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Das Interesse an Begriffsgeschichte und historischer Semantik ist ungebrochen. Dieses Kompendium unternimmt eine umfassende Rekonstruktion der bislang oft isoliert behandelten Beiträge und Debatten in Philosophie, Geschichtswissenschaft, Sozialwissenschaft, Sprachwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Kulturwissenschaft. Es bietet theoretische und historische Orientierungen und erschließt der Forschungspraxis neue interdisziplinäre Dimensionen und Fragestellungen. Begriffsgeschichte und historische Semantik sind keineswegs, wie es zunächst scheint, neutrale, rein technische Methoden. Sie wurden im Laufe ihrer Geschichte verschiedensten und zum Teil gegensätzlichen Funktionen dienstbar gemacht. Zu den überraschenden Befunden gehört, dass zwar viele ihrer Ansätze das historische Denken befördert haben, sie aber dennoch oft vor den Konsequenzen der eigenen Methode zurückgeschreckt sind. Das Paradigma der Begriffsgeschichte ist bis heute selten ausgereizt worden.
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Seitenzahl: 1663
Veröffentlichungsjahr: 2016
2Das Interesse an Begriffsgeschichte und historischer Semantik ist ungebrochen. Dieses Kompendium unternimmt eine umfassende Rekonstruktion der bislang oft isoliert behandelten Beiträge und Debatten in Philosophie, Geschichtswissenschaft, Sozialwissenschaft, Sprachwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Kulturwissenschaft. Es bietet theoretische und historische Orientierungen und erschließt der Forschungspraxis neue interdisziplinäre Dimensionen und Fragestellungen. Begriffsgeschichte und historische Semantik sind keineswegs, wie es zunächst scheint, neutrale, rein technische Methoden. Sie wurden im Laufe ihrer Geschichte verschiedensten und zum Teil gegensätzlichen Funktionen dienstbar gemacht. Zu den überraschenden Befunden gehört, dass zwar viele ihrer Ansätze das historische Denken befördert haben, sie aber dennoch oft vor den Konsequenzen der eigenen Methode zurückgeschreckt sind. Das Paradigma der Begriffsgeschichte ist bis heute selten ausgereizt worden.
Ernst Müller und Falko Schmieder forschen am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin zur Theorie und Praxis der Interdisziplinären Begriffsgeschichte. Ernst Müller ist Privatdozent am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin. Falko Schmieder ist Lehrbeauftragter am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität.
3Ernst Müller Falko Schmieder
Begriffsgeschichte und historische Semantik
Ein kritisches Kompendium
Suhrkamp
4Das dieser Publikation zugrundeliegende Projekt und die Drucklegung des Bandes wurden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter den Förderkennzeichen 01UG0712 und 01UG1412 gefördert.
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2117
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eISBN 978-3-518-73850-4
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Vorwort
Einleitung
I. Philosophie
1. Begriffskritik und Begriffspolitik der Aufklärung2. Begriff und Geschichte – Hegel und die Folgen3. Sprachreinigung in den empirischen Naturwissenschaften4. Gesellschaftliche Begriffe und ihre Verdinglichung (Ludwig Feuerbach, Karl Marx)5. Die Entstehung der Begriffsgeschichte aus dem Geist des Antihegelianismus (Friedrich Adolf Trendelenburg, Gustav Teichmüller)6. Konstellation Rudolf Eucken – Gottlob Frege. Euckens Terminologiegeschichte7. ›Ein Heer von Metaphern‹ – Sprachkritik um 1900 (Friedrich Nietzsche, Fritz Mauthner)8. Philosophische Wörterbücher um 1900 (André Lalande, James Mark Baldwin, Rudolf Eisler)9. Begriffsgeschichte und Problemgeschichte (Wilhelm Windelband, Nicolai Hartmann, Ernst Cassirer)10. Arthur Oncken Lovejoys Ideengeschichte11. Erich Rothackers Projekt eines kulturphilosophischen Wörterbuchs12. Begriffsgeschichte und Kompensation (Joachim Ritter)13. ›Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart dürft ihr das Vergangene deuten‹ (Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger)14. Politische und unpolitische Kontexte der philosophischen Begriffsgeschichte15. Philosophie als Begriffsgeschichte (Hans-Georg Gadamer)16. Metaphorologie, Säkularisierungsdebatte (Hans Blumenberg)17. Sprechakttheorie. Sprachpragmatik – Ludwig Wittgenstein und die Folgen18. Wessen Geschichte erzählt die philosophische Begriffsgeschichte?
II. Geschichtswissenschaft, Politische Ideengeschichte, Sozialwissenschaft
1. Politische Ideengeschichte in Deutschland2. Genetische Definition sozialer Begriffe (Max Weber)3. Historische Bedeutungsanalyse der Wissenssoziologie (Karl Mannheim)4. ›Wir denken die Rechtsbegriffe um‹ (Carl Schmitt)5. Begriffsgeschichte und öffentliche Meinung (Wilhelm Bauer)6. Begriffsaufhebende Bildprägungen (Siegfried Kracauer)7. Politische Praxis der Begriffsgeschichte (Antonio Gramsci)8. Mentalitätsgeschichte (Annales-Schule)9. Historische Semantik in der Zeitenwende (Richard Koebner)10. Situationsbedingte Begriffe (Otto Brunner, Werner Conze)11. Reinhart Kosellecks Denkfiguren und Begriffe: Sattelzeit. Verzeitlichung. Kollektivsingulare. Wort – Begriff – Grundbegriff. Erfahrungsraum – Erwartungshorizont. Begriffsgeschichte – Sozialgeschichte. Sprachwandel – sozialer Wandel. Indikator – Faktor. Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Asymmetrische Gegenbegriffe. Pragmatik. Anthropologie und Historik. Politische Ikonologie – Erinnerungskulturen12. Gesellschaftsstruktur und Semantik (Niklas Luhmann)
13. Archäologische Diskursanalyse als Kritik der Ideengeschichte (Michel Foucault)14. Cambridge School (Quentin Skinner, John Pocock)15. Transformationen der sozialhistorischen Begriffsgeschichte: Argumentationsgeschichte, Textpragmatik, Tiefensemantik, Diskurssemantik (Heiner Schultz, Hans Ulrich Gumbrecht, Rolf Reichardt u.a.)16. Perspektiven der Historischen Semantik in der Zeitgeschichtsforschung17. Internationalisierung der Begriffsgeschichtsforschung
III. Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Philologien
1. Sprachwissenschaft und Begriffsgeschichte2. Die traditionelle historische Semantik3. Onomasiologie. ›Wörter und Sachen‹ (Rudolf Meringer, Hugo Schuchardt, Franz Dornseiff)4. Romanistische Sprach- und Literaturwissenschaft (Erich Auerbach, Leo Spitzer, Werner Krauss)5. Synchronistischer Strukturalismus (Ferdinand de Saussure)6. Krise der Bedeutung. Begriff und Sprachinhaltsforschung (Leo Weisgerber)7. Wortfeldtheorie (Jost Trier)8. Diachronischer Strukturalismus (Eugenio Coseriu)9. Prototypensemantik und Kognitive Linguistik (Eleanor Rosch, George Lakoff)10. Historische Semantik und linguistische Diskurstheorie (Dietrich Busse)11. Historische Lexikologie, Korpuslinguistik, Fachsprachenforschung12. Kommunikationstheoretische Rekonstruktion der Begriffsgeschichte (Clemens Knobloch)
IV. Wissenschafts- und Wissensgeschichte
1. Grundlagenkrise der Physik2. Historische Epistemologie (Gaston Bachelard)3. Kategoriengeschichte des neuzeitlichen Weltbildes (Max Horkheimer, Franz Borkenau, Edgar Zilsel)4. Begriffsentwicklung, Urideen, Denkstil (Ludwik Fleck)5. Kontinuität, Bruch, Paradigmenwechsel – Thomas Kuhn und die Folgen6. Epistemologische Historie, Begriffsgenealogie (Georges Canguilhem)7. Genealogie, Wissensbegriff (Michel Foucault)8. Praktiken, Materialitäten9. Zwei-Kulturen-Gegensatz; Hybride10. Begriffsgeschichte epistemischer Objekte (Hans-Jörg Rheinberger)11. Zur Bedeutung Reinhart Kosellecks für die Wissenschaftsgeschichte12. ›Unreine‹ und vage Begriffe, Metaphern in der Wissenschaftsgeschichte
V. Kulturwissenschaft, Cultural History, Cultural Studies
1. Krisenbewusstsein und Kritik traditioneller Historiographien – Motive und Einsätze der Ersten Kulturwissenschaft2. Psychoanalytische Bedeutungsforschung (Sigmund Freud, Hans Sperber, Adolf Josef Storfer)3. ›Laboratorium kulturwissenschaftlicher Bildgeschichte‹ (Aby Warburg)4. Symbolforschung und Verkörperungstheorie (Edgar Wind)5. Dialektische Bilder (Walter Benjamin)6. Mentalitätsgeschichte der visuellen Kultur (Siegfried Kracauer)7. Cultural turn – Motive und Einsätze der Zweiten Kulturwissenschaft, Neuen Kulturgeschichte, (New) Cultural History8. Begriffsgeschichte als Gesellschaftstheorie (Raymond Williams)9. Diskursanalyse, kulturelles Unbewusstes (Michel Foucault)10. Kollektivsymbole, Interdiskurs (Jürgen Link)11. Historische Semantik als kulturphilosophische Bedeutungsgeschichte (Ralf Konersmann)12. Semantiken der Unverfügbarkeit (Heinz Dieter Kittsteiner)13. Von der ›Visualisierung politischer Schlüsselbegriffe‹ zur ikonischen Semantik (Rolf Reichardt, Hans-Jürgen Lüsebrink)14. Semantik der Gefühlsworte15. Metaphorologie, Unbegrifflichkeit – Aneignungen, Kontexte, Perspektiven Hans Blumenbergs16. Die Medien der Begriffsgeschichte – Begriffsgeschichte im digitalen Zeitalter17. Sprachtransfer und Übersetzung. Begriffsgeschichte im globalen Zeitalter18. Probleme einer interdisziplinären Begriffsgeschichte
VI. Institutionen, Zeitschriften, große Lexika
1. Journal of the History of Ideas2. Die Mainzer Akademie und das Archiv für Begriffsgeschichte3. Die ›Senatskommission für Begriffsgeschichte‹. ›Poetik und Hermeneutik‹4. Historisches Wörterbuch der Philosophie5. Geschichtliche Grundbegriffe6. Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-18207. Handwörterbuch der musikalischen Terminologie8. Historisches Wörterbuch der Rhetorik9. Ästhetische Grundbegriffe10. Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus11. Historisches Wörterbuch der Biologie12. History of Political and Social Concepts Group
Verzeichnis der Abkürzungen
Sachregister
Personenregister
Als wir vor Jahren diese Monographie in Angriff nahmen, ahnten wir nicht, dass der alte, schon von Hans-Georg Gadamer für die Produktionszeit von Wahrheit und Methode zitierte horazische Grundsatz Nonum prematur in annum, dass nämlich alles Gute neun Jahre zur Reifung brauche, ziemlich genau auch auf dieses Buch zutreffen würde.[1] Das zu bewältigende Maß an Themen und Materialien, vor allem aber auch den Aufschwung, den die Begriffsgeschichtsforschung in und außerhalb Deutschlands in diesem Zeitraum nehmen würde, haben wir nicht vorausgesehen. Wiederholt sahen wir uns in der Gefahr, die Niklas Luhmann für die Ideenhistoriker dargestellt hat: »Forscher, die man mit dem Auftrag, festzustellen, wie es wirklich war, ins Feld jagt, kommen nicht zurück; sie apportieren nicht, sie rapportieren nicht, sie bleiben stehen und schnuppern entzückt an den Details.«[2]
Umso dankbarer sind wir dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), insbesondere seiner langjährigen Direktorin Sigrid Weigel, für die großzügige Förderung des Projektes. Das Buch wäre aber vor allem ohne die Atmosphäre am ZfL, an dem die Begriffsgeschichte seit den Ästhetischen Grundbegriffen einen festen Ort hat, nicht denkbar. Unser Dank geht an Karlheinz (›Carlo‹) Barck, dem 2012 verstorbenen Freund und Kollegen, der das Projekt jahrelang begleitet hat. Danken möchten wir weiter allen Kolleginnen und Kollegen des ZfL, die Teile des Buches mit uns diskutiert und die uns durch ihre Fragen und Anregungen immer wieder neu inspiriert und herausgefordert haben. Darüber hinaus hatten wir das Glück, Themen des Buches mit Gastwissenschaftlern intensiv diskutieren zu können: wir danken Faustino Oncina Coves, Petra Gehring, Clemens Knobloch, Guillaume Plas, Sinai Rusinek und Christian Strub. Anregungen kamen zudem in Ge10sprächen mit Reinhard Blänkner, Petra Boden, Cornelius Borck, Alexander Friedrich, Lucian Hölscher, Gennaro Imbriano, Helge Jordheim, Margarita Kranz, Christian Möckel, Hans-Jörg Rheinberger, Matthias Rothe, Peter Tietze und Rüdiger Zill; ihnen allen gilt unser Dank, natürlich ohne sie für das Ergebnis verantwortlich zu machen.
Wichtig für die Entstehung der Monographie waren für uns auch eine Reihe lehrreicher Workshops und Veranstaltungen zur Begriffsgeschichte. Den Kollegen, die daran teilgenommen haben, danken wir herzlich, ebenso den italienischen und spanischen Kollegen, mit denen wir in dem vom spanischen Wissenschaftsministerium geförderten und von Faustino Oncina Coves geleiteten Forschungsprojekt (FFI 2011-24473) kooperiert haben. Die aktuelle politische Brisanz von Begriffen ist uns noch einmal bei Workshops mit Adi Ophir und den Mitarbeitern der Gruppe zum Lexikon politischer Begriffe (Zeitschrift Mafte’akh) bewusst geworden. Matthias Bormuth hat das Projekt durch eine Einladung von Falko Schmieder an das Karl-Jaspers-Haus in Oldenburg unterstützt.
Den Mitarbeitern des Universitätsarchivs der Freien Universität Berlin haben wir zu danken. Ermöglicht wurde das vorliegende Buch nicht zuletzt durch die freundlichen und kundigen Kolleginnen der ZfL-Bibliothek Halina Hackert, Ruth Hübner und Jana Lubasch. Wir danken den studentischen Hilfskräften Steffen Bodenmiller, Dominik Erdmann, Moritz Mutter, Moritz Plewa, Carsten Olsen und Rafael Schmauch. Christine Kutschbach hat das ganze Manuskript gelesen, wofür wir ihr sehr danken. Ein besonderer Dank geht an Silvia Pohl, die, früher als ZfL-Mitarbeiterin, seither aber nicht weniger engagiert und selbstlos, diejenige war und ist, die in bewundernswerter Kontinuität das anwachsende Buch mit ihrem Lektorat begleitet hat. Dem Suhrkamp Verlag und seinen Lektoren aus dem Wissenschaftsressort danken wir für die Geduld und für die professionelle und produktive Zusammenarbeit.
Die Autoren der vorliegenden Kollektivmonographie haben die Kapitel einzeln verfasst, dann wechselseitig überarbeitet und schließlich gemeinsam autorisiert. Nicht weiter nachgewiesene fremdsprachige Zitate wurden von den Autoren übersetzt.
Ernst Müller, Falko Schmieder, Berlin, im Herbst 2015
Ernst: Wovon ich einen Begriff habe, das kann ich auch mit Worten ausdrücken.
Falk: Nicht immer; und oft wenigstens nicht so, daß andre durch die Worte vollkommen eben denselben Begriff bekommen, den ich dabei habe. Gotthold Ephraim Lessing, Ernst und Falk, zitiert nach Reinhart Koselleck, Motto zur »Einleitung« der Geschichtlichen Grundbegriffe
Über mangelnde Aufmerksamkeit brauchen sich Begriffsgeschichte und historische Semantik nicht zu beklagen. In den letzten fünfzehn Jahren, also gerade in der Zeit des Abschlusses der großen begriffsgeschichtlichen Lexika der Philosophie, Geschichtswissenschaft, Ästhetik oder Rhetorik, dürfte sowohl im deutschen wie internationalen Sprachraum mehr Literatur und Sekundärliteratur zur Methodik und Geschichte dieser Forschungsrichtungen erschienen sein als in der gesamten Zeit zuvor. Die vor allem in Aufsätzen und Sammelbänden vorgestellten Untersuchungen umfassen Arbeiten zur Geschichte der Begriffsgeschichte und historischen Semantik sowie zur Methodik in verschiedenen Geistes- und Sozialwissenschaften,[1] sie erschließen der Begriffsgeschichte neue Gegenstandsgebiete[2] und weiten sie auf andere Philologien aus. Um Christian Geulens »Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20.Jahrhunderts« hat sich unter Zeithistorikern eine rege Debatte entfaltet.[3] In der gleichen Zeit hat die Begriffsgeschichte, die lange als eine fragwürdige Sonderentwicklung deutscher Geistes- und Geschichtswissenschaft galt, vornehmlich in der von 12Reinhart Koselleck geprägten Form eine erstaunliche internationale Wirkung entfaltet.[4] Dazu kommen neue internationale Organisationsformen.[5] Schließlich eröffnen die digitalen Medien neue Recherche- und Darstellungsmöglichkeiten, von denen die Bearbeiter der großen Lexika nur träumen konnten. Georg Toepfer hat der Begriffsgeschichte allein wegen dieser neuen medientechnischen Möglichkeiten eine große Zukunft attestiert.[6] Zugleich enthalten immer mehr Artikel der Online-Enzyklopädie Wikipedia begriffsgeschichtliche Abschnitte, die von Etymologien bis zu elaborierten Narrationen reichen. Dieser Befund ist wohl ein Zeichen dafür, dass auch außerhalb der Wissenschaften die historische Genese der Begriffe zu deren Selbstverständnis gerechnet wird.
Hans Ulrich Gumbrecht scheint daher eher allein zu stehen, wenn er in seiner verdichteten, im polemischen Verabschiedungsgestus gehaltenen Einleitung zu Dimensionen und Grenzen der Begriffsgeschichte ein »plötzliches Abebben« des Enthusiasmus für Begriffsgeschichte konstatiert und die großen Wörterbücher als »Pyramiden des Geistes« oder »monumentale Zeugnisse aus einer abgeschlossenen Epoche der Geisteswissenschaften« charakterisiert.[7]
Das anhaltende Interesse an Begriffsgeschichte und historischer Semantik hat sicher unterschiedliche Gründe. Zunächst hat die sich in Lexika und Monographien niederschlagende empirische und detaillierte Arbeit über die einander ablösenden Theoriemoden der Geistes- und Sozialwissenschaften hinweg Bestand. Begriffsgeschichten erscheinen als Alternative zu den ›großen Erzählungen‹. Vor allem aber gibt es eine große Schnittmenge zwischen den jüngeren Kulturwissenschaften und der Begriffsgeschichte. Beide haben es mit Bedeutung und Bedeutsamkeit sowie ihrer Genese zu tun. In beiden wird ›Kultur‹ selbst als ein dynamisches Moment 13in der Realisierung und Veränderung sozialer, ökonomischer und politischer Beziehungen gefasst, ohne diese Handlungsdimension vorschnell auf davon präzise unterscheidbare Interessenlagen zurückzuführen. Wenn ›Kultur‹ nicht als separater Sektor der Gesellschaft neben anderen gesehen wird, sondern als umfassende Praxis der Artikulation und Aktualisierung von Bedeutungen, dann fallen Begriffsgeschichte und historische Semantik nahezu mit den Kulturwissenschaften zusammen. In diese Richtung weist Ralf Konersmann, der unter Historischer Semantik die »Untersuchung kulturell manifester Bedeutsamkeiten im Horizont der Geschichte« versteht.[8]
Zugleich aber thematisieren die Kulturwissenschaften Gegenstände, die in der etablierten Begriffsgeschichte und historischen Semantik bislang weniger zur Debatte standen – vor- und nichtbegriffliche Diskurse, ikonische Semantiken, das Unbewusste, Institutionen, Praktiken, Gefühle, Gesten, Diagramme, Materialitäten. Wenn Begriffsgeschichte und historische Semantik Bedeutungen und ihre Veränderungen im Medium der Sprache untersuchen, dann bieten sie aufgrund ihrer Selbstreflexivität und Selbstexplikation ein hervorragendes, vor allem auch kontrollierbares Mittel der Bedeutungserfassung. Die Sprache ist aber zugleich ein allgemeines Medium, in das andere Bedeutungsformen übersetzt und mit dem diachrone Prozesse dargestellt werden können. Andere mediale Versuche einer Bedeutungsgeschichte, wie Aby Warburgs Bilderatlas, bleiben kommentarbedürftig. Bedeutungen und ihre Bezeichnungen können aber prinzipiell auch nichtsprachlich sein, nicht zuletzt deswegen sind historische Semantik und Begriffsgeschichte methodisch offene Projekte. Ihre universelle Anschlussfähigkeit an andere kulturelle Formen macht sicher einen Teil ihrer Attraktivität in den Kulturwissenschaften aus. Die Kulturwissenschaften haben insbesondere mit ihrem wachen Sinn für zeichentheoretische Komplexitäten und für die historisierende Auflösung jeglicher Substanzialitäten einen kritischeren Blick auf die bislang praktizierte Begriffsgeschichte sowie dafür eröffnet, dass es Wort- und Begriffs14geschichten nicht einfach gibt, sondern dass sie als Interpretationen und (Re-)Konstruktionen narrativen Mustern unterworfen sind.[9]
Doch die Anerkennung, die die Begriffsgeschichte derzeit genießt, ist zugleich auch erstaunlich, weil viele mit ihr verbundene Probleme ungeklärt sind. An diesem wiederkehrenden Urteil historisch prominent mit ihr Beschäftigter (Rudolf Eucken, Erich Rothacker, Joachim Ritter, Reinhart Koselleck, Quentin Skinner u.a.) haben die methodischen Untersuchungen in den letzten Jahren im Kern nur wenig ändern können. Die umstrittenen Fragen beginnen damit, was eigentlich Gegenstand der Begriffsgeschichte sei – Begriff, Bedeutung, Wort, Terminus – und wie dieser sich zu Metapher und Diskurs verhält. Die an einzelnen Begriffen orientierten Untersuchungen schienen nach der sprachwissenschaftlichen Kritik von Dietrich Busse u.a. methodisch geradezu erledigt.[10] Offen ist, welchen Status die Begriffsgeschichte innerhalb der Wissenschaften hat und worin ihr Aufschlusswert eigentlich liegt. Ist Begriffsgeschichte mehr als eine Hilfswissenschaft, die als Instrument auf ihren jeweiligen Erkenntniszweck zugeschnitten werden muss? Wenn die Begriffsgeschichte eine Hilfswissenschaft ist, dann paradoxerweise eine solche, die der Klärung einer Vielzahl grundlagentheoretischer (historiographischer, sprachtheoretischer etc.) Fragen bedarf. Für Hans-Georg Gadamer sollte die Begriffsgeschichte keine bloße Ergänzungsarbeit der philosophischen Forschung sein, »sondern in den Vollzug der Philosophie hineingehören«.[11]
Ungeklärt ist schließlich das Verhältnis von begriffsgeschichtlicher Theorie und Praxis. Auf der einen Seite gibt es den Theorietypus, der gänzlich ohne Beispiele vorgeht und eine vom histori15schen Material unabhängige Komplexität entwirft, die tatsächlich durch keine begriffsgeschichtliche Praxis einzuholen ist. Obwohl die Methodendiskussionen im Umfeld der Geschichtlichen Grundbegriffe (GG) mitunter anregender waren als verschiedene begriffsgeschichtliche Artikel des Lexikons selbst, hat auch der späte Koselleck ernüchtert von den »Flugsanddünen reiner Methodendebatten« und der »theoretischen Zwangsjacke« seiner eigenen Ansätze gesprochen.[12] Auf der anderen Seite prozediert die begriffsgeschichtliche Forschung oftmals als eine Praxis, deren theoretische Voraussetzung nicht oder kaum thematisiert wird. Rolf Reichardt spricht von einem »verbreiteten beliebigen und wenig stringenten Eklektizismus«.[13] Die Mehrzahl der Begriffshistoriker erachtet eine Methodendiskussion nur im Kontext historischer Praxis für sinnvoll. Konersmann hält den »schwachen Theoriebestand der Historischen Semantik einstweilen nicht für korrekturbedürftig […], denn diese Schwäche [ist] offensichtlich ihre Stärke«.[14] Petra Gehring beschreibt die Begriffsgeschichte als vorsichtige und positivistische Praxis ohne theoretischen Hintergrund und konstatiert, dass sich philosophische Begriffsgeschichte ihre Methodologie nicht etwa auf der Basis einer Theorie des Begriffs erarbeitet habe, sondern »eher tastend, im Wege einer Praxis zu sich selbst«.[15] Das zunächst plausible Plädoyer für methodische Pluralität reicht aber zuweilen bis zum Verzicht auf die Reflexion der Methoden.
Das in der Tradition der romantischen Hermeneutik stehende ideographische und zuweilen divinatorische Selbstverständnis der Begriffsgeschichte hat sicher die Gräben sowohl gegenüber den 16Nichtgeisteswissenschaften wie auch gegenüber den (eher quantifizierend verfahrenden) Sprachwissenschaften vertieft. Tatsächlich hat sich statt einer Theorie der Begriffsgeschichte ein Genre durchgesetzt, das theoretische Überlegungen überhaupt nur exemplarisch vorträgt. Doch gibt es ein Reservoir an Problemen, das es, wie bei anderen Methodendiskussionen auch, abseits der engen Materialbindung zu diskutieren lohnt. Es geht dabei nicht darum, Begriffsgeschichte auf eine Methode zu verpflichten, sondern umgekehrt darum, die verschiedenen praktizierten Methoden zu registrieren und zu vervielfachen.
Das vorliegende Buch reagiert auf ein Desiderat. Es gibt bis heute keine monographische Darstellung, die die mannigfaltigen historischen, nationalen und disziplinären Ansätze der Begriffsgeschichte und historischen Semantik komparativ in ihrer ganzen Breite darzustellen versucht. Daraus ergab sich die Idee, in Form eines umfassenderen Kompendiums die theoriegeschichtlichen Debatten nachzuzeichnen, die begriffsgeschichtlichen Projekte in Anspruch und Realisierung zu vergleichen und Fragen der geisteswissenschaftlich dominierten Begriffsgeschichte sowie deren Zukunftsaussichten aus der Perspektive der kulturwissenschaftlichen Wende der Geisteswissenschaften zu thematisieren. Die Voraussetzungen für eine solche Arbeit sind eigentlich erst seit jüngster Zeit gegeben. Die Bestände der größeren Projekte und ihrer Protagonisten sind archiviert und darauf aufbauende Arbeiten publiziert worden.[16] Das vorliegende Buch hat zugleich den Anspruch, solche mitunter sehr ins Einzelne gehenden Untersuchungen auf einer gewissermaßen mittleren Abstraktionsebene zu synthetisieren und die verstreuten vergangenen und gegenwärtigen, deutschen und internationalen Projekte, die im weiteren Sinne der Begriffsgeschichte und historischen Semantik zuzurechnen sind, darzustellen sowie Querverbindungen zu ziehen. Da die Begriffsgeschichte schon in ihrer Entstehungsphase eine internationale Erscheinung war, haben die Autoren sich bemüht, die Entwicklungen im anglo17amerikanischen, französischen, italienischen, spanischen oder holländischen Sprachraum in den Blick zu nehmen. Sie sind sich aber bewusst, dass ihr Fokus auf den Debatten der lange Zeit sehr deutschen Tradition der Begriffsgeschichte liegt.
Wenn im Titel Begriffsgeschichte und historische Semantik als Gegenstände des Buches bezeichnet werden, dann auch deswegen, weil die Abgrenzung beider Gebiete keineswegs klar ist. Die Bezeichnung ›historische Semantik‹ war für die an das Historische Wörterbuch der Philosophie anknüpfenden Projekte lange nicht üblich. Indes hat neuerdings Konersmann auch für die Philosophie den Namen ›Historische Semantik‹ reklamiert. Dagegen werden in den Geschichtswissenschaften und auch in der jüngeren Kulturwissenschaft Begriffsgeschichte und historische Semantik wechselseitig pars pro toto verstanden. ›Begriffsgeschichte‹ fungiert so mitunter als Sammelbegriff, der auch die historische Semantik unter sich fasst, umgekehrt wird häufig die Begriffsgeschichte als ein Spezialgebiet der ›historischen Semantik‹ verstanden. Die historische Semantik kann dabei sowohl historische Querschnitte wie diachrone Veränderungen untersuchen. Beide Kennzeichnungen haben ihre Grenzen: die historische Semantik scheint die für sie doch ebenfalls wichtige Pragmatik auszugrenzen; die Betonung des Begriffs in der Begriffsgeschichte droht ihn zu dekontextualisieren und die immer mitzudenkenden Dimensionen des Vorbegrifflichen, des Diskurses, der Metapher abzuschneiden.
Dass ›historische Semantik‹ Heterogenes bezeichnet, lässt sich nicht zuletzt an ihrer Groß- oder Kleinschreibung ablesen. Wo sie den zu untersuchenden Gegenstand meint, wird sie kleingeschrieben. Mitte der 1990er Jahre wird ›Historische Semantik‹ für einige Protagonisten (Konersmann, Reichardt) zur präziseren Methode oder Disziplin und damit zum großgeschriebenen Eigennamen. Wo dagegen ›historische Semantik‹ ein Oberbegriff für heterogene Methoden ist, wird (wie auch im Folgenden) die Kleinschreibung verwendet.
Anstatt andere Oberbegriffe zu etablieren (wie den – selbst keineswegs neutralen – Begriff der Ideengeschichte),[17] fasst die vorlie18gende Darstellung heuristisch ›historische Semantik‹ als Oberbegriff für methodische Ansätze, die sich wie Problem-, Ideen- oder Begriffsgeschichte im weitesten Sinne mit diachronen sprachlichen Veränderungen, sei es in onomasiologischer oder semasiologischer Perspektive, beschäftigen. Historische Semantik ist der sprachliche Teil der kulturellen Semantik und damit selbst immer schon eine Abstraktion, weil Sprache untrennbar in gesellschaftliche Verhältnisse und Praxen, bildliche Vorstellungen und Medien eingebunden ist. Unter Begriffsgeschichte wird hier anknüpfend an Willibald Steinmetz die Untersuchung von »Knotenpunkte[n] im diachronen Bedeutungswandel einzelner Worte«, von gesellschaftlich hochwirksamen, nicht selten umstrittenen Kristallisationen sprachlicher Bedeutungen gefasst.[18] Die historische Semantik ist der Kontext der Begriffsgeschichte. Der Fokus der vorliegenden Monographie richtet sich nicht auf Veränderungen der Sprache allgemein, sondern auf die Schnittstelle verschiedener Ansätze, in denen es um gesellschaftlich beziehungsweise kulturell relevante Veränderungen von Semantiken und Begriffen geht. Von den Themen, die innerhalb der Linguistik oder Philosophie unter dem Titel Semantik (semantics) verhandelt werden, greift diese Darstellung nur einen Teil heraus.
Der Ansatz im vorliegenden Kompendium unterscheidet sich zumindest in zweierlei Hinsicht von anderen Begriffsverwendungen. Von einigen Linguisten wird der wesentliche Unterschied zwischen Bedeutungswandel beziehungsweise historischer Semantik einerseits und Begriffsgeschichte andererseits darin gesehen, »daß Begriffsgeschichte die absichtsvolle Veränderung von gesellschaftswissenschaftlichen und geistesgeschichtlichen Termini untersucht, wogegen sich Bedeutungswandel in der Regel gerade auf den Wandel alltagssprachlicher Wörter bezieht. Bedeutungswandel vollzieht sich über die Usualisierung okkasioneller Verwendung, 19Begriffswandel ist zuallererst Wandel der Intension, der sich dann im Gebrauch vollzieht.«[19] Diese Unterscheidung mag die (defizitäre) Praxis mancher traditioneller Begriffsgeschichten recht gut treffen. Dass die Zuordnung auch genau entgegengesetzt möglich ist, zeigt sich zum Beispiel bei Gumbrecht: für ihn hat die Begriffsgeschichtsschreibung zwar vorrangig mit dem Wandel von Bedeutungen hohen Abstraktionsgrades zu tun, aber nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Termini: vielmehr gehe es um Forschungen, die »auf die Rekonstruktion der nicht-intentionalen Bedingungsfaktoren von Praxis gerichtet« sind.[20] Da in der Begriffsgeschichte Koselleck’scher Prägung vor allem sprachliche Veränderungen interessieren, die sich ›hinter dem Rücken‹ der Akteure vollziehen, und da die Trennung zwischen Alltags- und Wissenschaftssprache innerhalb der Begriffsgeschichte längst verabschiedet ist, trifft diese Unterscheidung kaum zu. Einen plausibleren Unterscheidungsversuch macht Steinmetz: Für ihn ist die Begriffsgeschichte »Subdisziplin einer Historischen Semantik, die sich zunehmend der Erforschung von größeren semantischen Feldern, Satzmustern, Diskursen oder languages im Sinne John Pococks widmet und dabei auch die sich wandelnden Gebrauchsformen und -situationen berücksichtigt«.[21] Allerdings lässt sich hier fragen, ob der Unterschied zwischen Begriffsgeschichte und historischer Semantik tatsächlich allein in der Forschungsmethode und der Auswahl der Quellen gesucht werden kann, wenn doch in der Kommunikation selbst auf ›Begriffe‹ rekurriert wird. Den schillernden Charakter von Begriffen (und ihrer Geschichte) zeigt Clemens Knobloch, der Begriffen selbst in der Kommunikation den Charakter der Verkürzung oder Bündelung zugesteht, gleichzeitig aber die Begriffsgeschichte als second-order-Ebene der Beobachtung unterstellt.[22] In Bezug auf den historischen 20Untersuchungsgegenstand ist eine klare Unterscheidung von Begriffsgeschichte und historischer Semantik nicht möglich.
Heute sind sich eigentlich alle mit Begriffsgeschichte und historischer Semantik Befassten einig, dass es nicht darauf ankommen kann, reine Begriffsgeschichte zu betreiben und methodisch herauszudestillieren, sondern ihre Fruchtbarkeit gerade im Methodenensemble zu verdeutlichen ist. Begriffsgeschichte ist nur eine von vielen Möglichkeiten, wie historische Semantik betrieben werden kann; die historische Semantik kann es nicht geben.[23] Schon Helmut Günter Meier sah es für eine Theorie der Begriffsgeschichte als unverzichtbar an, ihre Verflochtenheit mit Problem-, Ideen- und Sachgeschichte, Metaphorologie, Topos- und Modellforschung oder Denkformenlehre aufzuzeigen.[24] In den letzten Jahrzehnten sind noch eine Reihe anderer Forschungsgebiete der (historischen) Semantik entworfen oder historisch wiederentdeckt worden, um deren Kontextualisierung es in dieser Monographie auch gehen soll: (Denk-)Figur, Symbol, Emblem, Typen, Deutungsmuster, Kollektivsymbol, Argumentation, Konstellation, Pathosformel, Meistertrope, Paradigma, Spur, Signatur, Motiv, Felder. Im weiteren Sinne der historischen Semantik zuzurechnen, aber jeweils kaum trennscharf voneinander zu unterscheiden sind: Wort-, Bedeutungs-, Begriffs-, Bewusstseins-, Ideen-, Sinn-, Motiv-, Rezeptions-, Geistes-, Sozial-, Kultur-, Medien-, Diskurs-, Mentalitäts- oder Faszinationsgeschichte; dazu kommen Figura-Forschung, historische Epistemologie, politische Sprachanalyse, Geschichte des kulturellen Gedächtnisses und Memoria-Forschung. Dass die Begriffsgeschichte ihre bescheidenen Anfänge als historische Hilfswissenschaft damit überschreitet und zu einem gewissen methodischen Expansionismus neigt,[25] liegt damit ebenso in der Sache 21selbst wie die Tatsache, dass sie keineswegs eine historische Universalwissenschaft ist. Die Notwendigkeit der immanenten Grenzüberschreitung hat auch schon Koselleck benannt: »Die Begriffsgeschichte muß immer ihre eigenen Grenzbestimmungen bzw. ihre sprachimmanenten Gegenbegriffe und ihre eigenen Blindflecke mit registrieren. Das ist die methodische Kunst, die man nicht aus den Primärquellen alleine ableiten kann, sondern dazu muß man theoretische Fragestellungen entwickeln, wo Blindflecke zu suchen sind.«[26]
Was das vorliegende Buch vor allem leisten möchte, lässt sich – bezogen auf Gegenstand und Methode – unter den Stichworten Historisierung und Interdisziplinarität beschreiben. Historisierung heißt zunächst, dass sowohl realisierte wie auch abgebrochene, in den heutigen Diskursen zur Begriffsgeschichte virulente oder aber vergessene Debatten und Projekte der Begriffsgeschichte und historischen Semantik chronologisch und komparativ dargestellt werden sollen. Mit Historisierung ist aber zunächst gemeint, dass die Begriffsgeschichte nicht als zeitlose oder sich einem Ideal annähernde technische Methode angesehen werden kann. Die Methoden der Begriffsgeschichte sollen gleichsam auf sie selbst angewendet werden. Wir gehen davon aus, dass die Begriffsgeschichte einen – bislang noch gar nicht ausgeloteten – historischen Index hat. Zu einem vergleichbaren Befund kommt auch der Philosophiehistoriker und Herausgeber des Archivs für Begriffsgeschichte, Ulrich Dierse, wenn er konstatiert, dass trotz vielfältiger Bemühungen »die Frage nach dem Ursprung der Begriffsgeschichte […] noch nicht gestellt worden ist«.[27] Die historische Betrachtung zeigt historisch variierende Erkenntnisinteressen, praktische Realisationsformen, institutionelle Anbindungen, disziplinäre Zuschnitte und methodische Gegner beziehungsweise Kooperationspartner. Die Begriffsgeschichte ist also keineswegs eine neutrale Methode, die sich unabhängig von ihren historischen Voraussetzungen und 22jeweiligen Zwecksetzungen beschreiben lässt. Die Frage nach ihrem allgemeinen Wesen verfehlt damit die ihr wesentliche historische Dimension, sie könnte nur sehr abstrakt-allgemein beantwortet werden.
Der Historiker Otto Gerhard Oexle wirft in einer der wenigen synthetischen und kritischen Abhandlungen zum Thema der bisherigen Reflexion über die Begriffsgeschichte von 1945 bis in die Gegenwart »eigenartige Amnesien und Dekontextualisierungen« vor, »da sie durch das Vergessen ihrer eigenen Genese und der gesamten Problemgeschichte, in der sie wurzelt, hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleibt«.[28] Gegen verkürzte geschichtliche Selbstreflexionen der Begriffshistoriker stellt Oexle die These auf, dass die Geschichte der Begriffsgeschichte »Element einer diachronisch weitausgreifenden und internationalen Geschichte eines grundlegenden historischen Problems der Moderne ist« (385). Und gegen Gumbrecht macht Oexle geltend, dass man die Begriffsgeschichte zunächst einmal begreifen sollte, ehe man sie verwirft. Der Vorwurf einer inkonsequenten, einer »halbierten Begriffsgeschichte«, wie Oexle sie zutreffend nennt, betrifft sowohl Ansätze, die vor dem mit der Begriffsgeschichte verbundenen konsequenten Historismus zurückschrecken, als auch solche, die die Historisierung zugunsten begriffspolitischer Ambitionen abbrechen.
Unbestritten sind Begriffsgeschichte und historische Semantik nicht nur wesentliche Momente des Historismus, sie haben das historische Denken auch selbst befördert, radikalisiert und seine Konsequenzen sichtbar gemacht – vor allem die Erkenntnis, dass nicht nur die Erfahrung, sondern die diese Erfahrung ermöglichende Sprache, die Begriffe und Grundbegriffe selbst, einen Zeitindex haben. Erst dadurch werden historische Brüche, Schwellen oder Paradigmenwechsel denkbar. Dabei scheint die Begriffsgeschichtsforschung in besonderer Weise ein Ideal wissenschaftlicher Arbeit in den Geisteswissenschaften zu verkörpern. Hermeneutische Arbeit verbindet sich im besten Fall mit positiver, deskriptiver und interesseloser Forschung, um heterogene Ursprünge, Filiationen, Verzweigungen und diskursive Kontroversen eines hochgradig kontingenten, zukunftsoffenen Prozesses zu beschreiben. Betrachtet man jedoch die Theorien der Begriffsgeschichtsforschung, wie 23sie noch bis in die Anfänge der großen lexikalischen Projekte hineinreichen, dann zeigt sich ein anderes Bild. In wesentlichen Theorien der Begriffsgeschichte verbergen sich hinter dem scheinbar konsequenten Historismus erstaunlich oft stark normative und im Kern ahistorische Denkfiguren. Die Geschichte der modernen (Begriffs-)Geschichtsschreibung ist damit immer auch als Geschichte der Entgeschichtlichung zu schreiben. Diese These gilt für beide Richtungen der Begriffsgeschichte, für die philosophische wie für die historiographische. Oexles Diktum von der ›halbierten Begriffsgeschichte‹ gilt vor allem, aber nicht nur für die Moderne- und Historismuskritiker unter den Begriffshistorikern. Erst in einem längeren Prozess, der sich weniger durch eine explizite Kritik als durch geradezu schleichend und pragmatisch sich durchsetzende philologisch-historische Standards vollzog, wurden solche Voraussetzungen abgebaut.
Die Begriffsgeschichte war immer schon, aber insbesondere seit den 1920er Jahren keineswegs nur eine harmlose philologische, sondern zugleich eine politische und wissenschaftspolitische Methode, mit der geistige Kämpfe der Zeit durchgefochten werden. Der Beginn der Begriffsgeschichtsforschung wird häufig erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg angesetzt. Doch in unseren Untersuchungen hat sich die Periode im Jahrzehnt vor 1933 als besonders innovativ erwiesen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die Vertreibung kritischer und jüdischer Intellektueller hat für die historische Semantik und Begriffsgeschichte einen starken Bruch und Rückschlag bedeutet, den die großen institutionalisierten Nachkriegsprojekte der deutschen Begriffsgeschichte nicht wieder eingeholt haben. Das trifft beispielsweise in der Geschichtswissenschaft auf den nach Israel emigrierten Richard Koebner und auf die lange nicht rezipierte Annales-Schule zu, in der Soziologie auf Karl Mannheim, in den Kulturwissenschaften auf Walter Benjamin und Siegfried Kracauer sowie in der Wissenschaftsgeschichte auf Ludwik Fleck und Edgar Wind, aber auch auf die französische Epistemologie (Gaston Bachelard, Georges Canguilhem). Die vorliegende Darstellung heterogener ›Ursprünge‹ und ›Vorgeschichten‹ der Begriffsgeschichte will keineswegs verschleiern, dass die Zäsur des institutionellen Durchbruchs der begriffsgeschichtlichen Forschung in den 1960er Jahren liegt. Die frühe bundesdeutsche Begriffsgeschichte knüpft – und darin unterscheiden sich Gadamer, 24Rothacker und Ritter nicht – ziemlich nahtlos an bestimmte, ungebrochen durch die Zeit des Nationalsozialismus hindurch wirkende Vorkriegstraditionen der deutschen Geisteswissenschaften und Historiographie an. Innerhalb der Philosophie hatte das Triumvirat Rothacker (Archiv für Begriffsgeschichte, 1954), Gadamer (Wahrheit und Methode, 1960) und Ritter (Historisches Wörterbuch der Philosophie, ab Ende der 1950er Jahre) – das in unterschiedlichem Grad in das nationalsozialistische System verstrickt war – einen kaum zu überschätzenden institutionellen Einfluss. Ähnliche Konstellationen ergeben sich für die Geschichte politisch-sozialer Begriffe (Carl Schmitt, Otto Brunner, Werner Conze) und selbst für die Musikwissenschaft (Hans Heinrich Eggebrecht). Andere Konzepte kamen kaum zum Tragen und werden, wie jene nachträglich oft als ›Erste Kulturwissenschaft‹ bezeichneten Denkformationen, erst spät wiederentdeckt.
Die großen Begriffsgeschichtsprojekte enthalten zugleich eine Theorie der Moderne. Die Begriffsgeschichte ist deswegen immer wieder zu einem Gegenstand geworden, an dem politische, intellektuelle und kulturpolitische Deutungen der Bundesrepublik diskutiert wurden. Ulrich Raulff sieht in der von ihm als Siegeszug der Philologie verstandenen Konjunktur der Begriffsgeschichte sogar einen »Schlüssel zur Ideengeschichte der zweiten Republik«.[29] Zugespitzt stellt sich die Frage, wie aus den zunächst eher aus dem rechtskonservativen und modernekritischen Milieu stammenden Ansätzen die wichtigsten Erfolgsprojekte der bundesrepublikanischen Geisteswissenschaft werden konnten, die, mit den Insignien Selbstreflexivität und Pluralität versehen, der demokratischen Moderne theoretische Legitimation verschafften.
Die notwendige Historisierung der Begriffsgeschichte betrifft keinesfalls nur die Methode, sondern auch die von ihr behandelten Gegenstände. Zutreffend ist gesagt worden, »daß die Prägung des Ausdrucks ›Begriffsgeschichte‹ sich in einem wesentlichen Maße auf jene Tradition der Begriffslogik bezieht, auf die sie die Begriffsgeschichte auch wesentlich anwenden will: das ist jene geschichtliche 25Epoche, die Koselleck als Sattelzeit bezeichnet hat«.[30] Am Begriff der Mentalität hat Raulff gezeigt, wie dieser seit der Dreyfus-Affäre in Frankreich zu einem Kampfbegriff bei der Suche nach nationalistischer Identität um 1900 wird; der vorzügliche Gegenstand der Mentalitätsgeschichte aber wird die longue durée des Mittelalters. Schließlich hat auch der hier favorisierte interdisziplinäre Ansatz einen mehrfachen historischen Index. Er zeigt sich instruktiv vor allem für Begriffsentwicklungen seit dem 19.Jahrhundert, in dem – durch verstärkte Verwissenschaftlichung des Denkens und disziplinäre Arbeitsteilung – die Philosophie ihren Ort als Einheit der Wissenschaften zu verlieren beginnt. Und vielleicht muss man auch in der jüngeren kulturwissenschaftlichen Wende der Begriffsgeschichte eine solche Ungleichzeitigkeit erkennen: sie projiziert sich in die so genannte Erste Kulturwissenschaft nach 1900, die sie im gleichen Zuge erst konstruiert. Unbestritten erzeugen erst solche Nachträglichkeiten und Ungleichzeitigkeiten Erkenntniseffekte. Ob sie eher auf Affinitäten und der Wahrnehmung problemgeschichtlicher Korrespondenzen zwischen den Epochen beruhen oder ob sie dem Bedürfnis nach Erklärung, Kompensation oder Travestie der eigenen Gegenwart entspringen, ist in dieser selbst je umstritten.
Im vorliegenden Buch ist der historische Aspekt unmittelbar mit der inter- und multidisziplinären Perspektive verbunden. Begriffe sind – synchron und diachron – disziplinenüberschreitend. Bei allen Divergenzen zwischen den theoriegeleiteten Disziplinen spielen Begriffe in ihnen eine wichtige Rolle. Man kann eine ganze Reihe von Merkmalen von Begriffen feststellen, die darauf hindeuten, dass Begriffe in den zu untersuchenden Diskursen selbst ein wichtiges Thema sind. Dazu gehört die Auffassung, dass Begriffe Wörter bestimmter Generalisierungsstufe sind (Heiner Schultz); dass sie das kulturelle Gedächtnis bilden (Ian Hacking); dass sie eine menschliche Leistung zur Entlastung unter den Bedingungen der Reizüberflutung sind; dass sie Verhältnisse ausdrücken und deswegen zur Verselbständigung neigen (Karl Marx); dass sie – im Unterschied zu Propositionen – weder wahr noch falsch sind, sondern es sich bei ihnen zunächst um Unterscheidungswissen han26delt.[31] Prädestiniert dieser Befund die Begriffsgeschichte als interdisziplinäre Methode, so ist damit zu rechnen, dass die Begriffe des Begriffs in unterschiedlichen Wissenschaften und Kulturen höchst divergent sind.
Zwar ist die Interdisziplinarität der Begriffsgeschichte wiederholt eingefordert worden,[32] doch wurden sogar die zwei wichtigsten Forschungslinien kaum einmal konsequent aufeinander bezogen: das von Ritter initiierte philosophisch-fachwissenschaftliche Projekt, das dann auf verschiedene Wissenschaften übertragen wurde, und die historiographische, an den Sozialwissenschaften orientierte und mit dem Namen Koselleck verbundene Begriffsgeschichte. Obwohl die Begriffsgeschichte gelegentlich als Disziplin der Philosophie oder der Geisteswissenschaften bezeichnet wird, hat sie ihren Ort in verschiedenen Wissenschaften. Es ist dabei erstaunlich, wenn sachlich eng zusammenhängende Forschungen verschiedener Disziplinen wechselseitig nicht zur Kenntnis genommen werden. Die historische Semantik der Linguistik kann mit der Disziplin gleichen Namens (aber auch mit der Begriffsgeschichte) in den Geschichtswissenschaften wenig anfangen. Im Grunde sind die methodisch hochreflektierten Überlegungen Kosellecks von der philosophischen Begriffsgeschichte kaum rezipiert worden, obwohl beide sich oft auf die gleiche Textgrundlage beziehen und die gleichen Stichwörter behandeln. Wenn in den letzten Jahren Hans Blumenbergs Metaphorologie als neues Moment der Begriffsgeschichte und historischen Semantik herausgestellt wird, dann kommt nicht in den Blick, dass die klassischen historischen Semantiker der Sprachwissenschaft die Übertragung oder Metaphorik als wesentliche Ursache beziehungsweise Bewegungsform der Bedeutungsveränderung gefasst hatten.
Solche Exklusionen und Trennungen finden sich ebenso bei der Auswahl der jeweils disziplinär untersuchten Gegenstände. So präferiert die (deutsche) Linguistik den historisch weit zurückreichenden Wandel in der Alltagssprache, die deutsche Geschichtswissenschaft und die Cambridge School behandeln zuvörderst den politisch-sozialen Sprachgebrauch in der frühen Neuzeit und 27Moderne. Die Philosophie adelt dagegen besonders die Begriffe begriffsgeschichtlich, die sich bis in die griechische Antike zurückführen lassen. Diese Arbeitsteilung führt zu blinden Flecken: die Alltags- und die philosophische Sprache werden losgelöst von ihrer politisch-sozialen Epocheneinbindung thematisiert, die Geschichtswissenschaft sucht ihre Begriffe zwischen Alltagssprache und (philosophischer) Theorie.
Solche disziplinären Trennungen lassen sich selbst nur historisch aufklären. Da die sprachlichen Gegenstände nicht nur disziplinär formiert sind, ist es besonders reizvoll, die einzelnen Ansätze konsequent aufeinander zu beziehen und die Methoden wechselseitig zu spiegeln. Rhetorische Figuren sind eben nicht nur Gegenstand der Rhetorikgeschichte, sondern erscheinen ebenso in der Praxis der politischen Semantik wie im Diskurs der Wissenschaften. Nicht die Geschichte von Moralbegriffen ist politisch, wohl aber die Moralisierung des politischen Diskurses.[33] Kollektivsingulare, asymmetrische Gegenbegriffe, Ideologisierbarkeit spielen nicht nur in der expliziten politischen Sprache eine Rolle, sondern ebenso in der Geschichte der Philosophie oder der Wissenschaften.
Eine kulturwissenschaftlich reflektierte Begriffsgeschichte geht davon aus, dass auch und gerade die Genese des Referenten oder des Objekts des Begriffes der Gegenstand historischer Arbeit ist. Sie hätte also insbesondere die semantischen (nicht nur, aber auch metaphorischen) Substrukturen zu untersuchen, die der jeweiligen expliziten Begriffsbildung und Begriffsverwendung immer schon vorausliegen. Ein solcher begriffsgeschichtlicher Ansatz kann daher nur jenseits der disziplinären Trennungen funktionieren; er geht den ›unreinen‹ Ursprüngen der Begriffe nach, verfolgt die semantischen und wörtlichen Übertragungen, untersucht, was passiert, wenn ein Begriff oder Begriffswort zwischen Diskursen, Disziplinen, Kulturen wandert oder zirkuliert. Er fragt zunächst nicht nach der Legitimität solcher Übertragungen, sondern nach ihren produktiven Effekten und Differenzen.
Die ersten fünf Kapitel des Buches behandeln die Genese der Begriffsgeschichte und historischen Semantik, die in den Disziplinen heterogene Ursprünge haben. Die Kapitel zur Philosophie, Geschichtswissenschaft, Sprachwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte 28und Kulturwissenschaft folgen nicht nur intern einer historischen Logik, in ihrer Abfolge markieren sie gleichermaßen Paradigmenwechsel wie auch eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Wichtige andere, ältere und jüngere Disziplinen, wie zum Beispiel die Ethnologie oder die Gender Studies, die selbst die begriffsgeschichtliche Methode innovativ angewendet oder beeinflusst haben, wurden, statt in eigenständigen Kapiteln behandelt zu werden, diesen Kapiteln subsumiert. Es mag inkonsequent erscheinen, wenn ein Buch, das seinen Gegenstand erklärtermaßen interdisziplinär behandeln möchte, im historischen Teil disziplinengeschichtlich vorgeht. Die mitunter nicht unproblematische Gliederung hat auch ökonomische Gründe der Darstellung. Doch die disziplinäre Darstellungsform kann auch plastisch machen, was Canguilhem einmal mit Michel Serres über die ›Geschichte der Wissenschaften‹ überhaupt gesagt hat. Statt ihrer gebe es nämlich nur »die Geschichte der Geometrie, der Optik, der Thermodynamik usw., von Fächern also, die durch einen Schnitt voneinander abgegrenzt sind, der sie wechselseitig zu Inseln, einander fremd macht«.[34] Zugleich wird die Begrenzung auf Disziplinen immer wieder durchbrochen.
Die Verfasser sind sich im Klaren, dass insbesondere die Struktur des Kapitels zur Kulturwissenschaft von Willkür nicht frei ist. In ihm finden besonders solche Autoren und Ansätze Aufnahme, die sich keiner einzelnen Disziplin zuordnen lassen, weil sie die Disziplinengrenzen selbst problematisiert und methodisch bewusst unterlaufen haben. Klare Trennlinien zu den Autoren der anderen Kapitel sind freilich nirgends zu ziehen. Bestimmte Positionen, die kulturwissenschaftlich ebenso innovativ und kritisch waren wie die hier behandelten, werden aus darstellungspraktischen Gründen in anderen Kapiteln behandelt (das gilt etwa für Cassirer, Weber und Mannheim oder Koebner, Canguilhem und Fleck).
Im sechsten Kapitel werden die Projekte und Institutionen der Begriffsgeschichte gesondert dargestellt, auch wenn sich, wie im Falle Kosellecks und der Geschichtlichen Grundbegriffe (GG), die Lexikonunternehmen nicht von ihren Theorien trennen lassen. Begriffsgeschichte als Methode ist selbst zudem immer gleichermaßen Indikator wie Faktor der (Zeit-)Geschichte. Dabei gehen wir da29von aus, dass gerade die Großprojekte der Begriffsgeschichte eine eigene praktische Dynamik entwickelt haben, die sich von den disziplinengeschichtlichen Debatten nicht selten unterscheidet, aber auch auf die Ausprägung des begriffsgeschichtlichen Paradigmas zurückwirkt.
Verweise zwischen den Kapiteln versuchen auf Zusammenhänge aufmerksam zu machen, die durch diese Gliederungsentscheidung verloren gehen könnten. Graphisch abgesetzt sind begriffsgeschichtliche Exempel, die sich zumeist auf für die Begriffsgeschichte relevante Begriffe beziehen oder Methodenprobleme am Material vorführen. Aufeinanderfolgende Zitate einer bibliographischen Angabe werden im Text mit ihren Seitenzahlen ausgewiesen.
Die »Kenntnis der Sprache« ist der allerwichtigste Gegenstand, »mit dem Enzyklopädisten sich gründlich beschäftigen sollten. Wir haben dies leider zu spät bemerkt, und diese Unachtsamkeit hat zur Unvollkommenheit unseres ganzen Werkes geführt. Die sprachliche Seite (ich sage die sprachliche Seite und nicht die grammatikalische) ist schwach geblieben; deshalb muß gerade sie den Hauptgegenstand eines Artikels bilden.«[1] Diese grundlegende, den Erfolg der bereits erschienenen sechs Bände der Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (1751-1780) nahezu infrage stellende Kritik stammt vom Mitherausgeber des wohl wichtigsten Werks der französischen Aufklärung, von Denis Diderot. Das Resümee seines – das Unternehmen selbst reflektierenden – Artikels »Encyclopédie« von 1756 bezieht sich auf den rasanten Sprachwandel im Erscheinungszeitraum der Enzyklopädie und die damit einhergehende Einsicht in die Historizität sprachlicher Bedeutung. »Da die Beobachtung und die experimentelle Physik«, so Diderot, »die Tatsachen und die Erscheinungen unaufhörlich vermehren und rationale Philosophie sie miteinander vergleicht und verbindet, erweitern oder verengen sie unaufhörlich die Grenzen unserer Kenntnisse, ändern also die Bedeutung der eingeführten Wörter, machen dadurch die Definitionen, die man von ihnen gegeben hat, ungenau, falsch, unvollständig und veranlassen uns sogar, sie durch neue Wörter zu ersetzen.«[2] Diderots Diagnose einer durch die Entwicklung von Künsten, Techniken und Arbeitsmethoden beschleunigten Sprachentwicklung richtet sich auch gegen den konservativen Charakter der Wörterbücher der französischen Akademie. Sie beschreibt aber vor allem die Gegenwärtigkeit eines Prozesses in den Wissenschaften, den Reinhart 31Koselleck rückblickend durch die Metapher der »Sattelzeit« zu fassen versuchte.
Die Genese der für die Begriffsgeschichte relevanten Kategorien ist nicht einer philosophischen Richtung zuzuschreiben. Historisch entsteht das Interesse am Verhältnis von Zeichen, Wort, Bedeutung und Sache in unterschiedlichen Konstellationen. Die Logik von Port Royal (1662) mit ihrer cartesianischen Erkenntnistheorie beispielsweise rekonstruiert die christliche Lehre von der Transsubstantiation, die mit der Umwandlung des Corpus Christi in Wein und Brot verbundenen Paradoxien, sprachtheoretisch. Sie entdeckt und entwickelt dabei begriffshistorisch relevante Kategorien wie Homonymie und Synonymie, Intension (›compréhension‹) und Extension (›étendue‹), Haupt- und Nebenbedeutung (Denotation und Konnotation, ›signification propre‹, ›idée accessoire‹) sowie die Genese der Bedeutung durch Gebrauch etc.[3]
Die Aufklärung hatte ein hohes Sprachbewusstsein, und daher ist es kein Zufall, dass das 18.Jahrhundert in Frankreich eines der Sprachdiskussion genannt worden ist. Auch wenn die Sprachursprungstheorien bekannter sind, entstehen hier erste Theorien der Sprach- und Bedeutungsänderungen (etwa durch Étienne Bonnot de Condillac, Bernard Lamy etc.).[4] Die Aufklärungsbewegung des 18.Jahrhunderts verband mit semantischen und auch historisch-semantischen Untersuchungen zugleich programmatische Absichten. Ernst Cassirer hat ihr ambivalentes Interesse an der Geschichte der Begriffe treffend skizziert: »Die Entdeckung der Geschichtlichkeit der Begriffe machte, was nicht überrascht, die Aufklärung. Wendete sie ihre Entdeckung zunächst in kriti32scher Absicht gegen die vorgefundene Terminologie, so hoffte sie später, zur Absicherung ihrer inzwischen erreichten Herrschaft die aufgeklärten Wortbedeutungen gleichsam einfrieren und damit gegen die neuartige Begrifflichkeit der Revolutionäre behaupten zu können. Die Geschichte der Aufklärung ist die Geschichte des Kampfes um Leitbegriffe.«[5] Der Zuwendung zur Geschichte der Begriffe kann auch ein entgegengesetztes begriffspolitisches Interesse zugrunde liegen und zum Instrumentarium der konservativen oder Gegenrevolution werden, die damit gerade Tradition und Kontinuität betonen will.[6] Schon hier wird deutlich, was sich von den meisten Konzepten der Begriffsgeschichte sagen lassen wird: Begriffsgeschichte ist immer auch Sprachpolitik, und Sprachpolitik nutzt die Geschichte der Begriffe.
Bevor die Philosophie der Aufklärung systematisch wurde, bot die sacharbiträre, alphabetisch-lexikalische Ordnung die Möglichkeit punktueller, systemkritischer und gleichsam verfremdender Kritik. Pierre Bayles Dictionnaire historique et critique (1697) ist das frühe Beispiel für ein historisch-kritisches Herangehen, wobei das Historische als eine den Vernunftwahrheiten überlegene Quelle angenommen wird. Vor allem im französischen Aufklärungszeitalter gehört zur Sprachpolitik die politisch motivierte Kritik des Wortmissbrauchs (›abus de mots‹) und des Widerspruchs zwischen ›mots‹ (Wörter) und ›choses‹ (Sachen) sowie die sensualistische Rückführung der Ideen auf Sinneserfahrung und Lebenspraxis.[7] John Locke reflektiert, dass abstrakte Begriffe ursprünglich konkrete Bedeutungen hatten. Condillac versucht zu zeigen, wie eine Bedeutung aus einer anderen hervorgegangen ist. Weil entsprechend dem aufklärerischen Sprachverständnis Sprache und Vorstellungskraft als voneinander abhängig gesehen werden, geht es bei der Erklärung neuer Vorstellungen auch um die Schaffung neuer Worte (Neologismen). In Gotthold Ephraim Lessings Freimaurergesprächen Ernst und Falk gewinnen Etymologie und Bedeutungswandel der verhandelten Begriffe den Status von Argumenten in der polemischen Auseinandersetzung. Im Encyclopädischen Journal kündigt Johann Georg Heinrich Feder 1774 das Projekt eines Philosophi33schen Wörterbuches an, das sich der »Aufklärung und Befestigung gemeinnütziger Begriffe« widmen soll, was nicht ohne »gründliche Aufklärung des wahren Gehaltes und Ursprunges der Begriffe« möglich sei.[8] Ein alphabetisches, auch historisch orientiertes philosophisches Wörterbuch fordert 1806 Wilhelm Traugott Krug: »Es müsste sehr instruktiv sein, wenn man von allen philosophischen Begriffen und Sätzen ein Werk hätte, welches sie in alphabetischer Ordnung reihete, dabei ihren Ursprung, ihren Fortgang, ihre Veränderungen, ihre Anfechtungen und Verteidigungen, Entstellungen und Berichtigungen mit Angabe der Quellen, der Verfasser, der Zeiten bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt angäbe.«[9] Allerdings hat die Untersuchung der historischen Dimension hier letztlich die Aufgabe, den einen und wahren Sinn der Begriffe herauszufinden. François Noël Babeuf schließlich erkennt die Kontextrelevanz gerade konnotativer Semantiken, wenn er feststellt, dass die gleichen Wörter in der Sprache der Paläste eine andere Bedeutung haben als in der der Hütten.
Insbesondere für die deutsche Aufklärung kommt als eine Besonderheit hinzu, dass die Bildung der Fachsprachen aus dem Lateinischen über den Umweg aus dem Englischen und Französischen mit viel stärkeren Setzungen und Umbrüchen verbunden war, als es bei den direkt aus dem Lateinischen stammenden Sprachen der Fall gewesen ist. Insofern vollzieht sich um 1750 in Deutschland ein doppelter, kaum genau zu scheidender Umschwung: der semantische Umbruch der von Koselleck beschriebenen Sattelzeit und die Übersetzungsproblematik vornehmlich in der Philosophie und im Geschichtsdenken fallen nahezu zusammen.
Die Entstehung der deutschen Terminologie ›Begriff‹, ›Vorstellung‹ oder ›Idee‹ in der aufklärerischen Schulphilosophie zeigt, welche philosophische Verwirrung durch Übersetzungsvorgänge entstehen kann. Vereinzelte Ansätze einer Verdeutschung von ›idea‹/›idée‹ traten schon in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts auf, reagierend auf einschlägige französische, 34lateinische und englische Texte.[10] Im Zuge der Erschaffung einer deutschen Wissenschaftssprache gab Christian Wolff den lateinischen Terminus ›idea‹ mit ›Begriff‹ und ›Vorstellung‹ wieder. Indem er mit ›Begriff‹ einen alltagssprachlichen Ausdruck wählte, der etymologisch der haptischen Sphäre (›begreifen‹) entstammte, bekam im Deutschen ›Begriff‹ eine Färbung, die anderen Nationalsprachen (vgl. engl. ›concept‹) fehlt. In Wolffs Systematik bezeichnete ›Begriff‹ den universell klassifizierenden und abstrakten Charakter einer Denkeinheit, ›Vorstellung‹ dagegen den Gedanken als Akt der Einbildungskraft. Wolff reproduziert damit die Doppelbedeutung der cartesianischen ›idée‹, die einerseits den aktualen Bewusstseinsvollzug, andererseits den Bewusstseinsinhalt meint. Da ›Vorstellung‹ aber auch die Übersetzung von ›repraesentatio‹ war, wurde ›Begriff‹ als Denkeinheit logischer Operationen nun noch mehr als ›Vorstellung‹ zu einem Leitwort. Die systematische Verwendung des Wortes ›Begriff‹ galt als Markenzeichen des Wolffianismus. ›Vorstellung‹ dagegen, mit der weiten Bedeutung ›Empfindung‹, ›Einbildung‹, mitunter aber auch ›Begriff‹, kennzeichnet seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts spezifischer das Anschaulich-Bildliche. – Eine zweite Rezeption von ›idée‹ setzte in der Mitte des 18.Jahrhunderts in einer besonders von Condillac, dann von Diderot und Jean-Jacques Rousseau entwickelten sensualistischen Prägung ein. In deutschen Übersetzungen tritt in diesem Zusammenhang die eingedeutschte Form ›Idee‹ auf. Und auch zur Bezeichnung der Denkform des Genies wird in den 1770er Jahren ›Idee‹, nicht ›Begriff‹ gewählt. Die jüngere Generation empfand die strenge Wolff’sche Methode und Wolffs Begriffs-Begriff als geistige Fessel, weswegen sich das eingedeutschte Wort ›Idee‹ anbot, um das intuitive Denken des Genies zu bezeichnen. In diesem Sinne ordnet auch Kant dem Genie die Idee zu.
Im Unterschied zu der hier skizzierten sprachreflexiven Linie findet man in der Aufklärung eine andere dominante Richtung, die das Sprachproblem eher eliminiert. Der bekannteste und oft gescholtene Fall eines sich am Wissenschaftsideal der Mathematik orientierenden und sich von der historisch-humanistischen Philologie abwendenden Denkers ist sicher René Descartes. »Die platonisch-cartesianische Perspektive der terminologischen Rationalität«, so Ralf Konersmann im Anschluss an ähnliche Gedanken bei Hans 35Blumenberg und Joachim Ritter, »ist derjenigen der historischen Semantik gerade entgegengesetzt. Bedeutungsgeschichte setzt da ein, wo die Arbeit der Erkenntnis selber historisiert und damit die Aussicht aufgegeben wird, eines Tages – und sei es nach ›Jahrhunderten‹ – den Begriff ›in seiner Reinheit‹ freizulegen.«[11]
Direkt thematisiert wird die Sprachlichkeit philosophischen Denkens auch in einem Streit zwischen Immanuel Kant und Moses Mendelssohn. Kant wendet sich gegen Mendelssohns Maxime, »alle Streitigkeiten der philosophischen Schule für bloße Wortstreitigkeiten zu erklären, oder doch wenigstens ursprünglich von Wortstreitigkeiten herzuleiten«. »Ich bin hingegen einer ganz entgegengesetzten Meinung, und behaupte, daß in den Dingen, worüber man, vornehmlich in der Philosophie, eine geraume Zeit hindurch gestritten hat, niemals eine Wortstreitigkeit zum Grunde gelegen habe, sondern immer eine wahrhafte Streitigkeit über Sachen.« Kant erweist sich als aufklärerischer Optimist, wenn er sprachliche Differenzen, etwa aufgrund von Doppeldeutigkeiten und Redundanzen, für überwindbar hält: »Denn, obgleich in jeder Sprache einige Worte in mehrerer und verschiedener Bedeutung gebraucht werden, so kann es doch nicht lange währen, bis die, so sich im Gebrauche desselben anfangs verunreinigt haben, den Mißverstand bemerken und sich an deren Statt anderer bedienen: daß es also am Ende eben so wenig wahre Homonyma als Synonyma gibt.«[12]
Kant steht ganz in der Tradition eines logisch-grammatischen Parallelismus, der von Aristoteles bis weit ins 19.Jahrhundert reicht. Für Kants wissenschaftsorientierte Philosophie besteht keine Notwendigkeit einer an Sprache orientierten Begriffsgeschichte. Indem er das Sprach- und Bezeichnungsproblem aus der theoretischen Philosophie eliminiert und die apriorischen Ideen von ihren sprachlichen Bezeichnungen gar nicht mehr unterscheidet, ist für 36sein Denken die Verbindung zwischen historischer Sprachreflexion und systematischer Philosophie verstellt. Wenn später Neukantianer Philosophiegeschichte als Problemgeschichte betreiben werden, dann teilen sie wenn vielleicht auch nicht mehr Kants Optimismus, so doch sein Verhältnis zur Sprache, weil auch bei ihnen das ›Problem‹ nicht vorrangig sprachlich konstituiert ist. Dennoch ist sicher dem Befund zuzustimmen, dass sich namentlich durch die Transzendentalphilosophie Kants mit ihrer neuen Terminologie »verstärkt ein Bewußtsein dafür entwickelte, daß eine lange Tradition der philosophischen ›Kunstsprache‹ abgebrochen wurde und fortan Begriffe nicht mehr ohne weiteres übersetzt werden können, sondern daß sich – vor allem bei der Transposition der griechischen Begriffe ins Deutsche – Differenzen ergeben, die geschichtliche Brüche und Umbrüche sichtbar werden lassen«.[13] Insbesondere Georg Gustav Fülleborn hat den Bruch in der philosophischen Begrifflichkeit mit Kant fachhistorisch reflektiert. Kants ›Revolution der Denkart‹ initiiert in Deutschland ähnliche Einsichten in den Wandel philosophischer Begriffe wie die geschichtliche Erfahrung in Frankreich in die Umbrüche der politisch-sozialen Sprache.
Bevor Kant dann an anderer Stelle, nämlich im Kapitel über das Symbol in der Kritik der Urteilskraft, noch einmal die symbolische, damit auch sprachliche Seite der Erkenntnis ansprechen wird, klagen Johann Georg Hamann und Johann Gottfried Herder gegen Kants ›Purismus der reinen Vernunft‹ die bildliche und philologisch-historische Sprachdimension ein. Die mathematische Metaphysik, so Hamann, missbrauche »alle Wortzeichen und Redefiguren unserer empirischen Erkenntnis zu lauter Hieroglyphen und Typen idealischer Verhältniße, und verarbeitet durch diesen gelehrten Unfug die Biderkeit der Sprache in ein so sinnloses, läufiges, unstätes, unbestimmtes Etwas =x […]«.[14] Hier deutet sich ein Schisma an, das im 19.Jahrhundert dominierend werden wird: Der Sprachvergessenheit der Naturwissenschaftler (und der an ihr orientierten Philosophen) korrespondiert auf der anderen Seite 37eine zunehmende Ignoranz der historisch-philologisch Forschenden gegenüber den Naturwissenschaften. Die vergleichend und fast nur noch historisch vorgehende romantische Sprachtheorie wendet sich nun von der normativ-logischen Sprachbetrachtung ab.
Doch die Sprache unterschätzen durchaus nicht alle Vertreter des Rationalismus. Eine andere prominente Zeichentheorie des 18.Jahrhunderts, an die u.a. Herder, Jean Paul und auch Novalis anknüpfen werden,[15] stammt von Johann Heinrich Lambert, einem Schüler Wolffs. Lambert unterscheidet zwischen Begriffen als Einheiten des Denkens und Bedeutungen, die immer an Zeichen gebunden sind. Während Wolff als Maxime bei der Ersetzung lateinischer Bezeichnungen durch deutsche Kunstwörter (Termini) anführt, »daß ich niemahls mehr Worte gebraucht, als die Sache erfordert, und mich aller verblümten und hochtrabenden Redens-Arten enthalten«,[16] sieht Lambert die Unhintergehbarkeit der metaphorischen Dimension wissenschaftlicher Sprachen. Er entwickelt einen komplexen Begriff von Figur, in dem visuelle, rhetorische und wissenschaftstheoretische Bedeutungen miteinander verbunden sind.
Lambert, an der Berliner Akademie tätiger Philosoph, Mathematiker und Naturforscher auf den Gebieten der Optik, Wärmelehre, Astronomie und Meteorologie, untersuchte im Semiotik-Kapitel seines Neuen Organon (1764) »die Sprache, und überhaupt die symbolische Erkenntnis in so ferne […] als sie einen Einfluß auf die Wahrheit hat«.[17] Die symbolische Erkenntnis nennt Lambert »auch figürlich, und zwar vornehmlich in so fern die Zeichen, wodurch sie vorgestellt wird, sichtbar oder Figuren sind« (II, 473). Schon Wolff, der die Zahlzeichen, die zuvor figurae numerariae genannt wurden, nun als Ziffern bezeichnet, verglich sie mit dem graphischen Zeicheninventar der natürlichen Sprachen.[18] Solche Figuren, so Lambert, böten die Zeichensysteme der Noten, der Choreographie, der 38Winde in der Nautik, der Verwandtschaftsgrade in der Rechtswissenschaft, Landkarten, die Verslehre und die Heraldik. Maßstab zur Beurteilung der Wissenschaftlichkeit eines jeden Zeichensystems sei dabei, ob »die Theorie der Sache und die Theorie ihrer Zeichen mit einander verwechselt werden können« (II, 474).
Lamberts Figuren-Konzept knüpft an die schulphilosophische Unterscheidung zwischen ›cognitio intuitiva‹ und ›cognitio symbolica‹ an. Nach Wolff stellen wir uns die Sachen entweder unmittelbar, also intuitiv oder anschaulich, oder durch Wörter beziehungsweise andere Zeichen, das heißt symbolisch oder figürlich vor. Der figürlichen Erkenntnis fehlt die Deutlichkeit und Klarheit. Sie bezieht sich auf Gegenstände, die die Vorstellungskraft nicht zu reproduzieren vermag, weil sie zu komplex oder zu abstrakt sind. Auch die Schrift ist in diesem Sinne Figur, sie ist aber für Lambert zugleich »allgemeines Magazin der Erkenntnis« (I, XV), vermittels derer wir uns über alle anderen Zeichenarten verständigen können. Die Sichtbarkeit ist nur die eine Dimension von Figur, zugleich ist »das Wort figürlich vieldeutig, und wird überhaupt von den Metaphern oder verblümten Ausdrücken gebraucht, besonders aber auch, so fern wir die abstrakten Begriffe und die Dinge der Intellektualwelt, wegen der Ähnlichkeit des Eindruckes, uns unter sinnlichen Bildern vorstellen […]. In diesen letztern Fällen ist die symbolische Erkenntnis auf eine gedoppelte Art figürlich, weil man von der eigenen Bedeutung des Wortes abgeht, und sich die Sache unter dem sinnlichen Bilde vorstellt.« (II, 473f.) Symbol und Figur, symbolisch und figürlich haben also eine Doppelbedeutung: im ›eigentlichen‹ Sinne sind es sichtbare, eines Ortes fähige Zeichen, im übertragenen und semantischen Sinne Metaphern.
Es geht Lambert nicht um Metaphern als Redeschmuck, sondern um solche, »die man in Ermangelung eigener Namen gebrauchen muß, um abstrakte und nicht in die Sinne fallende Begriffe vorstellig zu machen, und wo man folglich wissenschaftliche Begriffe damit zu benennen hat« (II, 558). Metaphern als ›empfundene Zeichen‹ sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Denn die Unanschaulichkeit der Begriffe (=Bedeutungen) zwinge uns ebenso wie die Knappheit von Wörtern dazu, »daß wir das Sichtbare mit dem Unsichtbaren,die Körperwelt mit der Intellektualwelt, die Empfindung mit den Gedanken vergleichen, und vor beide einerlei Wörter und Ausdrücke gebrauchen. Die Worte erhalten dadurch notwendig eine doppelte und zuweilen auch vielfache Bedeutung.« (I, 373) Die mehrfachen Bedeutungen sieht Lambert auch in ihrer diachronen Dimension: »Ein Begriff hat in Absicht auf seine Neuigkeit unzählige Stuffen, weil von den Merkmalen, aus welchen er besteht, mehr oder weniger neu seyn können.«[19] Lambert unterscheidet im Rahmen einer ›Theorie der Wortstreite‹ ver39schiedene Klassen von Worten. Eine umfasst die ›Kunstwörter‹, die ›termini technici‹ der Künste und Wissenschaften. Solche ›durch stufenweise Metaphorisierung‹ entstandenen Allgemeinbegriffe, die Lambert auch transzendent nennt, verweisen nicht mehr auf Gegenstände, sie sind Zeichen von Zeichen. Beispiel für einen solchen einfachen, zugleich metaphysischen Begriff ist Kraft (als physikalisches Phänomen, Verstandeskraft etc.). Hier ist der – modern gesprochen: interdisziplinäre – Streit der Worte am schwersten zu schlichten, weil zugleich Bezeichnung und Bedeutung, Onomasiologie und Semasiologie geklärt werden müssen.
Wenn die Begriffsnamen wesentlich durch Metaphorisierung entstehen, dann unterläuft das alle Versuche, sie zu einer Idealsprache umzuformen. Die gewöhnliche Sprache überträgt ihre Schwächen auf den mathematischen Zeichengebrauch. Anstatt die Sprache tatsächlich zu mathematisieren, führt Lambert selbst mathematische Verfahren auf Übertragungen zurück: »Es liegt demnach bei den algebraischen Gleichungen ein sinnliches Bild, nämlich das von der Waage, zum Grunde, weil man sich jede Gleichungen und ihre Verwandlungen unter diesem Bilde vorstellen kann.« (II, 491) Und auch die – erstaunlich modern klingenden – Begriffe der ›Erfindungskunst‹ bestimmt Lambert als Metaphern: Rückweg, Umweg, Abweg, Spur, Leitfaden, Lücke, Fragment.
Lamberts schillernder Figurenbegriff hat ein sinnliches Pendant: Wir haben »nicht schlechthin das Wahre dem Falschen entgegen zu setzen, sondern es findet sich in unserer Erkenntnis zwischen diesen beiden noch ein Mittelding, welches wir den Schein nennen« (II, 646). Ihn behandelt die – von Lambert erfundene – Phänomenologie. Die beiden letzten Kapitel des Neuen Organon (Semiotik und Phänomenologie) unterlaufen damit systematisch den reinen Gegensatz von wahr und falsch: Die Bedingungen, unter denen Wörter und Zeichen an Begriffe gebunden werden, entsprechen der Relation von Dingen und Sinnlichkeit im Schein. Der Schein der Worte wäre dann die Metapher. Wenn Lambert den Schein als allgemeines (sinnliches, psychologisches, moralisches etc.) Phänomen entfaltet, dann überträgt er entsprechend seiner Metapherntheorie Befunde, die seinen praktischen Forschungen zur Perspektive und Projektion entspringen. Umgekehrt hat der Physiker Lambert einen scharfen Blick für optische Metaphern: neben Schein, Bild oder Aufklärung seziert er insbesondere die Metapher vom ›Licht des Verstandes‹.
Figur erscheint bei Kant nicht mehr. Deren Verschwinden ist Symptom einer generellen wissenstektonischen Verschiebung. Lambert philosophiert vor Kants Dichotomie von intelligibler und phänomenaler Welt, damit auch vor der Trennung von Begriff und Symbol, von apriorischen Kategorien und natürlicher Sprache. Die 40Characteristica, seit Gottfried Wilhelm Leibniz der Erfindung eines Zeichensystems universellen Wissens dienend, werden bei Kant zum bloßen Darstellungsproblem (Hypotypose): Charakterismen sind lediglich »Bezeichnungen der Begriffe durch begleitende sinnliche Zeichen, die gar nichts zu der Anschauung des Objekts Gehöriges enthalten, sondern nur jenen, nach dem Gesetze der Assoziation der Einbildungskraft dienen«.[20] Kant hat das Symbol (und mit ihm die Metapher, aber auch den Schein) von der Erkenntnis (den Begriffen) gelöst und als Darstellungsform von Vernunftideen in die Ästhetik verlegt. Ihnen wird die Relevanz für eine Theorie des Wissens genommen. Da das ästhetische Symbol wiederum sein Medium in der Vorstellung hat, wird die Verbindung von sinnlicher Figur und Symbol gekappt. Wenn Blumenbergs spätere Rehabilitierung der Metapher den Umweg über Kants ästhetischen Symbolbegriff nehmen wird, dann ist das insofern konsequent, als seine ›absoluten Metaphern‹ den erfahrungsüberschreitenden Vernunftideen Kants korrespondieren. Der ›kleine‹ metaphorische Grenzverkehr, für den Lambert noch einen Blick haben konnte, wird dagegen schwächer gewichtet.
Drei Jahre nach dem philosophischen Hauptwerk seines Schweizer Landsmannes Lambert veröffentlicht Johann Georg Sulzer, Theologe und Ästhetiker, den »ersten seriösen Entwurf eines Wörterbuchs der philosophischen Metaphern, der jemals geschrieben wurde« – so Konersmann in seiner Genealogie von Metaphernlexika. Sulzer wünscht sich, »daß sich ein Philosoph des übermäßigen Ansehens, in welchem die Wörterbücher stehen, dazu bediente, ein Wörterbuch von den reichsten Metaphern zu liefern. […] Wenigstens ist es offenbar, daß die Metaphern einer Sprache alle Wahrheiten in sich fassen, welche man nur halb gesehen oder von weitem erblickt hat, ohne sie entwickeln zu können.« Sulzer betont den innovativen Charakter von Metaphern und »daß der Fortgang der Vernunft sehr von der Vollkommenheit des metaphorischen Theils der Sprachen abhängt«. Interessanterweise will Sulzer die Metaphern auch zur Plausibilisierung theologisch-metaphysischer Einsichten nutzen. Wenn ein Mensch durch deutliche Vernunftkenntnisse nicht von Gott, als Urheber und Erhalter der Ordnung der Natur, zu überzeugen sei, so werde ihm die »Aehnlichkeit zwischen 41dem Laufe der Natur und eines von einem geschickten Steuermanne regierten Schiffes« die Wahrheit zu empfinden geben.[21] Sulzer nimmt viele Themen Lamberts auf (Knappheit der Wörter, stufenweise Veränderung, Verdeutlichung geistiger Dinge durch körperliche) und warnt davor, dass der Ursprung der Wörter verloren geht. Er regt Wortforschungen an, die uns die »Genealogie der Wörter« im Fortgang des menschlichen Geistes aufzeigen würden.[22]
Ein nur flüchtiger Blick auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel könnte den Eindruck erwecken, dass in seiner Philosophie die wesentliche Konstellation für die Begriffsgeschichtsforschung vorliege. Dafür scheint auch zu sprechen, dass sich Joachim Ritter als Begründer des Historischen Wörterbuchs der Philosophie mit seiner Figur von Entzweiung und Kompensation auf (rechts-)hegelianische Denkfiguren beruft. Sicherlich hat Hegel mit seinem berühmten Diktum von der ›Arbeit des Begriffs‹ und seiner Idee des sich entwickelnden Begriffs das historische Denken enorm befördert, doch die philosophische Begriffsgeschichte in ihrer dominierenden Form geht aus dem Scheitern und der Kritik der Hegel’schen spekulativen Philosophie hervor.
Dabei findet sich die Vorstellung, dass es eine »innere Geschichte des Begriffs« als »innigste Vermählung der Historie und Philosophie« gebe, bereits 1804 im Zusammenhang mit dem Konzept der ›Charakteristik‹ und ›Kritik‹ bei Friedrich Schlegel – bei dem Frühromantiker also, der als der eigentliche Inaugurator der modernen Hermeneutik gilt. Gegen die zeitgenössische Praxis der »Kompilation der Meinungen und Systeme« entwickelt Schlegel eine »Bildungsgeschichte« individueller Gedankensysteme. Charakterisieren, das innere Wesen der Kritik, heißt, »daß man ein 42Werk, einen Geist verstehe, wenn man den Gang und Gliederbau nachkonstruieren kann«.[23] »Man mag nun die gediegenen Resultate einer historischen Masse in einen Begriff zusammenfassen, oder aber einen Begriff nicht bloß zur Unterscheidung bestimmen, sondern in seinem Werden konstruieren, vom ersten Ursprung bis zur letzten Vollendung, mit dem Begriff zugleich die innere Geschichte des Begriffs gebend; beides ist eine Charakteristik, die höchste Aufgabe der Kritik und die innigste Vermählung der Historie und Philosophie.« (50)
Hegel erweist sich auch hier als Systematiker der Romantik, der eine solche ›Vermählung zwischen Historie und Philosophie‹ am konsequentesten verfolgt und ausbuchstabiert. Allerdings besteht zwischen Schlegel und Hegel der gravierende Unterschied, dass Schlegel seinen Geschichtsbegriff auf individuelle Philosophen und deren Systeme bezieht, während Hegel die ›Arbeit des Begriffs‹ entsubjektiviert und entindividualisiert: »Nach dieser Idee behaupte ich nun, daß die Aufeinanderfolge der Systeme der Philosophie in der Geschichte dieselbe ist als die Aufeinanderfolge in der logischen Ableitung der Begriffsbestimmungen der Idee. Ich behaupte, daß wenn man die Grundbegriffe der in der Geschichte der Philosophie erschienenen Systeme rein dessen entkleidet, was ihre äußerliche Gestaltung, ihre Anwendung auf das Besondere, und dgl. betrifft: so erhält man die verschiedenen Stufen der Bestimmung der Idee selbst in ihrem logischen Begriffe. Umgekehrt, den logischen Fortgang für sich genommen, so hat man darin nach seinen Hauptmomenten den Fortgang der geschichtlichen Erscheinungen; aber man muß freilich diese reinen Begriffe in dem zu erkennen wissen, was die geschichtliche Gestalt enthält.«[24] Eine solche entsubjektivierte Arbeit am Begriff hat später der Neukantianismus als Problemgeschichte zu fassen versucht.
In Hegels Figur des ›spekulativen Satzes‹ wird die Historizität von Begriffen strukturell, die semantische Differenz zugleich zeitlich gefasst; bereits innerhalb eines Satzes, in der Bewegung vom Subjekt zum Prädikat, verschiebe sich die Bedeutung. Der Unter43schied zur modernen Dekonstruktion ist so groß nicht, allerdings ist für Hegel dieser dekonstruktive oder historische Prozess in seiner Totalität (oder Abgeschlossenheit) die Wahrheit, während der Poststrukturalismus sie nicht anders als in ihrem persistierenden Zerfall denken kann.
