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Wider die Angst verrückt zu werden Ein Grund, psychisch Behinderte auszugrenzen, ist die Angst, es könnte einen selber treffen. Je tiefer der Graben zwischen "normal" und "verrückt" desto sicherer fühlt man sich als "Normaler". Heike Oldenburg, selbst seit Jahrzenten Betroffene, hilft, diesen Graben der Angst weniger tief zu machen. Sie porträtiert 29 Menschen mit psychischen Behinderungen von der frühen Neuzeit (1479) bis jetzt. Sie lässt uns daran teilhaben, wie diese Menschen zwischen sozialer Umwelt und Krankheit ihren Weg suchten, welche Niederlagen, aber auch, welche Erfolge sie dabei erlebten/erleben. Als Beispiel sei Dorothea Buck genannt, der sich Frau Oldenburg in besonderer Weise verbunden fühlt. Die kürzlich verstorbene Bildhauerin und Dozentin wurde in ihrer Jugend im Nationalsozialismus zwangssterilisiert. Die von ihr mit entwickelten Psychoseseminare helfen über ihren Tod hinaus, in vielen Ländern die Gräben zwischen "Normalen" und psychisch Behinderten zu zuschütten. Darüber hinaus werden acht Rezensionen von Comics/Graphic Novels vorgestellt, in denen der mehr oder weniger positive Umgang mit eigenen psychosozialen Gesundheitsproblemen - auch Burnout - beschrieben werden. Die Menschenwürde war/ist beim Schreiben über alle Persönlichkeiten immer im Blick.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für all jene, die ich lieb habe.
Sie sind zahlreich.
Gedicht für Heike
Einführung/Vorworte
Frauen
Johanna die Wahnsinnige – ein Leben voller düsterer Fremdbestimmung
Maria Theresia und ihre Familie – eine behindernde Mutter in einer behinderten Dynastie?
Matilda, „Rose of England“ – Eine Dreiecksgeschichte im Königshaus der liberalen Monarchie Dänemarks
„Gift“ – die Geschichte der Gesche Gottfried als Graphic Novel
Frances Hodgson Burnett – Schriftstellerin war Betroffene und Angehörige zugleich
Prinzessin Louise von Belgien – Eine Überlebende der Psychiatrie: „Ich will die Königin in meiner Welt sein!“
Sabina Spielrein – der erste Fall von historisch dokumentiertem Missbrauch
Melli Beese – Erfolg und Scheitern als Flugpionierin
Lene Voigt – ihr Wahlspruch: „Trotz alledem!“
Kiki, „la Reine de la Montparnasse“ – eine reine Königin?
Dorothea Buck – Unermüdliche Vorkämpferin für eine bessere Psychiatrie
Maria Callas und der „helle Wahnsinn“ bei Donizetti
Das Leben der „Königin von Hollywood“ – Vernachlässigung und Spätfolgen im Leben der Marilyn Monroe
Soraya von Persien: „Ich bin nicht mehr ich selbst.“ – Depressionen in Königshäusern üblich
Künstlerin Hildegard Wohlgemuth – „Das Leben der Bettelkönigin“
Eine arabische Prinzessin aus dem Hause Al Saud – „Sultana, eine Feministin von königlichem Geblüt“, aber auch: ein Leben als „ein schmaler Streifen Angst“
stundenlang Frühling – „Ohne Mut ist vieles nicht möglich“ – Karla Kundisch
Genesungsbegleiterin Arnolde Trei lebt heute in glücklichen Verhältnissen
Lady Diana, The Princess of Wales, und ihre Esssuchtprobleme
Annette Wilhelm – Eine Reise durch die Anderswelt
Nicoleta Craita Ten’o – dankbar für ein Leben in Deutschland
Männer
Caravaggio – Dalle Stelle Alle Stalle – Von den Sternen in die Gosse
Jürgen Heinrich Keberle, genannt Heini Holtenbeen – ein wunderlich-trauriges Leben
Daniel Paul Schreber – Bewundernswerte Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Selbsttherapie durch Schreiben bei Karl May
Friedrich Nietzsche – „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit!“
Heinrich Vogeler – ein politisch aktives, pazifistisches Multitalent
Erich Maria Remarque – gebürtig in Osnabrück in Niedersachsen
Erich Kästner – ein faszinierender Schriftsteller mit bitterem Ende
Frantz Fanon – revolutionärer Psychiater, Schriftsteller und Politiker – fast vergessen
Comics/Graphic Novels – Behinderte – ist das witzig?
„Schwarze Gedanken“ – zu Krieg und anderem von einem lustigen Zeichner
„Persepolis“ – Krieg im Iran und was er mit einem Mädchen macht
Mini-Comic: Der Künstler George Grosz, der den Ersten Weltkrieg „Der Krawall der Irren“ nannte
Liebe mit Schwierigkeiten – Was hält uns gesund?
„Du musst dünn sein“ – die Tyrannei des Inneren – oder des verinnerlichten Äußeren?
„Lauras Lied“ – „Mein Schrei ist zu eurem geworden.“
Don Quijote, Ritter von der traurigen Gestalt – „fortgerissen von seiner erfinderischen, unerhörten Verrücktheit“
Magazin „Spring“ mit jährlich neuem Thema – „Arbeit“ im Jahr 2018 – Burnout ist heilbar
Fußnoten
Quellen
Bildrechte/Fotografinnen
Dankeschön
Möge Gott dich beschützen
Möge Gott dich beschützen
Um der Arbeit willen, die du getan hast.
Möge Gott deine Kräfte schützen,
und ich wünsche mir, dass du weiter machst.
Mit der Arbeit, die du gemacht hast,
kannst du einer Menge Menschen helfen.
Vielleicht hast du dies noch nicht bemerkt.
Es ist wie einen Apfel essen.
Möge Gott dich führen, wo du hingehst,
und möge er dir in Zukunft immer helfen,
weil du sehr mutig bist.
Möge Gott dir helfen, die Türen zu öffnen.
Ich hoffe, wir können uns wieder sehen,
aber wir tun nicht alle das Gleiche.
Wir setzen uns und sprechen miteinander.
Ich bin sicher, alles ist in Ordnung.
Als ich dich kennen lernte,
machtest du mich mich so stark fühlen.
(Gedicht von Martin aus Malta
nach einem Besuch im Jahr 2006, übersetzt H.O.)
Durch langjähriges psychosoziales Engagement bin ich, Heike Oldenburg, geb. Oktober 1962 in Bremen, „Expertin in eigener Sache.“ Krisenerfahren seit 1989, Psychiatrie-Geschädigte und Rollatornutzerin nach einem Unfall im Frühjahr 2001, bin ich mehrfachbehindert. Nach der Genesungsphase habe in einer Behinderte-Frauen-Organisation in Berlin begonnen mich politisch mit dem Konzept Selbstbestimmt-Leben genauer zu befassen. Es lagen bereits zwölf Jahre Erfahrung mit Lebensalltag als Frau mit psychosozialen Gesundheitsproblemen hinter mir. Seit dem Jahr 2004 schreibe ich Texte zu vielen Themen in vielen Zeitungen und Zeitschriften und online. Das Persönlichkeits-Portrait ist eine meiner Lieblingsformen beim Schreiben.
Die Art und Weise, wie Menschen leben und ihre Probleme bewältigen, die sich aus dem „So sein“, aus der Umwelt sowie aus den politischen Gegebenheiten ergeben, haben mich schon immer sehr interessiert. Mein Nebenfach im Anglistik-Studium war Psychologie.
Hier stelle ich eine Auswahl meiner Persönlichkeits-Portraits vor. Es sind historische Portraits wie auch Portraits von lebenden Personen. Die Sammlung wird durch Comicbesprechungen ergänzt, in denen es ebenfalls um erfolgreiche Alltagsbewältigung bei Einzelpersonen geht. Die Frauen und Männer mussten und/oder müssen mit psychischen Gesundheitsproblemen leben, sie müssen mit einer Diagnose, einem Stempel zurechtkommen. Nicht selten zieht die eine Einschränkungsform eine andere nach sich. Wenn zur psychiatrischen Diagnose eine oder mehrere Körperbehinderungen hinzukommen, müssen die Betroffenen mehrere unterschiedliche Belastungen bewältigen. Zuerst müssen sie sich um das eigene psychische Wohlergehen kümmern. Dann müssen sie sich auch um die Schwachstellen ihres Körpers sorgen. Diskriminierungen durch andere Menschen wegen des mehr oder weniger offensichtlichen Andersseins kommen erschwerend hinzu. Diskriminierungen sind manchmal plattdirekt, manchmal sehr subtil, oft kaum wahrnehmbar. Auch Ämter und Krankenkassen sind nicht immer feinfühlig im Umgang mit schwerbehinderten Personen.
Die Menschenwürde ist mir beim Schreiben immer im Blick. Ich möchte die innere Stärke dieser Menschen aufzeigen – wie sie trotz ihrer Behinderung und trotz häufig schwieriger äußerer Umstände ihr Leben gestalten konnten oder/und können. Es hat schon immer Menschen gegeben – auch Frauen, auch junge Menschen –, die sich erfolgreich gegen sie behindernde Verhältnisse aufgelehnt haben.
Die Texte sind danach geordnet, wann die Menschen geboren wurden, die Comicbesprechungen danach, wann die Comics erschienen sind.
Es wird im Text immer die weibliche Form benutzt, es sind aber immer alle Geschlechter mitgemeint.
Viel Spaß beim Lesen, Lernen und Einfühlen!
Ihre/Eure Heike Oldenburg (h2o)
Klarsichtige Frauen hat es schon immer gegeben. Mary Wollstonecraft stellte bereits im Jahre 1793 fest: „Die Tyrannei der Männer ist Ursache fast aller Geisteskrankheiten der Frauen.“1 In ihrem gesellschaftlichen Kontext konnte sie diese schmerzhafte Wahrheit bereits öffentlich kundtun.
„Brutalität bestimmt das Leben der Frauen rund um den Globus“. Fast immer ist psychisches Trauma eine direkte Reaktion auf allgegenwärtige männliche Brutalität. Es ist das Leiden der Machtlosen. Im schrecklichsten Zeitraum des letzten Jahrhunderts von 1914 – 1945, der Zeit der beiden Weltkriege, wurden Frauen Opfer von Ideologien (Nationalsozialismus, Stalinismus) und von monströsen Kriegsverbrechen. Auch die sogenannte Heimatfront bestimmte die Leben von Frauen zunehmend.
Während und nach dem Zweiten Weltkrieg galten Frauen insbesondere russischen Soldaten als berechtigte Kriegsbeute.
Traumatische Erlebnisse überschatten noch heute für viele Frauen die gesunde psychische Entwicklung. In den 1970er Jahren hat sich mit der Frauenbewegung herausgeschält, dass die häufigsten Opfer mit Trauma-Störungen nicht Kriegsveteranen, sondern Frauen zuhause im bürgerlichen Alltag sind. Die Ursachen waren und sind im Privatleben verborgen. Judith Herman beschreibt in ihrem Buch2 die im Jahre 1980 eingeführte Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) (ICD-10: F43.1). Bei dieser Trauma-Störung steht mindestens ein belastendes Ereignis von großer Bedrohung oder von katastrophenartigem Ausmaß am Anfang. Eine PTBS wird von vielfältigen psychischen und psychosomatischen Symptomen begleitet. Herman entwickelte therapeutische Richtlinien für die Behandlung. Auch nicht zensiertes Schreiben kann neben anderen inzwischen entwickelten Methoden beim Verarbeiten von traumatischen Störungen helfen. Für viele Frauen war und ist Schreiben die Rettung. Dass viele dieser Frauen unermüdlich an sich und ihrem Werk arbeite(te)n, mag mit der unbewussten Überzeugung zusammenhängen, eigentlich wertlos und/oder beschmutzt zu sein.
Im Folgenden werden Künstlerinnen mit verschiedenen Ausdrucksformen und Königinnen und Pionierinnen beschrieben, die in ihrem Lebensumfeld Neues denken oder tun konnten oder können. Die Lebensgeschichten wurden nach folgenden zwei Merkmalen ausgesucht: Nach der Art der Belastung (zum Beispiel Schizophrenie, Sucht, sexuellem Missbrauch, Depression) und Auseinandersetzung mit den Kränkungen durch die Umwelt (Stigmatisierung, Ausgrenzung und Unterdrückung). In einer Geschichte ist in meinen Augen die Frau Täterin – sie „meinte es nur gut“. Den Abschluss bildet eine Frau, die trotz massiver Belastungen bereits mehrere Preise für ihr schriftstellerisches Werk erhalten hat.
Johanna, die „Stammmutter fast aller Fürstenhäuser Europas“, war eine ungeliebte Königin. Ihr Schicksal war es – trotz Krone – ihren nächsten Verwandten mit Leib und Seele ausgeliefert zu sein und Vernachlässigung, psychische Misshandlung und Isolation zu erleben.
Von 1479 bis 1504 lebte Johanna wie eine Prinzessin. Sie wurde wie ihre Geschwister in Musik und Sprachen unterrichtet und fiel früh durch ihre hohe Intelligenz auf. Sie war eine auffallend schöne junge Frau. Johanna wird als ernsthaft, eigenbrötlerisch, schroff und sarkastisch-witzig beschrieben. 1496 heiratete sie Philipp I. von Österreich aus dem Haus Habsburg, genannt der Schöne („Mit mühsam bezähmter Ungeduld“ (…) „rissen sie sich die Kleider von den Leibern.“). Sie gebar sechs Kinder.
Als Johanna durch den Tod ihrer Mutter Isabella I. von Kastilien im Jahre 1504 Königin wurde, begannen die sie umgebenden Männer gegen sie um die Macht zu kämpfen. Johanna wurde im Palast isoliert. Nach dem Tod ihres Gatten Philipp im September 1506 übernahm ihr Vater Ferdinand II. von Spanien die Vormundschaft für ihren Sohn Karl. Johannas sonst so kluge Mutter Isabella hatte dies mit einer Klausel ermöglicht: Johanna sei ihre Nachfolgerin, jedoch falls sie „abwesend oder nicht willens oder unfähig sein sollte, ihre Regierungsgeschäfte selbst auszuüben“, so solle der Vater anstelle von Karl die Geschäfte führen.
Wie hat Johanna sich gefühlt? Es gab in dieser Familie vorher wie nachher „Melancholie“. Immer wieder zeigte Johanna sich aber auch widerspenstig, unterschrieb gewisse Verträge nicht. Mutig und stark pflegte Johanna im Jahr 1506 Philipp auf dem Schiff als einzige ruhig und angstlos, als es in Sturm und Regen geriet. Willensstärke beweist auch der folgende Vorfall: Einmal, als Johanna in Brüssel ankam, schnitt sie der blonden Mätresse in wütendem Protest die Haare ab. Schon vorher hatte sie Philipps Seitensprünge nicht geduldet. Dieser für eine Frau für die Zeit untypische Eigen-Sinn wurde ihr als „Eifersuchtswahn“ ausgelegt. Selbstbewusste Ich-starke Frauen wurden leicht als bedrohlich empfunden und häufig weggesperrt. Es gibt Darstellungen von Zeitzeuginnen über Johanna und Zitate von ihr, die, will mensch ihren Geisteszustand beurteilen, sie durchaus normal und geordnet zeigen.
Leider war jedoch noch typischer für die Zeit, dass Johanna nie den Umgang mit Macht gelernt hatte. Das Gegen-sie-Arbeiten der Männer erkannte sie nicht. Im Jahr 1507 überschrieb sie ihrem Vater die Regierungsgeschäfte und merkte erst zu spät, dass er ihr ärgster Feind war. Er ließ sie in die innersten Gemächer des Palastes verlegen. Dieser Schock muss sie zum Wahnsinn gebracht haben. Ab Frühjahr 1508, als sie immer heftiger bekämpft wurde, begannen Johannas autoaggressive Verhaltensweisen.
Der Vater ließ Johanna ab Februar 1509 für ihre weiteren 46 Lebensjahre in der Festung von Tordesillas in Valladolid in Nordspanien gefangen setzen. Dort aß und schlief Johanna auf dem eisigen Steinfußboden, vernachlässigte sich immer stärker, wusch weder sich noch ihre Kleider. Sie trat zeitweise in Hungerstreik. Jedoch musste Johanna am Leben bleiben, da Fernando II. sonst die Macht verloren hätte. Johannas jüngste Tochter Catalina lebte bei ihr bis zu ihrer Verheiratung nach Portugal im Jahr 1525 mit 18 Jahren.
Nach Fernandos Tod im Jahr 1516 trat der 16-jährige Karl nahtlos in seine Fußstapfen. Auch er brauchte seine Mutter „irre“ und lebend zugleich, um an der Macht zu bleiben. Sie wurde schlechter als eine Sklavin behandelt:
Juana wurde [1521] in ein stockdunkles Gelaß gesperrt … In diesem fauligen Loch … blieb sie ganz sich selbst überlassen und versank rasch in tierischen Stumpfsinn. Ihr Essen, für gewöhnlich Brot und Käse, wurde ihr vor die Tür gesetzt … [Sie] holte es sich, sobald keiner zuschaute. Sie aß es in der Hocke auf dem Fußboden kauernd. … Von nun an erfährt man – glücklicherweise, möchte man sagen – nicht mehr allzu viel von ihrem Leben.
Johanna wurde mit 75 Jahren ungewöhnlich alt, wie viele langjährig eingesperrte Menschen – „die einen sterben halt am Leben, die anderen macht es wahnsinnig“. Aus Machtgier wurde Johanna „verleumdet, brutal missbraucht und dadurch schließlich wirklich wahnsinnig“ – spätestens in Tordesillas.
Spinnt die Frau? Als Mann wäre Johanna das nicht passiert.
„Kriege sollen andere führen, du glückliches Österreich, heirate!“
Hausspruch Habsburgs
Kaiserin Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen, geb. Mai 1717 und im Jahre 1780 mit 63 Jahren gestorben, war selbst nicht behindert. Unter dem Aspekt Behinderung sind zwei andere Punkte in ihrem Leben interessant: Erstens trug die Dynastie der Habsburger eine Veranlagung in sich, die das Auftreten von Epilepsie begünstigte. Bei dieser chronischen Krankheit kommt es auf einen irritierenden Reiz hin zu einer abnormen Überreaktion sehr vieler Nervenzellen auf einmal im Gehirn. Das bewirkt zeitweiligen Bewusstseinsverlust und bei manchen Formen einen schnellen Wechsel von heftigen Muskelkrämpfen und Verlust der Muskelspannung. Epilepsie hat mit Geistesschwäche oder Geisteskrankheit nichts zu tun. Dies beweisen vor allem die Menschen, die oft trotz ihrer epileptischen Anfälle Überdurchschnittliches geleistet haben. Weder Maria Theresias Geschwister noch ihre Kinder waren davon betroffen. Erst beim Enkel Karl, geb. 1771, später ein berühmter Kriegsherr, trat sie wieder auf.
Zweitens behinderte Maria Theresia auf jeden Fall die Entwicklung und zentralen Lebensentscheidungen ihrer Kinder: Sie erzog ihre Kinder sehr streng und „verschacherte“ sie im politischen Ränkespiel wie Schachfiguren. Die Hübschen wurden mit Kalkül verheiratet, verwachsene oder pockennarbige Kinder wurden in Klöster gedrängt. Das war damals zwar üblich, aber das macht es nicht besser. Nur ihre Lieblingstochter Maria Christine durfte eine Liebesheirat eingehen. Maria Theresia selbst, mit sechs Jahren bereits in Franz Stephan von Lothringen, geb. 1708, verliebt, war seit dem Jahr 1736 ehelich mit ihm verbunden. Mit dem zwischen Frankreich und Deutschland gelegenen Erbe kam ihre Heirat mit dem heiteren, gescheiten, hübschen Prinzen ihrem Vater Karl VI. gelegen. Noch im Jahr 1766 schrieb Maria Theresia in einem Brief: „… seit dreiundvierzig Jahren war mein Herz ihm allein ganz zugethan.“ Sie ernannte ihn zum Mitregenten. Er war auch der offizielle Kaiser, die Regierungsgeschäfte erledigte jedoch die „Kaiserin“ titulierte Ehefrau. Da angeheiratet, nannte sie sich hier Kaiserin, hingegen König von Ungarn, da auf Erbrecht basierend.
Aufgrund einer Regelung aus dem Jahr 1713 war es möglich, dass Maria Theresia im Jahr 1740 Thronfolgerin wurde. Zuerst traute niemand der erst 23-Jährigen das Regieren zu. Sie hatte „nur“ die traditionelle Erzherzoginnen-Ausbildung erhalten. Jedoch überraschte sie alle und regierte 40 Jahre lang erfolgreich die aus 58 Ländern bestehende Habsburgerinnenmonarchie. Hilfreich war sicher, dass Geschichte ihr Lieblingsfach gewesen war.
Maria Theresia war 16 mal „schwanger als Herrscher“ (elf Töchter und fünf Söhne). Für diese neue protokollarische Situation gab es für öffentliche Auftritte eine Neuerung: Um das Jahr 1720 wurde in der Wiener Hofwerkstatt ein Gala-Tragesessel aus Samt und Stickerei gebaut. Laut Landsteiner leite sich das repräsentative Sitzmöbel „Thron“ von „Skulpturen hockend gebärender, steinzeitlicher Göttinnen“ ab, mit „dem voluminösen Gesäß der Göttinnen als Sitzbrett“. Die Göttin werde als „aktives Prinzip des Schöpfens“ dargestellt. Der feststoffliche Thron stehe für das Herstellen einer Ordnung. Die Königin könne ohne viele Alltagsanstrengungen den Vorsitz übernehmen. Sie/er müsse in der „(Zurück-)Haltung des Sitzens der Lust nach Bewegung erfolgreich entgegenarbeiten“. „Herrscher_innen werden gesetzt“. Dieses hohe Maß an Askese und Aufmerksamkeit schneide „in den Körperhaushalt der Herrschenden ein“, sie würden durch lauter Vorschriften eingeengt und verspannt, mit dem Ziel, die eingeschränkte Lebensdynamik zur „Dynamisierung der Kräfte der Gemeinschaft sowie der Bindung zwischen Gemeinschaft und Kosmos“ einsetzen zu können. Sitzen als „störender Eingriff in den Körper“ ermögliche es, „spontane innere Ausdrücke (zum Beispiel Hunger, Durst, Sexualtrieb etc.) zu unterdrücken und hinauszuschieben“. Daher habe die Inthronisation Herrscherinnen eher „körperlich beeinträchtigt, verkrüppelt, bisweilen sogar“ getötet – es sind wohl das Wochenbett und das Schlachtfeld gemeint. Maria Theresia hat 16 Kinder geboren, jedoch wurden nur zehn davon erwachsen.
„Für Herrscher_Innen nimmt das Ausüben gepflegter Etikette und die Demonstration höfischen Anstands einen hohen Stellenwert in der Erziehung und im Alltag ein.“ Das Spanische Hofzeremoniell, üblich seit dem 15. Jahrhundert, war solch eine einengende Etikette: Jeder durfte sich nur mit dreimaliger tiefer Verbeugung und Kniefall zum König hin bewegen, beim Rückzug dasselbe in rückwärts. Mit dem Zeremoniell wollten die Habsburgerinnen ihre Besonderheit in Europa hervorheben. Der Adel nutzte es ebenfalls, um sich von niedrigeren Ständen abzugrenzen, aber auch um seine Nähe zum Herrscherhaus zu betonen. Erst unter Maria Theresias Sohn Joseph wurde das Zeremoniell abgeschafft. Es gilt bis heute: „nur keine Gefühle zeigen“, bereits als Kind „verantwortlich sein, für andere und sich selbst “, alles „nur in gemäßigtem Stil“ von sich geben. Mensch ist „abgehoben“, sieht sich zumindest so, und „bleibt nur innerhalb der eigenen Sippe“, so die Genesungsbegleiterin (EX-IN3) Monika Thein von Plottnitz.
Krönungskutsche von Maria Theresia in Wien – Detail
Die Herrschaft der Habsburgerinnenmonarchie galt als gottgegeben. Zu ihrem Fortbestand war eine Braut mindestens von Fürstenstand und unberührt wichtig. Vielversprechend waren gute Gesundheit und ein breites Becken. Aufgrund der katholischen Religion und der besonderen Verbindung mit den Heiligen und der Gottesmutter erhielten die Töchter seit circa dem Jahr 1650 häufig den Namen Maria. Die Taufe war der erste zu überstehende repräsentative Akt. 40 Tage nach der Geburt fand der „Hervorgang“ statt, in Anlehnung an Mariens biblischen Tempelgang, als diese Jesus auf dem Altar Gott dargebracht haben soll. Maria Theresia beging diesen Akt besonders prächtig, als sie im Jahr 1741 endlich den erhofften Thronfolger Joseph geboren hatte.
Die Erziehung der Kinder zu zukünftigen Herrschenden oder Ehepartnerinnen war stark reguliert. Diese wurden von der Mutter getrennt, kamen in eine „Kindskammer“ und bekamen eine Aja (Töchter) als „zuchtmaisterin“ oder einen Ajo (Söhne). Die Kinder wurden oft einbandagiert, um einen geraden Wuchs der Glieder zu garantieren. Ammen wurden später reich entlohnt. Zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensjahr wurden die Kinder „sauber“. Als Spielzeug dienten viele Tiere wie Hunde und zahme Vögel. Maria Theresia spielte selbst gerne Karten und gab dies an ihre Kinder weiter.
Das oberste Erziehungsziel für die Habsburger Kinder war ein gottesfürchtiges Leben. Mit dem Lesen-können begann sofort lateinischer Bibelunterricht! Frömmigkeit wurde als Herrschertugend angesehen, ein hoher Bildungsgrad ebenfalls. In sogenannten Fürstenspiegeln wurde dazu aufgefordert, sich ganz dem Wohl der Untertanen hinzugeben. Schon als Kind hatten die Erzherzoginnen Jesuiten als Beichtväter. Bei Maria Theresia stand der Religionsunterricht durch den Beichtvater an oberster Stelle. Der Tag begann mit Kreuzzeichen und Morgengebet auf den Knien und war bis zur abendlichen Gewissenserforschung und dem Nachtgebet mit Handlungen ähnlicher Art durchsetzt. Trotz aller Verzärtelung in den ersten Lebensjahren galt: Sie „sind geboren zu gehorsamen und sollen es mithin bei Zeiten gewöhnen“ (Instruktionen Maria Theresias). Mädchen wurden unterschiedlich lange bei den „Weibern“ gelassen, die Jungen bekamen frühestens ab dem fünften Lebensjahr einen eigenen, männlichen Hofstaat. Neben Latein als erster Fremdsprache lernten die Kinder weitere Sprachen für den Kontakt mit dem Volk. Im Hinblick auf spätere Verheiratung wurde das auch für Töchter als sinnvoll angesehen. Maria Theresia und Franz Stefan sprachen privat die Hofsprache Französisch, alle Kinder konnten daneben auch Deutsch. Es waren strenge Prüfungen in den Unterrichtsfächern in Anwesenheit Maria Theresias zu absolvieren. Söhne mussten ein gestaltendes Handwerk wie zum Beispiel Drechseln erlernen, die Töchter Hand- und Näharbeiten. Auch Zeichnen, Malen und musischer Unterricht gehörten zum Pensum. Bei Ballett-, Tanz- und Theaterauftritten schon im frühen Kindesalter wurden Körperkontrolle, Reden-halten und öffentliches Auftreten eingeübt. Die Kinder bzw. Jugendlichen waren nie allein, der Hofmeister/die Kammerfrau waren immer anwesend, sogar nachts.
Für die Söhne als zukünftige Herrscher und Heeresführer waren des Weiteren körperliche Ertüchtigung, Jagen, Fechten, Schießen und Reiten von großer Wichtigkeit. Auch Töchter gingen zur Erholung an der frischen Luft auf die Jagd.
Wenn Maria Theresia das Jagen auch nicht liebte, so setzte sie in puncto Reiten neue Maßstäbe. Sie erlernte diese Fähigkeit erst im Jahre 1741 mit 24 Jahren, denn zur Krönung zum König von Ungarn war der Ritt auf den Krönungshügel in Pressburg vorgeschrieben. Reiten wurde ihre Lieblingsfreizeitbeschäftigung. Sie löste damit einen Boom aus: Bald waren mehr Reiterinnen als Reiter auf Wiens Straßen zu sehen. Maria Theresia ritt auch während ihrer Schwangerschaften. Ihre Töchter hingegen bekamen keinen Reitunterricht. Ihre Tochter Marie Antonia ritt schon mit 15 Jahren in Versailles als Königin Marie Antoinette ein, und zwar im Herrensitz. Dies wurde als schädlich für das Kinderkriegen angesehen. Daher war Maria Theresia sehr besorgt – jedoch unbegründet, Marie Antoinette wurde vier mal schwanger. Maria Theresia ritt nur im Damensattel. Als zur Herrschaft geborene Habsburgerin war es nicht nötig, ihre Herrscherqualitäten durch Uniform und Männersattel optisch zu unterstreichen.
Maria Theresia war bereits zu Lebzeiten durch häufige Namens- wie Geburtstagsfeste, aufwändige Schlittenfahrten, Fasching und Maskenbälle sehr beliebt. Reformen wie die Einführung der Schulpflicht, die Verbreitung der Kartoffel als Nahrungsmittel und das Vereinheitlichen des Maß- und Gewichtssystem trugen zu ihrer Beliebtheit bei. Heute wird Maria Theresia überwiegend positiv gesehen und bewundert.
Im Juli 1751 kam die später „Rose von England“ genannte Prinzessin Carolina Matilda in London zur Welt. Das Kind wuchs überwiegend in Kew, still und abseits vom Hof, auf. Die puritanische Mutter Augusta, deren neuntes und jüngstes Kind sie war, ließ Zucht und Ordnung walten. Die Ausbildung der Kinder war gut. Matilda beherrschte das Cembalo, hatte eine gute Sopranstimme und sprach Französisch und Italienisch. Im Alter von 13 ½ Jahren kam Deutsch hinzu, denn Matilda war von nun an mit dem dänischen Kronprinzen Christian verlobt. Deutsch war die offizielle Sprache am dänischen Hof. Noch ein zweiter Mann sollte bedeutend im Leben dieser jungen Frau werden – der Berater Johann Friedrich Struensee, den König Christian VII. sich ab dem Jahr 1769 aus Hamburg zur Seite holte.
Heutzutage würde mensch Matilda als Angehörige eines behinderten Menschen bezeichnen. Ihre Hochzeit in eine außerordentlich liberale Monarchie hinein fand im November 1766 statt. Matilda war erst 15 Jahre alt. Niemand hatte ihr gesagt, dass ihr Mann, der spätere Christian VII., offensichtlich eine Geisteskrankheit hatte. Er bekam häufig epileptische Anfälle, schrie unzusammenhängende Sätze und litt zeitweise unter schweren Depressionen. Er war wie alle anfangs von der „Schönheit, Huld und Leutseligkeit der jungen Königin“ gefesselt, jedoch verlor er bald das Interesse. Trotzdem bekamen sie zwei Kinder: Frederick wurde im Januar 1768 geboren. Matilda wurde krank: Beschrieben wurde eine Starre des ganzen Leibes, verbunden mit beharrlichem Schweigen und wachsartigem Widerstand der Muskulatur bei passiver Bewegung. Nachdem Struensee Matilda bis Januar 1770 von einem Nervenzusammenbruch geheilt hatte, ließ sie ihm eine Wohnung in Christiansborg einrichten, sie gingen zusammen ins Theater und sie ritt mit ihm aus. Sie blühte zu einem heiteren, lebhaften und selbstbewussten Wesen auf. Bei der Geburt der Tochter Louise Auguste im Juli 1771 war unklar, ob nicht Struensee der Vater sein könnte.
Struensee war ein ungewöhnlich junger Stadtphysikus und Armenarzt, der in Altona bemerkenswerte Erfolge bei der Bekämpfung von Seuchen und unhygienischen Zuständen errungen hatte. Der König Christian lernte ihn auf seiner 8-monatigen Reise kennen, die er ab Mai 1768 durch Deutschland, England und Frankreich unternahm. Struensee kam mit nach Kopenhagen und wurde zum Konferenzrat und zum Vorleser des Königs und zum Privatsekretär Königin Matildas ernannt. Sein mit der Zeit wachsendes ungezwungenes Verhältnis zu ihr wurde seinerzeit als skandalös empfunden. Es ist unklar, ob es sich um eine Liebesaffäre handelte, auf jeden Fall unternahmen beide sehr viel miteinander. König Christian war in keinster Weise eifersüchtig, er förderte das Verhältnis eher.
Struensees Einfluss auf das Königspaar war unübersehbar. Er hatte „hinter den Kulissen praktisch alle Macht des Landes in seiner Hand“ vereinigt und schuf für sich selbst ein Ministerium „für öffentliche Angelegenheiten“. Er setzte eine „bürgerliche Revolution von oben“ durch. Seine aufklärerischen Ideen beinhalteten die Aufhebung der Zensur, die Gleichstellung von unehelichen mit ehelichen Kindern, staatliche Findelhäuser, die Abschaffung der Folter. Steuern wurden abgeschafft, Straßenbeleuchtung und eine staatliche Lotterie wurden eingeführt. Der Adel und der Klerus mussten sich stark in ihren Privilegien beschneiden lassen. Die Etikette am Hof wurde aufgehoben. Leider hat Struensee „seine Reformen rücksichtslos und in größter Eile durchzupeitschen“ versucht. Nach zwei Jahren rastlosen Regierens war Struensee „schwammig und bleich“ geworden, ein schwacher Abklatsch des „junge(n) Mann(es), blond, vollkommen schön gewachsen, von regelmäßiger Gesichtsbildung … angenehmes Lächeln, Augen voll Lebhaftigkeit, Gewandtheit von körperlichen Übungen, (…) feinem Benehmen in der Gesellschaft“. Ausgerechnet die Pressefreiheit wurde Struensee zum Verhängnis: Sein exzessiver Lebensstil wurde öffentlich dargestellt. Struensee wurde festgenommen, da er angeblich zusammen mit Matilda einen Staatsstreich geplant hätte. Er wurde im April 1772 hingerichtet.
Was kann mensch über die Frau an der Seite eines solch beeindruckenden Mannes noch schreiben? Auch sie, die Königin Matilda, wurde festgenommen. Im März 1772 begann ihr Scheidungsprozess. Sie sollte ihre Kinder nie mehr wiedersehen. Im Oktober 1772 erreichte sie Celle, wo sie nach der Entscheidung ihres Bruders, des englischen Königs Georg III., nun leben sollte. Dort adoptierte sie ein 4-jähriges Waisenmädchen und blieb weiterhin den Armen und Bedürftigen gewogen. Diese Wohltätigkeit hatte sie schon in Dänemark ausgiebig ausgeübt. Matilda aß nun viel und wurde sehr dick. Sie lebte nur noch drei Jahre und starb plötzlich und unerwartet im Mai 1775. „Die Einwohner Celle's, deren wohlthätiger Engel sie gewesen, errichteten ihr im dortigen Park ein Denkmal.“ So erfuhr sie nicht mehr davon, dass ihr dann 16-jähriger Sohn im Jahr 1784 die Macht an sich reißen würde und „behutsam und mit kleinen Schritten“ Struensees Reformen vorantreiben würde.
„Still, alles still,
als wär die Welt tot.“
Georg Büchner, Woyzeck
