rollenspiel - Sabeth Ackermann - E-Book

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Sabeth Ackermann

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Beschreibung

Im Roman "rollenspiel" geht es um drei Frauen, in deren unmittelbarer Nähe ein grausamer Mord passiert ist, der noch nicht aufgeklärt werden konnte. Während die Protagonistinnen ihr Leben weiterleben, scheinen immer mehr Ungereimtheiten aufzutreten, die bei den Leser*innen zunehmend ein Gefühl von Unbehagen hervorrufen.

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sabeth Ackermann

rollenspiel

Roman

Für alle

Mütter,

Stief- und Schwiegermütter und ihre

Töchter,

Stief- und Schwiegertöchter, die eine liebevolle Beziehung auf Augenhöhe leben.

01. Oktober 2022 – Sabeth Ackermann

(30. Geburtstag von R.)

© 2022 Sabeth Ackermann

Bildnachweis: privat

ISBN Softcover: 978-3-347-69800-0

ISBN E-Book: 978-3-347-69801-7

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreihe 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Sabeth Ackermann

rollenspiel

Roman

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Widmung

Urheberrechte

Titelblatt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Epilog

Danke!

Über die Autorin

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Cover

Widmung

Urheberrechte

Titelblatt

Kapitel 1

Über die Autorin

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Cover

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1

Das Licht ging so plötzlich aus, dass ich, soeben im Begriff, schweratmend die nächste Stufe zu erklimmen, beinahe gestolpert wäre. Unsicher zog ich meinen rechten Fuß wieder zurück und versuchte, Ruhe zu bewahren. Meine Nachtblindheit gaukelte mir in fataler Kombination mit meiner ausgeprägten Furcht vor der Dunkelheit vor, dass sich um mich herum lauter schwarze Löcher befanden, die nur darauf warteten, mich einsaugen und auf atomare Größe komprimieren zu können. Kaum traute ich mich zu atmen, um sie gar nicht erst auf mich aufmerksam zu machen.

Während dafür jetzt die nächtlichen Geister, die mich bereits seit meiner frühesten Kindheit begleiteten, ihre klebrigen Spinnenfinger nach meinem nackten Hals ausstreckten, riss plötzlich etwas, das ich in meiner linken Hand umklammert gehalten hatte, ab und stürzte mit fürchterlichem Getöse in den Abgrund hinter mir. Es dauerte mehrere Sekunden, bis endlich das letzte Geräusch verstummt war. Und genau in diesem Moment ging auch das Licht wieder an.

Britta stand oben am Treppenabsatz und sah zu mir herunter. Sie trug schwarze Leggings und eine Tunika mit orientalisch anmutendem Druck in Purpurrot und Gold. Um ihren Hals baumelte ihre Lesebrille an einem schwarzen Lederband. Ihre tadellos gepflegten Füße steckten in goldfarbenen Pantoletten und gaben den Blick frei auf ihre wohlgeformten Zehen, deren Nägel - ebenso wie die ihrer perfekt manikürten Hände- in mattem Schwarz lackiert waren. Ihre schulterlangen, grauen Haare umrahmten ihr immer noch schönes Gesicht in schmeichelhaften Beach-Waves; und obwohl sie kein Make-up trug, sah sie besser aus als ich nach einer ganzen Stunde im Badezimmer.

„Trag die andere Tüte schonmal rein, Alex; ich mach‘ das hier“, sagte sie jetzt in ruhigem, aber bestimmtem Ton. Sie verschwand kurz und kehrte Sekunden später mit einer Klappbox wieder. Entgegen ihrer Anweisung half ich ihr beim Einsammeln der Gegenstände, die aus der zerrissenen Einkaufstüte herausgefallen waren. Zum Glück war nichts zu Bruch gegangen.

„Die beiden schlafen schon“, flüsterte sie, während sie die Box nahm und ich die zweite Tüte, wir beides in die Wohnung trugen und auf der Kochinsel abstellten.

„Danke, Mama!“ Ich umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Was täte ich bloß ohne dich!“ „Such dir endlich einen gescheiten Kerl“, antwortete sie, während sie ihre Lesebrille erst in ein Etui und dann in ihre Handtasche steckte.

„Es gibt keine gescheiten Kerle“, entgegnete ich.

„Vielleicht solltest du deine Ansprüche etwas heruntersetzen; ich glaube, man nennt so etwas heutzutage ‚Down-Dating‘.“

„Du meinst also, ich soll über polygame Neigungen, die fehlende Motivation, einer geregelten Arbeit nachzugehen oder mangelnde Unterstützung hinsichtlich Hausarbeit und Kindererziehung großzügig hinwegsehen? Danke, das hatte ich alles schon. Hat nichts genützt.“

Britta seufzte. „Das natürlich nicht; aber vielleicht solltest du einen Mann nicht mit zu viel Oberlehrerhaftigkeit strapazieren. Wirf doch deine Ernsthaftigkeit mal über Bord und bring dafür mehr Lebensfreude ins Spiel! Männer lieben es, mit einer Frau auch einfach nur Spaß haben zu können.“

„Das sagst ausgerechnet du mir, die regelmäßig mit männlichen Vertretern gehobenerer Schichten ins Theater oder in die Oper geht? Die Lesungen und andere kulturelle Events für sozialschwächere Mitbürger organisiert und nicht davor zurückschreckt, dafür auch mit Mitgliedern des Gemeindesrats zu dinieren, um leichter an Unterstützungen für derartige Unternehmungen zu gelangen? Das klingt für mich nicht besonders nach ‚einfach nur Spaß‘ haben!“

„Jetzt bringst du aber wirklich einiges durcheinander!“ Britta schien leicht verärgert zu sein.

„Ich habe keinerlei Interesse daran, mich an irgendeinen dieser Männer zu binden. In einem Fall geht es tatsächlich darum, ein bisschen Kultur genießen zu können, was alleine nicht besonders anregend ist; und im zweiten lediglich um das Gemeinwohl. Ich bin über vierzig Jahre lang glücklich verheiratet gewesen; einen weiteren Ehemann brauche ich nicht.

Aber du bist noch jung, und du hast zwei kleine Kinder. Du solltest einen Partner haben, der für dich da ist und dich unterstützt; und dafür muss er nun wirklich nicht alle Hobbys mit dir teilen. Wenn du Bücher liebst und er nicht, dann komm doch einfach mal mit zu meinen Lesungen. Und mit einem Mann erlebst du dann andere, noch aufregendere Dinge. Ich treffe mich hin und wieder mit einem, um genau das genießen zu können.“ „Hör auf, Mama – ich will das gar nicht wissen!“ Ich hielt mir die Ohren zu.

„Und du weißt, Schatz – wenn du mit den Kindern alleine gar nicht mehr klarkommst, könnt ihr jederzeit auch zu mir ziehen; der Platz ist da.“

„Ja, ich weiß, Mama. Aber dann müssten sich die beiden schon wieder an neue Lebensumstände gewöhnen. Du wohnst einfach zu weit weg!“

„Deswegen wird es jetzt auch Zeit für mich, den Heimweg anzutreten.“ Britta zog sich ein elegantes, schwarzes Strickjäckchen über. „Dass du auch ständig erst abends einkaufen gehen musst!“

„Oh, ich empfinde das als sehr angenehm; da habe ich zumindest meine Ruhe.“ Ich lachte. „Aber hast du nie Angst, so ganz alleine in deinem Haus?“

Nie würde ich so wie meine Mutter leben können. Die Vorstellung, nachts durch die breiten Glasfronten ihres Wohnzimmers in einen finsteren Garten zu schauen und nicht zu wissen, wer mich jetzt vielleicht von draußen beobachtet, würde mich in den Wahnsinn treiben! Mit Sicherheit würde ich abends den Außenbereich komplett beleuchten, die schweren Vorhänge immer zuziehen und jede Menge Kameras installieren, die ich von meinem Smartphone aus kontrollieren könnte.

Ich brachte Britta zur Tür und bedankte mich bei ihr mit zwei Küsschen. Dann schloss ich die Wohnungstür zu und legte die Kette vor. Erst jetzt fühlte ich mich sicher. Leise begann ich, die Einkäufe zu versorgen.

2

Anja trat langsam aus dem hellerleuchteten Gebäude und lehnte sich an die Hauswand. Sie beobachtete die Morgendämmerung und versuchte, die nach und nach einsetzenden Vogelstimmen zu identifizieren, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

„Zigarette?“ Unbemerkt war ihr Kollege Matthias an sie herangetreten. Er war acht Jahre jünger als Anja, über einen halben Kopf kleiner und arbeitete seit drei Jahren mit ihr zusammen. Deswegen wusste er auch, dass seine Kollegin nicht rauchte. Normalerweise.

Doch als er ihr jetzt das versilberte Etui hinhielt, griff sie zu und ließ sich von ihm Feuer geben. Sie nahm einen tiefen Zug und richtete ihren Blick wieder auf den Himmel.

„Man gewöhnt sich nie dran.“ Matthias hatte eine sanfte, angenehme Stimme, die ihre entspannende Wirkung auf Anja auch dieses Mal nicht verfehlte. Sie sog den schädlichen Rauch noch einmal tief ein, drückte die Zigarette dann auf dem Steinpflaster aus und warf die Kippe in die Mülltonne, die an der Hauswand stand. „Wir müssen wieder rein“, sagte sie zu ihrem Kollegen. Der lächelte sie an. „Hättest du nicht Lust, bei mir, sobald wir hier fertig sind, den Schock der heutigen Nacht mithilfe eines Absackers zu verdauen?“

Anja lächelte zurück, während sie den Kopf schüttelte. „Es mag ja sein, dass du dich nach deinem freien Tag noch fit fühlst. Aber ich werde nachher nur noch mein Protokoll schreiben und danach sofort ins Bett fallen. Und im Übrigen weißt du doch, dass ich von ‚Absackern‘ so überhaupt nichts halte.“

„Du bist immer so anständig, ‚Fräulein Tugendhaft‘.“ In seiner Stimme lag leichter Spott.

„Wenn du mit ‚anständig‘ meinst, dass es bei mir nun mal keine alkoholischen Getränke sind, die mir nach solch furchtbaren Eindrücken wieder Stabilität verleihen, sondern Routinearbeiten wie eben das Protokollschreiben, dann darfst du dich gerne darüber lustig machen“, erwiderte sie leicht gereizt.

„Ich mache mich nicht darüber lustig“, verteidigte er sich, während seine Stimme etwas an Lautstärke zunahm, „aber könnte denn ein Abendessen an einem gesitteten Ort wie dem ‚Baum und Boden‘ ebenso zu deiner Stabilisierung beitragen?“

Anja hatte sich bereits wieder dem Eingang zugewandt und schaute ihren Kollegen jetzt noch einmal kurz über die Schulter an. In ihrem Blick lag tiefste Verachtung, als sie antwortete: „Wie kannst du in einer derartigen Situation auch nur ans Essen denken?“, wobei sie die Betonung auf das Verb „denken“ legte. Dann verschwand sie im Hausinnern. Matthias ließ ihr einen kleinen Vorsprung, um ihr nicht das Gefühl zu geben, dass er hinter ihr herlief. Dann betrat auch er wieder das Gebäude. Nur wenige Sekunden später löste sich ein Schatten von der dunklen Hecke auf dem Grundstück ab, sprang über den Zaun in den Nachbargarten und wurde erneut eins mit der Nacht.

3

In der vorherigen großen Pause hatte ich Aufsicht gehabt. Jetzt hatte gerade die zweite begonnen, und ich strebte zum ersten Mal an diesem Tag dem Lehrerzimmer zu in der Hoffnung, endlich eine Tasse Kaffee ergattern zu können. Heute Morgen war ich etwas zu spät aufgestanden, und die Zeit hatte lediglich ausgereicht, um den Kindern ein paar schnelle Frühstücksflocken zu kredenzen. Doch kurz vor der Tür fing mich ausgerechnet mein Kollege Jürgen ab. „Na, Alex – was sagst du zu ‚Jack, the Ripper‘?“, rief er erwartungsvoll und stellte sich mir in den Weg. Ich zuckte mit den Schultern und versuchte, mich an ihm vorbeizudrängen, doch zu spät – er hatte mich bereits als unwissend identifiziert.

„Was denn, du hast es noch gar nicht mitbekommen?“ Er versuchte, mich am Arm festzuhalten. „Ihr alleinerziehenden Mütter seid wirklich zu bedauern, dass ihr nicht einmal mehr Zeit für die Tageszeitung oder die Nachrichten habt.“

Ich stieß ihn zur Seite, um endlich an die Türklinke und damit auch etwas näher an die Kaffeemaschine zu gelangen. Doch auch dort blieb er an mir kleben.

„Hast du denn so gar kein Interesse am Zeitgeschehen? Ist dir jetzt wirklich alles andere wichtiger?“

Erneut berührte er meinen Arm, und ich explodierte. „Das einzige, an dem ich absolut kein Interesse habe, ist dein Geschwätz! Wahrscheinlich hat dir ja deine Frau bereits zum Frühstück zwei Becher Kaffee serviert und zusätzlich noch eine volle Thermoskanne in die Schule mitgegeben. Aber ich habe noch keine einzige Tasse genießen dürfen; und es gibt absolut nichts auf diesem Planeten, wonach ich mich im Moment mehr verzehre. Also lass mich jetzt bitte endlich in Ruhe!“

Für einen Moment herrschte peinliche Stille im Raum; dann murmelte mein Kollege so etwas wie „frustrierte Weibsbilder“ - und die Betriebsamkeit im Lehrerzimmer setzte schlagartig wieder ein.

Nach meinem Unterricht an der Werkrealschule holte ich meine Kinder Maik und Mia aus der Hausaufgabenbetreuung ihrer Grundschule, die sich auf der anderen Seite des Schulhofes befand, ab. Maik ging in die zweite Klasse und Mia in die dritte; betreut wurden sie aber gemeinsam mit Kindern auch aus anderen Klassenstufen. Ich klopfte kurz an die Tür und trat ein.

Die anwesende Kollegin blickte auf, deutete meinem Nachwuchs an, noch einen Moment sitzenzubleiben, und bat mich dann per Handzeichen, mit ihr hinaus in den Flur zu gehen. Dort schloss sie die Tür des Klassenzimmers und begann, im Flüsterton zu sprechen.

„Offensichtlich wissen bereits alle Grundschüler über den Vorfall Bescheid, was einer wirklichen Katastrophe gleichkommt!“ Irritiert blickte ich die Pädagogin an.

„Die älteren Schüler machen sich auch noch einen Spaß daraus, unsere Kleinen mit wahren und erfundenen Details dieser Sache zu erschrecken. Die Kinder sind schon völlig verstört; und einige weinen sogar und haben Angst!“ „Details was für einer Sache?“, fragte ich ahnungslos.

„Ach, du lieber Himmel, Frau Ludwig, jetzt sagen Sie bloß, Sie haben noch nichts von dem bestialischen Mord in der Nähe der Uni gehört!“ Und dann erfuhr ich in Kurzfassung, was mein Kollege Jürgen bereits heute Vormittag mit „Jack, the Ripper“ angedeutet hatte:

Eine ältere, alleinstehende Dame war am Vortag von einer bis jetzt unbekannten Person ermordet und anschließend auf dem Rand ihrer Badewanne in Einzelteile zersägt worden. Die polizeilichen Ermittlungen waren in vollem Gange, und die Presse überschlug sich mit Andeutungen über die grausamen Details dieser Tat.

Ich hatte heute noch nichts gegessen und spürte Übelkeit in mir aufsteigen. Der Mord musste etwa um die gleiche Zeit passiert sein, als ich gestern Abend mit meinen vollen Einkaufstaschen im dunklen Flur gestanden hatte. Waren die Spinnenfinger an meinem Hals und das plötzliche Zerreißen einer der Papiertüten unheilvolle Vorboten dieser fürchterlichen Tat gewesen? Hätte es am Ende auch mich in einem düsteren Hausflur treffen können?

Diese Gedanken schob ich gleich wieder von mir. Die Untat hatte nicht in unserer, sondern in der gut dreißig Kilometer entfernten Uni-Stadt in einer gediegenen Wohngegend stattgefunden und mit mir und meinem muffigen Treppenhaus rein gar nichts zu tun!

Dass das grausige Verbrechen überhaupt so schnell entdeckt worden war, hatte laut Aussage der Kollegin daran gelegen, dass sich das Opfer mit Namen Schultheiß mit einer Bekannten für eine Spätvorstellung im Kino verabredet hatte, zu der sie von ihr abgeholt werden sollte. Nachdem sie aber auf das mehrfache Klingeln ihrer Begleitung nicht reagiert hatte und es der Bekannten auch nach zwei Stunden noch nicht gelungen war, telefonisch Kontakt zu ihr aufzunehmen, da das Handy von Frau Schultheiß ganz offensichtlich abgestellt war, hatte sie sich schließlich irgendwann nach Mitternacht dazu entschlossen, die Polizei zu benachrichtigen. Die hatte nach einigem Hin und Her schließlich die Tür aufgebrochen, die bestialische Tat entdeckt und gerade noch verhindern können, dass auch die völlig aufgelöste Bekannte einen Blick auf den Tatort hatte werfen können.

Ein umfangreiches Aufgebot an Polizeibeamten sowie ein Team der Spurensicherung hatten sich teilweise bis zum späten Vormittag in dem Haus aufgehalten.

Hinter der Tür des Klassenzimmers wurde es unruhig. „Hören Sie, Frau Ludwig“, holte die Kollegin noch einmal aus, „die Schulleitung wird morgen einen Leitfaden für einen möglichst kindgerechten Umgang mit dem Thema herausgeben. Die Eltern sollten versuchen, ihre Kinder zu beruhigen und ihnen klarmachen, dass das meiste von dem, was sie von anderen Schülern zu hören bekommen, reine Erfindung ist.“ Mittlerweile war aus dem Klassenraum lautes Geschrei zu vernehmen.

„Am Hilfreichsten ist es wahrscheinlich, den Kindern jetzt ein verstärktes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln.“ Mit diesen Worten öffnete sie die Tür wieder und ließ mich völlig hilflos mit der Frage zurück, ob es überhaupt möglich war, eine derartige Gräueltat „kindgerecht“ aufarbeiten zu können.

4

Ohne Reservierung war es völlig unmöglich, im „Baum und Boden“ einen Tisch zu bekommen; denn trotz seiner astronomisch hohen Preise war das Restaurant eines der angesagtesten in der Uni-Stadt.

In puristischer Atmosphäre wurden bei gedämpftem Licht vegane Köstlichkeiten serviert, die in mehreren Gängen den Magen der Gäste so schnell füllen, wie sie deren Geldbeutel leeren konnten.

Anja hatte sich wegen ihres schlechten Gewissens ihrem Kollegen gegenüber schließlich doch noch zu einem gemeinsamen Abendessen bereit erklärt.

Mittlerweile war sie zu der Überzeugung gekommen, dass ihre Patzigkeit gegenüber Matthias in der Mordnacht nicht angemessen gewesen war; schließlich hatte er lediglich versucht, sie von den furchtbaren Bildern, die sich ihnen im Badezimmer der Getöteten dargeboten hatten, etwas abzulenken.

Dass es ihm in solchen Situationen dabei manchmal ein wenig an Sensibilität zu mangeln schien, war ihr schon ein paarmal aufgefallen. Aber er war nun mal ein Mann, von dem erwartet wurde, dass er auch in einer solchen Situation Stärke zeigte - und sie hatte nicht das Recht, ihm das zum Vorwurf zu machen.

Während Matthias seiner Kollegin aus der Jacke half und ihren Stuhl zurechtrückte, dachte auch er über ihre persönliche Beziehung nach. Diese Frau reizte ihn, seit er die erste Arbeitswoche mit ihr gemeinsam hinter sich gebracht hatte. Ihre sachliche, spröde Art und ihren Ehrgeiz, mit dem sie jeden ihrer Fälle anging, fand er überaus anziehend; und seit drei Jahren hoffte er, ihre Aufmerksamkeit gewinnen und ihr kollegiales Arbeitsverhältnis in eine vertraulichere Beziehung umwandeln zu können.

Das Leben von Kriminalbeamtinnen und -beamten war nicht einfach. Es erforderte einen derart hohen Einsatz und eine ebensolche Flexibilität, dass das eigene Privatleben nicht selten auf der Strecke blieb.

Matthias wusste, dass Anja vor fünfzehn Jahren einmal verlobt gewesen war. Damals war sie 33, sehr verliebt und voller Hoffnung gewesen, ihren Beruf und eine Familie vielleicht doch unter einen Hut bekommen zu können. Doch diese Blase war schnell zerplatzt.

Ihr Verlobter, ein gutaussehender, stadtbekannter Anwalt, hatte sich mit den unregelmäßigen Arbeitszeiten einer Kriminalbeamtin nicht abfinden wollen und irgendwann Trost in den Armen seiner verständnisvollen Sekretärin gesucht und auch gefunden. Mit ihr hatte er zwei Kinder bekommen und sich dabei weiter um den Ausbau seiner Kanzlei kümmern können.

Anja hatte lange gebraucht, um über diesen Verlust hinwegzukommen; obwohl der in Matthias‘ Augen eigentlich überhaupt keiner gewesen war.

Diese Geschichte hatte er nicht von Anja, sondern von der Kollegschaft erfahren. Sie selbst sprach so gut wie nie über ihre Gefühle.

Jetzt war es zu spät für sie, noch eine Familie zu gründen, was ihn aber nicht im Geringsten störte; im Gegenteil. Der Wunsch, Vater zu werden, war ihm ohnehin seit jeher fremd gewesen. Und auch die Tatsache, dass Anja acht Jahre älter war als er, spielte für ihn überhaupt keine Rolle.

Matthias war sich seiner Vor- und Nachteile hinsichtlich der Chancen auf eine Beziehung mit seiner Kollegin sehr wohl bewusst. Die gemeinsame Arbeit ordnete er definitiv der Haben-Seite zu.

Sein größtes Manko allerdings bestand in seiner Körpergröße von kaum mehr als einem Meter sechzig, mit der er es gerade noch soeben -und letztlich aufgrund seiner hervorragenden körperlichen Fitness- geschafft hatte, überhaupt eine Laufbahn bei der Polizei einschlagen zu können. Doch Frauen liebten große Männer, und Anja mit ihrem Gardemaß sowieso.

Ihr Ex war ein immer noch stattlicher Kerl, der -wenn auch nicht charakterlich, so doch zumindest optischeiniges hermachte.

Aber wenn die eigene Optik beim weiblichen Geschlecht nicht in allen Punkten Anklang fand, musste man als Mann eben mit anderen Vorzügen überzeugen. Und diesbezüglich verfügte Matthias über einen reichen Fundus an Erfahrungen.

Sein Körperwachstum war zunächst noch ganz normal verlaufen; doch als seine Pubertät im vierzehnten Lebensjahr gerade dabei gewesen war, Fahrt aufzunehmen, hatte es plötzlich zu stagnieren begonnen.

Zu einer Zeit im Leben eines männlichen Teenagers, in der das Kräftemessen mit Altersgenossen und die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des weiblichen Geschlechts zunehmend an Bedeutung gewinnt, kommt ein derartiges Manko einer Katastrophe gleich.

Frisuren und Kleidung lassen sich beliebig der jeweiligen Mode anpassen, und eine von Akne geplagte Haut wird sich in den allermeisten Fällen auch wieder erholen; aber klein zu sein und es auch zu bleiben – dagegen war leider kein Kraut gewachsen.

Und so hatte der Jüngling nur hilflos dabei zusehen können, wie ein Klassenkamerad nach dem anderen an ihm vorbei in die Höhe geschossen war.

Etwa zwei Jahre später waren die meisten seiner Altersgenossen bereits zehn, und beim Abitur drei Viertel von ihnen mindestens zwanzig Zentimeter größer gewesen als er.

Als wesentlich schlimmer noch hatte er aber empfunden, dass zu diesem Zeitpunkt auch fast alle Mädchen aus seiner Klasse auf ihn hatten herunterschauen können. Und selbst die wenigen, die immer noch kleiner gewesen waren als er, hatten nur Augen für die größeren Jungs gehabt.

Schließlich hatte Matthias keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als etwas zu finden, in dem er seine Klassenkameraden übertrumpfen können würde.

Gute Leistungen in der Schule hatten einem in jener Zeit eher den Ruf des „Strebers“ eingebracht, dessen Image ein wenig dem des heutigen „Nerds“ entsprochen und als wenig sexy gegolten hatte. Aber in einem Fach war das anders gewesen: beim Sport.

Und so hatte sich der Heranwachsende mit großem Einsatz an die Leistungsspitze gekämpft, was ihn wiederum für die anderen Jungen zu einem begehrten Kandidaten für diverse Spielerteams hatte werden lassen. Diese Aufmerksamkeit hatte Matthias gutgetan; doch zu seinem Leidwesen hatte sie sich nicht in gleichem Maß auf den weiblichen Teil der Schülerschaft übertragen. Trotz seines mittlerweile durchtrainierten Körpers und seiner sportlichen Erfolge waren es nach wie vor die anderen Jungs, die das Interesse der Mädchen geweckt hatten.

Die fehlenden Erfahrungen und Bestätigungen hatten Matthias‘ Selbstbewusstsein gegenüber dem weiblichen Geschlecht immer weiter schrumpfen lassen; und da er zu jener Zeit ohnehin von eher zurückhaltender Natur gewesen war, war es ihm auch nicht gelungen, sein persönliches Manko mit Lockerheit und Coolness zu überwinden, so wie er es schon bei anderen Mitschülern mitbekommen hatte.

Außerdem war ihm zusehends klargeworden, dass er eigentlich kein Teamplayer war und viel lieber für sich alleine gekämpft und Siege errungen hätte. Diese Einstellung hatte er bis zum heutigen Tag beibehalten.

Mit sechzehn hatte er schließlich mehrere Tanzkurse absolviert, in denen er sich nicht nur diverse Schrittfolgen angeeignet hatte, sondern auch die Fähigkeit, bei seinen Partnerinnen die Führung zu übernehmen und sie mit rücksichtsvollem und fürsorglichem Benehmen in den Fokus zu stellen.

Das wiederum hatte den meisten Mädchen gefallen; dennoch war sich Matthias bereits zu dieser Zeit völlig im Klaren darüber gewesen, dass er als Mann immer nur die zweite, wenn nicht sogar die dritte Garnitur belegen würde. Und er vermutete, dass das bei seiner Kollegin Anja nicht anders sein würde.

Der Kellner brachte zwei Speisekarten, die von Hand mit schwarzer Tusche auf Büttenpapier beschrieben worden waren. Die Bogen hatte einen gerissenen Rand; und in ihnen waren kleine Blüten und Blätter eingearbeitet.

Diese Karten waren eine optische und haptische Offenbarung und bei den Gästen derart beliebt, dass man sie zu einem kaum nachvollziehbar hohen Preis auch käuflich erwerben konnte. Dennoch wurde der gerne gezahlt, da man so weniger eine schnöde Auflistung unterschiedlicher Speisen, als vielmehr eine Art Kunstwerk erstand.

Matthias schlug Anja das fünfgängige Überraschungsmenü für zwei sich gegenübersitzende Personen vor. Mit Getränken und Trinkgeld würde ihn dieses Vergnügen mehr als 150 Euro kosten; aber Mammon interessierte ihn nicht besonders. Anja ging auf die Empfehlung ein, und ihr Kollege gab die Bestellung auf.

Ein Mann betrat das Lokal. Er war schlank, um die fünfzig, größer als Anja, lässig, aber gepflegt gekleidet und trug seine grauen, etwas längeren Haare nach hinten gekämmt, während sein Gesicht glattrasiert war.

Er war ohne Begleitung und steuerte zielsicher die kleine Bar an, die sich kaum drei Meter entfernt von Anja und Matthias befand und der einzige Ort in diesem Lokal war, an dem man auch ohne Reservierung Platz nehmen konnte.

Während das Essen der beiden Kollegen serviert wurde, trank er einen Gemüse-Spezial-Cocktail und anschließend einen Espresso; dabei knabberte er ohne Hast an einem Stückchen des leckeren, hausgemachten Konfekts, das er zum Kaffee gereicht bekommen hatte.

Als Matthias nach der Vorspeise kurz die Waschräume aufsuchte, drehte sich der Fremde für einen Moment zu Anja um und lächelte sie freundlich an.

Dieser kurze Blick aus seinen strahlend blauen Augen brachte die sonst so toughe Kriminalbeamtin für einen winzigen Moment aus der Fassung. Verlegen wand sie ihren Blick ab, was ihr sonst eigentlich überhaupt nicht ähnlichsah.

Um ihr plötzliches Gefühlschaos zu überspielen, begann sie, nach der Rückkehr ihres Kollegen ohne Punkt und Komma auf ihn einzureden, was ebenso wenig ihrem normalen Verhalten entsprach und von ihm dementsprechend mit leichter Verwunderung registriert wurde.

In der Pause zwischen dem zweiten und dem dritten Gang begab sie sich ebenfalls in das Untergeschoss.

Im breiten Wandspiegel, der über den Waschbecken der Damentoilette angebracht war, blickte ihr ihr eigenes Gesicht mit glühenden Wangen entgegen, das Anja mit ihren Händen, über die sie zuvor kaltes Wasser laufengelassen hatte, etwas zu kühlen versuchte.

Schließlich hangelte sie aus den Tiefen ihrer Handtasche einen Lippenstift hervor und trug ein wenig davon auf. Augenblicklich sah sie jünger und frischer aus; was sofort ein dazu passendes Lächeln in das Gesicht der Kriminalbeamtin zauberte. Doch als sie in den Gastraum zurückkehrte, war die Bar verwaist und das Geschirr dort bereits abgeräumt.

Anja registrierte ihre Enttäuschung und schluckte sie gleich wieder hinunter; Matthias sollte davon nichts mitbekommen. Sie strahlte ihn an.

„Dieser Lippenstift steht dir ausgesprochen gut“, bemerkte er, ihr Lächeln erwidernd. „Ist der neu?“

5

Britta war nicht zu beruhigen. Seit einer Viertelstunde belegte ihr Anruf mein Handy, wodurch ich in meiner Hausarbeit sehr eingeschränkt war. Normalerweise stellte ich während ihrer verbalen Ergüsse den Lautsprecher an und räumte dann weiter die Spülmaschine aus oder bügelte. In diesem Fall allerdings war das leider nicht möglich, da meine Mutter gerade ausführlich ihre Sicht der Dinge bezüglich des grausamen Mordfalls darlegte, während Mia und Maik am Küchentisch saßen und ihre Hausaufgaben machten.

„Die arme Grete“, schluchzte sie, „erst 73, und dann ein derart barbarisches Ende! Und ausgerechnet eine wie sie – mit ihren ganzen Ehrenämtern und ihrem sozialen Engagement!“ „Weiß man denn mittlerweile etwas Neues?“, unterbrach ich ihren Redefluss. „Allerdings.“ Britta schnäuzte sich. „Mit Hilfe ihrer Bank und ihres Bekanntenkreises hat man herausgefunden, dass Wertgegenstände und Geld von weit über hunderttausend Euro verschwunden sind; und das nur innerhalb der letzten vier Monate!“

„Was für Wertgegenstände?“, hakte ich nach.

„Die Goldmünzen-Sammlung ihres Vaters, der gesamte Echtschmuck sowie verschiedene wertvolle Erstausgaben. Aber vor allem hat sie in dieser Zeit mehrfach hohe Bargeldbeträge von ihren Konten abgehoben, von denen man nicht weiß, wofür sie sie verwendet hat.“ „Also war es ein Raubmo… - du weißt schon.“

„Unsinn“, entgegnete meine Mutter, „sie muss eine Beziehung zu einer Person gehabt haben, die mindestens diese vier Monate gedauert hat. Und Grete hatte ihre Bankgeschäfte im Griff - Abhebungen, die sie nicht selbst getätigt hat, hätte sie sofort angezeigt.“ „Vielleicht ein Heiratsschwindler?“, mutmaßte ich.

„Doch nicht Grete“, widersprach Britta. „Seit dem Tod ihres Mannes war sie diejenige, die den Männern das Geld aus der Tasche gezogen hat, wenn es um ihre sozialen Projekte gegangen ist. Und, von wegen Raubmord: Kein gemeiner Dieb hat ein Interesse daran, eine Leiche derart zu schänden!“

Nur zu gerne hätte ich wieder über etwas anderes gesprochen. Mittlerweile schien es für alle Menschen in meinem Umfeld nur noch um dieses eine, furchtbare Thema zu gehen. „Gehst du zur Beerdigung?“ „Natürlich. Es gibt eine Kremation; aber der genaue Termin steht noch nicht fest, weil die pathologischen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind.“

Ich beendete das Gespräch. Schon wieder schoben sich gruselige Bilder in mein inneres Sichtfeld. Was hatte die Pathologie in einem solchen Fall eigentlich auf dem Tisch liegen; lauter Einzelstücke? Und wurden die wie bei einem Puzzle wieder zusammengesetzt?

Schluss damit! Ich wandte mich meinen Kindern zu. „Mama, was ist ein Heiratsschwindler?“, wollte Mia wissen, und Maik zog unbarmherzig nach: „Der Benny aus der 4c hat erzählt, dass man Fleisch von Menschen essen kann. Das stimmt doch nicht, oder, Mama? Der Benny lügt, gell, Mama? Maaama - sag doch was!“

6

Vier Tage nach der Entdeckung des grausamen Verbrechens stand die Zusammensetzung der für diesen Fall zuständigen Sonderkommission fest. Für die „Soko Südstadt“, benannt nach dem Fundort der Leiche, waren alle verfügbaren Beamtinnen und Beamten des Kriminalkommissariats von ihren üblichen Aufgaben entbunden worden, um sich ausschließlich dem Mordfall widmen zu können. Auch Anja und Matthias gehörten jetzt dem Ermittlerteam der Soko an; allerdings bearbeiteten sie ganz unterschiedliche Aufgabenbereiche. Während Matthias gemeinsam mit einer Kollegin Spuren auswertete, die auf den Fußböden gefunden worden waren, oblag es Anja, Familienangehörige und Verwandte des Opfers aufzuspüren und möglichst viele Details über Persönlichkeit und Lebensweise der Getöteten zu erfahren. Beide arbeiteten nur wenige Meter voneinander entfernt in einem ehemaligen Feuerwehrgerätehaus, das auch als Zentrale diente; eingeengt zwischen etwa 25 Kolleginnen und Kollegen von insgesamt vierzig, die der Soko angehörten. Die übrigen 15 waren auf andere Räumlichkeiten verteilt worden; und jeder von ihnen besaß einen eigenen Rechner.

Im Anschluss an die allabendliche gemeinsame Besprechung hatte Anja Matthias zu sich nach Hause eingeladen - auch, um sich ein wenig für die kostspielige Essenseinladung im „Baum und Boden“ zu revanchieren. Noch vor ihrem Dienstbeginn hatte sie einen Tortellini-Gemüse-Auflauf vorbereitet, den sie jetzt nur noch in den Ofen schieben musste. Während der den Rest erledigte, schenkte sie sich das obligatorische Wasser und ihrem Kollegen ein alkoholfreies Weizenbier ein; Matthias musste nachher noch mit seinem Auto nach Hause fahren. Der Abend war so mild, dass Anja den Tisch auf ihrem kleinen Balkon gedeckt hatte.