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The work offers an extensive developmental overview and presentation of philosophical, anthropological and spiritual dimensions of mental diseases. In linking these to concrete psychotherapeutic practice the work reaches further than a primary clinical perspective. The focus lies on the contemporarily important afflictions such as burnout and narcissistic disorders as well as ways leading out of crises to enable necessary human development.
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Das Buch betrachtet die menschliche Entwicklung in der heutigen Zeit aus der Perspektive geisteswissenschaftlicher Grundlagen. Philosophische, soziologische, psychoanalytische und spirituelle Einsichten werden miteinander verknüpft. Daraus erwächst ein vertieftes Verständnis von Entwicklungskrisen und den zeittypischen Krankheitsbildern Burnout-Syndrom und narzisstische Störungen. Es eröffnen sich neue Wege, dem bisher Fremden zu begegnen und daran zu wachsen. Die Ethik und die Transzendenzfrage erlangen dabei im Leben des Einzelnen einen zentralen Stellenwert. Der Hauptfokus des Buches liegt in den praktischen Konsequenzen dieser Analysen für die psychotherapeutische Arbeit. Philosophie und Spiritualität werden in den therapeutischen Prozess einbezogen und wirken sich auf die therapeutische Haltung, die therapeutische Beziehung und die analytische Bearbeitung von Selbstbild und dysfunktionalen Beziehungsmustern aus.
Dr. med. Toni Brühlmann, Ärztlicher Direktor der Privatklinik Hohenegg, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Meilen bei Zürich. Zahlreiche Publikationen zu Burnout, Depression, narzisstischen Störungen sowie medizinphilosophischen Themen.
Toni Brühlmann
Begegnung mit dem Fremden
Zur Psychotherapie, Philosophie und Spiritualität menschlichen Wachsens
Verlag W. Kohlhammer
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1. Auflage 2011 Alle Rechte vorbehalten © 2011 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co KG, Stuttgart Printed in Germany
ISBN 978-3-17-021858-1
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-026574-5
epub:
978-3-17-027484-6
mobi:
978-3-17-027485-3
Einleitung
1 Voraussetzungen menschlichen Wachsens
1.1 Conditio humana: Differenzierung und Verzeitlichung
1.1.1 Das Eine und das Viele
1.1.2 Objektive und subjektive Zeit
1.2 Mangel – Begehren – Aufgerufensein
1.3 Das Problem mit der Freiheit
1.4 Krisen: das notwendige Übel
1.5 Der Mensch als „verstehendes Tier“
1.5.1 Die hermeneutische Grundsituation
1.5.2 Existenz und Sprache
1.6 Zusammenfassung
2 Der historische Kontext: die heutige Krisenzeit
2.1 Narzisstische, postnarzisstische oder Borderline-Zeit?
2.2 Der fortschreitende Irrationalismus
2.3 Leistungs- und Erfolgsgesellschaft
2.4 Exkurs: Burnout und Depression
2.4.1 Zeittypische Krankheiten?
2.4.2 Überschneidung und Abgrenzung
2.5 Zusammenfassung
3 Anthropologie in psychotherapeutischer Sicht
3.1 Die Identität aus psychoanalytischer Sicht
3.2 Inter-Subjektivität
3.2.1 Adaptation von Erfahrungsmuster
3.2.2 Narzissmus: der intersubjektive Kampf um Anerkennung
3.3 Exkurs: Narzisstische Störungen
3.3.1 Gefangen in sich selbst: das Egogefängnis 38
3.3.2 Regression, Fragmentation und Grandiosität
3.4 Zusammenfassung
4 Anthropologie in philosophischer Sicht
4.1 Die philosophische Identität
4.1.1 Unfassbares und fassbares Selbst
4.1.2 Selbst-Entwicklung
4.2 Grundbefindlichkeiten
4.3 Patho-Logie: die Lehre vom unhintergehbaren Leiden
4.3.1 Passivität
4.3.2 Responsivität
4.4 Die Frage der Transzendenz
4.4.1 Mysterium mit Spuren
4.4.2 Das Transzendenzprinzip 50
4.5 Xenologie: die Lehre vom notwendigen Fremden
4.6 Das Prinzip Vernunft
4.6.1 Von der objektiven zur funktionalen Vernunft
4.6.2 Die hermeneutische Vernunft
4.7 Ethik: das gute Leben
4.7.1 Solidarität: die goldene Regel
4.7.2 Lebenssinn
4.7.3 Das ethische Selbst
4.8 Lebensformen
4.8.1 Definition
4.8.2 Die strategisch-instrumentelle Lebensform
4.8.3 Die ethische Lebensform
4.8.4 Die ästhetische Lebensform
4.8.5 Die philosophische Lebensform
4.8.6 Synopsis
4.9 Zusammenfassung
5 Therapie als Emanzipation und Resignation
5.1 Emanzipation: Befreiung durch Selbstentfremdung
5.2 Resignation: Befreiung durch Selbstaufgabe
5.2.1 Grenzerfahrung
5.2.2 Befreiende Akzeptanz
5.3 Therapeutische Haltungen
5.3.1 Therapeutische Beziehung
5.3.2 Mothering
5.3.3 Fathering
5.3.4 Adulting
5.4 Kreativ-rezeptives Verstehen
5.4.1 Therapeutischer Dialog
5.4.2 Archäologie
5.4.3 Teleologie
5.4.4 Unbedingte ethische Selbstwahl
5.5 Psychotechnik: Stressmanagement und Lebensbalance
5.5.1 Stressbewältigung
5.5.2 Die Lebenskunst der Mehrdimensionalität
5.6 Das spirituelle Versprechen: achtsame Gelassenheit
5.6.1 Deegoifizierung72
5.6.2 Geschehenlassen
5.6.3 Auswirkungen auf den therapeutischen Prozess
5.7 Zusammenfassung
Anhang: Postnarzisstische Übergangszeit – quo vadis?
Teil I
Teil II
Literatur
Stichwortverzeichnis
Personenverzeichnis
Das Buch handelt vom menschlichen Wachsen in der modernen Zeit. Die heutige Selbstentwicklung hat vielfältige Wurzeln und Eigenheiten, auf die im Einzelnen eingegangen wird. Im Buchtitel wurde eines der zentralen Elemente hervorgehoben, nämlich die Begegnung mit dem Fremden. Wachsen ist eine Selbst-Entfremdung, in der man dem Fremden an verschiedenen Orten begegnet. Es fängt beim Fremden in sich selbst an, nämlich in Biografie, Charakter, Unbewusstem und Leib. Das Fremde findet sich aber ebenso sehr in der Welt draußen, in den anderen Menschen und der Natur. In offenen Beziehungen trete ich nicht nur mit Vertrautem in Kontakt, sondern ebenso mit dem Fremden im Vertrauten. Im Gesicht des Nächsten finde ich Bekanntes und Unbekanntes gespiegelt. Vermehrt wird das Fremde in der heutigen Zeit aber auch wieder in der transzendenten Sphäre gesucht. Obwohl man sich ja von Gott bekanntlich kein Bild machen soll, finden spirituell und religiös Interessierte im Transzendenzbezug eine intime Berührung mit dem Fremden.
Eine Wachstumschance bieten Krisen. Die momentanen gesellschaftlichen und individuellen Entwicklungen zeigen deutliche Krisenzeichen. Es wird verständlich gemacht, weshalb dies so kommen musste. Die Subjektzentrierung, welche die Moderne charakterisiert, ist maßlos geworden und die Vernunftzentrierung, die in der Aufklärung entstand, trägt nicht mehr. Auf der gesellschaftlichen Ebene sind Finanz- und Wirtschaftskrise eine Folge davon und auf der individuellen Ebene das Burnout-Syndrom und die narzisstischen Störungen. Als Psychotherapeut liegt es mir nahe, auf diese zeittypischen Krankheitsbilder vertieft einzugehen und Wege daraus aufzuzeigen. Mein Psychotherapiekonzept geht allerdings darüber hinaus und wird wachstumsförderliche Schwerpunkte setzen, die alle Krankheitsbilder und auch die gesunde Entwicklung in der heutigen Zeit betreffen.
Ich stelle das Verständnis menschlichen Wachsens auf eine breite Basis und beziehe nicht nur psychotherapeutisches Wissen mit ein, sondern auch philosophisches, soziologisches und spirituell-mystisches Gedankengut. So scheint mir, lässt sich das fremde und rätselhafte Geschehen des Wachsens am besten umkreisen. In der Psychotherapie vertrete ich einen multimodalen Ansatz unter spezieller Berücksichtigung der psychoanalytischen Richtung. In der Philosophie sind mir einerseits Phänomenologie und Existenzphilosophie und anderseits die Vernunfttradition wichtig. In der Phänomenologie und ihren Weiterentwicklungen stütze ich mich unter anderem auf Autoren wie Husserl, Heidegger, Levinas, Ricoeur, Derrida oder Waldenfells, in der Vernunftphilosophie auf Kant, Habermas oder Schnädelbach. Soziologie verstehe ich vor allem als Sozialphilosophie und beziehe dabei moderne Soziologen wie Sennett, Gibbens, Ehrenberg und Bröckling in meine Überlegungen mit ein. Insbesondere für die Zeitkrankheiten Burnout-Syndrom und Depression liefern sie wertvolle Einsichten zur Soziogenese. In der Spiritualität lehne ich mich sowohl an die christliche Mystik wie auch die östlichen Traditionen an. Bei den modernen Autoren habe ich am meisten von Wilber und Panikkar profitiert. Ich habe nicht den Anspruch, all die zitierten Autoren umfänglich darzustellen, sondern übernehme Ideen von ihnen, um ein Thema zu erhellen, und erlaube mir teilweise, eigene Interpretationen ihrer Begriffe und Gedanken vorzunehmen.
Das Buch richtet sich in erster Linie an Fachpersonen der Psychotherapie, es ist aber auch für Fachpersonen anderer geisteswissenschaftlicher Richtungen und für Laien mit entsprechenden Interessen gedacht. Ein Charakteristikum des Buchs ist die Integration unterschiedlicher geisteswissenschaftlicher Traditionen. Es zeigt sich heute immer mehr, dass die Psychotherapie von einer Vernetzung mit Philosophie, Soziologie und Spiritualität profitieren kann. Aus sich allein vermag sie immer weniger nicht schon Gesagtes und bisher noch Fremdes hervor zu bringen.
Um nicht episch auszuufern, ist das Buch bewusst dicht geschrieben. Die einzelnen Kapitel bauen aufeinander auf und nehmen jeweils Bezug auf Gedanken früherer Kapitel, daher empfiehlt sich eine Lektüre von vorne nach hinten. Am Schluss der einzelnen Kapitel füge ich Zusammenfassungen an, die dazu dienen sollen, das gerade Gelesene optimal resümieren zu können. Sie sind nicht geeignet für ein Schnellleseverfahren.
In Kapitel 1 erörtere ich philosophische Voraussetzungen menschlichen Wachsens, wie sie sich aus der conditio humana ergeben. Dazu gehört das Faktum, dass wir in die Zeit eingebunden sind und somit immer dem Mangel und Begehren unterworfen bleiben. Auch setze ich mich mit dem Problem der menschlichen Freiheit und dem Umgang mit der Sprache, ihren Möglichkeiten und Grenzen, auseinander. Anschließend, im Kapitel 2, wird deutlich, wie der historische Kontext die persönliche Entwicklung wesentlich beeinflusst. Persönliches Handeln und Denken werden durch „das Zeitalter des Narzissmus“ und durch die heutige Leistungs- und Erfolgsgesellschaft mitbestimmt. Hier wird sich die Gelegenheit ergeben, Abgrenzung und Überschneidung von Burnout-Syndrom und Depression zu besprechen, sowohl hinsichtlich ihres klinisches Erscheinungsbildes wie auch ihrer Genese.
Die nächsten beiden Kapitel haben das Ziel, ein breites und differenziertes Menschenbild zu entwerfen, das als Basis für das Verständnis menschlichen Wachsens dienen kann. Psychoanalytisches und philosophisches Gedankengut ergänzen sich dabei zweckdienlich. In Kapitel 3 umschreibe ich eine Anthropologie aus psychotherapeutischer Sicht. Ein wesentlicher Fokus wird einerseits die Identitätsbildung und anderseits die Intersubjektivität sein. In den Beziehungen aktualisieren beide Partner ihre bisherigen Erfahrungsmuster und es stellt sich dabei unter anderem die Frage, wie jeder zur benötigten Anerkennung kommen kann. Bei den narzisstischen Störungen – so werden wir sehen – ist das erschwert. Es ist, als wäre der Narzisst in einem Egogefängnis eingesperrt. Kapitel 4 widmet sich der Anthropologie aus philosophischer Sicht. Die Identitätsbildung lässt sich hier als ein narrativer Prozess verstehen, als ein fortlaufendes Neu- und Weiterschreiben der Lebensgeschichte. Die aktuelle Philosophie liefert dann ein wertvolles Grundlagenwissen, mit dessen Hilfe durchsichtig wird, weshalb unser Leben immer auch Leiden bedeutet und wir uns nicht nur auf unser Aktivsein, sondern auch auf unsere Passivität und Empfänglichkeit abstützen sollen. Ich werde aufzeigen, wie die Transzendenz hineinspielt und Einfluss auf unsere psychischen Vorgänge nehmen kann. Die philosophische Lehre vom Fremden schließlich liefert Hinweise, was es bei der Begegnung mit dem Fremden zu berücksichtigen gilt. Anschließend ziehe ich die Vernunftphilosophie bei, um deutlich z machen, wie die Vernunft keineswegs eigenmächtig funktioniert, aber dennoch ein unverzichtbares Hilfsmittel darstellt, damit wir in unserem Leben Ordnung schaffen und Halt finden können. Der philosophische Gedankenweg läuft auf die Ethik hinaus, die heutzutage unbedingt wieder vermehrt ins Zentrum rücken muss. Dazu gehören Fragen der Solidarität, des Lebenssinns und überhaupt was es heißt, ein ethisches Selbst zu haben.
Im abschließenden Kapitel 5 wird die dargestellte Anthropologie für die psychotherapeutische Praxis nutzbar gemacht. Zuerst lässt sich die Selbstentwicklung als eine Wechselwirkung von Emanzipation und Resignation darlegen. Man hat sich von bisherigen Verhaltensmustern zu emanzipieren und gleichzeitig seine Grenzen zu akzeptieren, im Sinne einer reifen Resignation. Anschließend erläutere ich den zentralen Stellenwert der therapeutischen Beziehung und zeige auf, welche therapeutischen Haltungen wachstumsförderlich sind. In der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Leben und Person des Patienten sind der Blick nach rückwärts – in der archäologischen Arbeit – und der Blick nach vorne – in der teleologischen Arbeit – gleich zu werten und ergänzend einzusetzen. Die philosophische Ethik zeigt hier einen durchaus auch therapeutisch verwertbaren Weg auf, wie man zu mehr Autonomie gegenüber Begierden und Konventionen, zu größerer Solidarität und zur Verantwortung vor sich und den andern kommen kann. Dadurch öffnet sich der Raum für eine unbedingte ethische Selbstwahl. Anschließend wende ich mich den modernen Themen des Stressmanagements und der Lebensbalance zu. Es lohnt sich gerade heutzutage, nicht eindimensional zu leben, sondern verschiedene Lebensformen zu integrieren. Ich lege dar, welche Grundtypen von Lebensformen es gibt. Den Abschluss des Therapiekapitels bildet die Spiritualität, die zu Recht immer mehr Bedeutung erlangt. Im Grunde genommen geht es darum, sich von einer übertriebenen Selbstbezogenheit zu befreien und offen für Transzendentes und Fremdes zu werden. Das psychologische Selbst wandelt sich dabei in ein spirituelles Selbst, das empfänglich für Einwirkungen ist, die den bisherigen Seelenhaushalt erweitern. Ich werde umschreiben, worauf es ankommt und wie dabei eine meditative Grundhaltung der Achtsamkeit hilfreich ist und wie die Spiritualität in den therapeutischen Prozess einbezogen werden kann.
Ich danke allen, die es mir ermöglicht haben, dieses Buch zu schreiben. Dazu gehört auch die Klinik Hohenegg, die mir den benötigten Freiraum gewährte. Speziell danke ich meinen Freunden Astrid Riehl-Emde, Marianne Schneider, Daniel Hell und Eberhard Rust, welche die erste Manuskriptversion durchlasen und mir sehr wertvolle Anregungen gaben. Der größte Dank gebührt meiner Frau Hannabeth, die mich während des ganzen Buchprojekts unterstützte, unermüdlich die verschiedenen Textversionen durchsah und mich auf inhaltliche Wiedersprüche und unverständliche Ausdrucksweisen hinwies. Vom Kohlhammer Verlag fühlte ich mich jederzeit wohlwollend unterstützt. Speziell danke ich dem Verlagsleiter des Bereichs Medizin, Psychologie, Pädagogik, Pflege und Krankenhaus, Herrn Dr. Ruprecht Poensgen, und den verschiedenen Lektoren, insbesondere Frau Dagmar Kühnle.
Zunächst wird dargelegt, weshalb der Mensch überhaupt in der Situation des Wachsens steht. „Voraussetzung“ ist in diesem Sinne gemeint: Was ist dem Wachstum voraus gesetzt? Was veranlasst unser Wachsen? Wodurch zeichnet sich unser Wachsen grundsätzlich aus? Welche Elemente gehören notwendig dazu?
Mit dem Begriff „conditio humana“ soll etwas Grundsätzliches über die menschliche Situation ausgesagt werden. Dazu gehören Differenzierung und Verzeitlichung. Das Basale ist auch das Banale, weil es einem ja immer schon gegeben und prima vista klar ist. Da stellt sich zu Recht die Frage: Was bringt es, sich damit auseinanderzusetzen? Ist es mehr als eine philosophische Selbstgefälligkeit? Alles, was in diesem Buch besprochen wird, hat Differenzierung und Verzeitlichung als Voraussetzung. Sie sind das Fundament und verdienen deshalb Interesse. Aber auch für die Psychotherapie wirft die Auseinandersetzung damit bereits einen Gewinn ab. Welche Veränderungsschritte uns auch immer gelingen oder misslingen, sie sind von vorübergehender Natur, weil der Prozess von Differenzierung und Verzeitlichung unvermeidlich weitergeht. Diese Einsicht fördert die Akzeptanz dessen, was im eigenen Leben momentan ist oder nicht ist.
Erkennen wir etwas, unterscheiden wir es von anderem. Auch wenn wir Erfahrungen machen, Erlebnisse haben oder Handlungen ausführen, sind es diese und eben nicht andere. Immer gibt es das Viele, wovon wir ein Einzelnes situativ auswählen und es durch Abgrenzung identifizieren. Identifikation und Differenz gehören zusammen.
Als Beispiel dient das Selbsterleben des Neugeborenen, wie es die Psychoanalyse in Kombination mit der Säuglingsbeobachtung darlegt. Freuds (1914) Idee des primären Narzissmus, der ausschließlichen Selbstbezogenheit zu Beginn des Lebens, ist überholt. Die Theorie hat sich in vielen Etappen weiter entwickelt. Eine breite Aufmerksamkeit fanden Mahlers (1968) Ideen zu Symbiose und Separation. Der Säugling erlebt sich anfänglich in der Symbiose mit der Mutter und mit der Zeit individuiert er sich durch schrittweise Separation. Hier ist es das Individuationsprinzip, das Selbsterleben und Identität bewirkt. Die Differenzierung von der Mutter führt zur eigenen Identität. Stern (1985) hat später die Symbiose durch die primäre Intersubjektivität ersetzt. Das Erleben des Säuglings ist von Beginn an als Selbst- und Zusammensein differenziert. Es entsteht überhaupt auf diese Weise und die Identität bildet sich durch den Vorgang der wechselseitigen Differenzierung von Zusammen und Selbst. Es ließe sich nun dennoch fragen: Spürt der Neugeborene zuerst das Selbstsein oder Zusammensein? In der Mahlerschen Auffassung wäre es das Zusammensein, die Symbiose und erst nachher das separierte Selbstsein. Die Frage ist aber falsch gestellt und passt nicht zu Sterns Idee der primären Intersubjektivität. Der Differenzierungsvorgang von Selbst- und Zusammensein weist keinen Anfang auf, vielmehr ist das eine nur durch die Abgrenzung vom anderen.
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