Begrabt meinen rechten Fuß auf der linken Spur - Dietmar Wischmeyer - E-Book

Begrabt meinen rechten Fuß auf der linken Spur E-Book

Dietmar Wischmeyer

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Beschreibung

Wolfgang ist ein ganz normaler Jugendlicher der späten Siebziger, lernt einen Beruf, den er nie ausübt, lernt ein Mädchen auf kuriose Weise kennen, mit dem er sein Leben lang zusammenbleibt, baut ein Haus, hat zwei Kinder und drei Freunde, mit denen er die Abende in der Eckkneipe vertrödelt. Ein Lebenslauf wie Millionen andere. Doch als Arbeiter bei der «Straßen- und Wegebau AG» erfährt er von kriminellen Seilschaften beim Projekt «Deutsche Einheit» und wird ständiger Zeuge des alltäglichen Wahnsinns im Straßenbau. Nebenher versucht Wolfgang Schrage, das Leben eines ganz normalen Familienvaters zu führen, kollidiert dabei allerdings mit den abstrusen Ideen seiner drei Freunde von der Theke. Als die vier Zechkumpanen durch Zufall zwölf Metallkassetten finden, stoßen sie auf ein Geheimnis, das ihr Leben verändern wird und alles, was bisher geschah, auf überraschende Weise in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Wolfgang Schrage erzählt sein abenteuerliches Leben – in einer Sprache, die weder ein Blatt vor den Mund nimmt noch weiß, warum man das überhaupt sollte. Er erzählt von Autos, von der Straße und von politischen Intrigen. In ihm hat die alte, gewendete und neue Bundesrepublik den etwas anderen Zeugen gefunden. 

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Seitenzahl: 384

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Dietmar Wischmeyer

Begrabt meinen rechten Fuß auf der linken Spur

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Wolfgang ist ein ganz normaler Jugendlicher der späten Siebziger, lernt einen Beruf, den er nie ausübt, lernt ein Mädchen auf kuriose Weise kennen, mit dem er sein Leben lang zusammenbleibt, baut ein Haus, hat zwei Kinder und drei Freunde, mit denen er die Abende in der Eckkneipe vertrödelt. Ein Lebenslauf wie Millionen andere.

Doch als Arbeiter bei der «Straßen- und Wegebau AG» erfährt er von kriminellen Seilschaften beim Projekt «Deutsche Einheit» und wird ständiger Zeuge des alltäglichen Wahnsinns im Straßenbau. Nebenher versucht Wolfgang Schrage, das Leben eines ganz normalen Familienvaters zu führen, kollidiert dabei allerdings mit den abstrusen Ideen seiner drei Freunde von der Theke. Als die vier Zechkumpanen durch Zufall zwölf Metallkassetten finden, stoßen sie auf ein Geheimnis, das ihr Leben verändern wird und alles, was bisher geschah, auf überraschende Weise in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Wolfgang Schrage erzählt sein abenteuerliches Leben – in einer Sprache, die weder ein Blatt vor den Mund nimmt noch weiß, warum man das überhaupt sollte. Er erzählt von Autos, von der Straße und von politischen Intrigen. In ihm hat die alte, gewendete und neue Bundesrepublik den etwas anderen Zeugen gefunden.

Vita

Dietmar Wischmeyer, Autor und Kolumnist, zählt zu den erfolgreichsten Protagonisten der deutschen Humorwirtschaft. Er tourt mit wechselnden Programmen durch Deutschland, u.a. mit Oliver Kalkofe oder Oliver Welke. Er tritt regelmäßig in der «heute-show» auf und ist bei radioeins, radio ffn, Radio Bremen und im WDR zu hören. Zahlreiche Preise, darunter der Deutsche Comedypreis (2012) und der Deutsche Fernsehpreis (2014, 2020). 2013 erschien «Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk» (mit Oliver Welke), 2017 «Vorspeisen zum Jüngsten Gericht».

Ich bin Wolfgang Schrage, und dies ist mein Leben

Ich bin Wolfgang Schrage, und dies ist die Geschichte meines Lebens, jedenfalls soweit ich sie noch zusammenkriege. Aber man erzählt ja, dass einem beim Aufschreiben das ein oder andere wieder einfällt.

Schrage hieß schon mein Vater, und Wolfgang bin ich mehr oder weniger aus Zufall, meine Mutter wollte, dass ich Norbert heiße, weil sie einen Norbert kannte und der so ein pflegeleichtes Kind war. Jedenfalls kam es dann anders, denn als sie schon im Krankenhaus lag, da kriegten Kolozicks auch noch einen Norbert. Ich sag mal, zwei Wochen später, und das Malheur wäre da gewesen: Ich als Schrages Vater sein Ältester sitze im Partner-look neben einem von den Kolozicks – schönen Schrank auch. Deshalb wurde aus mir ein Wolfgang, das war damals ein ganz normaler Name, da gab es ja noch keine Maiks und Finn-Justins und diesen ganzen Blödsinn. Bin ich auch soweit ganz mit zufrieden mit dem Wolfgang, inner Schule haben se mich «Wolli» genannt, da kann man sich nicht beklagen. Ich war jedenfalls bloß «Wolli», und das hat sich dann auch im Laufe der Jahre immer mehr verloren. ’ne Zeitlang nannten mich welche ausser Clique «Trampas», nach dem Cowboy aus der Fernsehserie Die Leute von der Silo-Ranch, so haben wir immer gesagt. War aber auch wieder vorbei, als es die Serie nicht mehr im Fernsehen gab. Was soll ich sagen, sonst immer bloß Wolli, und heute nennen mich alle bloß «Schrage», sogar mein Weib, die Jutta, sagt «Schrage» zu mir. Du weißt ja, wie das is in soner Ehe, die schon ’n paar Jahre aufm Buckel hat, aber zu Jutta kommen wir später noch, jetzt erst mal geht’s um mich und meinen weiteren Werdegang.

Also, mein alter Herr war von Beruf Fliesenleger und wollte, dass ich das auch werde. «Eimer, Wasserwaage, Gummihammer, und du bist ein gemachter Mann», sagte er immer. Aber das war nix für mich, ich wollte schon als junger Bengel zum Straßenbau. Jeden Tag zieht die Kolonne einen Kilometer weiter, jede Nacht ’ne andere Frau im Bett. Die Realität sieht dann doch anders aus, man ist oft monatelang auf ein und derselben Baustelle. Die Romantik, die wir Jungs damals mit dem Beruf des Asphaltfacharbeiters verbunden haben, die hat sich nicht ansatzweise bewahrheitet, bei keinem von uns.

Gut, ein Kollege von mir, Friedhelm, hat immerhin schon die zweite Frau. Die erste ist ihm nach über zwanzig Jahren durchgegangen mit seinem Steuerberater. Ich hab ihm danach gesagt, warum machst du das bisschen Lohnsteuer nicht selbst, lässt da den fremden Mann ins Haus. Nu hast du’s, du Döskopp. Wenn Frauen einen Ausweg sehen aus der Ehe, dann nehmen die Reißaus, so ist das nun mal. Einen Hund hältst du auch auf Dauer nich auf einem Grundstück ohne Zaun. Das kann jahrelang gut gehen, aber einmal kommt der Tag. Und son Hund, der ist ein treues Tier, und selbst der geht dir durche Lappen. Und nu nimm dagegen eine Frau. Was wollte ich sagen, danach hat sich Friedhelm eine Weißrussin bestellt. Erst hatte er mit einer Thaifrau geliebäugelt, dann aber doch ’ne Russin genommen. Jedenfalls die Thaifrau, die Friedhelm drei Wochen zur Probe hatte, die ist jetzt in einem Lovemobil an der Bundesstraße gelandet, das ist aufm Weg zur Arbeit von Friedhelm. Da hat er jetzt das Beste aus zwei Welten sozusagen. Gut, ich hab bloß meine Jutta, aber dafür auch nicht den ganzen Stress. Diese Weißrussin von Friedhelm, frag nich nach Feierabend, da muss er öfter ran, als ihm lieb ist, der geht ja auch stramm auf die sechzig zu und hat es mit dem Herzen wegen zu viel Rauchen unter anderem.

Weil ich nicht Fliesenleger werden wollte wie mein Erzeuger, hat der mich aus Schlechtigkeit für eine Lehre als Konditor angemeldet, er kannte Meister Derbfuß nämlich ausm Kegelclub. War mir eigentlich auch egal, kriegste auch rum die Zeit, und dann biste achtzehn und dir gehört die Welt. Als Konditor kannst du ja überall arbeiten: Amerika, Afrika, Berlin, oder alles hintereinander und überall ’ne andere Frau. Kurz vor Ende der Lehre hab ich dann mehr so aus Versehen Jutta kennengelernt, und war erst mal nix mehr mit Amerika. Sie war in derselben Clique wie ich und fuhr nen Rixe-Mofa, genauer gesagt ’ne Libelle GTH mit Zweigangschaltung. Die Libelle gab es auch als Automatik, die fuhren damals alle Mädchen bis auf Jutta, aber Jutta fuhr die Zweigang, und dadurch is sie mir gleich aufgefallen. Jutta war jetzt nicht meine erste Wahl, aber es findet sich ja alles irgendwie, und heute würde ich sagen, besser hätte es nicht laufen können. Jutta war ein Hauptgewinn, jetzt nicht das Millionenlos, mehr so die Sofortrente. Ich würde sie heute nicht mehr hergeben, und damals, es war ’ne andere Zeit, man war auf ’ne Art auch froh, dass untenrum alles irgendwie geregelt ist.

Wie es zwischen uns beiden gefunkt hat, das is auch so ’ne Geschichte, schmeißte dich weg. Aber egal, ich bin jedenfalls nach meiner Lehre zum Bund, welche ausser Clique haben auch verweigert. Hab ich nich verstanden, warum lässt man sich so was entgehen, so ’ne Auszeit im Leben kriegst du nur einmal geboten, fünfzehn Monate die Sau rauslassen ist doch besser, als wenn du als Urinkellner im Altenheim unterwegs bist. So sieht’s doch aus im wirklichen Leben. Zwei Sachen sind wichtig, bevor du auf Stube einrückst: Du musst erstens zu Hause ’ne feste Tussi am Start haben, damit du am Wochenende nicht groß auf Safari gehen musst und gleich zur Sache kommen kannst, denn du hast wenig Zeit. Zweitens ein eigenes Auto: Wenn du mit der Bahn zum Standort zurückmusst, geht das alles vom Wochenende ab. In den Zügen damals, da wurden keine Gefangenen gemacht, besonders nicht in denen, die aus dem Ruhrgebiet kamen und in die Panzerstandorte in der Heide unterwegs waren. Mein lieber Herr Gesangsverein, da trauten sich nicht mal die Feldjäger in die Abteile. Ich jedenfalls bin Panzergrenni geworden, «kein Mensch, kein Tier, ich bin Panzergrenadier». In der Grundausbildung ging’s natürlich ans Eingemachte, wenn du morgens inner Eiseskälte die Hände inne Tasche gesteckt hattest, gab’s gleich eine von StUffz Zuleger: «Schütze Schrage, hamse heute Geburtstag? Wenn nicht, dann nehmen Sie gefälligst die Hand vonner Kerze.» So was musste man sich da anhören, wir haben aber immer bloß gedacht: «Was sagt ein Schwein, das vor die Wand läuft? Uffz! Was sagt ein Schwein, das zweimal vor die Wand läuft? StUffz.»

Nach der Grundausbildung wurde es deutlich ruhiger, ich bin auf die Schreibstube versetzt worden und war dann als Gefreiter sogar Heimscheißer. In der Natopause um neun hab ich mit dem Spieß ’nen kleinen Cognac inner Kantine gekippt, abends bin ich entweder zu Jutta oder hatte im Mannschaftsheim ’n Totalabsturz – die Abwechslung, das war das Schöne an der Zeit. An sich sogar etwas zu viel Abwechslung, so was kommt nicht wieder im Leben. «Schrage», habe ich mir damals immer gesagt, «genieße es.»

Ich nenn mich selbst schon «Schrage», aber was willst du machen, wenn du das jeden Tag hörst von anderen? Die letzten Monate beim Bund war ich sogar noch im Ausland, das passiert den wenigsten. Auch die schönste Zeit geht mal vorbei. Die letzten Wochen vor der Entlassung hab ich wie alle ein Maßband angefangen, zehn Tage vorher kam die Untersuchung, und man konnte die neuen Rekruten aus der Grundi sein Maßband küssen lassen und anbrüllen: «Ey Rotarsch, neun und der Rest von heute und geböscht, du Scheißhaus!» Das gab einem irgendwie so ’n Gefühl von Überlegenheit, nicht dass ich das gebraucht hätte, war aber trotzdem gut. «Geböscht» haben damals alle gesagt, nach dem Hersteller des Röntgenapparats. Drei Tage vor der Entlassung war Auskleidung, alles außer dem G3 hab ich mitbekommen, sogar den Knitterfreien, fünf lange Unterhosen durfte ich privat behalten, ich zehre noch heute von diesem eisernen Bestand. Danach wurde ich Ersatzreserve zwei. Das Stichwort «Gelbes Pony» zur Mobilmachung hatten sie mir schon während des Auslandseinsatzes gegeben. Wenn das Wort irgendwann wie zufällig in den Nachrichten auftauchte, dann war Schluss mit «Reserve hat Ruh», dann hieß es einrücken gegen den Iwan. Dazu hatte ich extra einen Gutschein für eine Busfahrt zum Einsatzstandort in meinen Unterlagen. Und deshalb auch das an sich bescheuerte «Gelbes Pony», so was gibt’s ja nicht, auf diese Weise war Fehlalarm ausgeschlossen.

Die ersten Jahre nach meiner Entlassung aus dem Wehrdienst hab ich die Nachrichten immer noch aufmerksamst verfolgt, ob da womöglich mein Einsatzbefehl durchgegeben wurde. Einmal, es war 1983, meinte ich es sogar gehört zu haben, versteckt in einer Meldung über eine Ausstellungseröffnung in München. Da sagte der Nachrichtensprecher, es war da noch Karl-Heinz Köpcke, der sagte: «In der Pinakothek wurde am gestrigen Abend die Ausstellung Das gelbe Pony, ich wiederhole Das gelbe Pony eröffnet.» Dann guckte er auf seinen Zettel und entschuldigte sich: «Es muss natürlich Der blaue Reiter heißen.» Ich war da zufällig gerade bei Jutta und stand wie elektrisiert vorm Fernsehgerät. Jutta sagte später, ich hätte sogar militärisch gegrüßt und gesagt: «Habe verstanden, Herr Köpcke, melde mich umgehend bei meiner Einheit.» Ich fing sofort an, in Juttas Schrank nach meinen olivgrünen langen Unterhosen zu wühlen, die waren da natürlich gar nicht. Ich habe Jutta angeschrien: «Wo ist der verdammte Bus-Gutschein?», und wurde immer rappeliger: «Er hat Gelbes Pony gesagt, Jutta, ich muss sofort einrücken, Deutschland braucht mich.» Aber Jutta hat mich zurückgehalten: «Der hat sich doch verbessert Blauer Reiter heißt die Ausstellung.» Aber ich war immer noch ganz aufgeregt.

Letztlich is die ganze Sache dann doch im Sande verlaufen. Spätestens als wir logischerweise auch den Bus-Gutschein bei ihr nicht gefunden haben und sowieso kein Bus mehr gefahren ist um diese Zeit und ich auch gar nicht gewusst hätte, zu welcher «meine Einheit» ich denn hätte fahren sollen, spätestens da hab ich auch geglaubt, dass ich mich verhört hatte. Heute bin ich mir sicher, Karl-Heinz Köpcke hat damals 1983 tatsächlich «das gelbe Pony» gesagt, zweimal hintereinander, aber fragen kann man ihn nicht mehr, denn er ist seit über dreißig Jahren tot.

Danach hat sich bei mir die Alarmbereitschaft etwas gelegt. Jetzt bin ich drüber weg, ich gucke die Tagesschau zwar immer noch, aber mit anderen Augen. Ich weiß auch gar nicht, ob der Befehl nicht längst aufgehoben wurde, das Grünzeug und den Knitterfreien hab ich schon vor Jahrzehnten zurückgegeben, eine Reserveübung hab ich nie gemacht, obwohl ich die letzten Wochen noch ’ne Spezialausbildung an einem Auslandsstandort verpasst bekommen habe. Vorbei ist vorbei.

Manchmal denke ich noch an meine Wehrdienstzeit zurück, das war auf ’ne Art die schönste Zeit meines Lebens, weil alles scheißegal war und man keine Verantwortung hatte, aber es war trotzdem jede Menge los. Danach begann der Ernst des Lebens. Als Geselle in der Konditorei bleiben und warten, bis der Alte abkratzt und man den Laden weiterführen kann als Chef? Da kommste jahrelang auf keinen grünen Zweig. Mein Traum war der Straßenbau, und da kommen wir zum Problem zwei: Was sollte mit Jutta passieren?

Ich bin erst mal zur Straße gegangen. Bin anfangs als Ungelernter ein Jahr lang mit einem Türken hinter der Teerspritze hergelaufen, und Jutta hab ich auf Parkposition gesetzt, das heißt: Verlobung und in Ruhe weitersuchen. Schlussendlich hab ich dann doch Jutta geheiratet, weil mit dem romantischen Traum vom Leben auf der Straße – «Jeden Tag ein neuer Kilometer, jede Nacht eine andere Frau im Bett» –, da wurde ja auch nix draus.

Das Beste am Mann hat vier Räder

Das erste Auto, was ich hatte, war ein Nissan Bluebird, mit dem bin ich zum Bund gefahren. Damals waren die Japaner ja so was, wie heute die Koreaner sind. Die meisten fuhren noch deutsche Autos oder wenigstens ’nen Franzosen. Unsere Autos aus Deutschland hatten auch keine bescheuerten Namen, da haben die Japsen erst so richtig mit losgelegt. Sogar der Käfer hieß nich so, sondern VW 1200 oder später 1303. Deutsche Autos hatten Spitznamen, zum Beispiel das Erdbeerkörbchen. Da konnte man sich was drunter vorstellen, aber wieso nennt man ein Auto «Blauvogel»? Fällt mir gerade ein, das war sogar noch ein Datsun Bluebird, noch bescheuerter, erst 1983 hamse Datsun in Nissan umbenannt. Ganz richtig im Kopp sind die da nich in Japsistan. Andererseits, hier bei uns haben se auch aus DKW Audi gemacht, aber das war vor meiner Zeit. Ich jedenfalls hab den Bluebird gebraucht von einem Arbeitskollegen von meinem Erzeuger gekauft, ’n richtiges Auto konnte ich mir damals nich leisten. Zwölfhundert Märker hab ich dafür hingeblättert. Hatte ich natürlich nicht, musste ich mir von meinem Vater leihen, mein ganzes Geld war ja schon für den Dreier-Lappen draufgegangen. Jedenfalls hab ich noch den alten Dreier für bis 7,49 Tonnen plus Anhänger, kann ich aufe Arbeit den MKW fahren und muss nich mit den Rumänen im Furzbulli morgens zur Baustelle.

Der Bluebird war mein erster und mein letzter Japaner. War kein schlechtes Auto, das nich, aber is wie mit Schwulsein, hab ich nix gegen, is bestimmt ’ne tolle Erfahrung, ich bin’s aber trotzdem nich. So ist das mit mir und japanische Autos, es is so, wie es is: Ich will einfach nich morgens das Garagentor aufmachen, und das Erste, was ich lese am Tag, is «Ssangyong Corando», gut, das is ’n Koreaner, aber die sind genauso schlimm. Der deutsche Autokäufer lässt sich eben nicht komplett verarschen, anderes Beispiel «Daewoo», noch son Koreaner, die haben sogar im Fernsehen die Aussprache von dem bekloppten Namen geübt: «Däju» sollte man den aussprechen, hamse gesagt. Wär ja noch schöner, Reh-Nault und Zitrön haben Jahrzehnte dafür gebraucht, und da kommt son frecher Koreaner daher und will uns einen vom «Däju» erzählen; is dann auch wieder vom Markt verschwunden, die alte Reisschüssel.

Der Bluebird war das Auto, in dem ich zum ersten Mal Jutta gevögelt habe. Erzähl ich vielleicht später noch mal, vielleicht auch nich, denn mit Jutta bin ich heute verheiratet, und von seiner eigenen Frau will man solche Geschichten gar nich wissen, sogar wenn man selbst der Übeltäter war.

Nachm dreiviertel Jahr hab ich den blauen Vogel abgestoßen, verkauft an Jutta, hab ich sogar noch hundert Kröten dran verdient. Letztendlich bleibt es ja in der Familie, und Jutta is einfach gutgläubig, als ich sagte, dreizehnhundert müsste er bringen, hat sie nich gemuckt. Sie hätte ja bei Schwacke nachgucken können, hat se aber nich. Im Grunde hätte ich auch vierzehnhundert verlangen können, aber man is ja kein Arsch.

 

Der nächste ist dann ein Ascona mit Vinyldach geworden.

Opel-Gelb, sah mächtig giftig aus mit Abarth-Kimme und Halleputzen vorn, hab mir sogar noch ’nen Shelby-Streifen selbst aus «d-c-fix» geschnitten und draufgeklebt. Kotflügelverbreitungen auch selbst gemacht aus Plastospax. Für die breiteren Puschen plus Alus hat’s dann leider nicht mehr gereicht. Sah motzig aus, die Karre, vierzig PS war nicht die Welt, aber die Abarth-Kimme machte ’ne Menge wett vom Sound her. Den «Vinyl-Panther» hab ich dann drei Jahre gefahren, immer Rizinusöl beigetankt, sollte angeblich gut für die Ventilsitze sein, war’s aber wohl nicht, stank nur wie Otze, und nach drei Jahren ist mir der Ascona um die Ohren geflogen.

Gott sei Dank hatte sich Jutta in der Zwischenzeit einen VW Polo gekauft. So bin ich denn überhaupt zu Volkswagen gekommen und fahr seitdem nur noch die Wolfsburger, da weißt du, was du hast. Ein VW is wie Jutta, nich das schärfste Gerät auf Mutter Erde, aber springt zuverlässig an und nervt nich rum. Den Polo von Jutta bin ich dann auch gut zwei Jahre gefahren, bis der erste Neuwagen aufn Hof kam.

Ich sag es gleich vorneweg, um die Spannung ’n bisschen rauszunehmen, es ist der VW Jetta geworden, und zwar der dicke, der GT. Da haben die von VW damals alles reingesteckt, was sie wussten, das war mehr ein Technologieträger, wenn man so will. Seiner Zeit um Jahre voraus. 1984 war die zweite Generation des Jetta rausgekommen, die sah noch wuchtiger aus als die erste, und ich hatte seit der Zeit schon ein Poster davon überm Bett hängen in diesem Grün, das man auch aus den Badezimmern von damals kennt. An sich Siebziger, aber damals in den Achtzigern hatte noch jeder «Reseda-Grün RAL 6011» als Waschbecken, vom Lokus bis zur Seifenablage, dazu eine Fliese in Kackbraun oder, ganz knallhart, auch in Reseda. Das war noch vor der Bordürenzeit, wo in einachtzig Höhe vom Fliesenspiegel ein andersfarbiger, daumenbreiter Fliesenstrich eingesetzt wurde. Dazwischen gab es die Motivzeit, da waren alle Fliesen beispielsweise in Möwenscheiße-Weiß und auf jeder vierten so ein stilisierter Zweig oder ein Baum.

Warum ich das alles weiß? War mein Alter Fliesenleger, oder war er Fliesenleger? Unser Badezimmer war sein Ausstellungsbereich, jede Wand anders gefliest, alle halbe Jahre wurde umdekoriert. Es gab auch zeitweise mehrere Badezimmer gleichzeitig im Haus. Sonnabends war immer Schautag, da kamen Kunden in unsere Wohnung und haben sich die Fliesenmuster an den Wänden angeguckt. Für uns in der Familie hieß das: Freitagabend erfolgte der letzte Schiss in Freiheit, sonnabends war das Badezimmer für uns geschlossen. Diese Hektik immer am Freitag, ich glaube, dass ich davon meinen nervösen Darm abgekriegt habe. Müsste ich mal genauer erzählen, wie das sonnabends bei uns zu Hause abging, wenn Fliesentag war.

 

Der Jetta, auf den ich scharf war, der war natürlich nicht in Resedagrün. Hab ich mich übrigens noch nie nach gefragt, was überhaupt «Reseda» is. Is das ’ne Art Pflanze oder ein Stadtteil von New York wie bei der Farbe «Manhattan»? Aber is mir auch ehrlich gesagt ganz egal, weil ich Reseda sowieso als Farbe hässlich finde.

Wie gesagt, da hing also seit 1984 dieses Poster über dem Bett in meinem Kinderzimmer. Als ich noch den Ascona fuhr, war ich schon scharf auf den Jetta. Und als dann 1985 klar wurde, dass bei VW eine GT-Version rauskam, da gab’s kein Halten mehr. Es vergingen aber noch zwei Jahre, bevor die Nummer mit dem Jetta druckreif wurde. Heute würde ich sagen, das waren die bisher härtesten Jahre in meinem Leben. Zwischendurch ist beim Iwan auch noch Tschernobyl in die Luft geflogen, und ich hatte schon Muffe, dass das bis in die Jetta-Produktion durchschlägt, war aber nich, bloß bei Wildschweinfleisch und Haselnüsse ausser Türkei.

Die Frage, die mich interessierte, war vor allem, wie finanziert man so einen dicken Wagen? Ich war zwar 1987 schon seit sieben Jahren bei der StruWAG, erst ja als einfacher Teerspritzer, aber mittlerweile fuhr ich den MKW mit den Teilen und verdiente gutes Geld, bloß am Monatsende blieb nix übrig. Zu Hause musste ich Kostgeld abdrücken, wenigstens machte Mutter noch die Wäsche umsonst. Aber am Wochenende hoch die Tassen, und was dann noch alles an Tuning-Kohle in den Ascona reingeflossen is … deshalb war vorm Monatsletzten schon Ebbe im Portemonnaie. Für den einfachen Jetta C hat Wolfsburg damals schon vierzehntausendvierhundertzwounddreißig D-Mark aufgerufen, da muss sich ’ne alte Frau lange für anne Straße stellen. Überstunden kloppen war nich bei der StruWAG, und am Wochenende mit dem alten Herrn Scheißhäuser durchfliesen? Lieber würde ich mir ein drittes Loch in den Arsch bohren. Warum sagt man eigentlich «drittes Loch», weiß ich auch nicht, is aber in diesem Zusammenhang auch unwichtig. Also, wie kommst du an die Mäuse ran, Wolfgang, sagte ich mir, damals nannte ich mich selber noch nicht Schrage. Als ich so darüber nachdachte, fiel mir Jutta ein. Die war nich bloß sparsam, die gab auch nix aus, lebte auch noch bei ihren Eltern. Später haben wir’s im Ascona getrieben oder im Sommer in dem Bauwagen, den ich damals für ’n Fuffi von der StruWAG abgesaugt hatte, der stand bei Juttas Eltern aufm Garten in der Kolonie.

Jedenfalls, Jutta arbeitete ja auf der Kasse, was übrigens ein weiteres Argument für sie war. Wenn man mal richtig drüber nachdenkt, fallen einem immer mehr Gründe ein für Jutta. Jedenfalls konnten die Mitarbeiter der Sparkasse günstigere Kredite ohne großen Nachweis kriegen, zur Not konnte die Kasse sie ja den Kredi einfach jahrelang hinterm Tresen abarbeiten lassen. Aber so einfach war das nicht, ihr das Geld rauszuleiern, dafür musste man ihr schon was versprechen.

Es half nix, ich musste bluten, ade, du schönes Junggesellendasein, Jutta wollte endlich aufgeheiratet werden. Na schön, wir waren jetzt fast zehn Jahre zusammen, sie hatte ein paar bessere Partien sogar sausenlassen, zum Beispiel die mit ihrem Kollegen Erich aus der Immobilienabteilung, gut, der sah echt richtig scheiße aus, aber das liegt natürlich auch im Auge des Betrachters. Jedenfalls hatte Jutta die Jahre über schon mehrfach eine Hochzeit zur Sprache gebracht, mir war’s im Grunde egal, sah aber auch keinen direkten Grund dafür.

Das änderte sich schlagartig, als der Jetta GT 16-Ventiler rauskam 1987. Wenn du in der Zeit Ende zwanzig warst, gab es einfach nix Geileres. Erzählten se damals beim Jetta-Stammtisch: «Was sieht der Porsche-Fahrer, wenn er bei Tempo zweihundert in den Rückspiegel guckt? Einen Jetta, der den linken Blinker setzt!» Da stand allen immer das breite Grinsen im Gesicht.

Einer von den Härtesten, Jetta-Kalle, hatte sich sogar das Motto aller amtlichen Jetta-Treiber auf den linken Unterarm tätowieren lassen: «Begrabt meinen rechten Fuß auf der linken Spur.» Stand da für ihn selbst verkehrt rum, sodass, wenn er den linken Arm ausm Fenster hielt, andere ihn richtigrum lesen konnten. Irgendwann hat ihm dann aber jemand erklärt, dass den dann nur welche lesen, die ihn überholen. Seitdem trug Jetta-Kalle nur noch langärmelige Hemden.

Mit meinem GT, das zog sich dann doch noch ’ne Weile, Jutta hatte zwar den Kredi über zwanzigtausend Mäuse bewilligt gekriegt, wollte den aber zum Teil für die Hochzeit ausgeben. Weil ich ja finanziell abhängig war von Jutta, konnte ich mich jetzt nicht aufplustern und sagen: «Deine Scheiß-Hochzeit geht mir am Arsch vorbei», ich musste erst mal kleine Brötchen backen. Deshalb hab ich sie entscheiden lassen, welche Farbe der GT haben sollte, geworden isses dann das GT-Sondermodell «Court» mit dunkelblauen Zierstreifen auf alpinweißem Grund, böswillig könnte man auch sagen, Möwenscheiße-Weiß, sah ein bisschen aus wie die Badezimmer, die der Alte zu der Zeit so gefliest hat. Mir war es im Grunde egal, denn ich saß ja drinnen im Jetta. Eins hab ich aus dieser Sache allerdings gelernt: Mach dich nie finanziell abhängig von einer Frau.

Als der Traum in Alpinweiß dann endlich aufm Hof stand, hat sich für mich sein Geschlecht geändert, aus dem Jetta wurde «meine Jetta». Und mir gingen noch zwei Dinge durchn Kopf: Mit der Farbe musst du mindestens einmal die Woche inne Waschanlage. Und zweitens: Jetzt heißt es bezahlen für die Luxuskarosse, und zwar mit Hochzeit. Mit meiner VW Jetta GT 16-Ventiler Sondermodell «Court», um jetzt einmal wenigstens ihren vollen Namen zu nennen, ging meine Sturm-und-Drang-Zeit mit Autos zu Ende. Danach kam ’ne alte Schlurre, als wir gebaut haben, und später ein Kombi, als die Blagen größer wurden. Jetzt aber war erst mal Hochzeit angesagt. Aber bevor ich dazu komme, muss ich noch von einer meiner schwärzesten Stunden berichten. So viel war mir ja schon klar, mit der Hochzeit ist das Kapitel nicht zu Ende, da folgt noch jede Menge anderer Scheiß nach: Familie gründen, Haus bauen, Blagen inne Welt setzen. Für das alles brauchst du jede Menge Wampum, was ich nicht hatte. Ich musste eine bittere Entscheidung treffen.

 

Drei Jahre später kam dieser schwärzeste Tag in meinem Leben: Abschied von meiner Traumfrau. Danach hab ich mich nie wieder so dermaßen in ein Auto verguckt. So ist das, es gibt nur eine große Liebe im Leben, die Jetta GT 16 V. Viele werden jetzt lachen und sagen, was is mit Porsche 911, Audi quattro oder Opel Mokka? Da hat sicher jeder seine eigenen Vorlieben, meine is diese spezielle Jetta, da lass ich nix drauf kommen. Wer weiß, wenn ich in Rente bin, kauf ich mir wieder eine, andererseits, die Jugend is vorbei, die holt dir auch die schärfste Karre nicht wieder zurück.

Ich hab auch schon mal über ein Wohnmobil nachgedacht im Alter, aber da is Jutta nich so für. Sie sagt immer, für sie bliebe dann im Urlaub dieselbe Arbeit wie zu Haus, kochen und putzen jeden Tag. Je nun, eben «dieselbe Arbeit», aber ja auch nich mehr, wo is da also das Problem?

Der schwärzeste Tag in meinem Leben fing damit an, dass sich tatsächlich jemand gemeldet hatte auf meine Anzeige im «Heißen Draht», das war so ’ne Art eBay auf Papier und kam jede Woche. Auf meine Anzeige «Liebling zu verkaufen. Meine Jetta GT sucht einen neuen Liebhaber» hatten sich bloß alte Lüstlinge gemeldet. Nach vierzehn Tag hab ich die Anzeige durch eine etwas nüchternere Version ersetzt: «VW Jetta GT 16V ggn bar b. Abh. Prs VB.» Die Anzeigen waren zwar umsonst, trotzdem, in der Kürze liegt die Würze. Ich hatte extra VB geschrieben, als letzte Rückfallposition. Und vielleicht meldete sich ja eh keiner. Tat er aber doch, noch an diesem Sonnabend, und kam gleich vorbei mit Anhang, sodass ich mich nich mal richtig verabschieden konnte. Blöderweise war es auch kein richtiges Arsch, wo ich gesagt hätte, dem gönn ich meine süße Jetta nich. Im Gegenteil, war auch einer vonner Straße, allerdings bei Papenburg beschäftigt, und so hatten wir gleich ein gemeinsames Thema: «Wird sich der neue Flüsterasphalt durchsetzen oder nich?» Der Preis stimmte auch, ohne zu zucken, wurden die zwölfeinhalb gelegt, rote Nummer dran, und weg war se, meine Jetta. Ich musste die ein oder andere Träne verdrücken und wollte abends auch nix essen. Danach konnte ich monatelang keine Jettas aufer Straße sehen, ohne dass ich einen Stich im Herz kriegte, aber es waren immer andere.

Jutta heiratet am selben Tag wie ich

Die Planung

Das klingt bestimmt komisch, wenn es für mich eher «Juttas Hochzeit» is, war aber so: Ich hatte die Jetta GT, sie die Hochzeit, mir war die total egal, um nicht zu sagen, ich wäre lieber weggeblieben. Ging natürlich nicht als Bräutigam. Packste dich annen Kopp, was Jutta einen Aufstand gemacht hat für den Scheiß. «Man heiratet nur einmal im Leben», hieß es bei jeder komischen Idee, die sie dauernd hatte. Ich wollte ihr da jetzt nicht gleich mit der Statistik den Spaß verderben, und so hab ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Jutta wollte unbedingt «aufm Saal» heiraten und ihre ganze bucklige Verwandtschaft aus Schlesien einladen bis zu Cousinen und Cousins. Was das alles kosten würde. Sie sagte, das käme alles wieder rein, weil man hundert Mark pro Person als Hochzeitsgeschenk rechnen würde heute. Bei hundertfünfzig Eingeladenen hätte man nach Adam Riese fünfzehntausend Märker in der Kriegskasse, da könnte man schon ein rauschendes Fest für organisieren. Schließlich sollte die Hochzeit ja der schönste Tag im Leben werden.

Bei fünfzehntausend Mark klingelten bei mir natürlich sämtliche Hochzeitsglocken im Kopf, und mein Interesse war plötzlich vorhanden. Ich hab Jutta dann sofort angeboten, die ganze Planung zu übernehmen, sie sollte sich bloß um die Einladungen kümmern. Jutta wollte absolut ’ne kirchliche Trauung. Wusstest du, dass der Pfarrer dafür Geld sehen will, auch wenn du Mitglied in seinem Verein bist? Ich hab dem Geistesgestörten dann erzählt, wenn er ’ne Gebühr für den Mummenschanz vorm Altar einsackt, dann trete ich sofort nach der Heirat aus der Kirche aus, wenn nicht, bleib ich drin. Hat er dann widerwillig zugestimmt. Ich bin danach natürlich trotzdem ausgetreten, bin ja nich blöd. Jutta is immer noch in der Kirche, bei ihrem mickrigen Gehalt macht das steuerlich auch nicht so viel aus. Ach so, hatte ich noch gar nicht erzählt, nach der Hochzeit isse weg vonne Sparkasse und arbeitet jetzt halbe Tage aufn Friedhof, is nich die Welt, was sie da verdient, aber ich hab ihr gesagt: «Gestorben wird immer, und wer weiß, wie lange die kleinen Zweigstellen noch da sind.» Und genauso ist es ja auch gekommen. Jedenfalls is sie noch in der Kirche, sie geht da gerne hin zu den Veranstaltungen vom Pastor, sagen wir mal Gottesdienst. Ich hab ihr zwar gesagt, da kannst du auch hingehen als Nichtmitglied, der Pfaffe schmeißt dich schon nicht raus, aber dazu fehlt ihr das dicke Fell. Was willste machen, besser so, als wenn sie ein teures Abo im Tennisclub hätte.

Die kirchliche Trauung war also kostenneutral in trockenen Tüchern, der Hirte laberte zwar noch was von Altarschmuck, der zusätzlich was kosten täte, weil der Gärtner den extra dafür … Aber da hab ich ihn aufn Pott gesetzt und gesagt, dass er gefälligst aus dem Pastorengarten etwas Gestrüpp mitbringen soll, und gut is. Den Orgelquäler für die Trauung hab ich mit ’ner Kiste Bier geködert, und damit war der Kostenpunkt Kirche abgehakt.

Im zweiten Schritt ging es um den Saal und die ganze Bewirtung. Ich hatte das Siedlerheim vorgeschlagen, das bekam ich umsonst, weil mein Alter da Mitglied ist, aber irgendwie hatte Jutta das spitzgekriegt und einen Zwergenaufstand angezettelt. Sie wollte unbedingt im Jägerhof feiern, das is bei uns inner Gegend die angesagte Wirtschaft, wo auch die Vereine ihre Hauptversammlungen abhalten. Allerdings kostet da das reine Essen, also Kaffee und Kuchen, Abendessen vier Gänge plus Mitternachtsbuffet achtzig Mark pro Person. Wie man da in die Gewinnzone kommen sollte, muss mir mal einer vorrechnen, besonders wenn Saufen noch oben draufkommt plus Musik und alles. Das machen wir ganz anders, hab ich mir gesagt, den Jägerhof streichen wir mal sofort, Jutta hab ich erzählt, wäre kein Termin mehr zu kriegen. Ich hab ihr dann eine rustikale Feier schmackhaft gemacht in einer Fachwerkscheune mit Birkengrün, und über uns schilpen die Schwalben, ich hätte da was an der Hand. Fand sie dann zuletzt auch ganz romantisch.

Gut, «Fachwerkscheune» im weitesten Sinne, das war der Wellblechschuppen von Auto Kruballa, einem Kumpel von mir, den ich noch von der Berufsschule her kannte. Mit ’n bisschen Phantasie konnte man da etwas draus machen. Und mit etwas Glück war es Ende September auch noch nicht so kalt, und wenn schon, hundertfünfzig Leute bringen ja auch ’ne ganze Menge an Eigenwärme mit. Essen hatte ich auch günstig organisiert. Gulaschkanone vonne Johanniter mit Serbische Bohnensuppe und ’n Stück Brot dabei, danach Wackelpudding mit Eierlikör und als Mitternachtsbuffet nochmal die Serbische verlängert und mit Maggi verfeinert. So kam ich auf Gesamtkosten der Essensausgabe von 3,80 Mark pro Person inklusive Personal. Das hätte ich sicher noch um ein paar Pfennig drücken können, aber bringt ja auch nix, wenn die Johanniter bei der Essensausgabe gucken wie drei Wochen Regenwetter. Getränke waren an sich noch günstiger. Ich hab rechtzeitig nach Sonderangeboten geguckt und mir ’ne Palette Gutsherren-Edelpils gesichert. Wein ausm Tetrapak war für unter ’ner Mark den Liter zu kriegen. Schnäpse hatte ich noch so viel angebrochene Flaschen selbst, dass ich froh war, dass die endlich wegkamen.

Fehlte noch die Musik, da hatte meine alte Dual-Anlage ihren letzten Auftritt, und die Cassetten ausm Auto kamen zum Einsatz. Stühle und Tische übernahmen auch die Johanniter, dafür hat mein Erzeuger denen das Scheißhaus im Vereinsheim neu gefliest. Wenn ich jetzt meine ganze Arbeit nicht rechne, komme ich auf neunhundertfünfundvierzig Mark gesamt, dem gegenüber stehen fünfzehntausend Mark zu erwartende Einnahmen, macht einen Gewinn von vierzehntausend und fünfundfünfzig Mark. Da wird Jutta aber Augen machen. Wichtig war, dass die Geschenkabgabe im kirchlichen Teil stattfindet, denn der war ja noch ganz normal feierlich. Besser, man hatte die Kohle schon mal eingesackt, bevor die ganzen Gäste bei Kruballa in die Schmierölbutze einrückten und womöglich den Einsatz halbieren. Zuerst hat sich der Pfarrer dagegen gewehrt, das würde seinen Tempel entweihen und was nicht alles. Aber dann hab ich ihm klipp und klar gesagt, dass er mich mal kreuzweise könnte, und er soll sich nicht so haben, ich dächte nämlich drüber nach, zehn Prozent der Einnahmen als Inkasso-Gebühr zur persönlichen Verwendung des Pfarrers auszuschütten. Schließlich haben dann zwei Konfirmanden die Umschläge nach dem Ja-Wort eingesammelt. Von der Kohle hat der Hirte natürlich keinen Pfennig gesehen, ich bin ja nicht blöd. Hatte ich eigentlich erwähnt, dass wir vorher noch beim Standesamt waren? Hatte ich nicht, war auch stinkenlangweilig.

Der Hochzeitstag

Von der Kirche ging’s im Brautwagen – natürlich in der brandneuen Jetta GT – zum Festsaal, für mich der Höhepunkt der Feier. Ich bin selbst gefahren, is ja wohl klar, dass ich da keinen anderen den heiligen Stuhl der Jetta vollfurzen ließ. Ich saß also vorne, und Jutta hat auf dem Rücksitz das Geld aus den Umschlägen gezählt: achtundsechzig Umschläge mit elftausendachthundertfünfzig Mark. Sieben Parteien hatten entweder nicht gezahlt oder waren nicht gekommen, das musste man später überprüfen, und siebzehnhundertfünfzig fehlten trotzdem noch, durchschnittlich hatte also jede Person nur 87,13 Mark gezahlt statt der erwarteten hundert. Wer die Übeltäter waren, ließ sich so auf die Schnelle nicht feststellen, und wir mussten auch los, denn wir standen schon ’ne Viertelstunde vor der Kirche und waren am Geldzählen. Ein paar von den Schlesiern schoben längst Kohldampf und fingen an zu hupen.

Was willste machen, der Reingewinn schmolz auf zehntausendneunhundertfünf Mark zusammen. Meine Stimmung war schon etwas im Keller, hellte sich aber auf, als ich an die langen Gesichter der knickrigen Saubande im Angesicht der Serbischen Bohnensuppe dachte. Nun ging’s also los, waren auch bloß drei Kilometer bis Kruballas Garage. Sven, also Kruballa, hatte versprochen, alle Autowracks aus der Hütte rauszuschieben und die Öllachen wegzumachen, damit sich keiner der Gäste auf die Fresse legt. In der ganzen Hektik und dem Generve mit dem Pfarrer hatte ich mich da vorher nicht mehr drum kümmern können. Das mit den verminderten Einnahmen rumorte immer noch in mir, als wir vor dem «Festsaal» eintrafen. Ich hatte Jutta nichts von der aktuellen «Fachwerkscheune» erzählt und war jetzt auf ein derbes Donnerwetter gefasst, wenn sie die alte Wellblechbutze sehen würde.

Wenigstens war es ein lauer Altweibersommer-Nachmittag, und jetzt war ich selber davon überrascht, was Sven mit seinen Kumpels aus der Höhle gezaubert hatte. Von außen war sie nicht mehr wiederzuerkennen vor lauter Birkengrün, und dazwischen hatten irgendwelche Frauen, die Kruballa kannte, rote Rosen geflochten. Innen drin roch es zwar noch etwas nach Benzin und Schmieröl, aber es sah total geil aus, Jutta war hin und weg. Auf den Biertischen waren überall Blumengestecke und Kerzen. Es gab Teller aus richtigem Porzellan, keine Ahnung, wo Kruballa die organisiert hatte. Die Serbische Bohnensuppe kam dann mehr so mittelprächtig an, aber meine Schnäpse wurden ordentlich genommen, die Kronkorken der Edelpilspullen ploppten, und die Kinder beschmissen sich mit Wackelpudding. Dass die Mitternachtssuppe nur die verlängerte von Mittag war, ist keinem aufgefallen. Du glaubst ja nich, wie Maggi den Geschmack verändert.

Halb drei war alles vorbei, da gingen die Letzten, und alle haben gesagt, endlich mal ’ne Feier, bei der es nicht so steif zuging. So glücklich hatte ich Jutta noch nie gesehen. Ich war auch gut zufrieden, das lag teilweise an der halben Flasche Springer Urvater, aber auch an dem Gefühl, dass du bei jemandem, in diesem Falle bei Jutta, einen Gefallen gut hast. Als ich ihr noch erzählte, wir hätten achttausend Mark überbehalten, war sie völlig ausm Häuschen. Gut zweitausendfünfhundert Mark hatte ich mir eingesteckt für Sonstiges und Lametta, bisschen was musste ich von der Hochzeit schließlich auch haben. Und das Wichtigste in einer Ehe is, dass die Frau nich über alles Bescheid weiß, ist jedenfalls meine Meinung.

Schwiegereltern

Die Hochzeitsnacht war dann nich so der ganz große Knaller, weil erstens hatte ich die halbe Flasche Springer Urvater drin neben den diversen Pullen Pils, und zweitens war der Bauwagen, wo wir den Rest der Nacht gewesen sind, nich gerade die Fürstensuite im Kaiserhof. Die Nächte im September können auch schon ziemlich kalt werden, und deckenmäßig war es da drin auch nich zu best bestellt. Wir haben beide gefroren wie die Schneider und sind um fünf Uhr morgens, jeder allein, nach sein Zuhause gezuckelt. Das war jetzt nicht ganz so superromantisch, und ich merkte schon, dass Jutta etwas enttäuscht war nach der an sich ganz gelungenen Hochzeitsfeier.

Also bin ich am nächsten Morgen mit der üblichen Schachtel Mon Chérie, die man an der Tanke Ende September schon kriegen konnte, zu ihren Eltern gefahren, wo sie ja immer noch wohnte. Ich wollte sie überraschen mit meinem Plan zu unseren Flitterwochen. Weil mein Junggesellenabschied flachgefallen war in der ganzen Hektik, hatte ich meine Kumpels Sven Kruballa, Zuckmeier und den Langen gefragt, ob sie nich mitkommen wollten in unsere Flitterwochen, auch als kleines Dankeschön dafür, dass sie Svennis Wellblechschuppen so schön geschmückt hatten.

Ich also zu Juttas Haus rein. Standen da zuerst Walter und Ilse, die Eltern von Jutta, und guckten mich an, als hätte ich in meinen Sachen gepennt, was allerdings auch stimmte. Ich wollte nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen und hab den beiden erst mal bisschen Honig um den Bart geschmiert, was für ’ne mördermäßige Tochter sie da großgezogen hätten und wie dankbar ich doch wäre, dass ich dieses scharfe Geschoss heiraten durfte. In der Hochzeitsnacht wäre es zwar nicht zum Äußersten gekommen, aber wir hätten ja auch noch unser ganzes Leben lang Zeit für die eheliche Pflicht. Das war jetzt Ilse schon «zu untenrum», und verschwunden war sie. Walter guckte auch etwas komisch, dabei wollte ich nur das Eis brechen zwischen uns, denn ich wusste, die beiden hatten sich was anderes für ihre pummelige kleine Prinzessin vorgestellt als so ’nen Schlaks vonner Straße, mehr einen, der aufe Stadt arbeitet und mit sauberen Fingernägeln.

Nun war’s, wie’s is, und schließlich waren sie ja auch zu unserer Hochzeit erschienen und hatten gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Ob Jutta denn schon wach wäre, fragte ich, da wäre eine Überraschung für sie vorhanden. Ich hatte den Prospekt dabei von da, wo wir unsere Hochzeitsreise hinmachen wollten. Ich wusste, Jutta wäre gern nach Mallorca geflogen, weil da um diese Zeit irgendein Gestrüpp blüht, welches, weiß ich nich, kenn ich mich nicht mit aus mit Gestrüppen. Aber einen Ort, wo man nich mit ’nen Auto hinkann, müsste es meinethalben gar nich geben, jedenfalls für Wolfgang Schrage. Ich fand immer, Deutschland hat auch haufenweise schöne Ecken, wo man noch nich gewesen is. Deshalb sagte ich mir, warum nich ans Meer fahren, ans Steinhuder Meer, das is nich so weit und in der Nachsaison auch nich teuer. Jedenfalls nicht, wenn man nicht direkt aufs Wasser gucken will. Unser Ferienhaus war auf dem Campingplatz Erlengrund in Münchehagen, na gut «Ferienhaus», es war ein Wohnwagen, ein Tabbert Gouverneur 480 Baujahr 1971, den hatte ein Kumpel von mir da stehen mit alles, was man braucht. Vom Erlengrund bis nach Steinhude waren es drei Stunden zu Fuß, wenn man stramm ging, also durchaus machbar. Man musste da aber gar nich hin. Bloß fünfhundert Meter den Berg hoch, und von da aus konnte man das Steinhuder Meer komplett sehen, jedenfalls mehr davon, als wenn man direkt in Steinhude gewohnt hätte.

Als Jutta dann endlich aufgestanden ist, hab ich ihr den Prospekt gezeigt vom Erlengrund. Zuerst war sie nicht so begeistert, dass es nich Mallorca war. Aber was das Schöne is, so ’ne Jutta, die findet sich da schnell rein in die neue Situation. Ich sag mal, das is der Vorteil von Frauen, die jetzt nicht ganz so super attraktiv sind. Das is jetzt nicht negativ gemeint, im Gegenteil. Würde ich heute aus meiner Sicht jedem eher zu raten zu so einem Typ als zu so ’ner Freibad-Schönheit. Wenn solche auch sonst nix wissen, aber das wissen se, was sie bei Männern untenrum auslösen. Und das nutzen die gnadenlos aus. Ich hab schon gestandene Männer zerbrechen sehen, weil sie auf so eine reingefallen sind. Und weil sie an ihren Männern immer nur am Nörgeln sind, werden se selbst immer hässlicher. Dauert keine zehn Jahre, und aus dem Schwan von früher ist ein faltiger Truthahn geworden. Nä, da is mir Jutta doch wesentlich lieber, sie is immer noch die Jutta, die ich geheiratet habe, wie gesagt, ein solides Fundament für ’ne Ehe. So weit dazu. Andern Tag sind wir dann los in den Erlengrund.

Die Flitterwoche

Insgesamt eine ganz ansprechende Anlage auf ihre Art, nich so überkandidelt, dass man sich wie ’n Eindringling vorkommt, sondern ganz normal. Auf dem Gelände gab’s ’n Schwimmbad, was jetzt um diese Jahreszeit nich ganz so wichtig war, und auch ’ne Kneipe für abends. Es war zwar nich weit bis zum Steinhuder Meer, aber im Grunde hatte man auch hier alles und musste da gar nich hin. Jutta hatte ich vorher nich direkt gesagt, wo wir da unterkommen würden, womöglich glaubte sie noch an so was wie ’nen Ferienhaus. Aber bei dem Wort Campingplatz hätte sie an sich auch selbst drauf kommen können, was es ist, immerhin kein Zelt. Trotzdem war sie ’n bisschen enttäuscht, als sie den alten Tabbert mit dem Moos an den Fenstern sah. Aber wie so ’ne Jutta nun mal is, die findet sich in eine Situation und hat drei Stunden lang den Gouverneur geschrubbt, dass er blitzeblank aussah wie neu. Innen, ja gut, es roch etwas muffig, aber das is ja nix Außergewöhnliches bei alten Wohnwagen, die im Grunde mehr oder weniger aus Presspappe bestehen. Mit Querlüften war das meiste von dem Muff auch weg, und als wir abends in der Rundsitzgruppe saßen und jeder zwei Würstchen kalt ausm Glas verputzten, da war die Stimmung, man könnte fast sagen, «gelöst».

Das änderte sich schlagartig, als am anderen Morgen Kruballa, Zuckmeier und der Lange mit ’ner Kiste Bier vor dem Wohnwagen standen. Jutta lehnte im Schlüpfer inner Tür und kapierte zuerst gar nich, was das hier sollte. Als ich sagte, die drei würden mit uns die Flitterwochen hier verbringen, da fiel ihr die Kinnlade runter. Jutta is aber nich der Typ, der anfängt zu schreien, wenn ihr was nich passt, die frisst alles mehr so in sich rein. Zack, knallte die Tür vom Tabbert wieder zu, die drei Kasperköppe guckten dämlich, und ich wusste auch nich, was jetzt los war. Na gut, der Tabbert hatte bloß vier Schlafplätze, und wir waren jetzt zu fünft, aber das war nach Adam Riese auch bloß einer mehr. Na ja, wir vier draußen vorm Tabbert haben uns erst mal in die Plastikstühle gehauen und ’ne Flasche Gutsherren-Edelpils angelutscht. Drei Minuten später tauchte Jutta wieder in der Tür vom Tabbert auf, gestiefelt und geschnürt, ihren kleinen Pappkoffer in der Hand. Ohne ein Wort marschierte sie ab Richtung Nordnordoost, wie se früher im Wetterbericht immer sagten. Das war grob die Richtung Steinhuder Meer. Wir vier haben erst mal unser Pils ausgetrunken, denn abgestanden schmeckt das nachher ja nich mehr. Dann sind wir hinterher. Oben aufm Berg steht son Aussichtsturm, den hatte Graf Wilhelm da hinbauen lassen, um die Arbeitslosen in seinem Herrschaftsgebiet etwas an die Kandare zu nehmen. Ja nich Hartz vier innen Arsch blasen, nix da: Raboti, raboti, so ging das damals. Da oben haben wir Jutta wieder eingefangen. Erst war se ’n bisschen nölig, aber der Spaziergang hatte ihr wohl gutgetan, denn sie kam freiwillig mit uns zurück zum Erlengrund.

Die sieben Tage Flitterwoche mit den vier anderen verliefen dann nich ganz so wie geplant. Ich hatte gedacht, ich mach mir ’n paar gemütliche Tage mit den Jungs aufm Campingplatz, und Jutta betüddelt uns ’n büschen, wo se ja auch den ganzen Tag Zeit hat, um was Leckeres zu kochen für alle. Und als Belohnung machen wir dann an einem Tag mit allen eine Tour nach Steinhude und essen ein Matjesbrötchen. Das war der Plan, aber ablaufen tat es dann doch etwas anders.

Fing damit an, dass der Tabbert nur vier Schlafplätze hatte, wir aber, wie gesagt, zu fünft waren. Im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass Jutta allein im Schlafraum übernachtete und die drei Schergen auf der umgebauten Rundsitzgruppe abends wegmuckerten. Da waren sie meist auch schon so blau, dass sie überall eingepennt wären. Ich hab im Jetta übernachtet, was auch nich so schlimm war, denn der GT hat Liegesitze, und nach ’ner Zeit schläft man dann doch irgendwie ein. Tagsüber lief es auch nich so ganz nach Plan. Statt dass Jutta für uns alle gekocht hat, haben die vier die ganze Zeit Doppelkopf gespielt. Stimmt, hatte ich noch gar nich erwähnt, Jutta is ’ne leidenschaftliche Doppelkopf-Spielerin und hat so ’ne eigene Mädels-Clique einmal alle vierzehn Tage, wo se Karten kloppen. Als sie mitgekriegt hat, wie sich Kruballa, Zuckmeier und der Lange darüber unterhalten haben, dass zum perfekten Urlaubsglück nur der vierte Mann zum Doppelkopf fehlte, wurde Jutta sofort hellhörig. Ich hab’s ja nich so mit Kartenspielen, kein Skat, kein Doppelkopf, kein Mau-Mau, nix. Jutta war da das genaue Gegenteil und in vielen Sachen auch ’ne untypische Frau. Das hätte ich schon merken müssen, als wir uns kennenlernten und sie nich wie die andern Mädels alle ’n Automatik-Mofa fuhr, sondern ’ne Zweigang-Libelle. So ’ne Frau spielt auch Doppelkopf. Immerhin macht sie keinen Kampfsport.