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Nominiert für den LovelyBooks-Leserpreis 2020, Kategorie Fantasy & Science Fiction Mairas Kindheit, die sie nach dem Tod ihrer Eltern in unzähligen Heimen verbracht hat, ist geprägt von Einsamkeit, Angst und Ablehnung. Erst, als sie in einem Internat und später bei ihrer liebevollen Pflegefamilie unterkommt, erfährt sie endlich, was es bedeutet, sich geliebt und angenommen zu fühlen. Ihr neues Leben könnte nahezu perfekt sein. Doch dann wird Maira immer wieder von beängstigenden Halluzinationen heimgesucht, die sie mehr und mehr an ihrem Verstand zweifeln lassen. Zu allem Überfluss taucht dann auch noch der undurchschaubare Sage auf, der deutlich mehr über Mairas Vergangenheit zu wissen scheint als sie selbst. Urplötzlich findet Maira sich inmitten eines Kampfes zwischen Gut und Böse wieder, von dem sie nicht einmal geahnt hat, schon lange ein Teil davon zu sein. Ihre immer stärker werdenden Gefühle für Sage machen die Situation nicht einfacher. Erst recht nicht, als Maira sich immer öfter die Frage stellen muss, ob sie ihm tatsächlich vertrauen kann. Wer ist Sage wirklich? Führt er Maira ins Licht - oder direkt in den Abgrund? Leserstimmen: "Jahreshighlight 2020! Das Buch ist eins der besten und spannendsten Bücher, die ich je gelesen habe." bellasbuecherpalast "Der Schreibstil ist eine Mischung aus Jennifer L. Armentrout, Bianca Iosivoni und Kerstin Gier." ungefiltertlesen "Das Buch ist mein Herzensbuch, mein Jahreshighlight und ab jetzt habe ich eine neue Lieblingsautorin dazugewonnen." booksaura Textschnipsel: "Das hier ist pure Energie. Wenn du sie beherrscht, dann wirst du sie im Kampf einsetzen können." "Im Kampf?" Ein hysterischer Unterton schlich sich in meine Stimme. Ich wollte nicht kämpfen. Nicht jetzt - und auch zu keinem anderen Zeitpunkt. Sage blickte mich ernst an. "Du wirst kämpfen müssen, Maira. Vermutlich nicht heute und auch nicht nächste Woche. Aber irgendwann wird es dazu kommen. Es ist unausweichlich." Er ballte die Hand zu einer Faust und die leuchtende Kugel darin verschwand. "Und wenn ich sie nicht beherrsche?" "Du musst", erwiderte er trocken. "Sonst stirbst du."
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
LightDark 1
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Lichtweg
Tanya Bush
Impressum
Copyright © 2020
Tanya Bush
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
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65817 Eppstein
Cover & Umschlaggestaltung:
© Jaqueline Kropmanns – Design,
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Lektorat: Lektorat Ömchen, Viersen
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Für Lilly.
Fürchte Dich niemals davor, zu träumen.
PLAYLIST
Hold me now - Red
Invisible – Skylar Grey
Saturn – Sleeping At Last
Warrior – Beth Crowley
Bird set free - Sia
I hate you, I love you – Gnash feat. Olivia O’Brien
Love the way you lie – Eminem ft. Rihanna
Dark on me – Starset
Turning page – Sleeping At Last
It doesn’t matter – Alison Krauss & Union Station
Hurts like hell – Fleurie
In my veins – Andrew Belle feat. Erin McCarley
Fire meets fate – Ruelle
»Noch zwei Stunden, dann haben wir es geschafft.« Ich seufzte und legte den Kopf in den Nacken, um mir die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Es war warm an diesem Freitagmittag; ungewöhnlich warm für Februar. Bereits seit einigen Tagen konnten wir in den Pausen auf unsere Jacken verzichten und die Sonne genießen. Ein paar ganz Hartgesottene waren sogar schon in T-Shirts unterwegs.
»Die letzten Stunden vor dem Wochenende sind immer die schlimmsten«, meinte Julie und genehmigte sich einen weiteren großen Schluck ihres Vanille-Milchshakes. Sie hatte recht. Und dass wir in den letzten beiden Stunden der Woche ausgerechnet Sport hatten, machte das Ganze nicht unbedingt besser. Denn dafür brachte weder ich noch meine beste Freundin, wirkliche Begeisterung auf.
»Was habt ihr dieses Wochenende geplant?«, fragte Matt, der mit geschlossenen Augen und hinter dem Kopf verschränkten Armen neben mir im Gras lag. Er musste sich definitiv keine Sorgen um den folgenden Unterricht machen, denn Matt war ein richtiges Sport-Ass. Eigentlich gab es keine einzige Sportart, in der er nicht glänzte. Sein perfekt durchtrainierter Körper kam schließlich nicht von ungefähr.
Matt. Beinahe automatisch huschte mein Blick über seine markanten Wangenknochen und den leichten Bartschatten. Wie immer machte sich dabei ein aufgeregtes Flattern in meiner Magengegend breit. Dieser Mann hatte mir praktisch von der ersten Sekunde an den Kopf verdreht.
Meine Gedanken wanderten zu meinem ersten Schultag an der neuen Schule. Schon Tage vorher war mir speiübel gewesen. Ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Und jetzt war ich mir sicher, dass sich bald unzählige Augenpaare auf mich, der Neuen an der High School in dem kleinen Ort Cayden, richten würden. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sie die Köpfe zusammensteckten und mich anstarrten, als hätte ich drei Augen. Eine neue Schülerin musste in einer solchen Kleinstadt eine wahre Sensation sein; noch dazu, wenn sie aus Europa kam. Es konnte nur ein absoluter Albtraum werden.
Der erste Schultag hatte schon denkbar schlecht angefangen. Schon beim Aufwachen hatte ich schreckliche Kopfschmerzen gehabt, die mit jeder weiteren Minute eher schlimmer als besser wurden. Als ich etwas unschlüssig im Eingangsbereich des Schulgebäudes gestanden und mich unsicher umgesehen hatte, schien mein Schädel kurz vor dem Zerbersten zu sein. Ich fluchte leise, weil diese verdammten Kopfschmerztabletten ausgerechnet heute vollkommen versagten. Einen Moment hatte ich tatsächlich darüber nachgedacht, einfach wieder nach Hause zu gehen und mich für den Rest des Tages unter der Bettdecke zu verkriechen. Allerdings war ich schnell zu der Einsicht gekommen, dass das an der Situation nichts ändern würde. Irgendwann musste ich zur Schule gehen. Also hatte ich entschieden, es möglichst schnell hinter mich zu bringen.
Ich war seit Jahren nicht mehr auf einer öffentlichen Schule gewesen. Alles wirkte so … groß, laut, hektisch. Natürlich hatten mich die ersten Grüppchen schon innerhalb von Sekunden ins Auge gefasst und ungeniert angestarrt. Allen voran eine kleine Gruppe Schülerinnen, bei denen ich mir sicher war, dass sie allesamt direkt aus einem dieser klischeegespickten Teenie-Filme stammten. Zart gebräunte Haut, lange blonde Haare, perfektes Styling. Eben diese Art von Mädchen, die im Fernsehen zu sehen waren. Aber eben nur im Fernsehen. Es schien sie jedoch tatsächlich zu geben. Ich hatte versucht, die Blicke zu ignorieren und mich darauf konzentriert, den richtigen Weg ins Sekretariat zu finden, als hinter mir die Tür aufging und ein leises Raunen, ausgehend vom überwiegend weiblichen Anteil der umstehenden Schüler, zu hören war.
»Hast du dieses Empfangskomitee zusammengetrommelt?« Die tiefe, fast schon heisere Männerstimme fesselte mich, noch bevor ich denjenigen, dem sie gehörte, das erste Mal angesehen hatte.
»Ich …ähm …« Es fiel mir eh schon schwer, mit fremden Menschen zu sprechen. Doch als mein Blick jetzt auf den großen, breitschultrigen Typen, der direkt neben mir stehen geblieben war, fiel, schien mein Gehirn sich eine Auszeit zu nehmen. Er strahlte pures Selbstvertrauen aus. Seine Haltung war aufrecht, aber gleichzeitig lässig. Die blonden Haare hatte er unordentlich gestylt, was ihn, zusammen mit dem Dreitagebart, der seine vollen Lippen perfekt umrahmte, fast schon verwegen wirken ließ. Selbstsicher ließ er den Blick über die anderen Schüler gleiten, bevor er mich ansah.
»Ich bin Matt«, sagte er und schenkte mir ein schiefes Lächeln.
»Maira … ich …«, stammelte ich und merkte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Im selben Augenblick verfluchte ich mich selbst. Eigentlich war ich gar nicht diese Sorte Mädchen, die beim Anblick eines gutaussehenden Mannes vollkommen den Kopf verlor. Ich atmete einmal tief durch und versuchte, meine Gedanken zu sortieren. »Ich bin Maira.«
Matts Augen tasteten sich über mein Gesicht, bevor sie meinen Blick festhielten. Aus irgendeinem Grund musste ich schlagartig an Kaa, die Schlange mit dem hypnotischen Blick aus dem Dschungelbuch, denken. Seine Augen schienen die gleiche Wirkung zu haben. Sie waren … faszinierend. Sie leuchteten in einem Farbton, der mich unwillkürlich an flüssigen Honig erinnerte. Ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden, bis ich plötzlich ziemlich unsanft zur Seite gestoßen wurde.
»Hallo, Fremder.« Eins der Teenie-Film-Mädchen hatte sich zwischen uns gedrängt und sah Matt nun mit klimpernden Augen an. »So einen hübschen Neuzugang hatten wir ja schon lange nicht mehr hier.« Matt grinste schief.
Normalerweise hätte ich in einer solchen Situation die Augen verdreht. Ich fand Mädchen, die sich einem Jungen so offensichtlich an den Hals warfen und dabei das Dummchen mimten, einfach nur peinlich. Jetzt aber sah ich irritiert von Matt zu der Blondine und wieder zurück. Neuzugang? So selbstsicher, wie er hier hereinspaziert war hätte ich schwören können, dass er der unangefochtene Star der Football-Mannschaft war, dem sämtliche Mädchen der Schule zu Füßen lagen. Wahrscheinlich hatte ich tatsächlich zu viele High School-Teenie-Filme gesehen.
»Ich bin Kaley«, strahlte die Blonde jetzt und legte ihm eine Hand auf den Unterarm.
»Matt«, erwiderte er und seine Augen schienen jeden Zentimeter ihres Körpers abzuscannen.
Ich schüttelte den Kopf. Zumindest was den weiblichen Anteil der anwesenden Schüler anbelangte, schien keiner mehr Notiz von mir zu nehmen, seitdem Matt aufgetaucht war. Was mir mehr als gelegen kam, denn nun meldeten sich die rasenden Kopfschmerzen zurück, begleitet von einem unangenehmen Pfeifen im Ohr. Ich seufzte.
»Komm, ich zeige dir, wo das Sekretariat ist«, flötete Kaley und packte Matt am Handgelenk. Er ließ sich von ihr mitziehen, wandte sich aber nach wenigen Schritten erneut mir zu.
»Maira, du musst doch auch noch ins Sekretariat«, meinte er. Mit einem Ruck drehte Kaley sich ebenfalls um. Sie starrte mich an, als wäre ich ein Insekt. Dann hob sie kurz eine Augenbraue, bevor sie in ihren halsbrecherisch hohen High Heels weiterstolzierte. Ich zuckte mit den Schultern und folgte den beiden durch die Eingangshalle in einen der breiten Seitengänge. Während des gesamten Weges gestikulierte Kaley wild mit den Händen, zeigte mal nach links, dann nach rechts und redete ununterbrochen auf Matt ein. Er lächelte, erwiderte jedoch nichts. Ich stellte fest, dass es für jemanden, der ungern im Mittelpunkt stand, eindeutig von Vorteil war, am gleichen Tag wie er neu an eine Schule zu kommen. In seiner Gegenwart schien ich praktisch unsichtbar zu sein. Hier und da streifte mich ein Blick, der jedoch sofort zu dem offenbar heißesten Neuzugang wechselte, den die Cayden High School jemals gesehen hatte.
Im Sekretariat angekommen, blickte Kaley Matt erwartungsvoll an. »Ich hoffe, wir sehen uns später«, flötete sie und warf sich die blonde Mähne über die Schulter. Für mich hatte sie nur einen verächtlichen Blick übrig, bevor sie auf dem Absatz kehrt machte und in der Menge der vorbeilaufenden Schüler verschwand. Wir würden garantiert keine Freunde werden.
Matt und ich nahmen unsere Stundenpläne, die Hausordnung und den Lageplan der Schule in Empfang und machten uns auf den Weg zu unseren Schließfächern.
»Hey, wir haben ja alle Kurse gemeinsam!«, rief er strahlend und hielt mir seinen Stundenplan unter die Nase. Ich lächelte schüchtern. Abgesehen von seiner Optik schien Matt ein echt netter Kerl zu sein. Es beruhigte mich ein wenig, dass ich direkt schon jemanden kannte.
Ich warf einen Blick auf den Lageplan und stieß langsam die Luft aus. Mein Orientierungssinn ähnelte dem einer Bockwurst, und diese High School war für einen so kleinen Ort verdammt groß. Wenn ich nicht direkt am ersten Tag zu spät kommen wollte, musste ich mich jetzt beeilen. Matt musterte mich eine Sekunde lang. Dann lachte er leise auf, als mein Gesicht scheinbar einen verzweifelten Zug annahm.
»Wir müssen hier entlang«, grinste er und wies mit einem leichten Kopfnicken den Gang hinunter. Ich presste die Lippen aufeinander und spürte, wie mir die Röte ins Gesicht kroch. Innerlich beglückwünschte ich mich dazu, mich schon nach wenigen Minuten zum Deppen gemacht zu haben. Und das ausgerechnet vor jemandem wie Matt. Nervös umklammerte ich meine Englisch-Bücher und stapfte los in die Richtung, in der er unseren Kursraum vermutete. Obwohl ich das Klassenzimmer nicht allein betreten musste, stieg meine Anspannung mit jedem Meter. Matt dagegen schlenderte mit derselben Lässigkeit, die er schon in der Eingangshalle an den Tag gelegt hatte, neben mir her.
»Du hast heute auch deinen ersten Tag?«, erkundigte er sich und sah mich von der Seite an. Ich nickte und heftete den Blick auf den Gang vor mir. »Neu hierhergezogen?«, hakte Matt nach. Wieder nickte ich.
»Und woher kommst du?«
»Irland«, presste ich hervor. Das aufgeregte Pochen meines Herzens machte sich gerade daran, zusammen mit dem Hämmern in meinem Kopf und dem immer noch vorhandenen Pfeifton, eine unangenehme Mischung zu bilden. In meinem Hals machte sich ein riesiger Kloß breit.
»Europäer scheinen nicht besonders gesprächig zu sein«, grinste Matt und musterte mich erneut.
Ich blieb direkt vor der Tür zum Kursraum stehen und räusperte mich, was den Kloß jedoch nicht verschwinden ließ. »Tut mir leid«, murmelte ich und sah ihn entschuldigend an. »Ich bin einfach schrecklich nervös. Ich hasse es, wenn mich alle anstarren. Und jetzt habe ich auch noch fürchterliche Kopfschmerzen.«
Matt sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Wenn du nicht gerne im Mittelpunkt stehst, …«, meinte er und grinste schelmisch: »… dann bleib hinter mir, ich übernehme das.« Verständnislos blickte ich in seine leuchtenden Augen und folgte ihm ins Klassenzimmer. Mitten vor der Klasse blieb er stehen, blickte grinsend in die Runde und breitete die Arme aus.
»Hallo, Cayden!«, rief er. Während die anwesenden Jungs laut auflachten und ihren neuen Mitschüler wie einen Helden feierten, fielen den Mädchen beinahe die Augen aus dem Kopf. Ein hektisches Tuscheln war zu hören. Ich atmete erleichtert auf. Dass Matt mich beim Betreten des Klassenraumes im Schlepptau gehabt hatte, war offenbar niemandem aufgefallen. Niemand schaute mich feindselig an oder verließ den Raum, wie ich es bereits erlebt hatte. Alle ignorierten mich. Alle, bis auf ein Mädchen in der letzten Reihe. Sie war aufgestanden und sah mich, wild gestikulierend, an. Ich nutzte den Moment, in dem Matt, der mir jetzt offenbar mit sich selbst mehr als zufrieden zuzwinkerte, noch von den anderen belagert wurde und huschte an den Tischreihen vorbei bis ans Ende des Raumes.
»Ist hier noch frei?«, fragte ich schüchtern und deutete auf den Platz neben dem Mädchen, das mich zu sich gewunken hatte.
»Hätte ich mich sonst wie eine Verrückte benommen?«, entgegnete sie und lächelte mich breit an. Ihre dunklen Locken wippten bei jeder Bewegung. Ihre warmen, braunen Augen strahlten. »Ich bin Julie«, sagte sie jetzt und musterte mich. »Und du bist Maira, richtig?« Ich nickte mechanisch. Dieser Ort war so klein, dass ein Neuzugang wahrscheinlich schon Wochen vorher das Gesprächsthema Nummer Eins in der High School war. Warum sonst sollte Julie meinen Namen kennen. Ihr Blick war inzwischen auf Matt gefallen war. Anerkennend pfiff sie durch die Zähne.
»Was hast du uns denn da für ein Schnittchen mitgebracht?«, grinste sie und wackelte vielsagend mit den Augenbrauen.
»Ich? Das … das ist Matt«, erwiderte ich. »Ich habe ihn auch erst in der Eingangshalle kennengelernt.«
Julie nickte. Dann begann sie erneut, wild mit den Armen in der Luft zu rudern. »Hey, Matt! Hier ist noch ein Platz frei!«, rief sie über den Lärm hinweg und deutete auf den Stuhl neben mir. Matt nickte und schlenderte zwischen den Tischen hindurch auf uns zu. Mit großen Augen starrte ich ihm entgegen. Großartig! Wenn dieser Kerl direkt neben mir saß, würde es ein echter Kraftakt werden, sich zu konzentrieren. Julie und Matt stellten sich einander vor und ließen sich dann auf die Plätze rechts und links neben mir fallen. Sie schienen dieselbe lockere Art zu haben, denn schon kurz darauf plapperten sie wild durcheinander und bezogen auch mich wie selbstverständlich in ihr Gespräch mit ein. Es war, als würden wir uns schon ewig kennen. Ich bekam unmittelbar das Gefühl, hierher zu gehören.
Das schlürfende Geräusch des Strohhalms holte mich in die Gegenwart zurück. »Wir gehen heute mit der ganzen Familie essen«, antwortete ich jetzt verspätet auf Matts Frage zur Wochenendplanung. »Orientalisch.« Schon beim Gedanken daran lief mir das Wasser im Mund zusammen. Matt ging es offenbar ähnlich, denn wie auf Kommando hörte ich seinen Magen knurren.
»Da würde ich auch nicht Nein sagen«, grinste er und lugte mich aus einem halb geöffneten Auge an.
»Vielleicht solltet ihr beide da mal zusammen hingehen«, meinte Julie mit einem Augenzwinkern. Ich warf ihr einen vernichtenden Blick zu. Natürlich wusste meine beste Freundin von meiner Schwärmerei für Matt. War ich bei unserem ersten Zusammentreffen einfach nur fasziniert von seinem guten Aussehen und seinem Selbstvertrauen gewesen, hatte ich in den Monaten, die wir inzwischen zusammen verbracht hatten, wirkliche Gefühle für ihn entwickelt. Allerdings hatte ich Julie mehr als einmal deutlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht vorhatte, ihn darüber zu informieren. Denn ich war natürlich nicht die Einzige, die ein Auge auf ihn geworfen hatte. Es gab kaum ein Mädchen, dass bei seinem Anblick nicht aufgeregt zu kichern begann. Und Matt sagte zu diesen vielen Gelegenheiten selten Nein. Es lag nur noch ein Jahr vor uns, bis wir die High School verließen. Ich hatte nicht vor, mir in dieser Zeit noch das Herz brechen zu lassen; auch nicht von Matt. Also himmelte ich ihn lieber heimlich an und versuchte mir einzureden, dass unsere Freundschaft viel wertvoller war als ein Kuss von ihm.
Nun schloss er die Augen wieder und gab ein zufriedenes Brummen von sich. »Maira kann mir bestimmt später noch etwas vorbeibringen«, murmelte er.
»Träum weiter, du Pascha«, entgegnete ich lachend und heftete meinen Blick auf den fast wolkenlosen Himmel, um die letzten Minuten vor dem verhassten Sportunterricht zu genießen.
Wie erwartet waren die letzten beiden Stunden eine Tortur gewesen. Als Julie und ich einige Zeit später die Sporthalle verließen und zu unseren Fahrrädern schlenderten, war auch Matt gerade auf dem Weg zu seinem Auto.
»Treibt es am Wochenende nicht zu wild!«, rief er und zwinkerte mir zu. Wie jedes Mal, wenn er das tat, begann es in meiner Magengegend aufgeregt zu kribbeln.
»Wir tun nichts, was du nicht auch tun würdest!«, entgegnete Julie und streckte ihm frech die Zunge heraus. Ich schüttelte den Kopf. Wir beide wussten, dass es kaum etwas gab, das Matt nicht tun würde. Auch Julie war kein Kind von Traurigkeit. Sie genoss das Leben in vollen Zügen. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich meine beste Freundin um ihre offene, lebenslustige Art beneidete. Neben ihr kam ich mir wie der größte Langweiler aller Zeiten vor.
Wir schwangen uns auf unsere Fahrräder und radelten los. Wie immer fuhren wir im Zickzack über den Schülerparkplatz. Julie beschwerte sich wie gewohnt über die Rücksichtslosigkeit der Autofahrer, nachdem sie ihnen die Vorfahrt genommen hatte. Ihr loses Mundwerk war beinahe schon legendär und öffnete ihr immer wieder Türen. Genauso oft brachte es sie jedoch in Schwierigkeiten. Allerdings konnte niemand dieser kleinen, zierlichen Person mit ihren großen, braunen Rehaugen lange böse sein. So kam Julie in den meisten Fällen ohne größere Konsequenzen davon.
Nach wenigen Minuten bogen wir in die Park Road ab und erreichten das kleine Fachwerkhaus, in dem Julie mit ihrer Mutter lebte. Mrs. Winter stand gerade in dem wunderschön gestalteten Vorgarten, einen randvoll gefüllten Einkaufskorb über den Arm gehängt, und unterhielt sich angeregt mit der alten Mrs. Whitmore von nebenan. Als sie uns kommen sah, schenkte sie uns beiden ein strahlendes Lächeln, bevor sie Julie einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab.
»Hallo, Maira. Bleibst du zum Essen?«, begrüßte sie mich und deutete auf den Inhalt ihres Korbes.
»Heute leider nicht. Aber vielen Dank für das Angebot, Mrs. Winter«, entgegnete ich und erwiderte ihr Lächeln. Ich mochte Julies Mutter. Abgesehen von meiner Pflegemutter war sie die warmherzigste Frau, die ich jemals getroffen hatte. Und die stärkste. Julie war gerade einmal drei Jahre alt gewesen, als ihr Vater auf tragische Weise ums Leben gekommen war. Von da an hatte Mrs. Winter jahrelang beinahe Tag und Nacht gearbeitet, um das winzige Apartment, in dem sie lebten, bezahlen zu können. Sie wollte ihrer Tochter so gut es eben ging eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen. Umso mehr hatte sie es verdient, dass sie, nach dem Tod von Julies Großmutter, ihr neues Zuhause und ein kleines Vermögen geerbt hatte.
Ich verabschiedete mich von den beiden und machte mich dann auf den Weg nach Hause. Diane, meine Pflegemutter, war gerade im Vorgarten, wo sie kopfüber in einem ihrer Blumenbeete arbeitete. Auf dem kleinen Stück Rasen lagen verschiedene Gartengeräte verteilt und neben ihr stand ein großer Weidenkorb, in dem sich unzählige Stauden befanden. Ihre Hände und die Hose waren über und über mit Erde verschmiert, was aber nicht von dem konzentrierten und gleichzeitig glücklichen Ausdruck auf ihrem Gesicht ablenken konnte. Offenbar war sie gerade dabei, ihre liebevoll angelegten Blumenbeete auf den kommenden Frühling vorzubereiten.
»Hi, Diane!«, rief ich, während ich mein Fahrrad an ihr vorbei in Richtung des Schuppens schob. Sie wandte sich um und schenkte mir ihr warmes, strahlendes Lächeln. Sofort machte sich ein Gefühl der Geborgenheit in mir breit.
»Hallo, Schätzchen«, erwiderte sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Ich stellte mein Fahrrad ab, schwang mir meine Tasche über die Schulter und schlenderte auf meine Pflegemutter zu, um ihr zur Begrüßung einen leichten Kuss auf die Schläfe zu geben. »Die Kleinen sind im Garten. Kannst du sie schon einmal zusammentrommeln und ihnen sagen, dass sie sich die Hände waschen sollen? Das Essen ist gleich fertig. Du weißt ja, wie lange es immer dauert, bis tatsächlich alle am Tisch sitzen.«
Die Kleinen waren Dylan, elf Jahre alt, und Jake, neun Jahre, meine Brüder. Vom ersten Tag an hatte ich sie wie selbstverständlich als meine Geschwister bezeichnet. Genauso wie Zoe, die dreizehnjährige Tochter der Familie. Meiner Familie. Obwohl ich keinerlei genetische Verbindung zu diesen Menschen hatte. War es tatsächlich erst wenige Monate her, seitdem ich zu einem Teil von ihnen geworden war?
Erst vor einem knappen Jahr war ich hierhergezogen; in den kleinen Ort namens Cayden im Norden von Montana. In dieses Haus, neben dem ein kleiner Bachlauf plätscherte und von dem aus man direkt in ein wunderschönes Waldstück gelangte. Das Haus, das ein Zuhause war, sobald man es betrat. Das Fachwerk an der Außenseite war penibel instandgehalten worden. In jedem der Räume wurde deutlich, mit wie viel Liebe und Bedacht die Einrichtung und die Dekoration ausgewählt worden waren. Diane hatte einfach ein Händchen dafür, eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Und auch Toni, mein Pflegevater, trug seinen Teil dazu bei. Den großen offenen Kamin im Wohnzimmer hatte er selbst gemauert. Zusammen mit unserem Nachbarn Brian, der Schreiner war, hatte er aus einem ganzen Baum unseren wunderschönen, massiven Esstisch gefertigt, an dem die Familie zusammenkommen, essen, reden, lachen und spielen konnte.
Fast ein Jahr war es nun her, seitdem ich zu diesen Menschen gekommen war. Einerseits kam es mir vor, als wäre es gestern gewesen. Andererseits überwog das Gefühl, schon immer ein Teil dieser Familie zu sein.
Ich war ein nervliches Wrack gewesen, als ich am Abend meines siebzehnten Geburtstags mit meinem wenigen Gepäck vor der aus Holz gefertigten Haustür gestanden hatte. Willkommen, stand in großen, verschnörkelten Lettern auf einem handgefertigten Schild, das daran befestigt war. Galt das auch für mich? Es war das erste Mal, dass ich mich in einer richtigen Familie zurechtfinden sollte, denn meine leiblichen Eltern hatte ich nie kennengelernt. Ich wusste lediglich, dass sie beide gestorben waren, als ich gerade einmal ein paar Wochen alt gewesen war. Seitdem ich davon erfahren hatte, brannten mir tausende von Fragen unter den Nägeln. Was war passiert? Warum war ich offenbar nicht bei ihnen gewesen? Wer waren meine Eltern gewesen? Doch ich bekam auf meine vielen Fragen nie eine Antwort. Irgendwann hatte ich auch nicht mehr gefragt. Es gab keine Bilder von ihnen oder von mir als Baby. Keine Geschichten über sie, mit denen ich sie besser hätte kennenlernen können. Ich hatte demnach keinerlei Verbindung zu meinen Erzeugern. Wahrscheinlich hatte ich sie aus diesem Grund auch niemals vermisst.
Wie jeder andere Mensch auch hatte ich an meine früheste Kindheit keinerlei Erinnerung. Das, was ich in den folgenden Jahren erlebte, hatte sich dagegen deutlich tiefer in mein Gedächtnis gebrannt, als es mir lieb war. Ich war selten länger als ein paar Monate in ein und demselben Heim untergebracht gewesen. Die Erinnerungen an jede dieser Einrichtungen waren immer dieselben: Ich war allein. Die anderen Kinder mieden mich, wo sie nur konnten. Wenn ich einen Raum betrat, verstummten die Gespräche oder die anderen verließen ihn gleich ganz. Sie sagten es nie direkt, doch in ihren Blicken war die Ablehnung deutlich zu sehen. Wenn sie mir in die Augen sahen, wichen sie erschrocken zurück. Immer und immer wieder hatte ich mich im Spiegel betrachtet, um den Grund dafür herauszufinden. Doch ich fand keinen. Eines der Mädchen hatte mir einmal zugeflüstert: »Du bist unheimlich.« Aber ich, das ruhige, schüchterne Mädchen, wusste einfach nicht, warum. Und sie erklärte es mir auch nicht.
Und ich hatte Angst. Angst vor Höhe. Angst vor Dunkelheit. Angst vor fremden Menschen. Eigentlich hatte ich Angst vor allem. Oft war meine Angst so groß, dass ich sie sogar spürte, wenn sie eigentlich jemand anderen betraf. Bei einem Tagesauflug an die Küste brach ich in Tränen aus, als ein Mitschüler für eine Mutprobe mit ausgebreiteten Armen mehrere Minuten zitternd am Rand der Klippe ausharren musste. Natürlich machte das meine Situation nicht besser. Spätestens von diesem Tag an war ich das Mädchen, das immer Angst hatte. Das merkwürdige Mädchen, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Selbst die Erwachsenen schienen mich misstrauisch zu beäugen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sich in meiner Gegenwart niemand wirklich wohlfühlte. Ich vermutete, dass dies der Grund dafür war, dass man mich von einem Heim zum anderen weiterreichte. Es war, als wäre ich in einem Teufelskreis gefangen. Je mehr Angst ich hatte, desto mehr lehnten sie mich ab. Je mehr sie mich ablehnten, desto mehr fürchtete ich mich. In dieser Zeit hätte ich niemals geglaubt, dass dieser Albtraum einmal enden würde.
Es war im Herbst nach meinem zehnten Geburtstag, als meine Betreuerin Mrs. Barkley schon vor dem Frühstück in dem kleinen Zimmer auftauchte, das ich mir mit drei anderen Mädchen teilte. Auch sie hatten in den letzten Monaten nur eine Handvoll Worte mit mir gewechselt. Und das auch nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. »Du wirst jetzt deine Sachen packen«, hatte Mrs. Barkley mit dem für sie so typischen herrischen Ton in der Stimme gesagt und mich dabei aus ihren emotionslosen Augen angesehen. Ich kannte dieses Spiel und wusste, dass ich die Einrichtung verlassen würde. Wieder einmal. Wieder einmal in ein neues Heim ziehen. Zu neuen Menschen. Wo alles wieder von vorne anfing.
»Warum?«, wollte ich wissen.
»Frag nicht so viel«, wies sie mich zurecht.
Es war mittlerweile mein zehnter Umzug. So dauerte es nur wenige Minuten, bis ich meine überschaubaren Habseligkeiten in dem kleinen Koffer verstaut hatte und abfahrbereit war. Keines der anderen Kinder würdigte mich eines Blickes, als ich mit meinem Gepäck in der Hand hinter Mrs. Barkley zum Ausgang schlich. Keiner hier würde mich vermissen. Genauso wenig, wie ich sie vermissen würde.
Die Fahrt zu dem neuen Heim dauerte deutlich länger als die bisherigen. Ich vermutete, dass man mich einfach möglichst weit wegschaffen wollte. Irgendwohin, wo man sich mit meiner offensichtlichen Andersartigkeit, auch wenn ich sie mir selbst nicht erklären konnte, nicht mehr herumschlagen musste.
Während der Fahrt sprachen Mrs. Barkley und ich kein einziges Wort. Warum sollten wir auch gerade jetzt damit anfangen? Mit der Zeit verschwanden die tristen, dicht besiedelten Wohnsiedlungen und irgendwann hatten wir auch die grauen Industriegebiete mit den schmutzigen, eintönigen Gebäuden und den hohen Schornsteinen hinter uns gelassen. Die Landschaft wurde grüner, aber auch rauer. Riesige Weideflächen säumten die oft unbefestigten Straßen, die wir nach fast zwei Stunden Fahrt entlangfuhren. Ich kurbelte das Fenster herunter und glaubte, beinahe schon das Meer riechen zu können.
»Mach das Fenster zu!«, fuhr Mrs. Barkley mich an. Sie warf mir dabei einen drohenden Seitenblick zu.
Es dauerte noch fast eine weitere Stunde, bis wir von einer nun wieder etwas breiteren Straße in einen kleinen Seitenweg abbogen. Die zu dieser Jahreszeit kargen Weizenfelder mündeten in einiger Entfernung in einem Laubwald, der auf eine merkwürdige Art bedrohlich wirkte. Gleichzeitig übte er jedoch eine undefinierbare Faszination auf mich aus. Und das nicht nur, weil man hier in Irland selten einen so dichten Wald fand. Es war, als würde ausgerechnet dieses Waldgebiet die Grenze zu meinem neuen, einem anderen Leben bilden. Der Weg war befestigt, schien aber trotzdem eher selten benutzt zu werden. Ich warf einen Blick auf Mrs. Barkley, deren Gesicht mit jedem Meter, den wir fuhren, härtere Züge annahm.
»Wo fahren wir hin?«, fragte ich, weil ich mir ernsthafte Sorgen machte, dass sie mich einfach irgendwo im Gehölz zurücklassen wollte. Zumindest entdeckte ich nichts, was darauf hinwies, dass es hier in der Nähe irgendeine Art von Zivilisation gab.
Mrs. Barkley antwortete mir nicht. Natürlich nicht. Sie starrte weiterhin auf die schmale Straße vor uns und umklammerte das Lenkrad so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Vielleicht täuschte ich mich, doch während ich immer ruhiger wurde, schien ihr die ganze Situation deutliches Unbehagen zu bereiten. Ihre Anspannung wurde noch größer, als wir den Waldrand erreichten und die hohen Bäume uns umschlossen. Es war eh schon ein grauer Herbsttag. Die Sonne hatte sich, seitdem wir unterwegs waren, noch kein einziges Mal gezeigt. Der Himmel war grau und wolkenverhangen und ich wunderte mich, dass nicht schon längst der für Irland typische Nieselregen eingesetzt hatte. Doch jetzt, zwischen all den hoch aufragenden Eichen, Birken und anderen, mir unbekannten Bäumen, wurde es noch dunkler im Innenraum des Wagens. Ich fühlte mich unwillkürlich an einen dieser verwunschenen Märchenwälder erinnert, in denen auf mysteriöse Weise Menschen verschwanden.
Nach einigen Kilometern wurde der Weg etwas breiter und schlängelte sich langsam einen Berg hinauf. Inzwischen war der Wald lichter geworden. Die vom Herbst gefärbten Blätter tauchten die Landschaft in leuchtendes Orange, Gelb und Rot. Ich lächelte. All die anderen Heime, in denen ich bisher gelebt hatte, hatten sich mitten in großen Städten befunden. Einen so wunderschönen Anblick hatte ich deshalb bisher kaum zu Gesicht bekommen.
»Wir sind gleich da«, murmelte Mrs. Barkley. Angespannt starrte sie geradeaus. Ich kniff die Augen zusammen und folgte ihrem Blick. In einiger Entfernung schien der Wald zu enden. Unruhig rutschte ich auf meinem Sitz hin und her. Ich war zu oft umgezogen, als dass ich mir Gedanken darüber machte, was mich in einer neuen Einrichtung erwartete. Den Großteil dieser Wechsel hatte ich einfach mit vollkommener Gleichgültigkeit hingenommen. Doch aus irgendeinem Grund schien es dieses Mal anders zu sein. Ich wusste nicht, wie lange wir noch unterwegs sein würden, doch mein Herz begann schon jetzt, aufgeregt zu klopfen. Eine merkwürdige Gänsehaut breitete sich auf meinem Körper aus. In meinen Händen begann es zu kribbeln. Nervös rieb ich sie aneinander und spürte im nächsten Augenblick, wie die Fasern meines Wollpullovers zu knistern begannen, als hätte ich einen Luftballon darüber gerieben. Irritiert sah ich an mir herunter. Konnte man sich selbst elektrisch aufladen?
Als wir den Waldrand erreichten, blieb mir vor Erstaunen der Mund offenstehen. Es war, als hätten wir eine andere Welt betreten. Die Wolkendecke riss auf und gab an einigen Stellen den Blick auf einen strahlend blauen Himmel frei. Statt karger Felder und versumpfter Weiden lagen kilometerlange saftig-grüne Wiesen vor uns. Was meinen Blick jedoch wirklich fesselte war das gigantische Backsteingebäude, das, umgeben von dicht wachsenden Laubbäumen, direkt an einem glitzernden See lag. Es wirkte wie ein Schloss aus dem vorigen Jahrhundert. Vollkommen irreal.
Mrs. Barkley steuerte den Wagen über den immer breiter werdenden Weg und die geschotterte Einfahrt des Anwesens durch ein riesiges Eisentor. Vor dem Eingang des Gebäudes befand sich ein Rondell, in dessen Mitte Wasser aus einem wunderschön verzierten Brunnen plätscherte. In den Beeten links und rechts davon blühten farbenfrohe Herbstblumen. Auf einer Bank saßen einige Jugendliche. Verwundert sah ich in ihre Richtung. In keinem der Heime, in denen ich bisher gelebt hatte, war es uns jemals erlaubt gewesen, ohne eine Aufsichtsperson das Gebäude zu verlassen. Als Mrs. Barkley nun das Auto zum Stehen brachte und ich immer noch staunend die Tür öffnete, entdeckte ich auf der anderen Seite eine gigantische, mit hunderten Bäumen, Rosenbögen und hübsch zurechtgeschnittenen Hecken bepflanzte Parkanlage. Unter einem der offenbar sehr alten, knorrigen Kastanienbäume saßen zwei Mädchen nebeneinander auf einer bunten Wolldecke. Sie lehnten mit dem Rücken an dem zerfurchten Stamm des Baumes und kicherten, bevor sie beinahe gleichzeitig ihren Blick wieder auf ihre Bücher richteten, die sie auf ihren Knien abgelegt hatten.
Nervös tapste ich hinter Mrs. Barkley auf die massive, fast schon einschüchternde Holztür zu, unsicher, was mich dahinter erwartete. Meinen Koffer stellte ich neben mir auf die helle Steintreppe. Wir warteten eine ganze Weile darauf, dass uns jemand die Tür öffnete. Mrs. Barkley knetete sich nervös die Hände. Wohl, um ihre eigene Anspannung zu überspielen, holte sie ein letztes Mal zu einem verbalen Tiefschlag aus. Zumindest hoffte ich, dass dies das letzte Mal sein würde.
»Vielleicht bekommen sie dich ja hier endlich mal in die Spur«, murmelte sie und würdigte mich dabei keines Blickes. Ich schluckte hart. Wieder gab sie mir damit das Gefühl, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Ohne mir zu erklären, was es war. Noch während ich mit großen Augen versuchte, diesen Satz zu verdauen, öffnete sich die Tür und es erschien eine Frau mittleren Alters auf der Schwelle. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einem lockeren Zopf gebunden. Vereinzelte Strähnchen fielen ihr frech ins Gesicht und ließen sie so deutlich jünger wirken, als sie wahrscheinlich war. Ihr langärmliges, geblümtes Kleid, dessen Saum locker ihre Knie umspielte, unterstrich diesen Eindruck noch. Unwillkürlich fiel mein Blick auf die silberne, feingliederige Kette, die sie um den Hals trug. Der Anhänger bestand aus einem ebenfalls silbernen Engel, der einen wunderschönen, türkisfarbenen Edelstein in den Händen hielt. Beim Blick auf diesen Anhänger durchfuhr mich ein prickelnder Schauer.
»Hallo, Maira! Schön, dass du da bist«, begrüßte sie mich freudig strahlend und strich mir mit der Hand über den Oberarm. Reflexartig zuckte ich zusammen und machte einen Schritt zurück. Misstrauisch blickte ich sie an. Ich hatte schon einiges erlebt; freundlich empfangen zu werden gehörte nicht dazu. Doch in ihren strahlend blauen Augen entdeckte ich etwas, das mich auf eine merkwürdige Art beruhigte. Ich konnte gar nicht anders, als sie vom ersten Moment an zu mögen.
»Entschuldige bitte«, meinte die Frau nun und ging vor mir in die Hocke, so dass ich sie sogar etwas überragte. Sie streckte mir ihre Hand entgegen. »Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Mrs. Higgins, die Leiterin des Angel´s Heart House. Und du bist Maira Keith, nicht wahr?« Ich nickte stumm und heftete meinen Blick auf den Boden.
»Dann komm mal rein, Maira«, forderte sie mich auf. »Die anderen freuen sich schon, dich kennenzulernen.« Sie wirkte fast ein wenig aufgeregt, als sie mir eine Hand auf meinen Rücken legte und mich durch die Tür in den großen Eingangsbereich schob, der über und über mit Blumen dekoriert war.
»Auf Wiedersehen, Mrs. Barkley! Bis zum nächsten Mal!«, rief Mrs. Higgins über ihre Schulter hinweg und gab der Eingangstür einen Schubs. Bevor sie ins Schloss fiel konnte ich noch einen letzten kurzen Blick auf meine ehemalige Betreuerin werfen. Da stand sie auf der Türschwelle und blickte leicht irritiert und auch etwas ratlos drein. Kein Zwiegespräch unter Fachleuten, keine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit diesem Kind und auch kein heimliches Kopfnicken und vielsagende Blicke, wenn sie dachten, ich kriegte es nicht mit. Mrs. Barkley stand nur da. Dann zuckte sie kurz mit den Schultern und machte auf dem Absatz kehrt. Als sie mit knirschenden Schritten über den Schotter bis zu ihrem Auto stolzierte, schien ihr eine riesige Last von den Schultern genommen worden zu sein. Sie würde ich wohl am wenigsten vermissen.
Die Fröhlichkeit von Mrs. Higgins war ansteckend. Gleichzeitig schenkte ihre ruhige und offene Art mir Vertrauen. Sie nahm sich persönlich den ganzen Tag Zeit, um mich im Angel´s Heart House herumzuführen. Noch bevor wir die Schlafsäle erreichten, wartete eine gewaltige Überraschung auf mich. Hatte ich bisher gedacht, dass es sich bei dieser Einrichtung einfach um ein weiteres Heim handelte, in dem ich nur wenige Monate wohnen würde, dann belehrte sie mich jetzt eines Besseren. Angel´s Heart House war ein Internat. Mrs. Higgins erzählte mir, sie habe ausdrücklich darauf bestanden, dass ich von nun an hier leben sollte. Ich konnte mir nicht erklären, warum sie das getan hatte. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken und nachfragen konnte, hatte sie sich schon wieder in Bewegung gesetzt. Mit hörbarem Stolz in der Stimme erklärte sie mir alles, was ich über das Internat wissen musste.
Schon am ersten Tag lernte ich ohne Ausnahme alle meine neuen Mitschüler, Lehrer und Betreuer kennen. Sharon, meine zukünftige Mitbewohnerin, weihte mich in die Geheimnisse und Besonderheiten unseres – nun gemeinsamen - Zimmers ein. Das Fenster klemmte, wenn es draußen kalt wurde. Mein Bett wackelte, was sich aber mit einem Stück Pappe unter einem Fuß schnell beheben ließ. Unter der Dusche konnte es einem immer wieder passieren, dass das Wasser plötzlich eiskalt wurde. Trotzdem schien es für mich der Himmel auf Erden zu sein. Doch ich wollte mich nicht zu früh freuen. Meine bisherigen Erfahrungen hatten gezeigt, dass sich das Blatt ganz schnell wenden konnte.
Bisher hatte ich niemals wirkliche Freunde gehabt. Doch hier nahmen die anderen mich auf, als wäre ich schon immer eine von ihnen gewesen. Ich war ein vollwertiger Teil einer großen Gruppe. Wir lachten und lernten zusammen und überstanden gemeinsam die kleinen und großen Katastrophen der Pubertät. Niemand sah mich jemals schräg an oder gab mir das Gefühl, sich in meiner Gegenwart nicht wohlzufühlen, wie ich es schon so oft erlebt hatte.
Von Zeit zu Zeit bat mich Mrs. Higgins in ihr kleines, gemütlich eingerichtetes Büro, aus dem sie einen wundervollen Blick auf den See im Park hatte.
»Fühlst du dich bei uns wohl, Maira?«, erkundigte sie sich immer wieder. Alles andere als ein klares Ja wäre gelogen gewesen.
Oft entstanden daraus stundenlange Gespräche. Gespräche, wie ich sie nie zuvor mit irgendeiner Person geführt hatte. Ich genoss diese Zeit sehr. Mit jeder einzelnen Unterhaltung hatte ich das Gefühl, immer mehr zu mir selbst zu finden. Es war wie eine Therapie für mich. Das unsichere, ängstliche Mädchen, das ich bei meiner Ankunft im Internat noch gewesen war, verschwand schon nach kurzer Zeit. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Aufenthalt im Angel´s Heart House jemals zu Ende gehen könnte. Ich wollte es mir nicht vorstellen.
Am Tag vor meinem siebzehnten Geburtstag klopfte es am Abend an unsere Zimmertür. Ich war gerade in das neue Buch meiner Lieblingsautorin vertieft und zuckte, obwohl das Klopfen sehr leise gewesen war, erschrocken zusammen. Sharon lag, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und Kopfhörern in den Ohren, auf ihrem Bett. Sie hatte anscheinend nichts mitbekommen.
»Ja?«, rief ich und sah neugierig zur Tür. Wer konnte das sein?
Zu meiner Überraschung steckte Mrs. Higgins ihren Kopf durch den Türspalt. Sei zögerte einen Moment, bevor sie mich unsicher anlächelte.
»Maira, ich würde dich gerne einen Moment sprechen«, sagte sie. Sofort machte sich in mir ein ungutes Gefühl breit. Ich schluckte und warf einen Blick zu meiner Freundin, die jedoch inzwischen die Augen geschlossen hatte. Also rappelte ich mich seufzend hoch, schlüpfte in meine Hausschuhe, zog mir eine Strickjacke über und folgte Mrs. Higgins in ihr Büro. »Setz dich bitte«, murmelte sie und ging um ihren großen Schreibtisch herum. Ich folgte ihrer Bitte, während sie einen Moment an dem großen, bis zum Boden reichenden Fenster stehenblieb und hinaus starrte. In meinem Hals bildete sich ein unangenehmer Kloß. Ich hatte Mrs. Higgins einige Tage nicht gesehen. Doch nun wirkte sie blass und angespannt. Unter ihren Augen zeichneten sich deutliche Schatten ab.
»Was ist denn los?«, murmelte ich und knetete mir nervös die Hände. Die Leiterin des Internats seufzte tief und ließ sich dann mir gegenüber in ihren großen Sessel gleiten. Offenbar hatte sie Mühe, die richtigen Worte zu finden.
»Maira, du …«, begann sie und strich sich mit der flachen Hand über die Haare. Sie wirkte nervös. »Du wirst uns verlassen.«
»Ich werde was?« Ich konnte nicht glauben, was ich da gerade hörte.
»Glaub mir, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, dann würde ich sie ergreifen. Aber es gibt keine.« Mrs. Higgins Stimme wurde zu einem Flüstern. Trotzdem hatte ich das Gefühl, als habe sie mir die Worte entgegen geschrien.
»Aber … aber … warum?«, fragte ich und spürte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Ich wollte nicht weg von hier! »Was habe ich denn falsch gemacht?«
»Du hast gar nichts falsch gemacht, das kannst du mir glauben. Es haben sich … bestimmte Umstände ergeben, die diese Entscheidung nötig gemacht haben«, entgegnete sie und lehnte sich zurück, als wolle sie Abstand zwischen uns schaffen. »Glaub mir, es ist besser für dich, wenn du fortgehst. Ich weiß, dass du das jetzt nicht verstehst. Aber eines Tages wirst du wissen, dass es das einzig Richtige war. Und ich verspreche dir, dass die Pflegefamilie, die auf dich wartet, einfach großartig ist.«
»Aber …«, setzte ich erneut an, doch Mrs. Higgins ließ mich nicht ausreden.
»Es ist eine beschlossene Sache, Maira. Du wirst morgen fortgehen.«
»Morgen?« Meine Stimme nahm einen fast schon hysterischen Unterton an. »Aber … aber … ich habe morgen Geburtstag!«
Mrs. Higgins nickte bedächtig. Trotzdem schien das an ihrer Entscheidung nichts zu ändern. »Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg«, sagte sie bestimmt und stand, zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war, auf. Ich war vollkommen geschockt und außer Stande, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Schweigend begleitete Mrs. Higgins mich zurück zu meinem Zimmer. Als ich die Tür öffnete, hob Sharon irritiert den Kopf. »Wo kommst du denn her?«, fragte sie. Dann ging ihr Blick über meine Schulter. Stirnrunzelnd blickte sie zu unserer Internatsleitung, die hinter mir im Türrahmen stand. Ich schluckte mehrfach, um diesen verdammten Kloß im Hals loszuwerden. Trotzdem klang meine Stimme heiser, als ich tief durchatmete und meiner Mitbewohnerin in die Augen sah.
»Ich werde morgen ausziehen.«
Schockiert riss Sharon die Augen auf. »Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, oder?«, quietschte sie und sprang auf.
Ich wollte etwas antworten, oder wenigstens zur Bestätigung nicken. Doch ich hatte das Gefühl, als hätte jegliche Energie meinen Körper verlassen. Ich konnte nichts tun, als mich auf mein Bett fallen zu lassen. Frustriert starrte ich auf den Boden. Im Augenwinkel sah ich, wie Sharons Blick zu Mrs. Higgins ging. Die nickte beinahe unmerklich und sah meiner Freundin eine gefühlte Ewigkeit in die Augen. Es war fast, als führten die beiden einen stummen Dialog. Sharon wirkte einen Augenblick wie erstarrt. Dann sog sie scharf die Luft ein. Misstrauisch blickte ich zwischen ihnen hin und her. Verheimlichten sie mir etwas? Sie beide?
Nachdem Mrs. Higgins gegangen war ließ Sharon sich neben mich aufs Bett fallen und legte ihren Arm um meine Schultern.
»Weißt du, warum ich gehen muss?«, fragte ich mit belegter Stimme. Meine Mitbewohnerin schüttelte stumm den Kopf, ohne mich dabei anzusehen. Doch das bittere Gefühl, dass sie etwas vor mir verbergen wollte, blieb.
Tief im Inneren wollte ich nicht so einfach aufgeben. Mein Zuhause. Meine Freunde. Die Menschen, die in den vergangenen sieben Jahren zu einer Art Ersatz-Familie für mich geworden waren. Doch ich wusste, dass es keinen Zweck hatte. Ich würde diesen Ort verlassen müssen.
Meinen Geburtstag hatte ich mir eindeutig anders vorgestellt. Als ich am Morgen die Augen aufschlug, lugten schon die ersten Sonnenstrahlen durch den Vorhang. Ich blinzelte und warf einen Blick auf mein Handy. Sieben Uhr. Dann entdeckte ich, dass Sharons Bett leer war. Sie war schon wach? Normalerweise war meine Mitbewohnerin nur mit größter Mühe aus dem Bett zu bekommen und immerhin war heute Sonntag. Frühstück gab es frühestens in einer Stunde, also bestand eigentlich kein Grund, so früh schon unterwegs zu sein. Wahrscheinlich bereitete sie, wie die letzten Jahre auch, irgendeine Geburtstagsüberraschung für mich vor. Nie zuvor war ich dafür so wenig in Stimmung gewesen. Ich fühlte mich wie ein Zombie. Natürlich hatte ich in dieser Nacht kaum geschlafen. Mein Gedankenkarussell drehte sich unaufhörlich. Frustriert zog ich mir die Decke über den Kopf und schloss die Augen. Ich wollte nicht aufstehen. Schließlich wusste ich, welchen Verlauf der Tag nehmen würde. Ich würde heute Angel´s HeartHouse verlassen und nicht mehr zurückkommen. Allein bei dem Gedanken daran krampfte sich mein Magen schmerzhaft zusammen.
Nach einigen endlosen Minuten ließ ich den leichten Stoff wieder von meinem Gesicht gleiten. Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit des An-die-Decke-Starrens entschloss ich mich letztendlich doch, mich aus dem Bett zu schälen. Wenn mich meine Erfahrungen in der Vergangenheit eines gelehrt hatten dann, dass Verweigerung nichts an den Tatsachen änderte. Also verpasste ich mir eine Katzenwäsche, band meine langen, haselnussbraunen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz und schlüpfte in Sweatshirt, Jeans und Sneakers. Um Punkt acht Uhr trat ich durch die Tür des Speisesaals.
»Alles Gute zum Geburtstag!«, dröhnte es fröhlich aus allen Ecken. Vermutlich wussten die meisten meiner Mitschüler nicht einmal, dass dies unser letztes gemeinsames Frühstück sein würde. Ich lächelte gequält. Die Menge schob mich zu den Tischen, die zur Feier des Tages festlich mit einem Meer aus bunten Blumen und Schleifenband geschmückt worden waren.
»Gefällt es dir?«, flüsterte Sharon aufgeregt von der Seite. »Die Tischdeko war meine Idee.«
»Es sieht toll aus, vielen lieben Dank, Sharon«, murmelte ich und schenkte ihr ein halbherziges Lächeln. Sie grinste stolz und umarmte mich so fest, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb. Ich löste mich aus der Umarmung und warf einen Blick auf das Frühstücks-Buffet, das, typisch für ein Geburtstags-Frühstück im Angel´s Heart House, heute noch üppiger war als sonst. Neben dem üblichen Toast, Butter, Marmelade und Cerealien gab es heute zusätzlich frisch geschnittenes Obst, auf unterschiedliche Arten zubereitete Eier, gebratenen Speck und kleine Würstchen. Schon beim bloßen Anblick lief mir das Wasser im Mund zusammen. Also entschied ich, das Frühstück zu genießen und das, was mich danach erwartete, erst einmal vollkommen auszublenden.
»Hey, lass mir auch noch etwas Speck übrig!«, rief Sharon mit gespielter Empörung. Sie knuffte mich freundschaftlich in die Seite. Ich grinste, lud mir absichtlich noch eine weitere Scheibe knusprig gebratenen Schweinebauch auf meinen Teller und streckte ihr die Zunge heraus. Auch wenn sie versuchte, es mit ihrer lustigen Art zu überspielen: Ich wusste, dass auch ihr der Abschied schwerfallen würde. Trotzdem war ich mir nach ihrem Blickkontakt mit Mrs. Higgins nicht sicher, ob sie nicht doch mehr über den Grund meines plötzlichen Auszugs wusste, als sie zugeben wollte.
Sharon würde im nächsten Jahr ihren Abschluss im Angel´s HeartHouse machen. Sie wollte dann studieren, um Lehrerin zu werden. Oder erst einmal ein Jahr durch Australien reisen. Oder bis dahin ihren Traummann gefunden haben und eine Familie gründen. Ganz sicher war sie sich bezüglich ihrer Zukunftsplanung noch nicht. Aber wenigstens hatte sie mehrere Alternativen ihres zukünftigen Lebens im Kopf. Ich hingegen hatte noch keinen blassen Schimmer, wohin die Reise für mich gehen sollte. In den nächsten Stunden würde ich in das Leben einer völlig fremden Familie treten, von der ich nicht einmal wusste, wo sie wohnte. Ich würde auf die örtliche Schule gehen und dort im nächsten Jahr meinen Abschluss machen. Und dann? College oder Arbeit? Reisen oder Familie? Ganz ehrlich? Ich wusste nicht, was davon ich wirklich wollte.
Viel zu schnell verging die Zeit. Nach und nach leerten sich die Plätze rund um die Tische. Als könnte ich so die Zeit anhalten, holte ich mir noch ein weiteres Glas Orangensaft und eine Schale Quark mit Früchten. Wieder an meinem Platz angekommen bemerkte ich, dass tatsächlich nur noch Sharon und ich im Speisesaal saßen. Mrs. Willow, die Haushälterin, räumte unter lautem Klappern bereits die ersten Tische ab. Die Stille zwischen meiner Zimmergenossin und mir war fast schon greifbar.
»Also«, murmelte ich nach ein paar endlos wirkenden Minuten und musste mich räuspern, um den Kloß, der sich in meinem Hals breit machte, herunterzuschlucken. »Das wars dann wohl.« Sharon nickte beinahe unmerklich.
»Ja, das wars dann wohl«, flüsterte sie. Wieder breitete sich diese unangenehme, ungewohnte Stille im Raum aus. Sie sah aus dem Fenster und mir fiel auf, dass sie sich auf die Unterlippe biss. Wohl in der Hoffnung, so das Zittern vor mir verbergen zu können.
»Sharon?« Ich war unsicher, ob ich die Frage, die mir auf der Zunge lag, tatsächlich beantwortet haben wollte. Meine Freundin hob den Blick und sah mich fragend an. »Weißt du wirklich nicht, warum ich weg muss?«
Einen Moment hatte ich das Gefühl, in ihrem Blick eine leichte Anspannung erkennen zu können. Als würde sie mit sich ringen. Doch dann lächelte sie schwach und schüttelte langsam den Kopf.
»Mrs. Higgins wird ihre Gründe haben«, murmelte sie dann. Ich gab es auf. Selbst, wenn Sharon etwas wusste: Sie würde es mir nicht sagen.
»Vielleicht verfrachtet sie mich nur zwei Straßen weiter und wir können uns weiterhin jeden Tag sehen. Du weißt doch, sie liebt mich und kann gar nicht ohne mich«, meinte ich deshalb, um die Stimmung etwas aufzulockern. Mein Plan ging auf. Sharon lachte heiser auf und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
»Ich vermisse dich jetzt schon«, schniefte sie und sah mich aus ihren tränenverschleierten Augen an. Auch wenn ich immer noch an ihrer Aussage zweifelte: In diesem Punkt glaubte ich ihr.
»Ich vermisse dich doch auch. Aber hey, beste Freundinnen können durch unterschiedliche Zimmer nicht getrennt werden.« Ich legte ihr einen Arm um die Schultern und drückte sie liebevoll an mich. Sharon starrte auf den Boden. Offenbar wollte sie darauf nicht antworten.
»Maira?« Die leise Stimme hinter mir gehörte Mrs. Higgins. Sie hatte den Kopf durch die Tür gesteckt und sah mich nun unvermittelt an. »Wir müssen langsam los.« Ich nickte kurz und erhob mich zögernd von meinem Stuhl.
Sharon hasste Abschiede. Deshalb wusste ich, dass sie mich nicht nach draußen begleiten würde. Also nutzte ich diesen letzten Augenblick mit meiner besten Freundin und umarmte sie. Auch wenn ich es nicht wollte, konnte ich nicht verhindern, dass mir jetzt heiße Tränen über die Wange liefen.
»Pass bitte gut auf dich auf«, murmelte sie an meinem Ohr und ich nickte schwach.
»Du aber auch«, entgegnete ich. Meine Freundin lachte heiser.
»Du bist diejenige, um die man sich Sorgen machen muss«, raunte sie und drückte mich noch fester an sich.
Ich trat einen Schritt zurück und sah sie fragend an. »Wie meinst du das?«
Wieder wischte Sharon sich mit dem Ärmel über die Augen. Dann schüttelte sie den Kopf. »Pass einfach auf dich auf, okay?«
»Okay«, versicherte ich ihr und versuchte mich an einem tapferen Lächeln. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und ging mit großen Schritten den breiten Gang entlang in Richtung Ausgang. Wenn ich mich jetzt nicht losriss, dann würde ich es gar nicht mehr schaffen.
Mit gemischten Gefühlen begab ich mich nach draußen. Der Hausmeister hatte mein Gepäck schon aus dem Zimmer geholt und im Kofferraum von Mrs. Higgins´ altem VW Golf verstaut. Sie stand in ihrem leichten Sommerkleid an ihr Auto gelehnt und sah mich erwartungsvoll an. Gleichzeitig schien sie sehr angespannt zu sein. »Bist du bereit?«, fragte sie.
Ich schüttelte den Kopf, woraufhin sie mir ein sanftes Lächeln schenkte. »Na, dann los. «
»Wo fahren wir denn hin?«, wollte ich wissen, als wir einige Minuten später den dichten Laubwald, den ich schon bei meiner Anreise zum Angel´s Heart House bewundert hatte, verließen. Das alte Fahrzeug holperte über den etwas unebenen Weg.
»Warte es ab«, meinte Mrs. Higgins nur lächelnd. »Wahrscheinlich wirst du überrascht sein. Aber glaube mir, es wird alles gut werden.« Wahrscheinlich sollte mich das beruhigen. Aber die ständige Betonung darauf, dass alles gut werden würde, erzielte eher die gegenteilige Wirkung. Ich war zutiefst beunruhigt. Und zwar nicht nur, weil ich nicht wusste, wo und mit wem ich in Zukunft leben würde. Nein, dieser Satz machte mich aus irgendeinem unerfindlichen Grund nervös. Ja, ehrlich gesagt, fast schon panisch. Sie hatte mir während des Frühstücks mehr als einmal versichert, dass sie eine großartige, liebevolle Pflegefamilie für mich gefunden hatte, die perfekt zu mir passen sollte. Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass es bei der ganzen Sache um mehr ging. Einerseits freute ich mich natürlich, endlich Teil einer richtigen Familie zu werden. Andererseits machte es mir Angst, meine gewohnte Umgebung wieder einmal verlassen zu müssen. Bevor ich jedoch eine weitere Frage stellen konnte, drehte Mrs. Higgins das Radio lauter. Unbekümmert summte sie einen Song aus den 80ern mit. Also setzte ich mir die Kopfhörer auf, drehte meinen Lieblingssong auf volle Lautstärke und schaute aus dem Fenster. Im Seitenspiegel sah ich, wie der Ort, der die letzten sieben Jahre meine Heimat gewesen war, immer kleiner wurde und schließlich hinter einer Kurve verschwand.
Ich musste eingeschlafen sein. Quietschende Bremsen und ein leichter Ruck ließen mich hochschrecken. Schlaftrunken öffnete ich die Augen.
»Maira, wir sind da«, flüsterte Mrs. Higgins. Sie griff zu mir herüber und drückte mir die Hand.
»Wo sind wir?«, fragte ich benommen. Das war das erste Mal, dass ich am helllichten Tag eingenickt war. Erschrocken blickte ich auf die kleine Uhr im Armaturenbrett. Ich hatte fast drei Stunden geschlafen.
Noch immer etwas orientierungslos schaute ich mich um. Ich wartete auf eine Antwort. Doch schon wenige Sekunden später beantwortete sich meine Frage von selbst. Nur einige hundert Meter von uns entfernt sah ich, wie ein Flugzeug mit unglaublichem Lärm hinter einem riesigen Gebäude auftauchte und immer weiter in die Luft stieg. Mir stockte der Atem.
»F-F-Flughafen?«, presste ich hervor. Ich spürte, wie die Panik mir die Kehle zuschnürte.
»Beruhige dich, Maira«, raunte Mrs. Higgins und legte mir ihre Hand auf den Unterarm. Seit Jahren hatte ich keine Panikattacken mehr gehabt. Genauer gesagt, seit dem Tag, an dem ich das erste Mal durch die Tür des Angel´s Heart House gegangen war. Doch jetzt war sie wieder da, die nagende Angst, die meine Kehle trocken wie Sandpapier machte und meinen Magen in einen massiven Klumpen verwandelte.
»Wo … wo muss ich denn hin?«, fragte ich mit zitternder Stimme. Mrs. Higgins reichte mir einen Umschlag. Unsicher drehte ich ihn in meinen Händen hin und her. Ich wollte ihn nicht aufmachen, nicht sehen, welcher Zielflughafen auf den Tickets, die sich darin befinden mussten, stand. Dieses Wissen würde es so real machen; so endgültig.
»Maira, du weißt, dass das nichts ändert«, sagte Mrs. Higgins sanft, als ich weiterhin keine Anstalten machte, den Umschlag zu öffnen. Ich nickte kurz. Seufzend riss ich das Papier auf und heftete meinen Blick auf das Ticket der Verdammnis.
»Abflug: Dublin/IRL«, stand da.
»Ankunft: Billings/MT«
»Billings/MT« echote es in meinem Kopf. Fragend sah ich Mrs. Higgins an.
»Was bedeutet MT?«, wollte ich wissen.
»Montana«, entgegnete sie knapp. Entsetzt starrte ich zu ihr hinüber, doch sie wich meinem Blick aus.
Montana. Amerika. Tausende Kilometer und ein ganzer Ozean zwischen mir und meinem bisherigen Leben. Ich fühlte mich wie gelähmt.
»Und, was sagst du?«, fragte Mrs. Higgins unsicher. Zum ersten Mal seit unserer Abfahrt wurde ihre Miene ernst, fast sorgenvoll.
»Das ist ziemlich weit weg«, murmelte ich tonlos. Ich war einfach zu geschockt, als dass ich dem Gedanken weiter folgen konnte. Dann schwiegen wir beide eine ganze Weile. Ich musste meine Gedanken sortieren. In weniger als drei Stunden würde ich das Land verlassen; sogar den ganzen verdammten Kontinent. Es war ein Aufbruch in eine vollkommen ungewisse Zukunft. Nichts, was ich mir in den letzten Jahren so mühselig erarbeitet und aufgebaut hatte, schien mehr von Bedeutung zu sein. Dieses Vorhaben erschien so unwirklich, wie ein Traum; ein ziemlich schlechter noch dazu. Ich hoffte inständig, im nächsten Moment aufzuwachen. Wenn ich jedoch ehrlich war, war es mir schmerzlich bewusst, dass dies alles die Realität darstellte. Ich spürte, wie die Wut in mir aufstieg. Eine Wut, die ich schon seit Jahren nicht mehr so intensiv gespürt hatte.
»Sie können mich wohl gar nicht weit genug fortschicken«, zischte ich und sah Mrs. Higgins mit zusammengekniffenen Augen aufgebracht an. Einen Moment schien sie schockiert über den Ton, in dem ich mit ihr sprach. Dann atmete sie tief durch.
»Niemand will dich fortschicken, Maira«, sagte sie und sah mir eindringlich in die Augen.
»Ach nein? Was soll das Ganze hier denn sonst werden? Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie mir einfach nur einen Urlaub spendieren wollen!« Ich merkte selbst, dass meine Stimme immer lauter wurde. Doch in diesem Moment schienen Wut und Enttäuschung die Überhand zu gewinnen. Ich hatte Mrs. Higgins vertraut. Ich hatte geglaubt, dass sie mich niemals wegschicken würde. Sollte ich mich tatsächlich so in ihr getäuscht haben?
Mrs. Higgins seufzte tief, bevor sie sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen rieb. Erst jetzt fiel mir auf, wie müde sie wirkte. »Sieh es einfach als Chance«, meinte sie und lächelte mir aufmunternd zu.
Ich schnaubte. »Als Chance wofür? Dafür, dass ich wieder von Menschen abgelehnt werde, die mich gar nicht kennen? Dass ich wieder allein sein werde? Haben Sie überhaupt eine Vorstellung davon, was ich schon durchmachen musste? Warum tun Sie mir das an? Warum wollen Sie mich nicht mehr, Mrs. Higgins?« Meine Stimme brach. Die ganze Anspannung, die sich seit dem gestrigen Abend in mir aufgestaut hatte, schien sich in diesem Moment zu entladen. Ich spürte, wie mir heiße Tränen über die Wangen liefen und stützte das Gesicht in meinen Händen ab. Mrs. Higgins strich mir sanft über den Rücken. Ich ließ es zu, obwohl ein Teil von mir am liebsten ihre Hand weggeschlagen hätte. Doch ich konnte nicht.
»Du wirst sehen, dass das alles hier einen Sinn hat.« Es schien sie einiges an Kraft zu kosten, die Fassung zu bewahren.
»Warum können Sie es mir nicht erklären?«, fragte ich mit tränenerstickter Stimme. Mrs. Higgins lächelte beinahe wehmütig und strich mir mit den Fingerknöcheln über die Wange.
»Einige Dinge liegen einfach nicht in meiner Hand«, erwiderte sie. Für einen Moment dachte ich, ein verräterisches Glitzern in ihren Augen zu sehen. Dann hielt sie meinem Blick stand und nickte leicht. »Bist du bereit?«
»Nein«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Ich gab mir Mühe, die aufkommenden Tränen wegzublinzeln, öffnete die Beifahrertür und stieg aus.
Mrs. Higgins half mir, mein Gepäck aus dem Kofferraum zu wuchten. Dann strich sie mir mit der Hand über den Oberarm.
»Ich habe noch etwas für dich«, sagte sie mit betont warmer Stimme. Zögernd überreichte sie mir ein kleines Päckchen, das liebevoll in apricotfarbenem Papier eingewickelt war.
»Danke«, murmelte ich heiser und schenkte ihr ein kurzes Lächeln.
»Warte«, mahnte sie, als ich direkt anfing, an der Verpackung zu nesteln. »Versprich mir, dass du es erst öffnest, wenn du in deinem neuen zuhause angekommen bist.«
Verwundert blickte ich sie an. Dann ließ ich das Päckchen jedoch in meine Reisetasche gleiten. Ich wusste, dass sie mir wahrscheinlich sowieso keine zufriedenstellende Antwort geben würde, wenn ich nach dem Sinn dieser Anweisung fragte. Wenn ihr so viel daran lag, dann sollte es eben so sein.
»Und hier habe ich noch etwas«, sagte Mrs. Higgins und strahlte über das ganze Gesicht. »Und das darfst du auch jetzt sofort aufmachen.« Sie überreichte mir eine Schatulle. Gespannt schaute sie mir zu, wie ich umständlich den Deckel abnahm.
