LightDark 2: Schattenpfad - Tanya Bush - E-Book

LightDark 2: Schattenpfad E-Book

Tanya Bush

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Beschreibung

"Ich konnte nicht mehr zählen, wie oft ich mir an diesem Vormittag schon die Lethargie des Sommers zurückgewünscht hatte. Nichts fühlen. Nichts denken. Nur existieren. Dieses taube Gefühl im Inneren war wesentlich besser zu ertragen, als in jeder verdammten Sekunde zu denken, dass einem das Herz herausgerissen und darauf herumgetrampelt wurde. Doch, dass diese angenehme Taubheit der Vergangenheit angehörte, wurde mir spätestens jetzt klar, als Sage neben mir auftauchte. »Können wir reden?«, fragte er und stützte sich mit dem Unterarm an der Wand neben meinem Schließfach ab. Die Gefühle in mir überschlugen sich. Ich hielt einen Moment den Atem an, um zu verhindern, dass sein Duft nach Sonne und frisch geschnittenem Gras, der mir unwillkürlich in die Nase stieg, einen Totalausfall meiner Hirntätigkeit verursachte. Gleichzeitig spürte ich Wut in mir aufsteigen. Wut auf mich selbst. Darüber, dass er noch immer diese Reaktion in mir hervorrufen konnte. Diese Gefühle. Nach all dem, was passiert war." Nachdem Maira sich verletzt und enttäuscht von Sage und den Cor abgewendet hat, will sie nie wieder etwas mit den Energiewesen zu tun haben. Doch in ihrer Wut und Enttäuschung merkt sie immer öfter, wie ihre Nox-Fähigkeit von ihr Besitz ergreift. Noch dazu kann sie die unerklärliche Verbindung, die sie zu Devan spürt, bald nicht mehr leugnen. Aber ist sie tatsächlich bereit für das Leben, das ihr scheinbar vorherbestimmt ist? Kann sie Sage wirklich endgültig aufgeben? Und nicht zuletzt: Hat sie überhaupt eine Wahl? "Schattenpfad" ist das spannende, mitreißende und emotionale Finale der "LightDark"-Dilogie.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

LightDark 2

-

Schattenpfad

Tanya Bush

Impressum

Copyright © 2020

Tanya Bush

c/o WirFinden.Es

Naß und Hellie GbR

Kirchgasse 19

65817 Eppstein

Cover & Umschlaggestaltung: 

© Jaqueline Kropmanns – Design,

https://jaqueline-kropmanns.de

unter Verwendung von Bildmaterial von shutterstock und depositphotos

Lektorat: Lektorat Ömchen, Viersen

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Lilly.

Sei, wer immer Du sein willst.

Playlist

Savior – Beth Crowley

Numb – Linkin Park

Lux Aeterna – Clint Mansell ft. Kronos Quartett

My demons - Starset

What I’ve done – Linkin Park

Just the way you are - Mustafa Avşaroĝlu

Who are you? - SVRCINA

The Kill – Thirty Seconds to Mars

War of Hearts - Ruelle

Meet me on the battlefield - SVRCINA

I scare myself – Beth Crowley

I fell in love with the devil – Avril Lavigne

Come to this – Natalie Taylor

In the air tonight – Natalie Taylor

Already gone – Sleeping at Last

My escape - Ravenscode

Kapitel 1

Maira

Ich war erledigt. Vollkommen am Ende. Dabei waren gerade einmal die ersten beiden Stunden des Schuljahres vergangen. Seufzend lehnte ich meine Stirn an das kühle Metall meines Schließfaches. Wie zur Hölle sollte ich bloß dieses Jahr überstehen? In den vergangenen zwei Stunden war der unwiderstehliche Wunsch in mir aufgestiegen, jemandem verdammt wehzutun. Irgendjemandem. Oder am besten direkt umzubringen. Potenzielle Opfer hatte ich schließlich genug. Vielleicht Devan, der mit einem selbstgefälligen Grinsen in der Ecke saß und mich durchgehend anstarrte. Ich musste nicht hinsehen, um seinen Blick auf mir zu spüren. Der Blick aus den bernsteinfarbenen Augen, die sich Zentimeter für Zentimeter über meinen Körper tasteten.

Oder Kaley. Nachdem sie den Kursraum betreten hatte, dauerte es nur Sekunden, ehe sie Devan entdeckt hatte und schnurstracks auf ihn zu marschierte. Nach weniger als fünf Minuten platzierte sie ihren Cheerleader-Hintern in den winzigen Hotpants, die mangels Stoff kaum als vollwertiges Kleidungsstück bezeichnet werden konnten, auf seinem Tisch. Und ihm schien dieser Anblick durchaus zu gefallen. Was ihn nicht davon abhielt, mir immer wieder bedeutungsschwere Blicke zuzuwerfen.

Möglicherweise auch Sage. Natürlich tat der Himmel mir nicht den Gefallen, unser Zusammentreffen möglichst lange hinauszuzögern. Es musste direkt die erste Stunde des neuen Schuljahres sein. Großartig. Der Schultag war für mich gelaufen, bevor er überhaupt angefangen hatte. Mir war nicht entgangen, dass er seinem Bruder einen hasserfüllten Blick zugeworfen hatte, der diesen natürlich nicht besonders zu beeindrucken schien. Als er sich dann wie gewohnt auf den Platz neben mir fallen ließ, zog ich es vor, übermäßiges Interesse am Unterrichtsstoff vorzutäuschen. Mit gesenktem Kopf versteckte ich mich hinter meinen langen, haselnussbraunen Haaren und starrte in mein Englischbuch, ohne ein einziges Wort darin zu lesen. Sages typischer Geruch nach dem ersten schönen Frühlingstag, der mir entgegenwehte, als er schweigend neben mir saß, ließ einen prickelnden Schauer meine Wirbelsäule hinabrieseln. Verdammt. Warum war Julie nicht da? Sie hätte gewusst, wie sie mich ablenken konnte. Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass ich nicht einmal sagen konnte, wessen Anwesenheit mir unangenehmer war. Am liebsten hätte ich auf beide Brüder des Grauens verzichtet.

Ich konnte nicht mehr zählen, wie oft ich mir an diesem Vormittag schon die Lethargie des Sommers zurückgewünscht hatte. Nichts fühlen. Nichts denken. Nur existieren. Dieses taube Gefühl im Inneren war zumindest wesentlich besser zu ertragen, als in jeder verdammten Sekunde zu denken, dass einem das Herz herausgerissen und darauf herumgetrampelt wurde. Doch, dass diese angenehme Taubheit der Vergangenheit angehörte, wurde mir spätestens jetzt klar, als Sage neben mir auftauchte.

»Können wir reden?«, fragte er und stützte sich mit dem Unterarm an der Wand neben meinem Schließfach ab. Die Gefühle in mir überschlugen sich. Ich hielt einen Moment den Atem an, um zu verhindern, dass sein Duft nach Sonne und frisch geschnittenem Gras, der mir unwillkürlich in die Nase stieg, einen Totalausfall meiner Hirntätigkeit verursachte. Gleichzeitig spürte ich Wut in mir aufsteigen. Wut auf mich selbst. Darüber, dass er noch immer diese Reaktion in mir hervorrufen konnte. Diese Gefühle. Nach all dem, was passiert war.

»Maira?«, hakte er nach, als ich nicht antwortete. Ich stieß ein zorniges Schnauben aus. Warum konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Es gab nichts, was es zwischen uns noch zu sagen gab. Zumindest redete ich mir das ein. Doch mir war bewusst, dass ich mich damit selbst belog. Es gab unendlich viele Dinge, die wir hätten klären können. Klären müssen. So viele Fragen, die mir Tag und Nacht durch den Kopf schwirrten. Die ich verdrängte, soweit es mir möglich war. Doch sie beantwortet zu bekommen, würde die klaffende Wunde in meinem Herzen ein weiteres Mal aufreißen. Einmal hatte ich diesen Schmerz überstanden. Ein zweites Mal würde ich das nicht schaffen. Wütend knallte ich die Tür meines Schließfaches zu und umklammerte meine Geschichtsbücher so fest, dass meine Hände zu schmerzen begannen.

»Ich wüsste nicht, worüber wir beide noch reden sollten«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Dabei gab ich mir größte Mühe, Sage nicht direkt anzusehen. Ich wusste, was das in mir auslösen würde. Selbst jetzt noch.

»Hör zu, Maira. Ich weiß, dass du wütend bist. Und du hast auch jedes Recht dazu. Aber es ist alles nicht so, wie du denkst«, murmelte er und musterte mich eingehend. Ich schnaubte erneut. Natürlich sollte wieder einmal ich es sein, die alles falsch verstand. »Lass es mich erklären«, bat er.

Ich funkelte ihn wütend an. »Nein danke, ich habe genug von deinen Lügen«, zischte ich.

»Maira, bitte…«

»Nein!«

Einige Schüler drehten sich erschrocken zu uns um. Im Augenwinkel sah ich, dass vereinzelte von ihnen stehenblieben, um sich das Szenario anzusehen. Jetzt sah ich ihm doch in die Augen. Das Leuchten in ihnen war lange nicht so strahlend, wie ich es in Erinnerung hatte. Trotzdem drohte ein winziger Teil von mir, in ihnen zu versinken. Doch ich war viel zu aufgebracht, um es zuzulassen. Trotzig reckte ich das Kinn nach vorne. Sage trat einen halben Schritt auf mich zu. Er war mir so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren konnte. Nun kostete es mich doch alle Konzentration, um nicht den Kopf zu verlieren. Er öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, als jemand ihm eine Hand auf die Schulter legte.

»Hey, Mann, ich weiß nicht, was da zwischen euch läuft. Aber sie hat ziemlich deutlich Nein gesagt.« Adam Landon, ein großer, athletischer Kerl mit blonden Haaren und einer markanten Kinnpartie, zog Sage einen Schritt zurück und musterte ihn skeptisch. Ich kannte Adam aus meinem Spanischkurs, hatte bisher jedoch noch nie ein Wort mit ihm gewechselt. Er schien jedoch nett zu sein. Sages Augen verzogen sich zu schmalen Schlitzen. In seinem Kiefer arbeitete es. Es war merkwürdig zu sehen, dass ein anderer Mann mich ausgerechnet vor ihm schützen wollte. Vor dem Mann, bei dem ich mir selbst jetzt noch absolut sicher war, dass er mich niemals absichtlich verletzen würde. Zumindest nicht körperlich.

Ich legte Adam eine Hand auf den Unterarm und versuchte mich an einem dankbaren Lächeln. »Vielen Dank, Adam. Ich komme schon mit ihm zurecht.« Adams Blick zuckte von mir zu Sage und wieder zurück. Dann sah er ihn noch einmal prüfend an, nickte knapp und verschwand in der Menge der vorbeilaufenden Schüler.

»Denk bitte noch einmal darüber nach«, raunte Sage, bevor auch er sich abwendete und den Gang hinunterging. Ich seufzte und lehnte mich mit geschlossenen Augen gegen mein Schließfach. Konnte der Tag noch schlimmer werden?

»Oh, oh, das sieht verdammt nach einer handfesten Krise aus.« Ja, er konnte noch schlimmer werden. Genervt stöhnte ich auf. Mit zusammengekniffenen Augenbrauen drehte ich mich in die Richtung, aus der die tiefe Stimme gekommen war.

»Lass mich in Ruhe, Devan«, knurrte ich. Als Antwort darauf grinste er mich überheblich an.

»Hast du mich vermisst?«, raunte er so leise, dass nur ich es hören konnte.

»Keine einzige Sekunde«, erwiderte ich knapp. Er lachte heiser auf.

»Rede dir das nur ein, Maira.« Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. Was dachte dieser Kerl eigentlich, wer er war? Eines stand jedenfalls fest: Bescheidenheit schien in dieser Familie nicht existent zu sein. Da unterschied sich Devan kein bisschen von seinem Bruder. Und auch, wenn ich ihn eigentlich kaum kannte, wusste ich, dass es keinen Sinn hatte, mit ihm eine solche Diskussion anzufangen.

»Verschwinde«, sagte ich deswegen und machte mich auf den Weg zum meinem nächsten Kursraum.

Leider wurde es auch für den Rest des Schultages nicht besser. Beide Goodway-Brüder saßen auch in den weiteren Unterrichtsstunden in all meinen Kursen. Es war zum Verzweifeln. Immer wieder hörte ich das Flüstern von Devans Stimme in meinem Kopf. Das Brennen des Protektors auf meiner Haut ließ nicht lange auf sich warten. Meinen wütenden Blick quittierte er lediglich mit einem überheblichen Grinsen. Erst, als Sage, der das Ganze offenbar mitbekommen hatte, sich ebenfalls zu ihm umdrehte und seine Lippen eine lautlose Drohung formten, hörte er endlich mit der Manipulation auf.

Devan, der sich offenbar unter einem falschen Namen – Harper – eingeschrieben hatte, wurde durchgehend von verschiedenen Mädchen belagert. Allen voran natürlich Kaley. Ich vermutete, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis die beiden im Bett landeten. Unwillkürlich fragte ich mich, warum ich mir darüber überhaupt Gedanken machte.

Den ganzen Vormittag Sages missmutigen Blick auf mir zu spüren, brachte mich an den Rand der Verzweiflung. Als ich nach der letzten Stunde endlich das Schulgebäude verlassen konnte fühlte ich mich, als hätte ich einen Marathon hinter mich gebracht. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als mich endlich wieder in der Stille meines Zimmers verkriechen zu können.

Sage

Ich hatte es verbockt. Und zwar gründlich. Hatte ich wirklich geglaubt, dass Maira hören wollte, was ich ihr zu sagen hatte? Wenn ja, hatte sie mich gerade ziemlich deutlich eines Besseren belehrt.

Als ich vor einigen Monaten nach Cayden, Montana, gekommen war, wollte ich einfach nur meinen Job erledigen: den neuen Cor finden, ausbilden und dann so schnell wie möglich wieder verschwinden. Natürlich hatte ich schon zu Beginn gewusst, dass es dieses Mal deutlich schwieriger werden würde, als bei allen anderen. Denn Maira Keith war etwas Besonderes. Sie war nicht nur eine Cor, sondern zur Hälfte auch eine Nox. Eine explosive Mischung, die es in der langen Geschichte der Energiewesen noch nie gegeben hatte. Mrs Higgins hatte in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass sich weder die eine, noch die andere Seite ausbilden konnte. Doch irgendwann hatten die Nox Maira im Angel‘s Heart House, dem Internat im Norden Irlands, aufgespürt. Natürlich hatten sie alles daran gesetzt, um ihre Fähigkeiten für sich beanspruchen zu können. Fähigkeiten, von denen Maira bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal etwas geahnt hatte.

Wie immer war ich gut auf meine Aufgabe vorbereitet gewesen. Ich kannte jeden verdammten Fakt, den es über dieses Mädchen herauszufinden gab. Ihre Kindheit, ihre Freundschaften, die Männer, mit denen sie zusammen gewesen war. Worauf ich mich jedoch nicht vorbereitet hatte, war die Tatsache, wie besonders Maira tatsächlich war. Wie besonders sie für mich werden würde.

Als ich sie zum ersten Mal an einem Sonntagmorgen durch ein Fenster von der Terrasse ihres Hauses aus gesehen hatte, war ich überrascht gewesen. Ich kannte viele Nox. Kannte ihre überhebliche Ausstrahlung. Ihr aggressives Auftreten. Ihre kalten, abschätzig blickenden Augen. Dieses Mädchen hatte rein gar nichts davon gehabt. Sie strahlte eine Wärme aus, wie ich sie niemals zuvor gespürt hatte. Einige Monate später hatte sie mich auf meinen überraschten Blick von damals angesprochen, und ich war ihr ausgewichen. Ich hatte ihr nicht gestehen wollen, dass sie mich schon in diesem Moment fasziniert hatte. Es war keine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Dieses berühmte Funkensprühen, das in schlechten Kitschromanen immer beschrieben wurde. Aber sie war von Anfang an da gewesen, diese unbeschreibliche Faszination, die von ihr ausging. Wenn ich ehrlich war, hatte ich in ihr bis dahin nur einen Nox gesehen, der nichts von seiner wahren Identität erfahren durfte. Schließlich waren ihre beiden Eltern Nox gewesen, selbst wenn ihre Mutter lediglich eine Überläuferin war.

Ich hatte mich nicht in sie verlieben wollen. Trotzdem war es geschehen. Soviel zu meinem großartigen Plan, einfach meinen Job zu erledigen.

Es war mir zwar gelungen, Maira zu einer halbwegs passablen Kämpferin auszubilden – ihre Begeisterung für Sport im Allgemeinen und Kampftraining im Speziellen hielt sich eindeutig in Grenzen -, doch sie hatte nie ihr gesamtes Potenzial ausgeschöpft. Ausschöpfen können. Und ich wusste, warum. Wir alle wussten es. Alle, außer Maira selbst. Sie war eine sehr gute Heilerin, anders hätte sie den Angriff, den eine Nox eines Abends in einer Tankstelle auf sie verübt hatte, nicht überlebt. Doch ihre wahre Stärke lag in ihrer Nox-Fähigkeit. Sie war in der Lage, die Ängste der Menschen zu kontrollieren. Ebenso, wie mein Bruder es konnte. Das alles hatte ich schon einmal erlebt. Diese Wut. Die Verzweiflung. Auch, wenn ich es bisher nie zugegeben hatte: Es hatte mir das Herz gebrochen, meinen Bruder zu verlieren. Maira jetzt auf dieselbe Weise verloren zu haben, erschien mir wie ein grausames Déjà-vu. Doch ich wusste, dass es meine Schuld war, dass es überhaupt so weit gekommen war. Zumindest trug ich eine Mitschuld. Es war nicht richtig gewesen, ihr so vieles zu verschweigen. Dinge, die sie selbst, ihr Leben, ihre Identität betrafen. Hätte ich ihr von Anfang an die Wahrheit darüber gesagt, vielleicht wäre alles anders gekommen. Doch auch jetzt verschwieg ich ihr noch viel zu viel. Zum Beispiel den wahren Grund, warum sie ihre beste Freundin Julie nicht erreichen konnte.

Ich wusste selbst nicht, wie ich den ersten Schultag überstehen sollte. Einerseits wollte ich nichts lieber, als sie wiedersehen. Den trotzigen Blick in ihren Augen, wenn sie sich von mir überrumpelt fühlte. Wie sie gedankenverloren an ihrer Unterlippe nagte und mich musterte, wenn sie dachte, ich bemerkte es nicht. Ich vermisste ihren Geruch, der mich jedes Mal unweigerlich an den Duft grüner Äpfel erinnerte. Ich vermisste sie. Anderseits wusste ich, dass sie mich alles andere als mit offenen Armen empfangen würde. Wahrscheinlich konnte ich froh sein, wenn sie mich nicht vor aller Augen in der Luft zerriss. Bei dem Gedanken, dass nichts mehr so wie vorher war, machte sich ein unangenehmes Ziehen in meiner Brust breit.

An diesem ersten Schultag hätte ich alles dafür getan, um für einen Tag Cassidys Fähigkeit, die Gestaltwandlung, nutzen zu können. Doch wahrscheinlich hätte Maira mich auch mit einer veränderten Optik erkannt. Oder zumindest Vermutungen angestellt. Schließlich hatte ich ihr selbst beigebracht, dass sich die Augenfarbe von uns Cor – ein leuchtendes Aquamarinblau – ebenso wie die der Nox, deren Augen strahlten wie reine Bernsteine, auch dann nicht änderte, wenn wir unsere Erscheinung änderten. Oder, im Fall der Nox, den Körper eines Menschen für unsere Zwecke nutzten. Ich hatte Maira diese Erfahrung nicht ersparen können, als sich ihr vermeintlicher Freund Matt im Nachhinein als Nox herausgestellt hatte. Zu diesem Zeitpunkt wäre es mir vermutlich auch egal gewesen, ob ich es gekonnt hätte oder nicht. Im Nachhinein hasste ich diesen Nox dafür, dass er auch noch zugelassen hatte, dass sie sich in dieses Trugbild verliebt hatte. Andererseits hatte ich in gewisser Weise dasselbe getan. Mit dem Unterschied, dass meine Gefühle für sie echt gewesen waren. Auch wenn sie mir das wahrscheinlich nie wieder glauben würde.

Kapitel 2

Maira

Nach diesem ermüdenden ersten Schultag war ich nach dem Essen so schnell wie möglich in meinem Zimmer und unter meiner Bettdecke verschwunden. Ich war froh, dass mein genuscheltes »okay« Diane als Antwort auf ihre Frage, wie es in der Schule gewesen war, reichte. Das Verhältnis zu meiner Pflegemutter war noch immer angespannt, ebenso wie das zu meinem Pflegevater Toni. Im Gegensatz zu seiner Frau wagte er allerdings immer wieder einen Versuch, mich zur Seite zu nehmen, um allein mit mir sprechen zu können. Was ich jedoch gnadenlos abblockte. Ich wusste, dass Toni eine Erklärung verlangen würde. Dafür, dass ich an meinem Geburtstag plötzlich verschwunden und wochenlang nicht wieder aufgetaucht war. Dafür, dass schon wieder eine Cor meinen Platz in seiner Familie eingenommen hatte. Und mit Sicherheit auch dafür, dass ich seit Wochen wie ein lebender Zombie durch mein Leben schlich. Inzwischen war meinen Pflegeeltern mehr als klar, dass mein Zustand etwas mit Sage zu tun hatte. Schließlich waren wir vorher praktisch unzertrennlich gewesen, und jetzt hatten sie ihn schon seit Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Doch ich wollte nicht mit Toni reden. Zum einen war es absolut unmöglich, ihm die ganze Wahrheit über das, was geschehen war, zu erzählen. Ich hätte lediglich einen weiteren Punkt auf der langen Liste der Lügen, die ich in den vergangenen Monaten allen, die mir wichtig waren, aufgetischt hatte, hinzugefügt. Und das wollte ich unter allen Umständen vermeiden. Ich war mein gesamtes bisheriges Leben belogen worden. Und ich wollte nicht, dass sich meinetwegen jemand damit so fühlen musste, wie ich es tat. Zum anderen musste ich mir eingestehen, dass nicht einmal ich selbst wusste, was genau mir dermaßen zusetzte. Die Tatsache, dass meine Eltern Nox waren, selbst wenn meine Mutter ursprünglich eine Cor gewesen war? Die vielen Lügen und Halbwahrheiten, die die Cor mir erzählt hatten? Das Wissen, dass Royce sich an meinen Erinnerungen zu schaffen gemacht und Sage nichts dagegen unternommen hatte? Oder einfach die Tatsache, dass ich mich in Sage verliebt hatte, während er meine Gefühle lediglich für seine Zwecke verwendete? Meine Augen begannen zu brennen. Ich schluckte hart, doch das dumpfe Gefühl in meiner Brust verschwand nicht. So oder so wollte ich nicht mit Toni reden. Ich fragte mich, ob diese angespannte Stimmung nun zu meinem Alltag gehörte, bis ich aufs College ging.

Meine Lieblingsmusik half mir ein wenig, auf andere Gedanken zu kommen. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Ich wurde von ohrenbetäubendem Lärm geweckt. Jake und Dylan, meine beiden jüngeren Brüder, polterten laut schreiend an meiner Zimmertür vorbei. Mit geschlossenen Augen tastete ich nach meinen Kopfhörern, die mir zwischenzeitlich herunter gerutscht waren. Ich streckte mich und öffnete langsam die Augen. Der Himmel vor meinem Fenster hatte sich durch die Dämmerung orange-rot gefärbt. Langsam ließ ich den Blick durch mein Zimmer schweifen ... und schrak im nächsten Moment zusammen, als ich eine Silhouette an meinem Schreibtisch entdeckte. Mit einem Satz war ich bis ans andere Ende meines Bettes gerutscht. Mein Herz hämmerte aufgeregt gegen meine Rippen.

»Verdammt, Cas«, keuchte ich, nachdem ich einen Moment genauer hingesehen hatte. Es dauerte einige Augenblicke, bis ich die Situation realisiert hatte. Dann starrte ich mit zusammengekniffenen Augen zu der Cor, die es sich auf dem kleinen Sessel neben meinem Schreibtisch bequem gemacht hatte, hinüber. »Wie bist du hier hereingekommen?«, zischte ich. Die Cor waren so ziemlich die Letzten, die ich momentan sehen wollte. Egal, wer von ihnen es war. Egal, wie nahe wir uns noch vor wenigen Wochen gestanden hatten.

»Diane hat mich hereingelassen«, murmelte Cassidy jetzt. Sie blickte mich zögerlich an. Es schien ziemlich offensichtlich, dass ich mich nicht sonderlich darüber freute, sie zu sehen.

»Diane, natürlich«, erwiderte ich. Meine Pflegemutter war offenbar der Meinung gewesen, dass mir der Besuch einer Freundin guttun würde. Allerdings war das hier die falsche Freundin. Hätte Julie in meinem Zimmer gehockt und mich beinahe zu Tode erschreckt, dann hätte ich mich tatsächlich gefreut. Aber nicht bei Cassidy. Cassidy, die mir, wie all die anderen Cor, nicht gesagt hatte, wer ich wirklich war. Die zugesehen hatte, wie meine Erinnerungen manipuliert worden waren. Die mir ihre Freundschaft genauso vorgespielt hatte, wie Sage seine Gefühle für mich.

»Hat Sage dich geschickt?«, knurrte ich, während ich meine Bettdecke zurückschlug.

Cassidy schüttelte energisch den Kopf. »Er weiß nicht, dass ich hier bin. Ich wollte dich sehen.«

»Ich will dich aber nicht sehen.« Der Satz war ausgesprochen, bevor ich darüber nachdenken konnte. Einen Moment starrte Cassidy mich schockiert an. Ich sah, wie sie einige Male hart schluckte, dann presste sie die Lippen aufeinander. Mir war bewusst, dass das, was ich ihr da gerade an den Kopf geknallt hatte, hart war. Aber es war nun einmal die Wahrheit.

Einige Sekunden später hatte sie sich wieder gefangen. »Ich verstehe, dass du wütend bist. Und du hast … «

»Ja, ich habe jedes Recht dazu. Es ist alles nicht so, wie ich denke. Bla bla bla. Erspar mir dieses Geschwätz, Cas. Die gleiche Leier hat Sage heute Morgen schon gebracht. Wahrscheinlich habt ihr euch dabei auch wieder abgesprochen«, unterbrach ich sie. Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett und knallte meine Kopfhörer auf den Nachttisch. »Wenn du mir nichts zu sagen hast, was ich nicht eh schon weiß, dann wäre es mir lieb, wenn du jetzt gehen würdest.« In ihren Augen konnte ich sehen, wie sehr ich Cassidy mit meinen Worten verletzt hatte. Trotzdem straffte sie jetzt die Schultern, bevor sie mich mit ihren leuchtenden, aquamarinfarbenen Augen ansah.

»Ich habe vorhin Julies Mutter getroffen«, sagte sie. Misstrauisch blickte ich auf. Gespräche, die so begannen, nahmen in der Regel keinen besonders guten Verlauf. Erst recht nicht, wenn man sie mit einem Cor führte. Obwohl sich mein Magen in der Befürchtung, wieder einmal eine Hiobsbotschaft zu erhalten, unangenehm zusammenzog, wartete ich ab, was Cassidy mir zu sagen hatte.

»Julie wird eine Weile nicht in der Schule sein«, fuhr sie fort. Da war sie, die erwartete schlechte Nachricht. Ich versuchte, den Kloß, der sich unaufhaltsam in meiner Kehle breitmachte, hinunterzuschlucken.

»Was … was ist denn los?«, stammelte ich. Die Situation erinnerte mich schmerzhaft an Matts Verschwinden vor einigen Monaten. Auch er hatte behauptet, nur eine Weile nicht da zu sein, und war kurz darauf tot aufgefunden worden. Zumindest der Körper des Mannes, den ich für meinen Freund und meine heimliche große Liebe gehalten hatte. Beim Gedanken daran, dass diese Person ein Nox im Körper eines unschuldigen jungen Mannes, der sich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort befunden hatte, gewesen war, drehte sich mir noch heute der Magen um. Cassidy blickte nachdenklich aus dem Fenster. Ich hatte den Eindruck, als wollte sie meinem Blick ausweichen.

»Sie ist nach Europa gereist. Die Sache mit eurem Freund Matt scheint sie doch noch mehr mitgenommen zu haben, als sie zugegeben hat. Sie brauchte einfach etwas Abstand«, antwortete sie. Ihre Stimme klang dabei merkwürdig monoton.

»Das ist doch Blödsinn, Cas! Julie würde niemals einfach abhauen! Nicht, ohne mir Bescheid zu sagen!« Wütend schlug ich so hart mit der flachen Hand auf den Schreibtisch, dass Cassidy erschrocken zusammenzuckte. Dann musterte sie mich prüfend.

»Du vergisst, dass du einige Zeit nicht da warst, Maira. Sie war nicht glücklich. Ich bin mir sicher, dass das keine überstürzte Entscheidung gewesen ist.« Die Kälte, die in ihrer Stimme lag, war mir fremd. Sie klang distanziert, richtiggehend abweisend. Und vollkommen emotionslos. Julie war in den vergangenen Monaten auch zu ihrer Freundin geworden. Wenn sie gewusst hatte, dass es ihr nicht gut ging, warum hatte sie dann nichts unternommen? War das nicht die Aufgabe der Cor? Für das Gute zu sorgen? Ich schluckte hart, doch der bittere Geschmack, den ihre Aussage, dass ich nicht da gewesen war, hinterlassen hatte, verschwand nicht. Sie hatte mir schmerzlich bewusst gemacht, dass mein Leben weitergegangen war, als ich mich in der Gefangenschaft der Nox befunden hatte. Und, dass niemandem aufgefallen war, dass ich verschwunden war. Wieder einmal.

»Geh jetzt bitte«, flüsterte ich. Jede Faser meines Körpers sehnte sich nach Stille. Von meinen Gedanken ganz zu schweigen. Cassidy musterte mich einen Moment nachdenklich, bevor sie sich geschmeidig aus dem Sessel erhob.

»Was passiert ist, tut mir leid, Maira. Das musst du mir glauben. Wir haben das alles nur getan, um dich zu schützen. Es ändert nichts daran, dass wir Freunde sind«, sagte sie. Ich antwortete nicht, sondern starrte stattdessen aus dem Fenster. Die Dämmerung war inzwischen so weit fortgeschritten, dass die Baumwipfel des Waldes hinter unserem Haus nur noch schemenhaft zu erkennen waren. In wenigen Minuten würden auch sie in der Dunkelheit verschwunden sein. Cassidy wartete noch einige Augenblicke eine Antwort ab. Als ich nichts sagte, schlich sie langsam zur Tür.

»Sage hat dich nicht benutzt, Maira. Er liebt dich und würde alles dafür tun, um dich zu beschützen. Nur deswegen hat er all das getan. Du fehlst ihm so sehr, dass es schon wehtut, es nur mitansehen zu müssen. Und du hast genau den gleichen Ausdruck in den Augen.« Ich war froh, dass sie sich nicht noch einmal umdrehte, bevor sie durch einen schmalen Türspalt schlüpfte und die Tür mit einem leisen Klicken hinter sich schloss. Meine Augen brannten. Meine Unterlippe zitterte, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen konnte. Im nächsten Moment bahnten sich lautlos ein Strom warmer Tränen seinen Weg meine Wangen hinunter. Denn insgeheim wusste ich, dass Cassidy recht hatte: Ich vermisste Sage so sehr, dass es mir die Luft zum Atmen nahm.

Die Tatsache, dass mir selbst bewusst war, dass Sage mir fehlte, war noch lange kein Grund, ihm das auch mitzuteilen. In der Schule ignorierte ich seine Anwesenheit, soweit es eben möglich war. Auch wenn die Blicke, die er mir ständig aus seinen Meeres-Augen zuwarf, mich ebenso an den Rand der Verzweiflung brachten, wie sein Duft nach dem ersten schönen Frühlingstag, der beinahe überall präsent zu sein schien. Wenigstens versuchte er nicht noch einmal, mir ein Gespräch aufzuzwingen.

Matt war tot, Julie verschwunden, und mit meinen angeblichen Cor-Freunden wollte ich nichts mehr zu tun haben. Das alles hatte zur Folge, dass sich meine Pausen inzwischen äußerst einsam gestalteten. Ich hatte kein Interesse, neue Freundschaften zu schließen. Offenbar war es mein Schicksal, dass irgendeine Katastrophe vorprogrammiert war, sobald ich irgendjemanden zu nah an mich heranließ. Also ließ ich es lieber ganz. Zumindest, was meine schulischen Leistungen betraf, fuhr ich mit dieser Taktik sehr gut. Ohne jegliche Ablenkung von außen konnte ich mich voll und ganz auf meinen High School-Abschluss in wenigen Monaten konzentrieren. Denn an meinem Ziel, mich danach am College für ein Medizin-Studium einzuschreiben, hatten auch die Katastrophen der vergangenen Wochen nichts geändert. Da ich inzwischen wusste, dass ich die Fähigkeit der Heilung von meiner Mutter geerbt hatte, war die Wahl dieses Studienfaches aus meiner Sicht die einzig logische Konsequenz. Auf jeden Fall war diese Fähigkeit für meine weitere berufliche Laufbahn deutlich hilfreicher als meine angebliche Nox-Fähigkeit: die Kontrolle der Ängste anderer Menschen. Allein beim Gedanken daran bildete sich in meiner Magengegend ein schmerzhafter Knoten. Natürlich erinnerte ich mich an das berauschende Gefühl, als Devan mir gezeigt hatte, wie es sich anfühlte, diese Fähigkeit einzusetzen. Trotzdem sträubte sich alles in mir dagegen, sie jemals anzuwenden. Am liebsten wollte ich meine Heiler-Fähigkeit dazu nutzen, um in Zukunft anderen Menschen helfen zu können. Mit allem anderen, was die Energiewesen betraf, wollte ich dagegen nach Möglichkeit nie wieder etwas zu tun haben. Allerdings wurde ich das Gefühl nicht los, dass die ganze Sache nicht so einfach war. Anfangs hatte ich gehofft, dass Devan nur aufgetaucht war, um mich zu verunsichern, und dann so bald wie möglich wieder verschwand. Doch das tat er nicht. Ich hatte weiterhin das zweifelhafte Vergnügen, meine kompletten Schultage sowohl mit ihm als auch mit Sage zu verbringen. Ich hatte das Gefühl, dass die Luft vor unterdrückter Energie regelrecht zu knistern begann, wenn sich die beiden Brüder in einem Raum aufhielten. Meinen Mitschülern fiel dies natürlich nicht auf. Devan versuchte immer wieder, in meine Gedanken vorzudringen, und ich war mir nicht sicher, ob er damit mich oder doch eher Sage provozieren wollte. Es kostete mich alle Mühe, seine Manipulationsversuche abzuwehren und gleichzeitig den brennenden Schmerz, den der Protektor an meiner Halskette verursachte, zu ignorieren. Wenigstens bildeten sich inzwischen keine Brandblasen mehr an der Stelle, an der der engelsförmige Anhänger auf meiner Haut auflag.

Während ich Sages abwartende Haltung in gewisser Weise nachvollziehen konnte, fand ich dieses Verhalten bei Devan höchst beunruhigend. Er tat nichts, außer mich den gesamten Schultag über mit seinen bernsteinfarbenen Augen zu fixieren. Bis auf das eine Mal vor meinem Schließfach hatte er mich kein weiteres Mal angesprochen. Doch das brauchte er auch nicht. Seine bloße Anwesenheit verwandelte mich innerhalb kürzester Zeit in ein nervliches Wrack. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mein Verhalten studierte, wie er es bereits während meiner Gefangenschaft im Haus der Nox getan hatte. Doch dieses Mal musste ich dabei irgendwie meinen Alltag meistern, statt vollkommen apathisch auf dem Bett zu sitzen und ins Leere zu starren.

Julie schien ihren Plan, sich eine längere Auszeit zu nehmen, tatsächlich durchziehen zu wollen. Nach vier Wochen war sie noch immer nicht in der Schule aufgetaucht. Auch auf einen Anruf oder eine sonstige Nachricht von ihr wartete ich vergeblich. Langsam befürchtete ich, dass ich als verbitterte, alte Frau ohne Freunde, aber mit jeder Menge Katzen enden würde.

Die Schultage zogen sich in die Länge wie Kaugummi. In den vergangenen Wochen hatte ich den größten Teil meiner freien Nachmittage in meinem Zimmer verbracht. Da schon seit einigen Tagen der Herbst mit Sturm und strömendem Regen Einzug gehalten hatte, hatte ich auch nicht das Gefühl, draußen besonders viel zu verpassen. Heute hatten sich allerdings schon am frühen Morgen die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die seit Tagen dichte Wolkendecke gebahnt. Am Nachmittag strahlte die Sonne tatsächlich von einem beinahe wolkenlosen Himmel, und auch die Temperaturen waren für Oktober relativ angenehm. Deswegen freute ich mich sogar ein wenig, als Dylan irgendwann in meinem Zimmer auftauchte.

»Maira?«, fragte er, nachdem er zögerlich seinen Kopf durch einen schmalen Türspalt gesteckt hatte.

Ich sah von meinem Buch auf. »Hallo, mein Großer. Was gibt es?«

Mein kleiner Bruder schlüpfte in mein Zimmer. Vor meinem Bett blieb er stehen und sah mich unsicher an. »Ich wollte fragen … ob du mit Jake und mir ein Eis essen gehen möchtest«, sagte er leise. Es versetzte mir einen Stich ins Herz, dass er offenbar Angst hatte, mich danach zu fragen. In der Hoffnung, ihm diese Unsicherheit nehmen zu können, setzte ich ein strahlendes Lächeln auf, bevor ich entschlossen die Beine über die Bettkante schwang.

»Natürlich! Ich freue mich, dass ihr mich mitnehmen möchtet.« Mein Plan funktionierte. Dylan grinste, seine Augen begannen vor Begeisterung zu leuchten.

»Super!«, rief er, stürmte aus meinem Zimmer und die Treppe hinunter. Lächelnd folgte ich ihm. Es war definitiv an der Zeit, endlich wieder aus meinem Schneckenhaus herauszukommen. Auch Dianes Gesichtszüge, die in den vergangenen Wochen immer angespannt gewesen waren, wenn wir aufeinandertrafen, wurden deutlich weicher, als Dylan ihr strahlend erzählte, dass ich dem Vorhaben zugestimmt hatte. Ich glaubte, sogar ein kleines Lächeln auf ihren Lippen erkennen zu können, als sie zu mir hinübersah. Die Jungs waren so aufgeregt, dass es noch fast eine Stunde dauerte, bis wir endlich losgehen konnten. Auf dem Weg zur Eisdiele alberten wir herum und ich bekam den Eindruck, dass es deutlich einfacher wäre, einen Sack Flöhe zu hüten, als meine Brüder in diesem aufgekratzten Zustand. Trotzdem freute ich mich über das Strahlen in ihren Augen. Sie freuten sich, endlich ihre Schwester wiederzuhaben.

Nach einigen Minuten Fußmarsch erreichten wir die Main Street. Durch das schöne Wetter waren viele Leute unterwegs. Also wies ich Jake und Dylan an, sich ein wenig zu beruhigen. Wenigstens, solange wir an der vielbefahrenen Straße entlanggingen.

Schon aus einiger Entfernung sah ich die blinkende Leuchtreklame des Cayden Frozen Dreams. Mein Herz machte vor Vorfreude auf einen leckeren Eisbecher einen kleinen Hüpfer. War es wirklich schon über ein Jahr her, seit ich zum letzten Mal mit Matt und Julie nach einem langen, heißen Sommertag am See hier gewesen war? Bei dem Gedanken zog sich mein Magen schmerzhaft zusammen. Es schien mir, als wäre es eine Erinnerung aus einem anderen Leben. Unwillkürlich schüttelte ich mich, um den kalten Schauer, der mir über den Rücken lief, loszuwerden. Das merkwürdige Kribbeln, das sich in diesem Moment an meinem Hals bemerkbar machte, machte die ganze Sache auch nicht besser. Beunruhigt sah ich mich um. Schon seit Tagen hatte ich immer wieder das Gefühl, beobachtet zu werden. Und nach der Reaktion meines Protektors zu schließen musste ich gar nicht lange überlegen, wer es war, der mich beobachtete. Ich blickte hinter mich, entdeckte aber niemanden.

Ich war noch ganz in Gedanken versunken, als Dylan plötzlich aufgeregt an meinem Shirt zupfte.

»Maira, sieh mal!«, rief er. »Da ist Sage!« Ich erstarrte. Der Nachmittag hätte so schön werden können, und jetzt das. Natürlich wusste ich, dass meine Brüder Sage vermissten. Sie hatten ihn immer sofort belagert, sobald er unser Haus betreten hatte. Ich bezweifelte, dass sie verstanden, warum er seit Wochen nicht mehr da gewesen war. Trotzdem sträubte sich alles in mir, jetzt einen erzwungenen Smalltalk mit ihm zu führen. Ich lächelte gequält und blickte in die Richtung, in die Dylan aufgeregt mit dem Finger zeigte. Tatsächlich stand Sage auf der anderen Straßenseite und sah zu uns hinüber. Erleichtert stellte ich fest, dass die dunkle Sonnenbrille das leuchtende Blau seiner Augen verdeckte. Gut so. Wenigstens eine Sache weniger, die mich aus dem Konzept bringen konnte. Als hätte er nicht noch etliche andere an sich.

»Können wir kurz zu ihm rübergehen? Bitte, Maira«, bettelte Jake. Ich seufzte resigniert. Wenn mein kleiner Bruder mich so ansah, konnte ich einfach nicht Nein sagen. Außerdem wäre ich mir selbst ziemlich lächerlich vorgekommen, wenn ich ihm seine Bitte ausgeschlagen hätte. Die beiden konnten ja nichts dafür, dass ich mich eigentlich so weit wie möglich von ihm fernhalten wollte.

Ich wollte mich gerade umsehen, um den Verkehr abzupassen, als Sage mir zuvorkam, grinste und die Jungs mit einer Handbewegung zu sich hinüberwinkte. Einen Moment schloss ich die Augen und atmete tief durch. Dann beschloss ich, einfach gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Noch bevor ich die Augen wieder öffnete, hörte ich Jakes und Dylans Schritte auf dem Asphalt der Straße. Und wenige Sekunden später lautes Hupen. Quietschende Reifen, die über den Asphalt rutschten. Ein dumpfer Knall. Knirschendes Metall. Um mich herum schrien einige Menschen auf. Für einen winzigen Moment war es totenstill, bevor die Hölle losbrach. Die Leute brüllten wild durcheinander, Autotüren wurden zugeschlagen.

»Schnell, ruft den Notarzt!«, hörte ich eine Frauenstimme aus der Menge heraus.

»Oh mein Gott!« Jemand schluchzte.

Mühsam öffnete ich die Augen und blickte mich um. Um mich herum herrschte völliges Chaos. Doch ich nahm alles nur in Zeitlupe war. Mehrere Autos standen kreuz und quer auf der Straße. Zwischen ihnen hatte sich eine Menschentraube gebildet. Mitten auf der Straße hockte Jake. Weinend starrte er zu mir hinüber. Aus einer großen Platzwunde an der Schläfe rann dunkelrotes Blut über sein Gesicht. Ein junger Mann hatte sich neben ihn gekniet und versuchte, ihn zu beruhigen. Ich sah, wie mein kleiner Bruder den Mund öffnete und etwas in meine Richtung schrie, doch ich konnte ihn nicht verstehen. Mechanisch machte ich einige Schritte nach vorne. Die Menschtraube löste sich etwas auf. Nur ein älterer Mann kniete weiterhin auf dem Boden. Aufgeregt sprach er in sein Handy. Ich schob mich an den umstehenden Menschen vorbei und starrte auf den Boden. Auf der Straße, halb unter einem Auto begraben, lag Dylan. Er war blass und hatte die Augen geschlossen. Seine Lippe war aufgeplatzt, das Gesicht übersät mit Schürfwunden. Der linke Arm lag merkwürdig verdreht neben ihm. Blut lief in kleinen Rinnsalen aus seiner Nase und einem Ohr. Seine blonden Haare waren rot verfärbt. Verzweifelt versuchte ich, die ganze Szenerie irgendwie zu begreifen. Ich riss meinen Blick von Dylan los und starrte Sage an. Das Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden, doch es war auch keine andere Regung darin zu erkennen. Nachdem wir uns einige Augenblicke angestarrt hatte, wandte er sich um und ging einfach weg. Ich kniff die Augen zusammen und schüttelte heftig den Kopf. Ich musste diese Halluzination endlich beenden.

Ich schüttelte meinen Kopf weiter, immer und immer wieder. Die Sonne schien auf meiner Haut zu brennen.

»Maira!«, hörte ich Jakes verzweifeltes Rufen. »Maira!« Es klang, als würde ich ihn durch eine massive Wand hören. Und dann war da noch ein Geräusch. Es kam näher, wurde immer lauter. Ohrenbetäubend. Die jaulende Sirene eines Notarztwagens. Warum wachte ich verdammt nochmal nicht auf? Ich griff mit einer Hand an meinen Hals und umklammerte den engelsförmigen Anhänger meiner Kette. Er schmiegte sich kühl in meine Handfläche. Ich erstarrte. In jeder der unzähligen Halluzinationen, die ich in den vergangenen Monaten gehabt hatte, war der Protektor glühend heiß geworden. Mehr als einmal hatte er dabei riesige Brandblasen auf meiner Haut hinterlassen. Wenn das Metall jetzt kühl blieb, hieß das etwa …? Panisch riss ich die Augen auf. Nichts hatte sich verändert. Noch immer herrschte ein heilloses Durcheinander. Noch immer starrte Jake mich mit schreckgeweiteten Augen an. Noch immer lag Dylan unter diesem Auto. Reglos. Wie tot. Das war keine Halluzination. Der gellende Schrei, der mir in den Ohren hallte, als mir das bewusst wurde, ging mir durch Mark und Bein. Es dauerte einige weitere Sekunden, bis ich realisierte, dass ich es war, die schrie.

»Dylan!«

Keine Antwort. Nicht einmal ein Zucken.

»Dylan!«

Der Arzt kniete sich über meinen Bruder und gab seinen Kollegen einige hektische Anweisungen. Ich spürte etwas hart gegen mich prallen. Jake sprang mir in die Arme und riss mich dabei zu Boden. Ich schlug so hart auf den Asphalt auf, dass mir die Luft wegblieb. Ich sah noch verschwommen, wie sich mehrere Personen über Dylan beugten und ihn an ein piepsendes Gerät anschlossen. Dann begann es in meinem Kopf zu kribbeln und ich wurde bewusstlos.

Kapitel 3

Maira

Als ich wach wurde, brummte mir der Schädel. In der Hoffnung, den Schmerz ein wenig lindern zu können, kniff ich die Augen fest zusammen und atmete einige Male tief durch. Der beißende Geruch von Desinfektionsmitteln und Gummihandschuhen stieg mir in die Nase. Ich hasste diesen Geruch. Er machte mir, auch ohne, dass ich die Augen öffnete, allzu deutlich, dass ich mich in einem Krankenhaus befinden musste. Was wiederum bestätigte, dass die Erinnerungen, die in kleinen Bildfetzen vor meinem inneren Auge auftauchten, weder einem Traum, noch einer meiner Halluzinationen entsprangen. Das Quietschen der Autoreifen, der Aufprall, Dylans verdrehter, lebloser Körper auf der Straße. Das alles war Realität. Bei dem Gedanken setzte mein Herzschlag einen Moment aus und ich verzog das Gesicht.

»Maira?«, hörte ich eine fremde, leise Stimme direkt neben mir. Zögerlich öffnete ich die Augen. Verschwommen nahm ich das Gesicht einer jungen, rothaarigen Frau wahr. Sie musterte mich prüfend. »Wie geht es dir?« Statt einer Antwort brummte ich nur. Ohne jede Vorwarnung leuchtete mir die Krankenhausangestellte nun mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen. Als das grelle Licht mich blendete, wandte ich unwillig den Kopf ab. Ich wollte etwas sagen, doch meine Kehle war so trocken, dass jedes Schlucken schmerzhaft darin brannte.

»Könnte … könnte ich etwas Wasser haben?«, krächzte ich.

»Natürlich.« Sofort hastete eine junge Frau, vermutlich kaum älter als ich selbst, die bisher ruhig am Fußende meines Bettes gestanden hatte, hinaus auf den Flur. Wenige Augenblicke später kehrte sie mit einem Glas und einer vollen Wasserflasche unter dem Arm zurück. Sie schenkte mir ein und beobachtete mit großen Augen, wie ich das Glas in einem Zug leerte.

»Erinnerst du dich, was passiert ist?«, wollte die Rothaarige neben mir nun wissen. Das kleine Namensschild an ihrem Kittel verriet mir, dass sie Assistenzärztin war und Dr. Miller hieß. Ich nickte mit aufeinandergepressten Lippen.

»Wie geht es meinem Bruder?«, flüsterte ich tonlos.

Dr. Miller zögerte einen Moment. »Er musste notoperiert werden. Er ist noch nicht über den Berg«, antwortete sie dann. Ich nickte und versuchte verzweifelt, die aufsteigenden Tränen wegzublinzeln. Ohne Erfolg. Sie rannen mir die Wangen hinunter und tropften auf die Bettdecke.

»Und Jake?«, fragte ich zwischen zwei Schluchzern.

Die Miene der Ärztin entspannte sich etwas. »Er wurde nur leicht verletzt und muss nur noch einige Tage zur Beobachtung hierbleiben.« Ein winziger Funken Erleichterung machte sich in mir breit. Allerdings viel zu klein, um der Sorge um Dylan auch nur ansatzweise das Wasser reichen zu können.

»Ich möchte zu Dylan«, sagte ich mit brüchiger Stimme.

»Du solltest dich erst noch ein wenig ausruhen, und dann…«, meinte Dr. Miller, doch ich ließ sie nicht ausreden.

»Nein!«, rief ich. »Ich will ihn sehen! Jetzt!« Sie sah mich einen Moment nachdenklich aus ihren grünen Augen an, dann nickte sie knapp und bedeutete mir, ihr zu folgen. Auf dem Gang stiegen wir in den Fahrstuhl und Dr. Miller drückten einen der unzähligen Knöpfe. Kurz darauf öffnete sich die Tür ratternd wieder und sie führte mich in einen kleinen Raum, in dem ich mir meine langen Haare zu einem Zopf zusammennehmen und danach gründlich die Hände waschen und desinfizieren musste.

Ich schluckte, als wir anschließend vor der breiten Flügeltür mit der Aufschrift Kinder-Intensivstation standen und Dr. Miller diese mit ihrer Schlüsselkarte öffnete. Mit jedem Schritt wuchs meine Anspannung. Wir hatten fast das Ende des Ganges erreicht, als sie stehenblieb und mit einem Kopfnicken in einen der Räume wies. Zögerlich machte ich einen Schritt hinein. Dylan lag in einem großen Bett, angeschlossen an unzählige Schläuche, der Monitor neben ihm stieß in regelmäßigen Abständen ein grelles Piepen aus. Er erschien mir noch blasser als zuvor. Seine Lippen, über die ebenfalls ein dicker Schlauch lief, schienen praktisch kein Blut mehr zu beinhalten. Dafür waren beide Augen blutunterlaufen und auch die rötlichen Spuren in seinen Haaren waren noch deutlich zu erkennen. Der Anblick versetzte mir einen Stich ins Herz. Diane und Toni saßen neben dem Bett. Meine Pflegemutter hatte den Kopf auf der Matratze abgestützt und hielt Dylans Hand. Es dauerte eine Weile, bis sie mich bemerkten.

»Maira«, flüsterte Diane. Als sie mich ansah, zog sich mein Magen schmerzhaft zusammen.

»Es tut mir so leid«, wisperte ich. Ich war mir sicher, dass weder sie noch Toni mir die Schuld an dem Unfall geben wollten. Trotzdem war der unausgesprochene Vorwurf in den Augen der beiden nicht zu übersehen. Und ich wusste, dass sie recht hatten. Ich hatte die Verantwortung für meine Brüder gehabt. Ich hätte dafür Sorge tragen müssen, dass ihnen nichts passierte. Eine einzige verdammte Aufgabe. Und ich hatte versagt. Wie erstarrt blieb ich in der Mitte des sterilen Raumes stehen und wartete, was passieren würde. Doch es passierte … nichts. Nachdem meine Pflegeeltern mich einen Moment lang mit unergründlichen Mienen angestarrt hatten, wandten sie ihren Blick nun wieder Dylan zu. Als sei ich eine Fremde, die man zwar bemerkt hatte, der man aber keine weitere Beachtung schenkte. Keiner von ihnen kam zu mir, um mich in den Arm zu nehmen. Keiner von ihnen schrie mich aus Wut und Verzweiflung an. Ich war einfach … Luft für sie. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand einen zentnerschweren Bleimantel um die Schultern gelegt, der mich fast erdrückte und mir die Luft zum Atmen nahm.

»Wie … wie geht es ihm?«, fragte ich mit brüchiger Stimme. Statt einer Antwort begann Diane zu schluchzen. Das konnte nichts Gutes bedeuten.

»Sehr schlecht«, bestätigte Toni meine Vermutung, ohne sich dabei zu mir umzudrehen. Nun wagte ich mich doch einige Schritte näher. Ich legte die Hände an das Fußende des Bettes und betrachtete Dylan. Er sah so friedlich aus. Als würde er schlafen.

Ich räusperte mich. »Sehr schlecht bedeutet…«, setzte ich an. Doch Toni schnitt mir das Wort ab.

»Wir wissen nicht, ob er es schaffen wird.« Die Kälte in seiner Stimme ließ mich zusammenzucken. Erschrocken sah ich zu Diane, die ihren Kopf jedoch wieder auf der Matratze abgelegt hatte.

»Er … er wird es schaffen«, stammelte ich und klang dabei deutlich optimistischer, als ich mich fühlte.

Tonis Gesicht nahm einen wutverzerrten Ausdruck an. Er sprang so schnell auf, dass jetzt auch Diane erschrocken zusammenzuckte. Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück. Mein Pflegevater funkelte mich wütend an. »Ach ja? Woher wissen Sie das so genau, Frau Doktor? Sein Zustand hat sich in den letzten zwei Stunden deutlich verschlechtert! Und ausgerechnet du willst mir sagen, dass alles gut wird?«

Ich starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. In Zeitlupe setzte er sich und rückte mit seinem Stuhl wieder an Dylans Bett heran. »Wenn du nicht gewesen wärst, wäre das Ganze gar nicht passiert«, flüsterte er.

»Toni!« Diane starrte ihren Mann fassungslos an. Doch der nahm das Gesagte nicht zurück. Er war vollkommen in seinen Gedanken versunken. Ich spürte einen schmerzhaften Stich ins Herz und rang nach Luft. Meine Augen brannten. Ich musste hier raus! Völlig kopflos stürzte ich durch die Tür auf den Gang hinaus. Wie durch einen Tunnel rannte ich in Richtung der Flügeltür, die mich zu den Aufzügen brachte.

»Maira, was ist denn los?«, hörte ich plötzlich Dr. Millers Stimme hinter mir.

»Lassen Sie mich hier raus«, keuchte ich atemlos. »ICH WILL HIER RAUS!« Etwas irritiert, aber ohne weitere Fragen zu stellen, zog sie die Schlüsselkarte durch den Schlitz. Ich stieß sie zur Seite und stolperte zu den Fahrstühlen. Hektisch hämmerte ich auf die Knöpfe in der Wand ein, bis sich endlich die dicken Metalltüren klappernd zur Seite schoben. Als sie sich hinter mir schlossen und sich der Aufzug in Bewegung setzte, lehnte ich erschöpft meinen Kopf gegen die Wand.

»Es ist deine Schuld«, geisterte es mir unentwegt durch den Kopf. »Nur deinetwegen wird Dylan vielleicht sterben.« Allein der Gedanke daran brachte mich vollkommen um den Verstand. Das durfte einfach nicht sein. Die Anspannung in meinem Inneren wuchs unaufhörlich. Eine Mischung aus Entsetzen, Wut und Angst. In meinen Händen begann es zu kribbeln. Es kostete mich alle Mühe, den Drang, irgendetwas zu zerstören, zu unterdrücken.

Wieder in meinem Zimmer angekommen beugte ich mich über das kleine Waschbecken in der Ecke, um mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Ich musterte mein Spiegelbild, das, wie schon so häufig in den vergangenen Monaten, müde und abgekämpft wirkte. Hatte wirklich ich diesen Unfall verursacht? Prüfend sah ich mir selbst in die Augen. Die bernsteinfarbenen Punkte, die sich während meiner Zeit bei den Nox in dem Blau gebildet hatten, waren noch immer nicht verschwunden. Wenn ich ehrlich war, hatte ich sogar den Eindruck, dass sie größer geworden waren. War es vielleicht wirklich mein Schicksal, dass ich mehr eine Nox als eine Cor war und deshalb so viel Leid über die Menschen um mich herum brachte? Bei dem Gedanken schüttelte ich unwillig den wieder gesenkten Kopf.

»Man hat immer eine Wahl, Maira.« Sages Worte hallten durch meinen Kopf, als würde er direkt neben mir stehen. Sage. Mit einem Ruck blickte ich auf. Ich war so durcheinander gewesen, dass ich dieses eine Detail des Unfalls vollkommen ausgeblendet hatte. Sage war da gewesen.

---ENDE DER LESEPROBE---