Beschreibung

Als sie Travis begegnet, ist nichts mehr wie zuvor. Abby fühlt sich unwiderstehlich von ihm angezogen, obwohl er alles ist, was sie nicht will: ein stadtbekannter Womanizer, arrogant, unverschämt – aber leider auch unverschämt sexy. Abby lässt sich auf eine Wette mit ihm ein und gerät in einen Strudel aus Zuneigung und Zurückweisung, Hingabe und Leidenschaft, der beide bis an ihre Grenzen treibt …

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Für die Fans, deren Begeisterung für eine Geschichte aus einem Wunsch dieses Buch gemacht hat

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96240-7

© 2011 Jamie McGuire Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Beautiful Disaster«, Simon and Schuster, London 2012 Deutschsprachige Ausgabe: © 2013 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: Hafen Werbeagentur Umschlagmotiv: PM Images / Getty Images (Glas), Neo Edmund / Shutterstock (Schmetterling), BW Folsom / Shutterstock (Hintergrund)

1. KAPITEL

Rotes Tuch

Alles in dem Raum schrie mir entgegen, dass ich dort nicht hingehörte. Die Stufen bröckelten ab, die Leute standen Schulter an Schulter, es stank nach einer Mischung aus Schweiß, Blut und Schimmel. Die Stimmen verschwammen, während mit wedelnden Armen pausenlos Zahlen und Namen durcheinandergerufen wurden. Geld wechselte den Besitzer, und man versuchte, sich mit Gesten zu verständigen. Ich schob mich durch die Menge, meiner besten Freundin dicht auf den Fersen.

»Lass dein Geld im Portemonnaie, Abby!«, rief America mir zu. Ihr breites Lächeln strahlte selbst in dem schummrigen Licht.

»Zusammenbleiben! Das wird noch schlimmer, wenn es erst losgeht!«, schrie Shepley über den Lärm hinweg. America griff nach seiner Hand und dann nach meiner, und so ließen wir uns von ihm durch die Menschenmasse lotsen.

Das schrille Geräusch eines Megafons gellte durch die verrauchte Luft. Ich erschrak, zuckte zusammen und hielt nach der Lärmquelle Ausschau. Ein Mann war auf einen Holzstuhl gestiegen, in einer Hand ein Bündel Geldscheine, in der anderen das Megafon. Er hielt das Plastik dicht an seine Lippen.

»Willkommen zum Blutbad! Falls du auf der Suche nach der Einführungsvorlesung Betriebswirtschaft bist … dann bist du hier verdammt falsch, mein Freund! Wenn du aber den Circle suchst, dann ist das hier dein Mekka! Mein Name ist Adam. Ich mache die Regeln und rufe den Beginn des Kampfes aus. Das Wetten hat ein Ende, sobald die Kontrahenten am Boden sind. Kein Berühren der Kämpfer, keine Hilfen, kein Ändern der Wetten mehr und kein Eingreifen in den Ring. Sollte einer diese Regeln brechen, prügeln wir ihn windelweich und werfen ihn hochkant und ohne sein Geld raus! Das gilt auch für euch, Ladys! Also verlasst euch nicht auf eure Schlampen, um das System auszutricksen, Jungs!«

Shepley schüttelte den Kopf. »Mein Gott, Adam!«, brüllte er über den Lärm hinweg dem Moderator zu. Er war mit der Wortwahl seines Freundes sichtlich unzufrieden.

Mir hämmerte das Herz in der Brust. Mit meiner pinkfarbenen Kaschmirstrickjacke und den Perlenohrringen fühlte ich mich in etwa so deplatziert wie eine Grundschullehrerin bei der Landung der US-Truppen in der Normandie. Ich hatte America zwar versprochen, mit allem zurechtzukommen, was uns widerfahren mochte, aber auch an Ground Zero hatte ich ihren Arm, der so dünn war wie ein Zahnstocher, mit beiden Händen umklammert. Sie würde mich sicher nicht absichtlich in Gefahr bringen, aber in diesem Keller mit etwa fünfzig betrunkenen Collegestudenten, die auf Blut und Wettgewinne aus waren, fehlte mir ein bisschen die Zuversicht, dass wir unbeschadet davonkommen würden.

Nachdem America Shepley bei einer Einführungsveranstaltung für Studienanfänger kennengelernt hatte, begleitete sie ihn oft zu den Kämpfen, die in unterschiedlichen Kellern der Eastern University ausgetragen wurden. Jedes Event fand an einem anderen Ort statt und wurde bis eine Stunde vor Beginn geheim gehalten.

Weil ich mich ansonsten in deutlich harmloseren Kreisen bewegte, staunte ich nicht schlecht, als ich von dieser Unterwelt an der Eastern erfuhr. Shepley hatte davon schon vor seiner Immatrikulation gewusst. Sein Zimmergenosse und Cousin Travis hatte seinen ersten Kampf vor sieben Monaten absolviert. Obwohl er noch Studienanfänger war, hieß es über ihn, er sei der tödlichste Gegner, den Adam in den drei Jahren seit Gründung des Circle je erlebt habe. Mit Beginn seines zweiten Studienjahrs galt Travis als unschlagbar. Aus den Gewinnen bestritten er und Shepley locker ihre Miete und die Nebenkosten.

Adam hob das Megafon wieder an seine Lippen, und das Geschrei und Gerangel wurden noch heftiger.

»Heute Abend begrüßen wir einen neuen Herausforderer! Den Star der Ringermannschaft der Eastern, Marek Young!«

Jubel brandete auf, dann teilte sich die Menge wie das Rote Meer, als Marek eintrat. Eine kreisförmige Fläche wurde frei gemacht, dann pfiffen und johlten alle und riefen dem Herausforderer Scherze zu. Der hüpfte auf und ab, ließ den Kopf kreisen und machte ein ernstes, konzentriertes Gesicht. Die Menge wurde leise, bis nur noch ein tiefes Brummen zu hören war, und meine Hände schossen an meine Ohren, als aus riesigen Lautsprechern an der anderen Seite des Kellers plötzlich Musik aus großen Boxen schallte.

»Unser nächster Fighter braucht keine Vorstellung, aber weil ich mich so vor ihm fürchte, dass ich mir fast in die Hose scheiße, soll er trotzdem eine bekommen! Erzittert, Jungs, lasst die Höschen fallen, Mädels! Ich präsentiere euch: Travis ›Mad Dog‹ Maddox!«

Der Geräuschpegel explodierte förmlich, als Travis im Türrahmen auf der anderen Seite des Raumes auftauchte. Er trat mit nacktem Oberkörper, aber entspannt und ungerührt ein. Dann schlenderte er in die Mitte des Rings wie jemand, der bloß an seinem alltäglichen Arbeitsplatz auftaucht. Sehnen und Muskeln zeichneten sich unter seiner tätowierten Haut ab, als er mit seinen Fäusten gegen Mareks Knöchel stieß. Er beugte sich vor, flüsterte Marek etwas ins Ohr, woraufhin der Ringer Mühe hatte, seine undurchdringliche Miene beizubehalten. Marek stand unmittelbar vor Travis, und die beiden starrten sich direkt in die Augen. Mareks Gesichtsausdruck war mörderisch, während Travis leicht amüsiert wirkte.

Dann traten die Jungs jeweils ein paar Schritte zurück, und Adam gab durch sein Megafon das Startsignal. Marek nahm eine defensive Haltung ein, Travis griff an. Ich stand auf den Zehenspitzen, als man mir plötzlich die Sicht versperrte. Ich beugte mich von einer Seite zur anderen, schob mich näher heran und schlüpfte durch die schreiende Menge. Ellbogen trafen meine Rippen, und Schultern stießen mich an. Ich wurde herumgeschubst wie eine Kugel in einem Flipper. Endlich konnte ich zumindest wieder die Hinterköpfe der Kontrahenten sehen und schob mich noch weiter vorwärts.

Als ich schließlich die vorderste Reihe erreicht hatte, packte Marek Travis gerade mit seinen dicken Armen und versuchte, ihn zu Boden zu werfen. In dieser Abwärtsbewegung rammte ihm Travis sein Knie ins Gesicht. Bevor Marek sich von dem Treffer erholen konnte, stürzte Travis sich auf ihn und ließ seine Fäuste wieder und wieder auf Mareks blutiges Gesicht niedergehen.

Fünf Finger krallten sich in meinen Arm, und ich sprang entsetzt zurück.

»Was zum Teufel machst du da, Abby?«, fuhr Shepley mich an.

»Ich konnte von da hinten nichts sehen«, rief ich ihm zu.

Ich drehte mich gerade rechtzeitig wieder nach vorn, um zu sehen, wie Marek einen anständigen Treffer landete. Travis taumelte, und einen Moment lang glaubte ich, er habe einen weiteren Schlag einstecken müssen, doch er drehte sich einmal um sich selbst und rammte seinen Ellbogen mit voller Wucht gegen Mareks Nase. Blut spritzte mir ins Gesicht und über meine Jacke. Marek fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Betonboden, und einen kurzen Moment lang herrschte absolute Stille.

Dann warf Adam einen viereckigen roten Stofffetzen auf Mareks schlaffen Körper, und die Menge explodierte. Bargeld wurde herumgereicht, und es gab zufriedene wie auch frustrierte Gesichter.

Ich wurde von der sich bewegenden Menge hin und her gestoßen. Von irgendwo weit hinten rief America meinen Namen, aber ich war von den roten Spuren, die mir von der Brust bis zur Taille reichten, wie hypnotisiert.

Ein Paar schwerer schwarzer Stiefel trat vor mich und lenkte meine Aufmerksamkeit Richtung Boden. Dann wanderte mein Blick an ihnen hinauf. Blutbefleckte Jeans, deutlich herausgearbeitete Bauchmuskeln, eine nackte, tätowierte, schweißüberströmte Brust und schließlich ein Paar warmer, brauner Augen. Ich bekam einen Stoß in den Rücken, und Travis fing mich auf.

»Hey! Haltet mal ein bisschen Abstand von ihr!« Travis runzelte die Stirn und stieß alle in meiner Nähe zurück. Seine finstere Miene wurde zu einem Lächeln, als er auf meine Jacke schaute. Dann tupfte er mein Gesicht mit einem Handtuch ab. »Tut mir leid, mein Täubchen.«

Adam tätschelte Travis den Hinterkopf. »Komm schon, Mad Dog! Auf dich wartet ne Menge Kohle!«

Travis ließ meinen Blick nicht los. »Verdammt schade um die schöne Jacke. Die steht dir.« Im nächsten Moment war er von Fans umringt und verschwand so, wie er gekommen war.

»Was hast du dir bloß dabei gedacht, Dummerchen?«, schimpfte America und zog an meinem Arm.

»Ich bin doch gekommen, um mir einen Kampf anzusehen, oder nicht?«, sagte ich grinsend.

»Du dürftest nicht mal hier sein, Abby«, tadelte mich Shepley.

»America aber auch nicht«, entgegnete ich.

»Sie versucht aber wenigstens nicht, in den Ring zu springen!« Er machte ein finsteres Gesicht. »Lasst uns abhauen.«

America lächelte mir zu und wischte über mein Gesicht. »Du bist so eine Nervensäge, Abby. Aber meine Güte, ich liebe dich!« Sie legte einen Arm um meinen Hals, und so traten wir zusammen hinaus in die dunkle Nacht.

America begleitete mich noch auf mein Zimmer im Studentenwohnheim und grinste meine Zimmergenossin Kara an. Ich schlüpfte sofort aus der blutigen Jacke und warf sie in den Wäschekorb.

»Du lieber Himmel. Wo wart ihr denn?«, fragte Kara von ihrem Bett aus.

Ich warf einen Blick zu America, die mit den Achseln zuckte. »Nasenbluten. Hast du noch nie eine von Abbys berühmten Nasenblutattacken erlebt?«

Kara setzte ihre Brille auf und schüttelte den Kopf.

»Ach, das kommt schon noch.« Sie zwinkerte mir zu und schloss dann die Tür hinter sich. Weniger als eine Minute später ertönte mein Handy. Wie immer hatte America mir, schon Sekunden nachdem wir uns getrennt hatten, eine SMS geschickt.

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Ich schielte zu Kara, die mich ansah, als könne es jeden Moment aus meiner Nase zu sprudeln beginnen.

»Sie hat nur gescherzt«, sagte ich.

Kara nickte vage und wandte sich wieder den Büchern zu, die auf ihrem Bett ausgebreitet lagen.

»Ich geh wohl besser mal duschen«, beschloss ich und griff mir ein Handtuch und meinen Kulturbeutel.

»Und ich werde die Medien informieren«, erwiderte Kara trocken, ohne den Kopf zu heben.

Am nächsten Tag stießen Shepley und America beim Mittagessen zu mir. Ich hatte vorgehabt, allein zu sitzen, aber während immer mehr Studenten in die Cafeteria strömten, füllten sich die Plätze um mich herum mit Shepleys Kumpeln aus der Fraternity, seiner Studentenverbindung, oder dem Footballteam. Einige von ihnen waren auch bei dem Kampf dabei gewesen, aber niemand erwähnte mein Erlebnis am Ring.

»Shep«, rief jemand im Vorübergehen.

Shepley nickte, und America und ich drehten uns beide zu Travis um, der sich in diesem Moment an den Tisch setzte. Ihm folgten zwei üppige, wasserstoffgebleichte Blondinen, die T-Shirts mit dem Emblem der Sigma Kappa Sorority trugen. Eine setzte sich auf Travis’ Schoß, die andere ließ sich neben ihm nieder und fummelte an seinem Shirt herum.

»Ich glaube, mir ist gerade ein bisschen was hochgekommen«, murmelte America.

Die Blondine auf Travis’ Schoß fuhr zu America herum: »Das hab ich gehört, du Schlampe.«

America griff nach ihrem Brötchen und warf es über den Tisch, wobei sie das Gesicht des Mädchens nur knapp verfehlte. Bevor die noch ein Wort sagen konnte, zog Travis seine Knie auseinander und ließ sie auf den Boden plumpsen.

»Autsch!«, quiekte sie und schaute zu Travis hoch.

»America ist eine Freundin von mir. Da musst du dir wohl einen anderen Schoß suchen, Lexie.«

»Travis«, jammerte sie und rappelte sich hoch.

Doch Travis richtete seine Aufmerksamkeit danach ausschließlich auf seinen Teller und ignorierte sie. Die Blondine sah ihre Schwester an, schnaubte, und dann zogen die beiden Hand in Hand ab.

Travis zwinkerte America zu und schob sich, als wäre nichts gewesen, den nächsten Bissen in den Mund. Da bemerkte ich den kleinen Riss über seiner Augenbraue. Er wechselte noch einen Blick mit Shepley und begann anschließend eine Unterhaltung mit einem der Footballspieler, der ihm gegenübersaß.

Die Reihen lichteten sich bereits wieder, aber America, Shepley und ich blieben noch sitzen, um Pläne für das Wochenende zu schmieden. Travis stand auf, wohl um auch zu gehen, blieb dann aber an unserem Ende des Tisches noch mal stehen.

»Ja?«, fragte Shepley laut und hielt eine Hand um seine Ohrmuschel.

Ich versuchte, ihn so lange wie möglich zu ignorieren, doch als ich aufsah, starrte Travis mich an.

»Du kennst sie, Trav. Americas beste Freundin. Sie ist gestern Abend mit uns mitgekommen«, sagte Shepley.

Travis schenkte mir sein vermutlich charmantestes Lächeln. Er strahlte Sex und Rebellion aus mit seinen widerspenstigen braunen Haaren und den tätowierten Unterarmen. Ich verdrehte bei diesem Versuch, mich zu ködern, nur die Augen.

»Seit wann hast du eine beste Freundin, Mare?«, fragte Travis.

»Seit meinem ersten Jahr auf der Highschool«, antwortete sie und presste die Lippen zusammen, während sie mich angrinste. »Schon vergessen, Travis? Du hast ihre Jacke ruiniert.«

Travis grinste ebenfalls. »Ich ruiniere eine Menge Jacken.«

»Widerlich«, murmelte ich.

Travis drehte schnell den Stuhl neben mir mit der Lehne nach vorn und verschränkte seine Arme darauf. »Dann bist du das Täubchen, was?«

»Nein«, giftete ich. »Ich habe einen Namen.«

Das schien ihn zu amüsieren, was mich noch wütender machte. »Also? Welchen denn?«, fragte er.

Ich nahm einen Bissen von der letzten Apfelspalte auf meinem Teller und ignorierte ihn.

»Na, dann eben Täubchen«, sagte er achselzuckend.

Ich warf America einen Blick zu und wandte mich an Travis: »Ich versuche hier zu essen.«

Travis schien die Herausforderung anzunehmen. »Ich heiße Travis. Travis Maddox.«

Ich verdrehte die Augen. »Ich weiß, wer du bist.«

»Ach ja?«, bemerkte Travis.

»Bild dir darauf nicht zu viel ein. Dein Name wäre auch schwer zu überhören gewesen, als fünfzig Betrunkene ihn grölten.«

Travis richtete sich ein bisschen größer auf. »Das passiert mir öfter.« Ich rollte erneut mit den Augen, und Travis kicherte. »Hast du Zuckungen?«

»Habe ich was?«

»Zuckungen. Deine Augen verdrehen sich dauernd so komisch.« Er lachte wieder, während ich ihn anfunkelte. »Tolle Augen übrigens«, sagte er und näherte sich bis auf wenige Zentimeter meinem Gesicht. »Was für eine Farbe ist das eigentlich? Grau?«

Ich schaute wieder auf meinen Teller und ließ lange Strähnen meines karamellfarbenen Haars wie einen Vorhang zwischen uns fallen. Mir gefiel nicht, wie ich mich fühlte, wenn er mir so nahe kam. Ich wollte nicht zu den Scharen von Mädchen an der Eastern gehören, die in seiner Gegenwart erröteten. Ich wollte, dass er überhaupt keine Wirkung auf mich hatte.

»Denk nicht mal dran, Travis. Sie ist wie eine Schwester für mich«, warnte America ihn.

»Baby«, sagte Shepley, »du hättest es ihm nicht verbieten sollen. Jetzt wird es ihm keine Ruhe lassen.«

»Du bist nicht ihr Typ«, legte sie nach.

Travis tat gekränkt. »Ich bin der Typ jeder Frau!«

Ich schielte zu ihm hin und lächelte.

»Ah! Ein Lächeln! Dann bin ich wohl doch kein elender Bastard.« Er zwinkerte mir zu. »Es war nett, dich kennenzulernen, Täubchen.« Damit ging er um den Tisch herum und beugte sich zu Americas Ohr hinunter.

Shepley warf eines seiner Pommes frites nach seinem Cousin. »Nimm deine Zunge aus dem Ohr meiner Süßen, Trav!«

»Netzwerken! Ich bin nur beim Netzwerken!« Travis wich mit unschuldig erhobenen Händen zurück.

Ein paar andere Mädchen waren ihm sofort auf den Fersen. Kichernd fuhren sie sich mit den Fingern durch die Haare, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Als er ihnen die Tür aufhielt, quietschten sie vor Begeisterung.

America lachte. »O nein. Jetzt bist du echt in Schwierigkeiten, Abby.«

»Was hat er denn gesagt?«, fragte ich argwöhnisch.

»Er möchte, dass du sie mit in die Wohnung bringst, oder?«, fragte Shepley, woraufhin America nickte und er den Kopf schüttelte. »Du bist ein kluges Kind, Abby. Ich rate dir schon jetzt, nicht auf seinen Scheiß reinzufallen, denn wenn du dann am Ende sauer auf ihn bist, kannst du nicht mir und America die Schuld daran geben, okay?«

Ich lächelte. »Ich werde nicht drauf reinfallen, Shep. Oder sehe ich für dich aus wie einer dieser Barbie-Zwillinge?«

»Sie wird nicht drauf reinfallen«, versicherte America ihm und legte eine Hand auf seinen Arm.

»Das wäre nicht mein erstes Rodeo, Mare. Weißt du, wie oft er mir schon die Tour vermasselt hat, weil er auf einen One-Night-Stand mit der besten Freundin scharf war? Denn dann ist es plötzlich ein Interessenkonflikt, mich zu daten, weil das ja Verbrüderung mit dem Feind wäre! Ich sag’s dir noch mal, Abby«, er sah mich durchdringend an, »erzähl Mare dann bloß nicht, sie darf mich nicht treffen, weil du auf Travs Tour reingefallen bist. Betrachte dich also als gewarnt.«

»Nicht nötig, aber trotzdem danke«, sagte ich. Ich versuchte, Shepley mit einem Lächeln zu beruhigen, aber sein Pessimismus rührte schließlich von jahrelanger Mitleidenschaft durch Travis’ Eskapaden.

America ging winkend mit Shepley davon, während ich mich auf den Weg zu meinen Nachmittagskursen machte. Ich blinzelte in die grelle Sonne und packte meine Rucksackträger fester. Die Eastern University war genau das, was ich mir erhofft hatte, von den kleineren Unterrichtsräumen bis hin zu den fremden Gesichtern. Für mich war es ein Neubeginn. Endlich konnte ich mich wieder an einem Ort bewegen, an dem nicht Leute, die etwas über meine Vergangenheit wussten oder auch nur vermeintlich wussten, hinter meinem Rücken flüsterten. Ich war so unauffällig wie jeder naive, übereifrige Studienanfänger auf dem Weg zu seinen Kursen. Kein Anstarren, keine Gerüchte, kein Mitleid, keine Verurteilung. Nur die Illusion dessen, was ich für die anderen darstellen wollte: die in Kaschmir gekleidete, nüchterne Abby Abernathy.

Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden und ließ mich auf einen Stuhl fallen. Dann beugte ich mich hinunter, um meinen Laptop herauszufischen. Als ich mich wieder aufrichtete, um ihn auf den Tisch zu stellen, rutschte Travis gerade auf den Platz neben mir.

»Gut. Du kannst für mich mitschreiben.« Er kaute auf einem Stift und lächelte zweifellos sein charmantestes Lächeln.

Ich bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Du gehst noch nicht mal in diesen Kurs.«

»Ich will verdammt sein, wenn ich’s nicht tue. Normalerweise sitze ich aber da drüben.« Er deutete mit dem Kopf auf die hinterste Reihe. Eine kleine Gruppe von Mädchen starrte mich an, und ich bemerkte einen leeren Stuhl in ihrer Mitte.

»Ich werde sicher nicht für dich mitschreiben«, stellte ich klar, während ich meinen Computer hochfuhr.

Travis beugte sich so nah zu mir herüber, dass ich seinen Atem an meiner Wange spürte. »Entschuldige … Sag mal, hab ich dich mit irgendwas beleidigt?«

Ich seufzte.

»Und was ist dann dein Problem?«

Ich antwortete mit gesenkter Stimme: »Ich werde nicht mit dir schlafen. Also solltest du besser gleich aufgeben.«

Langsam breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus, bevor er antwortete. »Ich hab dich gar nicht gefragt, ob du mit mir schlafen willst.« Sein Blick wanderte gedankenverloren Richtung Decke. »Oder hab ich das?«

»Ich bin nicht eine der Barbie-Zwillinge und auch keine von deinen kleinen Groupies da drüben.« Ich warf einen Blick auf die Mädels hinter uns. »Mich beeindrucken weder deine Tätowierungen noch dein jungenhafter Charme oder deine gespielte Gleichgültigkeit. Also kannst du mit den Mätzchen aufhören, okay?«

»Okay, Täubchen.« Er schien ärgerlicherweise immun gegen meine Grobheiten. »Warum kommst du heute Abend nicht zusammen mit America vorbei?« Ich schnaubte verächtlich, aber er beugte sich noch weiter herüber. »Ich versuche gar nicht, dich flachzulegen. Nur ein bisschen zusammen abhängen.«

»Mich flachlegen? Ich frage mich, wie du es mit diesem Vokabular überhaupt schaffst, jemals jemanden ins Bett zu kriegen?«

Travis brach in Gelächter aus. »Schau doch einfach vorbei. Ich werde nicht mal mit dir flirten, großes Ehrenwort.«

»Ich werd drüber nachdenken.«

Professor Chaney kam hereingeschlendert, und Travis richtete seine Aufmerksamkeit nach vorn. Auf seinem Gesicht blieb jedoch ein Lächeln, das das Grübchen in seiner Wange verstärkte. Je mehr er lächelte, desto mehr wünschte ich mir, ihn zu hassen. Doch genau dieser Ausdruck machte mir das Hassen unmöglich.

»Wer kann mir sagen, welcher Präsident eine Ehefrau hatte, die schielte und auch sonst ziemlich hässlich war?«, fragte Chaney.

»Sieh zu, dass du das mitschreibst«, flüsterte Travis. »Das werde ich mal für meine Vorstellungsgespräche brauchen.«

»Pschscht«, machte ich und tippte jede Silbe von Chaney mit.

Travis grinste und lehnte sich entspannt zurück. Im Verlauf der Stunde gähnte er entweder oder lehnte sich an meinen Arm, um auf meinen Bildschirm zu schauen. Ich gab mir größte Mühe, ihn zu ignorieren, aber seine Nähe und die aus seinem Arm hervortretenden Muskeln erschwerten mir das. Bis Chaney uns entließ, zupfte er schließlich noch an dem schwarzen Lederband, das er um sein Handgelenk trug.

Ich sah zu, dass ich zur Tür hinauskam, und eilte den Flur hinunter. Gerade als ich mich in Sicherheit wähnte, tauchte Travis Maddox neben mir auf.

»Hast du es dir überlegt?«, fragte er und setzte seine Sonnenbrille auf.

Eine zierliche Brünette trat uns in den Weg, mit großen, hoffnungsvollen Augen. »Hey, Travis«, zwitscherte sie, während sie mit ihrem Haar spielte.

Ich blieb stehen, irritiert von ihrem honigsüßen Ton, und machte dann einen Bogen um sie. Ich hatte sie im Gemeinschaftsbereich des Mädchenwohnheims, Morgan Hall, durchaus schon normal sprechen gehört. Da hatte sie sehr viel reifer geklungen, und ich fragte mich, weshalb sie wohl glaubte, diese Kleinkinderstimme würde bei Travis ankommen. Sie plapperte noch ein paar Sätze in dieser höheren Oktave, dann war er wieder neben mir.

Er holte ein Feuerzeug aus seiner Tasche, zündete sich eine Zigarette an und stieß eine dicke Rauchwolke aus. »Wo war ich stehen geblieben? Ach ja … du hast überlegt.«

Ich schnitt eine Grimasse. »Wovon redest du da?«

»Hast du dir überlegt, ob du vorbeikommst?«

»Wenn ich jetzt Ja sage, hörst du dann auf, mich zu verfolgen?«

Er dachte kurz über dieses Angebot nach und nickte dann. »Ja.«

»Dann komme ich vorbei.«

»Wann?«

Ich seufzte. »Heute Abend. Ich werde heute Abend vorbeikommen.«

Travis lächelte und blieb abrupt stehen. »Schön. Dann sehen wir uns später, Täubchen«, rief er mir nach.

Als ich um die Ecke bog, sah ich America mit Finch vor dem Wohnheim stehen. Wir drei hatten bei der Orientierungsveranstaltung für Studienanfänger zufällig am selben Tisch gesessen, und ich hatte schon damals gewusst, er würde das willkommene dritte Rädchen an unserer wohlgeölten Maschine werden. Er war nicht besonders groß, aber immer noch viel größer als ich mit meinen eins dreiundsechzig. Seine kugelrunden Augen bildeten einen interessanten Kontrast zu seinem länglichen, schmalen Gesicht, und sein wasserstoffblondes Haar war vorn meistens hochgegelt.

»Travis Maddox? Mein Gott, Abby, seit wann fischst du denn in so gefährlichen Gewässern?«, sagte Finch mit missbilligendem Blick.

America zog den Kaugummi aus ihrem Mund zu einer langen Schnur. »Du machst es nur schlimmer, wenn du ihn abblitzen lässt. Das ist er nicht gewohnt.«

»Hast du eine bessere Idee? Soll ich vielleicht gleich mit ihm ins Bett steigen?«

America zuckte mit den Achseln. »Das würde zumindest Zeit sparen.«

»Ich habe zugesagt, heute Abend vorbeizukommen.«

Finch und America tauschten einen Blick.

»Was denn? Er hat versprochen aufzuhören, mich zu nerven, wenn ich Ja sage. Du gehst heute Abend doch auch hin, oder?«

»Äh, ja schon«, sagte America. »Und du willst wirklich mit?«

Ich grinste und ging an ihnen vorbei zu den Wohnheimzimmern. Dabei fragte ich mich, ob Travis sein Versprechen halten und nicht mit mir flirten würde. Er war ja nicht so wahnsinnig schwer zu durchschauen; entweder betrachtete er mich als Herausforderung oder als unattraktiv genug, um zu einer guten Freundin zu taugen. Ich war mir nicht sicher, worüber ich mich mehr ärgern sollte.

Vier Stunden später klopfte America an meine Tür, um mich zu Shepley und Travis mitzunehmen. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, als ich auf den Flur trat.

»Igitt, Abby, du siehst aus wie eine Pennerin!«

»Gut«, antwortete ich und grinste. Meine Haare hatte ich zu einem lockeren Dutt zusammengebunden. Ich war komplett abgeschminkt und trug statt meiner Kontaktlinsen eine rechteckige, schwarze Brille. In einem schäbigen T-Shirt, Jogginghose und Flip-Flops schlurfte ich an ihr vorbei. Schon vor ein paar Stunden war ich zu dem Schluss gekommen, dass unattraktiv der beste Plan war. Idealerweise würde das Travis sofort abturnen, sodass er mit seinen lächerlichen Annäherungsversuchen aufhörte. Und falls er nur auf der Suche nach einem weiblichen Kumpel war, wollte ich zu schluderig rüberkommen, als dass er sich mit mir sehen lassen würde.

America ließ das Fenster ihres Wagens herunter und spuckte einen Kaugummi hinaus. »Das ist so offensichtlich. Warum hast du dich nicht auch noch in Hundescheiße gewälzt, um dein Erscheinungsbild perfekt zu machen?«

»Ich will hier halt überhaupt niemanden beeindrucken«, sagte ich.

»Wie man sieht.«

Wir stellten uns auf den Parkplatz von Shepleys Wohnanlage, und ich folgte America die Treppen hinauf. Shepley machte uns die Tür auf und lachte, als ich eintrat. »Was ist denn mit dir passiert?«

»Sie versucht, unbeeindruckend zu wirken«, erklärte America.

Sie folgte Shepley in sein Zimmer. Die Tür schloss sich, und ich blieb allein zurück, mit dem Gefühl, fehl am Platz zu sein. Also setzte ich mich in den Sessel, der am nächsten stand, und streifte die Flip-Flops von meinen Füßen.

Die Wohnung war ästhetisch ansprechender als eine typische Junggesellenbude. An den Wänden hingen zwar erwartungsgemäß Poster halb nackter Frauen sowie geklaute Straßenschilder, aber es war sauber, die Möbel wirkten neu, und es roch bemerkenswerterweise nicht nach schalem Bier und dreckiger Wäsche.

»Das wurde ja auch Zeit, dass du aufkreuzt«, sagte Travis und ließ sich auf die Couch fallen.

Ich grinste und schob meine Brille hoch, während ich darauf wartete, dass mein Anblick ihn abstieß. »America musste ein Paper fertig machen.«

»Apropos Paper, hast du das für Geschichte schon gemacht?«

Er würdigte meine strubbelige Frisur keines Blickes, und ich runzelte verärgert die Stirn. »Du etwa?«

»Ich hab’s heut Nachmittag fertig geschrieben.«

»Das brauchen wir doch erst bis nächsten Mittwoch«, sagte ich erstaunt.

»Ich hab’s einfach hingehauen. So schwer ist ein zweiseitiger Aufsatz über Grant ja wohl nicht, oder?«

»Ich schätze, ich neige dazu, Sachen auf die lange Bank zu schieben.« Ich zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich fang ich vor dem Wochenende gar nicht damit an.«

»Also, falls du Hilfe brauchst, sag Bescheid.«

Ich wartete, dass er lachte oder mir sonst wie zu verstehen gab, dass er scherzte, aber sein Gesicht blieb ganz ernst. Ich hob eine Augenbraue. »Du willst mir bei meinem Paper helfen?«

»Ich stehe in dem Kurs auf A.« Er wirkte von meinem Unglauben etwas gekränkt.

»Er steht in allen seinen Kursen auf A. Weil er ein verdammtes Genie ist. Ich hasse ihn«, bemerkte Shepley, der gerade mit America an der Hand ins Wohnzimmer zurückkam.

Ich musterte Travis zweifelnd, und er hob die Hände. »Was denn? Du glaubst wohl nicht, dass ein Typ mit Tattoos, der sich für Geld prügelt, gute Noten schreiben kann? Aber ich gehe nicht auf die Uni, weil ich nichts Besseres zu tun habe.«

»Warum schlägst du dich dann überhaupt? Warum hast du dich nicht um ein Stipendium beworben?«, fragte ich.

»Hab ich. Ich hab die Hälfte meiner Studiengebühren bewilligt bekommen. Aber da wären noch die Bücher, der Lebensunterhalt und natürlich die andere Hälfte. Ich mein’s ernst, Täubchen. Falls du Hilfe brauchst, frag mich einfach.«

»Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich kann meine Papers selbst schreiben.« Dabei hätte ich es gern belassen. Überhaupt hätte ich die Finger von dem ganzen Themenkomplex lassen sollen, aber diese neue Seite an ihm hatte meine Neugier geweckt. »Und du findest nichts anderes? Irgendwas – wie soll ich sagen? – weniger Sadistisches?«

Travis zuckte mit den Achseln. »Das ist eine gute Möglichkeit, Kohle zu machen. Wenn ich in der Mall jobben würde, käme nicht so viel dabei rum.«

»Ich würde es nicht als gut bezeichnen, wenn dir dabei in die Fresse gehauen wird.«

»Wie? Machst du dir etwa Sorgen um mich?« Er zwinkerte mir zu. Ich schnitt eine Grimasse, und er kicherte. »So oft erwischt es mich nicht. Wenn sie ausholen, weiche ich aus. Das ist nicht besonders schwierig.«

Ich lachte kurz auf. »Das klingt ja, als wäre da außer dir noch keiner draufgekommen.«

»Wenn ich einen Treffer lande, stecken sie ihn ein und versuchen, es mir heimzuzahlen. So gewinnt man eben keinen Kampf.«

Ich verdrehte die Augen. »Wer bist du, Karate Kid? Wo hast du das überhaupt gelernt?«

Shepley und America tauschten einen Blick und richteten ihre Augen dann zu Boden. Rasch war mir klar, dass ich wohl etwas Falsches gesagt hatte.

Doch Travis schien es nichts auszumachen. »Ich hatte einen jähzornigen Vater mit einem Alkoholproblem und vier ältere Brüder mit dem Arschlochgen.«

»Oh.« Meine Ohren glühten.

»Das braucht dir doch nicht peinlich sein, Täubchen. Dad hat mit dem Trinken aufgehört, die Brüder sind erwachsen und friedlich geworden.«

»Ist mir auch nicht peinlich.« Ich fummelte an den losen Strähnen meiner Frisur herum und beschloss dann, den Knoten ganz aufzumachen und die Haare neu zusammenzubinden. Dabei versuchte ich, das unangenehme Schweigen zu überhören.

»Ich mag es, dass du so au naturel rumläufst. Sonst kommen Mädchen nicht so her.«

»Ich wurde gezwungen, hierherzukommen. Mir lag nichts ferner, als dich zu beeindrucken«, sagte ich irritiert, weil mein Plan dermaßen gescheitert war.

Er lächelte sein jungenhaftes, amüsiertes Lächeln, und meine Wut steigerte sich, was mein Unbehagen hoffentlich kaschierte. Ich wusste nicht, wie sich die meisten Mädchen in seiner Gegenwart fühlten, ich sah nur, wie sie sich benahmen. Mich befielen eher Orientierungslosigkeit und eine leichte Übelkeit als alberne Schwärmerei, und je mehr Mühe er sich gab, mir ein Lächeln abzuringen, desto unruhiger wurde ich.

»Ich bin beeindruckt. Normalerweise muss ich Mädchen nicht bitten, mich in meiner Wohnung zu besuchen.«

»Glaub ich dir sofort.« Ich verzog angewidert das Gesicht.

Sein Selbstvertrauen war von der schlimmsten Sorte. Nicht nur dass er sich seiner Anziehungskraft schamlos bewusst war, er war es auch so gewohnt, dass Frauen sich ihm an den Hals warfen, dass er meine kühle Zurückweisung weniger als Kränkung, sondern eher als erfrischende Abwechslung empfand. Da würde ich meine Taktik wohl ändern müssen.

America zielte mit der Fernbedienung auf den Fernseher und schaltete ihn ein. »Heute Abend gibt’s einen tollen Film. Will irgendjemand rausfinden, was wirklich mit Baby Jane geschah?«

Travis stand auf. »Ich wollte gerade was essen gehen. Hast du Hunger, Täubchen?«

»Hab schon gegessen«, sagte ich achselzuckend.

»Hast du nicht«, hielt America dagegen, bevor sie ihren Fauxpas bemerkte. »Oh … äh … stimmt. Ich hatte vergessen, dass du dir im Weggehen noch … ein Stück … Pizza? … genommen hast. Bevor wir losgefahren sind.«

Ich quittierte ihren lahmen Versuch, den Fehltritt wiedergutzumachen, mit einer Grimasse und wartete auf Travis’ Reaktion.

Er ging durchs Zimmer und hielt die Tür auf. »Komm schon. Dann musst du doch hungrig sein.«

»Wo willst du denn hin?«

»Wo immer du hin möchtest. Wir können in eine Pizzeria gehen.«

Ich sah an mir herunter. »Dafür bin ich nicht angezogen.«

Er musterte mich kurz und grinste dann. »Du siehst prima aus. Los jetzt, ich bin am Verhungern.«

Ich stand auf, winkte America kurz zu und ging an Travis vorbei die Treppe runter. Auf dem Parkplatz blieb ich stehen und beobachtete mit Schrecken, wie er auf ein mattschwarzes Motorrad stieg.

»Äh …« Ich verstummte und rollte meine nackten Zehen ein.

Er warf mir einen ungeduldigen Blick zu. »Komm schon, steig auf. Ich fahre auch langsam.«

»Was ist das überhaupt?«, fragte ich und las zu spät den Schriftzug auf dem Tank.

»Das ist eine Harley Night Rod. Sie ist die Liebe meines Lebens, also zerkratz mir beim Aufsteigen nicht den Lack.«

»Ich trage Flip-Flops!«

Travis starrte mich an, als redete ich in einer anderen Sprache. »Und ich trage Stiefel. Steig auf.«

Er setzte seine Sonnenbrille auf und ließ den Motor an, der mit einem Knurren zum Leben erwachte. Ich kletterte hinauf und tastete hinter mir nach etwas zum Festhalten, aber meine Finger rutschten vom Leder des Sitzes direkt auf das Plastik des Rücklichts.

Travis packte meine Handgelenke und zog sie um seine Taille. »Hier gibt’s nichts anderes zum Festhalten als mich, Täubchen. Nicht loslassen«, sagte er noch und schob die Maschine mit den Füßen zurück. Mit einer kleinen Handbewegung lenkte er uns auf die Straße, wo wir raketengleich davonschossen. Die losen Strähnen meiner Frisur flatterten mir ins Gesicht, und ich duckte mich hinter Travis, weil ich mich vor den Insektenkadavern fürchtete, die unweigerlich auf meiner Brille gelandet wären, wenn ich über seine Schulter geblickt hätte.

Erst als wir in die Einfahrt zu einem Restaurant bogen, drosselte er das Tempo, und sobald er zum Stehen gekommen war, sprang ich auf den sicheren Erdboden.

»Du bist ja wohl ein Irrer!«

Travis kicherte und stellte seine Maschine auf den Ständer, bevor er abstieg. »Ich hab die Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten.«

»Ja, wenn wir auf einer Autobahn unterwegs gewesen wären!«, sagte ich und löste den Dutt, um meine Haare neu zusammenzudrehen.

Travis sah mir zu, wie ich mir Strähnen aus dem Gesicht wischte, dann ging er zur Tür und hielt sie für mich auf. »Ich würde doch nicht wollen, dass dir irgendwas zustößt, Täubchen.«

Ich stürmte an ihm vorbei ins Lokal, wobei meine Füße und mein Kopf sich nicht ganz synchron bewegten. Der Geruch von Bratfett und Kräutern hing in der Luft, während wir über den roten, mit Brotkrümeln übersäten Teppich gingen. Er wählte eine Nische in einer Ecke aus, abseits der Studentenrunden und Familien, und bestellte zwei Bier. Ich suchte den Raum mit den Augen ab, registrierte Eltern, die ihre quengeligen Kinder zum Essen ermahnten, und wich den fragenden Blicken von anderen Studenten der Eastern aus.

»Gern, Travis«, säuselte die Kellnerin, als sie unsere Getränkebestellung aufnahm. Sie sah aus, als wäre sie von seiner Anwesenheit nahezu berauscht.

Ich schob mir eine widerspenstige Strähne hinters Ohr und genierte mich plötzlich für meine Erscheinung. »Bist wohl oft hier?«, fragte ich spitz.

Travis lehnte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und richtete seine braunen Augen direkt auf meine. »Was ist das für eine Geschichte bei dir, Täubchen? Bist du grundsätzlich Männerhasserin, oder hasst du nur mich?«

»Ich glaube, nur dich«, brummte ich.

Er lachte einmal kurz auf. »Ich werde aus dir nicht schlau. Du bist das erste Mädchen, das mich noch vor dem Sex verabscheut. Du wirst nicht total verlegen, wenn du mit mir sprichst, und du versuchst nicht, meine Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Das ist keine Masche. Ich mag dich einfach nicht.«

»Du wärst nicht hier, wenn du mich nicht mögen würdest.«

Meine finstere Miene hellte sich unwillkürlich auf, und ich seufzte. »Ich habe ja nicht gesagt, dass du ein schlechter Mensch bist. Ich mag es nur nicht, dass für dich von vorneherein feststeht, wie die Sache läuft, nur weil ich eine Vagina habe.« Ich schaute konzentriert auf die Salzkörner auf dem Tisch, bevor ein keuchendes Geräusch von Travis mich aufblicken ließ.

Er riss die Augen auf und brach in schallendes Gelächter aus. »O mein Gott! Du machst mich fertig! Wie du das sagst! Wir müssen Freunde werden. Ein Nein lasse ich nicht gelten.«

»Ich hab nichts gegen Freundschaft, solange das nicht bedeutet, dass du alle fünf Sekunden versuchst, in mein Höschen zu kommen.«

»Du wirst nicht mit mir schlafen. Hab ich verstanden.«

Ich versuchte, nicht zu lächeln, was mir jedoch misslang.

Sein Blick hellte sich auf. »Du hast mein Wort. Ich werde nicht mal an dein Höschen denken … außer du möchtest es.«

Ich stützte die Ellbogen auf den Tisch und beugte mich vor. »Da das nicht passieren wird, können wir Freunde sein.«

Ein schelmisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er sich noch ein bisschen weiter vorbeugte. »Sag niemals nie.«

»Also, wie lautet deine Geschichte?«, fragte ich. »Warst du schon immer Travis ›Mad Dog‹ Maddox, oder bist du das erst, seit du hier bist?« Ich benutzte zwei Finger jeder Hand, um die Anführungszeichen an seinem Spitznamen anzudeuten, und sah dabei zum ersten Mal sein Selbstvertrauen schwinden. Er sah ein wenig verlegen drein.

»Nein. Damit hat Adam nach meinem ersten Kampf angefangen.«

Seine kurzen Antworten begannen, mich zu nerven. »Das ist alles? Mehr willst du mir nicht über dich erzählen?«

»Was möchtest du denn wissen?«

»Das Übliche. Woher du kommst, was du werden wolltest, als du noch klein warst … solche Sachen.«

»Ich bin von hier. Bin hier geboren und aufgewachsen. Und ich studiere im Hauptfach Strafrechtspflege.«

Mit einem Seufzer rollte er sein Besteck aus der Serviette und legte es neben seinen Teller. Sein Mund war angespannt und er schaute über seine Schulter. Zwei Tische, an denen die Fußballmannschaft der Eastern saß, brachen in Gelächter aus, was Travis zu verärgern schien.

»Du machst Witze«, sagte ich ungläubig.

»Nein, ich bin ein Einheimischer.«

»Ich meinte eher das mit dem Strafrecht. Du siehst irgendwie nicht wie der typische Strafrechtspfleger aus.«

Er zog die Brauen zusammen und schien sich wieder ganz auf unser Gespräch zu konzentrieren. »Warum?«

Ich ließ meinen Blick über die Tätowierungen gleiten, die seine Arme bedeckten. »Ich will damit nur sagen, dass du eher nach Strafe als nach Recht aussiehst.«

»Ich war noch nie in Schwierigkeiten … fast nie. Dad war ziemlich streng.«

»Und wo war deine Mom?«

»Sie starb, als ich noch klein war.«

»Das … das tut mir leid«, sagte ich. Auf diese Antwort war ich nicht gefasst gewesen.

Er wehrte mein Mitgefühl ab. »Ich kann mich nicht an sie erinnern. Meine Brüder schon, aber ich war erst drei, als sie starb.«

»Vier Brüder, hm? Wie hast du die bloß in Schach gehalten?«, neckte ich ihn.

»Ich habe sie in Schach gehalten, indem ich am härtesten zuschlug. Da hieß es auch, der Älteste gegen den Jüngsten. Thomas, die Zwillinge Taylor und Tyler und dann Trenton. Und man durfte sich nie und nimmer allein in einem Raum mit Taylor und Ty aufhalten. Die Hälfte dessen, was ich im Ring anwende, habe ich von ihnen gelernt. Trenton war zwar der Kleinste, aber er ist schnell. Er ist inzwischen der Einzige, der bei mir noch einen Treffer landen kann.«

Ich war verblüfft von der Vorstellung von fünf Travises, die durch ein Haus tobten. »Habt ihr alle Tattoos?«

»Mehr oder weniger. Bis auf Thomas. Der ist Werbemanager in Kalifornien.«

»Und dein Dad? Wo ist der?«

»Irgendwo in der Gegend«, sagte er. Seine Kiefer mahlten wieder, und die Fußballer schienen ihn zunehmend zu irritieren.

»Worüber lachen die?«, fragte ich und deutete auf die lärmende Runde. Er schüttelte den Kopf und wollte sichtlich nicht mit der Sprache heraus. Ich verschränkte die Arme und rutschte auf meinem Platz herum. Es machte mich nervös, dass diese Jungs ihn dermaßen beschäftigten. »Erzähl’s mir.«

»Sie lachen darüber, dass ich dich erst noch zum Abendessen einladen muss. Das ist normalerweise … nicht mein Ding.«

»Erst noch?«

Als er mir ansah, dass ich es endlich begriffen hatte, zuckte Travis angesichts meines Gesichtsausdrucks zusammen.

»Und ich dachte schon, die lachen darüber, dass du dich mit mir sehen lässt, so, wie ich gerade rumlaufe, und glauben, ich würde mit dir schlafen.«

»Warum sollte ich mich denn nicht mit dir sehen lassen?«

»Wovon sprachen wir gerade?«, fragte ich und versuchte, nicht rot zu werden.

»Von dir. Was machst du im Hauptfach?«, fragte er.

»Ach, äh … Studium generale vorläufig. Ich bin noch unentschlossen, aber ich tendiere zu Rechnungswesen.«

»Du bist aber nicht von hier. Ein ausländisches Gewächs.«

»Aus Wichita. Genau wie America.«

»Wie kommt ihr aus Kansas ausgerechnet hierher?«

Ich zupfte am Etikett meiner Bierflasche. »Wir mussten einfach weg.«

»Von was?«

»Meinen Eltern.«

»Oh. Und America? Hat die auch ein Problem mit ihren Eltern?«

»Nein, Mark und Pam sind klasse. Die haben mich praktisch großgezogen. Sie ist einfach mitgekommen; wollte nicht, dass ich das allein durchziehe.«

Travis nickte. »Und warum gerade die Eastern?«

»Ist das hier ein Kreuzverhör?«, sagte ich. Die Fragen wurden immer persönlicher. Ich begann, mich unwohl zu fühlen.

Einige Stühle stießen zusammen, als die Fußballer aufstanden. Sie machten noch einen letzten Scherz, bevor sie auf den Ausgang zusteuerten. Ihr Tempo erhöhte sich, als Travis sich ebenfalls erhob. Von hinten wurde geschoben, alle wollten draußen sein, bevor Travis den Raum durchquert hätte. Er setzte sich wieder und zwang sich, seinen Frust und Zorn zu unterdrücken.

Ich hob fragend eine Augenbraue.

»Du wolltest gerade erzählen, warum du dir die Eastern ausgesucht hast«, fuhr er fort.

»Schwer zu sagen.« Ich zuckte mit den Achseln. »Ich schätze, ich hatte einfach das Gefühl, dass es passt.«

Lächelnd schlug er seine Speisekarte auf. »Ich weiß genau, was du meinst.«

2. KAPITEL

Schwein

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