Zeit, mich zu finden - Sabeth Ackermann - E-Book

Zeit, mich zu finden E-Book

Sabeth Ackermann

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Beschreibung

Die sechzigjährige Lehrerin Pia hat sich längst mit ihrer oberflächlichen Lebensweise arrangiert, als sie bei einer Veranstaltung unvermutet in einen von der normalen Zeit ausgekoppelten Raum gerät. Dort trifft sie auf ihren ehemaligen Klassenlehrer Jan. In der geschützten Zeitblase können sich die Gefühle der beiden füreinander entzünden. Doch Pia wird zunehmend von den Erinnerungen an ihre rigide Erziehung überrollt, die ihr weiteres Leben maßgeblich geprägt hat. Und Jan scheint vor ihr ein Geheimnis zu verbergen. Schließlich sieht Pia sich Problemen gegenüberstehen, auf die sie nicht vorbereitet war. Und sie muss eine Entscheidung treffen…

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EPUB
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Seitenzahl: 512

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sabeth Ackermann

Zeit, mich zu finden

Roman

Für die vier Frauen,

die mein Leben ein Stück weit begleitet haben, mir geholfen haben, mich selbst zu erkennen, und so meine Persönlichkeit entscheidend mitgeprägt haben:

Elisabeth

Maria Veronika Elfriede und Barbara

In Liebe und Dankbarkeit.

18. Mai 2021

(Elisabeths 130. Geburtstag)

Sabeth Ackermann

© 2021 Sabeth Ackermann

Autor: Sabeth Ackermann

Umschlaggestaltung: Sabeth Ackermann Bildnachweis: Solovyova/istockphoto.com Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

2. Auflage

ISBN: 978-3-347-34207-1 (Paperback)

978-3-347-34208-8 (Hardcover)

978-3-347-34209-5 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de. abrufbar.

Sabeth Ackermann

Zeit, mich zu finden

Roman

Ankunft

Ich spürte sofort, dass etwas anders war als sonst; etwas, das mich zutiefst beunruhigte.

In meinem Bett, in dem ich vor einiger Zeit das Fuß- mit dem Kopfende vertauscht hatte, weil es mir dann doch bequemer erschienen war, war es eben noch kuschlig wie immer gewesen; doch plötzlich vermeinte ich eine Art Erdbeben zu verspüren.

Meine Zimmerwände bewegten sich auf mich zu und begannen, mein kleines Nest zusammenzudrücken; das konnte nur ein Albtraum sein!

Ich war nicht in der Lage zu schreien, aber ich spürte, wie Adrenalin meinen Körper durchflutete; und jetzt war ich hellwach!

Da – schon wieder ein Beben; schon wieder der Druck, den auch mein Bettnestchen kaum noch abmildern konnte. Nein, das war kein Traum – ich kannte meine Träume! Sie waren Kompositionen aus all den Sinneseindrücken, mit denen ich meine Umwelt wahrnahm; alles, was ich sehen, hören, schmecken und fühlen konnte. Ich bevorzugte die leisen, in denen ich sanfte Stimmen und melodische Töne vernahm; und der Geschmack von Süßem passte perfekt dazu. Diese Elemente formierten sich, wenn ich schlief, zu wunderbaren, kleinen Begebenheiten in einer surrealen, zartrosa schimmernden Parallelwelt.

Doch da gab es auch noch die, die ich überhaupt nicht mochte - solche mit lauten Geräuschen und heftig hämmernden Schlägen, die mir großes Unbehagen bereiteten, und bei denen ich einen Geschmack im Mund verspürte, den ich so gar nicht liebte.

Auf einmal fiel das bekannte rosafarbene Licht in mein Zimmer, in dem es gerade eben noch dunkel gewesen war, und ich hörte von draußen die Stimme meiner Mutter panisch schreien: „Wir müssen jetzt sofort los!“ Mein Vater antwortete etwas, das ich nicht genau verstehen konnte. Es sollte wohl beruhigend klingen; aber dabei hatte seine Stimme eine so unnatürliche Tonlage, dass mir sofort klar wurde, dass auch er in Wirklichkeit Angst hatte. Und wenn schon mein Vater Angst hatte, dann hatte ich wahrhaftig allen Grund, mir selbst die größten Sorgen zu machen!

Draußen wurde es immer hektischer, und ständig musste ich neue Beben über mich ergehen lassen!

Dann wurde es schlagartig noch heller, und ich vernahm Stimmen, die ich noch nie zuvor gehört hatte.

Obwohl ich von meinem gewohnten Biorhythmus her jetzt eigentlich tief und entspannt hätte schlafen können, war ich wegen dieser ungewohnten und unheimlichen Vorkommnisse so wach und aufgeregt wie niemals zuvor in meinem Leben.

Auf einmal vernahm ich ein merkwürdiges Geräusch, und meine warme Decke entglitt mir. Dann gab es einen Ruck, und ich rutschte ganz an den unteren Bettrand, während mich zusätzlich ein weiteres Beben mit Macht dagegen drückte. Das war sehr unangenehm, aber ich konnte mich dieser ungeheuren Kraft nicht entziehen. Da bemerkte ich am Bettende eine Öffnung, die immer größer wurde. Wieder und wieder wurde ich mit meiner Stirn dagegen gepresst; überhaupt kam Druck von allen Seiten. Auf einmal schoben sich erst mein Kopf und dann mein Körper hindurch, und ich bemühte mich, meinen Kopf so zu bewegen, dass er dabei möglichst keinen Schaden nahm. Nachdem ich das geschafft hatte, glaubte ich, dass jetzt endlich alles vorbei wäre.

Doch da rollte bereits die nächste Erdbebenwelle heran und kurz darauf eine weitere. Jedes Mal, wenn ich eine solche Welle spürte, wurde ich erneut gegen einen Widerstand gepresst. Dann verlangsamte sich mein Herzschlag, und meine Mutter gab Geräusche von sich, die ich noch nie von ihr gehört hatte – eine Mischung aus Schreien, Wimmern und Stöhnen. All das machte mich fast verrückt vor Angst!

Plötzlich bemerkte ich selbst durch meine geschlossenen Augenlider eine ungewohnte Helligkeit.

Gleich darauf war es wieder dunkel, und weiterer Druck wurde auf mich ausgeübt - würde das denn nie aufhören? Doch schon drang erneut Licht zu mir, und jemand packte mich sehr unsanft erst am Kopf, dann nacheinander an beiden Schultern und zog mich so hinaus in eine helle Kälte. Ich hatte es geliebt, zu sein; doch jetzt fror ich und konnte die Helligkeit und die ungewohnt hohen und lauten Geräusche kaum ertragen. Vorsichtig öffnete ich meine Augen.

Das erste Gesicht, das ich in meinem Leben erblickte, hatte einen furchteinflößenden Ausdruck und gehörte zu der Frau, die mich noch immer festhielt. In unfreundlichem Ton sagte sie laut: „Sie atmet nicht!“ Natürlich atmete ich nicht!

Ich war bisher hervorragend ohne jedwede Atmerei zurechtgekommen und sah überhaupt keinen Grund darin, jetzt auf einmal damit anfangen zu wollen. Ohnehin wollte ich endlich wieder nach Hause zurück - dorthin, wo alles dämmriger, wärmer, leiser und sanfter war; wo es gluckerte und im Rhythmus rauschte und es niemanden kümmerte, ob man atmete oder nicht.

Hier würde ich auf jeden Fall nicht bleiben!

Doch schon stand ein Mann in einem weißen Kittel da und hob mich an den Füßen hoch; und als ich nun in dieser entwürdigenden Position hing und das Gefühl hatte, mein Kopf könnte jeden Moment platzen, schlug er mir mit seiner flachen Hand auf meinen nackten Po. Ich war entsetzt und gedemütigt, und mein zart behäutetes Hinterteil brannte.

Und so tat ich unfreiwillig doch den ersten Atemzug meines Lebens in einer mir unbekannten und wenig verheißungsvoll erscheinenden Welt, um meine Empörung und meinen Protest ob dieser schlechten Behandlung hinausschreien zu können.

Mit zufriedenem Gesichtsausdruck wandte sich der Weißbekittelte von mir ab und rief jemandem, der sich hinter mir befand, zu:

„Herzlichen Glückwunsch, Frau Blum; Sie haben ein Mädchen!“

Moni Mauerblümchen

Der Brief steckt an einem ganz normalen Dienstag in meinem Briefkasten. Er ist hellgrau, trägt als Absender einen Stempel meiner ehemaligen Schule, und im Sichtfenster ist meine Adresse zu lesen:

Frau Pia M. Blum, Straße mit Hausnummer, Postleitzahl sowie mein jetziger Wohnort.

Die Schule habe ich vor über vierzig Jahren verlassen und bin seither mehrmals umgezogen. Aber ich habe noch losen Kontakt zu drei ehemaligen Klassenkameradinnen, die meine jetzige Adresse wahrscheinlich weitergegeben haben. Dass mein zweiter Vorname nur mit „M.“ abgekürzt und der dritte einfach ignoriert worden ist, stört mich nicht - im Gegenteil.

Nach meiner Scheidung vor zwanzig Jahren hatte ich meinen Mädchennamen wieder angenommen. Wirklich toll hatte ich den zwar noch nie gefunden; keinesfalls aber hätte ich meinen Ehenamen weitertragen wollen! Meine Töchter hatten den Familiennamen behalten, bis sie, beide ziemlich jung, mit einundzwanzig und mit zwanzig Jahren geheiratet und die Nachnamen ihrer Ehemänner angenommen hatten. Davon einmal abgesehen jedoch sind meine Mädchen sehr unterschiedlich. Die Hochzeit von Julia, der Jüngeren, hatte erst vor einem Jahr im Rahmen eines schönen, großen Familienfestes stattgefunden, bei dem mir erneut und schmerzhaft klar geworden war, dass ich es bisher immer noch nicht geschafft hatte, selbst wieder zu heiraten.

Und Katharina, „die Große“, hatte sich zwei Jahre zuvor in einem dagegen vergleichsweise bescheidenen Rahmen trauen lassen.

Überrascht hatte mich die Unterschiedlichkeit der beiden Hochzeiten nicht: Mein „Julchen“ war schon immer eine Prinzessin gewesen, die den großen Bahnhof liebte, während Katharina viel rationaler, pragmatischer und in allem auch viel puristischer war.

Beide haben aber auch etwas von mir: Katharina das ewig Analytische und Julia den Hang, alles verschönern zu wollen. Nur komme ich mit meiner „Kleinen“ besser aus, weil sie mich in meinem Bestreben, möglichst jung und attraktiv auszusehen, tatkräftig mit Schönheitstipps unterstützt.

Kathi dagegen will mir ständig klar machen, dass mein Jugendwahn und meine Suche nach einem Ehemann allzu offensichtlich und damit peinlich seien und ich mein Geld und meine Energien lieber in sinnvollere Tätigkeiten stecken solle.

Das kränkt mich ein wenig; habe ich doch bisher fast fünfunddreißig Jahre Staatsdienst abgeleistet und für das erste Vierteljahrhundert davon sogar eine Urkunde erhalten, zwei Kinder in die Welt gesetzt und fast alleine großgezogen und einige meiner „besten Jahre“ damit verbracht, einen Taugenichts auszuhalten, der mich zum Dank belogen und betrogen und mir nach unserer Trennung nicht einmal Unterhalt gezahlt hat! Hatte ich mir nicht ein bisschen Anspruch auf ein „süßes Leben“ verdient?

„Du hast kein süßes Leben, Mama“, pflegt mir meine Große während solcher Diskussionen dann immer wieder unbarmherzig klarzumachen, „du machst dir was vor. Was soll denn ‚süß‘ daran sein, sich in deinem Alter, an der Grenze zur Peinlichkeit aufgetakelt, in irgendwelchen Spelunken die Nächte um die Ohren zu schlagen und dabei auch noch einen Haufen Geld zum Fenster rauszuwerfen?“

„Ich werde oft eingeladen“, versuche ich mich in solchen Fällen, meines bereits verlorenen Postens durchaus bewusst, zumindest um der Ehre willen zu verteidigen. Dann verdreht Kathi in der Regel die Augen, weist manchmal noch darauf hin, dass sich seriöse, „heiratbare“ Männer mitnichten in solchen Etablissements herumtrieben, und schon fühle ich mich wieder schlecht. Aber was sollte ich denn sonst machen?

Auf kulturellen Veranstaltungen befinden sich in der Regel hauptsächlich Frauen „im besten Alter“, sieht man mal von den wenigen männlichen Exemplaren ab, die von deren Partnerinnen –und das von Seiten der Männer aus auch nicht immer ganz freiwillig- mitgebracht worden waren.

Und manchmal gibt es auf Vorträgen oder Lesungen, die nicht von einer Frau gehalten werden, auch noch diesen smarten Referenten. Der bleibt aber in der Regel anschließend nur so lange da, bis er eine für ihn ausreichende Menge an handsignierten literarischen Erzeugnissen aus eigener Herstellung verkauft hat.

Auf Vernissagen kann ich wenigstens noch ein paar lauwarme Gratis-Getränke ergattern - aber leider keine Männer, die sich für den Intellekt einer „Endfünfzigerin“ interessieren. Konzerte und Theater sind richtig teuer; und die Chancen, dort einen gebildeten, ungebundenen und gutaussehenden Mann für mich interessieren zu können, gehen gegen Null.

Und über die Misserfolge mit meinen Zeitungsinseraten, in denen ich als „intelligente, humorvolle und warmherzige ‚Best Agerin‘ einen adäquaten Wegbegleiter“ suche, will ich gar nicht erst sprechen.

„Du nimmst das Thema viel zu wichtig“, sagt meine Große dann, „entspann dich lieber und warte ab; und warum willst du eigentlich überhaupt noch einmal heiraten?“ Etwas erleichterter bin ich dann, wenn Julia mich nach solchen Standpauken in den Arm nimmt und lacht: „Lass sie doch reden, Mama, sie ist halt unser Moralapostel. Tu einfach, was dir Spaß macht, und denk nicht so viel darüber nach!“

Aber genau das ist mein Problem: Ich kann überhaupt nichts machen, ohne mein Handeln ununterbrochen zu reflektieren. Und wenn ich ehrlich bin, hat das viele Ausgehen für mich auch nichts mit „Spaß“ zu tun, sondern soll eine Funktion erfüllen, was es anstrengend macht und Stress für mich bedeutet.

Normalerweise würde ich mittlerweile alles Laute, Grelle, Enge und Hektische eher meiden und nach Feierabend und an den Wochenenden viel öfter einfach nur meine Beine hochlegen und es mir gutgehen lassen. Im Vergleich zu den Menschen, die gerne Events besuchen, sportlich oder im Rahmen eines Hobbys aktiv sind, verfüge ich über einen ausgeprägten Hang zur Ereignislosigkeit!

Ein Jahr nach ihrer Eheschließung hat Kathi meinen ersten Enkel zur Welt gebracht, Magnus. Er ist ein richtig süßer Kerl mit fast weißblonden Locken und strahlend blauen Augen, aus denen bereits der Schalk hervorblitzt. Als Säugling wurde er oft von seinem Vater Matthias, einem aufstrebenden Junganwalt, stolz in einem gewebten Stoffbeutel herumgetragen; und auf Julias Hochzeit krabbelte er schon herum und zog sich überall hoch, was seine Eltern ziemlich in Atem hielt.

Ich habe ihn wirklich gerne und nehme ihn ab und zu mal für ein paar Stunden; insbesondere, seit mich eine Spaziergängerin, als ich ihn mal mit dem Buggy draußen herumkutschiert habe, gefragt hat, ob ich die Mutter des Kindes sei. Aber ich bin auch froh, wenn Kathi ihn dann wieder abholt.

Meine Vornamen habe ich übrigens nie gemocht, abgesehen von meinem Rufnamen Pia. Warum hatte es nicht einfach dabei bleiben können?

Diesen Namen habe ich von meinem Großvater mütterlicherseits geerbt, der nach Papst Pius, dem Zehnten, benannt worden war. Nach meiner Geburt war dann als Rufname flugs eine „Pia“ draus geworden, was mir persönlich schon gereicht hätte; doch hat mich damals niemand nach meiner Meinung gefragt!

Vielleicht war dem Pfarrer, der meine Taufe hatte vornehmen sollen, der modifizierte Papstname nicht klangvoll genug gewesen, vielleicht hatte er ihn aber auch nicht für ein Mädchen gelten lassen wollen.

Und so hatte er meine Eltern zum sogenannten „Beivornamen“ Maria genötigt, der seit jeher bei der Veredelung von Vornamens-Kompositionen gute Dienste geleistet hat - auch bei Männern.

Pia Maria - man könnte meinen, dass es nicht schlimmer hätte kommen können; doch weit gefehlt!

Kurz vor dem Tauftermin hatte auch noch meine Großmutter väterlicherseits Ansprüche angemeldet, indem sie darauf bestanden hatte, an meine bereits beschlossenen Vornamen noch einen weiteren, nämlich „Monika“, anzuhängen. Tatsächlich hätte sie selbst sehr gerne eine Tochter dieses Namens gehabt.

Natürlich waren die Methoden einer kontrollierten Familienplanung zu ihrer Zeit noch überschaubar und auch nicht besonders erfolgreich gewesen.

Dennoch wurde immer vermutet, dass der Wunsch nach einem Mädchen der eigentliche Grund dafür war, dass sie sich den Strapazen von fünf Geburten ausgesetzt hatte, von denen sie die ersten beiden den verletzungsbedingten Fronturlauben meines Großvaters im ersten Weltkrieg zu verdanken gehabt hatte.

Doch das Schicksal hatte es anders gewollt und ihr fünf prächtige Jungen geschenkt, von denen mein Vater der jüngste und ihr geliebtes und besonders verwöhntes Nesthäkchen war.

Und so war es auch nicht verwunderlich gewesen, dass der meiner Omi den Herzenswunsch nicht hatte abschlagen wollen, weswegen ich fortan als Pia Maria Monika Blum aufwuchs und nahezu meine gesamte Kindheit und Jugend damit aufgezogen worden bin.

Wenn wir draußen oder im Schulhof in der Pause spielten, tanzten die anderen Kinder oft um mich herum und sangen mit der Melodie von „Ringel, Ringel, Reihe“ „Piiia-Mariiia“! Irgendeiner fing immer damit an und die anderen stimmten mit ein.

Erst als ich aufs Gymnasium in die Stadt kam, hatte der Spott mit meinen beiden ersten Vornamen endlich ein Ende. Doch ich besaß ja noch einen dritten, der sich in Kombination mit meinem Familiennamen etwas später als fatal erweisen sollte.

Nach der Grundschule hatte meine Mutter uns vier nach und nach auf Privatschulen geschickt, die schon damals die Vorteile eines beaufsichtigten Mittagessens und einer ebensolchen Hausaufgabenbetreuung anboten, was sie hinsichtlich ihres eigenen Erziehungsauftrages enorm entlastete.

Irgendwann erfuhr ich, dass mein Vater nach der Scheidung von unserer Mutter diesen nicht ganz billigen Service samt Privatschulgeld komplett finanzierte, was mich lange Zeit wunderte, da er sich das als einfacher Beamter im Öffentlichen Dienst eigentlich kaum hätte leisten können.

Doch er erwähnte einmal, dass er für diese Kosten über ein „geheimes Sonderkonto“ verfügen würde; womit ich mich fürs Erste zufriedengegeben hatte.

Aufgrund der freien Trägerschaft meiner Schule gab es dort auch noch die alten lateinischen Bezeichnungen für die Klassenstufen, die bei den meisten öffentlichen Schulen, von den humanistischen Gymnasien einmal abgesehen, bereits abgeschafft worden waren. Und so geschah es in der Sexta, dass meine Klassenlehrerin auf meine starke Kurzsichtigkeit aufmerksam wurde, woraufhin ich umgehend eine Brille mit dicken Gläsern, Typ Kassengestell, erhielt.

Als ich das erste Mal damit meine Klasse betrat, schrien die anderen vor Lachen, und ab da war ich die „Brillenschlange“. Zwar war ich nicht das einzige Mädchen mit einer solchen Sehhilfe, aber meine erschien mir mit Abstand die auffälligste und hässlichste zu sein. Viele Jahre lang gab ich meinen unförmigen Augengläsern die Schuld daran, dass sich kaum ein Junge für mich interessierte; und ich sparte lange, bis ich mir ein modernes, leichtes Gestell leisten konnte - und irgendwann auch meine ersten Kontaktlinsen.

In der Untertertia verguckte ich mich in einen Mitschüler namens Georg, der eine Klassenstufe über mir war. Immer wieder drückte ich mich in der großen Pause in seiner Nähe herum, und einmal wagte ich mich noch etwas weiter vor als sonst. Ich schickte sehnsuchtsvolle Blicke in seine Richtung, doch ein paar andere Jungs aus seiner Klasse standen um ihn herum und versperrten mir den direkten Zugang zu ihm.

Als er mich schließlich doch erblickte, rief er –wohl auch, um vor den anderen als möglichst cool dazustehen- spöttisch: „Guckt mal, da kommt ‚Moni Mauerblümchen‘!“

Seine Klassenkameraden grölten vor Begeisterung, und ab jenem Moment bescherte mir diese Alliteration erneut über eine längere Zeit Schmach und Demütigungen. Das Stigma „Moni Mauerblümchen“ verfolgte mich bis in die Oberstufe; und die Erinnerung daran schmerzte auch noch lange danach, als ich längst erwachsen und einfach nur noch Pia Blum war.

Ich habe den Briefumschlag aufgerissen und entfalte das ausgedruckte Schreiben. Meine alte Schule feiert Jubiläum und lädt ehemalige Schüler*innen und Lehrer*innen herzlich zu einem großen Empfang mit Schüler-Vorführungen und einem kalten Buffet, sowie die Möglichkeit, die eigenen ehemaligen Unterrichtsräume zu besichtigen, ein; um Antwort wird gebeten.

Meine alte Schule – wie lange ist das her. Vor wenigen Monaten bin ich sechzig Jahre alt geworden - sechzig!

Nur noch wenige Jahre, dann werde ich der Schule, an der ich lange Zeit als Lehrerin der Haupt- und später der Werkrealschule tätig gewesen war, adieu sagen und meinen Ruhestand antreten.

Als ich selbst noch Schülerin war, hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich überhaupt jemals ein derart greisenhaftes Alter erreichen würde!

Dann habe ich studiert, das Referendariat gemacht und mich in meinem Leben und meinen ersten Anstellungen ausprobiert. Mit Anfang Dreißig hörte ich auf einmal meine biologische Uhr ticken und machte mich auf die Suche nach einem Ehemann. Doch das erwies sich als gar nicht so einfach, da ich schon ein wenig den Zug verpasst zu haben schien.

Während meiner Ausbildung hatte ich aufgrund meines Hauptfachs Mathematik noch reichlich Kontakt zu jungen Männern gehabt; aber die meisten hatten dann nach und nach geheiratet und waren von der Single-Bühne verschwunden.

Plötzlich befiel mich die Sorge, dass das Leben bereits dabei war, an mir vorüberzuziehen. Und so entschloss ich mich dazu, mich in einen ein paar Jahre älteren Friseurmeister im Nachbarort zu verlieben.

Der hatte mir, als ich an einem dieser schlechten Tage eher zufällig in seinen Laden gestolpert war, eine traumhaft voluminöse Dauerwelle in meine müden Spaghetti-Strähnen gezaubert und dabei geduldig und voller Verständnis meinen Erzählungen gelauscht.

Um mich aufzumuntern, spendierte er mir im Anschluss daran noch das „Luxus-Beauty-Paket“ mit Gesichtskosmetik, Maniküre und Tages-Make-up, und zwei Jahre später waren wir verheiratet.

Doch die Dinge liefen schlecht, und irgendwann war mein Mann weg.

Nachdem einige Zeit vergangen war und ich mich neu orientiert hatte, habe ich immer wieder versucht, einen Lebenspartner für mich zu finden. Zunächst sollte es auch ein Papa für meine Mädchen sein, doch gerade die Existenz meiner Kinder hat potentielle Interessenten oft abgeschreckt.

Natürlich lernte ich weitere Männer kennen und habe mich auch immer mal wieder mit einem von ihnen eingelassen; aber bis zum heutigen Tag war nie einer dabei gewesen, mit dem eine dauerhafte Beziehung möglich gewesen wäre.

Nach dem Auszug meiner Mädchen gab ich unsere Vierzimmerwohnung am Stadtrand auf und mietete mir eine mit zwei Zimmern, einer schönen, großen Wohnküche und einem traumhaften Balkon, von der aus auch meine Töchter in nur einer Viertelstunde mit dem Auto zu erreichen sind.

Julia ist in meine Fußstapfen getreten und studiert Pädagogik, wo sie sich für die langen Tage an der Uni an ihrem Studienort, der zwei Autostunden entfernt ist, ein kleines Zimmer in einer WG gemietet hat.

Ihr Mann Sven ist bereits verbeamteter Lehrer in Vollzeit, was vor allem in finanzieller Hinsicht für das Studium meiner Tochter hilfreich ist und mich somit ebenfalls entlastet.

Katharina hatte die Schule nach der zehnten Klasse verlassen und eine Lehre als Fotografin absolviert, obwohl ich zunächst nicht verstanden hatte, warum ausgerechnet sie mit ihrem analytischen Verstand nicht hatte studieren wollen.

Doch die Wahl ihres Ausbildungsberufs stellte sich für meine älteste Tochter schon bald als Glücksgriff heraus: Kathi bewies als Fotografin großes Talent, nahm bereits während ihrer Lehre mehrfach an Ausstellungen teil, und einige ihrer Werke fanden sogar in der Presse anerkennende Erwähnung.

Dadurch machte sie sich einen gewissen Namen; und als sie bereits schwanger war, bekam sie sogar das Angebot, zusätzlich zu ihrer Anstellung ein Buch mit ihren Bildern zu illustrieren.

Diese Arbeit, die sie gleichermaßen mit Leidenschaft und Gewissenhaftigkeit noch vor dem Geburtstermin fertigstellte, erhöhte ihren Bekanntheitsgrad noch.

Und sobald Magnus einen Kindergartenplatz bekommt, will sie auch so schnell wie möglich wieder in ihren Beruf zurückkehren.

Seit meine Mädchen aus dem Haus sind und ich von meinen Mutterpflichten entbunden bin, bin ich nahezu süchtig danach geworden, meine Wohnung nur noch perfekt gestylt zu verlassen - denn eines möchte ich nie wieder sein:

„Moni Mauerblümchen“!

Erinnerungen

In den letzten Tagen vor der Schulfeier habe ich ein bisschen gestöbert und dabei einige Erinnerungsstücke ans Tageslicht befördert. Da ist zum Beispiel mein altes Poesie-Album, das ich noch bis zur Quarta geführt habe; ab der Mittelstufe hatten derartige Reminiszenzen als „uncool“ gegolten.

„Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. Nur die eine nicht, und die heißt Vergißmeinnicht. Dies schrieb dir deine liebe Freundin Brigitte“, entziffere ich den mit Füller und noch in alter Rechtschreibung geschriebenen Text. Die Biggi – die hatte ich ja ganz vergessen! Ein fröhliches Gesicht, eingerahmt von zwei dicken, geflochtenen Zöpfen, tauchen vor meinem geistigen Auge auf; wie gerne hätte ich auch solche besessen!

„In allen vier Ecken soll Liebe drinstecken!“, dieser Text stammte, zusammen mit einer großen, pinkfarbenen Rose, auf der golden Glitzerpartikel schimmerten, von meiner besten Freundin Susanne. Gemeinsam hatten wir die auf dem Schulgelände verbotenen Shorts unter unsere Miniröcke, die wiederum erlaubt waren, angezogen; und in der großen Pause wanden wir uns auf dem Schulhof aus den Röcken heraus, um den anderen mit unserer verbotenen Kluft zu imponieren.

Doch schon bald hatten wir viele Nachahmerinnen und die Sache ihren Reiz verloren. Später kam Susi auf die Idee, das ebenfalls verbotene „Klick-Klack-Spiel“ auf den Hof zu schmuggeln; doch bereits am ersten Tag wurden wir aufgrund des lauten „Klick-Klacks“ der schweren Kugeln erwischt und mussten nachsitzen, was uns den Spaß gleich wieder verdarb.

„Lebe glücklich lebe froh wie der Mops im Haferstroh dein Klaus“ – dieser Spruch war tatsächlich von einem Jungen, mit dem ich in der Unterstufe meine Leidenschaft für Mathematik und mein Unverständnis für den Gebrauch von Satzzeichen geteilt habe.

Und in einem alten Fotoalbum entdecke ich ein Klassenfoto, das unmittelbar nach unserer Einschulung auf dem Gymnasium geschossen worden war. Meine Güte – diese Frisuren: Neben den damals beliebten Flechtzöpfen gab es noch die Dutte, die mitten auf dem Kopf platziert wurden; aber auch weiße Nylonbänder, die lange Mähnen aus dem Gesicht hielten, sowie die damals beliebten geflochtenen und dann mit weißen Schleifen oder Haarspangen in Kirschform doppelt zusammengebundenen „Affenschaukeln“. Und dann diese Klamotten: Falten-, Häkel- und Strickröcke; gekrönt von Strickstrumpfhosen oder deutlich schickeren weißen Kniestrümpfen, die aber ständig herunterrutschten! Bei den Jungs gab es eindeutig eine Tendenz zur praktischen Lederhose mit Latz, ansonsten herrschten Stoff- oder Cordhosen, kombiniert mit Hemden und teilweise schon mit gestreiften Polyacryl-Pullundern oder selbstgestrickten Pullis vor. Jeans und T-Shirt hatten sich als Schuluniform noch nicht durchgesetzt.

Und da bin ja auch ich, direkt neben Susi; sie trägt einen hübschen, weißen Rollkragenpullover zum Faltenrock in schwarz-weißem Pepita-Karo und ich ein von meiner Mutter genähtes, geblümtes Hängerchen mit einer Tasche auf dem Bauch, das aussieht wie ein Kittelschurz. Dann fällt mir eine gelbe, leicht zerfledderte DIN A 5Kladde in die Hand, auf der „Meine Abschlußklasse“ (ebenfalls noch in alter Rechtschreibung) steht.

Neugierig schlage ich sie auf und erinnere mich wieder: In den letzten Wochen vor Ausgabe des Abiturzeugnisses hatten wir ein regelrechtes Wettrennen damit veranstaltet, so viele Klassenkameradinnen und –kameraden, Lehrerinnen und Lehrer wie möglich in eigens dafür angeschaffte Kladden hineinschreiben zu lassen.

Und auch, wenn diese Heftchen von ihrer Funktion her stark an die einst so verpönten Poesiealben erinnerten, so wirkten sie aufgrund ihrer unkonventionellen Form und der eher spontanen Einträge, bei denen man nicht mehr zuvor Hilfslinien mit Lineal und Bleistift ziehen musste, die anschließend wieder wegradiert wurden, lässiger - und somit deutlich „cooler“.

Mein Exemplar ist ziemlich vollgekritzelt, und ich schaue mir eine Seite nach der anderen an. Meine Klasse hat sich mit mehr oder weniger witzigen Sprüchen und Zeichnungen darin verewigt; einige wenige haben sogar Fotos hineingeklebt. Susi schwört mir „ewige Treue und Verbundenheit“; tatsächlich ist sie wie ich direkt nach dem Abi weggezogen, und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Aber hier: Gabi und Iris, das sind die beiden, zu denen ich auch heute noch immer wieder mal Kontakt habe, zusammen mit Sabine, die erst in der Oberstufe zu uns gestoßen war. Ich blättere weiter; da tauchen die Einträge der Lehrer auf.

„Musik ist ein wichtiger Teil unseres Lebens; sie berührt unsere Seele. Mit den besten Wünschen für eine erfüllte Zukunft – Ihr Johannes Habermann“, entnehme ich den geschwungenen Buchstaben, die zusätzlich noch mit lauter kleinen Violinschlüsseln sowie Achtel- und Sechzehntelnoten mit ihren lustigen Fähnchen verziert sind. Ach, der gute Herr Habermann, denke ich; wie viel Mühe er sich gegeben hat, meiner Kehle saubere Töne zu entlocken; aber seit ich bereits Jahre zuvor meine Instrumentalkarriere aufgrund schwerwiegender Vorkommnisse beendet hatte, war mir jedweder Musikunterricht gleichgültig geworden. Noch viel unrühmlicher aber hatte sich meine Karriere im Fach Sport entwickelt. „Liebe Pia, bleiben Sie immer hübsch in Bewegung! Das wünscht Ihnen Rosalinde Kleinschmidt.“

Irgendwie rührend, denke ich. Dabei ist Fräulein Kleinschmidt im Sportunterricht der Oberstufe wahrscheinlich ständig an mir verzweifelt. Ob Geräteturnen oder Leichtathletik - für nichts hatte ich einen Sinn. Der Barren jagte mir solchen Respekt ein, dass mich immer zwei Hilfestellungen in den Felgaufschwung hinaufhieven mussten, während ich das „Vater unser“ betete.

Auf dem Bock landete ich trotz des Absprungs auf einem Sprungbrett höchstens auf den Knien.

Einmal stieß ich aber auch so heftig dagegen, dass er, samt eines verzweifelten Fräulein Kleinschmidts, die – bereit, ihre Rolle als Hilfestellung bei mir persönlich zu übernehmen- dahinterstand, umkippte.

Während das Turngerät einfach wieder aufgestellt werden konnte, musste unsere Sportlehrerin in der Notaufnahme des Krankenhauses ambulant behandelt und anschließend zwei Wochen lang vertreten werden.

Im Bodenturnen war die „Rolle vorwärts“ so ziemlich die einzige Übung gewesen, die ich gerade noch so zustande brachte. Und im Schwimmunterricht, den wir in der Sexta noch hatten und für den wir durch die halbe Stadt bis ins nächste Schwimmbad laufen mussten, hatte ich meiner damaligen Lehrerin Frau Jakobi glaubhaft klarmachen können, dass ich des Schwimmens nicht mächtig war. Das war gelogen, denn bereits mit vier Jahren hatte ich mich wie ein Fisch im Wasser bewegen können. Aber seit ich beim Baden im Baggersee bei einem Schlauchbootunglück unter die gekenterte Nussschale gelangt war und dort in den Sekunden bis zu meiner Rettung Todesängste ausgestanden hatte, hatte ich mich fortan geweigert, jemals wieder mit dem Kopf unter Wasser zu kommen. Bis zum heutigen Tag schließt das für mich Aktivitäten wie das Tauchen, das ins tiefe Wasser-Springen sowie das Haarewaschen direkt unter der Dusche für mich aus.

Und so mussten meine Eltern diesen wichtigen hygienischen Akt fortan zu zweit vornehmen: Während meine Mutter brauste und wusch, oblag meinem Vater die Aufgabe, meinen Nacken zu stützen und mit jeder Menge Gästehandtücher meine Ohren, Augen und Nase vor den von mir so gefürchteten Wassereinbrüchen zu schützen. Da ich als Hochsensible auf die Welt gekommen war, konnte ich mir in dieser Situation so mein angeborenes Gespür für die Gefühle und Schwächen anderer zunutze machen. So war mir durchaus bewusst, dass mein Vater fürchterlich darunter litt, dass er seine einzige Tochter aufgrund einer Unachtsamkeit beim Gummibootfahren beinahe ins Jenseits befördert hatte; und meine Mutter ließ keine Gelegenheit aus, ihn daran zu erinnern. Dafür entdeckte sie plötzlich die besorgte Übermutter in sich, der nichts wichtiger zu sein schien als die Sorge um ihr Kind, was die Untat meines Vaters noch dramatischer erscheinen ließ.

Dass sie es genau darauf angelegt haben muss, erklärt sich für mich dadurch, dass es für mich ansonsten keine weitere Situation gab, in der ich so viel fürsorgliche Zuwendung von ihr erfahren durfte.

Und so konkurrierten meine Eltern ab diesem Zeitpunkt beide in vermeintlich trauter Zweisamkeit darum, im Akt des Haarewaschens ihrer Tochter das Maximum an elterlicher Verantwortung zukommen lassen zu können. Doch leider war es mit dieser PremiumBehandlung vorbei, als sie sich scheiden ließen. Wir Kinder blieben bei unserer Mutter, die fortan niemandem mehr etwas beweisen musste. Von nun an hatte ich keine andere Wahl mehr, als meine Haare alleine kopf-über am Badewannenrand abzubrausen. Lediglich während meiner Ehe besaß ich zeitweise das Privileg, sie mir im Friseursalon meines Mannes bequem im Waschbecken waschen lassen zu können.

Aber dank meiner Kreativität konnte ich zumindest im Schwimmunterricht das gesamte fünfte Schuljahr lang einfach nur entspannt dabei zusehen, wie sich meine Klasse für den Erhalt der Frei- und FahrtenschwimmerAbzeichen abstrampelte und ein Großteil von ihr dafür sogar todesmutig und mit zugehaltener Nase einen waghalsigen Sprung vom Ein-, beziehungsweise Dreimeterbrett in Kauf nahm.

Ich dagegen plantschte zufrieden in einer geschützten Ecke vor mich hin und erfreute meine geduldige Lehrerin damit, dass ich jede Woche mit einem Zug mehr das Nichtschwimmerbecken „durchpflügen“ konnte.

Ich hatte mir zuvor natürlich ausgerechnet, dass ich mit diesem Lerntempo bis zum Ende unseres einzigen Schuljahres mit Schwimmunterricht so gerade eben nicht die Voraussetzungen für den Erwerb der Freischwimmer-Qualifikation erreichen würde, die immerhin noch einen Sprung vom Einmeterbrett erforderte, und somit für mich völlig indiskutabel war. Dafür war ich auch bereit, auf das neckische blau-weiße Abzeichen mit der Welle zu verzichten, das die Mütter sportlich ambitionierterer Kinder stolz auf die Badeanzüge und – hosen ihres Nachwuchses nähen durften.

Eine Seite nach der anderen blättere ich um und erfreue mich an den mehr oder weniger originellen Sprüchen ehemaliger Schulfreundinnen und Schulfreunde sowie an den versteckten Ermahnungen und gutgemeinten Lebensweisheiten meines ehemaligen Lehrkörpers.

Jan

„Liebe Pia, für Ihr zukünftiges Leben wünsche ich Ihnen, dass die schönsten Ihrer Träume in Erfüllung gehen! Ihr H. Jansen“

Ich halte inne, lese noch einmal. H. Jansen, das war Hinnerk Jansen, unser Mathematik-, Physik-, Chemieund vor allem Klassenlehrer in der Oberstufe gewesen, den alle nur den „Jan“ genannt hatten.

Ein merkwürdiges Gefühl nimmt von mir Besitz, das ich mir nicht erklären kann.

Eigentlich hätte unsere Klasse in der Unterprima von einer erfahrenen Oberstufenlehrerin übernommen werden sollen, die aber plötzlich erkrankt war. Stattdessen präsentierte uns der Schulleiter Herrn Jansen als Ersatz. Plötzlich sehe ich die Szene wieder vor mir:

Der kurz vor der Pensionierung stehende Rektor mit unserem neuen Lehrer vorne an der Tafel, der, vor allem durch den Kontrast zum fortgeschrittenen Alter seines Vorgesetzten, noch viel jugendlicher wirkte, als er es ohnehin schon war.

Er hatte blonde, lockige Haare und blaue Augen; und es hätte mich nicht gewundert, wenn er in Jeans und TShirt dagestanden wäre. Da das aber für Lehrer zu jener Zeit noch eher unüblich war und sich der junge Pädagoge die Akzeptanz von Kollegium, Schulleitung und Eltern wahrscheinlich erst noch erarbeiten musste, trug er ein weißes Hemd zu einem steingrauen Anzug. Nachdem der Rektor den Raum wieder verlassen hatte, stellte er sich noch einmal in ruhigem Ton vor, schrieb seinen Namen an die Tafel und erzählte, dass er eigentlich aus Norddeutschland käme, ihm es hier in der Gegend aber sehr gut gefallen würde. Sein studiertes Hauptfach war Mathematik, das bei den meisten von uns nicht zur Lieblingsdisziplin gehörte.

Bei mir aber schon! In einem Leben, in dem ich mir oft damit schwertat, die Handlungen meiner Mitmenschen begreifen zu können, lieferten Zahlen und Gleichungen und all die wunderbaren Dinge, die man daraus erschaffen konnte, Struktur und Halt.

Sie gaben den Rahmen vor, in dem ich mich gefahrlos bewegen konnte, brachten Ordnung in meine oft wirren Gedanken - und das Schönste: Es gab immer nur entweder ein „Richtig“ oder ein „Falsch“!

Es war ein bisschen wie in den Filmen, die meine Brüder und ich ab und zu im Fernsehen anschauen durften; auch dort gab es das „Böse“ und das „Gute“, und nichts dazwischen, das einen hätte irritieren können.

Die Mathematik erklärte sich von selbst und erschuf ihre eigenen Regeln, die ich aufsog und, wo immer es mir in meinem Alltagsleben möglich war, anwendete.

Während ich mich in Deutsch und den Sprachen mit Rechtschreibung und Grammatik abmühte und mich darüber ärgerte, dass jeder Regel einer Ausnahme folgte; während ich in Aufsätzen alles gab und am Ende doch nicht selten das Thema verfehlt hatte, stellte ich bereits in der ersten Klasse recht schnell fest, dass es beim Rechnen immer nur eine richtige Lösung gab.

Und ab dieser Zeit setzte ich alles daran, die Gesetzmäßigkeiten für dieses Fach zu begreifen und nie wieder zu vergessen. Dabei wurden auch Tabellen meine großen Freunde; und noch in der Grundschule begann ich mit eigenen Wahrscheinlichkeitsrechnungen, indem ich notierte, wie oft die Punktzahlen auf den Würfeln, die meine Brüder und ich bei den unterschiedlichsten Brettund Knobelspielen einsetzten, tatsächlich fielen.

Dafür hatte ich für jeden unserer Würfel eine eigene Tabelle angelegt und gleichfarbige Exemplare alle auf der Seite mit nur einem Punkt mit einem Permanentstift zusätzlich markiert.

Doch meine Brüder ärgerten sich darüber, dass sie immer nur die Würfel benutzen durften, die ich ihnen hinlegte. So mussten beispielsweise zwei gleichzeitig benutzte immer verschiedene Farben haben, damit ich sie leichter auseinanderhalten konnte.

Zudem wechselte ich die Benutzung der Würfel durch uns Kinder nach einem ausgeklügelten System, damit die Art, wie jeder von uns sie warf, das Ergebnis nicht verfälschte, und ich am Ende meiner Studien schließlich zu einer objektiven und repräsentativen Aussage gelangen würde.

Doch meine, von vollkommener Ignoranz für wissenschaftliche Beweisführungen geprägten Brüder, unterstellten mir, dass ich mir selbst immer nur die Würfel heraussuchen würde, die die meisten Sechser warfen, und sie dagegen von mir nur die „schlechten“ bekommen würden.

Bereits nach kurzer Zeit weigerten sie sich, weiter mit mir zu spielen, und führten so den vorzeitigen Abbruch meines so sorgfältig ausgearbeiteten Experiments herbei. Eine Weile zog ich mich daraufhin in mich selbst zurück; voller Erbitterung darüber, dass sich meine Geschwister als derartige Banausen erwiesen und somit meine strahlende Zukunft als anerkannte Wissenschaftlerin im Keim erstickt hatten.

Diese Zeiten waren allerdings längst vorbei, als ich, gerade mal siebzehn Jahre jung, den strahlenden Blick unseres neuen Lehrers erwiderte.

Er unterrichtete uns auch in Physik und Chemie; und da diese Fächer für mich eine logische Weiterführung meines Lieblingsfaches bildeten, war ich bald in allen dreien Klassenprima.

Da Jan mein Klassenlehrer war und somit auch Einblick über meine Noten in allen anderen Fächern hatte, wusste er, dass ich ansonsten nicht gerade mit Bestleistungen aufwarten konnte.

Meine Zeugnisse wiesen keine einzige Zwei auf, sondern ansonsten nur Dreien, Vieren und in zwei Fächern sogar eine Fünf, die ich aber dank meiner drei Einsen gerade so ausgleichen konnte.

Unserem guten Verhältnis aber tat das keinen Abbruch; und irgendwann wurde mir klar, dass ich mich unsterblich in ihn verliebt hatte!

In meinem damaligen Leben gab es kein männliches Wesen, das mir so viel wohlwollende Aufmerksamkeit entgegenbrachte wie mein Klassenlehrer – nicht einmal auf familiärer Basis.

Das Verhältnis zu meinem Vater hatte sich seit einiger Zeit massiv verschlechtert, obwohl ich ihn zuvor – insbesondere deswegen, weil er nach der Scheidung meiner Eltern nicht mehr bei uns zu Hause wohnte und ich ihn nur noch in den Schulferien besuchen konnte, sehr vermisst hatte.

Meine beiden älteren Brüder, die sich ebenfalls gerade mitten in der Pubertät befanden, verfolgten mittlerweile ganz andere Interessen, als mit ihrer einzigen Schwester Zeit zu verbringen.

Und in Sachen „Flirt“ sah es noch schlechter aus: In unserem Dorf gab es keine Vertreter des männlichen Geschlechts, die sich für mich interessiert hätten; und die älteren Jungs an meiner Schule schielten höchstens mal nach den langhaarigen und langbeinigen Schönheiten in unserer Klasse, die ihre Dutt- und Wollstrumpfhosenzeit bereits hinter sich gelassen hatten.

So war es wohl auch nicht verwunderlich, dass sich meine pubertären Sehnsüchte auf den schönsten und freundlichsten Mann ausrichteten, den ich kannte; und ich begann von ihm zu träumen.

Wenige Jahre zuvor hatte mir eine Freundin beigebracht, wie man sich –am besten kurz vor dem Einschlafen- schöne Phantasien ausmalen konnte, die sich manchmal bis in die Träume hinein auswirkten. Und da es mir ohnehin leichtfiel, meine Träume zu manipulieren, war Jan bald Nacht für Nacht bei mir.

Aber auch tagsüber träumte ich davon, wie er mir nach dem Abitur auf Knien und mit einem glitzernden Brillantring einen Antrag machen würde.

Und nachdem ich überglücklich „Ja“ gesagt hätte, würde ich ihn dann in einem über und über mit Spitzen und Perlen besetzten, weißen Ballkleid mit langer Schleppe heiraten, lauter hübsche und mathematisch hochbegabte Kinder bekommen und glücklich bis in alle Ewigkeit mit ihm zusammenleben.

In einem Vokabelheft übte ich hunderte Male meine Unterschrift als zukünftige Ehefrau Pia Jansen - so lange, bis mir jeder Schwung und jeder Schnörkel in Fleisch und Blut übergegangen war.

Allerdings vernachlässigte ich darüber das Einpauken von Vokabeln, die in diesem vollgekritzelten Heft ohnehin keinen Platz mehr gefunden hätten, was zur weiteren Verschlechterung meiner Noten in den fremdsprachlichen Fächern beitrug.

Doch nach meinem Schulabschluss begann ich sofort in der Nachbarstadt zu arbeiten, um ein wenig Geld für mein anstehendes Studium anzusparen und den Führerschein machen zu können.

Ich lernte andere Männer kennen, verliebte mich ein paarmal, und irgendwann war die Erinnerung an meine platonische Jugendliebe verblasst. Doch jetzt macht mein Herz einen kleinen Satz – ist es möglich, dass Jan als ehemaliger Lehrer vielleicht bei der Schulveranstaltung mit dabei ist?

Sofort setze ich mich an den PC und versuche, an Informationen über ihn zu gelangen; doch ich kann nichts von ihm finden. Schließlich suche ich die E-MailAdresse der Schule aus dem Brief heraus und melde mich zur Veranstaltung an.

In der Nacht davor finde ich lange keinen Schlaf und wache am nächsten Morgen noch vor dem Weckerpiepsen aus einem merkwürdigen Traum auf:

Ich betätige mich als „Fremdenführerin“ im Gebirge; ausgerechnet ich, die zu viel Bewegung und körperliche Anstrengung seit jeher meidet!

Bei strahlendem Wetter führe ich meine Schulklasse durch eine grüne Sommerlandschaft auf Wanderwegen in die Höhe. Die Wege werden immer steiler und felsiger, und es kostet mich einige Mühe, die Jugendlichen nicht aus den Augen zu verlieren.

Auf einem größeren Felsplateau angelangt, muss ich dennoch feststellen, dass mir alle meine Schutzbefohlenen abhandengekommen sind. Ich drohe, in Panik zu geraten; ermahne mich dann aber zur Ruhe und mache mich auf die Suche nach den Ausreißern.

Schon bald habe ich sie gefunden: Sie hängen –jeder an einem andersfarbigen Flugdrachen- an einem Baum über einem Abgrund. Als ich nähertrete, um das Ausmaß der Situation einschätzen zu können, stelle ich fest, dass die Schüler in Wirklichkeit alles Menschen aus meiner Vergangenheit sind:

Mein Vater, meine Mutter, mein alter Geigenlehrer, mein Tanzstundenpartner, mein Exmann, meine ExSchwiegermutter und einige andere Menschen, deren Gesichter mir zwar irgendwie bekannt vorkommen, die ich im Moment aber nicht zuordnen kann.

Eigentlich erfordert diese dramatische Situation von mir das sofortige Einleiten einer Rettungsaktion, doch auf einmal bahnt sich von meinem Bauch aus ein unbeschreibliches Gefühl seinen Weg hoch, bis es meinen Mund erreicht hat.

Und dann lache, lache, lache ich, wie ich es schon lange nicht mehr getan habe. Ich kann gar nicht mehr damit aufhören; und auf einmal fallen alle negativen Gefühle, Anspannungen und Sorgen von mir ab. Es sieht auch zu komisch aus, wie all diese Figuren an ihren ineinander verhedderten Drachen zappeln!

„Selbst schuld“, rufe ich ihnen zu, „niemand hat gesagt, dass ihr euch in diese Situation bringen sollt! Und überhaupt: Wo habt ihr eigentlich diese schönen, bunten Drachen her?“

„Gut so, Pia“, vernehme ich da eine Stimme hinter mir, „du bist nicht für alles verantwortlich!“

Blitzschnell drehe ich mich herum und sehe, wie sich ein Mann in einem Rollstuhl den Weg nach oben zum Plateau erkämpft; und das nur mit der Kraft seiner Arme und Hände. Als er oben angekommen ist, erkenne ich Jan!

„Hallo, Pia“, sagt er, als wäre es das normalste auf der Welt, steht auf und geht auf mich zu.

Er sieht richtig jung aus, was mich insofern sehr erstaunt, da seit unserer letzten Begegnung ziemlich viel Zeit vergangen ist!

Mein ehemaliger Lieblingslehrer hat mich erreicht, umfasst meine Hände mit den seinen, schaut mir lachend in die Augen und fragt:

„Hättest du vielleicht Lust, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen?“

Wiedersehen

Nach dem Aufstehen habe ich ausgiebigst auf meinem großzügig geschnittenen Balkon gefrühstückt, danach geduscht, meine Haare wie immer extra über dem Wannenrand gewaschen, mich geschminkt und stehe nun vor meinem Kleiderschrank, um meine Garderobe auszuwählen.

Wenn ich so morgens in den Spiegel gucke, bin ich immer ganz zufrieden mit dem, was ich sehe; zumindest so lange, bis ich meine Kontaktlinsen eingesetzt habe. Aber heute gibt es auch mit den Haftschalen nichts zu meckern; irgendwie scheine ich trotz der kurzen Nacht eine Verjüngungskur gemacht zu haben:

Meine Haut ist straff, meine Augen blitzen, und mein vor Aufregung leicht gerötetes Gesicht scheint das Benutzen von Rouge überflüssig zu machen.

Mein Schrank ist voll mit tollen Kleidern, die ich außerhalb meiner Schulzeit ständig trage; doch die meisten sind ziemlich sexy und scheinen mir für diesen Anlass nicht so recht geeignet.

Schließlich fällt mir eins in die Hände, dass ich schon viele Jahre lang nicht mehr getragen habe: Es handelt sich um ein durchgeknöpftes, wadenlanges Trägerkleid mit einem Millefleurs-Druck in Pastellfarben.

Dazu wähle ich romantische Perlenohrringe und relativ flache, elfenbeinfarbene Sandalen aus, da ich nicht weiß, wie lang und anstrengend der Tag werden wird.

Mit meinem dicken Lockenstab drehe ich ein paar lässige „Beachwaves“ in meine sonst eher müden, aschblonden Strähnen; die Zeit der hausbackenen Dauerwellen habe ich glücklicherweise längst hinter mir gelassen. Dann wische ich den bereits aufgetragenen knallroten Lippenstift wieder ab und ersetze ihn durch einen zarteren Rosé-Ton.

Es klingelt, und mir fällt ein, dass ich Kathi vergessen habe zu sagen, dass ich mit Magnus am heutigen Samstag nicht auf den Spielplatz gehen kann und sie ihren Sohn zum Wochenendeinkauf mitnehmen muss.

Meine Töchter haben jede einen eigenen Schlüssel für meine Wohnung; das vorherige Klingeln aber ist obligatorisch. Kathi schließt auf, den zappelnden Magnus auf dem Arm, und starrt mich an. „Mama…!“, kommt es schließlich erstaunt aus ihr heraus.

Ihr Sohn quengelt; er fordert seine Bewegungsfreiheit ein und will im Übrigen zur Omi. Meine Tochter setzt ihn auf dem Boden ab, ohne ihren Blick von mir abzuwenden, und seufzt schließlich, die Situation mit dem ihr so eigenen Blick fürs Wesentliche erfassend:

„Ich muss ihn mitnehmen, oder?“ Ich kläre kurz den Sachverhalt und entschuldige mich bei ihr, dass ich vergessen hatte, ihr Bescheid zu sagen.

„Nicht so schlimm“, beruhigt mich meine Große, „aber weißt du, dass du richtig toll aussiehst? So ganz anders als sonst.“ Ich fühle mich trotz der Doppeldeutigkeit ihrer Worte geschmeichelt; insbesondere, weil Kathi sonst meine größte Kritikerin ist.

Nachdem ich mich vergewissert habe, dass mein Enkel keine Reste von klebrigen Brotaufstrichen oder intensiven Erdarbeiten an seinen Händen hat, nehme ich ihn kurz hoch und mache ein paar Späße mit ihm. Er drückt seine warmen, roten Bäckchen an meine; und auf einmal durchflutet mich ein Gefühl von Zuneigung, wie ich es in dieser Intensität bisher selten für ihn empfunden habe. Ich merke, wie mir Tränen in die Augen schießen. Kathi beobachtet mich mit kritischem Blick.

„Mama, irgendetwas stimmt heute nicht mit dir“, sagt sie schließlich. „Hast du dir eben eine rührselige Schnulze im Fernsehen angeschaut, oder planst du am Ende, heute heimlich nach Amerika durchzubrennen, und wir sehen dich nie wieder?“

Ich muss lachen, und meine Tränen versiegen. „Nichts dergleichen“, beruhige ich sie, obwohl ich mich tatsächlich so fühle, als würde ich eine lange Reise antreten, „aber mir ist gerade mal wieder bewusst geworden, wie lieb ich euch habe.“

„Wir haben dich doch auch lieb, Mama“, erwidert meine, in emotionalen Angelegenheiten sonst eher zurückhaltende Tochter, „hab viel Spaß und fahr vorsichtig!“ Sie nimmt meinen, seine samstägliche Spielstunde mit der Omi lautstark einfordernden Enkel wieder an sich, drückt mir einen Kuss auf die Wange und ist bereits im Treppenhaus verschwunden.

Dort könnte das Protestgeschrei von Magnus selbst Tote aufwecken; die letzten sich noch im Bett befindlichen Wochenend-Ausschläfer in diesem Mehrfamilienhaus aber allemal.

Schnell gehe ich auf den Balkon und winke den beiden nach, als ich sie zum Parkplatz laufen sehe.

Dann schreibe ich Julia auf dem Smartphone eine Nachricht, dass ich heute nicht zu Hause bin und sie liebhabe. Am liebsten hätte ich sie angerufen und es ihr persönlich gesagt; aber sie pflegt am Wochenende nicht gerne bis mittags zu schlafen.

Meine Güte, was so ein Schultreffen alles bewirken kann; derart sentimental bin ich ansonsten eher selten! Zwanzig Minuten später sitze ich in meinem Auto und düse los.

Nach meiner Ankunft muss ich mein Vehikel im Parkhaus abstellen und ein ziemliches Stück zu Fuß laufen, weswegen ich froh bin, dass ich flache Sandalen angezogen habe. In der zum Glück kühlen Eingangshalle meiner alten Schule gibt es einen Sektempfang; aber ich halte mich an Orangensaft. Noch kann ich kein bekanntes Gesicht erspähen.

Nach einer Weile werden alle Gäste über die Sprechanlage in die komplett renovierte Aula gebeten; und dort entdecke ich dann auch meine drei „Mädels“:

Gabi, Iris und Sabine. Letztere brüllt laut „Piiia!“, was in meinem Kopf sofort durch das dazu passende „Mariiia“ aus meiner Grundschulzeit ergänzt wird.

Wir umarmen uns und versichern uns gegenseitig, dass wir im Grunde alle noch so aussehen wie vor 41 Jahren. Ganz falsch ist das gar nicht; die drei sind weitestgehend ihrem damaligen Typ treu geblieben.

Ich sehe mich um, kann aber überhaupt keinen ehemaligen Lehrer von uns entdecken und frage die anderen danach. „Ach, Pia“, lacht Iris, „die meisten leben doch wahrscheinlich gar nicht mehr!“

Ich nehme mir vor, nachher eine Schulchronik zu erwerben und lasse ich mich auf dem Stuhl wieder, den mir meine ehemaligen Klassenkameradinnen freigehalten haben.

Zur Eröffnung singt der Unterstufenchor, und dann betritt der Schulleiter, ein gutaussehender Mann von etwa fünfzig Jahren, das Podium.

Er begrüßt alle Anwesenden, gibt einen kurzen Abriss über die Geschichte der Schule und bittet dann die Gäste, deren Abitur drei Jahrzehnte und länger her ist, auf die Bühne.

Es dauert eine ganze Weile, bis wir uns -zusammen mit etwa dreißig anderen Menschen- nach vorne gekämpft und oben, eng zusammengerückt, in einer Reihe aufgestellt haben.

Die Jüngsten unter uns sind erwartungsgemäß ebenfalls um die Fünfzig, aber es befinden sich auch zwei Frauen und ein Mann über Achtzig unter den Ehrengästen, die genau in der Mitte platziert werden.

Der Schulleiter läuft die Reihe, begleitet von einem Pulk Jugendlicher, die die Präsente schleppen müssen, ab und gibt jeder und jedem Ehemaligen die Hand sowie eine Rose und eine Schulchronik – glücklicherweise hatte ich mir noch keine gekauft.

Die drei Ältesten erhalten einen kompletten Blumenstrauß und, anstelle eines Geschenkekorbs, die -wie der Rektor lachend bemerkt- digitale Variante in Form eines Gutscheins für einen Internet-Feinkostversand.

Das Publikum klatscht, es werden Pressefotos gemacht, und endlich dürfen wir uns wieder setzen.

Dann sind die Lehrerinnen und Lehrer dran, werden nach und nach auf die Bühne gerufen und –begleitet vom Gelächter des Publikums- mit vorgetragenen Anekdoten bedacht. Unterbrochen wird das Ganze immer wieder von Darbietungen musikalischer, deklamatorischer oder dramaturgischer Natur.

Der Nachmittag zieht sich; ich habe Hunger und Durst und längst genug von Vorträgen jeglicher Art.

Zur Ablenkung blättere ich in der Chronik, entdecke aber von den ganz alten Jahrgängen auch mit Lesebrille hauptsächlich Namenslisten und nur vereinzelt Fotos, auf denen aber weder unsere Klasse noch der von mir gesuchte Pädagoge abgebildet sind; etwas enttäuscht stopfe ich sie in meine Handtasche.

Endlich wird das Buffet eröffnet, und wir stürzen uns auf kalte Getränke, den restlichen Sekt, Kaffee, Muffins, Butterbrezeln, Kanapees, Käsewürfel und Obstspieße, wobei ich bei den Häppchen nur nach dem Obst greife und das mit eigenen Broten aus meiner mitgebrachten Vesperbox ergänze. Wir vergessen auch nicht den Obolus für die Spendenkasse, während die OberstufenBand alles gibt.

Iris hat sich längst unters Volk gemischt, trifft laufend auf alte Bekannte und quatscht ohne Punkt und Komma; aber mir ist der ganze Trubel schon wieder zu viel. Und so suche ich die ebenfalls völlig renovierte Toilette auf und mache mich etwas frisch, während Gabi und Sabine im Gang auf mich warten.

Erstere hat gegen Unterschrift einen Schlüssel für unser altes Klassenzimmer bekommen mit der Auflage, die Fenster nicht zu öffnen, den Raum nach der Besichtigung im Originalzustand zu verlassen und auf jeden Fall die Tür wieder abzuschließen.

Als ich zurückkomme, befindet sie sich -ganz offensichtlich durch den Einfluss eines weiteren Proseccos- in deutlich aufgehellter Stimmung.

Triumphierend, als hätte sie eine Trophäe ergattert, wirbelt sie den Schlüssel mit seinem überdimensional großen, massiv metallenen Anhänger an ihrem rechten Zeigefinger in der Luft herum.

Ich finde ihr Trara etwas peinlich, da andere Leute sie bereits beobachten; aber vor allem habe ich Sorge, dass sich das zentnerschwere Gewicht von ihrem Finger abheben und mithilfe der Zentrifugalkraft einen der Umstehenden ins Koma befördern könnte.

Komisch, dass ich mir ähnliche Sorgen bei unserem früheren „Klick-Klack“-Spiel nie gemacht habe, obwohl mir das jetzt im Nachhinein als ähnlich riskant erscheint.

Ich selbst halte einen deutlich weniger bedrohlichen Gegenstand in der Hand: meine Rose, die bereits den Kopf hängen lässt, und weiß nicht, wohin mit ihr. Da deutet Sabine grinsend unter die Treppe im Foyer:

Dort hat sich eine mitfühlende Seele der zunehmend lästig werdenden floralen Begrüßungsgeschenke erbarmt und einen Eimer mit Wasser aufgestellt, in dem bereits ein ziemlich umfangreiches Gebinde an welkenden Exemplaren einem ungewissen Schicksal entgegensieht. Ich stecke meines einfach dazu.

Dabei fühle ich mich irgendwie beobachtet und schaue hoch; und tatsächlich nehme ich im Halbdunkel unter dem Treppenaufgang ganz im Eck einen alten Mann in einem Rollstuhl wahr. Da ich ihm –insbesondere wegen seiner Behinderung- nicht das Gefühl geben möchte, dass ich ihn anstarre, nicke ich ihm nur kurz zu und wende mich wieder dem Gewühl zu.

Aus den Augenwinkeln heraus kann ich gerade noch erkennen, wie er sein Gefährt aus dem Eck herausmanövriert, nach rechts abbiegt und mithilfe des Schwungs seiner Arme und Hände den Gang entlangfährt, der das vordere mit dem hinteren Treppenhaus im Erdgeschoss verbindet.

Zunächst bin ich darüber verwundert, da Gang und Treppe seit Fertigstellung des neuen Anbaus, mit dem schon zu meiner Schulzeit begonnen worden war, gar nicht mehr der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.

Die ehemaligen Klassenräume wurden seither als Karten-, Lehrmittel- und Wirtschaftsräume genutzt, und die Treppe selbst hat nur noch Notausgangsfunktion.

Aber dann fällt mir wieder ein, dass man ihr gegenüber damals aus zwei ehemaligen Klassenzimmern eine großzügige Dienstwohnung für den Hausmeister errichtet hat, die nicht nur einen Eingang von der Straße her, sondern praktischerweise auch einen direkt im Schulflur besitzt.

Und vermutlich will der ältere Herr genau dorthin, um dem Pedell, der am heutigen Samstag wahrscheinlich aufgrund seines Bereitschaftsdienstes die Wohnung nicht verlassen kann, einen Besuch abzustatten und ihm etwas die Zeit zu vertreiben.

Ein Kontrastprogramm zum Trubel um mich herum könnte auch ich jetzt in Form einer ruhigeren Klassenzimmer-Besichtigung vertragen.

Und so laufe ich zurück, um meine Mädels wiederzufinden, die sich schon wieder in Luft aufgelöst zu scheinen haben. Da mittlerweile immer mehr Besucher der Kühle des Foyers gegenüber der stickigen Luft im Festsaal den Vorzug gegeben haben, ist das Gedränge groß.

Schließlich entdecke ich Sabine am Ende einer langen Schlange, die wieder in die Aula zurückführt, weil sie sich am Buffet noch einen Kaffee holen will, während Gabi hinter einer Kork-Trennwand gackernd und kieksend mit einem mir unbekannten Herrn herumschäkert. Und Iris ist sowieso längst vom Gewühl verschluckt worden.

Noch einmal lasse ich meine Blicke schweifen, doch nur ganz vereinzelt erkenne ich einige wenige Gesichter aus meiner eigenen Schulzeit, und ich muss mir eingestehen, dass ich wahrscheinlich noch viel intensiver auf die Präsenz meines ehemaligen Klassenlehrers gehofft hatte, als es mir anfänglich bewusst gewesen war.

Eine unglaubliche Sehnsucht steigt wie eine riesige Welle in mir auf und scheint mich mitzureißen – aber ich habe keine Ahnung, wohin.

Sabine hat schließlich doch noch einen Kaffee ergattert. Da der noch ziemlich heiß ist, dauert es eine Weile, bis sie ihn ausgetrunken hat.

Die Zeit wird mir lang und meine innere Unruhe immer größer. Endlich ist sie fertig und läuft, übermütig lachend, mit Gabi, die mittlerweile wieder von ihrem Flirt abgelassen hat, die Stufen hoch in Richtung unseres ehemaligen Klassenzimmers. Ich zuckle eher mechanisch hinterher und versuche, meine heftigen Emotionen beiseitezudrängen, was mir aber nicht so recht gelingen will.

Die beiden sind fast an ihrem Ziel angelangt, da bringt Gabi es tatsächlich doch noch fertig, den Schlüssel samt Anhänger nach hinten wegzuschleudern.

Ich kann dem gefährlichen Geschoss gerade noch ausweichen, während meine ehemalige Klassenkameradin kreischend ein Stück zurückläuft, um ihr Spielzeug wieder an sich zu bringen.

Sie hat definitiv einen sitzen, was mir aber im Moment völlig gleichgültig ist.

Während sie, immer noch lachend, trotz ihres Zustands das Schlüsselloch trifft, die Tür öffnet und Sabine in unser ehemaliges Klassenzimmer hineinzieht, laufe ich wie ferngesteuert am Ort des Geschehens vorbei, durchschreite die weit geöffneten gläsernen Flügeltüren des Durchgangs, über denen sich eine grün-weiße Lampe mit dem Schriftzug „Notausgang“ befindet, und komme auf dem Absatz des ersten Stockwerks zu stehen. Erstaunt blicke ich mich um:

Links am Treppenabsatz ist eine Wand mit zwei Türen eingezogen worden. Hinter der ersten –geschlossenenhatte sich zu meiner Zeit der Aufgang zum Dachboden befunden; die zweite, hinter der die Treppe nach unten führt, verfügt über eine Notfallentriegelung, wie ich sie auch aus meiner Schule kenne, und steht jetzt aber weit offen.

Der Schülerschaft war das Bedienen der Verriegelung vermutlich bei den vorgeschriebenen Feueralarmproben beigebracht worden, aber beim heutigen Besucherandrang hatte die Schulleitung für einen eventuellen Notfall wohl sicherheitshalber gleich alle Ausgänge öffnen lassen. Kaum traue ich mich, nach rechts zu gucken: Aber da ist sie noch, die alte Tür, die in unseren ehemaligen Physiksaal führte; den Ort, an dem ich mich meinem damaligen Klassenlehrer immer besonders nahe gefühlt hatte.

Ich hatte mich seinerzeit durch sämtliche verfügbaren Bücher mit physikalischen Themen gefressen, damit die Fragen, die ich ihm stellte, wenn meine anderen Klassenkameraden den Lehrsaal bereits wieder verlassen hatten und er noch am Aufräumen war, nicht zu sehr nach dem klangen, was sie tatsächlich waren: Ausreden, um mir ein exklusives Zusammensein mit meinem Lieblingslehrer zu verschaffen.

Zudem sollte ihre Beantwortung so kompliziert sein, dass sie mehrere Minuten erforderte.

Was andere Lehrer vielleicht zur Verzweiflung getrieben hätte, schien Jan nichts auszumachen, im Gegenteil: Er lobte mein Interesse, sagte, dass ich ein intelligentes Mädchen sei und über eine hervorragende Auffassungsgabe verfügen würde.

Diesen Eindruck musste ich natürlich erwecken, da ich ihm niemals eine Frage gestellt, deren Antwort ich mir nicht bereits im Vorfeld erarbeitet hätte.

Das Gefühl, dass er ein guter Pädagoge war, der es verstand, einer Schülerin in kurzer Zeit komplexe Zusammenhänge erklären zu können, sollte sein Belohnungszentrum im Gehirn derart befeuern, dass er sich auch zukünftig immer wieder bereitwillig auf diese Situation einlassen würde.

Und so hatten wir beide etwas davon: Er seine Bestätigung als Pädagoge und ich den Genuss, den mir seine körperliche Nähe verschaffte.

Die Zeitblase

Bei der Erinnerung daran überwältigen mich meine Gefühle erneut und sogar noch intensiver als zuvor, und Tränen laufen mir jetzt ungehemmt das Gesicht hinunter. Mein Herz klopft wie wild, und mir wird etwas schwindlig; die Konturen des Türrahmes und die Türklinke selbst scheinen sich zu bewegen, flackern, verschwimmen und kehren dann doch wieder dahin zurück, wo sie sich zuvor schon befunden hatten.

Ich lehne mich an die Zwischenwand, damit ich am Ende nicht noch umkippe, und versuche, meine Tränen wegzublinzeln, um wieder klar sehen zu können.

Da meine ich, aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung zu vernehmen. Ich blicke in Richtung des Notausgangs, der zur Treppe führt, und nehme auf der geöffneten Tür einen zarten Schatten wahr, der sich mit unendlicher Langsamkeit nach oben schiebt.

Da zu diesem Bild aber keine Geräusche zu hören sind, ist mir das Ganze ziemlich unheimlich; gleichzeitig hat das merkwürdige Phänomen aber auch meine Neugierde geweckt. Ich versuche, mich mit dem Wissen zu beruhigen, dass sich meine ehemaligen Klassenkameradinnen nur wenige Meter von mir entfernt aufhalten und mir eigentlich nichts passieren kann.

Und mit dieser Absicherung hätte ich schon gerne nachgeguckt, was es mit meiner Beobachtung auf sich hat; aber ich schäme mich wegen meines verheulten Gesichts. Und so ziehe ich ein Papiertuch aus meiner Handtasche und tupfe mir damit gerade unter meinen Augen herum, als ich jetzt doch direkt neben mir etwas höre. Maßlos erschrocken zucke ich zusammen und drehe reflexartig meinen Kopf in Richtung des Geräuschs: Jan ist in seinem altbekannten steingrauen Anzug mit dem weißen Hemd durch den Durchgang auf dem Treppenabsatz angekommen.

Zielsicher wie eh und je streckt er seine rechte Hand mit dem Schlüssel schon einen halben Meter vor der Tür aus, trifft das Schloss, dreht den Schlüssel um, öffnet die quietschende Tür, betritt den Raum und zieht sie sofort wieder krachend hinter sich zu; und das alles innerhalb weniger Sekunden! Ich bin wie erstarrt. Noch einmal blinzle ich heftig und rühre mit beiden Zeigefingern in meinen Ohren, als wolle ich Wasser daraus entfernen; dabei ist in meine Gehörgänge seit sechsundfünfzig Jahren kein Wasser mehr gelangt. Die alte, ehrwürdige Tür des Physiksaals sieht so unschuldig aus wie eh und je - und jetzt ist kein Geräusch mehr zu vernehmen.

Es ist überhaupt kein Geräusch mehr zu vernehmen!

Ich spitze meine Ohren, aber keine einzige schlaffe Schallwelle trifft auf meine Trommelfelle. Keine Stimmen, kein Gelächter, kein Tellerklappern, Gläserklirren, keine verzerrten Ansagen übers Mikrofon – ja nicht einmal meine übermütigen Klassenkameradinnen sind zu hören; jetzt ist mir richtig unheimlich zumute!

Verwirrt und mit deutlich erhöhtem Puls spähe ich nach rechts durch den Durchgang der Glastüren zu meinem alten Klassenzimmer und bemerke, dass dessen Tür noch immer geöffnet ist; doch von Gabriele und Sabine ist nichts zu sehen.

Kurz überlege ich, ob ich vielleicht in meinem Bett liege und das alles hier nur träume; verwerfe den Gedanken dann aber sofort wieder. Seit ich ein Kind bin, verfüge ich über die Fähigkeit des luziden Träumens; und ich weiß immer, wann ich träume und wann nicht. Und diese Situation fühlt sich trotz einiger Ungereimtheiten nicht wie ein Traum an! Was aber ist dann das gerade eben mit Jan gewesen? Hat mir mein heftiges Wunschdenken vielleicht einen makabren Streich gespielt?

Einen kurzen Moment überlege ich, ob ich lieber zu meinen Freundinnen zurückkehren oder doch einfach im alten Physiksaal nach meinem ehemaligen Lehrer schauen soll. Aber natürlich siegt meine Neugierde, und so entscheide mich spontan für Letzteres.

Ich gehe ein paar Meter vor und strecke die Hand nach der Klinke aus; wahrscheinlich ist die Tür sowieso abgeschlossen, und ich habe mir alles nur eingebildet. Doch die alte Messingklinke lässt sich bereitwillig herunterdrücken, und die schwere Holztür öffnet sich, wie schon vor Jahrzehnten widerwillig quietschend, einen kleinen Spalt. Blitzartig und zu Tode erschrocken lasse ich sie los, als würde sie unter Strom stehen!

Doch jetzt möchte ich endlich eine Erklärung für all meine Ungereimtheiten, nehme meinen ganzen Mut zusammen und öffne sie vollständig mit einem einzigen energischen Ruck!

Der Raum wirkt noch genauso antiquiert und muffig, wie ich ihn in Erinnerung habe; und ich wundere mich, dass er in all den Jahren offensichtlich keine neue Verwendung gefunden hat, die auch eine umfassende Renovierung nach sich gezogen hätte.

Jan steht hinter dem großen Versuchstisch und lächelt mich an. Er ist etwa Mitte Vierzig und sieht noch besser aus als damals als junger Lehrer: männlicher, breitschultriger und kräftiger, was ich sofort überaus anziehend finde. „Da bist du ja“, begrüßt er mich.

Ich traue sowohl meinen Augen als auch meinen Ohren kaum, wobei mich das vertrauliche „Du“, das er mir gegenüber anwendet, noch am wenigsten irritiert. „Haben Sie mich etwa erwartet?“, bringe ich schließlich