Verstehen
3.1.8 Noch einmal Ganzheitlichkeit
3.1.9 Der praktische Nutzen
3.2 Grundelemente
3.3 Das Proprium der Basalen Stimulation
4 Wahrnehmungsbereiche
4.1 Somatische Erfahrungen
4.2 Grundprinzipien der Berührung
4.3 Formen der Berührung
4.3.1 Wechselnder Bedarf an Berührung
4.3.2 Gleichzeitiges Berühren
4.3.3 Anfang und Ende der Berührung
4.3.4 Berührungskontakt halten
4.3.5 Druckintensität
4.3.6 Rhythmus der Bewegung
4.3.7 Sicherheit der Berührung
4.4 Vibratorische Erfahrungen
4.5 Vestibuläre Erfahrungen
4.6 Audiorhythmische Erfahrungen
4.7 Orale und olfaktorische Erfahrungen
4.8 Sehen oder visuelle Erfahrung
4.9 Taktile Erfahrungen
4.10 Orientierung
5 Zentrale Lebensthemen
5.1 Leben erhalten und Entwicklung erfahren
5.2 Das eigene Leben spüren
5.3 Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen
5.4 Den eigenen Rhythmus entwickeln
5.5 Das Leben selbst gestalten
5.6 Die Außenwelt erfahren
5.7 Beziehungen aufnehmen und Begegnungen gestalten
5.8 Sinn und Bedeutung geben und erfahren
5.9 Selbstbestimmung und Verantwortung leben
5.10 Die Welt entdecken und sich entwickeln
6 Basale Stimulation im Pflegealltag
6.1 Die Zeit
6.2 Der/die Betroffene
6.3 Wo findet die Pflege statt?
6.4 Die Art der pflegerischen Begleitung
6.5 Das Ziel der Betreuung
6.6 Die Qualifikation Pflegender
6.7 Adressaten des Konzepts
7 Grundlagen für den Einsatz der Basalen Stimulation
7.1 Erfassen notwendiger Informationen
7.2 Beobachten
7.3 Biografische Kenntnisse
7.4 Einschätzung des Pflegebedarfs und der Pflegeunterstützung
7.5 Skalen zur Einschätzung des Bewusstseinsgrades
7.6 Das Hexagon praktisch
7.7 Tages- und Lebensgestaltung
7.8 Gestaltung des Umfelds
7.9 Pflegerisches Handeln und zentrale Lebensthemen
8 Schwerpunkte des pflegerischen Handelns
8.1 Das Liegen erleben
8.1.1 Die Kleidung
8.1.2 Die Positionierung im Bett
8.1.3 Vestibuläre Anregung im Bett
8.2 Den Körper wahrnehmen
8.3 Ganzkörperwaschung (GKW) und Teilwaschungen
8.3.1 Ganzkörperwaschungen (GKW) nach basalen Gesichtspunkten
8.3.2 Belebende Waschungen
8.3.3 Belebende Teilwaschungen
8.3.4 Beruhigende Waschungen
8.3.5 Beruhigende Teilwaschungen
8.3.6 Symmetrische Waschung
8.3.7 Diametrale Waschung
8.3.8 Waschung bei Menschen mit Hemiplegie
8.4 Baden
8.5 Duschen
8.6 Einreibungen
8.6.1 Atemstimulierende Einreibung (ASE)
8.6.2 Fuß- und Beineinreibungen
8.6.3 Vorbereitung der Mobilisation
8.6.4 Ganzkörpereinreibung
8.7 Somatische Stimulation durch den Körper des anderen
8.8 Aufrecht sein
8.8.1 Vestibuläre Angebote
8.8.2 Vestibuläre Stimulation bei der Nahrungsaufnahme
8.8.3 Vestibuläre Stimulation der Blase
8.8.4 Vibratorische Angebote
8.9 Bedeutung des Mundes
8.9.1 Pflege im Bereich des Mundes
8.9.2 Zahn- und Mundpflege
8.9.3 Pflegerische Interpretationsmöglichkeiten von vorhandenen Schluckstörungen
8.9.4 Ethische Probleme im Zusammenhang mit der Ernährung
8.9.5 Orale Stimulation
8.9.6 Riechen
8.10 Auditive Angebote
8.11 Taktil haptische Angebote
8.12 Visuelle Anregungen
9 Körperbasierte Kommunikation in der Pflege
9.1 Veränderte Sichtweisen
9.2 Der Somatische Dialog als helfendes Gespräch
9.3 Vergleichbare Ansätze
9.4 Körperbasierte Kommunikation
9.5 Grundprinzipien der Körperbasierten Kommunikation
9.6 Kommunikation im Alltag
9.7 Vielfalt der Kommunikation
9.8 Zusammenfassung
10 Forschung: Basale Stimulation in der Pflege
10.1 Forschung oder reflektierte Überlegung
10.2 Notwendigkeit von Forschung
10.3 Möglichkeiten und Grenzen von Forschungsprojekten
10.4 Einordnung der Basalen Stimulation
10.5 Erste Erfahrungen
10.6 Unterstützende Studienergebnisse des Konzepts
10.7 Forschungsergebnisse zur Basalen Stimulation
10.7.1 Konzeptvergleich
10.7.2 Haltung
10.7.3 Beziehung und Begegnung
10.7.4 Lebensgestaltung
10.7.5 Fachliche Kompetenz
10.7.5.1 Erfassungsinstrumente
10.7.5.2 Studien zu einzelnen relevanten Themen
10.7.6 Angehörigenbegleitung
10.7.7 Mitarbeiterförderung und Qualitätsentwicklung
10.7.8 Umgebungsgestaltung
10.7.9 Ergänzende Ergebnisse
10.8 Fazit
11 Anhang
Weiterentwicklungen
Literaturverzeichnis
Basale Stimulation im Hogrefe Verlag
Sachwortverzeichnis
Autorin und Autor
Organisation
Menschen werden mit unterschiedlicher genetischer Ausstattung, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten in diese Welt hineingeboren. Vom ersten Lebenstag an begeben sie sich in Interaktionen mit ihren Bezugspersonen und ihrer personalen und dinglichen Umwelt. Durch ihre Eigenaktivität im Austausch mit den an sie herangetragenen Angeboten entwickeln sie sich und entfalten ihre Fähigkeiten. Bereits als Säugling oder Kleinkind sind Menschen kompetente Akteure ihrer eigenen Entwicklung und keineswegs nur Objekte von Pflege, Versorgung und Erziehung.
Wir sprechen hier von der Selbstorganisation alles Lebendigen und meinen damit, dass die eigentlichen Entwicklungskräfte im jeweiligen Menschen selbst liegen. Jeder Mensch ist Subjekt und die bestimmende Größe seiner persönlichen Entwicklung. Niemand wird „von außen gemacht“.
Alle Entwicklungsprozesse des Lebendigen können durch Bedingungen beeinträchtigt werden, die im Individuum selbst oder auch in der Umwelt geschaffen werden: Genetische Störungen, Erkrankungen, Unfälle, äußere Not, unzureichende Zuwendung und Anregung, elementarer Mangel. Geschehnisse während der vorgeburtlichen Zeit und des ganzen nachgeburtlichen Lebens können das Entwicklungspotenzial eines Menschen beeinträchtigen, es hemmen oder verzögern. Dies ändert jedoch nicht die Tatsache, dass eine beeinträchtigte Entwicklung in Krankheit und Behinderung trotzdem eine selbstbestimmte Entwicklung ist. Angesichts der behindernden und einschränkenden Umstände ist diese Entwicklung vielmals sogar eine besondere Leistung. Krankheit bedeutet eine existenzielle Herausforderung für die einzelnen Menschen und ihre soziale Umgebung, die immer mit betroffen ist. Wenn eine vorher gesunde Mutter beispielsweise nicht mehr wie gewohnt mit ihrem Mann und den Kindern interagieren kann, wirkt sich ihre Krankheit unmittelbar und sofort auf das soziale Gefüge der Familie aus. Der Austausch zwischen den Interaktionspartnern wird plötzlich oder schleichend erheblich gestört.
Hier wird ein erster Aspekt von Ganzheitlichkeit offenbar, wenn erkannt und akzeptiert wird, dass nicht allein die Patientin oder der Patient krank und pflegebedürftig ist, sondern dass diese Störung systemisch, d.h. ganzheitlich auftritt. So betrifft Krankheit und Pflegebedürftigkeit immer auch die Interaktion zwischen den Bezugspersonen und erschwert diese. Als Folge können weitere Belastungen und Entwicklungsbeeinträchtigungen auftreten.
Jede Entwicklung des Menschen, sei er gesund, krank oder behindert, strebt zunächst nach größerer Autonomie, d.h. nach einer Unabhängigkeit von der unmittelbaren Unterstützung durch andere. Das Kind möchte seine Aktivitäten selbst und allein gestalten und der Betroffene oder Patient seine Selbstpflegekompetenz, mit Hilfe der Pflegenden, wiedererlangen oder zumindest in Teilbereichen sichern. Das Streben nach Autonomie steht dabei nur scheinbar im Widerspruch zu dem Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit und Geborgenheit, das für alle Menschen bedeutsam ist. Auch das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung durch andere Menschen entspricht dem Gedanken der Autonomie, d.h. einer Selbstständigkeit im Denken, Fühlen und Handeln. In der Wechselbeziehung mit dem Gegenüber, hier also mit dem Patienten, verwandte Bestrebungen zu entdecken, schafft Gemeinsamkeit und ermöglicht auf der Basis respektvoller Begegnung ein gemeinsames Handeln. Dieses gemeinsame Handeln ist der Kern unseres Konzepts. Es geht uns nicht um die fremdbestimmte, von vornherein zum Scheitern verurteilte Einflussnahme auf Individuen, sondern um die Entwicklung gemeinsamer Interessen, vereinter Ziele und, daraus abgeleitet, die Ermöglichung gemeinsamer pflegerischer und selbstpflegerischer Aktivitäten. Wir respektieren Patientinnen und Patienten als Subjekt, als auf ihre individuelle Weise gleichberechtigte Gegenüber mit einer einzigartigen Biografie und letztlich auch mit einer individuell einzigartigen Diagnose.
Dieser Respekt ist auf das Engste verbunden mit den Grundsätzen der Menschenwürde, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und in der Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen festgeschrieben sind. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, dieses Prinzip stellt für uns einen der höchsten Werte dar. Die Würde des Menschen kann durch Entwicklungsbeeinträchtigung, Krankheit, Verwirrtheit und auch durch ein Leben im Koma mit scheinbarer tiefer Bewusstlosigkeit nicht eingeschränkt oder verändert werden, sie ist jedem Menschen gleichermaßen eigen.
Mit diesem Buch möchten wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Möglichkeit geben, sich mit einem Pflegekonzept vertraut zu machen, das die Würde des Menschen, sein Streben nach Autonomie und den Respekt vor dem Individuum ganz besonders achtet und würdigt. In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder mit großem Nachdruck darauf verwiesen, dass keine Situation im Leben eines Menschen, sei sie auch durch Krankheit, Unfall oder den Abbau von Lebensenergie gekennzeichnet, diesen Menschen außerhalb des Geltungsbereichs des oben genannten Grundprinzips stellt. Das sogenannte Bewusstsein, die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, die Verfügung über Sprache oder andere Kommunikationsformen sind zwar typisch für Menschen, sie begründen aber nicht das Menschsein. Patientinnen und Patienten, die über diese Fähigkeiten nicht verfügen, sind nicht „weniger Mensch“ als andere. Sie haben einen Anspruch auf respektvolle Pflege, Begleitung und Förderung ihrer Fähigkeiten.
Aus diesem Grund stehen wir älteren und neueren Entwicklungen im Umgang mit beschädigtem und bedrohtem Leben skeptisch gegenüber, welche das Ziel verfogen, diese Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen. Aus unserer Überzeugung heraus kann es keine Verfügbarkeit über menschliches Leben geben. In diesem Zusammenhang spannt sich der Bogen über die verbrauchende Embryonenforschung, die Präimplantationsdiagnostik, die pränatale Diagnostik, über Fragen der Intensivmedizin und letztlich der Transplantationsmedizin und Sterbehilfe. Die wissenschaftlich-technische Machbarkeit legitimiert unseres Erachtens keineswegs zwangsläufig das daraus resultierende „therapeutische“ Handeln. Immer dann, wenn über einen Menschen zugunsten eines anderen oder einer Gruppe verfügt wird, ist höchster Zweifel angebracht. Kritischste Aufmerksamkeit und ebensolches Hinterfragen der jeweiligen Motive sind immer dann erforderlich, wenn Eingriffe, Forschungen oder sogar die Hilfe zu einem vorzeitigen Tod zu fremdem Nutzen eingesetzt werden.
So haben wir in unseren „zentralen Lebensthemen“, die das Kernstück des vorliegenden Buches darstellen, auch ausdrücklich Leben erhalten als erstes Lebensthema formuliert. Wir wissen wohl, dass zum Leben auch das Sterben gehört, doch muss das in einem würdigen, dem einzelnen Menschen entsprechenden Prozess geschehen können. Es gilt, Leiden zu vermindern. Dies ist eine der großen Aufgaben jeglicher Pflege, aber das Leben darf nicht verhindert oder verkürzt werden.
Wir versuchen in unserem praxisorientierten Konzept Gestaltungsmöglichkeiten für ein Zusammenleben mit kranken und beeinträchtigten Menschen vorzustellen. Möglichkeiten, wie Menschen während ihrer Entwicklung zur Genesung oder auch am Lebensende begleitet werden können. In vielen Bereichen konnten wir sehr konkrete, praktische Hinweise und Hilfen entwickeln und hoffen, dass diese auch auf andere Situationen im Pflegealltag übertragbar sind. Jede Neuerung in der medizinisch-pflegerischen Versorgung kranker und behinderter Menschen wird neue Fragen aufwerfen, jede Einzelsituation trägt ihren besonderen Charakter, dem in einem Buch nur schwer vorgegriffen werden kann. So möchten wir unsere Leserinnen und Leser ermuntern, im Austausch mit den Ihnen Anvertrauten eigene Schritte zu gehen. Die großen Linien versuchen wir aufzuzeigen. In einem Arbeitsbuch (Fröhlich, 2016) können Sie das Gelesene vertiefen und noch stärker auf Ihre eigenen Praxiserfahrungen hin orientieren.
Zu einem Buch gehört auch die Illustration von Handlungen mit Abbildungen. Unser ganz besonderer Dank gilt Heike Guttenbacher und Doris Talmon, Westpfalzklinikum Kaiserslautern. Sie haben sich für langwierige und anstrengende Fotositzungen zur Verfügung gestellt und ihr ganzes Fachwissen kreativ mit eingebracht.
Christel Bienstein, Andreas Fröhlich,
Schwerte und Kaiserslautern, 2020
Für Pflegefachkräfte, andere Pflegende, Helferinnen und Helfer wird das Jahr 2020 als Jahr der ganz großen Herausforderungen in Erinnerung bleiben.
Corona: Ein Virus bedroht weite Teile des privaten und öffentlichen Lebens, bringt die Gesundheitssysteme vieler Länder auf dieser Welt an ihre Grenzen.
Menschen sind krank und benötigen medizinische Hilfe und vor allem pflegerische Begleitung. In vielen Fällen kann diese aber nicht so gestaltet werden, wie wir uns das wünschen. Das betrifft die am Virus erkrankten Menschen genauso wie andere, deren Gesundheit akut oder chronisch in Gefahr ist.
Basale Stimulation setzt vor allem auf Berührung
Pflege ist ein Berührungsberuf, basal stimulierende Pflege ist durch geplante, intensive und absichtsvolle Berührung gekennzeichnet. Berührung wird zur Kommunikation, insbesondere mit den Menschen, die für Sprache aktuell oder auf Dauer nicht zugänglich sind. Berührung soll Orientierung, Sicherheit und Aktivierung ermöglichen.Die selbstverständliche basale Berührungskultur in Pflege, Therapie und Pädagogik wird durch unabdingbar notwendige Hygienemaßnahmen in Frage gestellt.Sie kann nicht mehr selbstverständlich auf Nähe und Berührung in der Begleitung pfegebedürftiger Menschen zurückgreifen.Gerade für gebrechliche, alte Menschen mit zusätzlichen kognitiven Einschränkungen kann Pflege unter allgemein geltenden, umfassenden hygienischen Schutzmaßnahmen eine Veränderung bedeuten, die bedrohlich und isolierend wirkt. Kommen soziale Kontaktbeschränkungen hinzu, so bedeutet dies für einzelne eine dramatische Veränderung. Die 2020 erschienene S1 Leitlinie1 gibt Hilfestellung, um eine soziale Vereinsamung zu verhindern.
Aber auch gerade die Menschen, die einer basal stimulierenden Pflege bedürfen, können unter den als notwendig erachteten Maßnahmen leiden.
Für die Pflegenden selbst bedeutet das Anlegen und Wechseln von Schutzkleidung einen erheblichen zeitlichen Mehraufwand – diese Zeit fehlt für die unmittelbare Pflege. Die Arbeit selbst wird durch die Schutzausrüstung auch physisch anstrengender, die Kommunikation erschwert.
Ausgleich mit indirekten körperzentrierten Angeboten
Dennoch bleiben basale Möglichkeiten, wenn reduzierte Nähe und Berührung wenigstens teilweise ausgeglichen werden, z.B.:
eine individualisierte, variantenreichere Nestlagerungvielfältige Angebote aus dem sensorischen Bereich Vibrationvermehrt Anregung, die auf alle Dimensionen der vestibulären Sensorik eingeht: kleine Fahrten im Rollstuhl, die schneller und langsamer werden, Kurven betonen. Kleine Schaukelangebote im Sitzen, geführte und gestützte Bewegungen des Kopfes und vieles mehr.Ganz besonders wichtig können unter den isolierenden Bedingungen Objekte werden, die – emotional positiv besetzt – mit ins Bett der Patienten gegeben werden: Tastmaterial, Riechsäckchen und Ähnliches, wie wir es aus der Arbeit mit schwerer behinderten Menschen kennen (Fröhlich, 2015). Wenn solche Materialien von Angehörigen kommen, so haben auch sie eine Möglichkeit, die auferlegte Distanz und Trennung wenigstens symbolisch zu überwinden.
Erkenntnisse, die wir aus dieser Pandemie ziehen, werden auch in Zukunft für Menschen mit unterschiedlichen Infektionskrankheiten nützlich sein, können Basale Stimulation in der Pflege durchaus bereichern.
1 Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. (Hrsg.) (2020). S1 Leitlinie – Soziale Teilhabe und Lebensqualität in der stationären Altenhilfe unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie – Langfassung – AWMF Registernummer 184-001, Verfügbar unter https://www.awmf.org/leitlinien/aktuelleleitlinien.html, Internet: www.awmf-leitlinien.de Besondere
Basale Stimulation in der Pflege ist zunächst ein körperorientiertes Konzept. Der Körper des Patienten ist anwesend, er ist gewissermaßen das Hauptbetätigungsfeld der Pflegenden. Pflege für den Menschen findet zumeist über den Körper und am Körper statt. Dieser Körper ist aber nichts Losgelöstes, sondern die Existenzform des Menschen in dieser Welt. Ohne Körper können wir nicht sein, überall da, wo ein menschlicher Körper lebt, ist auch ein ganzer Mensch. Manche Autoren sprechen vom Leib, um diesen vom eher physikalisch verstandenen Körper zu unterscheiden. Der Leib gilt dann als der beseelte Körper. Wir möchten im Folgenden aber weiterhin vom Körper sprechen, da wir grundsätzlich davon ausgehen, dass eine Aufteilung in Leib – Seele – Körper zum derzeitigen Wissensstand wenig hilfreich ist. Wo wir seelische, psychische oder körperliche Aspekte hervorheben wollen, werden wir dies ausdrücklich tun, ohne den Gedanken der Ganzheitlichkeit dabei infrage zu stellen.
1.1Spüren
Der Körper eines gesunden Menschen steht ständig mit sich selbst und der Umwelt in Kontakt. Dieser Kontakt besteht hauptsächlich in unterschiedlichen Formen von Berührungen.
Im Schlaf drehen wir uns während einer Nacht viele Male um, verändern unsere Lage und bieten unserem Körper variierende Kontakte. Beim Aufwachen recken und strecken wir uns. Wir bieten dem Körper veränderte Spannung, Stellung und erneut unterschiedliche sensorische Möglichkeiten. Wir waschen uns, berühren uns an allen möglichen Stellen und vergewissern uns damit des eigenen Körpers. Nach dem Waschen, Frottieren und Eincremen fühlen wir uns wieder intakt und in Ordnung, der Körper ist bei sich und in hohem Maße integriert. Wir ziehen uns an und erneut bieten wir unserem Körper eine Fülle von unterschiedlichen sensorischen Reizen.
So könnten wir alle Aktivitäten des Tages unter dem Aspekt der sensorischen Anregung für den eigenen Körper beschreiben. Unser Gehen, unser Stehen, unser Sitzen, unser Arbeiten am PC, unsere Handgriffe bei der Pflege selbst, bieten uns immer eine Rückmeldung über den eigenen Körper (Dieses über hat einen doppelten Sinn: Mittels unseres Körpers bekommen wir Information bezüglich unseres eigenen Körpers.). Diese Erfahrungen verschaffen wir uns durch körperliche Aktivität, das heißt durch Bewegung. Die enge Wechselwirkung von Bewegung und Wahrnehmung erfahren wir quasi „am eigenen Leib“. Sie bilden gewissermaßen ein Paar, in dem das eine Element nicht auf das andere verzichten kann. Bewegungslosigkeit wird sehr schnell auch zu einer Wahrnehmungslosigkeit, die wir nur sehr schlecht ertragen können: Denken Sie daran, wie es Ihnen beispielsweise bei einem wenig spannenden Vortrag ergeht, wenn Sie lange Zeit stillsitzen müssen. Entweder beginnen Sie unruhig zu werden, verändern ständig Ihre Körperposition, um den eigenen Körper wieder besser zu spüren, um wieder wach und wahrnehmungsfähig zu werden. Alternativ werden Sie müder und müder und nehmen sich und das Umfeld immer weniger wahr.
Warum wir im Konzept Basale Stimulation vom Körper reden
Seit sich in der Philosophie der griechischen Antike Menschen Gedanken über sich selbst machen, wird immer wieder ein erlebter Gegensatz von Körper und Geist, von Leib und Seele oder von physischer und psychischer Existenz beschrieben.
Hat der Mensch einen Körper oder ist er der Körper? Ist der Geist des Menschen das Wesentliche und der Körper nur sein Ausführungsorgan? Ist die Seele nur eine Fiktion und letztlich bestimmen körperliche Funktionen das Bewusstsein des Menschen und damit seine Existenz?
In der Tradition der philosophischen Richtung der deutschen Phänomenologie wird in der Pflege seit einiger Zeit gerne der Begriff des Leibes benutzt, um einen beseelten Körper zu beschreiben. Der Körper selbst ist in dieser Sichtweise eben ein physikalischer Körper, der erst dann menschlich lebendig ist, wenn er Leib wird, also beseelt ist.
Damit soll die untrennbare Einheit von „Leib und Seele“ dargestellt werden.
Wir meinen jedoch, jeder Mensch ist nur mit und in seinem Körper vorstellbar. Es existieren keine Menschen ohne Körper, es gibt keine körperlosen Menschen.
Ob dieser Körper beseelt ist, das können wir mit unseren Möglichkeiten nicht feststellen. Wir können nur zwischen lebendigem und totem Körper unterscheiden – und auch das ist nicht einfach, wie z.B. die Hirntod-Diskussion zeigt.
In den romanischen Sprachen und auch in der englischen Sprache gibt es die Unterscheidung zwischen Körper und Leib nicht. Body, corps, corpo, cuerpo, krop, corp etc. stehen für den (menschlichen) Körper in seiner lebendigen Ganzheit.
Eine solche ganzheitliche Sicht im Konzept Basale Stimulation geht immer davon aus, dass ein Mensch physisch und funktionell, sozial und emotional, perzeptiv und kognitiv in der Welt lebt, solange er eben lebt.
Eine Unterscheidung zwischen beseelt und nichtbeseelt verbietet sich, die Reduktion eines Menschen auf eine rein physische Existenz genauso.
Wenn wir von Körper sprechen, so meinen wir den Menschen, wie wir ihn vor uns sehen, wie wir seine Stimme hören, ihn riechen, ihn halten, wie wir ihn berühren und pflegen, wie wir zusammen kommunizieren. Und all das tun wir wiederum mit unserem eigenen Körper. Wir können anderen nicht körperlos begegnen.
Der Körper als Ausgangspunkt basalen Arbeitens ist für uns auch als Begriff unverzichtbar.
Die eigene Bewegungsfähigkeit wird benötigt, um sich selbst wieder zu spüren. Sie ist die Basis für nach außen gerichtete Wachheit und die Teilnahme am umgebenden Geschehen.
Bereits pränatal und bis in unser jetziges Alltagsleben hinein sorgen wir dafür, uns spüren und orten zu können. Bestimmte Rituale der Alltagsgestaltung, wie das morgendliche Kaffeekochen, die Fahrt zum Dienst mit dem Fahrrad oder die Begrüßung der Kollegen durch einen Handschlag sind hier einzuordnen. Wir sind unser eigener „Körperbewusstseinsunterhalter“ und nutzen dazu viele Mittel und Möglichkeiten.
Wenden wir uns nun dem kranken Menschen zu, der zum Patienten geworden ist. Er wird, sofern eine schwere Erkrankung vorliegt, in der Regel in eine neue Umgebung gebracht. Das Krankenhaus stellt für Mediziner, Therapeuten und Pflegende das berufliche Arbeitsfeld dar, es ist im Wesentlichen nach ihren Bedürfnissen geplant und eingerichtet. Zugespitzt kann man sogar behaupten, dass der Patient zu einem „Werkstück“ wird, welches verschiedene Berufsgruppen bearbeiteten. Sprachlich können Sätze, wie „An Frau Berger wird noch gearbeitet“ oder „Die TEP ist in zehn Minuten fertig“, diesen Wandlungsprozess skizzieren.
Der Patient wird auf eine geeignete Arbeitshöhe gebracht – die Pflegebetten sind für die Pflegenden konstruiert und es ist nicht von Interesse, ob der Patient seine Matratze zuhause vielleicht auf dem Boden liegen hat. Er wird räumlich auf die knapp zwei Quadratmeter fixiert, die die Bettfläche zu bieten hat, und immobilisiert. Der Patient muss eine ruhige, möglichst bewegungsarme Position einnehmen, denn nur so können die notwendigen Maßnahmen an ihm ergriffen werden. Gerade wenn es um eine intensivmedizinische Versorgung geht, wird der Mensch in ein System von Geräten der Überwachung und Versorgung eingepasst, das von ihm die Kontrolle und Reduktion eigener wesentlicher Aktivitäten verlangt. Aus dem „bewegten Menschen“ wird der „ruhende Patient“. Wer sich diesen Erfordernissen nicht anpasst, bei dem besteht die Gefahr, dass er sediert oder fixiert wird. Die Verminderung der Bewegungsfähigkeit ist gerade bei schwer kranken Patienten ein Grundprinzip, ohne die offensichtlich viele unserer medizinisch-technischen Errungenschaften nicht einsetzbar sind.
Mit der Verminderung der eigenaktiven Bewegungsfähigkeit, die ebenso charakteristisch für schwache oder apathische Patienten ist, verursacht man neue Probleme („Festgenagelt sein“, Zegelin, 2013).
Der eigene Körper wird nicht mehr normal wahrgenommen. Die überwiegend liegende Haltung führt zu einem Mangelempfinden das eigene Gewicht betreffend. Die eigenen Konturen verlieren sich, die Körperteile verlieren ihre Gestalt und damit ihr Wissen über sich selbst. Unser aktuelles Körpergefühl verändert sich. Mit fortschreitender Dauer kommt es auch zu massiven Veränderungen im Körperselbstbild. Das Empfinden im Hinblick auf den eigenen Körper entspricht nicht mehr der Vorstellung, welches der Betrachter von außen als Wirklichkeit sieht.
Dieser Prozess kann durch die pflegerisch bedingte Positionierung der Patienten auf einer Weichlage- oder Luftkissenmatratze gefördert und vertieft werden. Aufgrund des Gefühls eines einheitlichen Auflagedrucks verschwinden gewohnte Orientierungspunkte wie Hüfte, Gesäß oder Schultern. Die Körperkonturen verschwimmen.
Das gewohnte Körperbild des Menschen repräsentiert aber seine Vorstellung von sich selbst. Jetzt ist der Mensch bedroht, sich zu verlieren. Damit verliert er auch die Fähigkeit, seinen Körper gezielt zu bewegen, zu spüren und sich im Raum zu orientieren.
Menschen mit Morbus Alzheimer sind nicht selten durch ihre motorische Unruhe gekennzeichnet. Sie versuchen, durch eine deutliche Bewegungszunahme über ihren Körper dem eintretenden Wissensverlust im „Hier und Jetzt“ entgegenzuwirken. Die Ruhigstellung durch Fixierung oder Sedierung erhöht bei ihnen die gespürten Körperverlustängste.
Sie haben als Leserin und Leser jetzt eine eigene Erfahrung mit dem Tastsinn gemacht. Dieser enge Zusammenhang zwischen Aktivität, Bewegung und Wahrnehmung gilt aber auch für die anderen Sinnesbereiche, mit denen wir uns in der Welt orientieren.
1.2Hören
Ständig gleichbleibende Geräusche, z.B. das Piepen von Monitoren, das Rauschen von Ventilatoren und der von draußen gleichmäßig zu hörende Straßenlärm werden langsam aus der aktiven Wahrnehmung herausgeblendet. Sie scheinen zu verschwinden, da sie dem Hörenden keine neue Information bieten. Zu dieser Kategorie gehören auch das ständige Abspielen von Musik oder fortlaufend eingeschaltete Radiosender.
Ihre eigene Erfahrung
Sie brauchen eine Uhr und einen normalen gepolsterten Stuhl. Sie setzen sich auf den Stuhl und schieben von beiden Seiten Ihre Hände unter Ihr Gesäß, sodass die Handflächen auf dem Stuhl aufliegen. Wenn Sie jetzt merken, dass Sie einen großen Ring tragen, der nun drückt, legen Sie ihn noch ab. Lassen Sie dann Ihre Hände ruhig, ohne die geringste Bewegung etwa 4 Minuten in dieser Position. Nun stellen Sie sich die folgenden Fragen und versuchen Sie, diese zu beantworten, ohne die Hände und die Finger zu bewegen:
Welche Struktur hat die Oberfläche des Stuhls?Wie ist das Material? Weich, hart, gibt es eine Form, die Sie erkennen können?Was empfinden Sie über Temperatur, was über Druck?Bitte bewegen Sie Ihre Finger immer noch nicht und stellen Sie sich vor, Sie sollten Ihre Hand so zeichnen, wie Sie sie jetzt spüren. Fertigen Sie diese Zeichnung in Gedanken an.
Danach können Sie Ihre Hände wieder hervorziehen und bewegen.
Ihre Erfahrung könnte etwa so ausgesehen haben: Statt eines wohlbekannten differenzierten Körperteils haben Sie etwas ganz anderes gespürt:
eine undifferenzierte Form wie Schwimmflossen oder Pfannkuchenwenig Information über die einzelnen Finger, vielleicht gab es gar keinen Zusammenhang mit dem eigenen Körper mehr und kaum Information über die Umgebung – das Material des Stuhlespersönliches Missempfinden: „So möchte ich mich nicht fühlen“.Eine sensorische Wahrnehmungssituation, die sich nicht verändert, wird immer undifferenzierter. Sie reduziert sich langsam auf elementare Wahrnehmungen wie Druck, Temperatur und Schmerz. Dieses Phänomen wird als Habituation (Gewöhnung) bezeichnet. Die aktive Fähigkeit der Wahrnehmung, Differenzierungen vorzunehmen, lässt dabei nach.
Der Mensch verfügt schon vor seiner Geburt über die Fähigkeit, Geräusche wahrzunehmen. Je länger er auf der Welt ist, desto mehr Erfahrungen hat er mit Geräuschen gemacht. Er kann diese zuordnen und verorten, weiß, wo sie sich befinden und ob es sich um bedrohliche oder alltägliche Geräusche handelt. So sind wir in der Lage, das Geräusch einer Kaffeemaschine vom Geräusch eines herannahenden Zuges deutlich zu unterscheiden. Gerade in der Nacht oder in Räumen mit schlechter Beleuchtung verlassen wir uns besonders auf unseren Hörsinn, um die uns umgebende Situation einzuschätzen. Die Menschen verfügen durch dieses jahrelange Training über ein breites Spektrum von Hörerfahrungen. Vielfach können Schritte von Angehörigen oder Freunden voneinander unterschieden werden. Das Vorfahren des Ehemannes mit dem PKW, ein vertrautes Geräusch, kann ebenso identifiziert werden wie das Weinen des eigenen Kindes innerhalb einer Gruppe von Kindern. Diese Zuordnungsfähigkeit entlastet uns von dem ständigen Bemühen, neue Zuordnungen vorzunehmen. Es ist ein automatisierter Prozess. In schwierigen Lebenssituationen, in denen man ausschließlich auf das Hören angewiesen ist, kann diese Geräuschidentifikation beruhigend oder auch beängstigend wirken. Unsere biografischen Erfahrungen in der Zuordnung von Klängen und Tönen können positiv oder negativ besetzt sein. Jegliche Situation, die uns zwingt, uns auf unsere Hörerfahrungen einzulassen oder zu konzentrieren, stellt immer eine Assoziation mit gewonnenen Vorerfahrungen her. So kann eine knarrende Tür tagsüber keinerlei Ängste auslösen, bei Nacht oder in einer als bedrohlich erlebten Situation jedoch Panik auslösen.
Die Ohren des Menschen können nicht aktiv verschlossen werden. Von außen ist nicht erkenntlich, was und in welcher Lautstärke der Betroffene wahrnimmt und in welchen interpretativen Rahmen es gelangt.
1.3Riechen
Angenehme wie unangenehme Gerüche werden nach einiger Zeit nicht mehr wahrgenommen, da man sich an sie gewöhnt. An der schnell nachlassenden Wirkung Ihres Parfüms können Sie dieses Phänomen überprüfen: Sie nehmen den eigenen Duft nicht mehr wahr, weil sich der Geruch nicht verändert. Auch die verbrauchte Luft in einem Raum wird nach einiger Zeit nicht mehr wahrgenommen, weil unser Riechorgan immer gleichbleibende Informationen bekommt, kein Neuigkeitswert entsteht und stattdessen Habituation (Gewöhnung) eintritt.
Die Fähigkeit des Riechnervs kann schwerlich ausgeschaltet werden. Die Einatmung durch den Mund, unter Umgehung der Nasenatmung, kann lediglich einige Minuten durchgehalten werden, da der Mundraum unangenehm rasch austrocknet.
Den erlebten Riecherfahrungen werden Situationen zugeordnet, die positiv, neutral oder negativ besetzt sind. Aus diesem Grund können auch sogenannte „angenehme“ Düfte, z.B. Kaffeeduft, völlig unterschiedliche Gefühle bei Menschen auslösen.
Der Riechnerv ist direkt mit dem limbischen System verbunden, welches die Hauptverantwortung für die Bildung assoziativer Gefühle trägt. Jeder Mensch verfügt über eine eigene „Riechbiografie“, deren Aktivierung von außen nicht verhindert werden kann.
1.4Sehen
Über das Sehen verschaffen wir uns eine Fülle von wichtigen Informationen in allen Lebenssituationen. Das Sehen ist eine außerordentlich effiziente Wahrnehmungsart, die uns auch über große Entfernungen hinweg erlaubt, Informationen aufzunehmen. Das Sehen funktioniert in der Regel außerordentlich schnell und differenziert.
Das Prinzip der Habituation können wir gut beim Leseprozess beschreiben. Die gedruckte Schrift z.B. dieser Seite, die Sie jetzt lesen, ist eine relativ gleichbleibende und wenig differenzierte Information. Das, was Ihr Auge aufnimmt, ist ja nicht der Inhalt, sondern sind die geschriebenen und gedruckten Zeichen. Auf dieser Seite befindet sich lediglich eine Kombination von etwa 30 verschiedenen grafischen Zeichen, schwarz auf weiß. Das allein führt beinahe schon dazu, dass das Auge habituiert. Durch die eigenaktive Bewegung des Auges kommt es aber zu wichtigen Bewegungsabfolgen, die eben diese Habituation verhindern (Abb. 1-1).
Abbildung 1-1: Augenbewegungen von links nach rechts (Quelle: Basale Stimulation. Bienstein, Chr. & Fröhlich, A. [2016]. Bern: Hogrefe)
Die Augen folgen den Zeilen jeweils vom Anfang bis zum Ende und springen dann in die nächste darunterliegende Zeile. Natürlich verläuft dies z.B. bei der Lektüre arabischer Schriftzeichen in umgekehrter Folge (Abb. 1-2).
Abbildung 1-2: Die Wellenbewegung durch Abtasten der oberen Zeilenhälfte (Quelle: Basale Stimulation. Bienstein, Chr. & Fröhlich, A. [2016]. Bern: Hogrefe)
Feinere Augenbewegungen des geübten Lesers tasten die Wortkonturen ab und führen so zu einem sehr viel schnelleren Lesen als bei einer ausschließlichen Synthese der einzelnen Buchstaben zu Wörtern. Die lateinische Schrift ist im oberen Bereich charakteristischer als im unteren. Das können Sie leicht ausprobieren, wenn Sie mit einem Blatt Papier zuerst die obere Hälfte dieser Zeile abdecken und versuchen, aus den verbleibenden Resten den unteren Teil zu lesen. Wenn Sie dann die untere Hälfte zudecken, werden Sie merken, dass die Erkennbarkeit nun wesentlich besser ist.
Der Nystagmus des Auges
Die minimalen und schnellen nystagmusartigen Bewegungen des Auges führen dazu, dass, anders als beim starren Sehen, nicht immer die gleichen Sehzellen der Netzhaut – die Stäbchen und Zäpfchen – stimuliert werden und es damit zur Habituation kommt. (Abb. 1-3).
Abbildung 1-3: Die minimalen und schnellen nystagmusartigen Bewegungen des Auges (Quelle: Basale Stimulation. Bienstein, Chr. & Fröhlich, A. [2016]. Bern: Hogrefe)
Wenn man als Leser müde ist und darüber hinaus einen inhaltlich nicht sonderlich interessanten Text lesen muss, kommt es leicht zu einem Verschwimmen der Zeilen vor den Augen. Was ist der Grund?
Die Augenbewegungsaktivität lässt nach, gerade der leichte Nystagmus funktioniert nicht mehr und es kommt zur Habituation des Sehens. Die Bewegungsfähigkeit des Auges ist reduziert, aus ihr resultiert die verminderte Wahrnehmungsfähigkeit.
Veränderung und Bewegung sind die Grundlage für die optische Wahrnehmung von Information. Ohne Bewegung und Veränderung erlischt die Wahrnehmung, bewegte Objekte werden sehr viel leichter und schneller wahrgenommen als unbewegte Objekte.
Dieser Prozess der Habituation kann aber in gewisser Weise auch aktiv eingeleitet werden, wenn ein Mensch sich einer überwältigenden Reizfülle ausgesetzt sieht. Er reduziert dann seine gezielten Wahrnehmungsaktivitäten, um sich zu schützen und nicht von Reizen überflutet zu werden.
Ihre eigene Erfahrung
Sie liegen im Sommer im Freibad. Um Sie herum eine Fülle ungeordneter, wilder, fast chaotischer Eindrücke. Sie riechen unterschiedlichste Sonnenöle und Badecremes. Sie hören Stimmen, schreiende Kinder, spritzendes Wasser, Musik und fernen Autoverkehr. Sie sehen Menschen, farbige Badeanzüge, Frotteetücher, Wolken, die Sonne und flatternde Blätter im Wind. Dieses Bild lässt sich weiter ausmalen … Und dennoch gelingt es Ihnen, in dieser Umgebung ganz ruhig zu werden und abzuschalten. Nach einer gewissen Zeit rücken alle Eindrücke in den Hintergrund, sie verschwimmen und werden zu einem einheitlichen „Brei“. Sie selbst können sich, scheinbar entgegen der objektiven Realität, ganz allein und ungestört fühlen. Wie funktioniert das?
Sie „schalten ab“, das heißt, Sie reduzieren Ihre Wahrnehmungsaktivitäten, legen sich ruhig hin, schließen die Augen und folgen mit dem Hören nicht mehr den einzelnen Geräuschen, sondern schalten Ihr Gehör „auf Durchzug“. Genau genommen lassen Sie die Habituation sehr schnell zu, indem Sie Ihre Wahrnehmungsaktivität vermindern. Man kann das auch als Schutz vor Überstimulierung durch eine zu große Reizfülle verstehen.
