Bauer to the People - Bianca Blasl - E-Book

Bauer to the People E-Book

Bianca Blasl

0,0
22,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die meisten Menschen stehen vor dem Supermarktregal und assoziieren das Schnitzel nicht mit dem Schwein, die Tomate nicht mit dem Boden, den Käse nicht mit der Kuh und schon gar nicht wissen wir, wie das Schwein gelebt hat oder was die Kuh frisst. Wir haben das Gespür und den Kontakt zueinander verloren. Rund ums Essen wird diese Entfremdung besonders deutlich: Früher haben wir vielleicht noch beim Fleischer über das Schnitzel gesprochen, das einmal ein Schwein war, und wie man es kocht. Mit dem Bauern, bei dem es gelebt hat. Heute ist der Weg vom Feld bis auf den Teller weit und komplex geworden. Uns sind die Berührungspunkte abhandengekommen. Wir reden nicht mehr miteinander. Das will dieses Buch ändern. Bianca Blasl und Wilhelm Geiger nehmen uns mit zu den Menschen, die uns mit Essen versorgen. Mit diesem Buch fangen sie am Anfang an: bei den Bauern. Denn wenn wir etwas ändern wollen, dann brauchen wir wieder ein Gespür und Kontakt zueinander. Also kommt mit auf die Reise hinter die Ku(h)lissen von Essen, Menschen und Landwirtschaft!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 431

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für

Matsch Peter vulgo Pirat

Benjie vulgo Großfürcht Banjamann von Beef Troganoch

Georgie, Api & Ami

BIANCA BLASLWILHELM GEIGER

BAUER TOTHE PEOPLE

Hinter den Ku(h)lissenvon Essen, Menschenund Landwirtschaft

INHALT

Es geht los

Hallo wir sind’s aka Vorwort

Wie alles begann

Acker

Zahlen, Daten, Fakten

Die Schmits – Die Ackerdemiker

Was ist ein Bauer

Zwischenstopp

Essen und Landwirtschaft – Jetzt macht alles Sinn

Obst

Zahlen, Daten, Fakten

Christof Unfried – Obst wüst oder ned

Wachstum und Salami

Eier

Zahlen, Daten, Fakten

Hans-Peter Schlegl – Ei, Ei Käpten

Die Köberls – Eier auf Rädern

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Milch

Zahlen, Daten, Fakten

Markus und Olga Voglauer – Einmal genug ist genug!

Markus Gruber – Hightech meets Tradition

Wachsdumm und andere Denkpatschen

Zwischenstopp

Almen – Zwischen Wanderidyll, Klimawandel und Wolf

Gemüse

Zahlen, Daten, Fakten

Franz und Markus Pannagl – Mit Herz und Ochsenherz (Paradeiser)

Marion Aigner – Bio-Gemüse hinterm Idyll

Der rosarote Panzer – Zwischen Idyll und Wahnsinn der Direktvermarktung

Schwein

Zahlen, Daten, Fakten

Viktoria Eichinger – Frau hat Schwein

Christian Bachler – Schweinedinge

Die Zukunft der Schweinebranche in Österreich – ein subjektiver Ausblick

Zwischenstopp

Biancas Gedanken zum Fleischessen und Tiere töten

Willys Überlegungen zum Fleischessen und Tiere töten

Abschluss

Whom to blame?

Hinter den Seiten – Einladung zum Mit- und Weitermachen

Autorenbiografien

Quellenangaben

Abbildungsverzeichnis

VORWORT

HALLO WIR SIND’S AKA VORWORT

Hallo, wir sind’s: Willy und Bianca. Wir nehmen euch mit zu den Menschen, die unser Essen machen. Hinter die Ku(h)lissen.

Die meisten Menschen stehen heute vor dem Supermarktregal und assoziieren das Schnitzel nicht mit dem Schwein, die Tomate nicht mit dem Glashaus, den Käse nicht mit der Kuh. Schon gar nicht wissen wir, wie das Schwein gelebt hat oder was die Kuh frisst oder WER unser Essen macht. Wir haben das Gespür und den Kontakt zueinander verloren. Wir alle. Rund ums Essen wird diese Entfremdung besonders deutlich: Früher haben wir vielleicht noch beim Fleischer über das Schnitzel gesprochen, das einmal ein Schwein war, und wie man es zubereitet. Mit dem Bauern, bei dem es gelebt hat. Heute ist der Weg vom Feld bis auf den Teller weit und komplex geworden. Uns sind die Berührungspunkte abhandengekommen. Wir reden nicht mehr miteinander. Das wollen wir ändern.

Wir reden mit allen: von der Bäuerin über die Lebensmittelproduzenten bis hin zu Händlern und Wirten, Wissenschaftlerinnen und Konsumenten. Mit diesem Buch fangen wir am Anfang an: bei den Bauern.

Denn wir wollen vor allem eines: die Leut’ wieder zammbringen. Denn wenn wir etwas ändern wollen, dann brauchen wir wieder ein Gespür und Kontakt. Also kommt mit auf die Reise hinter die Ku(h)lissen von Essen, Menschen und Landwirtschaft.

Zutaten

Wir haben Zutaten zum Lesen, Hören, Schauen und Nachdenken für euch. Jedes Kapitel in diesem Buch besteht aus drei unterschiedlichen, farblich gekennzeichneten Abschnitten. Zuerst findet ihr die wichtigsten Fakten zum jeweiligen Thema auf den orange markierten Seiten. Auf den grün markierten Seiten begleiten wir Bianca auf ihren Besuchen auf den unterschiedlichen Höfen. Willy hat dann abschließend auf den violetten Seiten Denkanstöße für euch. Zu konkreten Themen aus der Landwirtschaft, aber auch zum Nachdenken über Essen, Menschen und Landwirtschaft. Und zusätzlich machen wir da und dort einen kleinen Zwischenstopp, steigen aus uns sehen uns um.

Zu jeder Station unserer Geschichte gibt es außerdem Podcast-Folgen, wo ihr die Personen, von denen Bianca erzählt, kennenlernen könnt. Scannt dafür einfach die QR-Codes am Ende des jeweiligen Abschnitts.

Für weitere Gewürze abonniert den BauertothePeople-Podcast, folgt der melange.in.gummistiefeln auf ihren Reisen und BauertothePeople bei der Arbeit. Das alles findet ihr auf unseren Social-Media-Kanälen – auf Facebook, Instagram, LinkedIn und YouTube – und natürlich auf unserer BauertothePeople-Website, die Willy regelmäßig in den Wahnsinn treibt.

Zubereitung

Am besten lest ihr das Buch oder das jeweilige Kapitel zu Biancas Stationen und stellt euch die Menschen dahinter vor. Hört dann in die Podcast-Folge rein und schaut, was von den ersten Bildern im Kopf bleibt, und was sich durch die neuen Perspektiven, Informationen und Eindrücke verändert hat. Das ist die Idee von BauertothePeople und unser Rezeptvorschlag zum Kennenlernen.

Genießen und Verdauen

Mit allen Sinnen genießen. Gut, vielleicht solltet ihr das Buch nicht essen. Wenn ihr es verschlingt, freuen wir uns aber sehr. Wir wollen auch unsere persönlichen Ahaa!-Momente mit euch teilen und ein paar Denkanstöße mit auf den Weg geben. Nämlich jene, die uns selbst zum Nachdenken bewegt haben. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, hat schon die Oma gesagt. Jeder wird das Gelesene und das Gehörte anders verdauen, das eine besser, das andere weniger gut.

Wir können aber eines garantieren: Keiner wird so herauskommen, wie er oder sie hineingegangen ist. Die Landwirtschaft ist so bunt wie das Leben. Wir haben die unterschiedlichsten Menschen besucht und einen Teil der Farbpalette kennengelernt. Zu ein paar von ihnen wollen wir euch in diesem Buch exemplarisch mitnehmen.

Wir haben uns um Vielfalt und unterschiedliche Perspektiven bemüht, doch den Anspruch auf Vollständigkeit können wir nicht erheben. Es stecken aber unser ganzes Wissen, unsere Erfahrungen und vor allem unser Herz und unsere Geschichte drin.

Wenn ihr an der einen oder anderen Stelle eine andere Perspektive habt, meldet euch und lasst uns reden! Schreibt einen Artikel, einen Kommentar, macht ein Video. Teilt eure Perspektive. Genau darum geht es bei uns. Die vielen Perspektiven machen eine gemeinsame Welt erst komplett.

Wir freuen uns darauf! Weil durchs Reden kommen die Leut’ zamm!

Durchs Essen auch. Und durchs Lesen. Und durchs Podcasthören. Und … na ihr wisst schon …

WIE ALLES BEGANN

Biancas Weg

Ab heute gibt’s die Melange in Gummistiefeln

Dieses Buch muss in Wien seinen Anfang nehmen. Ja, in einem Kaffeehaus mit einer Melange in der Hand. Es wird geplaudert, die Häferl klappern. Wenn ich jemals ein Buch schreiben sollte, habe ich mir gedacht, dann wie einer der Wiener Kaffeehausliteraten in einem Kaffeehaus sitzend.

Ich bin Wienerin. Am liebsten bin ich draußen in der Natur. Pflanzen und Tiere maulen nicht zurück. Und ich liebe Essen. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist der Duft des Osterschinkens meines Großvaters, der durchs ganze Haus zieht. Der erste Weihnachtsfeiertag heißt in meiner Familie außerdem „Heiliger-Truthahn-Tag“. Ihr merkt, irgendwie ist mir die Liebe zum Essen in die Wiege gelegt. Immer und überall suche ich nach leiwandem Essen. Und wo ist man Natur und Essen näher als in der Landwirtschaft? Denkt’s und studiert das an der Universität für Bodenkultur Wien, kurz BOKU. Dipl.-Ing. in Bauer. Klingt schon urleiwand. Währenddessen und danach: Gastronomie, PR, Unternehmensberatung, Pressesprecherei, Journalismus.

In dieser Zeit hat sich meine These immer mehr bestätigt: Wir stehen vor dem Supermarktregal und assoziieren das Schnitzel nicht mit dem Schwein, den Käse nicht mit der Kuh und das Mehl nicht mit dem Acker. Schon gar nicht wissen wir, wie das Schwein gelebt hat, was die Kuh frisst und wer unser Essen herstellt.

Dass wir das nicht mehr wissen, liegt meiner Meinung nach nicht daran, dass wir Leute so deppert und ignorant sind. Es liegt daran, dass wir den Bezug zueinander und zu unserem Essen verloren haben. Bauern machen in Österreich nur mehr 2 Prozent der Bevölkerung aus, und unsere Welt hat sich arbeitsteilig hoch spezialisiert. So auch unsere Lebensmittel-Wertschöpfungskette. Wie könnte ich also wieder für Landwirtschaft begeistern, habe ich mich gefragt. Wie kann ich eine Brücke bauen? Mit Essen! Mit leiwandem Essen und leiwander Landwirtschaft. Und den Geschichten dazu. Und ein bissl Schmäh. So könnte das klappen mit der Brücke zwischen Menschen und Landwirtschaft. Dort, wo die Geschichte des Essens anfängt.

Während meiner Überlegungen, mitten im Alltag, kamen Corona, Zwangsbeurlaubung und, viel einschneidender noch: der Verlust eines der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Die Sonne im Gesicht, noch vollkommen gelähmt von dem, was gerade passiert war, kam mir der Gedanke: „Scheiße, das Leben ist zu kurz.“ Zu kurz, um das, was ich immer wollte, noch weiter zu verschieben. Ich habe Landwirtschaft studiert, wollte immer von Bauernhof zu Bauernhof fahren, dort arbeiten. Um zu erfahren, wie es wirklich rennt, um zu verstehen, mir bewusst zu machen, wo unser Essen herkommt, und wie Landwirtschaft in unserer Zeit überhaupt abläuft. Die Geschichte von unserem Essen vom Feld bis auf den Teller erzählen. Morgen, ja morgen fang ich ein neues Leben an, und wenn nicht morgen – in meinem Kopf singt die EAV … oder zumindest irgendwann. Noch nie ist eine Idee so schnell zu einem konkreten Plan geworden: Recherchiert, eine Vereinbarung mit dem Arbeitgeber getroffen, Bäuerinnen und Bauern kontaktiert: „Biete Arbeit, will lernen.“ Corona und der Fakt, dass Wiener im Rest Österreichs mittel beliebt sind, hätten meine Reise fast beendet, bevor sie begonnen hat. „Ja, ich weiß, dass Landwirtschaft harte Arbeit ist“, muss ich meine Gesprächspartner am Telefon immer wieder überzeugen. „Das wird schwierig, wir können Sie nicht unterbringen, Sie wissen, die Pandemie.“ Plötzlich, ich weiß nicht mehr warum, schlägt mir Willhaben etwas vor: Ein Feuerwehrauto, ausgebaut zu einem Wohnmobil, Baujahr 1962. Fun Fact: Ich habe von meinem Vater die irrationale Liebe zu alten Autos geerbt. „Den müssen wir uns anschauen, es geht nicht anders“, sind wir uns einig. Auf dem Weg dorthin ein erneutes Telefonat mit Sepp Eisl, dem Besitzer des Bauernhofs, den ich mir eingebildet habe und stur nicht lockerlassen wollte. Wieder: „Das wird schwierig, wir können Sie nicht unterbringen, Sie wissen, die Pandemie.“ Zehn Minuten vor Passail, auf dem Weg zum Opel Blitz, die Blitzidee: „Was, wenn ich mein eigenes Zuhause mithabe, auf Rädern?“ „Na das ist was anderes. Wir haben sogar einen Campingplatz.“ Manchmal führt eines zum anderen. Ich wollte wirklich nur mal schauen. 20 Minuten später habe ich ein 60 Jahre altes Feuerwehrauto gekauft – den Roten Blitz. Social Distancing am Bauernhof – Bobo-Style. Ups.

Die Abfahrt

Der Rote Blitz wird mit allem bestückt, was man so brauchen könnte. Wein? Hmm, ist ja Platz genug. Nur den Kaffee nicht vergessen. Eine ganze Truhe voll Werkzeug: Ich kenn’ mein Auto, das braucht genauso viel Zeug wie ich. Den Kuschelpolster und die Literatur. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Voll im Zusammenpack-Adrenalin merke ich gar nichts von der Aufregung. Am Abend vor der Abfahrt sitze ich mit meiner Großmutter zusammen. So viele Jahre hat sie auf mich aufgepasst, dann ich auf sie. Das ist das erste Mal, dass wir so lange getrennt sind. Während wir gemeinsam eine rauchen, schweigen wir uns an. Sie schaut zu mir auf: „Hast du eh a Puschka?“ „Bitte wen?“ „Na eine Waffe, Puffen, zur Verteidigung. Du als Frau allein auf der Straße?“ „Ami, bist du irre? Da tu ich mir wahrscheinlich selbst mehr weh als irgendwem anderen. Abgesehen davon wäre das wohl semilegal.“ Toll, Abschied und Horrorvorstellungen. Da hatte ich zum ersten Mal leichte Bedenken. Vielleicht eine Wachkatze? Das wäre mehr meins. „Zum Schreiben brauchst du mich ja eh nicht, schau ma mal, ob ich das noch daleb, bis du fertig bist mit deinem Buch“, sagt sie halb vorwurfsvoll, halb stolz. Alles, was ich übers Schreiben weiß, hab’ ich von ihr. Meine größte Kritikerin.

Ich schlafe wahnsinnig gut. Weil ich nicht realisiert habe, was eigentlich passiert: Ich fahre los. Monatelang. Lasse Sicherheit, Job, meine Familie und Freunde in Wien zurück. Meine beste Freundin und die Mami kommen in der Früh vor der Abfahrt zum Verabschieden. Jede bekommt noch ein Sackerl in die Hand gedrückt. Wir schleppen das Gepäck die Stiegen hinunter. Ich war tiefenentspannt, jetzt, wo diese zwei wichtigen Menschen zum Verabschieden gekommen sind, bin ich aber aufgeregt und traurig und schusselig. Ich vergesse die Hälfte. Laufe hin und her. Die Mutter doppelt so aufgeregt wie ich. Sie bemüht sich um Coolness. Abschied kann ich nicht. So emotional ich sonst bin, das würde ich am liebsten auslassen.

Vielleicht auch gerade deswegen. Es ist unendlich heiß. Ich umarme beide und steige ein. Der Rote Blitz riecht nach Benzin und Sonne. Fast wie ein alter Traktor. Passt doch, denk ich mir. Am Handy das Navi eingestellt, Musik im Ohr. Ohne den passenden Soundtrack funktioniert kein Roadtrip. Ich starte den Motor, der schmurgelnd anspringt. Mit Billy Joels „Vienna Waits for You“ beginne ich zu rollen. Winke den beiden. Als ich um die erste Ecke biege, heule ich wie ein Schlosshund. Billy, du Penner.

Mitte Juni steuere ich also mein Teilmobil von Wien an den Wolfgangsee. Zehn Stunden Fahrt. Die Entdeckung der Langsamkeit. Autofahren war nie entspannter. Entlang der Wachau durch Linz ins Salzkammergut Richtung Seegut Eisl.

Weil Landwirtschaft leiwand ist. Weil ich genau wissen will, wo unser Essen herkommt. Weil hinter jedem Lebensmittel Menschen und Geschichten stecken. Weil ich mit leiwandem Essen eine Brücke bauen will zwischen uns Menschen und der Landwirtschaft. All das sind die Gründe, warum das Stadtkind sein Leben in Wien gegen ein Leben im Roten Blitz auf dem Bauernhof tauscht. Ab heute gibt’s die Melange in Gummistiefeln.

Bei den Eisls

Warum Schafe und Schafmilch? Warum das Seegut Eisl?

Ich könnte euch jetzt hochwissenschaftlich erörtern, warum gerade Schafe und ihre Milch so toll sind – keine Sorge, das kommt noch. Der einfache Grund, warum meine Reise bei den Eisls startet, ist allerdings: Ich mag Schafe. Ich weiß nicht mal, wieso. Sind ein bisschen doof und herzig. Und ich mag Schafkäse. UND vor ein paar Jahren bin ich durch die Salzburger Getreidegasse flaniert, habe mir gedacht: Die ganzen Touris und G’spritzten brauch’ ich wie an Huaschtn. Bin abgebogen. Dort der Schriftzug „Eisl Eis“. Schafmilch-Eis. Mein Foodie-Herz ist höhergesprungen, und dann war das Geschäft noch wahnsinnig schön und mit Schokobrunnen ausgestattet. Danke – mein Herz habt ihr gewonnen. Beim Nachdenken, zu welchen Bauernhöfen ich fahren könnte, habe ich mich an diesen Moment erinnert. Tada. Deshalb auch meine Hartnäckigkeit.

Die Geschichte vom Schaf in der Melange

Was schütten Schafmilch-Bauern in ihren Kaffee? Schafmilch? Dann schmeckt ja der Kaffee nach Schaf. Die Gedanken des bekennenden Kaffeejunkies auf dem Weg zu den Schafen.

Sonntag. Angekommen am Seegut Eisl am Wolfgangsee. Es regnet. Ich parke den Roten Blitz vorm Schafstall.

Ich klopfe an die Türe des großen Bauernhauses. Keiner da. Zu früh. Mit dem Roten Blitz kann man mittelgut planen. Die kleine Tür am Hintereingang ist offen. Ich klopfe wieder. Der älteste Sohn der Familie lässt mich ein. Josef. Bevor ich noch viel sagen kann, ruft er seine Eltern an, gibt Bescheid und zeigt mir den ganzen Hof samt Campingplatz direkt am Wolfgangsee, auf dem ich die nächsten Wochen verbringen werde. Es riecht nach regennasser Wiese, Schilf und Schafen. Als Christine und Sepp kommen, wirkt Christine unglücklich. Ja, ich weiß, es ist Sonntag, ich bin zu früh. Sepp zeigt mir, wo der Rote Blitz die nächsten Wochen stehen darf, und hilft mir mit einem Adapter für mein Stromkabel aus. Während ich mein Plätzchen einrichte, denke ich mir: Angekommen. An der Quelle des Essens. Am Nachmittag gibt es Jause. Die zwei anderen Praktikanten treffen ein, begleitet von ihren Eltern, selbst Bauern. Bei den Eisls machen sie den ganzen Sommer über ihre Praktika. Ich denke mir: Jössas, jetzt wird’s ernst. Tatsächlich am Tisch: Kaffee und ein Kännchen mit Schafmilch. Fuck. Aber man will ja nicht unhöflich sein. Also Milch in den Kaffee. Gekostet. Ich glaube, sowohl mein Blick als auch mein überraschtes „Aha, oag, das schmeckt ja nicht nach Schaf!“ haben mich verraten. In meiner Tasse einer der besten Kaffees seit ewig. „Wieso ist das so gut?“ Sie haben sich wahrscheinlich gedacht: „Super, was haben wir uns da eingetreten?“ Christine, die Bäuerin, erklärt mir: Schafmilch hat fast 5 Prozent Fettgehalt. Das macht den Kaffee so cremig. Nach Schaf schmeckt die Milch nur, wenn beim Melken nicht auf die Hygiene geachtet wird. Ich werde noch lernen, was das heißt. Danach eine große Schüssel Schafmilch-Eis. Sie hätten mich schon beim Kaffee gehabt. Aber ich habe ja nichts gegen Bestechung.

Die erste Nacht im Roten Blitz

Am ersten Abend sitzen wir drei Praktikanten zusammen beim Roten Blitz. Ab jetzt bin ich für sie nur mehr „Mama“. Weil doppelt so alt. Ich tue so, als wäre ich empört, finde die zwei aber zuckersüß.

In der ersten Nacht rüttelt ein Sturm am Roten Blitz und seiner Markise. Ich schlafe tief und fest. Rumps – ich hau mir beim Hochschrecken den Kopf an. Okay, die letzten 40 Jahre hat die Markise überlebt. Die erste Nacht mit mir nicht. Ich mache die Blitztüre auf und luge in das stürmische, regnerische Schwarz der Nacht. Auf einer Nacktschnecke ausrutschend und im Regen fluchend kann ich nur noch den Tod der Markise feststellen. Über vergossene Milch soll man sich nicht ärgern, sagen sie. Was die Schafe dazu wohl meinen würden? Määäähhhhga kuhl gemacht, Blasl. Die erste Nacht, und der Blitz wird zum Witz. Geknickt krabble ich in meine Höhle zurück. Der Regen plätschert gemütlich aufs Dach und lässt mich einschlafen. Der Wecker läutet. Halb 5. Bianca waschelnass.

Echt jetzt, Großer? Genauso undicht wie deine Besitzerin. Gratuliere. Ein 60 Jahre altes Feuerwehrauto mit halber Markise, zerbröselten Türdichtungen und einer nassen Besitzerin.

In dieser Nacht mit Schafgeblöke im Hintergrund – Gusch, ich muss denken – am Wolfgangsee bei den Eisls sitze ich also im Roten Blitz und grüble. Dort ist die melange.in.gummistiefeln entstanden. Die Wienerin in der Landwirtschaft. Die, die mit ihren Geschichten, Schmäh und gutem Essen eine Brücke bauen will. Zwischen uns Menschen und der Landwirtschaft. Was ist wienerischer als Melange, und was ist mehr ein Symbol für die Landwirtschaft als Gummistiefel? Spritzwein am Traktor? Öhm, mehr was für den Mike Häupl … Das Ziel ist also da, einen Namen hat das Ganze. Und jetzt? Wie bringe ich das an Herrn und Frau Österreicher? Wie erreicht man schnell viele Menschen? Naaaaa Oida, naaaaa. Nicht Social Media. Der Kelch mit dem Digital Native ist an mir vorübergegangen. Echt. Ich bin eine alte Seele. Okay, fürs Team. Also, ähm.

Für die Sache. Am nächsten Morgen lege ich einen Instagram-Account an: @melange.in.gummistiefeln. Und das erste Posting gibt’s auch gleich.

Vom Stall auf den Teller

5 Uhr, Tagwache. Schafe melken. Ostfriesische Milchschafe. Zuerst müssen wir die Schafe von der Weide holen. Im Sommer sind sie draußen. An der Wand vom Melkstand hängt ein Zettel: eine Schritt-für-Schritt-Melkanleitung.

Zum Glück gibt’s zuerst einen Crashkurs von Sepp. Er ist für die Schafe und die Wiesen verantwortlich. Angestellt. Bis vor wenigen Jahren sind Christine und die sieben Kinder jeden Tag melken gegangen. Die ganze Familie war eingeteilt. Wir beginnen also: Melkanlage aufdrehen. Man hört das Rauschen der Vakuumpumpe. Zwölf Schafe können gleichzeitig gemolken werden.

Die Milch fließt direkt in einen gekühlten Tank, der dann in die Käserei gerollt wird. Sie drängen sich Richtung Melkstand. Melkstand auf Schafe sortieren, damit nicht eins zu viel dabei steht. Für die Schafe gibt es Futter zur Beschäftigung. Wir ziehen Gummihandschuhe an. Jedes Euter wird mit einem feuchten Fetzen geputzt – ihr erinnert euch an die Hygiene und den Schafgeschmack in der Milch –, dann das Melkgeschirr angelegt. Sepp macht das mit einem Handgriff. Ich eiere mit Zitzen und Melkgeschirr herum.

FLOP – das ist das Geräusch, wenn das Vakuum der Melkanalage die Zitzen ansaugt und zu melken beginnt. FLOPFFFLRLRLR – okay, das ist das Geräusch, wenn das Vakuum meinen Gummihandschuh ansaugt. Aller Anfang und so … Das erste Mal melken. Oder der Tag der blauen Zitze. Schmerzlich für ein Schaf lerne ich: Wenn man nicht flott genug ist und das Melkzeug zu lange an den Zitzen pumpt, dann werden sie blau. Wie ein Knutschfleck, aber eben nicht ganz so super. Nach dem Melken werden die Zitzen der Schafe desinfiziert, damit keine Bakterien hineinkommen und das Euter gesund bleibt. 2,5 Stunden und 130 Schafe später bin ich total stolz auf mich. Schafe auf die Weide. Melkstand und -anlage putzen. Euterputzfetzen in die Waschmaschine. Ganz stolz darf ich in eine Liste eintragen: Wer hat gemolken, wie viele Liter und wie lange haben wir gebraucht. „Du Sepp, wie kann das sein? Du bist alleine doppelt so schnell wie wir zu zweit?“ Ich hatte echt das Gefühl, ich hätte im Akkord Melkzeug angesteckt. Er grinst mich breit an: „Rate mal.“ In der eigenen Käserei werden aus der Milch Schafkäse, Joghurt und Eis. Bis die Milch verarbeitet ist und die Tiere versorgt sind, wird es dunkel. Das war der erste Tag.

Beim Abendessen sagen mir Eisls: „Wir hätten nicht gedacht, dass du das packst.“ Ich hab’s gepackt. Die Arbeit ist hart, aber unglaublich befriedigend. An der Quelle des Essens. Ich bin angekommen. Wir vertrauen einander. So viel wie in meinen fünf Wochen am Wolfgangsee bei den Milchschafen habe ich gefühlt in fünf Jahren Landwirtschaftsstudium nicht gelernt. Warum? Weil es hier hautnah be-greifbar wird und mir etwas zugetraut wurde.

In der Käserei

Am nächsten Tag bekomme ich weißes Gewand, ein Haarnetz. Und weiße Schlapfen. Sepp, der Bauer, hat wohl vergessen zu erwähnen, dass die Arbeitsklamotte weiß sein soll. Christine hilft mir aus. Ja, am Hof der Eisls gibt es 3 x Josef. 1 x Bauer, 1 x Bauer Sohn, 1 x Mitarbeiter. Alle heißen Eisl mit Nachnamen. Sind aber nicht alle miteinander verwandt. Da soll einer den Überblick behalten. Also ab in die Käserei. Weiße Fließen. Alutanks. Ein großer Raum für den Käse und das Joghurt, ein kleinerer für das Eis. Es riecht säuerlich nach Joghurt. Wir werden eingeteilt.

Zuerst Eismachen. Die Schafmilch wird mit allen anderen Zutaten erhitzt, pasteurisiert und dann in die Eismaschine gefüllt. Das fertige Eis füllen wir in die unterschiedlichsten Gefäße: vom kleinen Gläschen bis zur großen Wanne für das Eisgeschäft in Salzburg. Ich falte die Schachteln für die Gläschen. Hier geht alles so schnell. Jeder Handgriff sitzt. Ich komme nicht mit. Zur Belohnung gibt’s ein Löffelchen frisches Schafmilcheis direkt aus der Eismaschine. Zum Reinlegen. Schmeckt wie Crème brûlée in Eisform. Ich würde es ja auch ungeeist naschen.

Ich entdecke eine neue Lieblingsbeschäftigung: Milchtanks waschen. Am ersten Tag falle ich fast hinein und der Deckel auf meinen Kopf. So ungelenk habe ich mich selten gefühlt. Ein großer, lauter Industriespüler wäscht die Gerätschaften und Utensilien bei 90 Grad mit Lauge, gegen die Bakterien. Die Rohre und Rührer kommen kochend heiß aus dem Spüler. Schnell wegräumen. „Nur wer heiß anfassen kann, kann auch heiß lieben“, werde ich angegrinst. Alles für die Milch. Seither kann ich, glaube ich, mit glühenden Kohlen jonglieren.

Der Käse, endlich der Käse

Der Frischkäse wird im größeren der beiden Räume gemacht. 1.000 Liter Schafmilch werden einmal in der Woche zu Frischkäse. Das braucht ein paar Tage, bis die Milch beisammen ist. Schafe geben in ihrer Hochform zwei bis vier Liter Milch am Tag. Das sind 390 Liter im Durschnitt, im besten Fall. Die Milch wird pasteurisiert und dann auf 21 Grad abgekühlt. Josef rührt langsam die Milchsäurebakterien in Pulverform dazu. Das sind die Bakterien, die wir wollen. Sie machen die Milch haltbar und lassen sie gerinnen. Zusätzlich kommt Kälberlab dazu, ein Enzym aus dem Magen der Kälber, das ebenfalls zur Gerinnung beiträgt. Der ganze Tank bleibt über Nacht stehen. Die eingedickte Milch wird tags darauf mit einem großen Metall-Messer in kleine Quadrate „geschnitten“.

Und wieder stehengelassen. Durch das Schneiden wird die Oberfläche vergrößert, und die Molke kann raus. Wir schöpfen in der Früh den Frischkäse zum Abtropfen in große Wannen und dann in eine Wurstmaschine. Wurstmaschine? Ja, richtig gelesen! Die Eisls haben eine Wurstmaschine umgebaut und machen damit ihre Schafkäseröllchen. Sechs Leute braucht man dafür: Frischkäserolle schneiden und in zig unterschiedlichen Kräutern und Gewürzen wälzen. Ohne dass das Ganze zergatscht oder Dellen bekommt. Ich falte wieder Schachteln. Das mit der Feinmotorik üben wir noch. Christine ist geduldig mit uns Praktikanten.

Vom Schaf bis auf den Teller ist es ein weiter Weg. Dabei vermarkten die Eisls alles direkt. Das heißt vom Melken bis zum fertigen Eis, Käse oder Joghurt passiert alles auf dem Hof. Und dann wird direkt vermarktet. Direkt an die Menschen. Man kann alles direkt am Hof kaufen, in Automaten oder Eistruhen. Zwei Tage in der Woche fahren wir selbst in der Region ausliefern, vor allem in die Gastro und an Hotels. Christine nimmt mich mit. So lernt man die Gegend auch kennen.

Wie man gleichzeitig Produktion, Vermarktung, Bestellungen der Kunden, Ausliefern, Haus und Hof im Griff haben und dann noch gach in einer Stunde für 20 hungrige Mäuler drei Gänge Mittagessen kochen kann, ist mir ein Rätsel.

Die Schafautobahn

In der Früh werde ich vom Blöken wach. Hinter dem Roten Blitz führt die Schafautobahn vorbei: ein kleiner asphaltierter Weg von den Weiden zum Stall und zum Melkstand. Früher war hier ein Schotterweg. Die Schafe haben sich immer wieder Steine zwischen den Klauen eingetreten und Entzündungen bekommen. Deshalb wurde hier die Schafautobahn gebaut.

Übrigens, wer wissen will, wie extrem gut ich Traktor fahren kann, der fragt Sepp. Gemeinsam haben wir der Schafautobahn ein Bankett gemacht, damit das Ganze eben ist. Übung macht den Meister.

Wald, Alm, Stall und Werkstatt

Zu meiner Verwunderung merke ich schnell, dass mir die Arbeit draußen viel mehr liegt als die in der Molkerei. Und auch mehr Spaß macht. Eigentlich hatte ich mich so darauf gefreut zu lernen, wie das alles mit der Milch funktioniert. Doch draußen auf der Alm und im Stall mit den Schafen ist alles einfacher für mich.

Selbst das stinkige Fußbad, das sie bekommen, macht Freude. Das ist dafür da, dass die Wolltiere keine Krankheiten an den Klauen bekommen. Im Wald schlage ich mit einem großen Hammer Holzstempen als Markierung für die jungen Bäume, die gepflanzt wurden, in den Boden.

Auf der Alm stehen wir mit der Motorsense im Steilgelände und machen aus dem beginnenden Wald wieder Wiese.

Wir treiben die Schafe von einer Weide zur nächsten. Wir werken an der Schafautobahn. Wir werken in der Werkstatt. Zwischendurch arbeiten der alte Sepp (sorry, Sepp) und ich immer wieder an einer Holzbank aus einer Erle aus dem Wald. Sepp hat sie geplant und lässt mich mittun, weil ich so eine Freude habe. Jetzt wo ich darüber schreibe, merke ich erst wieder, wie sehr ich diese Arbeiten vermisse. Draußen, mit den Tieren und in der Werkstatt.

Vom versalzenen Pudding

Magdalena, mein Wuzi und Mitpraktikantin, und ich machen aus der Schafmilch Pudding. Nachspeise für alle. Christine überlässt uns die Verantwortung über die Küche. Wir rühren und wiegen. Wie nervös einen ein einfacher Pudding machen kann, wenn die ganze Familie zuschaut. Jetzt nur nicht hudeln, aber auch nichts anbrennen lassen. Wo ist denn der Zucker? Ah, da. Hinein damit. Magdalena kostet, bekommt riesige Augen und flüstert mir leicht verzweifelt ins Ohr:

„Mama, der Pudding ist versalzen.“ „Ja genau, Wuzi, verarschen kannst du wen anderen“, sagt’s und kostet ganz entspannt. So deppert können wir schließlich nicht … Okay, können wir doch. Ich lache laut los. „Christine, du hattest ja so deine Zweifel mit der Wienerin am Bauernhof? Wir haben gerade acht Löffel Salz in den Pudding gerührt.“ Das war wohl eine Selffulfilling Prophecy.

Wir sind flexibel

Das trifft am Seegut Eisl auf so viele Momente zu: Als der Rote Blitz nach dem x-ten Gewitter wieder einmal patschnass war, darf ich ins Haus und der Große zu seinem Freund, dem Traktor unters Flugdach ziehen.

Ich lerne in der Käserei, im Wald, auf der Alm, am Campingplatz und im Stall. Und ich lerne, wie man die Messer des Mähwerks mit der Flex schleift. Sepp baut die Messer aus dem Mähwerk aus und erklärt, dass sie stumpf sind. Ich hatte eigentlich Angst vor der Flex. Zu oft im Leben gehört, was ich alles nicht kann. Jetzt erst recht: „Ich möchte das machen.“ Eine Erklärung später stehe ich mit Sepps vollstem Vertrauen mit Flex und Schutzbrille in der Werkstatt und schleife Mähwerkmesser. Man muss sich nur trauen und braucht jemanden, der einem etwas zutraut. Weil mir das Flexen solche Freude macht, holen wir einen besonderen Stein aus dem nahegelegenen Steinbruch. Sepp erzählt mir, dass diese Steine geteilt – auch das geht super mit der Flex – und poliert aussehen, als wären Kühe darüber spaziert und hätten ihre Trittmuster darin hinterlassen. Neugierig fahre ich diesmal größere Geschütze auf: Von der großen Flex bis zum kleinen Polierschwamm sieht dieser Stein in den nächsten Stunden alles. Das Ergebnis ist unglaublich. Bis heute steht dieser Stein mit dem Kuhtrittmuster in meinem Schreibzimmer. In diesem Moment schaue ich ihn an.

Nach fünf verflogenen Wochen und vielen neuen Eindrücken: der Abschied. Er wird unerwartet tränenreich. Denn ich werde diese prägende Zeit und die prägenden Menschen vermissen. Außerdem bekomme ich eine Flex geschenkt. Wir sind flexibel.

Beim Christian Bachler

„Fahr zum Bachler auf den Bergerhof. Der hat einen ähnlichen Hieb wie du.“ Ich weiß nicht mehr, ob Viki, meine steirische Freundin, aus Gründen der Liebe in Wien gelandet, das wirklich so gesagt hat. Aber in meinem Kopf hat die Geschichte so begonnen. Wir stehen in meiner Wiener Wohnung. Gerade von meinen Plänen rund um die Bauern und den Roten Blitz erfahren, sagt die steirische Freundin zum Abschied: „Meiner Mama taugt der voll. Schau’s dir an.“ Ich google. Ich finde eine Website, einen Facebook-Account, viele Likes. Ich kenne den Menschen nicht. Denke mir nichts dabei, schaue – oldschool wie ich bin – zurück auf die Website und schreibe ein E-Mail an Maria und Christian Bachler. Kurz darauf klingelt mein Handy. Wir verstehen uns auf Anhieb gut: der gleiche Humor, kein Um-den-heißen-Brei reden. Nur die Frage „Bist du eh fit?“ bekomme ich irgendwie zuerst in den falschen Hals. „Bitte wos?“ „Wirst für die Alm brauchen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele des net dablosn.“ „Ach so, ja na klar. Kein Thema“, lügt das Stadtkind mit Coronabauch. Christian werden wir später im Buch wieder begegnen, wenn es im Speziellen um seine Schweine geht.

Nach den fünf Wochen bei den Eisls war der Bauch allerdings passé und das Stadtkind mehr als fit. Auf dem Weg vom Wolfgangsee Richtung Steirische Krakau geht dem Blitz die Batterie ein … an einem Samstagnachmittag. Eh kloa. Zum Glück begleitet mich meine beste Freundin ein paar Tage. Ebenfalls rot bebust. Bei 11 Grad und Schnürlregen irgendwo zwischen Gosau und Wolfgangsee lernen wir: Der ÖAMTC hat keine 6-Volt-Batterien. Und sonst eigentlich auch niemand mehr.

Unser junger Freund von den gelben Engeln ist allerdings auch ein Oldtimer-Fan. Also lernen wir, wie man eine 6-Volt-Batterie mit einer 12-Volt-Batterie anstartet, ohne den Starter dabei abzufackeln. Und ohne den Lieblingsmenschen dabei umzubringen … Der Rote Blitz macht einen großen Satz nach vorne. Gang raus oder Kupplung treten beim Anstarten wär’ schon g’scheit. Zum Glück ist sie schnell genug gehüpft, flink und schlank, wie sie ist. So sind die beiden Feuerwehrautos mit einer Delle davongekommen. Bis heute erinnert mich der Depscher in meiner Stoßstange an diesen Schreckensmoment.

Als schließlich doch noch eine neue 6-Volt-Batterie aufgetrieben ist, kann es weitergehen. Die Wege der zwei Feuerwehrautos und uns Freundinnen trennen sich kurz vorm Ennstal wieder. „Jetzt rechts abbiegen“, mault die Google-Maps-Stimme. Ich runzle die Stirn. Aufgrund eines Navigationsfehlers meinerseits treibe ich den Roten Blitz über den Sölkpass Richtung Krakauebene. Dieses „Am Ende der Welt“, von dem ich vorher noch nie gehört habe. Die Bremsen glühen und stinken. Zum ersten Mal steht mir der Angstschweiß auf der Stirn.

Über kaputte Straßen und Schotterwege rumple ich zum höchstgelegenen Bergbauernhof der Steiermark. Maria, Christians Mama, kommt mir entgegen. Sie führt mich ins Haus und in die Küche, vorbei an einem vom Hagel empfindlich versehrten, aber doch wunderschönen Bauerngarten. Vorbei an einem märchenhaften, schindelgedeckten Steinhäuschen, das langsam in sich zusammenfällt. Vorbei an einem Stall, wo Hühner, Schweine, Kühe und Gänse gemeinsam zu leben scheinen. Vorbei an einem im Boden festgewachsenen Automobil. Irgendwie ist alles hin. Aber schön. Mit einem großen Häferl Kaffee in der Hand sitzen wir am Tisch in der Stube. Knisternd macht der Holzherd auf sich aufmerksam. Während ich schreibe, steigt in mir wieder das wohlige Gefühl von Zuhause auf. Knarzend kommt Christian die Holztreppe herunter. Vom sonntäglichen Bauernap. „Hoi“, sagt’s und zieht die Augenbrauen hoch. „Ein neuer Honk also. Oder eigentlich Pocahonkas, um nicht aufs Gendern zu vergessen“, grinst Christian. HONK – Hilfskraft ohne nennenswerte Kenntnis also. Sich das Kreuz wärmend, steht der Bauer an den Holzherd gelehnt da und rührt in seinem Kaffeehäferl.

Apropos Alm und fit

Ich habe auch hier keine Ahnung mehr, wie. Plötzlich waren wir auf der Alm. Über einen geschlängelten, holprigen Weg sind wir mit dem Auto gefahren. Dorthin, wo die Yaks und Kühe grasen. Dort, wo Wanderer im Paradies sind. Dort, wo sich imposant die kitschig schöne Bergwelt erhebt, wo ein eiskaltes, klares Bächlein über ein hölzernes Mühlrad plätschert und die Luft nach Heu und Sommer riecht. Dort, wo man vor lauter Kitsch und Idyll Christians Geschichten gar nicht glauben möchte.

Wir haben auf der Suche nach Yaks und Kuhherde schon ein paar steile Höhenmeter erkraxelt. Schnaufend kommen wir (ich) neben einem Bach zum Stehen. Während ich meine Puste suche, erzählt Christian vom Klimawandel. Okay, das Klima ändert sich. Kuhl. Wissen wir. Doch es betrifft viele von uns scheinbar nicht. Für mich wird es hier zum ersten Mal greifbar. Be-greifbar. Auf der Alm, hier neben Christian, Kühen, Bach und Höhenmetern betrifft es mich plötzlich. Zum ersten Mal. Christian erzählt von den Yaks, den Kühen und den ausgetrockneten Bächen der letzten heißen Sommer. Durstig trinken die Tiere aus den Lacken, die sie noch finden. Dort drin wohnt der Leberegel. Den schlürfen sie mit und werden krank. Durch diesen Egel verhungern sie vorm vollen Buffet. Man erkennt die Ursache oft erst, wenn es zu spät ist. Ja, man kann präventiv behandeln, sodass sich der Egel nicht einnisten kann. Aber frag mal einen Yak, wie kuhl es das findet. Der Leberegel ist mit der Wärme gekommen, erzählt Christian.

Weitergehend kommen wir bald in richtig steiles Gelände. Ich schnaufe. „Da wäre man doch gleich gerne eine Kuh. Die haben Allrad. Ist durchaus von Vorteil in dem Gelände, ne?“, werde ich angegrinst. Wir erreichen die Zirben. Die mystischen Bäume mit den Schnaps-Zapfen haben braune Nadelspitzen und schauen eher matschig als mystisch aus der Wäsche. Hier auf über 2.000 Meter Seehöhe war es einfach zu lange zu heiß.

Nach dem Kühefinden und Zaunbauen in – ich schwöre – senkrechtem Gelände sitzen wir auf einem Stein. Mit Schnaps und Mannerschnitten, mit Blick auf die Berge und das Bächlein ganz unten im Tal. Wir reden über Gott und die Welt. Über Landwirtschaft und ein System, in dem aus unserer Sicht viel schiefläuft. Eines, in dem wir uns beide machtlos fühlen, aber trotzdem was tun wollen. Etwas ändern. Etwas bewegen. Etwas aufbauen. Am Abend nach mehr Schnaps, Schnitten und Gesprächen sind wir Freunde. Zwei Gleichgesinnte. Systempunks. Wir verstehen uns. Vielleicht zum ersten Mal fühle ich mich nicht allein mit vielen meiner Gedanken. Akzeptiert, genau so, wie ich halt bin.

Mir fällt es schwer, diese Zeilen zu schreiben. Seit diesem Tag im Juli 2020 ist viel passiert. Vieles hat sich geändert. Die Geschichte von Christian Bachler ist hinreichend dokumentiert. Wenn dieses Buch erscheint, wird es bereits ein Buch und einen Kinofilm über ihn geben. Aber das für mich Wichtigste und Auschlaggebendste fehlt dabei: Kennt ihr das Gefühl, wenn man einfach sein kann, wie man ist, und sich dabei wohlfühlt? Irgendwie vollkommen frei. Dieses Gefühl hatte ich am Bergerhof. Dieses Gefühl haben mir alle Menschen dort gegeben. Alle irgendwie schräg und alle halt so, wie sie sind. Christian hat mich in dem bestärkt, was ich tue: dem Brückenbauen, dem Geschichtenerzählen. Er hat meine melange.in.gummistiefeln gepusht. Mir Mut gemacht, wenn Gegenwind kam. War ein Sparringspartner, wenn ich mich machtlos und wütend gefühlt habe, in einem System, das ich von innen verändern wollte, und das Gefühl des Scheiterns nicht losgeworden bin. Er hat mich rauskatapultiert aus meinem „Alles-so-leiwand-in-der-Landwirtschaft“-Pressesprecherinnen-Denken und -Reden. Hin zu: „Okay, nicht immer alles so leiwand. Halten wir da doch mal den Finger drauf. Sagen wir doch mal was. Aber das Problem anzuprangern alleine reicht nicht. Man muss auch Lösungen suchen.“ Für all das bin ich ihm sehr dankbar.

Der Christian Bachler, den ich kenne, ist stur, aber klug, schräg und immer für einen da, oft dagegen, aber trotzdem lösungsorientiert, ein Punk und ein Freund.

Durchs Reden kommen die Leut’ zamm

„Die Oide musst du dir anschauen“, sagt Christian zu Willy. Die beiden waren damals schon lange Freunde. Willy ist Christian als Airbnb-Gast quasi zugelaufen. Auch die beiden hatten stundelange Gespräche und Diskussionen über Landwirtschaft, Klimawandel, Essen und Gesellschaft. Gespräche zwischen Städter und Bauer. Der Mann hat ein Muster.

Ich weiß nicht, ob Christian den Satz mit der Oiden jemals so gesagt hat, aber wenn eine Geschichte mal überliefert ist … Jedenfalls steht plötzlich ein Mann mit Wiener Kennzeichen und weißen (!) Sneakern am Bergerhof. Gelernter Koch, Sozioökonom und dem Kennzeichen zum Trotz eigentlich Salzburger. Seine Kindheit hat er nur einen Berg weiter im Salzburger Lungau verbracht, wo er immer bei seinen Großeltern war. Über den Berg hat er es erst ein paar Jahrzehnte später geschafft. Sosehr er das Essen liebt, wirklich zu beschäftigen scheinen ihn die Menschen. Sozioökonom halt, und manchmal leicht verkopft. Aber ja. Bei dem einen oder anderen Soda Zitron unterbreiten mir die beiden die Idee von BauertothePeople, die da schon ein Weilchen gärte. Ein Ort, der durchs Reden die Menschen rund um Essen und Landwirtschaft wieder zusammenbringen will. Eine Plattform. Ich spitze die Ohren und lausche gespannt. Weil Willy Podcasts liebt und ihn sein Freund Simon auf die Idee gebracht hat, diese nicht nur zu hören, sondern auch zu machen, hat er sich bereits mit Mikros und Mischpult ausgerüstet. Dann haben wir geredet. So hat alles irgendwie angefangen damals.

Willys Weg

Ich finde das mit den vielen bunten Fäden, wie ich es in mein Profil auf unserer Website geschrieben habe, schon irgendwie sehr passend. Ich habe in meinem Leben viele unterschiedliche Dinge gemacht. Für sich genommen viele einzelne Fäden in unterschiedlichen Farben. Dass da ein Plan dahintersteckt, habe ich selbst lange nicht gewusst. Meine Geschichte fängt nicht wirklich irgendwo an, die hat sich so ergeben.

Planlos bin ich ganz sicher ins Leben gestartet. Die Brille, durch die ich anfangs auf meine Welt geschaut habe, hab ich lange nicht wirklich hinterfragt, wieso auch. Obwohl, meine Brille habe ich sogar sehr oft hinterfragt, also meine echte Brille und den Namen des Trägers. Als Wilhelm mit Brille hat man es als Kind nicht immer leicht. Besonders in einer Zeit, in der die Biene Maya und der Helmi das Kinderprogramm dominierten. Gleichzeitig! Der faule Willy und der Helmi, von hinten und von vorne wurde ich bearbeitet, ein Qualindrom. Ich habe meinen Eltern aber inzwischen vergeben. Meinem Vater für die Idee und meiner Mutter, dass sie ihn nicht aufgehalten hat. Inzwischen bin ich aber darüber hinweg. Je älter man wird, desto mehr nähern sich Name und Träger jedoch an. Gebt mir noch 20 Jahre, dann … Das hat jetzt aber nicht wirklich etwas mit dem Buch zu tun, oder? Na ja, wer weiß das schon so genau.

Koch hab ich gelernt, war aber nicht meins. Außer das Essen selbst, das hab’ ich gemocht. Aber ich habe gelernt, dass man fertig macht, wenn man etwas anfängt. Auch wenn es dich drei Jahre lang fertig macht. So hat man mir das erzählt. Die Guten ziehen es durch, und da wollte ich natürlich dabei sein.

Ich hab immer die „Salzburger Nachrichten“ gelesen, weil ich in Salzburg war. Und weil mein Vater immer die „Salzburger Nachrichten“ gelesen hat. Dann hab ich mir irgendwann mal im Ruhigen und ganz für mich allein eingestanden, dass ich vieles, was da drin steht, zwar lesen kann, aber das meiste davon nicht wirklich verstehe. Die Lehre war abgeschlossen, ich ein paar Jahre älter, aber ähnlich planlos wie davor. Also, wer die Zeitung nicht versteht, muss die Matura nachmachen und vielleicht sogar studieren, haben sie gesagt. Hat aber alles nichts geholfen, also nicht wirklich. Ich versteh das, was in der Zeitung steht, bis heute nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Tatsächlich hat mich das Studium sehr verändert. Soziologie, dann Sozioökonomie. Brotlos, haben sie gesagt. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich während des Studiums oft vom Studium überfordert war. Die Soziologen haben mich mit ihren Fachbegriffen chronisch überfordert, die Volkswirte mit ihren Formeln und den vielen Ceteris-Paribussen, die da herumfuhren. Es hat mir aber dabei geholfen, meine Gedanken ein wenig zu strukturieren und an meine Fragen, die mich irgendwie immer schon quälen, ein wenig systematischer und mit mehr Abstand heranzugehen. Ihr werdet noch merken, was ich meine (kleine Drohung vorweg).

Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen. Das tun Paare jeden Tag, und es ist meist besser, als wenn man sich aufgrund irgendwelcher Regeln mit aller Gewalt zusammenquält. Ich denke jedoch rückblickend, dass in dieser Zeit jene Fragen entstanden sind, denen ich seither mit großem Interesse nachstöbere. Warum verhalten wir uns so, wie wir uns verhalten? Warum handeln wir? Was ist Identität, und wie kommt sie zustande? Wie funktioniert Gesellschaft? Jaja, ich weiß, große Fragen. Der Ausgangspunkt war aber unscheinbar: Jeder verarbeitet Ereignisse auf seine Art und Weise, ich damals halt auf meine. Als Kind wollte ich mich entweder für den Papa oder für die Mama entscheiden. Einer musste doch recht haben, und einer musste folglich auch schuld an allem sein. Also, logische Vorgangsweise: Man fragt bei Mama und Papa nach, wer es denn jetzt verbockt habe, und dann entscheidet man. Überraschenderweise kam es im Zuge der Befragung zu unterschiedlichen Antworten. Das war jedoch gar nicht möglich, konnte es doch nur einen Grund für die Trennung geben. Später habe ich dann verstanden, dass beide recht hatten. Und mit diesem weltgeschichtlich beiläufigen, für mich aber wesentlichen Fehler in der Matrix hat irgendwie alles begonnen. Zumindest glaub ich das, könnte jedoch auch Blödsinn sein. Zumindest aber „Educated Blödsinn“ mit biografischen Wurzeln.

Wenn ich heute Dinge höre, wie „die Konsumenten“ sind an allem schuld oder „die Bauern“ oder wer auch immer, dann triggert das etwas in mir, und ich muss genauer hinsehen. Als Kind, als Jugendlicher und später als Erwachsener habe ich meine Eltern immer besser verstanden und auch gelernt, sie als normale Menschen zu betrachten. Wer jetzt denkt, das ist gravierend naiv von mir, möge sich mal Zeit für diesen Gedanken nehmen. Diese Menschen aus der Rolle der Eltern herauszulösen und sie nur als „People“ zu betrachten, ist gar nicht so einfach.

Mein Vater hat seine Geschichte, meine Mutter die ihre. So wie jeder von uns. Und je besser man die Geschichten der Menschen kennenlernt, desto besser kann man diese Menschen oft verstehen, Entscheidungen nachvollziehen und irgendwie für sich einordnen. Mir hat das jedenfalls sehr geholfen, und vor allem hat sich mit der Zeit die anfängliche Schuldfrage immer mehr erübrigt. Das hat in meinem Fall funktioniert, geht aber natürlich nicht immer, das ist schon klar.

Mich hat das in meinem Nachdenken sehr geprägt. Würzt man das Ganze noch mit ein wenig Sozioökonomie, Gastronomie, der Nachhaltigkeits-Bubble und einem spannend-bunten Erwerbsleben, dann kommt eine, in dem Fall meine, Identität heraus.

Dass meine Identität dann vor ein paar Jahren beim Christian gelandet und daraus später irgendwie BauertothePeople entstanden ist, war reiner Zufall. Der Typ war auf Airbnb, hatte ein Foto mit Radhelm, nette Fotos von Tieren, liebe Bewertungen, und es wirkte alles sehr einfach und angenehm ungekünstelt. Dass sich dann 2020 mit Corona und Kurzarbeit auch noch Zeit und Gelegenheit boten, war in meinem Fall Glück im Unglück. Das Homeoffice wurde dann oft durch das Hof-Office ausgetauscht, Wien durch die Krakau. Am Vormittag Büro- und am Nachmittag Bauernhof-Dinge. Am Abend Soda Zitron, Hopfen-Smoothies und hin und wieder ein Bier bei unzähligen Diskussionen zwischen People und Bauer. Durchs Reden kommen halt die Leut’ zamm – und geredet und diskutiert wurde viel, zusammengekommen sind auch viele.

Gegensätze ziehen sich an, heißt es oft. Ebenso oft sagt man auch:

Gleich und gleich gesellt sich gern. Beides hab ich am Bergerhof erlebt, also stimmt beides. Manchmal. In meinem Fall. Man kann sich je nach Gelegenheit aussuchen, welcher Spruch gerade passt. In der Soziologie hab ich für sowas den Begriff der Tautologie gelernt. „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, dann ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist“, stand damals exemplarisch in meinen Unterlagen. Ist doch irgendwie bezeichnend, dass es für so viele Regeln die passende Gegenregel gibt.

Wir könnten sagen, dass sie sich gegenseitig aufheben. Wir könnten aber auch behaupten, dass sie beide gelten. Die klassisch unbefriedigende Antwort, die uns möglicherweise auch in diesem Buch noch unterkommen wird, lautet: Es kommt drauf an.

Und so kam es, dass ein gefühlt 1,30 m großes und mindestens 2,60 m lautes „Es-kommt-drauf-An“ mit einem gefühlt maximal 25 km/h schnellen und irgendwie schwerfällig der Gravitation trotzenden roten Feuerwehr-Bus denselben Bauern heimsuchte, dem auch ich ein paar Jahre zuvor zufällig „zugelaufen“ war. Der Umstand, dass wir uns dort kennengelernt haben und vor allem auch erhalten geblieben sind, liegt daran, dass uns sehr viel verbindet. Die Liebe zum Essen sei dabei an erster Stelle genannt. Gleich und gleich gesellt sich gern, also.

Bei allem, was uns verbindet, werdet ihr in diesem Buch auch deutlich herauslesen, worin wir uns unterscheiden. Wir haben oft völlig unterschiedliche Zugänge zum Thema und sind in der Art, wie wir sie am liebsten kommunizieren möchten, im besten Fall gelegentlich einer Meinung. Ob wir streiten? Ja, ja und ja! Die Fetzen fliegen sogar regelmäßig, weil wir uns bei ein paar Themen einfach nicht einig werden wollen. Da haben wir einfach unterschiedliche Perspektiven. Also doch die Gegensätze?

„Der Willy sagt immer“, sagt die Bianca, „dass er ‚die Leut‘ nicht mag, was aber so nicht stimmt, er mag sie sogar sehr. Er steht halt beim Drüber-Nachdenken oft irgendwie an, finde ich, und hat dann temporär die Tendenz zum Pessimisten.“ Sagt die Bianca. Ich finde, das kann schon sein. Die Bianca, bin ich mir sicher, ist eher das Gegenteil. Sie ist, sagt sie selbst, die nur ganz selten frustrierte Optimistin, die, sage ich ihr immer wieder, gerne auf der Bühne steht, gerne erzählt und viel zugänglicher ist als der mürrische „Wilhelm“. „Wilhelm“ sagt sie zu mir, wenn sie sich wieder mal über mich ärgert.

Sie sagt oft Wilhelm. Finde ich.

Der gemeinsame Weg

Zwei Ziele haben wir uns fortan gesetzt:

1 ) Die Menschen rund um Essen und Landwirtschaft wieder zusammenzubringen und

2 ) uns dabei nicht gegenseitig zu erwürgen.

Beide Ziele sind nach wie vor erreichbar.

Wir haben in den vergangenen 1,5 Jahren auch bemerkt, dass es extrem schwierig ist, die ganze Idee hinter BauertothePeople in wenigen Worten zu erklären. Gut, jetzt haben wir ein Buch lang Zeit.

Wir wollen euch mitnehmen hinter die Kulissen, zu denen, die unser Essen machen, und auch bei euch diese Ahaa!-Momente auslösen, die wir selbst so oft hatten. Wir wollen euch beziehungsweise uns wieder näher zammbringen. Wir sind die Plattform für die vielen Geschichten rund um Essen, Menschen und Landwirtschaft. Ungeschminkte und ungeschnittene Geschichten. Ehrlich und bodenständig, witzig und integer. Die Geschichten werden von jenen erzählt, denen sie gehören. Unser Job ist es, sie an einem Ort zu sammeln und allen zur Verfügung zu stellen. Open Source halt.

Aber es geht eben nicht „nur“ darum, Geschichten über Essen oder Landwirtschaft zu erzählen und euch mit hinter die Kulissen zu nehmen. Wir möchten mit unserer Arbeit vor allem auch ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig es ist, dass wir uns als Gesellschaft nicht voneinander wegbewegen, sondern stattdessen zammhalten. Das Interesse füreinander, das Wissen übereinander und das Reden miteinander sind letztlich der Kitt, der das Ding im Innersten zusammenhält. Und das gilt sicherlich nicht nur für jene Themen, mit denen wir uns in diesem Buch beschäftigen. Aber lest, hört und seht einfach selbst und lasst uns reden.

Weil: Durchs Reden kommen die Leut’ zamm!

LEIT HOIT’S ZAMM,

SONST DAUERT’S NIMMA RECHT LANG

AUF OAMOI DUAD’S AN G’SCHEITN SCHEBERER

UND DANN KRACHT OIS ZAMM!

(Haindling & B2P-Podcast-Jingle)

AHAA!

ZAHLEN, DATEN, FAKTEN

Rund 60 Kilo Weizen essen wir jedes Jahr in Form von Nudeln, Brot und sonstigen Teig- und Backwaren. Ein großer Teil unserer Ackerflächen wird für Tierfutter gebraucht. Aber wo fängt die Geschichte an, und was hat es mit unseren Äckern, Feldern und unserem Getreide auf sich?

Auf langen Autofahrten brausen sie in wilden Strichen vorbei. Beim Spazierengehen auf Feldwegen lassen wir sie links liegen. Bei Radausflügen mit den Kindern genießen wir das sanfte Grün im Frühjahr. Im Flugzeug sitzend schauen wir nach unten und sehen eine bunt gekachelte Oberfläche. Was wir da sehen, aber meist nicht wahrnehmen, sind Felder. Äcker. Es gibt sie fast auf der ganzen Welt. Bei uns hat es erst klick gemacht, als wir zum ersten Mal mit einem Spaten in der Hand auf so einem Acker gestanden sind. Davor haben wir unser ganzes Leben lang diese bunten Kacheln, dieses Grün, diese Äcker nicht mit unserem Essen, nicht mit Brot und schon gar nicht mit einem Schwein oder einem Huhn in Verbindung gebracht. Dann stehen wir plötzlich mit unserem Spaten dort zwischen den sich im Wind wiegenden Halmen, mitten im Weizenfeld. Aus der Flugzeugperspektive zoomt es auf uns und unsere Schaufel mitten im Acker. Auf die Erde, die unterm Spatenstich knirscht und zwischen den Fingern zerbröselt. Auf den Boden voller Lebewesen. Das bisschen Erde in unserer Hand ist ein ganzer Kosmos an Leben, Tieren, Wurzeln und Humus. Dieser Boden ist die Basis, auf der unsere Zivilisation aufbaut. Dort stehen wir nun und beginnen im Ansatz den Kreislauf des Lebens zu begreifen.

Eine kurze Geschichte des Ackerbaus

Oder viel eher, eine kurze Geschichte der Landwirtschaft. Als das Klima am Ende der letzten Eiszeit milder und wir Menschen mehr wurden, hat sich plötzlich alles geändert. Damals gab es nicht mehr genug zu jagen und zu sammeln. Deshalb sind wir vor über 11.000 Jahren auf die Idee gekommen, mit einfachen Hacken aus Wald und Wiesen die ersten Äcker anzulegen. Wir haben die Samen von wildem Getreide gesammelt, um sie dort auszusäen. Von der Ernte haben wir immer die Gräser mit den größten und meisten Samen aufgehoben und mit ihnen weitergemacht. Diese Sesshaftwerdung der Menschen – weg vom Jäger und Sammler hin zum Bauern – hat sich an mehreren Orten auf der Welt fast gleichzeitig vollzogen. Als wir Menschen mit der Landwirtschaft angefangen haben, um das Mehr an Menschen auf unserer Welt zu ernähren, da hat sich die ganze Welt geändert.

Als wir sesshaft und von Nomaden, Jägern und Sammlern zu Bauern wurden, bedeutete das eine große Umwälzung in unserer Lebensführung. Damals, als die erste Bäuerin den Grundstein für unseren Weizen, unseren Mais, unsere Hirse gelegt hat. Überall auf der Welt wurde etwas anderes angebaut, je nach Klima. Plötzlich hatten wir ein Territorium, das es zu verteidigen galt. Plötzlich hatten wir Äcker und Tiere. Plötzlich hatten wir Häuser. Plötzlich ist unser Speiseplan sehr einseitig geworden. Plötzlich lebten viele Menschen dauerhaft an einem Ort. Es gab Vorräte und noch mehr Menschen. Es entstanden Krankheiten und unsere Gesellschaft hat sich spezialisiert. Jetzt waren nicht mehr alle mit der Nahrungsbeschaffung beschäftigt. Während ein Teil der ersten Siedler das erste Getreide angebaut hat, konnten sich andere auf das Häuserbauen spezialisieren, wieder andere auf das Töpfern, wieder andere auf das Herstellen von Werkzeugen. Der Samen unserer Zivilisation war gesät. Das war der Urknall unserer Kulturen und Gesellschaftssysteme. Das war aber auch der erste Schubs voneinander weg, oder anders gesagt der Ursprung davon, dass unsere Welt heute so ist, wie sie ist: arbeitsteilig, spezialisiert. Und auch entfremdet. Hier wurzelt aber gleichzeitig unser heutiges Anliegen: diesem Urknall entgegenzuwirken und wieder näher zusammenzukommen. Nicht zurück auf die Bäume, nein. Einfach nur wieder näher zusammen.

Spezialisierungen haben dazu geführt, dass unsere Werkzeuge immer besser wurden. Wir konnten immer größere Flächen beackern. In der Antike haben wir Bewässerungssysteme ausgeklügelt, damit zu unterschiedlichen Jahreszeiten Felder bewirtschaftet werden konnten. Die Landwirtschaft breitete sich aus. Getreide wurde zur Nahrungsgrundlage für ganze Gesellschaften, ja Zivilisationen. Weizen in Europa, Reis in Asien, Sorghumhirse in Afrika und Kartoffeln und Quinoa in den Andenregionen.