...because I love love stories - Sabeth Ackermann - E-Book

...because I love love stories E-Book

Sabeth Ackermann

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Beschreibung

Nach dem gewaltsamen Tod einer Alkoholikerin erhofft sich der Ermittler Robert von deren ehrgeiziger Tochter Helene mithilfe ihrer Familiengeschichte Hinweise, die zur Aufklärung des Falles beitragen könnten. Doch Leni wird dabei von den brutalen Erinnerungen an ihre Jugend derart überrollt, dass sie schließlich nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. Aus ihrem Dilemma scheint es nur noch einen einzigen Ausweg zu geben: Die Aufhebung eines Pakts, den sie Jahre zuvor geschlossen hat.

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EPUB
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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sabeth Ackermann

...because I love love stories

Roman

Für meinen Mann,

der immer für mich da ist.

Danke an meine Covermodels

„Batman“

mit Joan und Nadine

sowie

„Lissi“

mit ihrer Familie!

April 2023  Sabeth Ackermann

© 2023 Sabeth Ackermann

Bildnachweis: privat

ISBN Softcover: 978-3-347-91140-6

ISBN E-Book:     978-3-347-91141-3

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany. Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreihe 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Sabeth Ackermann

...because I love love stories

Roman

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Urheberrechte

Titelblatt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Epilog

Über die Autorin

…because I love love stories

Cover

Urheberrechte

Titelblatt

Prolog

Über die Autorin

…because I love love stories

Cover

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Prolog

Sie waren zu dritt – eine Frau und zwei Männer; und mir nicht nur numerisch haushoch überlegen.

Eigentlich war es aussichtslos, diese Situation unversehrt überstehen zu können; und so hatte ich mich spontan dazu entschlossen, mit einem Individuum namens Metthew im Geiste einen faustischen Pakt auszuhandeln: Sollte ich noch heute die Gewissheit erhalten, mein Leben so fortführen zu dürfen, wie ich es bereits bis ins Detail geplant hatte, wäre ich im Gegenzug bereit, meine Seele dafür herzugeben.

Doch dafür musste ich unbedingt diesen Teil der ersten Staatsprüfung bestehen, um zu beweisen, dass mich meine fundierten Kenntnisse der englischen Literatur auch dazu befähigten, WerkrealschülerInnen der Sekundarstufe 1 im Fach Englisch zu unterrichten.

Mit meinem Oxford Englisch hätte ich mich wahrscheinlich sofort als Sprecherin bei der BBC bewerben können, ich kannte beinahe mehr britische als deutsche Sprichwörter - und hin und wieder ertappte ich mich sogar dabei, dass ich einen Gedanken in Englisch anstatt in meiner Muttersprache formulierte.

Aber da gab es ein Hindernis, das den Weg zu meiner perfekten Zukunft blockierte – so breit und so hoch, dass seine Überwindung unmöglich schien. Und das bestand aus dreißig literarischen Werken der amerikanischen und englischen Literatur aus unterschiedlichen Epochen, deren Inhalt mir bestens bekannt sein sollte, da ich alle diese Werke selbst ausgewählt, einer Liste anvertraut und diese der nun vor mir sitzenden Prüfungskommission vorgelegt hatte. Allein – ich hatte nicht ein einziges von ihnen gelesen.

Dreißig Minuten sollte die komplette Prüfung dauern; aufgeteilt in jeweils zehn Minuten Grammatik, Kultur und eben Literatur. Grammatik war eine reine Lernsache und mir ihre Anwendung bei meiner Sprachbegabung längst in Fleisch und Blut übergegangen. Ein Aufenthalt in England war mir aufgrund meiner angespannten finanziellen Situation damals zwar nicht möglich gewesen; mein Studenten-Kredit hatte gerade so ausgereicht, um meinen Lebensunterhalt zu sichern. Aber es gab kaum einen Sprachkurs für OxfordEnglisch auf CD, den ich mir im Laufe meines Studiums nicht angeschafft hatte; und aufgrund der Tatsache, dass dieses Medium gerade im Begriff war auszusterben, hatte ich solche Komplett-Sets auf den Ramschtischen der Buchhandlungen teilweise schon für zehn Euro ergattern können. Und so hatte ich die kleinen, glänzenden Scheiben in meinem Zimmer, wann immer ich mich nicht auf etwas anderes hatte konzentrieren müssen, immer und immer wieder abgespielt.

Für den kulturellen Teil hatte ich mir als Spezialgebiet den amerikanischen Bürgerkrieg ausgesucht, der mich in all seinen Facetten brennend interessierte und somit das Lernen fast zum Vergnügen gemacht hatte.

Als krönenden Abschluss -und ein kleines bisschen auch als Belohnung- hatte ich mir dann mit einer Kommilitonin das im Keller ihrer Eltern vom Beamer auf eine riesige Leinwand projizierte, nahezu vier Stunden lange und achtzig Jahre alte Epos „Vom Winde verweht“ angeschaut und mich von der emotionalen Handlung forttragen lassen. Eigentlich misstraute ich Liebesgeschichten ja, da sie mir komplett unrealistisch erschienen. Aber diese war mit Bosheiten gespickt und mündete auch nicht in einem kitschigen Happy End - so dass ich mir gestattete, die Handlung zu genießen.

Für den literarischen Teil schließlich hatte ich mir die Inhaltsverzeichnisse aller dreißig von mir benannten Werke sowie diverse Interpretationen dazu heruntergeladen; aber wie hätte ich mir diese Unmengen an Informationen merken sollen?

Nun befand ich mich also vor der Kommission des Schreckens, der ich innerhalb von zehn Minuten meine Fähigkeiten anhand einer Liste, die ich in meinem späteren Unterricht so nie, nie wieder brauchen würde, unter Beweis stellen sollte.

Meine Körpergröße von einem Meter achtundfünfzig, meine mit reichlich Babyspeck ausgestatteten Extremitäten und meine Stupsnase, die den Mittelpunkt meines pausbäckigen Gesichts bildete und mit zahlreichen Sommersprossen garniert war, waren leider nur wenig dazu geeignet, bei meinem jeweiligen Gegenüber Assoziationen hervorzurufen, die auf meinen übermächtigen Ehrgeiz, meine wahren didaktischen Fähigkeiten und meine Selbstsicherheit im Umgang mit pubertierenden Jugendlichen hinwiesen.

Da half auch der straffe Dutt nicht viel, den ich aus meine zahlreichen weißblonden Kringellöckchen ziemlich weit oben auf meinem Kopf aufgebaut hatte, um zumindest optisch sowohl an Seriosität als auch an Höhe dazu zu gewinnen.

„Was ist jetzt mit dem Deal?“, hauchte mir mein Geschäftspartner seinen modrigen Atem ins Gesicht.

Dass er einen englisch anmutenden Namen trug, passte zur Situation und förderte mein Vertrauen in seine Fähigkeiten. „Du wirst dein Ziel erreichen und überlässt mir dafür lediglich deine Seele; ein echtes Schnäppchen, wenn du mich fragst.“

Was hatte ich schon zu verlieren, wenn ich das hier gewinnen konnte? Unmerklich nickte ich.

Da ergriff der männliche Prüfer, ein gütig wirkender älterer Herr mit weißem Bart das Wort: „Ms. Engel, what is your favourite book and why?“

Der Boden, auf dem ich stand, begann zu kochen; und ich spürte, wie eine enorme Hitzewelle von unten in mir aufstieg und schließlich mein Gesicht rot einzufärben schien. Das einzige Buch, das mir in dieser Situation überhaupt einfiel, war ein Mädchenbuch über einen Pferdehof, das mir vor vielen Jahren meine Großmutter geschenkt hatte; und selbst das hatte ich nie gelesen. Verzweifelt versuchte ich, mich an irgendwelche Titel samt Inhaltsangabe zu erinnern und mir mithilfe meines Improvisationstalents eine Erklärung dazu aus den Fingern zu saugen, die wenigstens einigermaßen plausibel erscheinen würde. Und ich vertraute darauf, dass meine rhetorischen Fähigkeiten, über die ich auch im Englischen verfügte, eine inhaltlich rumpelige Erläuterung glätten und sich so in die Ohren der Kommissionsmitglieder schmeicheln würde. Doch irgendwie war ich gerade überhaupt nicht mehr in der Lage, klar zu denken. Die einzige Frau im Tribunal rückte ihre Brille zurecht und begann, sich zu räuspern, während sich der junge Prüfungsvorsitzende scheinbar desinteressiert ein paar Notizen machte, obwohl ich noch überhaupt nichts gesagt hatte. Doch plötzlich bahnte sich eine fremde Kraft ihren Weg durch meine Kehle; mein Mund öffnete sich, und erstaunt vernahm ich die Antwort:

„It’s ‚The Great Gatsby‘ by F. Scott Fitzgerald.“

Diese Laute erschienen mir fremd; sie klangen fast schüchtern und viel höher als meine eigene Stimme.

Der linke Mundwinkel der Prüferin begann zu zucken, während der jüngere Kollege seine Notationen unterbrach und mich mit einem merkwürdigen Blick ansah. „And why is it this one?“ Der Gütige mit dem weißen Bart lächelte unbeirrt weiter.

„I really like it because it combines various meaningful topics like the American Dream, the 1920’s and for sure a deep love story with many challenges.“

Im Raum herrschte Stille.

Gar nicht so übel, Metthi, fuhr es mir durch den Kopf – ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Der Anfang war gemacht.

„And do you also have a book from a british author that goes with ‚The Great Gatsby‘?“ Ich vernahm die Stimme meines Lieblingsprüfers wie aus einem Nebel.

Im selben Moment riss das Haargummi auf meinem Oberkopf, und ich fühlte, wie sich meine Frisur langsam in Wohlgefallen aufzulösen begann. Entsetzt wollte ich nach oben fassen – doch ich konnte meine Hände nicht bewegen. Da öffneten sich meine Lippen erneut, und zart und süß wie Zuckerperlen verließen die Worte meinen Mund: „Oh - I would say ‚Romeo and Juliet‘ by William Shakesspeare.“

Hatte der junge Prüfungsvorsitzende etwa gerade die Augen verdreht? Die Prüferin jedenfalls hatte ihre Brille nun endgültig abgenommen und fixierte mich mit einem leicht glänzenden Blick, den ich nicht einordnen konnte. Nur der ältere der beiden Herren hielt unvermindert an seinem wohlwollenden Lächeln fest; an wen erinnerte er mich nur? An den amerikanischen Weihnachtsmann vielleicht?

Doch kein „Ho-ho-ho!“ war von ihm zu vernehmen, sondern die nachgerade amüsiert vorgetragene Frage: „So why did you choose this one?“

In genau diesem Moment befreiten sich ein paar meiner Strähnen endgültig aus ihrer Gefangenschaft und fielen direkt in mein Gesicht; eine der blonden Kringellocken schien sogar regelrecht auf meiner Nasenspitze zu tanzen. Nahezu zeitgleich wurde mein Mund ein drittes Mal wie ferngesteuert geöffnet; und ich ließ es stoisch geschehen, da ich mittlerweile auf die Kompetenz meines Vertragspartners vertraute und sich mir, ehrlich gesagt, auch keine andere Option zu bieten schien.

Und so vernahm ich das Statement, das erneut in einem nahezu kindlich-naiven Tonfall vorgetragen wurde, während der Weihnachtsmann aufmunternd und mit strahlenden Augen fast wie im Takt dazu nickte: „Because I love love stories.“

1

„Kommst Du noch auf einen Kaffee mit?“ Meine Kollegin Diana war gerade dabei, ihren Platz im Lehrerzimmer zu räumen und schien sich bereits im WochenendModus zu befinden. Ich schüttelte den Kopf.

„Ich muss nächste und wahrscheinlich auch noch übernächste Woche in der 7b vertreten und habe noch nichts vorbereitet.“ Diana lachte. „Komm schon, du Streberin. Es ist Freitagmittag; und selbst, wenn du dich heute völlig deinen Befindlichkeiten hingibst, stehen dir noch zwei volle Tage uneingeschränkt für deine Pflichten zur Verfügung. Oder gibt es da am Ende einen Verehrer, der Anspruch auf einen Teil deiner kostbaren Zeit erhebt?“ „Sei nicht albern.“

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um nachzusehen, ob sich in letzter Sekunde nicht doch noch irgendwelche wichtigen Dokumente in mein Postfach geschmuggelt hatten; obwohl wir die meisten davon ohnehin per EMail erhielten. Mein ausgeprägter Sinn für Gründlichkeit forderte diese Balance-Nummer ein, da die Inspektion der Fächer eigentlich eine körperliche Mindesthöhe von einem Meter fünfundsechzig voraussetzte.

Und so musste ich mich strecken, um natürlich wieder mal aus dem hintersten Eck meines Fachs eine Strafarbeit zu fassen bekommen, die von seinem Verfasser durch mehrfaches, hingebungsvolles Falten und Glattstreichen auf ein handliches DIN A 7-Format gebracht worden war. Rasch warf ich das Schriftstück in meine

Tasche, rief meiner Kollegin noch ein „Schönes Wochenende!“ zu und verließ den Gemeinschaftsraum. Schnellen Schrittes steuerte ich meinen Wagen an in der Hoffnung, von niemandem mehr angesprochen zu werden. Ich ging nicht gerne aus, da ich keinen Sinn darin sah, meine Zeit in irgendeinem Etablissement vor irgendeinem teuren Getränk totzuschlagen. Und die Verabredung mit KollegInnen vermied ich ganz besonders. Wenn überhaupt, so hätte ich Interesse an tiefergehenden, zuverlässigen Bindungen gehabt; nicht aber an der Vermischung von Arbeit und Privatleben.

Die Oberflächlichkeit solcher Beziehungen, die durch die beruflich bedingte ständige Fluktuation auch noch gefördert wurde, war ein Grund dafür; aber die Vorstellung, jemandem, mit dem man zusammenarbeitete, Privates aus dem eigenen Leben preiszugeben oder solches gar aus dem Leben des anderen zu erfahren, schreckte mich noch um ein Vielfaches mehr ab.

Dafür freute ich mich jetzt auf den einzigen Mann, der zurzeit mit mir Tisch und Bett teilen durfte: meinen Kater Nero. Für seinen Namen war vor allem sein schwarzes, glänzendes Fell verantwortlich, das auch einer der Gründe dafür gewesen war, dass ich mich im Tierheim damals ausgerechnet für ihn entschieden hatte. Darüber hinaus hatten wir auch einiges gemeinsam: Unsere Zuneigung zueinander war tief; aber jeder von uns liebte auch seinen Freiraum.

Manchmal kam mein Lebensgefährte, der durch eine Katzenklappe auf meinen Balkon und von dort aus in einer halsbrecherischen Kletteraktion über einen Baum ins Freie und wieder zurück gelangen konnte, ein oder sogar zwei Nächte nicht mehr nach Hause. Was er dann trieb, war allein seine Angelegenheit; ich freute mich einfach nur auf die Zeit, wenn er wieder zu mir zurückkehrte und schnurrend meine Nähe suchte.

Auch als ich jetzt meine Wohnungstür aufschloss, erwartete er mich bereits. Doch Nero hatte seinen Stolz – niemals würde er mich gleich an der Tür überfallen. Erst, nachdem ich meine Schultasche auf dem Küchentisch abgestellt und mich ihm zugewandt hatte, erhob er sich aus seinem Körbchen und schritt würdevoll auf mich zu. Ich setzte mich auf den Boden und nahm ihn hoch, was er großmütig gestattete.

Doch leider konnten wir diesen Moment der Innigkeit nicht lange genießen, da der Klingelton meines Smartphones dieses Tête-à-Tête empfindlich störte. Ich verfluchte mich, dass ich das Gerät nicht gleich nach der Schule ausgemacht hatte. Normalerweise hätte ich diesen Anruf einfach ignoriert. Aber Nero, der stets meine ungeteilte Aufmerksamkeit einforderte, hatte sich etwas von mir zurückgezogen und sah mich nun auffordernd an; ganz offensichtlich erwartete er von mir, dass ich dieses Gespräch annahm, damit er und ich so schnell wie möglich wieder zur Tagesordnung zurückkehren konnten. So erhob ich mich seufzend und zog das Handy aus meiner Schultasche. Auf dem Display war ein altes Foto meines Vaters zu sehen; sofort hob ich ab. „Dad“, rief ich, „was ist los?“

Mein Vater meldete sich, wenn überhaupt, höchstens an Weihnachten oder meinem Geburtstag; und das beileibe auch nicht regelmäßig. Doch anstelle meines Erzeugers vernahm ich jetzt ein heftiges Schluchzen, das offensichtlich einer weiblichen Person zuzuordnen war. „Regina!“, stieß ich hervor; das war der Name der zweiten Frau meines Vaters. „Ach Leni, Liebes“ antwortete die auch prompt. Ich war äußerst aufgebracht darüber, dass sie mir, indem sie das Handy meines Vaters benutzte, keine Gelegenheit gegeben hatte, sie ignorieren zu können. Und ich hasste es, dass sie mich mit meinem Kosenamen „Leni“ ansprach; für sie war einzig mein Taufname „Helene“ angemessen. Am Schlimmsten aber fand ich, dass sie mich „Liebes“ nannte! „Gib mir meinen Vater!“, verlangte ich ungehalten. „Ach Süße, deine arme Mutter!“, fing sie stattdessen an zu heulen.

„Wenn du mir nicht sofort meinen Vater gibst, lege ich auf!“ Was auch immer passiert war - es gab dieser Schlampe nicht das Recht, über meine Mutter zu sprechen; schließlich war sie diejenige gewesen, derentwegen mein Vater sie und mich vor 23 Jahren verlassen hatte. Da war ich erst fünf Jahre jung gewesen und meine Mutter 24; doch das Auftauchen dieser damals noch nicht einmal volljährigen Hexe hatte unser aller Leben völlig verändert - und das, soweit es meine Mutter und mich betraf, definitiv nicht zum Guten.

Einen Moment lang gab der Lautsprecher nur undeutliche Wortfetzen wieder; dann hörte ich endlich seine Stimme: „Hallo Engelchen!“ „Dad“, protestierte ich, „warum ruft SIE mich an? Ich will nichts mit ihr zu tun haben!“ Mein Vater blieb mir eine Antwort auf diese Frage schuldig; stattdessen begann auch er jetzt zu heulen: „Leni, deine Mutter ist tot!“ „Was meinst du damit, dass sie ‚tot‘ ist?“ „Sie hat sich umgebracht, Engelchen; und das ausgerechnet an ihrem Geburtstag!“

Falls das stimmte, dann fragte ich mich, warum dieser Sachverhalt ausgerechnet die beiden Personen zum Heulen brachte, die das ganze Dilemma seinerzeit überhaupt erst ins Rollen gebracht hatten.

Mit gerade einmal neunzehn Jahren war meine Mutter damals mit mir schwanger geworden, hatte daraufhin meinen Vater geheiratet und fünf Jahre lang versucht, ihrer beider Vorstellungen von Mutterschaft, Haushaltsführung und ehelicher Verpflichtungen gerecht zu werden. Wie gerne hätte sie irgendwann zumindest stundenweise wieder gearbeitet, um sich ein Stück eigenes Leben zurückzuerobern; aber das hätte zu sehr am Ego ihres um sieben Jahre älteren Gatten gekratzt. Irgendwann war dann der Alkohol ins Spiel gekommen, der sie immer wieder für kurze Zeit entspannt hatte; aber er hatte sich auch zum Brandbeschleuniger hinsichtlich des Scheiterns dieser unglückseligen Ehe entwickelt. Gut vier Jahre nach meiner Geburt muss mein Vater dann dieses siebzehnjährige Mädchen kennengelernt haben, das damals wohl so frisch, so provokant und so voller Lebensfreude gewesen ist; ganz anders als meine Mutter, die ihre Lebensfreude längst unter einem Berg alltäglicher Verpflichtungen begraben und sich immer öfter mit Hochprozentigem davon abgelenkt hatte. Einmal habe ich in seinem Schreibtisch ein gemeinsames Foto von ihm und dem Teenager gefunden; aufgenommen in der Millenniums-Silvesternacht. Ich selbst hatte da bereits geschlafen, bin aber durch einen lauten Streit zwischen meinen Eltern aufgewacht. Kurz drauf hat mein Vater die Wohnungstür laut zugeschlagen. Am nächsten Tag ist meine Mutter erst gegen Abend aufgestanden; ich hatte mir in der Zwischenzeit selbst ein paar Brote gemacht und Milch aus dem Kühlschrank getrunken. Erst am übernächsten Tag ist er wieder aufgetaucht, und ab dieser Zeit haben meine Eltern ständig gestritten. Die Wohnungstür habe ich noch sehr oft zuschlagen hören und zunehmend eine panische Angst vor diesem Geräusch entwickelt; an meinem fünften Geburtstag habe ich es dann zum letzten Mal gehört. Einige Zeit darauf hat mir meine Mutter erzählt, dass sie jetzt „vom Papa geschieden“ wäre und er wieder geheiratet hätte. Wenn ich ihn besucht habe, hat mir seine neue Frau immer etwas geschenkt; aber gemocht habe ich sie trotzdem nicht.

„Scheiße“, antwortete ich jetzt; und mehr wollte ich zu diesem Thema auch nicht beitragen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, meine Mutter jemals geliebt zu haben. Nach der Scheidung hatte sie ihr Leben komplett in den Sand gesetzt und nur noch an sich gedacht. Ihr Ableben berührte mich nicht besonders, und das falsche Getue meines Vaters und dieser Frau machte mich nur aggressiv.

„Noch etwas“, fuhr der jetzt fort. „Man hat ihre Obduktion angeordnet. Angeblich soll es irgendwelche Hinweise darauf geben, dass es unter Umständen doch kein Suizid gewesen ist, sondern möglicherweise…“ „Möglicherweise was?“ „Möglicherweise …Mord.“

2

Die Beisetzung meiner Mutter war eine trostlose Angelegenheit gewesen. Den Gang zu ihrem Urnengrab hatten lediglich mein Vater, seine zweite Frau und ich begleitet. Eine Aufbahrung vor der Kremierung, eine Trauerrede oder gar kirchliche Rituale waren nicht eingeplant gewesen.

Meine Mutter, die einst von ihrer Familie zu einem „anständigen“ katholischen Mädchen erzogen worden war, war unmittelbar nach ihrer Scheidung aus der Kirche ausgetreten; da hatte sich ihre Familie aber schon längst von ihr abgewandt gehabt. Eigentlich war für sie ja eine ganz andere Zukunft vorgesehen gewesen; am liebsten zunächst ein Lehramtsstudium, da ihren konservativen Eltern Gebiete wie Medizin oder Jura für eine Frau eher weniger geeignet erschienen waren. Zudem hatte es in der Familie des Bruders meiner Mutter noch zwei Cousins gegeben, die diese Bereiche bereits abgedeckt hatten. Ihre unerwartete Schwangerschaft als Folgeerscheinung eines vorehelichen Geschlechtsverkehrs mit einem einfachen Büroangestellten hatte jedoch nicht nur diesen Plan zerstört, sondern auch die Erwartungen meiner Großeltern, meine Mutter ein paar Jahre später durch eine entsprechende Verheiratung in die „bessere Gesellschaft“ einschleusen zu können.

Die in ihren Augen nicht standesgemäße Eheschließung war daraufhin von den enttäuschten Eltern durch demonstrative Abwesenheit boykottiert worden; und so hatten nach der Trauungszeremonie zwei zusammengeschobene Tische in einem gutbürgerlichen Speiselokal ausgereicht, um das Brautpaar samt einiger Familienmitglieder meines Vaters unterbringen zu können.

Ich erinnerte mich noch daran, meine Großeltern mütterlicherseits einmal gesehen zu haben. Sie hatten auf einem wunderschönen Gutshof in Westfalen gelebt und zu meinem großen Entzücken zwei Hunde, mehrere Katzen und sogar Pferde besessen! Bei diesem Besuch waren sie sehr nett zu mir gewesen; und mein Großvater hat mich sogar auf eines dieser großen Tiere draufgesetzt. Außerdem hatte mir meine Großmutter schöne Kleider gekauft und meiner Mutter noch Geld für mich mitgegeben. Aber danach habe ich die beiden nie wiedergesehen.

An meine anderen Großeltern kann ich mich kaum erinnern; sie hatten sich nach der Scheidung der zweiten Familie meines Vaters zugewandt. Der Hauptgrund dafür schienen vor allem drei weitere Enkelkinder gewesen zu sein, die sehr schnell hintereinander aufgetaucht waren. Für mich hatte es noch ein paar Jahre lang einige bunte Postkarten gegeben; aber irgendwann waren auch die ausgeblieben.

Inzwischen hatte es zu nieseln begonnen; und wir drei Übriggebliebenen strebten rasch ein Café an, in dem auch kleine Mahlzeiten serviert wurden. Mein Vater und ich hatten noch einiges zu besprechen; weswegen ich mich vor diesem „Leichenschmaus“ nicht hatte drücken können. „Du bist ja jetzt Alleinerbin“, war gerade undeutlich von ihm zu vernehmen, während er sich die komplette Hälfte einer Frikadelle in den Mund stopfte. Seine Tusnelda hatte einen kleinen Salat verspeist und sich danach mit ihrem Smartphone in eine Sitzecke zurückgezogen, mit In-Ears von ihrer unmittelbaren Umgebung abgeschottet und chattete.

Nach dem nur ungenügend erfolgreichen Einsatz einer Papierserviette für Mund und Kinn fuhr mein Erzeuger fort: „Da ist es doch bestimmt in Ordnung für dich, wenn du die Wohnungsauflösung alleine stemmst; sind doch nur anderthalb Zimmer.“ Das war wieder mal typisch für ihn – er wollte sich möglichst schadlos aus der Affäre ziehen! „Nein“, entgegnete ich heftig, „das ist überhaupt nicht in Ordnung! Ich habe meine Arbeit, gut zwanzig Kilometer hin und wieder zurück sind eine ziemliche Strecke, ich kann keine Möbel alleine irgendwohin schleppen; und wer soll überhaupt die Miete für die Wohnung weiterzahlen? Die Kündigungsfrist kann ich trotz des Todesfalls nicht umgehen!“