Befreien macht glücklich - Claudia Kofel - E-Book

Befreien macht glücklich E-Book

Claudia Kofel

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Beschreibung

Nicky lebt mit ihrer Familie samt ihren geliebten Pferden und Hunden auf einem schönen Hof am Waldrand. Doch die Idylle trügt. Als ihr durch ihre flippige Freundin immer klarer wird, dass ihr Mann Sec nicht nur ein kühler Typ, sondern ein kranker Psychopath ist, erwacht sie langsam aus ihrem Albtraum. Aber es kommt noch schlimmer: Sec plant, Nicky in einer psychiatrischen Klinik zu entsorgen. Doch da kommt der charmante M. Mit ihm beginnt für Nicky ein großes romantisches Abenteuer und ihr Leben nimmt eine entscheidende Wende. - Was ist der Schlüssel zu wahrem Glück? Und wie befreit man sich von psychischer Gewalt? Dieser heiter geschriebene Roman beruht auf einem wahren Kern. Er soll zugleich Menschen auf die Problematik psychischer Gewalt aufmerksam machen und sie aufklären.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 2

Was ist losmit ihm? 3

Die Nummer 4 11

Gefühlsumbruch 32

Flucht in der Nacht 45

Märchen aus? 82

Der Psychopath schlägt zu 97

Was ist psychische Gewalt? 102

Adiós 108

Das erste Treffen mit Sec 116

Wer bekommt die Obhut? 123

Neue Beziehung und Altlasten 132

Wieder einmal auf der Insel – Ferien in Dubai 139

Psychospielchen – die Sache mit den Turnschuhen 146

Las Vegas 156

Mit den Kids in der Türkei 170

Umzug – das geliebte Zuhause verlassen! 180

Alltag 191

Schulprobleme und der ganz normale „Tageswahnsinn“ 193

Mein 37. Geburtstag 200

Kindergeständnis 205

Kampf um Sistierung des Besuchsrechts 216

Das heimliche Darlehen 223

Neues Baby an Bord? 230

Miami 232

Cristiano Ronaldo, der geheime Retter 236

Verfolgungsjagd 238

Mallorca 243

Ausgelaugt 250

Häusersuche auf Mallorca 258

Eingabe der Scheidung 265

Was kann man seinen Kindern zumuten, um selbst glücklich zu sein? 268

Liebesbrief 270

Begleitetes Besuchsrecht 272

Der erste Scheidungstermin 275

Gerichtstermin – Darlehen 278

Wieder auf Mallorca 280

Altweibersommer 287

Das Blatt wendet sich 294

Gerade eben 297

Der letzte Gerichtstermin meiner Scheidung 301

So viele Gedanken in meinem Kopf … 308

Jean will umziehen 312

Unser Haus steht zum Verkauf 317

Ethan möchte nicht mehr zu Papa 322

Vorweihnachtszeit 326

Wie findet man wahres Glück und Wohlbefinden? 329

Der Schlüssel für wahres Glück und Wohlbefinden 336

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-572-1

ISBN e-book: 978-3-99107-573-8

Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos

Umschlagfoto: Mast3r | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Bildquellennachweis:

Bild 1: © Gunnerleng | Dreamstime.com,

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Bild 10: © Romolo Tavani | Dreamstime.com

Was ist losmit ihm?

Es war wieder einer dieser Abende, an denen ich mit meiner besten Freundin Paula am Küchentisch saß und darüber diskutierte, was mit meinem Mann Sec nicht stimmte.

Draußen war es bereits dunkel und wir machten es uns mit Kerzen, Knabbereien und einer Flasche Wein gemütlich. Die Küche war groß mit beigen Platten, einer schwarzen Steinabdeckung und einem schwarzen Kachelofen. Der große Esstisch mit Eckbank war unser Hauptdiskussionsplatz geworden. Das schöne Bauernhaus, das nicht zu altmodisch war und – mit einem kleinen Pferdestall und mehreren Weiden – mitten im Nichts stand, war ein Traum jedes Pferdenarren. Ich hatte acht Jahre nach so einem Ort zur Miete gesucht und hatte ihn inzwischen gefunden.

Wir konnten Sec einfach nicht so richtig einordnen.Egoistischreichte nicht.Narzisstischpasste und doch wieder nicht ganz.Depressivwar irgendwie zutreffend, aber das war nicht alles. Er war immer so …unerreichbar.

„Ich hätte diesen Typ schon längst verlassen. Was hast du schon von ihm? Du bist nur seine Putzfrau, Gärtnerin, Kinderbetreuerin, Stallknecht, Hundesitterin und zu guter Letzt bringst du mit deinem 50-Prozent-Job auch noch das Geld nach Hause. Wofür eigentlich? Was machterfürdich? Was investierterin eure Beziehung?“ Paula sah mich an und nahm einen Schluck Wein.

Ich überlegte kurz, aber bevor ich ihr antworten konnte, setzte sie noch nach: „Ach ja, ihr habt ja keineBeziehung.“ Sie verdrehte ihre braunen Augen und warf ihre langen schwarzen Haare nach hinten.

Paula hatte immer eine knallharte, pragmatische Art, Dinge zu formulieren. Ja, manchmal war es schon fast etwas primitiv, aber genau das machte sie aus. Entweder man liebte sie oder eben nicht. In solchen Situationen kam dann oft von mir die Antwort: „Er hat mich auch schon mit dem Hänger und dem Pferd herumchauffiert.“ Oder: „Er ist für mich auf einen Bauernhof gezogen.“„Das ist nichts. Das ist normal. Das ist das Mindeste!“, kam dann immer wie aus der Pistole geschossen von Paula.

In diesen Momenten war ich noch nicht hundertprozentig ihrer Meinung. Aber insgeheim wusste ich, dass sie recht hatte.

Paula stöhnte und griff sich die Weinflasche. „Hör mal, Nicky, er ist einArschloch“, sagte sie mit Nachdruck und schenkte sich ein weiteres Glas ein.

Sie selbst hatte eine völlig andere Beziehung. Ihr Freund war sehr zuvorkommend. Machte Kung-Fu. Hatte Interesse am Reisen. Hatte einen guten Job und war, glaube ich zumindest, ein ehrlicher und umgänglicher Typ.

Sec machte wirklichnichts. Weder im Haushalt noch im Garten noch mit den Kindern noch mit den Hunden. Einfach gar nichts. Er ging nicht einmal zur Arbeit. Anfangs war er immer weg und ich wusste nicht, wo und was er so machte. Teils kam er nicht einmal in der Nacht nach Hause. Später saß er nur noch zu Hause herum. Entweder vor dem TV, vor dem Computer, am Handy oder am Glimmstängel.

Mein Tag begann morgens um 6.00 Uhr mit dem Ausmisten des Pferdestalls. Danach erledigte ich mit Vollgas den Haushalt und die Wäsche. Schaute, dass Tim in den Kindergarten kam. Dann machte ich immer noch kurz eine Waldrunde mit den Hunden, bevor ich dann um 10.00 Uhr zur Arbeit musste. Und wenn ich schließlich um 19.30 Uhr ziemlich müde von der Arbeit heimkam, sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Die Kinder rannten nackt umher und stritten, waren frech und weinten täglich dutzendmal. Die Küche war mit Fett vollgespritzt, die Spaghetti verstopften den Abfluss, das Geschirr stapelte sich. Auf – oder eher unter – dem Tisch lagen Essensreste und halb leere Getränkebecher. Doch das war noch nicht alles.

In den Kinderzimmern waren die Leintücher von den Kindern zerschnitten worden und im ganzen Haus waren die Wände mit wasserfesten Filzern bemalt. Und wenn es ganz toll zuging, hatte unser großer Hund Puk im Haus erbrochen – und das war natürlich auch nicht weggeputzt worden. Selbstverständlich war auch am Abend die Stallarbeit fällig und wurde auf keinen Fall von Sec, der den ganzen Tag zu Hause saß, gemacht. Auch die Hunde waren immer sehr gestresst und wollten nun endlich raus und sich bewegen.

Dieser Aufgabe kam er natürlich ebenfalls nicht nach. Wenn Puk dann wirklich dringend rausmusste, ließ er ihn bei der Terrassentür an der Auszugsleine in den Garten. Damit er nicht warten musste, bis Puk sein „Geschäft“ gemacht hatte, klemmte er die Leine mit dem Schließen der Terrassentür ein.

Entsprechend sah dann natürlich auch der Holzrahmen des Fensters aus. Überall waren Einbuchtungen im Türrahmen und die weiße Farbe blätterte ab.

Nun, so sah es täglich im Haus aus. Als Erstes musste ich mit den Hunden raus, da Sec selbstverständlich keine Zeit dafür gehabt hatte zwischen dem Rauchen, vor dem PC oder vorm TV. Für die Kinderbetreuung war er natürlich auch zu sehr beschäftigt und nannte seine Anwesenheit „Betreuung“.

Nachdem ich dann mit den Hunden eine Runde draußen gewesen war, musste ich noch den Stall misten. Wenn er gut drauf war, sagte er mir: „Du kannst das eben viel besser.“ Und wenn er schlecht drauf war, sagte er: „Du wolltest diesen Stall, es ist dein Hobby.“

Genug Zeit hatte er aber immer, Ende des Monats das Geld unserer Pensionspferde einzusacken. Mit diesem Geld konnten wir sozusagen gratis wohnen.

Mein Tag begann morgens, also spätestens um 6.00 Uhr, und endete offiziell abends um 22.00 Uhr. Da unser jüngerer Sohn, er war damals drei Jahre alt, nie richtig schlafen konnte, stand ich zusätzlich auch noch jede Nach sechs- bis achtmal auf. Selbstverständlich wäre das nichts für meinen Mann gewesen. Einmal für Ethan aufstehen, nein, das kam für ihn nicht infrage. Dafür war er zu müde und er brauchte seinen Schlaf. Ich nicht?, dachte ich immer wütend.

So ging es Tag für Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich Angina und Stirnhöhlenentzündung hatte – beides zusammen.

Ich konnte kaum auf den Beinen stehen. Nicht einmal da machte er den Haushalt, kümmerte sich um die Kinder oder besorgte den Stall. Ich stand mit Fieber in einer Pferdebox am Misten, als ich in Ohnmacht fiel.

Doch nicht einmal solche Situationen änderten die extrem passive Haltung meines Mannes, ebenso wenig wie die Gesprächsversuche meinerseits.

Das Schlimmste war, ich hätte die ganze Arbeit sogar ohne Weiteres auf mich genommen, hätte Sec mir Zuneigung, Achtung und Transparenz in der Beziehung geschenkt. Aber dies war nicht der Fall. Er predigte mir immer: „Geschäft ist Geschäft und privat ist privat.“ Nur leider waren bei ihm hundert Prozent „Geschäft“ und trotzdem arbeitete er nichts.

Sogar seinen Eltern log er immer die Hucke voll.

Er erzählte ihnen, dass er Geschäfte machen würde. Dass er Erfolg hätte. Jedes Mal wenn wir auf Besuch waren, verschwand er nach dem Essen und sagte, dass er noch ins Büro müsste, da er so viel Arbeit hätte. Welche Arbeit? Er hatte schon seit Jahren keine.

Zweimal jährlich ging er in seine alte Heimat in die Tschechei in die Ferien. Natürlich ohne mich und die Kinder. Er könne sich dort erholen. Wo, bitte schön, war meine Erholung?!

Acht Jahre lang musste ich ihn überreden, dass wir mal zusammen in die Ferien gingen. Aber das musste dann auch wieder für die nächsten sieben Jahre reichen.

Alles, was Beziehung und Spaß hieß, lebte er ohne mich. Seine nicht vorhandene Transparenz fehlte mir sehr und machte mich oft traurig. Ich wusste weder über unsere Finanzen Bescheid noch wusste ich, was er das ganze Jahr hindurch so trieb. Ich kam einfach nicht an ihn heran.

Dabei hatte ich immer einen Mann zum „Anfassen“ gewollt. Einen Mann, mit dem man „Pferde stehlen“ kann. Einen Mann, der mich als seine Frau, als seine beste Freundin, als seine Geliebte sah. Aber diese Haltung hatte er überhaupt nicht.

Sec gab immer mir an allem Schuld. Er vergaß die Badehose und ich war schuld. Er fuhr mit dem Auto über das Trottinett der Kinder und ich war schuld. Er hatte keinen Erfolg und ich war schuld. Ich konnte ihm schlechtweg nichts recht machen.

Das ging mittlerweile sogar so weit, dass er anfing, meine E-Mails zu korrigieren. Er wollte immer alles zuerst sehen und absegnen. Natürlich zu meinem Wohl. Ich hätte bestimmt nicht das Richtige geschrieben. Oder meine Wortwahl wäre natürlich völlig daneben gewesen. Aber das Allerschlimmste daran war, dass ich sogar schuld war an seinem Benehmen mir gegenüber.

„Würdest du dich nicht so benehmen oder geben, wäre ich nicht so“, meinte er dann immer, wenn ich mich gegen sein mieses Verhalten wehrte.

Auch die Kommunikation war ein ständiges Konfliktthema. Ich versuchte oft ein Gespräch mit ihm zu führen. Aber er lief immer davon. Er verzog sich in ein Zimmer oder setzte sich sogar ins Auto und fuhr weg. Auch wenn ich anfing zu weinen, weil es mich so fertigmachte, dass er mich wie Luft behandelte und mir nicht zuhören wollte, auch dann ließ er mich eiskalt zurück. Und wenn ich ihn versuchte zu stoppen und mich ihm in den Weg stellte, stieß er mich mit voller Wucht zur Seite und dann war er weg.

„Mit dir kann man einfach nicht kommunizieren. Du solltest dringend eine Therapie machen. Es ist sehr schwer für mich, so mit dir zu leben“, meinte er.

Komischerweise konnten alle mit mir wunderbar kommunizieren. Nur einer nicht, und das war mein Mann. In solchen Situationen überrollten mich Gefühle der Wut, der Trauer und eine große Ohnmacht. Dummerweise kamen später auch noch Schuldgefühle in mir hoch. Kein Wunder, es gelang ihm ja immer wieder, es so zu drehen.

Ich saß dann da und fühlte mich so wahnsinnig einsam. Völlig leer – außer meinem schlechten Gewissen, das in solchen Situationen schließlich immer in mir hochkam. Aber ich sehnte mich nach Zweisamkeit und gab dann wieder nach. Ich dachte: Vielleicht muss ich noch behutsamer das Gespräch mit ihm suchen. Vielleicht muss ich mich ja noch mehr anstrengen und noch „besser“ werden. Ich suchte die Fehler bei mir, denn an ihn kam ich sowieso nicht heran. Und meine Hoffnung, dass er mich dann irgendwann an sich heranließe und endlichmit mirund nicht mehr nurneben mirleben würde, war sehr groß.

Das war mein innigster Wunsch. Ich hatte ihn schließlich geheiratet und Kinder mit dem Menschen, der mir am nächsten sein sollte. Dieser Wunsch ließ mich nicht los. Ich konnte nicht verstehen, wieso ich das nicht schaffte. Und wie es so schön heißt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Ich war ziemlich kaputt. Ich war längst am Rande meiner Kräfte angelangt. Nicht nur physisch, nicht nur gesundheitlich, auch äußerlich. Meine Einsamkeit fraß ich in mich hinein. Oder besser gesagt, die Einsamkeit fraß mich auf.

Ich hatte so viel Arbeit, dass ich überhaupt keine Zeit für mich selbst oder mein Hobby fand. Die Pferde standen vor der Haustüre, aber durch Sec konnte ich monate- beziehungsweise jahrelang nicht mein Hobby, das Reiten, ausleben. Ich hatte ein eigenes Pferd, das ich kaum bewegen konnte. Ich musste mir zwei Reitbeteiligungen suchen, die mein Pferd die ganze Woche bewegten. Für Sec passt das, denn er sackte das Geld ein, das die zwei Damen fürs Reiten bezahlen mussten. Mich musste er somit auch nicht entbehren und konnte infolgedessen sicher sein, dass ich keine Freundschaften knüpfen oder pflegen konnte. Außerdem, wer hätte dann die ganze Arbeit gemacht, wenn ich mal zwei Stunden glücklich auf meinem Pferd gesessen hätte?

Ich konnte froh sein, wenn er mir Zeit zum Ausmisten gab. Wenn meine Zeit für die Arbeit und unsere Finanzierung investiert wurde, dann war das in Ordnung.

Alle Menschen um mich herum fanden, dass ich es so toll hätte und ich es mit Sec so gut erwischt hätte. Ich hätte doch alles. Sogar einen Pferdehof und ein eigenes Pferd. Sie sahen nicht, dass ich dabei ausgebeutet wurde. Sie sahen nicht, dass mein Hobby unsere Finanzen rettete. All die Pferde, die in meiner Pension standen, ermöglichten uns, „gratis“ zu wohnen und zu essen. Zumindest konnte ich diese Kosten mit dem Pferdestall abdecken. Aber alle sahen nur Luxus. Und dass Sec mir das alles ermöglichen würde.

Aber in Wahrheit war es ganz anders. Es war traurig, einsam, zermürbend, ausbeutend, gnadenlos und abtötend.

Man hätte den Arbeitsaufwand bei so einem Hof zumindest teilen können. Allein der Hof war vom Zeitaufwand her ein 50-Prozent-Job. Wäre Sec kein Arsch… gewesen, hätte er ja die Stallarbeit machen können. Ich hatte schließlich einen Job. Er hatte nichts. Keine Arbeit. Außer überall zu schmarotzen und überall seine Finger im Spiel zu haben.

Schon seit Jahren war er nicht mehr irgendwo angestellt; blendete aber die ganze Familie und alle Freunde und Bekannte damit, wie erfolgreich er wäre.

Ich war am Tiefpunkt angekommen, zumindest meinte ich das damals.

Ich fühlte mich so wahnsinnig einsam. Selbst wenn ich hundert Menschen um mich herum gehabt hätte, ich fühlte mich allein. Es war, als ob ich in einer Diskothek hinter einer großen Glaswand stünde. Ich schrie und klopfte an die große Glaswand, aber niemand hörte mich. Alle tanzten vergnügt weiter und die Welt auf der anderen Seite der Glaswand war in Ordnung. Aber wo war ich?

War ich in der Hölle? War Sec der Teufel? Und was oder wer war ich? Die Löwin, der das Herz gebrochen worden war und die nicht mehr kämpfen wollte? Nicht mehr kämpfen konnte? Wie ein wildes Pferd, das „gebrochen“ wird, damit es keinen eigenen Charakter mehr hat und zu allem Ja und Amen sagt, aber infolgedessen innerlich verkümmert. Dies sieht man leider oft im Spitzensport.

Die Nummer 4

Ehrlich gesagt war ich, als ich nach sieben Jahren Hausfrauendasein wieder einen 50-Prozent-Job begann, froh, wenn ich zur Arbeit gehen konnte. Es gefiel mir gut auf der Arbeit. Wir waren ein super Mädelsteam. Alle mochten und schätzten mich. Das ging mir „runter wie Honig“. Ich arbeitete an einem Empfang eines großen Gebäudes, das rund 200 Firmen beinhaltete. Durch meine Position am Empfang kannte ich natürlich sehr viele Leute von allen diesen Firmen. Natürlich gab es da die eine oder andere Person, die einem besonders sympathisch war und mit der man auch schon mal ein Schwätzchen abhielt oder gemeinsam zum Mittagessen ging.

Meine Kolleginnen am Empfang und ich machten uns einen Spaß daraus, die besonders sympathischen Personen zu nummerieren. So war zum Beispiel der eine Typ aus dem 2. Stock „Nummer 2“ und der andere aus dem 3. Stock die „Nummer 3“ und so weiter. Dies war aber wirklich nur ein Spaß und hatte keinen tieferen Hintergrund. So hatte jede von uns eine Nummer 1, 2, 3, 4, mit denen man gut plaudern konnte, miteinander zum Mittagessen ging oder einfach nur etwas Menschlichkeit im Arbeitsalltag pflegte.

Spannend wurde es, als ich merkte, dass ich „meine Nummer 4“ immer interessanter fand. Obwohl er mir überhaupt nicht viel Aufmerksamkeit schenkte. Eigentlich gar keine. Er strahlte einfach viel Charme aus. Da gab es andere, die täglich an den Empfang kamen, um ein Schwätzchen mit mir abzuhalten. Aber mir gefiel nun mal seine Erscheinung. Er strahlte aus: „Ich habe alles im Griff.“ Dazu war er immer gut gekleidet und gepflegt.

Seine Erscheinung war irgendwie mein Tagesaussteller. Nur leider war er nicht oft da. Und wenn, sah ich ihn nicht, da er mit seiner Firma im 4. Stock war. Eigentlich sah ich ihn nur dann, wenn er sein Auto auf dem Außenparkplatz parkierte und dann beim Empfang in den Aufzug hüpfte. Diese Minute zauberte mir für den ganzen Tag ein Lächeln aufs Gesicht. Obwohl ich keine Hintergedanken hatte und ihn überhaupt nicht kannte, gab mir das Energie.

Eines Tages ging der Lift auf und „Nummer 4“ kam zu mir an den Empfang. Seine Hand war mit Haushaltspapier umhüllt. „Ich habe mir in den Finger geschnitten. Kannst du einen Arzt für einen Termin anrufen?“, fragte er mich.

Wow, cool, da steht er ja!, schoss es mir gleich durch den Kopf. Doch zugleich auch: O Gott, hoffentlich zeigt er mir jetzt nicht seinen zerschnittenen Finger, ich kann solche Verletzungen nicht sehen!

Na toll, jetzt stand er schon einmal hier und ich konnte ihm nicht helfen. Woher sollte ich einen Arzt kennen? Ich wohnte nicht in dieser Gegend.Komm schon, sag was!Irgendetwas Intelligentes!

„Wenn ich du wäre, würde ich gleich in den Spital in die Notfallaufnahme fahren, da ein Hausarzt sowieso nicht näht, falls es notwendig ist.“ Das war gar nicht mal schlecht. Ich musste über mich selbst schmunzeln.

„Ja, das ist eine gute Idee“, erwiderte er sichtlich zufrieden. Puh, gut gemacht!, dachte ich erleichtert. „Hast du denn jemanden, der dich fährt?“ Scheiße, ich hatte ihn einfach geduzt. Anderseits, wie hätte es denn ausgesehen, wenn ichSiegesagt hätte? Nee, das wäre voll steif gewesen.

„Ja, ich habe jemanden. Danke.“ Und schon lief er zur Eingangstür des Gebäudes und weg war er. Klar hatte so ein Typ jemanden, wie dämlich von mir! Vermutlich hatte er seine Tussi via Handy informiert und wurde nun von ihr herumchauffiert.

Warum störte mich das jetzt? Ich konnte doch froh sein, dass er nicht Nein gesagt hatte. Was hätte ich dann gemacht? Vom Empfang weggehen hätte ich vermutlich nicht gekonnt. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass Sue schon längere Zeit neben mir stand. Sie zog eine Augenbraue hoch. „Was ist los? Hast du einen Geist gesehen? Oder war unsere Möchtegernchefin, diese Oberschnepfe, wieder da?“

Sue war einfach klasse. Sie besaß dieses gewisse Etwas. Sie hatte Charme, war eine ehrliche Haut und war auch nicht so verstaubt wie viele andere Frauen.

Wir mussten lachen. „Nummer 4 war gerade da“, teilte ich ihr möglichst beiläufig mit. Sie musste nicht wissen, wie aufgewühlt ich in Wirklichkeit war. „Uuuuuu“, Sue grinste mich an. „Und, hast du schon ein Date?“

Frech kichernd setzte sie sich neben mich an den PC und wartete auf meine Antwort. Ich erzählte ihr genau den Ablauf. „Aha, und warum nervt es dich jetzt, dass er jemanden hat, der ihn fahren konnte?“ Wieder grinste sie mich frech an.

Ich machte mich wieder an die Arbeit, aber irgendwie dachte ich die ganze Zeit: Vermutlich hat ihn seine Freundin gefahren. Dabei wusste ich gar nicht, ob er überhaupt eine Freundin oder gar eine Frau hatte. Ich merkte, wie mich das wurmte. Ich fand meine innere Reaktion selbst etwas merkwürdig und versuchte diese Gedanken zu verdrängen. Sue hatte recht: Warum nervte mich das jetzt?

Die Zeit verging und ich hatte heute echt viel auf meiner Pendenzenliste. Dieser Arbeitsplan war immer eine Konzentrationssache. Jeder Mittarbeiter hatte Sonderwünsche. Der eine wollte gegen Ende der Woche lieber Frühdienst, die andere hatte ein Kind und war froh, wenn sie morgens mehr Zeit zu Hause hatte. Wieder andere hatten ein Hobby und wollten an gewissen Tagen die eine Schicht auf keinen Fall und andere hatten mir in irgendeiner von Hunderten Mails mitgeteilt, wann sie ihre Ferien eingetragen hatten. Gerade als ich das Gefühl hatte, endlich den Durchblick zu haben, stand er wieder da. Meine Nummer 4.

Grinsend schaute er mich an, was man von mir vermutlich nicht sagen konnte, da ich sehr konzentriert in den PC starrte. „Alles okay, genäht und nicht so tragisch. Danke nochmals“, ließ er verlauten, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand nach einem kurzen Zurückblicken im Aufzug.

Haaa! Er hat zurückgeblickt!, dachte ich erfreut und anderseits fragte ich mich: Das war’s jetzt? Okay. Tja, was soll’s. Er ist ja auch gar nicht meine Baustelle, was hast du eigentlich?, schnaubte ich mich selbst an.

„So schwer?“ Grinsend kam Sue, die das Ganze beobachtet hatte, um die Ecke. „Ja, er ist schon schick, findest du nicht?“, wieder grinste sie mich an, während sie den Pressecorner mit neuen Zeitschriften auffüllte. „Er hat eine Freundin“, entgegnete ich ihr. Was zum Kuckuck sagte ich da?Er hat ’ne Freundin. Und du, du hast einen Mann und Kinder, dachte ich. Was ist bloß mit dir los?,fragte ich mich und war schon fast genervt von mir selbst.

„Woher weißt du das?“ Sue starrte mich an. „Sag, woher weißt du das?“

„Ja, okay, ich weiß es nicht. Aber ich gehe schwer davon aus, dass er mit dem Fahrer seine Freundin oder Frau gemeint hat. Wohl kaum den Hund.“ Etwas störrisch schaute ich sie an. Wir mussten beide laut lachen. Dummerweise kam immer genau in diesen Momenten der Drachen. Unsere Möchtegernchefin, die so launisch war, dass man sie kaum aushalten konnte. Zudem war sie auch nicht fair. Alles musste sie hinten im Büro brühwarm dem Chef erzählen. Wie ein kleines dummes Mädchen.

Unser Gelächter verstummte augenblicklich. Als sie wieder außer Sicht war, sagte Sue: „Nein, den Hund nicht, aber eine seiner Angestellten oder einen Kollegen, du Wurst.“

Sie hatte recht. Warum beharrte ich auf diesem Standpunkt? Aber vor allem: Warum war das für mich überhaupt ein Thema?

Und so kam auch an diesem Tag der Feierabend. Zumindest auf meiner Arbeitsstelle. Zu Hause hatte wie immer die „Bombe eingeschlagen“ und ich hatte noch viele Stunden zu tun.

Die Tage vergingen. Zu Hause war alles beim Alten. In mir drinnen leider auch.

Bei der Arbeit genoss ich die Zusammenarbeit mit den Mädels und versuchte, mein Bestes zu geben.

Als ich eine Anfrage bezüglich Räumlichkeiten für einen großen Event bekam, ging ich mit unserem Haustechniker in den 4. Stock, um die Fläche zu begutachten.

Wie müssten die Stühle gestellt werden? War genug Licht vorhanden? Solche Anlässe waren immer ein ziemlicher Aufwand. Vor allem die Organisation.

„Wie viele Stühle bringen wir hier denn überhaupt hin? Die wollen doch noch ’ne Bühne, oder?“, fragte ich Paul, unseren Techniker. Zum Glück hatte ich ihn für solche Sachen an meiner Seite. Denn allein wäre das nicht zu stemmen gewesen.

„Kling“ ertönte es vom Aufzug her, der gerade hochkam und in unserer Etage stehen blieb. Als ich mich umdrehte, stand „meine Nummer 4“ da. In der Zwischenzeit hatten wir für Nummer 4 einen passenderen Namen. M, so nannten wir ihn. M wie der Chef von 007 James Bond. Ich war irgendwie nervös und freute mich, dass ich ihn sah. Ich hatte ihn schon ein Weilchen nicht mehr gesehen. Wow, interessant, dachte ich mir und versuchte, nicht zu schmunzeln, was mir aber überhaupt nicht gelang. Ich versuchte so cool wie möglich neben Paul zu stehen. Ich wollte ja nicht, dass er etwas merkte. Zudem wollte ich auch nicht, dass M. etwas merkte. Ich freute mich so, dass er da stand. Endlich, wurde ja auch Zeit. Nur diese seltenen „Zückerchen“ sind etwas wenig, dachte ich bei mir und schaute ihm zu, wie er aus dem Lift zu uns herüberkam. Mir wurde immer wärmer und ich hoffte sehr, dass mein Körper mich nicht im Stich lassen würde. Auf keinen Fall rot werden, dachte ich. Hey, du wirst nicht so leicht rot, also beruhige dich. Zudem ist man als Schwärmerin nie interessant. Nur die geheimnisvollen Typen, die alles im Griff haben, sind interessant. Also benimm dich auch so!

M. grinste mich an und meinte: „Oh, wie schön, endlich bin ich hier oben nicht mehr so alleine. Das gefällt mir.“ Ich musste grinsen und erwiderte: „Ich kann leider von dem Empfang nicht einfach so weg, aber wenn du dich manchmal hier oben so allein fühlst, dann kannst du gerne nach unten kommen.“

Yes, guter Schachzug. Erstens nicht wortkarg und zweitens eine Aufforderung, um zu sehen, wie ernst er diesen Spruch meinte und ob er eventuell Interesse an mir hatte. Höchst zufrieden sah ich M. nach, wie er bereits wieder mit seiner schwarzen ledernen Aktentasche davonspazierte.

Ich glaube, unser Haustechniker fand diese kurze Flirt-Frequenz nicht so prickelnd. „Können wir jetzt weitermachen?“, brummte Paul mürrisch.

Irgendwie hatte ich nun überhaupt keine Ideen mehr, wie wir diesen Event organisieren und die Stufung planen sollten. Es war mir auch gerade ziemlich egal. Am besten ich ließ Paul einfach reden und tat so interessiert wie möglich und gab ihm einfach recht. Dieser Plan funktioniert immer bei Menschen, die eh alles besser wissen und immer alles selbst machen wollen.

Ich musste grinsen und ging langsam zum Fahrstuhl, um mich wieder nach unten zu begeben. Diese kleine Anspielung machte mich glücklich. Es war kein Flirt gewesen, aber prickelnd war es irgendwie schon gewesen. Manchmal sind es die ganz kleinen Finessen.

Zumindest bei mir, denn ich fuhr den ganzen Weg grinsend nach unten. Wenn mich jemand in diesem gläsernen Fahrstuhl beobachtet hätte, hätte er bestimmt gedacht, mit der stimmt was nicht.

„Kling“ – da war ich auch schon wieder, im EG gleich neben dem Empfang.

Rose stand da und hielt die Stellung. Sie war eine der Ladys, auf die man sich verlassen konnte. Ich glaube, auch sie hatte einen Flirt in diesem Gebäude laufen. Jeden Mittag ging sie schnurstracks hinten raus und eine Minute später lief der Typ von einer Küchenfirma zügig vorn raus. Am nächsten Tag war es umgekehrt. Sie stimmten sich immer ab und wollten es so unauffällig wie möglich machen – mit dem Ergebnis, dass es am Schluss so was von auffällig war!

Nach dem Feierabend stand oft ihr oder sein Auto noch da, obwohl Rose schon weg war. Aber ich fand das toll. Sie hatte es verdient. Auch sie hatte so einen Arsch zu Hause, der sie lange betrogen hatte. Er hatte sogar heimlich eine Wohnung mit einer anderen gehabt. Einfach schrecklich.

„Da bist du ja! Na, hat Mister Best schon den Eventplan gemacht?“, meinte Rose ironisch zu mir. „Klar, weißt du ja“, grinsend ging ich sie ablösen, damit sie wieder ihre Runde im ganzen Gebäude machen konnte. Paul war unser Mister Best. Er meinte es zumindest. Rose war als Beraterin unterwegs und schaute, dass auf den Ausstellungsflächen alles okay war.

Sue kam stinkig um die Ecke „Mann, das ist so ein verdammter Drachen, die hat doch überhaupt keine Ahnung.“ „Warst du wieder einmal im Büro hinten, bei der Möchtegernstellvertretung des Chefs?“

„Die macht mich wahnsinnig. So eine …“ Sue verstummte und versteckte sich grinsend hinter dem Bildschirm. Hä? Was war denn jetzt los?! Zuerst regte sie sich fast bis zum Explodieren auf und jetzt tat sie so, als würde sie sehr angestrengt irgendetwas in ihren PC tippen? Ich schaute nach vorn und da stand M. grinsend vor mir. Was für ein Schock! Ich meine, ich freute mich, aber es war so unvorbereitet. Sah ich denn auch immer noch gut aus? Ich hätte vorhin auf die Toilette gehen sollen, um das zu überprüfen. Grrr, warum kam er aber auch einfach so unverhofft?

„Du hast gesagt, wenn ich mich allein fühle, dann soll ich nach unten kommen.“ Er griff zu der Schale mit den Pralinen und packte eine davon aus. Ich spürte ganz genau, dass Sue sich zu Tode grinste, ich musste nicht mal nach links rüberschauen, um das zu wissen. Wie immer beruhigte ich mich selbst und versuchte, cool zu bleiben. Dafür dürfte ich aber nicht nach links schauen – definitiv nicht!

„Klar, das ging ja schnell. Äh, wie geht es dir denn so?“

Die Praline steckte immer noch in M.s Mund. „Na, jetsss gehsss mir gut.“

Obwohl er mit vollem Mund nicht wirklich deutlich sprach, war es ein Kompliment. Krass, er flirtete wirklich mit mir! Das vorhin im 4. Stock war vermutlich doch ein Miniflirt gewesen. Ich meine, wenn jemand zu einem sagt: „Wenn ich bei dir bin, geht es mir gut“, dann ist das doch ein Flirt, oder?

Da wusste ich, ganz so uninteressant kann ich also doch nicht für ihn sein. Obwohl er bis dahin von allen „meinen Nummern“ am wenigsten Interesse gezeigt hatte. Okay, bis vor einer Stunde eigentlich gar keins. Nun stand er da und ich hatte so ein Gefühl … Irgendwie eine Mischung aus Glück, Sexappeal und Scham.

Scheiße, hatte ich jetzt zu sehr Gas gegeben? Ich wollte ja gar nichts von ihm. Sicherlich hatte er eine Freundin oder eine Frau oder was auch immer und ich hatte einen Ehemann, zwei kleine Kinder, zwei Hunde, ein krankes Pferd und jede Menge Stress.

M. hatte nicht lange Zeit und ging auch schon bald wieder. „Du strahlst wie ein Honigkuchenpferd, ich glaube, dein Tag ist gerettet“, meinte Sue, die auch nicht gerade nur ein Grinsen einer Ameise vorzuweisen hatte. Irgendwie hat sie recht. Es hatte mir wirklich gutgetan.

Rose ging wieder mit Tasche und Schal zügig auf den Hinterausgang zu. Auch Sue fuhr ihren PC herunter. „Ach du liebe Zeit, schon 17.00 Uhr?“

„Ja Schätzelein, ich muss dich jetzt leider auch alleine lassen, aber vielleicht kommt M. ja noch mal.“ Und mit diesen aufmunternden Worten machte sich auch Sue auf und davon. Ja klar, dachte ich. Als ob er nichts Besseres zu tun hätte. Außerdem arbeitet er bestimmt nicht bis 19.00 Uhr.

Den ganzen Rest des späteren Nachmittags versuchte ich meine komische Gefühlswelt zu ordnen. Nun fühlte ich mich auch noch allein, da das ganze Gebäude sehr ruhig und leer war. Alle Angestellten der Firmen waren schon nach Hause gegangen. Kunden hatte es auch keine. Draußen war es bereits dunkel und ich freute mich, wie immer, überhaupt nicht, bald nach Hause gehen zu können. Vermutlich ging’s zu Hause wieder drunter und drüber. Sec stand sicherlich schon rauchend vor der Eingangstüre und wartete darauf, die Kids, die Hunde, die Stallarbeit und den Haushalt endlich loszuwerden und mir zu übergeben.

„Meine“ Nummer 1 – er machte heute wohl auch schon etwas früher Feierabend – kam beim Empfang vorbei. Er war oft bei mir am Empfang und wir sprachen dann über Beziehungen und Zwischenmenschliches. Er war echt okay, aber er litt sehr an der Trennung seiner Freundin. Sie wollte anscheinend plötzlich nichts mehr von ihm wissen. Er fragte mich dann immer, wie ich das als Frau sehen würde und was er machen könne. Ich mochte diese Gespräche und ich fühlte mich dann auch nicht so einsam.

Nur noch eine halbe Stunde, dachte ich bei mir und hörte das „Kling“ des Fahrstuhls. Zu meinem Erstaunen stieg M. aus. Er winkte mir kurz und nahm dann den Rest des Weges zur Tiefgarage hinunter die Treppe. Für die Tiefgarage hätte er eigentlich nicht im EG aussteigen müssen, es sei denn …

Hatte er etwa zu mir gewollt? Ausgerechnet jetzt, wo Nummer 1 da stand! Toll. Ich war genervt. Nummer 1 merkte überhaupt nichts davon und erklärte immer noch lang und breit seine Probleme.

„So, ich muss dann jetzt aufräumen und alles abschließen.“ Immer noch genervt machte ich das Gebäude dicht und ging zum Auto.

Na ja, es ist, wie es ist, ich muss mich nun nicht mehr aufregen.

Zu Hause angekommen, war es wirklich wie immer. Sec stand rauchend vor dem Eingang und zog seine Mundwinkel nach unten. Den Rest brauche ich nicht nochmals zu erwähnen. Einige Zeit später stand ich todmüde im Stall und machte die Boxen und Ausläufe sauber. Es war ein schönes Gefühl, zwischen den zufriedenen, Heu kauenden Pferden zu stehen. Hier war die Welt noch in Ordnung. Die Sterne waren am Himmel zu sehen, die Grillen zirpten um die Wette, die Hunde stürzten sich auf die vom Hufschmied abgeschnittenen Hufraspeln. War das wirklich mein Leben? Wenn ich hier bei den Tieren stand auf diesem wunderschönen Hof am Waldrand, umringt von Wiesen und Feldern, dann war das ein wunderbares Leben. Ich fühlte mich hier irgendwie frei.

Aber wenn ich an meine Familie – vor allem an meinen Ehemann und die Finanzen – dachte, dann sank mein Gefühlsbarometer schlagartig in den Keller. Es war ein Gefühl zwischen Trauer, Wut, Ohnmacht, Einsamkeit und Wertlosigkeit. Und dieses Gefühl kam immer dann in mir hoch, wenn ich vom Stall zurück ins Haus ging.

Sec wartete nicht mal, bis ich die ganze Stallarbeit fertig hatte. Er setzte sich direkt in seinen geliebten BMW und fuhr davon.

Aus dem Haus drang Kindergeschrei und -geheul. Ich versuchte so schnell wie möglich draußen fertig zu werden.

Endlich hatte ich die Kinder im Bett. Die Hunde warteten immer noch auf ihren wohlverdienten Spaziergang.„Aber nur kurz“, sagte ich leise und die Hunde wedelten glücklich mit dem Schwanz.

Die Nacht war sternenklar, einfach wunderbar, dieser Sternenhimmel. Der Wald war ziemlich düster, aber er duftete herrlich nach Moos und Holz. Mit Pix und Puk hatte ich keine Angst im dunklen Wald, auch wenn es schon 22.00 Uhr war.

Manchmal überlegte ich mir, ob ich wirklich keine Angst wegen der Hunde hatte oder ob es mir egal wäre, wenn mir etwas passieren würde. So nach dem Motto, schlimmer geht nimmer.

Wo fuhr Sec eigentlich hin? Hätte ich die Gelegenheit gehabt, ihn zu fragen, und wäre er nicht einfach grußlos abgerauscht, hätte er sowieso erzählt, was er wollte. Ich konnte nichts darauf geben, was er sagte.

Wieder Richtung Hof, auf einem kleinen Kiesweg, musste ich erst mal tief durchatmen. Schon sehr traurig, wenn man so einen Partner hatte. Aber warum war er so? War ich wirklich so schlecht?

Einige Tage später kam Nummer 4, also M endlich wieder an den Empfang.

„Ich wollte schon eine Vermisstenanzeige schalten“, meinte ich grinsend zu ihm.

„Du warst ja beschäftigt“, meinte er neckisch zurück.

Aha, es hatte ihn also doch gewurmt, dass letztens, als er vorbeikommen wollte, ein anderer mit mir plauderte. Dies ließ natürlich Freude in mir hochkommen. Voller Euphorie plauderte ich mit ihm. Zwischendurch kamen Kunden und hatten kurz Fragen, wo was ist, obwohl alles an den Tafeln stand.

Die Zeit verging und M stand immer noch da. Er ging auch nicht weg, wenn Kunden kamen und ich mich diesen widmen musste. Ich dachte jedes Mal, wenn ich mich um einen Kunden kümmern musste, dass er jetzt gehen würde. Doch er blieb und quatschte weiter. Ab und zu kam Sue vorbei und ging dann gleich wieder einer anderen Arbeit nach. Dann kam mal Rose, aber das hatte nichts zu bedeuten, da sie ihren Arbeitsplatz sowieso hinter mir hatte. Wir konnten also lange und fast ungestört miteinander reden.

„Gefällt es dir hier?“ Jetzt musste ich überlegen. „Eigentlich schon, ich meine, unser Team ist echt toll. Zumindest die Mädels. Die Chefetage ist doch immer schräg, oder?“ M schaute mich fragend an. Kacke, er war ja in seinem Unternehmen auch der Chef. Ja, sogar der Eigentümer. Toll, ich war voll ins Fettnäpfchen getreten. „Oft, meine ich.“ M. grinste nur.

„Na ja, von der Arbeit her würde ich lieber wieder ins Backoffice. Aber das ist nicht so einfach.“

„Komm doch zu mir“, er schaute mich herausfordernd an. „Ja genau“, ich grinste ihn an und sortierte meine Mappen. „Nein, wirklich, ich bräuchte jemand im Backoffice.“ Was sollte das jetzt? War das ein Zufall? War das eine Anmache? War das ein Test, wie naiv ich vielleicht war? „Wie sieht denn dein sogenannter Job aus?“, fragte ich nun ihn herausfordernd. „Genau das, was du suchst“, sagte er, drehte sich auf dem Absatz um und ging mit einer winkenden Geste davon.

Hatte ich soeben geträumt oder war das hier echt? Ja, ich glaube, das war wirklich ein Jobangebot. Wie geil ist das denn?, jubelte ich innerlich. Ich hatte von meinem beruflichen Hintergrund her nicht wirklich viel vorzuweisen und dann fiel mir so ein Job einfach in den Schoß?! Würde mir nach 15 Jahren etwa doch noch etwas Glück zuteilwerden?

Die Stelle wechseln? Eigentlich sagte der Kopf etwas anderes. Aber mein Gefühl wollte dies unbedingt. Keine Ahnung, was da gerade in mir vorging. Meine Mädels am Empfang waren toll, aber bei ihm würde ich noch lieber arbeiten. Dabei kannte ich ihn gar nicht richtig.

Selbstverständlich erzählte ich immer im Stall oder in der Küche bei einem Glas Wein alles meiner besten Freundin Paula. „So cool, schnapp ihn dir! Klingt doch super!“

Ja er ist schon super. Denke ich. Ein edler Typ, der alles im Griff hat. Ob er auch die Frauen im Griff hatte, das wusste ich immer noch nicht; ich meine, ob er in einer Beziehung oder in einer Ehe war.

„Hier geht es doch gar nicht umsSchnappen,Paula. Hier geht es um einen neuen Job.“ Völlig unbeeindruckt von meiner Korrektur, also eigentlich völlig Paula-Style, knabberte sie an einer Salzstange. „Ja, du wirst sowieso die Chefin und dann zeigst du’s denen.“ Was für ein Quatsch die da labert, dachte ich. Sie hat einfach eine zu hohe Meinung von mir. Was mein Ehemann zu wenig hatte, das hatte meine beste Freundin wohl zu viel.

„Hey, ist doch geil, der findet dich super und macht alles für dich.“

In diesem Moment kam Sec in die Küche. „Ah, hallo Paula.“ Die Begeisterung hielt sich beidseitig in Grenzen. „Was ist geil?“

„Na, deine Frau hat ein geiles Jobangebot.“ Meine Güte, halt doch einfach die Klappe, Paula. Stinkig schaute ich sie an. Was war bloß mit ihr los? Konnte sie nicht die Schnauze halten? Sie war doch meine Freundin, warum tat sie das?

„Ach ja, wo denn und als was?“ Plötzlich interessiert, stand Sec bei uns am Tisch.

Wie immer hatte er diese bescheuerte Frisur. Da er längere Haare hatte und die unteren geschoren waren, band er sie immer zu einem Schwanz zusammen. Aber dies tat er nicht hinten am Kopf, sondern auf dem Kopf. Er hatte also eine Palme, die wie ein Buzzer platziert war.

Ich erzählte kurz von diesem Backoffice-Job und dass die Firma gut sei. Natürlich erwähnte ich nichts von M. Warum sollte ich auch? Da war ja nichts. Oder?

Sec runzelte die Stirn und schaute mich mit seinen hellen gläsernen Augen an. „Was verdienst du? Hoffentlich viel?“

„Klar, ist ja auch ein geiler Chef“, unterbrach Paula. Grrrr, jetzt hätte ich sie am liebsten gekillt. Was sollte das jetzt?

„Echt jetzt?“, meinte Sec.

„Na ja, er ist schon toll.“

Was war denn das jetzt gewesen?! War ich bescheuert? Was hatte ich da gerade gesagt?

„Okay, dann schau, dass er dir viel zahlt.“ Sec setzte sein mieses breites Lächeln auf und ging aus der Küche.

„War das jetzt gerade eine Abfuhr?“ Empört schaute ich Paula an, die ihr Weinglas nachfüllte. „Wir sagen, wie geil er ist, und Sec ist das egal?!“ Dies machte mich plötzlich traurig. Spürte er gar keine Eifersucht? Fühlte dieser Klotz überhaupt irgendetwas? Ja, er war sich meiner sicher. Der kann mich mal, dachte ich. Ich muss mich da bewerben. Paula hat recht. Vollgas voraus. Wenigstens habe ich dann einen coolen Job und einen tollen Chef.

Gleich am nächsten Tag sendete ich M. meine Bewerbung per E-Mail. Den Mädels sagte ich vorerst nichts. Ich wusste ja eigentlich noch gar nichts über diesen Job. Vielleicht sah mich M., wie Paula auch, ganz weit oben und war dann enttäuscht, dass ich nicht die Bewerberin mit den x Zusatzausbildungen war. Und dann würde das ganze Kartenhaus ganz schnell in sich zusammenbrechen.

Dann hörte ich plötzlich nichts mehr von ihm. Auch bei der Arbeit tauchte er nicht mehr auf. Toll, hatte er meine Unterlagen studiert und ging mir jetzt aus dem Weg?

Inzwischen war es Wochenende, ich saß wieder allein zu Hause. Wo Sec war, wusste ich nicht so genau. Ach ja, er hatte eine Bandprobe und danach gleich noch Auftritte oder so.

So, das war kein Zustand. Ich wollte es nun wissen. Was sollte schon passieren? Er könnte nur absagen, na und? Also griff ich zum Handy und wählte M.s Nummer. Ich spürte, wie mir das Herz bis zum Halse klopfte.

„Hey, Hallo“, erklang es fröhlich vom anderen Ende. „Hey, sorry, ich wollte dich nicht stören, aber ich wollte dich fragen, ob du mein Mail mit den Unterlagen erhalten hast?“

„Ja klar, sorry, ich wollte mich noch melden, aber ich bin übers Wochenende gerade in Österreich. Bisschen Ski laufen mit meiner Prinzessin.“

Ich verschluckte mich fast.Mit meiner Prinzessin?

„Wir sehen uns dann am Montag, ich komme vorbei, versprochen.“

Nun stand ich da, in der Küche, schaute auf die Wiesen und Weiden hinaus und kam mir ziemlich blöde vor. Aber wieso? Wieso kam ich mir blöde vor? Wollte ich den Job etwa nur wegen M.? Wollte ich diesen Job und diese Herausforderung möglicherweise gar nicht, wenn ER vergeben war?

Montag. Keiner war so richtig motiviert bei der Arbeit.

„Hey Hübsche, was ist los? Du siehst so traurig aus. Alles okay?“ Rose zupfte gerade an ihrem roten Seidenschal herum, den wir bei der Arbeit tragen mussten. Wir kamen uns mit diesem Seidenfötzel immer wie Flugbegleiterinnen vor.

Ich erzählte Rose von dem Ganzen. Natürlich war sie positiv und wollte nur das Beste für mich. „Das ist doch toll. Du musst diese Chance ergreifen. Oder willst du bei unserem Drachen bleiben?“ Damit meinte sie die allerseits beliebte Stellvertretung des Chefs. Sie war zwar ein Drachen, aber der Chef war auch nicht besser, er war ein Blender. Ein Schwätzer, der vorneherum so und hintenherum so redete. Also beide nicht angenehm, da hatte Rose wohl recht. Wer wollte freiwillig unter so was arbeiten?

Sue kam jetzt auch hinzu. „Ach was, der hat keine Freundin. Du gefällst ihm, das merkt man doch.“ „Dein Optimismus in allen Ehren, Sue, aber er hat mir selbst gesagt, dass er mit seiner Prinzessin Ski laufen ist und deshalb keine Zeit hat. Was ist daran so schwer zu verstehen?“ Eine ältere Dame stand am Empfangstresen und maulte herum, dass ihr Parkticket nicht funktioniere und dass es eine Frechheit sei, dass dies so teuer wäre. Sue versuchte der Dame behilflich zu sein und erklärte ihr des Weiteren, dass es nicht unser Parking sei und wir nichts mit dem Preis machen könnten.

Rose drehte sich zu mir um und meinte ganz pragmatisch: „So eine doofe alte Kuh, soll sie doch mit dem Zug kommen. – Wo waren wir? Ach ja, bei der Prinzessin.“

Jetzt musste ich laut kichern. Ich liebte diese trockene Art von Rose. So hilfsbereit und zuvorkommend sie auch war, sie konnte ebenso gut das Messer zücken.

„Weißt du, das klingt für mich eher nach einem Kind.Prinzessinsagt man doch nicht zu einer Partnerin.“

Ich war mir da nicht so sicher. Sagte man so was zu seinem Kind? Ich nannte meine Jungs nie Prinz. Wie doof war das denn? So extrem selbstverliebt in seine Bazillenschleuder zu sein, das fände ich echt doof.

Endlich war Sue die Alte los und gesellte sich wieder zu uns. „Ja, das glaube ich auch, das ist sicher sein Kind.“

So ein Quatsch. Aber es stand zwei zu eins. Dann könnte ja doch was dran sein.

Wir machten uns alle an die Arbeit und ließen das Thema vorläufig ruhen.

Plötzlich kam ein SMS. Von Sec? Nein, natürlich nicht. Es war von M. „Wollen wir heute zusammen zu Mittag essen? Dann können wir über deine Bewerbung sprechen.“

Was gab es da zu besprechen? Warum konnten wir dies nicht einfach im Büro tun? Warum lud er mich für die Bewerbung nicht gleich in die Sauna ein, auch wenn er eine Tussi hatte? Ich war ziemlich genervt. Aber ich musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Zudem ging es ja wirklich um den Job.

„Klar, gerne, dann treffen wir uns um 12.00 bei mir am Empfang, okay?“

Das Date war fix.

Zu diesem ersten Vorstellungsgespräch gingen wir in eine Pizzeria und redeten und redeten. Aber irgendwie nicht viel über die Stelle. Eigentlich fragte mich M. eher über die familiäre Situation aus und wie ich die Stelle mit zwei Kindern organisieren könne.

So richtig bewusst wurde mir das aber eigentlich erst am nächsten Morgen. Ich wusste gar nicht viel mehr über die Stelle und weiter gekommen war ich auch nicht. Ich hatte ihn nicht mal fragen können, ob ich überhaupt infrage käme. Und auch nicht, was diese Stelle gegebenenfalls von mir abverlangen würde. Sec fragte mich, wie das Vorstellungsgespräch gelaufen sei. Ich konnte irgendwie nichts dazu sagen. Wieso hatte ich nicht mehr nachgefragt? Und warum war mir das gestern nicht aufgefallen?

Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und schrieb M. ein SMS. Ich fragte, ob er heute nochmals Zeit hätte. Ich war etwas nervös. Wie er dies wohl deutete? Auf keinen Fall wollte ich, dass er dachte, ich würde mir Hoffnungen machen oder mich ihm annähern wollen. Das wäre mir voll peinlich gewesen. Ich hatte ihn ja nur gefragt, ob er heute nochmals Zeit hätte.

Noch während ich darüber nachdachte, ertönte auch schon mein SMS-Ton. „Für Dich immer“ war seine Nachricht. Und da erschien wieder das „Honigkuchenpferd“. Ich freute mich extrem und konnte es auch nicht vor meinen Arbeitskolleginnen verbergen.

Warum freute ich mich eigentlich so sehr? Wegen einer neuen Job-Aussicht? Oder weil M. mir so imponierte? Das erste Mittagessen war echt krass gewesen. Schon als ich in seinem Auto gesessen hatte. Also im Auto war es ein noch etwas unbehagliches Gefühl, aber dann im Restaurant … Am liebsten hätte ich die Zeit angehalten. Ich fühlte mich so wohl in seiner Gegenwart! Er war so charmant! Wir hatten denselben Humor, dieselbe Wellenlänge und auch denselben Geschmack, was das Essen betraf. Ich hatte gar nicht mehr gewusst, wie sich so etwas anfühlte … Ich glaube, dieses Gefühl hatte ich das letzte Mal mit 18 gehabt. Oder vielleicht noch gar nie.

Diesmal trafen M. und ich uns direkt in der Tiefgarage, um ein weiteres Mal gemeinsam Mittag essen zu gehen. Wir wollten die Gerüchteküche nicht hochkochen lassen. Aber so viel mehr wusste ich danach auch nicht über die Stelle. Nur eins wusste ich: dass ich michsauwohl fühlte an seiner Seite. Ich hätte jeden Tag mit ihm essen gehen können. Und das war für mich erschreckend. Was war los mit mir? Ich hatte Mann und Kinder zu Hause. Aber ich konnte mich gleich wieder beruhigen. Ich dachte ja nicht daran, mit ihm ins Bett zu steigen. Das hätte ich mir nicht vorstellen können. Aber gedanklich ließ er mich nicht los.

Wir hatten ein tolles Gespräch und mussten viel lachen. Natürlich fehlte auch das Schäkern nicht. Plötzlich fragte ich mich, ob das wirklich eine Basis für ein Arbeitsverhältnis sein konnte. Und ich hatte langsam das Gefühl, dass er dasselbe spürte.

Und dann kam plötzlich dieser Satz. „Ja, es war wirklich ein schönes Wochenende mit meiner Prinzessin. Das Wetter war herrlich. Ich habe meine Tochter ab und zu am Wochenende.“

Ihr könnt dreimal raten, ja, das Honigkuchenpferd, es kam wieder zum Vorschein. Ich war voll happy und musste grinsen.

Zurück vom Restaurant, standen wir vor dem Lift. M. musste hoch und ich geradeaus. Es war so ein knisternder Moment. Er duftete so gut und es zog mich magisch zu ihm hin. Am liebsten hätte ich ihn am Hals geküsst.

Selbstverständlich kam es nicht so weit. Ich war kein untreuer Mensch. Zumindest hatte ich das bis jetzt immer gedacht. Da kam Paul um die Kurve, der gerade Polizist in der Tiefgarage spielte. Da war er hin, der prickelnde Moment. Also ran an die Arbeit.

Am Empfang angekommen, konnte ich es kaum erwarten. „Sue, Rose, ihr hattet recht, es ist die Tochter! Er hat keine Freundin.“

„Na also, haben wir doch gleich gesagt. Sonst würde er doch bei dir nicht so Gas geben.“

Tat er das? Tat ich das? Mein Tag war wieder einmal gerettet und ich hatte das Gefühl, dass mich auch Sec und die ganze Hölle zu Hause heute mal nicht runterziehen könnten.

Paul kam mit der Leiter um die Ecke; mit seinen Überhosen und dem Funk ausgestattet, tat er immer so wichtig wie die Polizei. Die Mädels und ich hatten das Gefühl, dass er auch der Spitzel der Chefetage war. Irgendwie wussten die da hinten im Büro immer sehr viel, obwohl man sie kaum zu Gesicht bekam.

„Am Donnerstag ist After-Work-Party im Bistro, nicht vergessen.“

Klar, dass der Polizist dies schon wieder vor allen anderen wusste. Die Idee fand ich eigentlich cool. Aber ob dies funktionierte? Bei uns waren alle Mitarbeiter so stier, dass alle nach dem Feierabend immer gleich nach Hause rannten. Es war sogar unter uns schwer, mal was gemeinsam trinken zu gehen.

Die Woche verlief mehr oder weniger ruhig. Ich tat mich etwas schwer, dass ich M. nicht mehr so wirklich sah. Anscheinend hatte er einige Termine und wir waren ja schon zwei Tage hintereinander Mittag essen gewesen. Da konnte ich ihn nicht nochmals für diese Woche fragen. Das wäre nicht mehr geschäftlich gewesen. War es überhaupt geschäftlich? Irgendwie war da was in der Luft, was nicht hätte sein dürfen. Zumindest von meiner Seite, da ich ja verheiratet war.

Er war anscheinend ein viel beschäftigter Mann. Aber mit dem Job waren wir immer noch nicht weiter.

Sue kam mit einer Kiste voller Prospekte und knallte diese auf den Tresen.

„Gehen wir heute zusammen Mittag essen? Wir könnten zu der Wurstbude, die weiter hinten im Industriequartier ist. Die soll echt gut sein.“

Ich fand das eine super Idee. Ich hatte es zwischendurch wirklich satt, mittags immer allein eine Stunde herumzusitzen. Aber wir mussten uns gegenseitig ablösen und deshalb war es selten möglich, miteinander Mittag zu machen. Rose kam uns ablösen. „Seid aber pünktlich zurück“, meinte sie schon ganz nervös.

Wir gingen zum Eingang und liefen den Parkplatz entlang. „Machen wir was Verbotenes?“ Man hätte es meinen können, wenn man Rose so anschaute. Grinsend gingen wir weiter. „Nein, sie hat doch etwas mit ihrem Schwarm abgemacht und die Koordination darf nicht durcheinandergebracht werden.“ „Keine Sorge, wir sind pünktlich zurück“, meinte Sue, die so tat, als würde sie es direkt Rose sagen.

Wir mussten kichern und bogen um die Ecke. Die Sonne blendete so stark, dass ich nichts sah. Huch, fast wäre ich mit einer Person zusammengeknallt. Es war M. Er strahlte mich an. „Hey, so Hunger?“ Er sah wie immer hervorragend aus. Mit seinem schwarzen Poloshirt, den breiten silbernen Armketten, den gut anliegenden modernen Jeans und dann sein Duft! Ich hätte ihn am liebsten in den Hals gebissen. „Kommst du auch zur After-Work-Party? Wir könnten da noch fertig besprechen.“ Was genau meinte er mitfertig besprechen? Den Job? Wäre ja auch Zeit. Ich kannte niemand, der drei Vorstellungsgespräche hatte. Zweimal waren wir ja bereits wegen des Jobs zu Mittag essen gewesen. Klar, wer könnte dazu schon Nein sagen? Charmant, aber etwas kühl sagte ich ihm zu. „Ich denke ja.“

Mit einer unauffälligen Geste signalisierte ich Sue, dass wir weitergehen könnten. Ich muss nicht immer gleich springen, wenn er pfeift, dachte ich bei mir. Zudem ist frau immer interessanter, wenn sie eine gewisse Distanz hält.

Schon fast beim Wurststand angekommen, konnte ich nicht mehr an mich halten. „Soll ich gehen?“ Es gelang mir nicht wirklich gut, mein Strahlen vor Sue zu verbergen.

„Unbedingt, warum fragst du noch? Er ist so süß. Ich sehe richtig die Herzchen in seinen Augen, wenn er vor dir steht.“

„Bitte was?“ Jetzt musste ich mir echt Mühe geben, cool zu bleiben.

„Ja, siehst du das denn nicht? Er steht voll auf dich.“

Ungläubig schaute ich Sue an.

„Was hättet ihr gern?“

Sue schien davon überzeugt zu sein, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. „Äh, Currywurst, nein, doch lieber einen Wurst-Käse Salat.“

Er stand voll auf mich?! Nee, wieso sollte er? Er war so … so … na ja, so erfolgreich, ein gestandenes Mannsbild. Mit Stil und vermutlich viel Geld. Ich meine, er kleidete sich mit 600 Euro teuren Jeans aus den USA. Meine waren von einem Discount und hatten 25 Euro gekostet. Ich war das krasse Gegenteil. Dazu kam, dass ich verheiratet war und überdies auch noch in einer Hölle. Von so jemandem möchte niemand was.

Gefühlsumbruch

Es war Donnerstag und ich wusste, heute fand die After-Work-Party im Bistro statt.

Toll, am Abend, wenn ich nach den Kindern und dem Haushalt schauen musste. Wie sollte ich das bloß anstellen? Sec würde mich nie gehen lassen. Er würde mir nie freiwillig den Rücken frei halten und nach den Kindern schauen, damit ich mich vergnügen könnte. Nicht einmal wenn es ums Geld ging. Halt mal, ums Geld … Ich überlegte kurz. Hm, doch, wenn es ums Geld ging, würde er vielleicht eine Ausnahme machen. Jetzt musste ich grinsen, ich hatte einen kleinen Hoffnungsschimmer. Ich musste das schaffen. Ich wollte mit M. was trinken gehen. Das war die einzige Chance. Mit ihm am Wochenende auszugehen, das würde ich nie im Leben schaffen. Dies ermöglichte mir Sec nicht mal mit einer Kollegin. Er hatte dann immer selbst was oder spielte mir vor, dass er nun extra zu Hause geblieben wäre, damit wir zusammen den Abend genießen könnten. Dies stimmte natürlich nicht, aber es funktionierte. Mein schlechtes Gewissen wurde dann immer aktiviert und ich sagte meinen Kolleginnen ab.

Diese After-Work-Party am Donnerstagabend an meinem Arbeitsort war vermutlich die einzige Chance, das Gefühl zu haben, mit M auszugehen.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging zu Sec hin. Ich erklärte ihm, dass ich zu diesem Anlass gehen müsse, damit ich mit der Stelle vorwärtskommen könnte. Bei jedem Satz, den ich ihm sagte, spürte ich das Adrenalin in meinen Adern und hatte Angst, dass Sec was merken und mich nicht gehen lassen würde.

Ich musste mich innerlich selbst beruhigen. Du bleibst jetzt ganz ruhig und verhältst dich unauffällig, sagte ich mir. Auch wenn er mich nun kritisch mit seinen fiesen, hellblauen, fast durchsichtigen Augen scannte.

Ich meine, ich sagte ja nichts Unwahres. M. hatte schließlich selbst zu mir gesagt, wir könnten dort fertig reden. Aber ich wollte nicht nur deshalb dahin. Das merkte ich mittlerweile ganz gut in meinem Bauch.

„Eigentlich müsste ich noch weg. Könnt ihr das nicht irgendwann am Tag machen? Ich finde das etwas komisch, dass er das am Abend in einem Bistro machen möchte.“ Oh, oh, was nun? Würde das Ganze kippen? Auf keinen Fall, ich wollte dahin. Ich kam mir vor wie ein kleines Mädchen.

„Keine Ahnung. Er sagte, er und ein paar seiner Mitarbeiter seien auch dort und es wäre gut, wenn die mich auch sehen könnten, damit man schauen kann, ob es passen würde.“ Puh, das hatte jetzt doch gar nicht so schlecht geklungen, oder?

Secs Miene verzog sich. „Na schön, aber nicht zu lange. Ich gehe vielleicht danach noch weg.“

Ja klar. So eine Lüge. Das war ja wieder mal typisch. Mir „aufopferungsvoll“ etwas ermöglichen, mich dann aber gleich wieder einengen und Druck ausüben. Aber das war mir egal. Es interessierte mich überhaupt nicht, ob Sec danach noch wegwollte oder ob er mir schon jetzt ein Zeitlimit setzte. Ich war so aufgeregt und mich interessierte nur noch eins: Was soll ich bloß anziehen?