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Reden Sie mit: Bankenrettung, ESM, Rettungsschirm, Finanztransaktionssteuer, Eurobonds, Fiskalpakt, EZB, Ratingagentur, Inflation - Begriffe, die uns fortwährend daran erinnern, dass wir uns im Würgegriff einer umfassenden wirtschaftlichen Krise befinden. Aber wissen wir wirklich, was sich hinter der Eurokrise verbirgt? Welche Ursachen sie hat, welche Auswirkungen sie mit sich bringt und mit welchen Mitteln die Politik Lösungen herbeiführen möchte? Drei Viertel der Menschen in Deutschland geben mittlerweile offen zu, vom Komplexitätsgrad der Eurokrise total überfordert zu sein. Nachvollziehbare Erklärungen zu den Zusammenhängen werden nicht geboten. Trotzdem steht fest, dass deutsche Steuerzahler für die Rettung von kriselnden Eurozonen-Staaten mit Milliardenbeträgen geradestehen müssen. Wie schlimm ist die Lage eigentlich, wenn die Politik uns nicht einmal erklären kann, was sie tut und bezweckt? Basiswissen Eurokrise schafft Klarheit im Begriffsdschungel der Krise. Es liefert Aufklärung und für jedermann verständliche Informationen gegen Ängste und Unsicherheiten. Kommen Sie doch einfach mit unter den 'Erklärungsschirm'!
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2013
Thorsten Edler
Basiswissen Eurokrise
Thorsten Edler
Wie sie entstand und was sie für uns bedeutet
Thorsten EdlerBasiswissen EurokriseWie sie entstand und was sie für uns bedeutet© Tectum Verlag Marburg, 2013(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3158-2 im Tectum Verlag erschienen.)ISBN epub: 978-3-8288-5659-2ISBN mobi: 978-3-8288-5660-8
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an Irene und Thomas für gute und lange Freundschaft
an Gregor für viele spannende und Impuls gebende Diskussionen
an Erika für weisen Rat
an Carmen für viele ‚nervige‘ Fragen
an meine Mutter und meine Schwester
an den Tectum Verlag für diese Chance
»Die Bürger haben den Eindruck, dass sie die Situation nicht beurteilen, geschweige denn beeinflussen können. 76 Prozent fühlen sich von der Komplexität der Probleme überfordert und ziehen die Bilanz, dass sie weder die Situation in der Eurozone noch die Maßnahmen, die zur Bewältigung der Krise diskutiert werden, bewerten können. Auch die politisch interessierten Bevölkerungskreise strecken die Waffen.«
Prof. Dr. Renate Köcher, Institut für Demoskopie Allensbach, in: „Entspannter Fatalismus“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.10.2012
1 Einleitung
2 WWW – Wirtschaftskrise, Wissen, Wikipedia
3 Schwacher EURO gleich Eurokrise?
4 Was genau bedeutet »die Eurokrise«?
5 Hauptursache der Eurokrise – die Finanzkrise 2007
6 Weitere Ursachen der Eurokrise
7 Symptome der Eurokrise
8 Lösungswege aus der Eurokrise
9 Nicht verfolgte Maßnahmen
10 Die TARGET2-Debatte
11 Quo vadis, Bankensystem?
12 Geld – Zahlungsmittel außer Kontrolle?
13 Inflation im Lichte moderner Wirtschaftstheorie
14 Ist ein Euroaustritt undenkbar?
15 Scheitert Europa, wenn der EURO scheitert?
16 Brauchen wir überhaupt Europa?
17 Verändert die Eurokrise die Politik in Europa?
18 Schlussgedanken
Anmerkungen/Verwendete Quellen
Wer versteht eigentlich noch die täglichen Nachrichten?
„Weißt Du eigentlich, was die da in den Nachrichten die ganze Zeit mit Eurokrise meinen? Was ist denn los mit dem Euro? Muss man da jetzt was machen?“, fragte mich meine Kollegin abends im Hotelzimmer, nachdem wir – eine harte Etappe auf dem Radweg Berlin-Kopenhagen in den Knochen – beschlossen hatten, den Abend noch vor dem Fernseher ausklingen zu lassen. „Du bist doch Volkswirt, da kannst Du mir das doch eigentlich mal erklären“, fuhr sie leichthin fort. Damit war für mich im Prinzip der Sommerurlaub gelaufen, weil ich ihr und – was es nicht wirklich besser machte – auch mir gegenüber eingestehen musste, dass ich auf diese Fragen keine zufriedenstellenden Antworten wusste. So langsam fühlte ich mich angesichts dieser Erwartungshaltung unangenehm unter Druck gesetzt. Schließlich war meine Kollegin nicht die Erste, die von mir, locker an ihrer Weißweinschorle nippend, mal eben die Erklärung einer nicht ganz einfachen Materie erwartete, möglichst verständlich dargeboten natürlich – man hatte ja schließlich Urlaub und wollte sich nicht überanstrengen.
Ich weiß nicht, ob es Ärzten seinerzeit bei der Schweinegrippe ähnlich erging. Wahrscheinlich ja. So gesehen, war ich als Volkswirt doch noch richtig gut dran, denn die Eurokrise scheint die Deutschen erstaunlicherweise weniger zu beunruhigen als die Schweinegrippe. Nun bin ich aber kein Arzt. Ich kann also nicht kompetent beurteilen, was letztlich die größeren Konsequenzen für den Normalbürger haben wird, aber ich schätze doch sehr: die Eurokrise.
So lohnte es sich ja vielleicht wirklich, das Thema einmal anzugehen (obwohl es mich beruflich weniger betrifft – ich arbeite in einem ganz anderen Bereich). Ich tat also, was jeder heute zuerst tun würde: Ich fragte nach bei Tante Wikipedia. Und siehe da: Hunderte schlauer Menschen hatten sich die Arbeit bereits gemacht und das Thema sehr ordentlich aufgearbeitet. Es war also eine reine Zeitfrage, sich in die Eurokrise einzulesen. Diese Zeit kann vielleicht nicht jeder von uns aufbringen. Aber konfrontiert mit der Erwartungshaltung des Freundeskreises, einer müsse es ja schließlich mal stellvertretend tun, und unterstützt von einigen verregneten Urlaubswochen habe ich es tatsächlich getan. Und damit sich das stellvertretende Lesen für mehr Menschen lohnt, habe ich das Ergebnis aufgeschrieben. Ich hoffe, nach der Verteilung dieser Lektüre mit meinen Freunden und Bekannten wieder ungestört über andere Themen wie zum Beispiel Fußball reden zu können.
Das Medienthema Nummer 1 unserer Tage
Dieses Buch hat also nicht den Anspruch, mit den kleinteiligen Erklärungen der echten Finanzexperten konkurrieren zu wollen, die sich jeden Tag zu diesem Thema in Presse, Funk und Fernsehen äußern. Es soll vielmehr dem Normalmenschen ein paar Grundzüge des aktuell prominentesten Medienthemas erläutern, die sicher vereinfacht sind – aber das ist immer noch besser, als den Nachrichten gar nicht mehr folgen zu können.
Was erwartet Sie also auf den vor Ihnen liegenden Seiten? In der ersten Hälfte des Buches habe ich versucht, die Eurokrise auf einfache und verständliche Weise zu erklären. Zu Grunde liegen dabei folgende systematische Fragestellungen: Was sind die Ursachen, was die sichtbaren Symptome der Eurokrise und was sind die Lösungswege, die zur Beilegung der Krise beschritten werden? Die zweite Hälfte rundet das Thema mit Fragestellungen zu einzelnen aktuellen Themen wie zum Beispiel Entwicklung des Bankensystems, Geld, Inflation sowie mit allgemeinen Fragen Europa betreffend ab. Am Ende gönne ich mir das Vergnügen eines persönlichen Fazits.
Im ganzen Buch verzichte ich so weit als möglich auf Statistiken und Zahlen, weil man damit zwar manche Dinge abstrakter belegen, aber bei so einem komplexen Thema die meisten Leserinnen und Leser auch erschlagen kann. Es geht mir um die Darstellung der wesentlichen Erklärungszusammenhänge. Ich habe natürlich über Wikipedia hinaus gelesen. Angesichts der „Enthüllungen“ der letzten Zeit habe ich meine Quellen vorsichtshalber alle genannt. Sie können sie in den dazugehörigen Quellenverweisen finden und, wenn das Thema Sie packen sollte, an den genannten Stellen weiterlesen.
Übrigens: Der Sommerurlaub mit der Fahrradtour, um das an der Stelle auch noch kurz abzuschließen, wurde dann trotzdem noch sehr schön. Aber das Thema „Eurokrise“ hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Ich wünsche – und das meine ich nicht ironisch – viel Vergnügen unter meinem Erklärungsschirm!
Thorsten EdlerBerlin, April 2013
Einstieg in das Thema: Blick ins Lexikon
Bei meinem Versuch, die Eurokrise verständlich zu machen, werde ich, wie schon angekündigt, auch auf Wikipedia-Artikel zurückgreifen. Wikipedia ist die frei im Internet verfügbare Online-Enzyklopädie, deren Inhalte von vielen fleißigen ehrenamtlichen Artikelschreibern erstellt werden. Warum betone ich das so besonders? Auf meiner Suche nach einem einfachen Einstieg ins Thema habe ich festgestellt, dass es gar nicht so leicht ist, etwas Gescheites zu finden, das einem schnell auf den Weg hilft und klare Informationen bietet.
Natürlich gibt es wissenschaftliche Beiträge, einige Bücher, aber vor allem eben viel fachliches Kauderwelsch und politisch überzeichnete Darstellungen. Da ist es doch eigentlich ganz naheliegend, als ersten Schritt einen Blick ins Lexikon zu werfen. Früher, als bei den Eltern noch ganze 24-bändige Wissensreihen im Bücherregal standen, war das ganz selbstverständlich. Ein unbestreitbarer Vorteil von Wikipedia im Internet ist aber, dass dieser Regalplatz heutzutage online ausgelagert, also für nahezu jedermann zu jeder Zeit bequem verfügbar ist und dazu noch einen akzeptablen Aktualitätsgrad aufweist. Zwar gibt es keine absolute Sicherheit, dass die dort verwendeten Quellen alle sauber recherchiert wurden. Mit ganz blindem Vertrauen sollte man also auch hierbei nicht zu Werke gehen. Aber mein Anspruch wird es nicht sein, die Eurokrise wissenschaftlich fundiert zu analysieren, sondern ich will sie für Sie und für mich erlesen und auf einfache Weise erklären. Und dafür eignen sich die Inhalte von Wikipedia durchaus sehr gut.
Als ich mich zum Einstieg nun mit den ersten Wikipedia-Artikeln zur Eurokrise beschäftigte, war ich von der Informationsfülle doch etwas erschlagen. Die Online-Schreiber hatten eine wahrhaft akribische Faktenbasis geschaffen, die das Thema in seiner zeitlichen Abfolge genau zu erfassen und auf eine vergleichsweise nüchterne Art und Weise darzustellen sucht. Diese sachliche Art aber hat mich beeindruckt, weil bei vielen anderen Versuchen, sich dem Thema zu nähern, oft schnell klar wurde, dass hier Autoren am Werk waren, denen es nicht um Aufklärung, sondern eher um persönliche Meinungsmache ging. Solche Überlagerungen machen es dann insgesamt schwierig, wenn man selbst eigentlich einige Niveaustufen darunter anfängt und zunächst auf der Suche nach einem grundsätzlichen Verständnis ist. Geht man zudem von einer breiten Masse an Unwissenden (einschließlich meiner selbst) aus, die eher ungehalten wird, wenn ihr „Talkshow-Argumente“ oder plumpes Agitieren angeboten werden, ist es jedenfalls schwierig, immer die wirklich relevanten Informationen herauszufiltern.
Der Ansatz der Wikipedia-Artikel kommt nun zum Glück recht unaufgeregt daher: Man will dort über den Sachverhalt als solchen informieren und damit zunächst keine Politik betreiben (wobei man auch das natürlich nie zu 100 Prozent ausschließen kann, weil letztlich unbekannt ist, wer die Autoren hinter den anonymen Usernamen sind). Die stark gelebte lexikalische Philosophie in der Wikipedia-Community hilft aber zumindest, die zuvor beschriebenen überlagernden Störgeräusche von der Sachdebatte etwas abzutrennen.
Dem unendlichen Verweiszusammenhang entkommen, Übersetzungshilfe ohne Fachchinesisch
So sachlich die Artikel aber einerseits von der Tonalität herüberkommen, so verdichtet und ‚verwissenschaftlicht‘ wirken sie andererseits durch allerlei Fremdwörter und wirtschaftliche Fachbegriffe. Und auch wenn man es nicht genug anerkennen und dafür danken kann, dass sich überhaupt Menschen gefunden haben, die sich des Themas im Internet annehmen und es für alle aufarbeiten, so sind die Artikel teilweise eben trotzdem leider nicht immer geeignet, das Thema Eurokrise einer breiteren Öffentlichkeit besser verständlich zu machen. Aber das gilt natürlich nicht nur für die Wikipedia-Artikel, sondern im Prinzip auch für die zahlreichen anderen Quellen, derer ich mich für dieses Vorhaben bedient habe.
Insofern ist das ein Grund mehr, den Versuch zu wagen, es für uns alle noch einfacher und verständlicher erklären zu wollen, ja, hier gewissermaßen ‚Eurokrise für Dummies‘ zu praktizieren, auch wenn ich diese Formulierung eigentlich nicht mag. Denn schließlich ist es nicht unsere Schuld, wenn diejenigen, die von uns ein politisches Mandat bekommen haben, nicht dazu in der Lage sind oder sich nicht die Mühe machen wollen, uns die Eurokrise zu erklären.
Nachdem ich nun einen ersten kurzen Überblick über meinen Einstieg in und meine Annäherung an das Thema gegeben habe, starte ich also einfach meinen Versuch. „Scheitern als Chance“ war einst schon das Motto von Christoph Schlingensief – und in diesem Sinne lade ich Sie jetzt noch einmal ein, mit unter meinen Erklärungsschirm zu kommen. Verweilen Sie doch einen Moment. Ich würde mich sehr freuen.
Kleiner, aber feiner Unterschied: Eurokrise oder Euro-Krise?
Geht es Ihnen auch so? Als ich das Wort „Eurokrise“ für mich bewusst zum ersten Mal wahrgenommen habe, dachte ich zunächst: Aha, eine Krise des Euros, im Sinne von: Unsere Währung, der Euro, befindet sich in einer Krise. Es hat einen Moment gedauert, bis mir klar wurde, dass es bei der Eurokrise gar nicht primär um unser Geld, den Euro, geht, sondern um eine spezielle Problemlage im gesamten politischen und wirtschaftlichen Verbund der Länder Europas. Oder genauer gesagt: Diejenigen Länder, die sich innerhalb Europas im Rahmen der Europäischen Union (EU) zu einem Zusammenschluss gemeinschaftlich wirtschaftender Staaten zusammengefunden haben, sind in eine Krisensituation geraten – die Eurokrise.
Dabei müssen wir unterscheiden zwischen den 17 Ländern, die dem Währungsverbund des Euros angehören (auch „Euro-17“-Länder oder „Eurozone“ genannt), und den Ländern, die die gesamte Europäische Union bilden (alle zusammen: 27 Länder). Stand 2013 sind das:1
Euro-17-Länder
Die Länder der Eurozone
Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Zypern. Diese Länder benutzen de facto den Euro als gemeinsame Währung.
Länder der Europäischen Union
Die Länder der Europäischen Union
Alle zuvor genannten Euro-17-Länder plus Bulgarien, Dänemark, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Schweden, Tschechien, Ungarn, Vereinigtes Königreich. Diese Länder, insgesamt also 27, bilden eine vertraglich geregelte, gemeinsame Wirtschaftsunion, aber eben nur ein Teil von ihnen (die „Euro-17-Länder“) verwendet den Euro als gemeinsame Währung. Alle anderen setzen weiterhin auf ihre landeseigenen Währungen – basierend entweder auf einer eigenen Entscheidung, den Euro nicht einführen zu wollen oder weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einen Beitritt zur Eurozone noch nicht ratsam erscheinen ließen.
Damit geht es also schon los: Von Beginn an steht mit der „Eurokrise“ eine Begrifflichkeit im Raum, die den Problemzusammenhang missverständlich beschreibt und damit den einen oder anderen unter uns vielleicht auf eine falsche Fährte lockt. In allen Diskussionen wurde und wird der Begriff aber wie selbstverständlich verwendet, ohne dass jemand hinterfragt, ob denn auch alle das Gleiche darunter verstehen.
Stärke und Schwäche sind beim EURO relativ
Bevor es hier gleich ans Eingemachte geht, also an die Eurokrise, vorab noch schnell ein kleiner Exkurs zum Euro an sich: Viele Menschen in unserem Land – vielleicht zählen Sie sich auch dazu – beschleicht ja mitunter ein sehr mulmiges Gefühl, wenn in den Medien mit zunehmender Intensität zum Beispiel vom „schwachen Euro“ die Rede ist. Mit einem schwachen Euro ist dabei in erster Linie ein niedriges Wechselkursverhältnis unserer Euro-Währung im Vergleich zum US-amerikanischen Dollar gemeint, vielleicht sogar mit der Tendenz, dass sich dieses Kursverhältnis noch weiter zu verschlechtern droht. Ein schwacher Euro aber ist keine Eurokrise! Im Gegenteil: Rein wirtschaftlich betrachtet hat ein schwacher Euro zum Beispiel im Exportbereich nämlich viele Vorteile. Der Dollar ist bei schwachem Euro mehr wert und bietet dem Ausland damit mehr Kaufkraft. Das heißt, ein schwacher Euro setzt im Ausland mehr Anreize für eine stärkere Nachfrage nach unseren inländischen Waren. Wenn wir dem Ausland nun mehr Waren verkaufen, nutzt uns das in unserem Land (mehr Einnahmen, mehr Warenproduktion, mehr Arbeitsplätze etc.). Das heißt, obwohl wir vielleicht von einem schwachen Euro reden, profitieren wir eigentlich davon. Konkreter: Diejenigen Branchen bei uns profitieren, die sehr stark exportorientiert wirtschaften. Und da oftmals die Rede davon ist, dass Deutschland seinen Wohlstand auf der starken Exportorientierung seiner Wirtschaft gründet, lässt sich hier nun folgender allgemeiner Zusammenhang vereinfacht darstellen: Schwacher Euro → mehr Exporte → insgesamt gut für die deutsche Wirtschaft.
Schwacher Eurokurs fördert Exporte
Gefühlt – seien wir ehrlich – geht es uns aber besser, wenn in den Nachrichten von einem „starken Euro“ die Rede ist. „Stark“ beziehungsweise „stärker“ hört sich einfach besser an als „schwach“. Betrachten Sie meine vorherigen Erläuterungen zum schwachen Euro, wird Ihnen schnell aufgehen, dass dann, wenn ein schwacher Euro gut für unsere exportorientierte Wirtschaft ist, ein „starker Euro“ es vielleicht eher nicht ist. Und genau so ist es auch. Ein zu starker Euro bremst die ausländische Nachfrage nach unseren Waren, weil zum Beispiel der Dollar im Vergleich zum Euro nun weniger wert ist. Damit kann man im Ausland für seine Dollars weniger Waren bei uns kaufen, ergo: Unsere Exporte ins Ausland sinken tendenziell. Weniger Exporte bedeuten aber gleichzeitig weniger Produktion, weniger Absatz und damit weniger Einnahmen. Und im schlimmsten Fall in den betreffenden Branchen dann sogar auch Abbau von Arbeitsplätzen.
Schwacher Eurokurs bremst gleichzeitig Importe
Wenn aber die Exporte so mit dem Eurokurs verbandelt sind, dann gilt das natürlich umgekehrt auch für die Importe eines Landes. Und „umgekehrt“ ist an dieser Stelle genau das wichtige Zauberwort. Während ein schwacher Euro die Exporte tendenziell steigen lässt, bedeutet es im gleichen Atemzug, dass die Importe eher sinken, weil die Waren für unser Land im Auslandseinkauf teurer sind. Auswirkungen hat das zum Beispiel im Energiebereich, wenn wir bedenken, dass fossile Energieträger wie Öl und Gas an den Weltbörsen zumeist noch in US-Dollar gehandelt werden. Sie müssen teurer eingekauft werden und wir merken das dann zum Beispiel an steigenden Energiepreisen. Bei einem starken Euro hingegen wäre die Kaufkraft im Ausland größer und somit ließen sich diese Energieträger günstiger einkaufen, also für einen bestimmten Preis mengenmäßig mehr davon importieren.
Auf Reisen mit dem Eurowechselkurs
Ganz unmittelbar und persönlich betrifft uns die Frage, ob wir gerade einen schwachen oder einen starken Euro haben, wenn wir verreisen. Wenn nun im oben geschilderten Zusammenhang ein schwacher Euro zwar gut für unsere Exportwirtschaft ist, so ist er es leider beim Umtauschen zum Beispiel in Dollar für Reisezwecke nicht. An der Stelle zeigt sich dann für uns tatsächlich seine Schwäche: Für einen „schwachen“ Euro bekommen wir weniger Gegenwert in Dollar als im Falle eines starken Euros. Im Urlaubsfall haben wir für den Umtausch in Fremdwährungen also verständlicherweise eher ein persönliches Interesse an einem starken Euro gegenüber der betreffenden Fremdwährung.
Vermögensanlagen in Fremdwährung
Und auch wenn wir zum Beispiel Vermögensbildung in der Fremdwährung Dollar betreiben, ist die Schwäche/Stärke des Euros für uns von Relevanz: Der Anlagebetrag und eventuell dazu fällig werdende Gutschriftenzinsen verlieren an Wert, wenn der Euro stark ist. Im umgekehrten Fall profitiert unsere vermögensbildende Anlage in Fremdwährung dann, wenn der Euro etwas schwächer notiert. Würden wir den Anlagebetrag und/oder die Zinsen wieder in Euro zurücktauschen, könnten wir in dem Moment einen höheren Gegenwert realisieren als wenn der Euro gerade sehr stark wäre.2
Importe und Exporte, Vermögensanlagen in Fremdwährungen, Devisenumtausch für Reisezwecke – wir haben hier eine Reihe von Beispielen kennengelernt, die sich bei starkem oder schwachem Euro und je nach Sichtweise und Interessenlage der beteiligten Wirtschaftsakteure einmal mehr und einmal weniger als die „ideale“ Kombination herausstellen.
Freies Spiel der Kräfte oder gesteuerte Einflussnahme?
WÄHRUNGSKRIEG – wie Staaten ihre Interessen auch noch verfolgen
Der Eurokurs unterliegt also Schwankungen, die von verschiedenen Faktoren in der Weltwirtschaft beeinflusst werden. Da können allgemeine wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Krisen eine gewichtige Rolle spielen oder aber auch Staaten selbst, die über ihre Wirtschaftspolitik ein bestimmtes Eigeninteresse verfolgen, indem sie die eigene Währung gegenüber anderen Währungen bewusst abwerten lassen (also schwächen) wollen, um – wie schon etwas weiter oben angedeutet – so die Rahmenbedingungen für die eigene Exportwirtschaft zu verbessern oder aber zum Beispiel damit auch den Wert ihrer Staatsschulden sinken zu lassen. Währungsabwertung also als eine vermeintlich einfache Art und Weise, eigene Wirtschaftsprobleme in den Griff zu bekommen oder zumindest nach außen hin zu kaschieren. Mitunter lässt sich sogar ein regelrechter Abwertungswettbewerb zwischen Ländern beobachten. Im Verdacht hierbei stehen mit ihren fast schon traditionell hohen Verschuldungsquoten insbesondere die USA und Japan, aber mittlerweile auch nahezu die gesamte EU. Eine Geldpolitik mit ausgedehnten Niedrigzinsphasen und somit übermäßig „billigem Geld“ für Geschäftsbanken in den genannten Ländern beziehungsweise der EU, drückt tendenziell die Wechselkurse der eigenen Währungen zu anderen Währungen. Beobachter sprechen unterdessen sogar von einem „Währungskrieg“ zwischen den Ländern. Und auch wenn dieses Wort als solches ziemlich martialisch anmutet, lässt es uns aber dennoch erahnen, dass in dem Zusammenhang vermutlich mehr Dinge eine Rolle spielen, wenn von schwankenden Eurokursen die Rede ist, als man bei einer oberflächlichen Betrachtung gemeinhin annehmen würde.3
Inzwischen fast nicht mehr getrennt voneinander zu betrachten: Wirtschaft und Psychologie
Zweifelsohne spielt aber auch Psychologie eine wichtige Rolle bei den Kursschwankungen. Das ersehen wir dann daran, dass sich mittlerweile Reaktionen des Eurokurses in einen direkten Zusammenhang mit Meldungen aus den Tagesnachrichten bringen lassen. Ob das dann immer sinnvoll ist, sei dahingestellt, aber es passiert. Exemplarisch seien hierfür die Aussagen des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi im Februar 2013 angeführt. Weil der Eurokurs zuvor wochenlang eine leichte Aufwertungstendenz (in Richtung „starker Euro“) erfahren und somit für die exportorientierte Wirtschaft in Europa ein eher unfreundliches Umfeld („sinkende Exporte“) geschaffen hatte, kündigte der EZB-Präsident an, den Wechselkurs von nun an noch genauer beobachten zu wollen. Allein in Reaktion dieser Aussage rutschte dann der Eurokurs von 1,36 auf unter 1,34 Dollar – der stärkste Kursrückgang seit über einem halben Jahr. Beobachter dieses Vorgangs sprachen dabei von einer „verbalen Intervention gegen einen zu starken Euro-Wechselkurs“4. Ob hier nun tatsächlich eine versuchte konkrete Einflussnahme seitens des EZB-Präsidenten auf den Euro-Wechselkurs zu Gunsten der exportorientierten Wirtschaft beabsichtigt war, weiß am Ende wohl nur der EZB-Präsident selbst. Aber es zeigt, mit welcher Empfindlichkeit bestimmte Wirtschaftsindikatoren auf Aussagen und Handlungen bestimmter Wirtschaftsteilnehmer reagieren können. Und letztlich spiegelt sich das dann unter anderem auch in Schwankungen des Euro-Wechselkurses wider. Es macht uns zudem bewusst, dass Einflussnahme von außen nicht nur theoretischer Natur, sondern – wenn gewollt – durchaus auch praktisch umzusetzen ist. Ganz grundsätzlich betrachtet müssen uns Schwankungen des Eurokurses aber nicht beunruhigen. Sie gehören gewissermaßen ein Stück weit mit „zum Geschäft“. Nicht immer ganz eindeutig jedoch sind die genauen Hintergründe dieser Schwankungen – ergeben sich die Wechselkursveränderungen nun aus dem freien Spiel der Marktkräfte oder stecken hier bewusst herbeigeführte Manipulationen von relevanten Finanzakteuren (wie zum Beispiel Politik, EZB, Unternehmen etc.) dahinter? Hier lohnt es sich mitunter, jeden Einzelfall genauer zu betrachten und sich die Motivationslage und Interessen der jeweils Beteiligten vor Augen zu führen.5
Um es abschließend noch mal zusammenzufassen: Ein eher schwacher oder starker Eurokurs ist noch keine unmittelbare Krise der Währung EURO, hat aber gewisse Auswirkungen auf die Wirtschaft selbst. Eine gewisse Einflussnahme von außen (Staaten, EZB, Nachrichten etc.) ist je nach Interessenlage zumindest nicht auszuschließen oder sogar anzunehmen. Dass der Euro selbst in eine Krise gerät und bedroht ist, ist natürlich auch nicht völlig auszuschließen. Um das festzustellen, bedarf es aber anderer Einflusskriterien. Nach Stand heute würde man nicht von einer Krise der Währung „Euro“ selbst sprechen. Allenfalls, so Theorien, trägt der Euro beziehungsweise seine Konzeption stark dazu bei, die Eurokrise zu verstärken. Aber das ist schon die nächste Erklärungsebene, der wir uns etwas später widmen wollen.
Lassen wir uns also nicht sofort verunsichern, wenn in den Medien von einem schwachem oder starkem Euro die Rede ist, und halten wir kurz fest: Eurokrise meint nicht Krise der Eurowährung, sondern eine Krise in den Ländern der Europäischen Union. Was es mit der Krise in den Ländern der Europäischen Union auf sich hat, werden wir in den folgenden Kapiteln ergründen.
Hinter dem Begriff „Eurokrise“ verbergen sich genau genommen einzelne Verschuldungskrisen von Mitgliedsstaaten der Euro-17-Zone. Staaten wie zum Beispiel Griechenland, Portugal, Irland und Zypern können dabei ohne die Inanspruchnahme finanzieller Hilfen anderer Staaten ihren durch Verschuldung entstandenen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr oder nicht in ausreichendem Maße nachkommen. Weitere Staaten wie Spanien, Italien und Slowenien sind akut gefährdet, in Zahlungsnot zu geraten und somit die Problematik in der Eurozone noch zusätzlich zu verschlimmern.
Staatsschuldenkrise in Europa
Im Grunde genommen müsste man bei der Eurokrise also eigentlich von einer „Staatsschuldenkrise“ jeweils einzelner Staaten in Europa sprechen.6
Von Relevanz für die Wirtschaft ist so eine Eurokrise in mehrerlei Hinsicht. Zunächst einmal, weil für die davon betroffenen europäischen Völker bei einer Staatspleite vor allem Wohlstand auf dem Spiel steht: Sozialsicherungssysteme, öffentliche Altersvorsorge in Zinspapieren und gesparte Rücklagen geraten durch die Krise stark unter Druck und sind akut von Ausfall oder massivem Verlust bedroht. Zudem verengen die in solchen Zeiten prozentual stark wachsenden Ausgaben für Energie, Essen und Wohnen die finanziellen Spielräume der Menschen, speziell bei einkommensschwächeren Schichten.
Obendrein senden die von einer Verschuldungskrise betroffenen Staaten das fatale Signal aus, dass sie im Zweifelsfall ihre Schulden nicht werden zurückzahlen können und in letzter Konsequenz womöglich sogar den Weg einer sogenannten Staatsinsolvenz beschreiten müssen. Davon in erster Linie betroffen wären dann diejenigen, die diesen Staaten ihr Geld leihweise zur Verfügung gestellt haben und dieses im Falle eines Zahlungsausfalls nicht mehr zurückerhalten, also Verlustabschreibungen vorzunehmen hätten.
Das allein wäre schon schlimm genug. Eine ausgeprägte Zahlungsunfähigkeit vereinzelter Staaten der Eurozone wirft aber zusätzlich einen langen Schatten auf die Staaten der Eurozone insgesamt. Die wirtschaftlichen Verflechtungen untereinander sind mittlerweile so groß, dass die Pleite einzelner Eurostaaten nicht ohne Rückwirkungen auf die anderen Staaten bleiben würde. Nicht zurückgezahlte Schulden machen sich in den Bilanzen der Geld verleihenden Staaten negativ als Zahlungsausfall bemerkbar. Ihr Geld wäre einfach verloren oder wird zumindest nicht im vereinbarten Zeitraum und Umfang zurückgezahlt.
Darüber hinaus erleidet die gesamte Eurozone einen großen Imageschaden und Vertrauensverlust bei ihren Wirtschaftspartnern, wenn diese zum einen wahrnehmen, dass innerhalb der Währungsgemeinschaft starke strukturelle Verschuldungsprobleme existieren und zum anderen Verschuldungspolitik immer weiter vorangetrieben wird, um der Staatsschuldenproblematik in den einzelnen Krisenstaaten beizukommen.
An dieser Stelle kommt neben den harten Wirtschaftsdaten meistens auch noch Psychologie mit ins Spiel. Die Börsen weltweit reagieren „nervös“, heißt es dann immer so schön. Jede Aktion, jede Meldung aus den Krisenstaaten beziehungsweise dem Krisenraum Eurozone wird mit Argwohn beäugt. Und an den Börsen wird fleißig auf Erfolg oder Misserfolg des weiteren Fortgangs in den betreffenden Staaten der Eurozone gewettet, was die Rahmenbedingungen zur Lösung der Probleme insgesamt weiter verschlechtert.
Staatsschuldenkrise als Begriff zu harmlos/zu wenig ursachenorientiert
Grundsätzliche Kritik lässt sich nun aber am Begriff „Staatsschuldenkrise“ festmachen. Einerseits umgrenzt und erklärt er die uns bedrohende Problemlage schon mal besser als der Begriff der Eurokrise. Wir verstehen also zumindest, was genau mit der Eurokrise gemeint ist, und bekommen eine konkretere Vorstellung von dem wirklichen Ausgangspunkt der Probleme. Andererseits verschleiert der Begriff „Staatsschuldenkrise“ immer noch zu sehr die eigentlichen Ursachen, die zu dieser Krise überhaupt erst geführt haben. Führende Kritiker wie der Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger sehen die Gründe nämlich in einer ausgemachten Krise der Finanzwirtschaft und der Banken. Äußerst riskante neue Produkte zur Vermögensanlage und unsolide Kreditfinanzierungen auf Seiten der Banken, gipfelnd in der sogenannten Finanzkrise 2007, seien hier als der wahre Ausgangspunkt der Staatsschuldenkrise anzusehen. Zumal keinem der erwähnten krisengebeutelten und finanzschwachen Eurozonenländer – mit Ausnahme Griechenlands – bis zum Zeitpunkt des Beginns der harten Krisenphase eine unsolide Haushalts- und Finanzpolitik vorgeworfen werden kann. Erst in Folge dieser Finanzkrise 2007 ist es in den Staaten vielfach zu signifikant erhöhter Verschuldung gekommen, weil man sich plötzlich gezwungen sah, Fehler bei den systemrelevanten Banken finanziell abzupuffern. Motto: Banken jetzt einfach pleite gehen zu lassen, würde die Gesellschaft insgesamt noch viel teurer kommen, weil dabei große Vermögenswerte von Anlegern und Sparern verloren gegangen wären. Man kann diese Herangehensweise „Banken sind in jedem Falle zu retten!“ kritisieren oder auch nicht – eine abschließende Antwort, ob diese Entscheidung richtig oder falsch war, wird erst die Zeit weisen.
Der Begriff „Staatsschuldenkrise“ verharmlost aber nach Auffassung der genannten Kritiker die dahinter stehenden Ursachen massiv und widmet ihnen beziehungsweise ihrer Lösung nicht genügend Aufmerksamkeit. Die daran anknüpfende Frage lautet dann, ob die eher einseitige Begriffsausrichtung demzufolge nicht auch nur zu einem eher einseitigen Nachdenken hinsichtlich der Lösungen – Korrekturansätze also nur im Fiskalbereich (Haushaltspolitik) der europäischen Staaten und weniger bei den Fehlentwicklungen im Finanz- und Bankensektor – führen könnte.7
Dass sich hierbei durch aktuelle politische Entscheidungen nun schon Einiges getan hat, das solchen im Raum stehenden Befürchtungen inzwischen auch etwas die Grundlage nimmt, darauf werden wir im Verlaufe dieses Buches noch weiter zu sprechen kommen.
Es deutet sich also schon an, dass für die Eurokrise eine breite Palette an möglichen erklärenden Ursachen in Betracht zu ziehen ist. Mir persönlich scheint aber der eben angeführte Kritiker-Hinweis zur Finanzkrise 2007 als vermeintliche Hauptursache für die Eurokrise ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des Gesamthintergrunds zu sein. Aus diesem Grunde wollen wir damit im nächsten Kapitel auch beginnen.
Wenn Sie sich noch an den Teil der Erklärung des Begriffes „Eurokrise“ erinnern, wo wir festgehalten haben, dass „Eurokrise“ nicht einfach gleichbedeutend mit einer „Währungskrise des Euros“ ist, so schwant Ihnen jetzt womöglich, dass es sich bei einer Finanzkrise auch nicht nur um eine Krise von Finanzen allgemein handelt. Und richtig: Wenn von der Finanzkrise 2007 die Rede ist, so meint das eine große Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise, die ihren Beginn eigentlich wiederum in einer Immobilienkrise in den USA hatte. Warum sich diese Immobilienkrise in den USA zu den großen Verwerfungen einer Eurokrise, wie wir sie inzwischen wahrnehmen, aufschaukeln konnte, auf diese Frage wollen wir in diesem Kapitel8 versuchen, eine Antwort zu finden.
Wie eine Eurokrise letztlich außerhalb Europas begann
Anfang der 2000er Jahre sind in den USA zahlreiche Visionäre, die den Elan des aufstrebenden Mediums Internet für neue Wirtschaftsideen entdeckt hatten und deshalb viele neue junge Unternehmen gründeten, letztlich innerhalb kürzester Zeit grandios gescheitert. In dieser geplatzten sogenannten „Dotcom-Blase der New Economy“ – wir kennen Ähnliches in Deutschland aus der Zeit – wurde viel Kapital von privaten Anlegern und anderen Investoren vernichtet. Die wirtschaftliche Stimmung danach war entsprechend am Boden.
Billiges Geld für die Geschäftsbanken
Ein beliebtes Mittel in solchen trüben Zeiten ist es dann, dass die Notenbanken „den Geldhahn aufdrehen“, um die vom Niedergang bedrohte Wirtschaft zu stabilisieren und die insgesamt erlahmten Wirtschaftsprozesse wieder etwas zu stimulieren. Das bedeutete in den USA, dass die dortige Notenbank, kurz „Fed“ genannt (abgeleitet von Federal Reserve System), infolge der schlechten Wirtschaftslage ihre Leitzins-Politik auf „sehr niedrig“ ausgerichtet hat. Geschäftsbanken konnten also bei ihr Geld zu sehr günstigen Konditionen leihen und nahmen dieses verlockende Angebot auch reichlich in Anspruch. Dieses „billige Geld“ wiederum haben die Geschäftsbanken in Form von günstigen Krediten an sehr viele ihrer Kunden und unabhängig von deren Sicherheiten weitergegeben.
Unvorsichtige Bankkunden mit mäßiger bis schlechter Bonität schließen Kreditverträge mit variablem Zinssatz ab
Mit dieser Phase der länger anhaltenden Niedrigzinspolitik seitens der US-Notenbank wurde gewissermaßen der Grundstein für die US-Immobilienkrise gelegt. Dadurch nämlich, dass die Geschäftsbanken so lange Zeit über billiges Geld verfügen konnten, war nach einer gewissen Zeit und über ihre massiven Kreditvergabeaktivitäten auch entsprechend viel Geld im Markt unterwegs. Die Stimmung war also gut, die Liquidität der Banken vorhanden, so dass die Geschäftsbanken das Risiko – manch einer würde eher von Leichtsinn reden – weiter erhöhten und begannen, Geld auch großzügig an Kunden unterer Einkommensschichten und mit mäßiger Bonität mit Interesse am Bau eines Eigenheims zu verleihen. Der Leichtsinn fand sich aber auch auf Seiten der Kreditkunden wieder: Sie ließen sich irrationalerweise verstärkt auf Bankkredite mit variablem Zinssatz ein. Diesen Schuldnern war in dieser Situation zumeist selbst nicht wirklich bewusst, welches Risiko sie damit eingingen. Das Zinsniveau zu dem Zeitpunkt war schließlich attraktiv niedrig und die Zukunft weit weg. Also drehte sich das Kreditvergabe-Karussell weiter und weiter. Die stabil hohe Nachfrage nach Eigenheimen und entsprechenden Krediten mit günstigen Konditionen dafür ließen irgendwann auch die Preise auf dem US-Immobilienmarkt steigen. Getreu der bekannten Regel: Bei starker Nachfrage reagiert der Markt mit steigenden Preisen im Angebot (also hier: bei den Immobilien).
Preislich hoch angesiedelte Immobilien aber wiederum hatten für die Banken den angenehmen Nebeneffekt, als attraktive Kreditsicherung zu dienen, so dass sie dazu übergingen, das Risiko – oder den Leichtsinn – weiter zu erhöhen. Nachdem sie einmal Blut geleckt hatten, wurden schon bestehenden Schuldnern auch noch Zusatzkredite verkauft und die Eigenheimzielgruppe für die Kreditvergabe zusätzlich nochmals erweitert – nun um Kunden mit schlechter Bonität.
Zwischenfazit: In einer ersten Stufe vergaben die US-Banken also Kredite an Kunden mit eher mäßiger Bonität und in einer zweiten Stufe dann auch noch an Kunden mit schlechter Bonität. Die Kredite waren in den meisten Fällen mit variablem Zinssatz ausgestattet und deshalb (noch) sehr günstig, weil aufgrund der Leitzinspolitik der US-Notenbank insgesamt eine Niedrigzinsphase vorlag. Gepaart mit einer weit verbreiteten Blauäugigkeit auf Seiten der Kreditnehmer hinsichtlich möglicher Veränderungen ihrer Kreditkonditionen in der Zukunft, waren damit gewissermaßen die Voraussetzungen für ein fatales Räderwerk geschaffen, das später in Gang gesetzt werden sollte.
Die Geldflut der Notenbank wirkt: US-Wirtschaft erlebt Zwischenhoch
Die US-Wirtschaft profitierte aber zunächst stark von der erhöhten Nachfrage nach Eigenheimen, befeuert durch die günstigen Kredite der Banken. Die Bauindustrie lief auf Hochtouren und die allgemeine Konsumnachfrage im Land zog deutlich an. So gesehen war also die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank in ihrer beabsichtigten Wirkung letztlich erfolgreich – die Wirtschaft wurde entscheidend stimuliert und begann sich wieder ordentlich zu erholen.
Banken verbriefen Kreditforderungen
In einer dritten Stufe begannen die US-Banken das Ganze dann auf die Spitze zu treiben: Um sich zusätzlichen Spielraum für weitere Kreditvergaben zu schaffen, wurden bestehende Kreditforderungen inklusive deren Risiken in größerem Stil einer sogenannten „Verbriefung“ unterzogen. Verbriefen bedeutet, dass die Banken eigentlich am Markt nicht handelbare Forderungen (in dem Fall die bestehenden Kreditforderungen gegenüber ihren Kunden) in handelsfähige Wertpapiere umgewandelt und sogleich interessierten Investoren (also anderen Banken, Versicherungen, Hedgefonds etc.) auf dem Weltkapitalmarkt zum Kauf angeboten haben. Oder einfach übersetzt: Die Banken, die diese Kredite einst vergaben, hielten sie jetzt nicht mehr selbst in ihren eigenen Büchern, sondern verkauften sie und das damit verbundene Ausfallrisiko an andere Investoren.9
Der Verkauf solcher verbrieften Kredite hatte für die Banken dabei den rechtlichen Vorteil, dass dadurch weniger Reserven zur Ausfallsicherung vorgehalten werden mussten und die damit frei gewordenen Eigenkapitalreserven wiederum für die Vergabe neuer Kredite genutzt wurden – Kredite natürlich tendenziell wieder an Kunden mit zweifelhafter Bonität und unsicheren Einkommensverhältnissen.10
Beginn der Abwärtsspirale: Steigendes Zinsniveau
Kennt man nun diese Hintergründe, lässt sich besser verstehen, was sich dann im Folgenden abspielte: Bis circa 2005 schwächte sich die US-Konjunktur wieder ab und drückte die allgemeinen Wachstumsraten. Die US-Notenbank hatte zwischenzeitlich auch Abstand von ihrer Niedrigzinspolitik genommen und bis Mitte 2006 ihre Leitzinsen bis auf 5,25 Prozent erhöht, um so gegen aufkommende inflationäre Tendenzen anzugehen. Die Folge davon war, dass das allgemeine Zins
