28,99 €
Wenn Sprache verloren geht Was ist Aphasie, wie entsteht sie und welche Diagnose- und Therapiemöglichkeiten gibt es aktuell? Dieses zukunftsweisende Grundlagenbuch bietet eine komprimierte Zusammenfassung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Diagnostik und evidenzbasierte Therapie bei aphasischen Sprachstörungen. Dabei liegt ein thematischer Schwerpunkt auf dem Einsatz von Digitalisierung, Teletherapie und nicht-invasiver Hirnstimulation. utb+: Leser:innen erhalten zusätzlich zum Buch einen interaktiver Prüfungstrainer, um das erlernte Wissen zu überprüfen und zu vertiefen. Erhältlich über utb.de.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2022
Brill | Schöningh – Fink · Paderborn
Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen – Böhlau · Wien · Köln
Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto
facultas · Wien
Haupt Verlag · Bern
Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn
Mohr Siebeck · Tübingen
Narr Francke Attempto Verlag – expert verlag · Tübingen
Psychiatrie Verlag · Köln
Ernst Reinhardt Verlag · München
transcript Verlag · Bielefeld
Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart
UVK Verlag · München
Waxmann · Münster · New York
wbv Publikation · Bielefeld
Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main
Prof.in Dr. phil. Kerstin Bilda ist Professorin für Logopädie in Bochum. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Neurorehabilitation mit Fokus auf den evidenzbasierten Einsatz neuer Technologien in Diagnostik und Therapie bei neurogenen Sprach- und Sprechstörungen.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
ISBN 978-3-8252-5824-5 (Print)
ISBN 978-3-8385-5824-0 (PDF-E-Book)
ISBN 978-3-8463-5824-5 (EPUB)
© 2022 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Verlag Ernst Reinhardt GmbH & Co KG behält sich eine Nutzung seiner Inhalte für Text-und Data-Mining i. S.v. § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Hinweis
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnungen nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichenund Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.
Printed in EU
Covermotiv: © Michael Brown-stock.adobe.com
Satz: FELSBERG Satz & Layout, Göttingen
Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München
Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]
Abdeckung
Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort
1Einleitung
2Beschreibung der Aphasien
2.1Definition der Aphasie
2.2Einteilungen von Aphasien
Akute, postakute und chronische Aphasie
Flüssige und nichtflüssige Aphasien
Rest-Aphasie
Aphasie bei Kindern
Aphasie bei Mehrsprachigkeit
2.3Klassifikation von Aphasien
Syndromansatz
Individualansatz
2.4Abgrenzung der Aphasie zu anderen Kommunikationsstörungen
Dysarthrophonie
Sprechapraxie
Kommunikationsstörungen bei Demenz
Kognitive Kommunikationsstörungen
3Medizinische Grundlagen
3.1Lokalisation der Sprache im Gehirn
Kurzer historischer Überblick
Bildgebende Methoden
Funktionelle Verfahren
Hemisphärendominanz
3.2.Neuronale Korrelate der Sprachverarbeitung
Sprachverarbeitung im gesunden Gehirn
3.3Sprachverarbeitung
Netzwerkreorganisation: Restitution von Sprachfunktionen
Links- und rechtshemisphärische Netzwerke: Spracherholung
Domänenübergreifende Hirnareale: Spracherholung
4Aphasische Symptome
4.1Erscheinungsbild
4.2Begleiterkrankungen: Alexie, Agrafie und Akalkulie
5Diagnostik der Aphasie
5.1Anamnese
5.2Standardisierte und normierte Verfahren
5.3Modellorientierte Verfahren
5.4Kommunikativ-pragmatisch orientierte Verfahren
Direkte Verfahren zur Erfassung der Alltagskommunikation
Indirekte Qualitative Verfahren zur Erfassung kommunikativer Fähigkeiten
6Therapie der Aphasie
6.1Therapieansätze bei Aphasie
Sprachsystematische Ansätze
Stimulierende Ansätze
Modellbasierte Ansätze
Verhaltensorientierte Ansätze
Kommunikativ-pragmatisch orientierte Therapie
6.2Beratung der Angehörigen und Patienten
6.3Neue Technologien in der Aphasietherapie
Technologiegestützte Therapie
Teletherapie
Soziale Roboter
Gleichstromstimulation (tDCS)
6.4Pharmakotherapie
6.5Evidenzbasierte Rehabilitation bei Aphasie
Wirksamkeitsnachweise für die Rehabilitation bei Aphasie
Therapieeffektivität in den klinischen Verlaufsphasen
Beispiele aus der Praxis
6.6Leitlinien und Reha-Therapiestandards
7Zukunft
Literatur
Sachregister
Zusätzlich zum Buch gibt es interaktives Onlinematerial und Podcasts zum Herunterladen. Diese passwortgeschützten Zusatzmaterialien finden Sie auf der Homepage des Ernst Reinhardt Verlages und der UTB GmbH bei der Darstellung dieses Titels: www.reinhardt-verlag.de, www.utb.de. Das Passwort zum Öffnen der Dateien finden Sie im Buch auf Seite 111.
Die Behandlung von Menschen mit Aphasie ist anspruchsvoll und erfordert eine individuell auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der betroffenen Menschen abgestimmte Therapie. Hierfür benötigen Logopädinnen und Sprachtherapeuten aktuelles fundiertes Wissen in verschiedenen Bereichen wie Neurologie und Linguistik, um ihre Therapien so wirksam wie möglich planen und durchführen zu können.
Die Diagnostik und Therapie der Aphasie werden seit vielen Jahren international und national erforscht. Diese Forschung hat zu einem besseren Verständis der Lokalisation von Sprache im Gehirn, den Mechanismen der Spracherholung nach einer Hirnschädigung und den grundsätzlichen Parametern für die Wirksamkeit der Aphasietherapie beigetragen.
Dennoch bleiben viele Fragen bislang noch ungeklärt. Welche individuellen Parameter sind für den bestmöglichen Therapieerfolg wichtig? Wie gelingt der nachhaltige Allltagstransfer des im Rahmen einer Therapie erlernten Kommunikationsverhaltens?
Das Buch Basiswissen Aphasie fasst in komprimierter Form neue Erkenntnisse für eine evidenbasierte Diagnostik und Therapie zusammen, wobei die Begriffe Logopädie und Sprachtherapie abwechselnd verwendet. Selbstverständlich richtet sich das Buch sowohl an Logopäden und Logopädinnen als auch Sprachtherapeutinnen und -therapeuten. Ebenso wechseln sich im Buch aus Gründen der besseren Lesbarkeit die Geschlechtsbezeichnungen von Personen ab.
Mein ganz besonderer Dank geht an Fiona Dörr, die mich zuverlässig und engagiert bei der Erstellung des Buches, insbesondere bei den begleitenden digitalen Lernmateralien, unterstützt hat. Außerdem bedanken möchte ich mich bei Sarah Görlich und Paula Braun, die mir bei der Erstellung der PodCasts sehr geholfen haben. Antonia Bischke danke ich für ihre sehr schön gezeichneten Abbildungen.
Kerstin Bilda, Bochum, Februar 2022
Der Schlaganfall ist eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, die ca. 200.000 Menschen jedes Jahr erstmalig und 70.000 als wiederholte Schlaganfälle erleiden. Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Ca. 25–33% versterben innerhalb des ersten Jahres an den Folgen eines Schlaganfalls (Heuschmann et al. 2010). Die Häufigkeit von Schlaganfällen steigt aufgrund der demografischen Entwicklung. Aber: Immer mehr Menschen überleben aufgrund einer immer besseren Notfallversorgung (Hankey 2017).
Die Überlebensrate danach ist grundsätzlich aufgrund der sehr guten medizinischen Versorgung in der Akutphase, speziell auf den Stroke Units, hoch (Heuschmann et al. 2010; RKI 2015). Allerdings müssen sich Menschen, die einen Schlaganfall überleben, zumeist mit erheblichen unterschiedlichen Funktionseinschränkungen auseinandersetzen. Diese Einschränkungen haben einen gravierenden Einfluss auf die Lebensqualität und die damit einhergehende soziale Teilhabe im Alltag und wirken sich körperlich und emotional auch auf das Leben der Angehörigen aus.
Als Folge eines Schlaganfalls, auch Apoplex genannt, kann eine Aphasie auftreten, eine erworbene Sprachstörung, die durch eine Hirnschädigung in der sprachdominanten, meist linken, Hirnhälfte verursacht wird. Der Begriff „Aphasie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Sprachlosigkeit“. Über 80% der Aphasien treten nach einem Schlaganfall (Apoplex) auf, 10% nach einem Schädel-Hirn-Trauma, 7% nach einem Hirntumor. Insgesamt leiden 1.000.000 Menschen unter generellen Schlaganfallfolgen. 200.000 von ihnen haben eine Aphasie, pro Jahr kommen 50.000 neu erkrankte Personen hinzu. Ca. 75% davon sind älter als 60 Jahre, aber auch ca. 300 Kinder sind pro Jahr betroffen. War der Schlaganfall früher in der Regel eine Erkrankung des hohen Alters, betrug 2010 der Anteil der Menschen zwischen 20 und 64 Jahren bereits 31 Prozent aller Schlaganfälle. Zudem tritt mittlerweile weltweit jeder 20. Schlaganfall bei Jugendlichen und Kindern auf (Feigin et al. 2014).
Zu den wichtigsten Prädiktoren für eine Besserung der aphasischen Symptomatik zählen der initiale Schweregrad sowie Größe und Lokalisation der Hirnschädigung. Die Läsionsgröße ist hoch mit der initialen Schwere der Aphasie korreliert und hat auch einen negativen Einfluss auf die Spracherholung. Patienten mit anfänglich leichten Sprachstörungen haben eine gute Chance auf eine vollständige Erholung (Laska et al. 2001). Allerdings ist auch bei initialer schwerer Aphasie ein positiver Verlauf möglich (Lazar/Antoniello 2008). Das Ausmaß der funktionellen Aktivierung im Bereich der linken superior-temporalen Hirnregion zu einem frühen Zeitpunkt nach dem Infarkt scheint in einem besonderen Maße Einfluss auf das Rehabilitationspotenzial zu haben (Heiss et al. 1993). Als weitere prognostische Faktoren, die den Verlauf der Aphasie beeinflussen, werden Ätiologie, Händigkeit, Alter, Geschlecht und internale Faktoren wie Motivation und Stimmungslage diskutiert. Der Einfluss dieser Variablen wird allerdings unterschiedlich bewertet. Das Bildungsniveau hat keinen Einfluss auf das Verbesserungspotenzial (Connor et al. 2001). Aphasie ist ein ungünstiger Prognosefaktor für das Auftreten einer Post-Stroke-Depression.
Die Rehabilitation der Aphasie dauert zumeist ein Leben lang. Fortschritte in den Neurowissenschaften, neue digitale Technologien und Erkenntnisse zur Reorganisation des Gehirns und den Grundlagen des Wiedererlernens von Sprache bieten vielversprechende Ansätze, Menschen mit einer Aphasie in der Verbesserung ihrer kommunikativen Fähigkeiten und Strategien erfolgreich zu unterstützen.
Dieses Buch stellt eine systematische und komprimierte Einführung in die evidenzbasierte Rehabilitation der Aphasie dar. Neben den aktuellen Grundlagen der Aphasie liegt ein besonderer Schwerpunkt des Buches auf der Vorstellung neuer zukunftsweisender Therapieansätze. Dazu zählen neue Technologien wie die nicht-invasive Hirnstimulation (tDSC), Teletherapie, logopädische Apps in Diagnostik und Therapie und der Einsatz von Robotern in der Logopädie/Sprachtherapie.
Eine Aphasie ist eine erworbene Sprachstörung, die infolge einer Hirnschädigung, zum Beispiel nach einem Schlaganfall, in der sprachdominanten, meist linken, Hirnhälfte auftreten kann. Bei mehr als 90% der Menschen liegen die sprachrelevanten Hirnareale in der linken Großhirnhemisphäre (Huber/Ziegler 2000).
Keine Aphasie gleicht der anderen, da die Läsionen von Hirnarealen sehr unterschiedliche Störungsformen und Schweregrade verursachen (Huber et al. 2006). Sprachliche Fähigkeiten gehen zumeist nie gänzlich verloren, es handelt sich demnach nicht im wörtlichen Sinne um einen „Sprachverlust“. Bei einer Aphasie sind mehrere Sprachmodalitäten in unterschiedlichem Ausmaß beeinträchtigt. Sprachproduktion, Sprachverstehen und häufig auch Lesen und Schreiben können in variierenden Kombinationen gestört sein. Man spricht deshalb von einer multimodalen Störung (Huber/Ziegler 2009).
Eine Aphasie ist aber keine Störung der Intelligenz und der mentalen Fähigkeiten. Menschen mit Aphasie sind oft kommunikativ sehr eingeschränkt. Trotz allem sind ihre kognitiven Fähigkeiten häufig erhalten. Sie können ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung weiterhin abrufen. Ebenso sind sie in der Lage, Situationen zu analysieren, Zusammenhänge zu erkennen und nicht-sprachliche Signale zu verstehen. Menschen mit Aphasie leiden häufig unter neuropsychologischen und motorischen Begleitsymptomen. Die Aufmerksamkeit ist eingeschränkt, sie können sich meist nicht mehr auf mehrere, gleichzeitig ablaufende Dinge konzentrieren und diese verarbeiten (Goldenberg 2007).
Die Hirnschädigung kann auch die Motorik beeinträchtigen, somit treten Lähmungen und Störungen der vegetativen Funktionen auf. Dazu zählen Nervosität, Schlafstörungen, Krämpfe und HerzKreislauf-Probleme. Häufig wird eine Aphasie von einer Apraxie (80%) begleitet und viele Aphasiker haben Einschränkungen im Umgang mit Gesten, Symbolen (Asymbolie) und Zahlen (Dyskalkulie). Die Folgen und das Rehabilitationspotenzial einer Aphasie hängen davon ab, welche sprachrelevanten Hirnareale und in welchem Ausmaß diese durch die Schädigung betroffen sind (Ziegler et. al 2020).
Aphasien werden nach unterschiedlichen Kriterien klassifiziert (Tab. 1). Im angloamerikanischen Raum werden Aphasien hinsichtlich ihrer Sprachflüssigkeit in der Spontansprache in „flüssige“ und „nicht flüssige“ Aphasien unterteilt. Eine weitere verbreitete Einteilung basiert auf der Ätiologie und dem Läsionsort. Im Syndromansatz werden Typen von Aphasien aufgrund ihrer vorherrschenden klinischen Symptomatik bzw. ihrer spezifischen Symptomkombinationen unterteilt (Kap. 2.3.1).
Tab. 1: Ansätze zur Einteilung der Aphasie
Kriterien
Formen der Aphasie
Ätiologie
•Vaskuläre Aphasie
•Traumatische Aphasie
•Tumorbedingte Aphasie
•Sprachstörungen bei demenziellen Erkrankungen
Läsionsort
•kortikale und subkortikale Aphasie
•anteriore und subkortikale Aphasie
•gekreuzte Aphasie
Flüssigkeit der Sprachproduktion
•Flüssige und nichtflüssige Aphasie
Klinisch basierter Syndromansatz
Standardsyndrome:
•Amnestische Aphasie
•Wernicke Aphasie
•Broca Aphasie
•Globale Aphasie
•Nicht Standardsyndrome:
•Leitungsaphasie
•Transkortikale Aphasie
Von der Weltgesundheitsorganisation wurde das Klassifikationsschema ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health Impairments, Disabilities and Handicaps) entwickelt (WHO 2001). Die in diesem Modell beschriebenen Parameter stellen eine international anerkannte Einteilung dar, an der sich die Diagnostik und Therapie aphasischer Sprachstörungen orientiert (Schneider et al. 2021).
Der Begriff Aphasie hat sich zu einer allgemeineren Bezeichnung in Richtung „neurogene Sprachstörung“ erweitert (Tesak 2006). Eine aphasische Symptomatik, die auch bei demenziellen Erkrankungen auftreten kann, ist unter dieser Bezeichnung miteingeschlossen.
Aphasien werden in Hinblick auf den Zeitraum der Erkrankung eingeteilt (Grande/Hussmann 2016).
Akute Aphasien beziehen sich auf den Zeitraum der ersten 3–6 Wochen nach dem Krankheitsereignis. In dieser Phase ändern sich die aphasischen Symptome noch sehr schnell. Die postakute Phase stellt den Übergang von der akuten zur chronischen Phase dar. Sie beschreibt den Zeitraum zwischen 4 Wochen bis 6 Monate nach dem Krankheitsereignis. Danach tritt der Zustand einer chronischen Phase ein. In den üblichen Definitionen und Einteilungen der Aphasie sind überwiegend postakute und/oder chronische Aphasien gemeint.
In Anlehnung an eine Unterscheidung von Wernicke (1874) werden Aphasien nach dem Grad der Flüssigkeit der Sprachproduktion unterteilt. Diese Einteilung ist insbesondere im angloamerikanischen Raum verbreitet. Bei den flüssigen Aphasien ist die Sprechgeschwindigkeit normal, es bestehen aber Störungen beim Hörverstehen und/oder bei der Wiederholung von Wörtern, Satzteilen oder Sätzen, die von anderen vorgesprochen werden. Bei den nichtflüssigen Aphasien ist der Sprachfluss verlangsamt, mit Unterbrechungen und einer durchschnittlichen Phrasenlänge von weniger als fünf Wörtern (Huber et al. 2013). Allerdings ist diese Unterteilung in Hinblick auf die weiterführende Diagnostik und Therapie nur eingeschränkt aussagekräftig. Störungen in der Flüssigkeit der Sprechproduktion können unterschiedliche Ursachen haben, wie zum Beispiel Einschränkungen bei der Wortfindung und/oder der Planung von Sprechbewegungen oder zentral oder peripher bedingte Störungen des Sprechens.
Rest-Aphasien sind Aphasieformen, die sich nicht zuordnen lassen. Patienten mit dieser Aphasieform zeigen im Alltag keinerlei sprachliche Einschränkungen, weder mündlich noch schriftlich. Ihre Probleme offenbaren sich nur in Gesprächen, in denen im Alltag selten genutzte Fachbegriffe benötigt werden. Hier zeigen sich dann Wortfindungsstörungen. Patienten mit einer Rest-Aphasie erzählen davon, dass sie Verständnisprobleme bei komplexeren Themen haben. Ihre Geschwindigkeit beim Lesen ist etwas verlangsamt und beim Schreiben treten häufiger Rechtschreibfehler auf als zu der Zeit, bevor die Störung auftrat (Jaecks 2014).
Eine Aphasie bei Kindern tritt als Folge einer erworbenen Hirnschädigung auf. Meist ist die Hirnschädigung auf ein Schädel-Hirn-Trauma, eine vaskuläre Hirnschädigung (z.B. Aneurysmablutung, einen Hirntumor, Enzephalitiden oder das Landau-Kleffner-Syndrom) zurückzuführen. Die bis zum Ereignis normal verlaufende Sprachentwicklung wird durch die neurologische Schädigung gestört. Da die Plastizität des kindlichen Gehirns und die Sprachentwicklung noch nicht abgeschlossen sind, kann eine Aphasie bei Kindern nicht mit der allgemeinen Verlaufsbeschreibung und Symptomen einer Aphasie gleichgesetzt werden (Böhme 2006).
Typische Symptome einer Aphasie bei Kindern sind initialer Mutismus, nichtflüssige Sprachproduktion, Wortfindungsstörungen, Paraphasien und Neologismen, agrammatisch bzw. syntaktisch vereinfachte Äußerungen sowie Störungen im Sprachverständnis und in der Schriftsprache (Schneider et al. 2021). Neurowissenschaftlich belegt ist, dass bis zum 12. Lebensjahr umschriebene Funktionsstörungen aufgrund der Plastizität des Gehirns deutlich leichter kompensiert werden können als bei einer später eintretenden Hirnschädigung (Huber/Ziegler 2000).
Ein umfassender Überblick über Aphasien bei Kindern findet sich in Kubandt (2018): Aphasien bei Kindern. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Kompendium der akademischen Sprachtherapie. Band 4: Aphasien, Dysarthrien, Sprechapraxie, Dysphagien – Dysphonien. Kohlhammer, Stuttgart, 113–124.
Aphasische Symptome treten bei mehrsprachigen Menschen mit Aphasie zumeist in allen erlernten Sprachen auf. Die verschiedenen Sprachen können in gleichem Ausmaß betroffen sein und eine ähnliche sich wechselseitig beeinflussende Rückbildung (synergistische Rückbildung) aufweisen. Daneben gibt es Fälle, bei denen eine selektive Erholung nur einer Sprache bei gleichzeitiger Verschlechterung der anderen Sprache zu beobachten ist. Wenn sich eine Sprache erst dann verbessert, wenn die andere schon reaktiviert wird, spricht man von sukzessiver Restitution. Darüber hinaus kann es auch zu einer Mischsprache kommen (Code-Mixing), in der die erlernten Sprachen aufgrund eingeschränkter Hemmungsmechanismen unpassend miteinander verknüpft werden (Paradis 1985). Nur sehr selten finden sich isolierte Störungen in einer Sprache oder eine Verbesserung in nur einer Sprache (selektive Restitution). Zur Erklärung dieser unterschiedlichen Aktivierungs- und Störungsmuster werden neurowissenschaftliche Annahmen zur neuronalen Repräsentation und kognitiven Verarbeitung verschiedener Sprachen im Gehirn zugrunde gelegt. Die Forschung zur Mehrsprachigkeit geht bis in das frühe 19. ahrhundert zurück. Robert Scoresby-Jackson postulierte, dass lediglich das Broca-Areal im Gyrus frontalis inferior das Sprachorgan der Muttersprache sei, wohingegen der restliche Teil des Gyrus frontalis inferior für andere Sprachen verantwortlich sei (Scoresby-Jackson 1867).
Eine bis heute diskutierte Frage ist, ob verschiedenen Sprachen ein gemeinsames neuronales Substrat zugrunde liegt oder ob jede Sprache über eine eigene Repräsentation im Gehirn verfügt (Paradis 2004). Studien, die diese Frage mit Hilfe von bildgebenden Verfahren untersuchten, zeigen heterogene Ergebnisse (Price 2000). Die Ergebnisse der Studien deuten darauf hin, dass bei der Verarbeitung mehrerer Sprachen komplexe neuronale Ressourcen involviert sind (Wahl et al. 2008; Vingerhoets et al. 2003).
Ebenso liefern die Studien Evidenzen dafür, dass verschiedene Faktoren wie der Zeitpunkt des Spracherwerbs und die Sprachkompetenz, einen Einfluss auf die neuronalen Repräsentationen zu haben scheinen (Hahne/Friederici 2001; Weber-Fox/Neville 1996). Bildgebende Verfahren lassen vermuten, dass verschiedene Sprachen in angrenzenden Hirnarealen lokalisiert sind. Bei Sprechern, die zwei oder mehrere Sprachen erlernt haben, gibt es Hinweise darauf, dass neben der dominanten auch die nicht-dominante Hemisphäre mehr genutzt wird als bei monolingualen Sprechern (vgl. Hull/Vaid 2007). Was es für den erfolgreichen Zugriff braucht, ist eine gelingende Hemmung der einen und eine gelingende Aktivierung der anderen Sprache. Hemmung und Aktivierung sind im Sinne eines Monitoring Teil der Exekutivfunktionen.
In welchem Ausmaß eine Sprache nach einer Hirnschädigung erhalten bleibt oder welche Sprache wie verloren geht, hängt von mehreren Einflussfaktoren ab (Steiner 2017). Dazu zählen nach Steiner (2017) die frühe und/oder die emotionale Verankerung der Sprache, ihr Automatisierungsgrad und ihre Bedeutung für die Kommunikation im Alltag. Ebenso hat die Verknüpfung mit der Schriftsprache einen Einfluss. Das Common Underlying Proficiency Modell (CUP) postuliert ein sprachübergreifendes Wissen, welches den erlernten Sprachen als gemeinsame Basis zugrunde liegt.
Das Verständnis und das Wissen der Pathogenese aphasischer Störungen sind bis heute noch keineswegs vollumfänglich vorhanden. In der klinischen Praxis hat sich als schnelle Informationsweitergabe die Einteilung der Aphasien in unterschiedliche Standardsyndrome nach wie vor gehalten (vgl. Tab. 2). Sie bündeln die Vielfalt von Syndromen und geben erste Hinweise zur Lokalisation der Hirnschädigung und der zu erwartenden Begleitsymptome.
Neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse zeigen, dass diese historisch entstandenen Klassifikationen nicht den neuronalen Verarbeitungsprozessen im Gehirn entsprechen (Saur et al. 2006; Saur et al. 2008).
Auch für die Planung einer logopädischen Therapie sind die Syndrome nur bedingt geeignet, da nicht alle Aphasien einem definierten Syndrom zugeordnet werden können und sich das Aphasiesyndrom durch eine Spontanremission verändern kann (Baumgärtner/Staiger 2020).
Demgegenüber beruht der Ansatz des Individualsyndroms auf der Annahme, dass aphasische Personen zwar sprachliche Symptome in unterschiedlichen Modalitäten und auf unterschiedlichen linguistischen Ebenen aufweisen, diese aber individuelle Symptommuster ergeben (Schneider et al. 2021; Tesak 2006).
Bei einer Aphasie vaskulärer Ursache werden vier Standardsyndrome beschrieben: globale Aphasie, Wernicke-Aphasie, Broca-Aphasie und amnestische Aphasie (Tab. 2). Zu den Nicht-Standard-Aphasien (Sonderformen) zählen die Leitungsaphasie sowie transcorticale Aphasien, die wiederum abzugrenzen sind von modalitätsspezifischen Sprachstörungen wie Alexie mit und ohne Agrafie und rein sprechmotorischen Störungen (Sprechapraxie, Dysarthrie, Anarthrie) (Huber et al. 2006).
Der Begriff der Broca-Aphasie geht auf ihren „Entdecker“, den französischen Anthropologen und Arzt Paul Broca (1824–1880), zurück. Er hatte erkannt, dass nach Schädigung des Fußes der dritten unteren Stirnhirnwindung eine Sprachstörung entstehen kann. Die umschriebene Schädigung wird häufig durch eine Durchblutungsstörung des Gehirns verursacht. Heutzutage ist bekannt, dass für das volle Bild einer Broca-Aphasie die Schädigung über das sogenannte Broca-Areal hinaus reichen muss, bis hin zur linken Insel (Kerschensteiner et al. 1978).
Die Grundannahme der Klassifikation von Aphasien in Standardsyndrome ist, dass aphasische Krankheitsbilder durch unterschiedliche, typische, gemeinsam auftretende Symptome kennzeichnet sind (s. Kap. 4). Hierbei wird als Leitsymptom das Phänomen bezeichnet, das ein Syndrom definiert wie z.B. Wortfindungsstörungen bei der amnestischen Aphasie. Die aphasischen Syndrome geben Hinweise auf eine funktionelle Hirnanatomie.
Tab. 2: Standardsyndrome der Aphasie (Schneider et al. 2021)
Syndrom
Symptome
Amnestische Aphasie
•Leitsymptom: Wortfindungsstörungen
•Stark ausgeprägte Symptome: Redefloskeln, Conduite d’approche
Broca Aphasie
•Leitsymptom: Agrammatismus
•Stark ausgeprägte Symptome: Phonematische Paraphasien, Conduite d’approche, Sprechanstrengung, Wortfindungsstörungen
Wernicke Aphasie
•Leitsymptom: Paragrammatismus
•Stark ausgeprägte Symptome: Stereotypien, Logorrhö, Wortfindungsstörungen, semantische und phonematische Paraphasien, semantische und phonematische Neologismen
Globale Aphasie
•Leitsymptom: Sprachautomatismen, Recurring Utterances
•Stark ausgeprägte Symptome: Echolalie, Perseveratopnen, Stereotypien, phonematische und semantische Neologismen, Sprachanstrengung
Darüber hinaus werden Nichtstandard-Aphasiesyndrome unterschieden. Dazu zählen die transkortikalen Aphasien und die Leitungsaphasie.
Charakteristisch für alle transkortikalen Aphasien sind herausragend gute Nachsprechleistungen. Alle anderen Modalitäten sind mehr oder weniger stark beeinträchtigt.
Es werden die transkortikal-motorische und die transkortikal-sensorische Aphasie unterschieden. Liegt der Schwerpunkt der Störung in der Spontansprache bei gut erhaltenem Sprachverständnis liegt eine transkortikal-motorische Aphasie vor. Im umgekehrten Fall, bei flüssiger Spontansprache und schlechtem Sprachverständnis, spricht man von einer transkortikal-sensorischen Aphasie. Bei einer gemischt-transkortikalen Aphasie sind die Spontansprache und das Sprachverständnis gleichermaßen betroffen. Die Kommunikation ist mittelgradig bis leicht gestört (Huber et al. 2013).
