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Wunderschön, beliebt und seit Jahren das Mädchen an der Seite des umschwärmten Quarterbacks - Holly führt ein Leben, von dem viele junge Frauen nur träumen können. Bis ein tragischer Autounfall ihrem vermeintlich sorglosen Leben und all ihren Zukunftsplänen ein jähes Ende setzt. Schwer verletzt steht sie vor der Herausforderung, einen Weg zurück in ein selbständiges Leben zu finden. Als sie endlich in ihr langersehntes Studium starten kann, kämpft Holly dort nicht nur mit den sichtbaren äußeren Narben, die regelmäßig für entsetzte oder sogar ablehnende Blicke ihrer Kommilitonen sorgen. Auch die seelischen Wunden, die sie von dem Unfall davongetragen hat, drohen immer wieder aufzureißen. Doch dann trifft sie in einem Café auf Tyler. Tyler, dessen braune Augen sie an zartschmelzende Nuss-Nougat-Creme erinnern. Der mehr in ihr sieht als all die Narben und Gebrechen. Dem es mit seiner liebevollen, warmherzigen Art gelingt, ihr gebrochenes Herz Stück für Stück wieder zusammenzusetzen. An seiner Seite glaubt Holly, endlich ihr Glück wiedergefunden zu haben. Ein sehr zerbrechliches Glück, wie sich schon bald herausstellt. Denn in Tylers Vergangenheit lauern dunkle Geheimnisse, die ihre neugewonnene Liebe auf eine harte Probe stellen - und die ihr Ex-Freund Simon nur allzu gern bereit ist, auszugraben ... Leserstimmen: "Ich mag ungemein, dass Holly nicht an ihren Narben und Verletzungen zerbricht. Dass sie nicht als gebrochene Person dargestellt wird. Als halber oder kaputter Mensch, der weniger wert ist, weil er "nicht mehr ganz und mit Mängeln" ist. Sie ist eine ganz normale junge Frau, die ihr Leben mit den Folgen des Unfalls meistert. Mal mehr, mal weniger gut." pemberley1inwonderland "Behind your Scars ist das, was ich selbst als richtig guten New Adult Liebesroman bezeichnen würde. Die Geschichte von Holly und Tyler ist herzzerreißend und fesselnd und auf ihre ganz eigene Art etwas Besonderes. Ich würde sogar sagen, dass sie einzigartig ist." ungefiltertlesen Textschnipsel: "Ich überlege ernsthaft, ob ich mich in meinem Ego gekränkt fühlen soll, weil ich nicht den tapferen Ritter spielen und dich verteidigen konnte. Aber eigentlich bin ich verdammt stolz, dass du das selbst getan hast." "Wenn ich eine Sache gelernt hatte, dann war es die, mich nicht verstecken zu müssen."
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Behind your
Scars
Playlist
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Epilog
(Behind your Past 1)
Tanya Bush
Impressum
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021
Tanya Bush
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
All rights reserved.
© Cover- und Umschlaggestaltung: Florin Sayer-Gabor – www.100covers4you.com
© Lektorat: Marita Kürschner, Lektorat Ömchen, Viersen
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Lilly.
Es gibt nichts Schöneres als Dich.
Closer to the Edge – 30 Seconds to Mars
Run – Leona Lewis
Broken - Livingston
Wings - Birdy
You’re beautiful – James Blunt
Hypnotized - Purple Disco Machine ft. Sophie and the Giants
Perfect – Ed Sheeran
The reason - Hoobastank
Someone to you - Banners
All this love - Robin Schulz ft. Harlœ
Someone you loved – Lewis Capaldi
War of Hearts (Acoustic Version) - Ruelle
Say something - A great big world ft. Christina Aguilera
Already gone - Sleeping At Last
Erase you - Catrien
You are the reason – Callum Scott
10.06.2018
»Vergiss es, Alice.«
»Komm schon, Holly, bitte!« Mit flehendem Blick schmiegte sich meine jüngere Schwester an mich und präsentierte mir ihren schönsten Schmollmund. Lachend schob ich sie von mir und schüttelte den Kopf. Die Zeiten, in denen sie mich mit diesem Blick locker um den kleinen Finger wickeln konnte, waren schon lange vorbei.
»Nein, und das ist mein letztes Wort«, entgegnete ich bestimmt.
»Warum denn nicht?«
»Weil ich deinem Fahrstil nicht traue«, erwiderte ich, ehe ich mich von meinem Platz auf der bequemen Rattan-Garnitur in unserem Garten erhob und mein luftiges Sommerkleid glattstrich.
»Ich fahre immer vorsichtig!«, empörte sie sich.
»Ja, weil bis jetzt immer Mom oder Dad neben dir gesessen haben.«
»Bitte, Holly!«, unternahm Alice einen letzten Versuch, mich weichzuklopfen. Doch ich blieb standhaft.
»Nein. Entweder fahre ich, oder wir bleiben hier.«
Ein frustriertes Schnauben kam über ihre Lippen. Bockig pustete sie sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und stolzierte, mit trotzig vorgerecktem Kinn, an mir vorbei ins Haus. Lächelnd folgte ich ihr.
Diese kleine Drama-Queen.
Doch egal, wie zickig sie sich in diesem Moment präsentierte: Sie würde es nicht darauf ankommen lassen, dass wir tatsächlich zuhause blieben. Viel zu sehr fieberte sie sie diesem Abend schon seit Tagen entgegen. Mit den Tickets für ein Open Air-Konzert ihrer Lieblingsband hatte ich das perfekte Geschenk zu ihrem sechszehnten Geburtstag vor zwei Wochen gefunden. Beim Anblick der beiden Karten war sie vollkommen aus dem Häuschen geraten. Eine Aufregung, die ihr auch heute wieder überdeutlich anzusehen war. Ein Grund mehr, sie nicht hinter das Steuer meines Mini Coopers zu lassen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es vermutlich keine besonders gute Idee wäre, einer Fahranfängerin die Fahrt von fast zweihundert Meilen zu überlassen. Selbst wenn sie sich bisher tatsächlich als vorbildliche Autofahrerin präsentiert hatte.
Als Alice nun die beiden bunt bedruckten Konzertkarten von der kleinen, antiken Kommode im Wohnzimmer angelte, hellte sich ihre Miene erwartungsgemäß wieder auf.
»Oh mein Gott, ich bin so aufgeregt!«, quietschte sie in einem trommelfellzerfetzenden Ton und hüpfte dabei wie ein Gummiball auf und ab. Gequält verzog ich das Gesicht und lächelte sie nachsichtig an.
»Gut, dass du es sagst. Vermutlich wäre es mir sonst gar nicht aufgefallen«, neckte ich sie und griff nach meiner Tasche. »Mom, Dad, wir machen uns auf den Weg!«
Wenige Sekunden später streckte Mom ihren blonden Lockenkopf aus der Küchentür. Ihr Blick zuckte von mir zu Alice. Einen Moment lang verharrte er auf ihrer jüngsten Tochter, deren Outfit für den heutigen Abend, ein bordeauxroter Jumpsuit, zugegebenermaßen äußerst knapp gewählt war. Ein leichtes Runzeln zeichnete sich auf Moms Stirn ab. Dann nahm ihr Gesicht jedoch wieder die für sie typischen weichen Züge an und sie schenkte uns ihr liebevolles Lächeln. Offenbar hatte sie sich wieder ins Gedächtnis gerufen, dass ihre Kleine inzwischen längst nicht mehr das süße, honigblonde Mädchen mit den lustigen Sommersprossen und den großen Kulleraugen von früher war. Außerdem hatte ich ihr bereits im Vorfeld versichert, heute Abend meinen Pflichten als große Schwester vorbildlich nachzukommen.
»Fahrt bitte vorsichtig, ja?«
Jetzt erschien auch Dad hinter ihr. »Du lässt sie aber nicht fahren, Holly?!«
»Dad!« Wütend verschränkte Alice neben mir die Arme vor der Brust, während ich mich grinsend abwandte. Doch unser Vater ließ sich von ihrer Empörung nicht beeindrucken. Er machte einige Schritte auf sie zu und strich ihr mit seinen großen Händen liebevoll über die Oberarme.
»Ich weiß, dass du eine tolle Fahrerin bist, Alice. Aber heute sollst du dich auf der Fahrt einfach auf das Konzert freuen können.«
Misstrauisch blickte sie ihn an. »Das sagst du jetzt nur, um nicht mit mir darüber diskutieren zu müssen.«
»Ja«, gab er unumwunden zu. »Aber glaub mir, du wirst garantiert noch die Gelegenheit bekommen, deine Schwester durch die Gegend zu kutschieren.« Alice murmelte etwas Unverständliches, gab sich dann jedoch geschlagen.
»Aber ich suche die Musik aus«, bestimmte sie.
»Meinetwegen«, brummte ich schulterzuckend. Ich würde mir später ein dreistündiges Konzert ihrer Lieblingsband anhören, also würde ich denselben Lärm auch auf der zweieinhalbstündigen Fahrt überleben. Resigniert warf ich einen Blick in Richtung unserer Eltern, die offenbar zufrieden mit unserem Kompromiss waren.
»Viel Spaß euch beiden«, sagte Mom. »Und passt auf euch auf.«
»Uns wird schon niemand klauen«, entgegnete Alice, gab den beiden einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand in Richtung der Haustür.
»Wir sehen uns morgen früh«, meinte ich und küsste sie ebenfalls im Vorbeigehen. Mom und Dad nickten. Dennoch war ich mir sicher, dass sie auf uns warten würden – egal, wie spät es wurde.
Als ich die Haustür hinter mir schloss, hatte Alice es sich bereits auf dem Beifahrersitz bequem gemacht. Durch die offenen Autofenster schepperte der unverkennbare Sound von Alternative Rock – in voller Lautstärke. Seufzend warf ich meine Tasche auf den Rücksitz und ließ mich auf den Fahrersitz fallen.
»Könnten wir uns darauf einigen, dass meine Ohren während der Fahrt noch Schonfrist haben?«, brüllte ich über den Lärm des Schlagzeug-Solos hinweg. Ich freute mich wirklich darauf, diesen Abend mit meiner kleinen Schwester zu verbringen. Doch wenn ich ehrlich war, war Alternative Rock eindeutig nicht meine bevorzugte Musikrichtung. Das wusste auch Alice, die mich nun frech angrinste. Trotzdem regulierte sie die Lautstärke auf ein erträgliches Maß.
»Glaub mir, nach diesem Abend wirst du nie wieder deinen Kaugummi-Pop hören«, prophezeite sie mir.
»Wahrscheinlich werde ich überhaupt keine Musik mehr hören – weil ich taub geworden bin.«
Alice kicherte, wobei sie ihre Nase genauso krauszog, wie sie es schon als kleines Mädchen getan hatte. Dann lehnte sie sich an die Kopflehne und blickte mit einem seligen Lächeln auf den Lippen aus dem Fenster.
Wir hatten etwa die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht, als ich meinen Mini Cooper auf den Parkplatz eines kleinen Rastplatzes lenkte. Alice, die in der letzten Stunde gedankenverloren der Musik gelauscht hatte, blickte mich fragend von der Seite an.
»Ich gehe schnell zur Toilette. Vielleicht solltest du das auch tun«, meinte ich und löste meinen Sicherheitsgurt. Allein bei dem Gedanken an die stinkenden, schmutzigen mobilen Toiletten, die bei solchen Veranstaltungen von tausenden Menschen benutzt wurden, glaubte ich, Herpes zu bekommen. Alice schüttelte energisch den Kopf. Im Gegensatz zu mir hatten solche desaströsen hygienischen Zustände ihr noch nie besonders zu schaffen gemacht. Sie war wie gemacht für Festival-Besuche. Ich hingegen bevorzugte eindeutig ein Wellness-Wochenende mit ausgiebiger Spa-Behandlung.
»Beeil dich! Ich will nicht ganz hinten stehen und mir alles nur über den Bildschirm ansehen«, scheuchte sie mich, bevor ich die Autotür hinter mir zuschlug. Ich quittierte ihre Hektik mit einer wegwerfenden Handbewegung. Wir lagen hervorragend in der Zeit.
Keine zehn Minuten später ließ ich mich wieder auf meinen Platz fallen. »Zufrieden?«, erkundigte ich mich, bevor ich einen großen Schluck aus meiner gerade gekauften Wasserflasche nahm und ihr eine weitere Flasche anbot. Meine Schwester präsentierte mir eine Flasche Cola und verzog das Gesicht. Offenbar hatte ihr mein Ausflug zu lange gedauert und sie hatte ebenfalls für Verpflegung gesorgt.
»Na ja«, murrte sie. »Den Preis fürs Schnellpinkeln gewinnst du jedenfalls nicht.«
Ich schüttelte belustigt den Kopf und startete den Motor. »Verdammt, dabei wollte ich den schon immer haben.«
Einige Minuten später warf ich einen kurzen Blick auf das im Bordcomputer integrierte Navigationsgerät.
»Wir müssen jetzt nur noch dem Highway folgen, dann kommen wir direkt zum Konzertgelände«, ließ ich Alice wissen. Sie nickte und stützte die Fersen auf dem Sitz ab, woraufhin ich ihr einen missbilligenden Seitenblick zuwarf. Sie wusste genau, dass ich es nicht leiden konnte, wenn man mit den Füßen auf meinen Ledersitzen herumtrat. Doch heute sollte ihr Tag sein, und so ließ ich sie ausnahmsweise gewähren.
»Danke«, sagte sie und sah mich von der Seite an. Stirnrunzelnd blickte ich zu ihr hinüber.
»Was meinst du?«
»Dafür, dass du das für mich tust. Für diesen Abend. Ich weiß, dass du weder diese Musik noch Konzerte im Allgemeinen besonders magst. Trotzdem fährst du mit mir dort hin.«
»Weil du mir mit dem zweiten Ticket vor der Nase herumgewedelt hast«, erwiderte ich trocken.
»Du hättest Nein sagen können.«
»Ja, vielleicht.« Ich zuckte mit den Schultern. Die Wahrheit war, dass ich in diesem Sommer so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie verbringen wollte. In wenigen Wochen würde ich in ein Wohnheim auf dem Campus der Columbia University ziehen und nur hin und wieder an den Wochenenden nach Hause kommen. Obwohl ich mich auf das College freute, schien mir die Zeit, die mir hier noch blieb, viel zu schnell zu vergehen. Die Zeit mit meiner Familie. Die Zeit mit meinen Freunden. Die Zeit mit Simon.
Simon war seit fast zwei Jahren meine große Liebe. Der Quarterback der Milton High School Footballmannschaft und die Cheerleaderin – für viele unserer Mitschüler erfüllten wir das Klischee des typischen High School-Traumpaares perfekt. Doch keiner von ihnen glaubte daran, dass unsere Beziehung auch nach unserem Abschluss von Dauer sein würde – ganz im Gegensatz zu mir. Denn ich war mir sicher, dass auch die mehr als zweitausend Meilen, die schon bald zwischen uns liegen würden, nichts an unseren Gefühlen füreinander ändern konnten.
Zweitausend Meilen. Während ich mein Grafikdesign-Studium in New York beginnen würde, hatte Simon ein Sportstipendium für die Winterdale University bekommen, einem der renommiertesten Colleges Montanas, das nur fünfzig Meilen von unserem Heimatort Milton entfernt lag. Ebenso wie auf der High School würden die Mädchen ihm vermutlich auch auf dem College in Scharen hinterherlaufen. Immerhin hatte diese perfekte Mischung aus dem Körper eines Sportlers gepaart mit jungenhaftem Charme, einem unwiderstehlichen Lächeln und einem beneidenswerten Selbstbewusstsein auch mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Dennoch war es mir bisher gelungen, die leisen Zweifel an seiner Treue, die sich in meine Gedanken schoben, zur Seite zu drängen.
»Trotzdem, danke«, riss Alice mich aus meiner Grübelei an meinen Freund und die Zukunft. Ich lächelte und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als plötzlich viel zu viele Dinge auf einmal geschahen. Durch das geöffnete Fenster hörte ich das Aufheulen eines offenbar getunten Motors, gefolgt von dem quietschenden Geräusch durchdrehender Reifen auf dem heißen Asphalt. Über die Anhöhe, die wir gerade hinauffuhren, trieb eine riesige Staubwolke auf uns zu. Atemlos krallte ich meine Finger um das Lenkrad und trat, so fest ich konnte, auf das Bremspedal. Doch zu spät. Sekunden später schossen zwei viel zu schnelle Fahrzeuge nebeneinander über die Bergkuppe, direkt auf uns zu. Alices entsetzter, markerschütternder Schrei fuhr mir bis in mein Innerstes. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte ich einen roten Mustang erkennen, ehe es einen ohrenbetäubenden Knall gab und sich alles um mich herum zu drehen begann. Es fühlte sich an, als würde ich in einen Strudel gezogen. Mehrere Male schlug ich hart mit dem Kopf an und versuchte verzweifelt, Halt zu finden. Nach einer gefühlten Ewigkeit im freien Fall wurde es schwarz vor meinen Augen.
Als ich wieder zu mir kam, wusste ich nicht, ob Minuten vergangen waren, oder lediglich Sekunden. Ich konnte nur mit Sicherheit sagen, dass es keine Stelle meines Körpers gab, die nicht schmerzte. Mein Kopf dröhnte und auf meiner Zunge machte sich der widerliche, metallische Geschmack von Blut breit. Meine Arme und Beine wagte ich gar nicht erst zu bewegen. Langsam wandte ich meinen Kopf nach rechts – zu dem Platz, auf dem eben noch Alice gesessen hatte. Doch der Beifahrersitz war leer.
»Alice?« Nur mit Mühe gelang es mir, mich einigermaßen zu orientieren. Es dauerte einige Augenblicke, bis sich der Anblick, der sich mir bot, zu einem sinnvollen Bild zusammensetzte. Vermutlich wollte mein Verstand auch gar nicht das wahrhaben, was sich unaufhaltsam seinen Weg in meinen Kopf bahnte. Als ich hektisch nach Luft schnappte, fühlte es sich an, als würden Glassplitter in meiner Lunge stecken. Langsam ließ ich meine zitternden Finger über den verlassenen Sitz neben mir gleiten. Dabei schmerzte jede Bewegung so sehr, als würde mir jemand einen glühenden Dolch in den Arm rammen. Meine Augen zuckten zu dem grausamen Bild, das ich einfach nicht zulassen wollte. Auf meiner Seite war das Glas der Windschutzscheibe von tausenden kleinen Rissen durchzogen. Auf der Beifahrerseite war sie schlichtweg nicht mehr vorhanden. An den Seiten des riesigen Loches, das darin prangte, waren einige Splitter stehengeblieben. Von den oberen Rändern tropfte Blut.
»Alice!« Panik stieg in mir auf. Mein Magen schnürte sich zu einem schmerzhaften Knoten zusammen und die Übelkeit bahnte sich unaufhaltsam ihren Weg. Mit zitternden Fingern öffnete ich meinen Sicherheitsgurt. Ich wollte aussteigen, doch die Fahrertür war vollkommen verbogen. Mehrere Male warf ich mich schwach dagegen, wobei jedes Mal ein stechender Schmerz meine Seite hinauffuhr. Außer mir vor Angst blickte ich von links nach rechts. Ich musste Alice finden! Es gab nur eine einzige Möglichkeit, um aus dem Auto zu gelangen - durch das Loch in der Windschutzscheibe. Tausende Glassplitter bohrten sich in meine Handflächen, als ich mich auf der Motorhaube abstützte, um mich aus dem Wagen zu ziehen. Die stehengebliebenen Ränder kratzten über meine nackte Haut und hinterließen tiefe Schnittwunden. Sofort spürte ich, wie mehrere warme Rinnsale meine Arme hinunterliefen. Doch all die Schmerzen traten angesichts der Angst um meine kleine Schwester in den Hintergrund. Keuchend vor Anstrengung wollte ich mich aufrichten, doch meine Gliedmaßen verweigerten mir jegliche weitere Zusammenarbeit. Mein Arm knickte weg, als gehöre er nicht zu meinem Körper. Ein scharfer Schmerz schoss durch ihn hindurch und ließ mir Tränen in die Augen schießen. Kopfüber rutschte ich von der kurzen Motorhaube und schlug davor hart auf dem staubigen Boden auf. Ächzend hob ich den Kopf und ließ meine Augen hektisch über die Umgebung wandern. Warum zur Hölle war Alice aus dem Wagen geschleudert worden? Sie war doch angeschnallt gewesen! Sie war doch angeschnallt gewesen, oder? Hatte sie, nachdem sie sich auf dem Rastplatz ihre Cola besorgt hatte, ihren Sicherheitsgurt nicht wieder angelegt? Ich hatte nicht darauf geachtet. Warum hatte ich verdammt nochmal nicht darauf geachtet? Unaufhaltsam liefen verzweifelte Tränen über mein Gesicht, während ich weiter versuchte, meine Schwester zu finden. In der Ferne ertönten die Sirenen mehrerer Rettungswagen. Plötzlich entdeckte ich in einiger Entfernung, hinter einem vollkommen verdorrten Busch, einen platinblond gefärbten Haarschopf. Der dazugehörige Körper lag, reglos und merkwürdig verdreht, auf dem Boden.
»Alice«, wisperte ich. »Alice, ich bin da. Ich komme zu dir.« Da meine Beine mir noch immer nicht gehorchen wollten, kroch ich Zentimeter für Zentimeter bäuchlings durch den Staub. Jede verdammte Bewegung schmerzte so sehr, dass es mich beinahe um den Verstand brachte. Doch der Gedanke, meiner Schwester helfen zu müssen, verdrängte meinen eigenen Schmerz. Merkwürdig, dass mir gar nicht aufgefallen war, dass Alice sich für das Konzert die Haarspitzen rot gefärbt hatte. Ärgerlich schüttelte ich den Kopf über diesen absurden und vollkommen unangebrachten Gedankengang. »Alice, ich bin gleich da.« In meinem Kopf begann es zu kribbeln, gleichzeitig stieg mir mit einer solchen Geschwindigkeit die Galle die Kehle hinauf, dass ich mich augenblicklich übergeben musste. »Nur noch ein paar Meter, nur noch ein winziges Stück«, versuchte ich mir selbst Mut zuzusprechen. Doch mein Körper verweigerte mir nun endgültig jegliche Zusammenarbeit. Ich wollte vor mich greifen, um mich weiterzuziehen, aber mein Arm bewegte sich einfach nicht. Der verzweifelte Hilferuf, den ich ausstoßen wollte, blieb mir in der Kehle stecken. Ein erstickter Laut drang aus meinem Mund, während es sich anfühlte, als hätte ich einen Knoten in der Zunge. Das Kribbeln breitete sich von meinem Kopf über den gesamten Körper aus. Mit letzter Kraft hob ich den Blick und starrte auf etwas Dunkelrotes, Klebriges, das in einem kleinen Rinnsal auf mich zulief und meine Finger benetzte. Entsetzt stellte ich fest, dass es von Alice ausging. Und, dass es ganz offensichtlich keine Farbe war, die ihre blonden Haare rot gefärbt hatte, sondern Blut. Noch bevor mir wirklich bewusst wurde, was das bedeutete, wurde ich in einen tiefen Abgrund gezogen und um mich herum wurde es schwarz.
2 Jahre später
»Es ist mir wirklich schleierhaft, wie ich mit jemandem wie dir befreundet sein kann.« Ashley rümpfte die Nase und schüttelte sich theatralisch. Ich bemühte mich um einen ernsten Gesichtsausdruck und versteckte mein amüsiertes Grinsen hinter meiner Tasse. Es hätte, aus meiner Sicht, einige Dinge gegeben, die ihre Aussage rechtfertigen würden. Dass ausgerechnet meine morgendliche Getränkeauswahl dafür sorgte, dass sie nun angewidert ihr Gesicht verzog, war wirklich etwas erfrischend Neues. Ich zuckte mit den Schultern und tat betont unbeteiligt, bevor ich an meinem Kräutertee nippte.
»Ich bin eben nicht so ein Koffeinjunkie wie andere Leute in meinem Alter«, meinte ich.
»Offensichtlich.« Meine Mitbewohnerin und beste Freundin schüttelte noch einmal ungläubig den Kopf, ehe sie mit einem einzigen Bissen beinahe die Hälfte ihres Bagels verschlang und mit einem großen Schluck Milchkaffee nachspülte. Unglaublich, dass lediglich drei Monate vergangen sein sollten, seitdem wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Erst kurz vor Semesterbeginn hatte ich mich entschieden, mein Studium tatsächlich anzutreten. Zu unsicher war ich zuvor gewesen, ob ich dieser Veränderung in meinem Leben gewachsen sein würde – sowohl psychisch als auch körperlich. Natürlich war es zu dieser Zeit praktisch unmöglich gewesen, noch eine entsprechende Unterkunft zu finden. Ein einziges freies WG-Zimmer in unmittelbarer Nähe zum Campus hatte ich im Internet noch ausfindig machen können – und das hätte ein ziemliches Loch in mein monatliches Budget gerissen. Doch als ich an einem Freitagnachmittag den breiten, lichtdurchfluteten Flur betrat, wusste ich, dass diese Wohnung jeden verdammten Dollar, den ich dafür ausgab, wert sein würde. Und wenn ich mich dafür in der zweiten Hälfte des Monats nur noch von Leitungswasser und Tütensuppen ernähren musste. Jeder einzelne Raum war einfach wunderschön hell und einladend eingerichtet, das zu vermietende Zimmer war erstaunlich geräumig und sowohl Bad als auch Küche waren mit den modernsten Geräten und Armaturen ausgestattet. Und, dass die Wohnung sich im Erdgeschoss befand, stellte für mich einen nicht von der Hand zu weisenden Vorteil dar. Jeden Tag mehrere Treppen bewältigen zu müssen, wäre undenkbar gewesen. Alles in allem war diese Wohnung einfach ein Traum. Wäre da nicht Blake, mein potenzieller Mitbewohner, gewesen. War er am Telefon noch äußerst freundlich und zuvorkommend, beantwortete er mir meine Fragen jetzt nur so knapp wie möglich und ich hatte Glück, wenn er dabei überhaupt von seinem Smartphone aufsah. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass er es gar nicht abwarten konnte, mich wieder loszuwerden. Und dieser Eindruck erhärtete sich noch, als es nach einiger Zeit an der Tür klingelte und eine junge Frau mit wilden, dunklen Locken und meterlangen Beinen die Wohnung betrat. Ashley, wie ich später erfuhr. Obwohl ich Blake gerade mitgeteilt hatte, dass ich das Zimmer sehr gerne nehmen würde, war ich von diesem Moment an Luft für ihn. Strahlend scharwenzelte er um Ashley herum, gab ihr bereitwillig Auskunft und versprach ihr, dass man garantiert noch etwas an der Höhe der Monatsmiete machen könne. Ich hingegen stand fassungslos im Flur und kam mir vor wie ein altes, abgestelltes Möbelstück, das nur darauf wartete, auf den Sperrmüll verfrachtet zu werden.
»Also hat sich die Wohnung für mich erledigt?«, fragte ich wütend, nachdem er sie ein weiteres Mal wortlos an mir vorbeigeführt hatte, um sie über die Vorteile der ebenerdigen Regenwalddusche aufzuklären. Blake räusperte sich und warf Ashley einen entschuldigenden Blick zu, bevor er sich langsam, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, mir zuwandte.
»Weißt du«, murmelte er und blickte sich erneut zu der offensichtlichen Mitbewohnerin seiner Wahl um, die nun eingehend das Badezimmer begutachtete. »Nimm es nicht persönlich, aber ehrlich gesagt bin ich nicht wirklich auf einen behinderten Mitbewohner eingestellt.« Fassungslos starrte ich ihn an. Ja, ich hatte einige körperliche Einschränkungen. Aber ich selbst sah mich nicht als behindert an. Warum war ausgerechnet heute einer der Tage, an denen ich meinen Gehstock benötigte? Ich wollte eine schlagfertige Antwort geben, doch mein Selbstbewusstsein schien sich gerade in Luft aufgelöst zu haben. Blake hatte mich ein Stück zur Seite gezogen, um möglichst leise sprechen zu können – allerdings nicht leise genug. Noch ehe ich eine passende Antwort parat hatte, baute Ashley sich in der Badezimmertür auf und sah ihn mit gerunzelter Stirn an.
»Du studierst auch hier?«, fragte sie ihn mit honigsüßer Stimme, die so gar nicht zu ihrer Körperhaltung passen wollte.
Blake nickte. »Biochemie, viertes Semester.«
»Schön«, erwiderte Ashley und hob ihre Tasche auf, die sie im Flur auf dem Boden abgelegt hatte. »Dann werden wir mal sehen, ob du das fünfte Semester noch erleben wirst. Mein Onkel ist der Präsident dieser Universität. Und das hier, mein Freund, ist ein eindeutiger Fall von Diskriminierung und Mobbing.« Mit herausfordernd hochgezogenen Augenbrauen und in die Hüften gestemmten Händen blickte sie ihn an, während ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht wich.
»Nein … ich … das habt ihr ganz falsch verstanden …«, stammelte er.
»Danke, ich habe genug gesehen«, meinte sie und packte mich am Arm. »Komm, wir verschwinden.« Ich war so perplex, dass ich nicht einmal reagieren konnte und ihr einfach wortlos folgte. Vor dem Haus lehnte sie sich an einen Baum und schloss einen Moment die Augen. »Idiot«, knurrte sie.
»Ist dein Onkel wirklich der Präsident der Uni?«, fragte ich, weil mir kein besseres Thema einfallen wollte, um ein Gespräch zu beginnen.
»Natürlich nicht«, grinste sie und blickte mich aus ihren blauen Augen belustigt an. »Aber dieser Typ hat den Schrecken auf jeden Fall verdient. Hast du gesehen, wie panisch er geguckt hat?« Sie lachte laut auf, bevor sie mir ihre Hand entgegenstreckte. »Ich bin Ashley.«
»Holly«, entgegnete ich und erwiderte ihren Handschlag.
»Na ja«, seufzte sie. »Dann muss ich wohl noch ein weiteres Jahr im Wohnheim verbringen.«
»Du hättest das Zimmer aber garantiert bekommen«, meinte ich und biss mir auf die Unterlippe. Ashley zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.
»Glaubst du, ich will mir mit so einem Schwachmaten die Wohnung teilen? Nur über meine Leiche! Bei so einer Unverschämtheit müssen wir Mädels zusammenhalten.«
»Danke«, entgegnete ich ehrlich gerührt. Nie zuvor hatte sich jemand, außerhalb meiner Familie, so sehr für mich eingesetzt. Weder vor dem Unfall, und erst recht nicht danach.
»Keine Ursache«, winkte Ashley ab. »Was ist mit dir? Hast du einen Plan B?«
Resigniert schüttelte ich den Kopf. »Ich habe mich erst vor Kurzem entschieden, herzukommen. Wenn ich jetzt kein Zimmer finde, wird es dieses Jahr wohl nichts mit dem Studium.«
»Verstehe.« Sie verzog nachdenklich den Mund, bevor sich ein verschwörerisches Grinsen auf ihrem Gesicht breitmachte. »Dann hast du wirklich Glück, mich getroffen zu haben. Mein Onkel ist zwar nicht der Präsident, aber er ist in der Verwaltung dafür zuständig, die Zimmer im Wohnheim zu verteilen. Also für uns wesentlich nützlicher als der Präsident.« Sie zwinkerte mir gut gelaunt zu, bevor sie sich von dem Baum abstieß und mir bedeutete, ihr zu folgen. »Das wäre doch gelacht, wenn wir keine Unterkunft für dich finden würden.«
»Warum tust du das für mich?«, fragte ich misstrauisch. »Ich meine, du kennst mich doch überhaupt nicht.« Ashley nickte andächtig, dann zuckte sie unbeschwert mit den Schultern.
»Keine Ahnung, wahrscheinlich kommt da einfach meine soziale Ader durch. Und irgendwie bist du mir sympathisch.«
Natürlich gelang es ihr, ein Zimmer im Wohnheim für mich zu ergattern. Und nicht nur irgendein Zimmer, sondern das ihrer bisherigen Mitbewohnerin. Das Zusammenleben der Beiden hatte sich von Anfang an als äußerst schwierig erwiesen, und so waren letztendlich beide froh, endlich wieder getrennte Wege gehen zu können. War es verrückt, Ashley nach dieser kurzen Zeit schon als die beste und ehrlichste Freundin zu bezeichnen, die ich jemals gehabt hatte? Definitiv ja. Konnte ich überhaupt einen anderen Ausdruck für sie finden? Definitiv nein. Ich hatte nie echte Freunde gehabt. Solche, die nicht nur auf Äußerlichkeiten oder ein gut gefülltes Bankkonto achteten. Die einem ohne Hintergedanken einen Gefallen taten, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. In Ashley hatte ich nun eine solche Freundin gefunden.
»Du hast schon wieder diesen grüblerischen Blick drauf«, bemerkte sie jetzt, während sie sich die Hände an ihrer Serviette abwischte, und riss mich damit aus meinen Überlegungen. Ich schüttelte kurz den Kopf, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen.
»Ich war in Gedanken«, murmelte ich und schob meine Tasse auf dem Tisch vor mir hin und her.
»Was du nicht sagst«, entgegnete meine Mitbewohnerin und schüttete den letzten Rest ihres Milchkaffees hinunter. »Weniger grübeln, mehr lächeln, Holly.« Ich schmunzelte über ihre beneidenswerte Unbeschwertheit und bemerkte im selben Augenblick, wie einer meiner Kommilitonen mich vom Nebentisch aus ganz ungeniert anstarrte. Herausfordernd reckte ich das Kinn nach vorne und hielt seinem Blick stand. Wenn es eine Sache gab, die ich in der Vergangenheit gelernt hatte, dann war es die, mich nicht verstecken zu müssen. Ich musste mich nicht für Dinge schämen, für die ich nichts konnte. Und genau so war es. Ich konnte nichts dafür, dass sich mein Gesicht noch immer zu einer schiefen Maske verzog, wenn ich auch nur ein Lächeln andeutete. Ich konnte nichts für all die Narben, die sich – teils für andere sichtbar, teils verborgen – über meinen gesamten Körper zogen. Genauso wenig wie ich etwas dafürkonnte, dass ich mich an manchen Tagen nur mit Hilfe meines Gehstockes aufrecht auf den Beinen halten konnte. Das alles hatte ich mir nicht ausgesucht. Doch ich hatte gelernt, damit zu leben.
Die Gesichtsfarbe des Kerls am Nebentisch wechselte zu einer ertappten, beschämten Röte, bevor er unruhig auf seinem Stuhl herumrutschte und den Blick abwandte. Langsam pustete ich die Luft durch meine halbgeöffneten Lippen. Ja, ich hatte mich mit meiner Situation arrangiert. Doch das hieß noch lange nicht, dass mir dieses Arrangement immer leichtfiel.
Die vergangenen zwei Jahre waren für mich eine Aneinanderreihung von Kämpfen gewesen: gegen die Wut, gegen den Schmerz, gegen meinen eigenen Körper – aber vor allem gegen das Aufgeben. Die meisten von ihnen hatte ich gewonnen. Doch die meisten waren eben nicht alle. Noch immer träumte ich in einigen Nächten viel zu detailgetreu von dem Unfall, der nicht nur mein Leben, sondern das meiner gesamten Familie verändert hatte. Noch immer schreckte ich hoch und konnte nur mit Mühe meinen hämmernden Herzschlag beruhigen, wenn ich in der Nähe ein glockenhelles Lachen hörte, das dem von Alice so ähnlich war. Und noch immer gab es Tage, an denen mich die Trauer darüber, meine Schwester verloren zu haben, überwältigte. Als ich Wochen nach dem Unfall endlich aus dem künstlichen Koma geweckt worden war, war die Beerdigung schon lange vorbei gewesen. Anfangs konnte ich mich nur bruchstückhaft an die Ereignisse jenes Tages zurückerinnern. Doch das ungute, panische Gefühl, das mich beim Anblick von Alices leblosem Körper beschlichen hatte, die dunkle Vorahnung, dass sie womöglich nicht nur verletzt war, war und blieb in meinem Kopf mehr als präsent. Neben dem Verlust hatte ich lange damit gehadert, mich nicht von ihr hatte verabschieden zu können. Wochenlang hatte ich in meinem Krankenhausbett gelegen, irgendwo in einem Dämmerzustand zwischen schlafen und weinen. Immer wieder hatten sowohl die Ärzte und Krankenschwestern als auch meine Eltern auf mich eingeredet, dass ich gesund werden musste. Doch ich wollte und konnte mir ein Leben ohne Alice einfach nicht vorstellen. Bis eines Morgens Mona, meine Trauerbegleiterin, aufgetaucht war. Sie war nur wenige Jahre älter als ich. Trotzdem strahlte sie auf eine merkwürdige Art eine unglaubliche Lebenserfahrung aus. Durch die vielen, stundenlangen Gespräche mit ihr hatte ich erkannt, dass es in Ordnung war, wenn ich trauerte. Dass der Schmerz sich verändern, aber niemals ganz verschwinden würde. Und, dass es in Ordnung war, wenn ich ihn zuließ. Ich erkannte aber auch, dass nicht ich es war, die bei diesem Unfall gestorben war, sondern Alice. Ich hatte überlebt und damit eine Zukunft. Ich wollte nicht in der Vergangenheit festhängen, so wie es andere nach einem solchen Schicksalsschlag taten. Meine Schwester hätte ein solches Leben nicht für mich gewollt. Und ich wollte es auch nicht. Denn auch, wenn ich versuchte weiterzumachen, bedeutete das nicht, dass ich sie jemals vergessen würde.
Nach viel zu langer Zeit konnten wir also auch damit beginnen, meinen Körper wieder zum Leben zu erwecken. Der Unfall hatte unzählige äußere Verletzungen verursacht. Noch während ich im Koma lag, waren etliche Operationen vorgenommen worden. Der erste Blick in den Spiegel war für mich ein Schock gewesen. Der einzige Trost war, dass die zahlreichen Medikamente, die ich bekam, die unausweichlichen Schmerzen soweit milderten, dass sie mich nicht um den Verstand brachten. Wesentlich langwieriger waren die Folgen der schweren Kopfverletzungen, die ich erlitten hatte. Zahllose Funktionen des Körpers, die für andere selbstverständlich waren, musste ich neu erlernen. Ich konnte nicht selbständig essen, von Laufen ganz zu schweigen. Meine Sprache war verwaschen und langsam und ich konnte mich nur schwer auf etwas konzentrieren. Mehr als einmal wollte ich aufgeben, die Therapie einfach abbrechen. Doch die Hoffnung, die bei den kleinsten Fortschritten in den Augen meiner Eltern aufblitzte, ließ mich weiterkämpfen. Heute, zwei Jahre später, konnte ich mein Leben wieder beinahe selbständig führen. Von meinem zuvor so perfekten Äußeren war allerdings nicht mehr viel übriggeblieben. Über meine linke Gesichtshälfte zog sich eine lange Narbe und auch die Haut hatte an dieser Stelle transplantiert werden müssen. Bei genauerem Hinsehen sah man, dass mein rechtes Auge ein wenig nach unten hing, ebenso wie mein rechter Mundwinkel. Meine langen, blonden Haare hatte ich mir zu einer pflegeleichten Kurzhaarfrisur schneiden lassen. So war es schlicht und ergreifend einfacher zu stylen, wenn ich an schlechten Tagen nur mit einer Hand hantieren konnte. Auch alle meine Pläne für die Zukunft hatte ich über Bord werfen müssen. An ein Design-Studium war nicht einmal ansatzweise zu denken. Ich hatte noch immer nicht genug Kontrolle über meine rechte Hand, um exakte Zeichnungen anfertigen zu können. Die Columbia University war für mich in unerreichbare Ferne gerückt, denn seit dem Unfall hatte ich mich in kein Auto mehr gesetzt – zumindest nicht, ohne mich mithilfe von Medikamenten in ein Delirium zu versetzen. Also hatte ich mich für ein Journalistik-Studium an der Winterdale University eingeschrieben. Nicht wirklich das College meiner Träume, doch von hier aus konnte ich in einer knappen halben Stunde mit der Bahn zuhause sein.
»Holly?« Verwundert wandte ich mich in die Richtung, aus der die helle Frauenstimme gekommen war. In einiger Entfernung kam eine junge Studentin auf mich zu, die mir merkwürdig bekannt vorkam. »Holly Summers?«
»Ähm … ja?« Nun blieb meine Kommilitonin direkt neben unserem Tisch stehen und blickte mich mit einem honigsüßen Lächeln an, das alles andere als echt wirkte.
»Wow, du bist ja wirklich eine Großbaustelle.« Wie reizend. Ihre Worte standen in einem krassen Gegensatz zu dem immer noch beinahe unschuldig wirkenden Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag. In mir keimte ein furchtbarer Verdacht auf.
»Liza?«, fragte ich, um mich zu vergewissern. Liza Meadows. Sie war ein Teil des riesigen Freundeskreises gewesen, der sich um Simon und mich geschart hatte. Wie alle anderen eine flüchtige Bekannte, mit der ich niemals auch nur ein einziges ernsthaftes Wort gewechselt hatte. Früher hatte ich mitgelacht, wenn sie mit ihrer mehr als direkten Art jemanden vor den Kopf gestoßen hatte. Doch damals war niemals ich das Opfer gewesen. Kein Wunder, dass ich sie nicht auf Anhieb erkannt hatte. Bis auf ihren unverschämten Kommentar erinnerte nichts mehr an die Liza, die ich kennengelernt hatte. Ich hatte sie als bildhübsches Mädchen in Erinnerung, doch seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte, war an ihrem Körper offenbar ein Schönheitschirurg am Werk gewesen – mehr als einmal. Die Lippen wirkten unnatürlich voll, die Wangenknochen lagen deutlich höher als früher. Auch der leichte Höcker auf ihrem Nasenrücken war verschwunden. Die ehemals dunklen Locken trug sie nun geglättet und blond gefärbt. Unwillkürlich zuckte mein Blick zu ihren Brüsten, denn auch die waren einfach nicht zu übersehen. Da hatte jemand ganze Arbeit geleistet. Sie überging meine Frage einfach, als stände es außer Frage, dass ich mich an sie erinnerte, und zog stattdessen die zu einer dünnen Linie gezupften Augenbrauen scharf zusammen, was ihrem Blick eine unangenehme Härte verlieh.
»Ich habe gehört, dass du im Kopf nur noch eine matschige Tomate sein sollst«, fuhr sie fort. »Aber da du hier bist, war das wohl nur ein Gerücht. Zumindest in deinem Kopf scheint wohl alles noch zu funktionieren.« Der abschätzige Blick, mit dem sie mich nun von oben bis unten taxierte, schnürte mir die Kehle zu und ließ mich empört nach Luft schnappen. Einen viel zu langen Moment verharrten ihre Augen auf meinem Gehstock, ehe sie mir hinterlistig ins Gesicht grinste. Ich atmete einige Male tief durch, um meine Wut über ihre Dreistigkeit unter Kontrolle zu bekommen. Dann setzte ich ebenfalls ein falsches Lächeln auf und blickte sie mitleidig an.
»Weißt du, Liza, vielleicht solltest du mal einen Blick in den Spiegel werfen. Und dann können wir darüber reden, wer von uns beiden die Großbaustelle ist. Ich habe vielleicht ein paar Narben im Gesicht, aber mich erkennen die Menschen wenigstens noch wieder, ohne genauer hinsehen zu müssen.« Zufrieden beobachtete ich, wie das Grinsen auf ihrem Gesicht erstarb, während um uns herum einige Kommilitonen, die alles mitangehört hatten, zu kichern begannen. »Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest – mein matschiges Tomaten-Gehirn hat noch eine Vorlesung.« Unter dem fassungslosen Blick aller Anwesenden erhob ich mich langsam, nahm meinen Gehstock und meine Tasche, und humpelte so würdevoll, wie es mir eben möglich war, davon. Dass ich dabei die Lippen fest aufeinanderpresste und nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte, schien niemand zu bemerken.
»Du glaubst nicht, was wir heute im Anatomiekurs gemacht haben«, sagte Ashley, als wir uns, nach unserem letzten Kurs in dieser Woche, auf den Weg zum nahegelegenen Café machten. Der begeisterte Ausdruck auf ihrem Gesicht ließ nichts Gutes erahnen. Hatte sie dieses Strahlen in den Augen, wenn sie von ihrem Lieblingskurs des Tiermedizinstudiums erzählte, dann war der Grund dafür in der Regel extrem ekelhaft oder zumindest blutig. Geschichten dieser Art hatte ich in der kurzen Zeit, in der wir zusammenwohnten, schon deutlich öfter gehört, als es mir lieb war – bevorzugt in den Momenten, in denen ich ursprünglich etwas hatte essen wollen. Der Appetit war mir daraufhin meistens gründlich vergangen.
»Ich glaube, ich lebe lieber weiter mit meiner Unwissenheit darüber«, entgegnete ich deshalb aus reinem Selbstschutz und verzog angewidert das Gesicht. Das Grinsen meiner Mitbewohnerin wurde noch breiter, doch sie beließ es dabei – zumindest vorerst. Zufrieden öffnete ich die Tür des Cafés neben dem Campus und sog den unwiderstehlichen Duft nach frischem Gebäck ein, der mir entgegenschlug. Ich seufzte zufrieden. Nach dem nervenaufreibenden Zusammentreffen mit Liza am Vormittag hatte ich mir einen meiner geliebten Marshmallow-Donuts mehr als verdient.
»Es bleibt doch dabei, dass wir heute Abend auf diese Party gehen, oder?«, fragte Ashley, nachdem sie sich an der Theke hinter mir eingereiht hatte. Nervös nagte ich an meiner Unterlippe. Früher hätte ich keinen Augenblick mit der Antwort gezögert. Nein, früher hätte man mir diese Frage gar nicht erst stellen müssen. Es war kein Wochenende vergangen, an dem Simon und ich nicht zu irgendeiner gigantischen Party eingeladen gewesen waren. Das war praktisch unvermeidlich, wenn man mit dem Quarterback der örtlichen High School zusammen war. Doch ich war nicht nur Simons hübsches Anhängsel gewesen, sondern hatte diese Einladungen genossen. Mir gefiel es, mich mit ihm zu zeigen. Ebenso wie die Tatsache, viele Menschen um mich herum zu haben, mit denen man einen Abend lang den Ernst des Lebens, der vor uns lag, vergessen konnte. Freunde. Wohl eher die Sorte Menschen, die sich von einem abwandten, wenn man nicht mehr in ihr perfektes, sorgenfreies Weltbild passte. Beinahe unmerklich schüttelte ich den Kopf, um den Gedanken daran, wie viele Menschen mich einfach fallengelassen hatten, schnellstmöglich wieder loszuwerden.
»Klar«, sagte ich deshalb betont fröhlich und zwang mich zu einem Lächeln in die Richtung meiner Freundin. Als sich die Schlange vor mir langsam weiterbewegte, zog ich nach und senkte den Blick nachdenklich zu Boden, bevor ich einige Male tief durchatmete. Es war nur eine Party. Kein Grund, sich deswegen so verrückt zu machen. Allerdings würde dies für mich die erste Party seit über zwei Jahren sein. Die Zeiten hatten sich geändert. Ich hatte mich geändert. Früher stand ich gerne im Mittelpunkt. Heute saß ich in meinen Kursen in der hintersten Reihe, um zumindest den meisten neugierigen Blicken der anderen Studenten zu entgehen. In einer solchen Veranstaltung sah ich inzwischen nur noch eine Ansammlung von viel zu vielen Menschen, die mich vermutlich ansahen, als wäre ich der Glöckner von Notre Dame. Bei dem Gedanken bildete sich augenblicklich ein unangenehmer Kloß in meinem Hals. Bisher hatte ich mich erfolgreich um jede Party auf dem Campus drücken können. Doch damit war jetzt endgültig Schluss. Ich wollte nicht schon zu Beginn meines Studiums als die merkwürdige Außenseiterin abgestempelt werden, die sich in ihrem Zimmer verschanzte, während die anderen Spaß hatten. Diese Person war ich nie gewesen – und ich wollte auch nicht dazu werden.
»Einen schwarzen Kaffee und einen Marshmallow-Donut, bitte.« Bei diesen Worten hob ich mit einem Ruck den Kopf und starrte entsetzt auf den Hinterkopf des Typen vor mir.
»Nein!«, entfuhr es mir, bevor ich es verhindern konnte. Der Kerl drehte sich um und ich blickte in warme Augen, deren Farbe mich unwillkürlich an zartschmelzende Nuss-Nougat-Creme erinnerte.
»Nein?« Skeptisch musterte er mich unter hochgezogenen Augenbrauen.
»Ich … ähm …«, stammelte ich, während ich spürte, wie die Hitze meinen Hals emporkroch. Sollte ich wirklich vor aller Augen zugeben, dass es mich aus der Fassung brachte, dass er mir meinen letzten Lieblingsdonut vor der Nase wegschnappte? Ehe ich mich entschieden hatte, ob ich mir diese Blöße tatsächlich geben wollte, war meine Mitbewohnerin zur Stelle.
»Den hatte sie schon mit den Augen ausgezogen und sich vorgestellt, wie sie sich genüsslich mit ihm vereinigt«, rief sie von hinten über meine Schulter hinweg. Sofort schoss die Röte bis zu meinem Haaransatz.
»Vielen Dank, Ash. Du bist wirklich eine große Hilfe«, zischte ich in ihre Richtung.
»Ich weiß, Liebes«, grinste sie und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
»Wir sprechen aber schon noch von dem Donut?«, erkundigte sich der Gebäckdieb nun und versuchte dabei nicht einmal, das amüsierte Zucken, das seine Mundwinkel umspielte, zu verbergen. Stattdessen fuhr er sich mit den Fingern durch die eh schon wirren, dunklen Haare.
»Die schmecken eben einfach göttlich«, murmelte ich und warf einen letzten, wehmütigen Blick auf das Objekt meiner Begierde, bevor es vollständig in der Serviette verschwand und über die Theke gereicht wurde. Hinter mir hörte ich Ashley leise kichern. Der Fremde bezahlte seinen Kaffee und den Donut, bevor er sich wieder mir zuwandte.
»Dann lass ihn dir schmecken«, meinte er augenzwinkernd und drückte mir etwas wunderbar Weiches, Klebriges in die Hand.
»Das …« Der süße Duft von geschmolzenen Marshmallows stieg mir in die Nase und ließ mir augenblicklich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ich seufzte kurz, dann schüttelte ich energisch den Kopf. »Das ist wirklich sehr nett, aber nein«, erwiderte ich bestimmt. Doch der Unbekannte hatte sich schon an den anderen vorbei zur Tür gezwängt und grinste mich schief an.
»Jeden Tag eine gute Tat«, meinte er und verschwand nach draußen.
»Oh. Mein. Gott«, raunte Ashley hinter mir. »Bitte, Holly, entscheide dich jetzt sofort. Wenn du den Kerl nicht willst, dann nehme ich ihn.«
»Er wollte nur nett sein«, wiegelte ich ab.
»Ja, mag sein«, erwiderte meine Mitbewohnerin. »Und, wie oft ist dir das in der Vergangenheit schon passiert?« Ich runzelte die Stirn, ohne eine Antwort zu geben. »Richtig«, fuhr sie daraufhin fort. »Mir nämlich auch nicht.«
»Du wirkst ein wenig nervös«, meinte Ashley, als wir uns am Abend auf den Weg zu dem Wohnheim auf der anderen Seite des Campus machten, in dem die Party stattfinden sollte.
»Ich bin nervös«, gab ich gepresst zurück. Ich hatte mich bei ihr eingehakt, da ich zwar heute nicht besonders gut zu Fuß war, aber unter keinen Umständen mit meinem Gehstock dort aufkreuzen wollte. Den kurzen Fußweg würde ich so irgendwie überstehen und auf der Party würde ich schon eine Sitzgelegenheit finden.
»Warum?«, wollte sie wissen. Sie war stehengeblieben und zwang damit auch mich, anzuhalten. Nun schienen ihre blauen Augen mich skeptisch zu durchbohren.
»Na ja … ich …«, entgegnete ich zögernd und räusperte mich. Plötzlich machte sich Erleuchtung auf Ashleys Gesicht breit.
»Bist du nervös, weil du glaubst, einen wirklich süßen, charmanten, dunkelhaarigen Typen dort wiederzusehen?« Sie grinste verschwörerisch und wackelte dabei bedeutungsvoll mit den Augenbrauen.
»Was? Nein!«, erwiderte ich ein wenig zu laut, um es überzeugend klingen zu lassen. Ich hatte den Kerl aus dem Café schon wieder vergessen. Also, zumindest fast. Ja, sie hatte recht, er war wirklich sehr charmant gewesen. Und während ich mich fertiggemacht hatte, hatte sich immer wieder ein Paar schokobrauner Augen in meine Gedanken geschlichen. Aber vermutlich hatte er mich einfach nur besänftigen wollen, weil ich wie eine Geistesgestörte seinen Donut angestarrt hatte. Reiner Selbstschutz. Oder Höflichkeit. Auf dem Campus liefen einige gutaussehende Typen herum. Und wir alle wussten, dass sie sich ihrer Wirkung durchaus bewusst waren und ihre Anziehungskraft auf Frauen schamlos ausnutzten. Warum sollte ich mich also von dem erstbesten dieser Blender um den Finger wickeln lassen? Aber warum, verdammt nochmal, spürte ich bei dem Gedanken daran, ihn möglicherweise wiederzusehen, diese Hitze in mir hochsteigen? Energisch schüttelte ich den Kopf, um wieder klar denken zu können. Schließlich war dieser Kerl tatsächlich nicht der Grund für meine Nervosität. »Ich war einfach schon seit einer Ewigkeit auf keiner Party mehr. Und beim letzten Mal …« Ich zuckte kraftlos mit den Schultern. »Beim letzten Mal sah ich noch anders aus«, fügte ich leise hinzu. Ich presste die Lippen aufeinander und heftete den Blick auf den Boden. Nervös kickte ich ein kleines Steinchen weg, das in einiger Entfernung lautlos im Gras landete.
»Holly Summers«, knurrte Ashley und baute sich, mit in die Hüften gestützten Händen, vor mir auf. »Jetzt hör mir mal zu. Du bist zauberhaft, hörst du? Und wer das nicht auf den ersten Blick sieht, der ist sowieso ein Vollidiot, mit dem du dich nicht abzugeben brauchst. Verstanden?« Ich hob den Kopf und sah ihr in die Augen, die jetzt kampflustig aufblitzten. Dann nickte ich leicht und versuchte mich an einem Lächeln. »Gut so. Also, los«, sagte sie, hakte sich wieder bei mir ein und zog mich entschlossen weiter.
»Aber du würdest auch nicht Nein sagen, wenn der Typ aus dem Café dort auftauchen würde«, meinte sie kurz darauf grinsend und zwinkerte mir verschwörerisch zu.
»Ashley«, stöhnte ich und verdrehte theatralisch die Augen, was sie laut auflachen ließ. Meine Mitbewohnerin war wirklich unverbesserlich. Aber verdammt, sie hatte recht.
Als wir unser Ziel erreichten, war die Party bereits in vollem Gange. Schon auf dem Flur mussten wir uns an einem Pärchen vorbeidrängen, das offenbar fest entschlossen war, sich gegenseitig aufzufressen. Ashley verzog angewidert das Gesicht.
»Das, meine Damen und Herren, ist wirklich subtile Erotik«, raunte sie mir zu, woraufhin ich unwillkürlich kichern musste. Die dröhnenden Bässe der Musik hallten über die komplette Etage und es war nicht schwer auszumachen, wo genau die Party stattfand. Auf dem gesamten Flur standen zwar die Türen offen, doch vor einer Wohnung herrschte reges Treiben und es war nicht zu überhören, dass die unzähligen lauten Stimmen aus ebendieser Wohnung kamen. Als die Umstehenden aufsahen und ihre Blicke einen Moment zu lange auf meinem Gesicht verharrten, knetete ich mir nervös die Hände. Einige Mädchen im Hintergrund begannen zu tuscheln. »Ich verstehe, dass ihr von unserer Schönheit geblendet seid«, meinte Ashley zuckersüß lächelnd, »aber können wir mal da durch?« Offenbar etwas betreten, gingen die anderen ein Stück zur Seite, so dass wir einen ersten Blick auf das Spektakel im Inneren werfen konnten. Es waren eindeutig zu viele Menschen auf zu kleinem Raum. Allerdings, so stellte ich fest, konnte das nur zu meinem Vorteil sein. Vermutlich würde ich den wenigen nüchternen Studenten in dieser Masse gar nicht weiter auffallen.
»Party!«, rief Ashley und zog mich hinter sich her in das Gedränge. Wir hatten das Wohnzimmer noch nicht einmal zur Hälfte durchquert, als ich in einigen Schritten Entfernung ein bekanntes Gesicht entdeckte. Liza starrte mich fassungslos an, bevor sich ihre Augen zu schmalen Schlitzen verzogen. Ich wusste, dass dieser giftige Blick ihre Stärke war. Doch mich konnte sie damit nicht beeindrucken. Also straffte ich die Schultern und gab mir Mühe, ihr betont lässig zuzuwinken. Sie schnaubte verächtlich und drehte sich mit einem solchen Schwung um, dass ihre lange blonde Mähne einer deutlich kleineren Studentin, die gerade neben ihr stand, durch das Gesicht wischte. Angespannt blies ich die Luft aus. Ich konnte nur hoffen, dass mich für die Aktion heute Morgen keine Retourkutsche vor versammelter Mannschaft erwartete.
»Willst du erstmal ein wenig tanzen, zum Lockerwerden?«, brüllte Ashley mir über den Lärm hinweg ins Ohr.
»Eigentlich nicht«, schrie ich zurück.
»Also ja«, entgegnete sie grinsend und schob mich in Richtung der scheinbar einzigen freien Quadratmeter des Raumes, auf denen man nicht direkt mit jemandem zusammenstieß, sobald man unbedacht einen Arm hob. Glücklicherweise ertönten gerade in diesem Augenblick die ersten Klänge meines aktuellen Lieblingssongs, was es mir deutlich leichter machte, mich zu entspannen. Ich schloss die Augen und begann, mich langsam im Takt der Musik zu bewegen. Zu meiner Überraschung hatte es etwas seltsam Befreiendes. Die Bewegungen flossen praktisch aus mir heraus und es war fast so wie … früher. Selbst wenn ich zur Sicherheit die ganze Zeit über Ashleys Hand hielt, falls ich doch ins Straucheln geraten sollte.
Wir tanzten so lange weiter, dass ich gar nicht mehr wusste, wie viele Lieder es gewesen waren. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen strahlte ich meine Mitbewohnerin an, die ganz offensichtlich sehr zufrieden mit sich war.
»Ich wusste, dass es dir guttun würde«, lachte sie. Inzwischen hatte sich der zuvor übervolle Raum etwas geleert. Einen Großteil der Feiernden hatte auf den Flur verschlagen, wo gerade offensichtlich eines der berüchtigten Party-Trinkspiele gestartet wurde. Mühsam kämpften wir uns in die Ecke des Raumes vor, in der es das einzige Fenster gab. »Sorg du mal für etwas frische Luft, ich besorge uns etwas zu trinken. Cola?« Ich nickte zustimmend und schob das Fenster auf. Die kühle Abendluft strich über meine verschwitzte Haut. Wieder einmal wurde mir bewusst, was für ein Glücksfall es war, dass ich Ashley getroffen hatte. Da sie es ebenfalls nicht tat, musste ich ihr nicht zum hundertsten Mal erklären, dass ich keinen Alkohol trank. Zum einen schmeckte er mir einfach nicht, zum anderen nahm ich noch immer so viele Medikamente, dass ich mich damit vermutlich direkt wieder ins Koma katapultieren würde. Ganz davon abgesehen, dass ich erst in einigen Monaten einundzwanzig wurde und damit offiziell trinken durfte. In meinem alten Freundeskreis hatte weder das Argument des Wollens noch das des Dürfens jemals eine Bedeutung gehabt. Es war selbstverständlich gewesen, dass jeder in unserer Clique Alkohol trank, wenn wir gemeinsam feierten. Und so hatte ich Wochenende für Wochenende widerwillig zumindest ein Bier heruntergewürgt.
Ich war so in Gedanken gewesen, dass ich erschrocken zusammenzuckte, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Eine Hand, die viel zu groß war, als dass es die von Ashley hätte sein können.
»Holly?« Oh nein. Schon heute Morgen hatte dieser Gesprächsbeginn äußerst unangenehm für mich geendet. Doch was mich in eine regelrechte Schockstarre versetzte, war die Tatsache, dass ich die Stimme hinter mir sofort erkannte. Die tiefe, leicht rauchige Stimme, die mir vor einer gefühlten Ewigkeit die schönsten Dinge ins Ohr geflüstert hatte. Bei der ich sicher gewesen war, sie bis ans Ende meiner Tage zu hören. Bis sie von einem Tag auf den anderen aus meinem Leben verschwunden war.
Simon.
»Simon«, krächzte ich erstickt und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Unwillkürlich lief mir ein kalter Schauer über die Haut. Und auch mein Ex-Freund wirkte längst nicht so souverän, wie ich es von ihm gewohnt war. Nervös nagte er an seiner Unterlippe und fuhr sich mit der Hand durch die dunkelblonden Haare. Doch während ich völlig unfähig war, in irgendeiner Weise zu reagieren, hatte er sich offenbar schon wieder gefangen. Was vermutlich daran lag, dass er, im Gegensatz zu mir, nicht erst die Tausende von Scherben aufsammeln musste, die einmal sein Herz gewesen waren. Scherben, die sich innerhalb von Sekunden in alle Himmelsrichtungen verteilt zu haben schienen. Egal, wie lange es nun her war, seitdem er sich still und heimlich aus dem Staub gemacht hatte: Den brennenden Schmerz in meiner Brust fühlte ich noch genauso deutlich wie in dem Moment, als mir bewusst wurde, dass meine große Liebe mich im Stich gelassen hatte. Seitdem ich mein Studium an der Winterdale University begonnen hatte, hatte ich die permanente Angst, Simon irgendwo auf dem Campus über den Weg zu laufen, mühsam beiseitegeschoben. Monatelang war nichts dergleichen geschehen – und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte das auch so bleiben können. Dies war eine Begegnung, auf die ich auch weiterhin gerne verzichtet hätte.
Ich erinnerte mich noch genau an den Tag, an dem wir uns zum letzten Mal gesehen hatten – der Tag vor dem Unfall. Wir hatten uns am Abend mit einigen seiner Kumpels aus dem Footballteam im besten Diner von Milton getroffen. Als er mich kurz vor Mitternacht zuhause abgesetzt und geküsst hatte, hätte ich mir niemals träumen lassen, dass er mich einfach aus seinem Leben löschen würde. Dass unsere Beziehung, ich, ihm offenbar nichts bedeutete.
Simon räusperte sich umständlich, bevor er mich eingehend musterte. »Du siehst … gut aus.« Ich schnaubte abfällig. Schließlich kannte ich ihn lange genug, um zu wissen, dass er kein Wort davon ernst meinte. Das Beste war ihm gerade gut genug. Und davon, was er als das Beste ansah, war ich Lichtjahre entfernt. Ich ballte die Hände zu Fäusten und biss mir so fest auf die Zunge, dass der Schmerz die unbändige Wut, die in mir aufstieg, zumindest etwas zurückdrängte. Was jedoch nichts daran änderte, dass ich mit der Situation heillos überfordert war. Ich öffnete gerade den Mund, um ihm etwas zu entgegnen, als ein Typ im Surferboy-Look Simon über die Köpfe der anderen Feiernden hinweg hektisch zuwinkte.
»Hey, Coleman!«, rief er. »Du bist an der Reihe! Wenn du deinen Hintern jetzt nicht sofort nach draußen bewegst, dann bist du raus! Und vergiss das Bier nicht!« Simon nickte kurz in seine Richtung, bevor er, wie selbstverständlich, seine Hand auf meinen Unterarm legte. Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück.
»Wir sehen uns«, meinte er und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten.
»Das befürchte ich auch«, knurrte ich und lockerte langsam meine Hände wieder. Das war also die Aufgabe, die mein Ex-Freund nun in meinem Leben hatte: Plötzlich auftauchen, alles in Schutt und Asche legen, um dann genauso schnell wieder zu verschwinden. Und das alles in weniger als fünf Minuten – wirklich beeindruckend.
»Hast du einen Geist gesehen?« Von der Seite her tauchte Ashley in meinem Blickfeld auf und wedelte mit der Hand wild vor meinen Augen herum. Offenbar hatte sie mich schon mehrfach angesprochen, worauf ich allerdings nicht reagiert hatte. »Du warst ja vollkommen weggetreten.«
»Nein, kein Geist«, erwiderte ich und nahm einen großen Schluck meiner Cola, damit meine Kehle sich nicht mehr so trocken anfühlte. »Aber so etwas Ähnliches.«
Nach dem ungewollten Zusammentreffen mit Simon war mir jegliche Lust an der Party vergangen.
