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Die Bundeswehr ist in einem katastrophalen Zustand. Im In- und Ausland gilt sie mittlerweile als Lachnummer. Nichts fliegt, nichts schwimmt und nichts läuft mehr in der Truppe. Dabei sind ihre Aufgaben gewachsen. Spätestens seit sie nicht mehr hauptsächlich für die Landesverteidigung zuständig ist, sondern »unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt«. Die Streitkräfte gehen in die zahlreichen Einsätze mit dem schlimmsten Gefühl, das ein Soldat haben kann: nicht ausreichend ausgestattet zu sein. Für ein Land von der Größe und der globalen Bedeutung Deutschlands ist der miserable Zustand der Streitkräfte ein Skandal. Wie es so weit kommen konnte und was das für die Zukunft unseres Landes bedeutet, davon erzählt dieses Buch.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Constantin Wißmann
Bedingt einsatzbereit
Constantin Wißmann
Wie die Bundeswehr zurSchrottarmee wurde
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Originalausgabe
1. Auflage 2019
© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
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Lektorat: Ronit Jariv
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildung: Gunnar Pippel/shutterstock.com, railway fx/shutterstock.com
Satz: ZeroSoft, Timisoara
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-0867-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0515-9
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0516-6
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Für meine Eltern
Einleitung
Besenstiele statt Kanonen
Kapitel 1
Von der Zwangsgeburt zum Stiefkind - eine kurze Geschichte der Bundeswehr bis zum Ende der Wehrpflicht
Die Wiederbewaffnung als Bollwerk gegen den Kommunismus
Die Gespenster der Vergangenheit
Staatsbürger in Uniform und Innere Führung
Eine State-of-the-Art-Armee
Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen
Kapitel 2
Abbrüche ohne Aufbrüche - die Bundeswehr unter Dauerreform
Aus dem deutschen Wald in den kambodschanischen Dschungel
Vermasselte Reformen
Zu Guttenbergs Vermächtnis
Ohne Chance im »War for Talents«
Zu viel FKK, zu wenig USP
»Wir nehmen jeden«
Kapitel 3
Kopflose Führung - von IBuks ohne Ahnung und Generalen ohne Mut
Jede Truppengattung kämpft für sich allein
Schönrederei und Duckmäusertum an der Spitze
Verteidigungsminister – auf dem Schleudersitz in der Schlangengrube
Von der Leyen greift durch
Haltungsprobleme um den Fall Franco A
Durchgefallen bei der Nagelprobe Kritikfähigkeit
Von der Leyens Scherbenhaufen
Kapitel 4
Milliardengräber und Schrotthaufen - warum bei der Ausrüstung so viel schiefläuft
Die Verflechtungsfalle: der Faktor Bundeswehr
Die Verflechtungsfalle: der Faktor Rüstungsindustrie
Die Verflechtungsfalle: der Faktor Staat
Von Drohne bis U-Boot: die größten Flops der Vergangenheit
Neue Agenda, alte Fehler
Verkalkuliert zwischen NATO und Olaf Scholz
Robocop sein wollen, aber nicht mal Funkgeräte haben
Kapitel 5
Kunduz und die Folgen - das doppelte Identitätsproblem der Truppe
Ist das schon Krieg?
Mangelnde Ausrüstung in Afghanistan, mangelnde Unterstützung zu Hause
Über Kunduz reden alle, über Krieg lieber nicht
Sinnlos in Afghanistan
Das Weißbuch – Dokument der Unentschlossenheit
Athen gegen Sparta – der Konflikt innerhalb der Truppe
Eine Armee, die sich für sich selbst schämt
Gibt es einen Ausweg aus der Misere?
Danksagung
Literaturverzeichnis
Ich schlief noch in einem Container in Camp Marmal, dem Hauptquartier der Bundeswehr in Afghanistan, als es knallte. Es ist schwer, diesen Knall im Nachhinein mit etwas zu vergleichen. Es war einfach sehr laut. Dass ich für eine Recherche im Frühjahr 2015 das Lager besuchen musste, hatte mir vorher keine Angst gemacht. Ich wusste, dass es auf der Welt kaum besser bewachte Orte gibt als das Camp vor der Stadt Masar-i-Sharif. Ich war schon einige Male in der Hauptstadt Kabul gewesen und habe dort an Straßenständen Kebap gegessen. Das war viel gefährlicher. Aber der Knall änderte das mit der Angst. Am besten liegen bleiben, dachte ich. Ein paar Minuten später klopfte der mit der Pressebetreuung beauftragte Oberfeldwebel an der Tür. »Tja, dann haben wir wohl jetzt einen Alarm«, sagte er. Später kam heraus, dass auf dem Flugfeld eine 107-mm-Rakete eingeschlagen war. Niemand wurde verletzt, nichts zerstört. Doch als ich danach in Schutzhelm und Schutzweste im Zimmer saß und Dosenravioli und Cola frühstückte, weil ich den Container während des Alarms nicht verlassen durfte, dachte ich an meine erste Zeit in der Bundeswehr zurück und wie wenig das hier mit dem zu tun hatte, wie ich die Truppe zuerst kennengelernt hatte. Das hier war verdammt ernst.
Das erste Mal war im Jahr 2000 gewesen, in der Kaserne Hamburg-Fischbek. Als ich meinen Spind einräumte, um meinen Wehrdienst anzutreten, wusste ich nicht, dass ich einer der letzten »zwangsrekrutierten« Soldaten sein würde. Immer weniger Männer eines Jahrgangs wurden danach eingezogen, bis die Wehrpflicht 2011 schließlich ganz abgeschafft oder genauer: ausgesetzt wurde. Schon damals war der Dienst aber eine Farce. In der Grundausbildung wurde man oft grundlos zusammengestaucht von 18-jährigen Ausbildern, denen man anmerkte, dass ihnen außerhalb der Bundeswehr kaum jemand eine Perspektive bieten konnte. In den folgenden acht Monaten saßen wir meist herum und putzten Waffen, die wir am Vortag schon blitzblank gerieben hatten. Wenn die Ausbilder einmal nicht in ihren Stuben Kaffee tranken, faselten sie bei den Übungen irgendwas von einem »Blauland«, das sich ständig vom »Rotland« bedroht sah.
Die Waffe, an der ich ausgebildet wurde – ich war Panzerjäger und fuhr als solcher hin und wieder auf einem Jaguar mit –, war schon lange veraltet, trotzdem machten wir damit Manöver, deren Materialkosten in die Millionen gingen. Ich lernte viele Leute kennen, auch aus Gesellschaftskreisen, mit denen ich sonst nicht so viel zu tun hatte, und das war eine gute Erfahrung. Trotzdem fühlte es sich an, als würden wir auf Staatskosten Räuber und Gendarm spielen. Einmal, als ich an einem Sonntag »Gefreiter vom Dienst« war, blätterte ich in einer Akte, in der zahlreiche Vorschriften vermerkt waren. Ein Umschlag war versiegelt, »Alarmbefehl« stand da drauf. Das Papier war vergilbt. Dass in der Kaserne wirklich Alarm ausgelöst werden würde, war unvorstellbar. Der Kalte Krieg war seit zehn Jahren vorbei, der Anschlag auf das World Trade Center ein Jahr entfernt. Deutschland war von Freunden umzingelt.
Nach 2001 aber wurde es immer ernster. Der große, alles vernichtende Krieg ist in Europa gegenwärtig ausgeschlossen. Paradoxerweise sind die Aufgaben der Bundeswehr damit gestiegen, auch die Gefahr für den einzelnen Soldaten. Denn unsere Bündnispartner erwarten von Deutschland, dass es zur Krisenbewältigung auf der ganzen Welt beiträgt – wenn nötig, auch mit der Waffe in der Hand. Mehr als ein Dutzend Auslandseinsätze auf drei Kontinenten listet die Bundeswehr derzeit auf. Mal sind es nur einzelne Soldaten, die abkommandiert sind, mal eine Handvoll, bei einzelnen Einsätzen dienen einige Hundert Bundeswehrsoldaten, in Afghanistan mehr als tausend.
Es gilt als sicher, dass die Herausforderungen noch zunehmen werden. Der arabische Frühling hat den gesamten Nahen Osten zu einem permanent kurz vor der Explosion stehenden Pulverfass gemacht, die Spannungen zwischen Indien und Pakistan sowie China und Taiwan lassen nicht nach, die Militärmacht Russland ist wieder zu einer echten Bedrohung der NATO-Staaten geworden. Dabei sind die Bündnisse der Bundesrepublik fragil wie lange nicht. Die Zukunft der Europäischen Union, seit der deutschen Wiedervereinigung ein Hort der Stabilität, ist seit dem Brexit-Votum ernsthaft gefährdet. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte verliert die EU an Gebiet. Gleichzeitig gibt es in fast allen ihrer Länder wählerstarke Bewegungen, die wieder zurück zum Nationalstaat streben. Die westliche Schutzmacht USA hat einen Präsidenten, der neben der Europäischen Union auch alle anderen Säulen der westlichen Nachkriegsordnung attackiert – die Vereinten Nationen genauso wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF).
Diese globalen Herausforderungen muss im Endeffekt der einzelne Soldat bewältigen. 1999 nahm die Bundeswehr durch Luftangriffe gegen Serbien im Zusammenhang mit der Lage im Kosovo das erste Mal an einem Krieg teil. In Afghanistan starben zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten im Gefecht, zum ersten Mal töteten sie. Heute ist Deutschland nach den USA die Nation mit den meisten Soldaten in internationalen Missionen. Ein Offiziersanwärter, der heute als Berufssoldat anfängt, kann sich nicht sicher sein, auf welche Missionen und in welche Länder er geschickt wird. In völlig unterschiedlichen Kulturen soll er nicht mehr nur helfen und stabilisieren, sondern auch kämpfen.
Doch ist er dazu überhaupt in der Lage? Wer die Nachrichten verfolgt, kann das eigentlich nur bezweifeln. In jüngster Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo ein Bericht mit neuen Peinlichkeiten aus der Truppe auftaucht. Sie schafft es nicht einmal, die Bundeskanzlerin zum G-20-Gipfel nach Argentinien zu bringen, Angela Merkel stieg auf Linie um, wie in ähnlichen Fällen zahlreiche Minister vor und nach ihr. Wenn die Bundeswehr ein Segelboot erneuern will, erhöhen sich die Kosten um 125 Millionen, und die Werft geht pleite. In die »modernsten Schützenpanzer der Welt« passen leider nur Menschen unter 1,84 m, sodass die Einstellungskriterien einer ganzen Truppengattung geändert werden müssen. Von der deutschen U-Boot-Flotte konnte lange kein einziges Boot auslaufen. Weil die Bundeswehr-Hubschrauber meist defekt sind, müssen die Piloten den ADAC um Hilfe bitten, damit sie auf genügend Flugstunden kommen, um ihre Lizenzen zu behalten. Vom Eurofighter, dem teuersten Projekt der Bundeswehr-Geschichte, waren teilweise ganze vier Kampfjets flugfähig.
Symptomatisch ist die Geschichte von den Besenstielen. Im September 2014, als am östlichen Rand Europas gerade ein brüchiger Waffenstillstand zwischen der Ukraine und russischen Separatisten unterschrieben war, der aber nicht verhinderte, dass beide Parteien weiter aufeinander schossen, wollte die NATO ein Zeichen setzen. Bei einem Manöver in Norwegen sollten 6500 Soldaten aus den verschiedenen Mitgliedsländern der sich wieder aufplusternden Militärmacht Russland zeigen, was sie draufhaben. Mit dabei: ein Bataillon der Bundeswehr. Die deutschen Soldaten kamen mit Panzern, aber ohne Waffen. Das sah wohl irgendwie nicht so eindrucksvoll aus. Also nahmen die Soldaten Besenstiele, malten sie schwarz an und montierten sie auf die Panzer.
Als darüber Monate später im Fernsehen berichtet wurde, beeilte sich das Verteidigungsministerium zu erklären, dass für die Panzer bei dem Manöver gar keine Kanone vorgesehen war und man keine Ahnung habe, warum die Soldaten die Besenstiele montiert hätten. Trotzdem, das Bild von den Besenstiel-Panzern blieb bei den Leuten hängen. Es passte einfach zu gut zu dem Gesamteindruck der Bundeswehr.
Rein militärisch betrachtet wurden deutsche Armeen stets für ihre Effizienz bewundert – und gefürchtet. Sie galten als gut organisiert, bis zur Besessenheit genau, aber auch als besonders kreativ in der Kriegsführung. Die Bundeswehr wirkt dagegen wie die Karikatur einer Armee, vor der niemand Angst zu haben braucht. Die European Defence Agency veröffentlichte 2011 eine Studie, nach der die Bundeswehr die ineffektivste Armee aller 29 Staaten der NATO war, und das, obwohl die Kosten pro Soldat dreimal so hoch waren wie der EU-Durchschnitt.
Der Zustand der Streitkräfte ist ein Skandal für ein Land von der Größe und der globalen Bedeutung Deutschlands. Hans-Peter Bartels, Wehrbeauftragter des Bundestags, schrieb im Wehrbericht 2016: »Die Bundeswehr ist als Ganzes nicht mehr zur Landesverteidigung befähigt.« Das heißt, dass die deutsche Armee nicht in der Lage ist, ihren verfassungsmäßigen Grundauftrag zu erfüllen. »Bedingt abwehrbereit« stand über dem Spiegel-Artikel, der 1962 einen Skandal auslöste und die junge Republik bis ins Mark erschütterte. Heute muss man festhalten: Die Bundeswehr ist, wenn überhaupt, nur noch bedingt einsatzbereit. Wie es dazu kommen konnte, erzählt dieses Buch. Dafür habe ich mit zahlreichen Menschen, die sich berufsmäßig mit der Bundeswehr beschäftigen, gesprochen, vor allem mit vielen Soldaten. Es ist allein dem Improvisationsgeist und der Hartnäckigkeit vieler einzelner Soldaten in ihrem Verantwortungsbereich zu verdanken, dass der Betrieb der Armee nicht komplett zusammenbricht. Doch letztlich sind sie es, die am meisten darunter leiden, dass Deutschland die – zweifelsohne große – Herausforderung, die Bundeswehr neu auszurichten, nicht gemeistert hat. In den Einsatz gehen sie mit dem schlimmsten Gefühl, das ein Soldat haben kann: dem Gefühl, nicht ausreichend ausgestattet zu sein. Der Staat lässt sie im Stich, und zwar materiell und ideologisch. Kompliziert war das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Militär aber schon bei der Geburt der Bundeswehr.
Der 12. November 1955 ist ein grauer Herbsttag. In der mit dunklem Tuch verhangenen Reithalle der Ermekeilkaserne in Bonn hat sich eine eigenartige Gruppe von 101 Männern versammelt. Einige von ihnen tragen eine Uniform, die meisten aber Anzug und Krawatte. Umringt sind sie von gefühlt ebenso vielen Fotografen und Journalisten. Da erhebt ein schneidiger Mann mit Halbglatze und Stresemann-Anzug die Stimme: »Wir tragen die Verantwortung gegenüber den uns künftig anvertrauten jungen Staatsbürgern in Uniform« – es ist Theodor Blank, erster Verteidigungsminister der jungen Bundesrepublik Deutschland, seinen Posten gibt es erst seit einem halben Jahr. Von einer »neuen Wehrmacht« spricht Blank, die »ein gleichberechtigtes Glied der staatlichen Ordnung« des Landes sein und für »die Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft zur Sicherung des Friedens« in Europa eintreten werde. Dann übergibt Blank den beiden zu der Zeit ranghöchsten Soldaten, Generalleutnant Adolf Heusinger und Generalleutnant Hans Speidel, sowie den übrigen Offizieren ihre Ernennungsurkunden. Heusinger und Speidel tragen die neue, zweireihige, aber ebenfalls (wie die der Wehrmacht) graue Uniform. Ihre Armee hat kaum Soldaten, kaum Material und noch keinen Namen, aber es gibt wieder eine, zehn Jahre nachdem Deutschland im Zweiten Weltkrieg kapituliert hatte und auf der Potsdamer Konferenz »die völlige Abrüstung und Entmilitarisierung« Deutschlands beschlossen worden war. Fast alle Anwesenden der Feierstunde, die vom Historiker Detlef Bald in seinem Buch Die Bundeswehr beschrieben wird, auch die im Anzug, haben sich das Eiserne Kreuz angeheftet, das Eiserne Kreuz Preußens, Ehrenzeichen der Wehrmacht für besondere Verdienste im Krieg.
Deutsche Männer in Militäruniform – nicht nur in den Ländern, die unter dem deutschen Angriffskrieg gelitten hatten, löste das so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mulmige Gefühle aus, um es höflich zu formulieren. In der Bundesrepublik hatte die SPD 1952 geschlossen gegen eine Wiederbewaffnung gestimmt, bereits 1950 war CDU-Innenminister Gustav Heinemann aus Protest gegen die Pläne von Bundeskanzler Konrad Adenauer zurückgetreten, die »Ohne mich«-Protestbewegung sammelte 1951 sechs Millionen Unterschriften. Die Mehrheit der Deutschen hatte genug vom Krieg – nur allzu verständlich nach Bombenhagel, Hunger, Vertreibung, aber auch aufgrund einer wachsenden ungeheuren Scham über die zunehmend nicht mehr zu verleugnenden deutschen Verbrechen im Krieg.
Letztlich aber gab es keine realistische Alternative zu einer deutschen Wiederbewaffnung – dafür sorgte die Entwicklung, die die Weltpolitik der nächsten 40 Jahre prägen sollte. Am 29. August 1949 hatte die Sowjetunion ihre erste Atomwaffe erfolgreich getestet, was mit einem Schlag die haushohe militärische Überlegenheit der USA beendete. Im Oktober 1949 rief Mao Tse-tung nach dem Sieg der kommunistischen Armee im chinesischen Bürgerkrieg die Volksrepublik China aus. Und im Juni 1950 marschierten Truppen des kommunistischen Nordkorea in Südkorea ein, was einen Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion auslöste, der 1953 beendet wurde, ohne dass eine Seite entscheidende Fortschritte gemacht hatte. Die Welt wurde immer »roter«. Und Westdeutschland lag in Europa genau an der Grenze zu den Staaten des Warschauer Pakts und stand damit einer riesigen Roten Armee gegenüber, die im Besitz von Atomwaffen war.
Um dieser Macht Einhalt gebieten zu können, hätten US-amerikanische Truppen erst einmal den Atlantik überqueren müssen. Immer stärker drängte sich unter den Planern der Alliierten der Gedanke auf, die Bundesrepublik Deutschland als erstes Bollwerk gegen den Kommunismus in die Verteidigung von Westeuropa voll einzubeziehen. In der Bundesrepublik selbst hatte Konrad Adenauer erkannt, dass diese bedrohliche Lage dem verachteten, aber auch gebeutelten Land eine einmalige Chance bot, schnell wieder Anschluss an die (westliche) Welt zu bekommen und zumindest teilweise wieder souverän zu werden. So setzte sich die Idee einer »neuen Wehrmacht«, die bald aus nachvollziehbaren Gründen in die weniger martialische »Bundeswehr« umbenannt wurde, langsam gegen alle Widerstände im In- und Ausland durch.
Daraus ergab sich aber schon das nächste Problem, denn für eine Armee brauchte es auch Soldaten. Nur: Wer in Deutschland über militärische Erfahrung verfügte, hatte diese in der Wehrmacht gewonnen. Adenauer selbst kommentierte das Dilemma mit dem viel zitierten Ausspruch: »Ich glaube, dass mir die NATO 18-jährige Generale nicht abnehmen wird.« Und so begann Adenauer eine regelrechte Kampagne zur Ehrenrettung der deutschen Soldaten. Er glaube nicht, dass »der deutsche Soldat als solcher« im Krieg seine Ehre verloren habe, denn es habe einen großen Unterschied gegeben, zwischen der Wehrmacht und »Hitler und seinen kriminellen Gruppen«. Die Zahl der Soldaten, die sich »wirklich schuldig« gemacht hätten, sei »so außerordentlich gering und klein«, dass der »Ehre der früheren deutschen Wehrmacht kein Abbruch geschieht«. Er sei »überzeugt, dass der gute Ruf und die große Leistung des deutschen Soldaten trotz aller Schmähungen während der vergangenen Jahre in unserem Volke noch lebendig sind und auch bleiben werden«. Zwar fügte Adenauer noch hinzu, dass es nun darauf ankäme »die sittlichen Werte des deutschen Soldatentums mit der Demokratie zu verschmelzen«, was der Bundeskanzler damit aber vor allem bezwecken wollte, schien klar: Es war ein Freibrief für die militärische Elite unter Hitler, sich auch in der Bundeswehr zu etablieren.
Adenauer stand unter Druck, er musste den ehemaligen Soldaten eine Fortsetzung ihrer militärischen Karriere schmackhaft machen. Dabei ging es diesen Soldaten vor allem darum, die Meinungshoheit über die Bewertung ihrer Handlungen im Zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Menschlich ist das verständlich, denn wer möchte schon das eigene Handeln und Erleben als völlige Bankrotterklärung verkünden müssen? So entstand, auch befeuert durch die Memoiren von Soldatenführern unter Hitler, der Mythos einer »sauberen Wehrmacht« mit Soldaten, die »heldenhaft« um den Sieg gerungen haben. Hier tat sich erstmals eine Kluft auf zwischen der Zivilgesellschaft und jenem Organ, das diese Zivilgesellschaft eigentlich beschützen soll – eine Kluft, die sich bis heute nie ganz geschlossen hat. Denn gerade unter Akademikern, aber auch unter ehemaligen Landsern, hatte der Zweite Weltkrieg eine Sicht des Krieges hinterlassen, die der des späteren Nobelpreisträgers Heinrich Böll nahekam. Als Gefreiter hatte der an seine Frau geschrieben: »Jeder Krieg ist ein Verbrechen, ich hasse den Krieg, und all diejenigen, die Freude an ihm finden, hasse ich noch viel mehr.« Die Kaserne nannte Böll »das absolute Institut des Stumpfsinns« und das Soldatenleben an sich einfach »große Scheiße«.
Die Kluft in der Gesellschaft drückte sich auch in Zahlen aus. Im Gründungsjahr der Bundesrepublik lehnten in einer Umfrage drei Viertel der Befragten die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht ab. Aber vier Jahre später gaben 45,2 Prozent ihre Stimme Kanzler Adenauer. Über die Frage der Remilitarisierung entstand in der Folge schon damals so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition, die sich nach den Studentenprotesten um 1968 herum zur »APO« verfestigen sollte.
Eine generelle Ablehnung von Krieg und allem Militärischen und somit auch der entstehenden Bundeswehr fand Unterstützung bei kritischen ehemaligen Soldaten, bei Gewerkschaftern, Studenten und einer großen Mehrheit der Protestanten. Sie veranstalteten Friedenskongresse, und es gab Volksbewegungen, die sich Deutsche Sammlung und Paulskirchenbewegung nannten. Ihre prominentesten Sprecher waren die Pastoren Helmuth Gollwitzer und Martin Niemöller und wieder Gustav Heinemann, der später, nach seinem Wechsel zur SPD, zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Die Bewegung hatte ebenfalls starken Rückhalt in der SPD und der später verbotenen KPD. Trotzdem gelang es ihr nicht, sich wirkungsvoll zu organisieren, ihre sonstigen politischen und weltanschaulichen Differenzen zu überwinden und sich effektiv zusammenzuschließen. So konnte sie die Bundeswehr politisch nicht verhindern. Publizistisch schaffte sie es jedoch, die zahlreichen Widersprüche, die mit der Gründung einer neuen deutschen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg zwangsläufig einhergingen, immer wieder in die Diskussion zu bringen. Das Verhältnis zwischen Bundeswehr und Öffentlichkeit war also von Anfang an extrem belastet.
