Bei den Armen - Leo N. Tolstoi - E-Book

Bei den Armen E-Book

Leo N. Tolstoi

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Beschreibung

Leo N. Tolstoi (1828-1910) gehörte zur Klasse der reichen Minderheit in Russland, die die arbeitende Bevölkerung versklavte und ausbeutete. Einige Jahre vor dem Ende der "Leibeigenschaft" kann der junge Adelige seine Beteiligung am Gewaltsystem der Besitzenden kaum noch verleugnen. Er möchte den Armen begegnen, ihnen als aufgeklärter "Patron" helfen und ... von ihnen geliebt werden. Doch es fehlt noch die Reife zur Menschlichkeit. Ein Jahrzehnt später tritt Tolstoi als Anwalt der Freigelassenen (Friedensrichteramt) und Gründer von Reformschulen in Erscheinung. Nach Überwindung einer Lebenskrise erhält der Graf Anfang der 1880er Jahre erschütternde neue Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Beherrschten. Seine sozialkritischen Schriften finden bald auf dem ganzen Globus den Weg zu einer wachsenden Leserschaft. Das Los der Elenden und ein Leiden am Widerspruch des eigenen Lebens setzen ihn förmlich bis zum letzten Atemzug in Bewegung. Der vorliegende Band der Tolstoi-Friedensbibliothek enthält: die Erzählung "Der Morgen eines Grundbesitzers" (1852-1856); eine Skizze zur pädagogischen Arbeit des Dichters mit den Kindern der Armen ("Sollen die Bauernkinder bei uns schreiben lernen, oder wir bei ihnen?", 1862); zwei sozialkritische Beiträge aus der ersten Phase des Ringens um ein neues Verständnis der christlichen Botschaft ("Über die Volkszählung in Moskau" 1882; "Was sollen wir denn thun?" 1882-1886, Teilübersetzung); Zeugnisse zur Organisation von Nahrungsmittelhilfe und Selbsthilfe 1891-1893 (Die Hungersnot in Russland, Bei den Hungernden, Forderungen der Liebe); den Aufsatz "Muss es denn so sein?" (1900) über einen falschen Kirchenglauben im Dienste der Herrschenden als Hauptstütze ungerechter Verhältnisse; Texte aus den Überlieferungen aller Kulturen und Religionen wider die freche Anmaßung der Reichen (Lesezyklus für alle Tage, 1904-1906); drei Sozialprotokolle des Jahres 1909 ("Der Fremde und der Bauer", "Lieder im Dorf", "Drei Tage auf dem Lande"). - Die Sammlung schließt mit einem Essay der Revolutionärin Rosa Luxemburg über den russischen Aristokraten. Tolstoi-Friedensbibliothek Reihe B, Band 6 (Signatur TFb_B006) Herausgegeben von Peter Bürger, Editionsmitarbeit: Bodo Bischof, Ingrid von Heiseler, Katrin Warnatzsch

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Tolstoi-Friedensbibliothek

Reihe B | Band 6

Herausgegeben von

Peter Bürger

Ausgewählt & neu ediert

von Peter Bürger, unter Mitarbeit

von Bodo Bischof, Ingrid von Heiseler

und Katrin Warnatzsch

Tolstoi Friedensbibliothek

TFb_B006

Inhalt

Einleitende Hinweise des Herausgebers der Tolstoi-Friedensbibliothek

I.

D

ER

M

ORGEN EINES

G

UTSBESITZERS

Bruchstücke aus einem unvollendeten Roman

(Утро помещика | Utro pomeschtschika, 1852-1856)

Leo N. Tolstoi

Übertragen von Karl Nötzel

II.

S

OLLEN DIE

B

AUERNKINDER BEI UNS SCHREIBEN LERNEN

,

ODER WIR BEI IHNEN

?

(Zeitschrift ‚Jasnaja Poljana‘, September 1862)

Leo N. Tolstoi

III.

Ü

BER DIE

V

OLKSZÄHLUNG IN

M

OSKAU

(1882)

Leo N. Tolstoi

IV.

W

AS SOLLEN WIR DENN THUN

?

E

V

. L

UCÄ

3, 10

(Teilübersetzung der Schrift

Tak čto že nam delat'?

1882-1886)

Leo N. Tolstoi

Aus dem russischen Manuskript übersetzt von H. von Samson-Himmelstjerna

V.

D

IE

H

UNGERSNOT IN

R

USSLAND

(1891/1893)

Von Graf Leo N. Tolstoi

Mit Genehmigung des Verfassers aus dem Russischen übersetzt von L. A. Hauff | 1894

Die Hungersnot

Berichte über die Thätigkeit der Gratis-Volksküchen von November 1891 bis September 1892

Schlußwort zum letzten Bericht über die Unterstützung der Notleidenden während der Hungersnot

VI.

B

EI DEN

H

UNGERNDEN

Aus den Berichten Leo N. Tolstois zur Hungersnot

1891/92

Übersetzt von Hanny Brentano

VII.

F

ORDERUNGEN DER

L

IEBE

(Trebovanija ljubvi, 1893)

Leo N. Tolstoi

VIII.

D

ER JUNGE

Z

AR

(Сон молодого царя | Son molodogo zarja, 1894)

Leo N. Tolstoi

IX.

N

ECHLJUDOW BEI DEN POLITISCHEN

G

EFANGENEN

Auszug aus dem Roman „Auferstehung“

(Воскресение | Woskressenije, 1899)

Leo N. Tolstoi

Übersetzung von Wladimir Czumikow

X.

M

Uß ES DENN SO SEIN

?

(Neuželi èto tak nado?, 1900)

Leo N. Tolstoi

Deutsch von Dr. Nachman Syrkin

XI.

A

US DEM

L

ESEZYKLUS FÜR ALLE

T

AGE

(Krug čtenija, 1904-1906)

Von Leo Tolstoi ausgewählte und selbst verfasste Texte

XII.

D

ER

F

REMDE UND DER

B

AUER

(Проезжий и крестьянин | Projesschi i krestjanin, 1909)

Leo N. Tolstoi

XIII.

L

IEDER IM

D

ORF

(Песни на деревне | Pesni na derewne, 1909)

Leo N. Tolstoi

XIV.

D

REI

T

AGE AUF DEM

L

ANDE

(Три дня в деревне | Tri dnja w derewne, 1909/1910)

Leo N. Tolstoi

Anhang

T

OLSTOI ALS SOZIALER

D

ENKER

Rosa Luxemburg

|

1908

Bibliographie zu den dargebotenen Texten L. N. Tolstois

Übersicht zu den Bänden der Tolstoi-Friedensbibliothek

Leo N. Tolstoi (1828-1910):

Aufnahme von Franz Protasevich, 1903

(commons.wikimedia.org)

I.

Der Morgen eines Gutsbesitzers

Bruchstücke aus einem unvollendeten Roman

(Утро помещика | Utro pomeschtschika, 1852-1856)18

Leo N. Tolstoi

Übertragen von Karl Nötzel

1.

Fürst Nechljudow war neunzehn Jahre alt und besuchte den dritten Universitätskursus, als er für die Sommerferien auf sein Dorf zog und dort den ganzen Sommer allein verbrachte. Im Herbste schrieb er dann mit seiner noch nicht fest gewordenen, kindlichen Handschrift seiner Tante, der Gräfin Bjelorjezki, die, wie er glaubte, sein bester Freund und die genialste Frau auf der ganzen Welt sei, folgenden, hier in der Übersetzung wiedergegebenen französischen Brief:

„Mein liebes Tantchen! Ich habe einen Entschluß gefaßt, von dem das Schicksal meines ganzen Lebens abhängen muß. Ich will die Universität verlassen, um mich dem Leben auf dem Dorfe zu widmen, weil ich fühle, daß ich dazu geboren bin. Um Gottes willen, liebe Tante, lachen Sie nicht über mich! Sie werden sagen, ich sei jung; vielleicht ist das auch so, ich bin noch ein Kind. Das hindert mich jedoch keineswegs, zu wünschen, das Gute zu tun und zu lieben.

Wie ich Ihnen bereits schrieb, fand ich meine Angelegenheiten in unbeschreiblicher Verwirrung vor. Als ich sie in Ordnung zu bringen gedachte und mich hinein vertiefte, entdeckte ich, daß das Hauptübel in der über alle Begriffe erbärmlichen ärmlichen Lage der Bauern beruht und daß das ein solches Übel ist, daß man es nur durch Arbeit und Geduld zu beseitigen vermag. Wenn Sie nur zwei von meinen Bauern sehen könnten, David und Iwan, und wüßten, was für ein Leben sie mit ihren Familien führen, so bin ich überzeugt, daß schon allein der Anblick dieser beiden Unglücklichen Ihnen mehr als alles das, was ich Ihnen sagen kann, meinen Entschluß erklären würde. Ist es denn nicht meine heilige und unmittelbare Verpflichtung, mich um das Schicksal dieser siebenhundert Menschen zu kümmern, für die ich Gott werde Rechenschaft ablegen müssen? Ist es denn nicht Sünde, sie der Willkür der rohen Ältesten und Verwalter zu überlassen und selber dem Genuß oder dem Ehrgeiz zu frönen? Und warum soll ich denn in einer anderen Sphäre die Möglichkeit suchen, nützlich zu sein und Gutes zu tun, wenn sich mir eine so vornehme, glänzende und naheliegende Pflicht eröffnet? Ich fühle mich imstande, ein guter Landwirt zu sein; um aber das zu sein, was ich unter diesem Worte verstehe, dafür bedarf ich weder des Kandidatendiploms noch eines Dienstranges, die Sie so für mich wünschen. Liebes Tantchen, schmieden Sie keine ehrgeizigen Pläne für mich. Gewöhnen Sie sich an den Gedanken, daß ich einen ganz besonderen Weg gehe, der aber schön ist und, ich fühle das, mich zum Glücke führen wird. Ich habe sehr viel nachgedacht über meine zukünftigen Pflichten, ich habe mir Regeln zum Handeln aufgeschrieben; und wenn mir nur Gott Leben und Kräfte geben wird, so werde ich in meinem Unternehmen Erfolg haben.

Zeigen Sie diesen Brief nicht meinem Bruder Wassja: ich fürchte seinen Spott; er ist gewohnt, mich zu beherrschen, und ich gewöhnte mich, mich ihm zu fügen. Was Wanja anbetrifft, so wird er meinen Entschluß begreifen, wenn er ihn auch nicht billigen wird.“

Die Gräfin sandte ihm folgendes Antwortschreiben, das hier ebenfalls aus dem Französischen übersetzt ist:

„Dein Brief, lieber Dmitri, hat mir nichts bewiesen, als daß Du ein gutes Herz hast, woran ich niemals zweifelte. Indes, lieber Freund: unsere guten Eigenschaften schaden uns mehr im Leben als unsere schlechten. Ich werde nicht sagen, daß Du eine Dummheit machst, daß Dein Betragen mich bekümmert, ich will Dich vielmehr nur zu überzeugen suchen. Laß uns einmal überlegen, mein Freund!

Du sagst, Du fühlest Dich zum Landleben berufen. Du wollest Deine Bauern glücklich machen, und Du hoffest, ein guter Landwirt zu sein. Erstens muß ich Dir sagen, daß wir unsere Berufung erst dann fühlen, wenn wir uns schon einmal in ihr irrten. Zweitens, daß es leichter ist, sich selber glücklich zu machen, als andere zu beglücken, und drittens, daß, um ein guter Landwirt zu sein, man ein kalter und strenger Mensch sein muß, was Du kaum jemals werden wirst, wenn Du Dir auch alle Mühe gibst, Dich für einen solchen auszugeben.

Du hältst Deine Erwägungen für unerschütterlich und sogar für Regeln im Leben; in meinem Alter aber, mein Freund, glaubt man nicht an Erwägungen und Regeln, vielmehr nur an die Erfahrung; die aber sagt mir, daß Deine Pläne Kinderei sind. Ich bin schon fast fünfzig Jahre alt, und ich habe viele würdige Menschen gekannt, niemals habe ich aber gehört, daß ein junger Mann mit Namen und Fähigkeiten sich unter dem Vorwand, Gutes zu tun, auf dem Lande vergraben habe. Du wolltest immer als ein Original erscheinen. Deine Originalität ist aber gar nichts anderes als übermäßige Selbstliebe. Und, mein Freund, wähle lieber geebnete Pfade: sie führen leichter zum Erfolg; wenn Du den aber auch schon nicht für Dich selber nötig hast, so ist er doch unerläßlich dafür, das Gute tun zu können, das Du liebst.

Die Armut einiger Bauern – ist entweder ein unvermeidliches Übel oder ein solches, dem man abhelfen kann, ohne alle seine Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft, seinen Verwandten und sich selber zu vergessen. Bei Deinem Verstand, Deinem Herzen und Deiner Liebe zur Tugend gibt es gar keine Karriere, in der Du nicht Erfolg hättest; wähle aber wenigstens eine solche, die Deiner würdig ist und Dir Ehre einträgt.

Ich glaube an Deine Aufrichtigkeit, wenn Du sagst, Du habest keinen Ehrgeiz; Du betrügst Dich aber selber. Ehrgeiz ist eine Tugend in Deinen Jahren und bei Deinen Mitteln; sie wird erst zu einem Mangel und einer Gemeinheit, wenn der Mensch schon nicht mehr imstande ist, diese Leidenschaft zu befriedigen. Auch Du wirst das erfahren, wenn Du Deinen Entschluß nicht änderst. Leb wohl, lieber Mitja! Mir scheint es, ich liebe Dich noch mehr wegen Deines albernen, aber edlen und großherzigen Planes. Handle so, wie Du willst; ich gestehe aber, ich kann nicht einverstanden sein mit Dir.“

Illustration von Teodor V. Chomiński zu Tolstois Erzählung

„Der Morgen eines Gusbesitzers“ (commons.wikimedia.org)

Als der junge Mann diesen Brief erhielt, hatte er lange Zeit über ihn nachgedacht, endlich aber entschieden, daß auch eine geniale Frau sich irren könne. Darauf hatte er dann sein Entlassungsgesuch bei der Universität eingereicht und war für immer auf dem Lande geblieben.

2.

Wie er seiner Tante mitgeteilt, hatte sich der junge Mann Verhaltungsmaßregeln für sein Wirtschaften aufgeschrieben, und sein ganzes Leben und alle seine Beschäftigungen waren eingeteilt nach Stunden, Tagen und Monaten. Der Sonntag war bestimmt zum Empfang von Bittstellern, Hofleibeigenen und Bauern, zum Besuch der Wirtschaften armer Bauern und zur Gewährung von Hilfe mit Zustimmung der Bauerngemeinde, die sich jeden Sonntag abends versammelte und entscheiden mußte, wem Hilfe zu erweisen nötig sei und was für eine. Unter solchen Beschäftigungen war schon ein Jahr vergangen, und der junge Mann war schon nicht mehr völlig Neuling, weder in praktischer noch in theoretischer Kenntnis der Landwirtschaft.

Es war an einem klaren Junisonntag; Nechljudow hatte eben Kaffee getrunken und ein Kapitel des ‚Maison rustique‘ durchlaufen. Nunmehr verließ er, sein Notizbuch und einen Packen Banknoten in der Tasche seines leichten Mantels, das große Landhaus mit seinen Terrassen und Säulenhallen, in dessen Erdgeschoß er ein einziges kleines Zimmerchen bewohnte, und wandelte auf den ungepflegten, verwachsenen Wegen des alten englischen Gartens dem Dorfe zu, das zu beiden Seiten der Chaussee lag. Nechljudow war ein hochgewachsener, gutgebauter junger Mann mit langem, dichtem, lockigem, dunkelrotbraunem Haar, mit lichtem Glanz in den schwarzen Augen, mit frischen Backen und roten Lippen, über denen sich eben der erste Flaum der Jugend zeigte. In allen seinen Bewegungen wie auch in seinem Gange offenbarten sich Kraft, Energie und die gutmütige Selbstzufriedenheit der Jugend. Das Bauernvolk kehrte gerade in bunten Haufen aus der Kirche zurück; Greise, junge Mädchen, Kinder, Weiber mit Brustkindern schritten in Feiertagskleidern ihren Hütten zu. Alle verneigten sich tief vor dem gnädigen Herrn und machten ihm ehrerbietig Platz. Auf der Chaussee blieb Nechljudow stehen, nahm sein Notizbüchelchen aus der Tasche und las auf der letzten mit kindlicher Handschrift beschriebenen Seite einige Bauernnamen, denen Bemerkungen beigefügt waren. Iwan Tschurisenok bat um Stangen, las er und ging zum Tore der zweiten Hütte rechts.

Das Wohnhaus von Tschurisenok bestand aus einem halb verfaulten, sehr feuchten Blockhaus, das sich schon auf die Seite neigte und derart in die Erde eingewachsen war, daß gerade noch über der aus Mist bestehenden Aufschüttung ein einziges zerbrochenes rotes Schiebefensterchen zu sehen war; auch war noch ein anderes Fensterchen da, das jedoch mit Hanf zugestopft war. Der aus Balken gezimmerte Vorraum mit verfaulter Schwelle und niedriger Tür, ein anderer kleiner Balkenbau, noch älter und noch niedriger als der Vorraum, ein Tor und ein Speicher aus Flechtwerk klebten an der Haupthütte. Alles dies war einstmals mit einem Dach von ungleicher Höhe bedeckt gewesen; jetzt aber hing nur noch auf dem Schirmdach dichtes, schwarzes, faulendes Stroh; oben waren dagegen an einzelnen Stellen das Dachgerüst und einige Dachsparren zu sehen. Vor dem Hofe stand ein Brunnen mit einem zusammengefallenen Brunnenkasten, mit dem Rest eines Holzstammes und eines Rades und mit einer schmutzigen, vom Vieh ausgetretenen Pfütze, in der Enten herumplätscherten. Bei dem Brunnen standen zwei alte, gesprungene und geknickte Weidenbäume mit wenigen blaßgrünen Zweigen. Unter einem von ihnen, die Zeugnis davon ablegten, daß sich einst irgendwer um die Ausschmückung dieses Ortes bekümmert hatte, saß ein achtjähriges blondes Mädchen und ließ ein anderes, zweijähriges Mädchen um sich herumkriechen. Als der Hofhund, der bei ihnen herumwedelte, den gnädigen Herrn erschaut hatte, stürzte er sofort unter das Tor und begann von dort aus sein erschrecktes heiseres Bellen.

„Ist Iwan zu Hause?“ fragte Nechljudow.

Es schien, als ob das ältere Mädchen bei dieser Frage erstarrt wäre. Es machte immer größere Augen, ohne irgend etwas zu antworten; das kleinere Mädchen öffnete schon den Mund und wollte zu weinen anfangen. Ein kleines altes Weibchen in einem durchlöcherten, karierten Rock, der tief umgürtet war mit einem rötlichen Gurt, schaute aus der Tür heraus und antwortete gleichfalls gar nichts. Nechljudow schritt zum Vorraum und wiederholte eine Frage.

„Zu Hause, Ernährer“, sprach mit zittriger Stimme das alte Weibchen, indem es sich tief verneigte und ganz in Schrecken und Verwirrung geriet.

Als Nechljudow sie begrüßt hatte und durch den Vorraum den engen Hof betrat, stützte die Alte das Gesicht in die Hand, ging zur Tür hin und begann, ohne den gnädigen Herrn aus den Augen zu lassen, den Kopf hin und her zu bewegen. Auf dem Hofe war es ärmlich, an einzelnen Stellen lag alter nicht ausgefahrener, schwarz gewordener Mist; darauf lagen ein verfaulter Futterkasten, Heugabeln und zwei Eggen unordentlich herum. Die Schirmdächer um den Hof, unter denen auf der einen Seite ein Hakenpflug stand und ein Wagen mit drei Rädern sowie ein Haufen leerer, aufeinandergehäufter unbrauchbarer Bienenkörbe, waren fast ganz unbedeckt, und die eine Seite war derart eingestürzt, daß vorn die Dachstangen schon nicht auf den Stützen, vielmehr auf dem Misthaufen lagen. Tschurisenok zerschlug eben mit dem Beil, dessen Schneide und dessen Rückseite gebrauchend, den Zaun, den das Dach niederdrückte. Iwan Tschuris war ein Bauer von fünfzig Jahren, weniger als mittelgroß. Die Züge seines gebräunten, länglichen Gesichtes, das von einem dunkelrotbraunen, schon grau durchsetzten Bart und von ebensolchen dichten Haaren umrahmt war, waren schön und ausdrucksvoll. Seine dunkelblauen, halbgeschlossenen Augen schauten klug und gutmütig sorglos drein. Ein nicht großer, regelmäßiger Mund, der sich, wenn er lächelte, scharf unter einem rotbraunen, spärlichen Schnurrbart abhob, drückte ruhiges Selbstvertrauen aus und eine etwas spöttische Gleichgültigkeit gegenüber der ganzen Umgebung. An der Rauheit der Haut, den tiefen Runzeln, den scharf hervortretenden Adern an Hals, Gesicht und Händen, an seiner unnatürlich gebeugten Haltung und der krummen, bogenartigen Stellung der Füße war zu ersehen, daß sein ganzes Leben in unerträglicher, allzu schwerer Arbeit verflossen war. Seine Kleidung bestand aus weißen, hanfenen Hosen mit blauen Flicken an den Knien und einem ebensolchen, schmutzigen, auf dem Rücken und an den Armen auseinandergehenden Hemd. Er trug es tief gegürtet mit einem Zwirnband, an dem ein kleines kupfernes Schlüsselchen hing.

„Gott helfe dir!“ sprach der gnädige Herr, als er den Hof betrat.

Tschurisenok schaute sich um und machte sich von neuem an seine Arbeit. Er holte gewaltig aus, riß den Zaun unter dem Schirmdach hervor, und dann erst, nachdem er das Beil in den Holzstock gesteckt und seinen Gürtel zurechtgerückt hatte, trat er in die Mitte des Hofes.

„Zum Feiertage, Euer Erlaucht!“ sprach er, indem er sich tief neigte und dann mit einer raschen Kopfbewegung seine Haare zurückwarf.

„Danke, Bester! Siehst du, ich kam, mir deine Wirtschaft anzusehen“, sprach mit kindlicher Freundlichkeit und Schüchternheit Nechljudow, wobei er die Kleidung des Bauern musterte. „So zeige mir denn, wozu du Stangen brauchst, um die du mich auf der Bauernversammlung batest.“

„Die Stangen? Es ist bekannt, wozu man die braucht, Väterchen, Euer Erlaucht. Ich wollte, wenn auch nur ein ganz klein wenig, stützen. Sie selber geruhen zu sehen: sehen Sie, unlängst ist die Ecke da eingefallen; Gott war noch gnädig, daß um diese Zeit das Vieh nicht dort stand. Gleichwohl hängt sie eben grade noch so,“ sprach Tschuris, indem er verächtlich seinen dachlosen, krummen und zusammengestürzten Schuppen betrachtete, „jetzt braucht man auch die Dachsparren und die Seitenwände und die Dachstangen nur zu berühren, brauchbares Holz wird da wohl kaum herauskommen. Woher wird man aber jetzt Holz nehmen? Sie selber geruhen es zu wissen.“

„Wozu brauchst du dann aber fünf Stangen, wenn der eine Schuppen schon eingestürzt ist und der andere bald einstürzen wird? Du brauchst nicht Stützen, vielmehr Dachsparren, Dachstangen und Balken alles brauchst du neu“, sagte der gnädige Herr, augenscheinlich großtuend mit seiner Sachkenntnis.

Tschurisenok schwieg.

„Du brauchst demnach Holz, nicht aber Stangen. So hättest du auch sagen sollen.“

„Zweifellos ist es nötig, ja, aber von wo soll man es nehmen? Man kann doch nicht immer auf den Herrenhof laufen. Wenn man unseren Bruder daran gewöhnt, wegen jeder Kleinigkeit zu Euer Erlaucht auf den Herrenhof zu kommen und zu betteln, was werden wir dann schon für Bauern sein? Wenn aber Euer Gnaden dafür sein wird, hinsichtlich des eichenen Gipfelholzes, das da auf der Herrschaftstenne ohne jede Verwendung herumliegt,“ sprach er, indem er sich verneigte und verlegen von einem Fuß auf den anderen trat, „dann werde ich vielleicht die einen auswechseln, andere kürzer machen und irgendwie aus dem Alten aufbauen.“

„Wie denn aus dem Alten? Du sagst ja selber, alles sei bei dir alt und faul: heute ist dieser Winkel eingestürzt, morgen wird jener einstürzen, übermorgen ein dritter; wenn man es schon einmal macht, so soll man auch alles neu machen, damit die Arbeit nicht umsonst ist. Sage mir, ob du glaubst, daß dein Hof noch diesen Winter über stehen wird oder nicht.“

„Wer weiß das denn!“

„Nein, wie du glaubst; wird er einstürzen oder nicht?“

Tschuris dachte eine Minute nach.

„Er muß wohl völlig einstürzen …“ sprach er plötzlich.

„Nun, siehst du wohl! Du hättest besser so auch auf der Bauernversammlung sagen sollen, daß du den ganzen Hof umbauen mußt, und nicht nur einzig und allein um Stangen bitten. Ich bin ja froh, dir zu helfen …“

„Sehr zufrieden mit Euer Gnaden!“ antwortete mißtrauisch und ohne den gnädigen Herrn anzuschauen Tschurisenok. „Wenn Sie mir nur vier Balken, ja, und die Stangen schenken würden, so werde ich vielleicht selber damit fertig; was sich aber darüber hinaus noch unbrauchbares Holz finden wird, so wird das für die Hütte auf die Stützen draufgehen.“

„Ist denn bei dir auch die Hütte schlecht?“

„Das erwarten wir ja grade jeden Augenblick, ich und mein Weib, daß sie irgendwen erschlägt,“ sprach Tschuris, „unlängst hat so schon eine Latte von der Decke mein Weib erschlagen!“

„Wie denn erschlagen?“

„Ja, so, erschlagen, Euer Erlaucht: wie es ihr nur so über den Rücken fährt, so hat sie auch bis zur Nacht wie tot gelegen.“

„Wie denn, ist es vorübergegangen?“

„Vorübergegangen ist es schon, ja, sie kränkelt aber immer noch. Sie kränkelt eigentlich ihr ganzes Leben lang.“

„Wie denn, bist du krank?“ fragte Nechljudow das Weib, das die ganze Zeit über in der Tür gestanden und sogleich zu stöhnen begonnen hatte, als nur eben ihr Mann von ihr zu sprechen anfing.

„Immer läßt es mich dort nicht los, ja, und damit Schluß“, antwortete sie, indem sie auf ihre schmutzige, hagere Brust wies.

„Immer das gleiche!“ sprach mit Verdruß der junge gnädige Herr, und er zuckte die Achseln. „Weshalb bist du denn krank und bist doch nicht ins Krankenhaus gekommen, dich untersuchen zu lassen? Siehst du, dafür habe ich doch das Krankenhaus eingerichtet. Hat man euch das denn nicht gesagt?“

„Man hat es uns gesagt, Ernährer, ja, aber nie habe ich Zeit dazu: der Herrendienst, die eigene Wirtschaft und dann die Kinderchen immer allein! Unsere Sache ist einsam …“

3.

Nechljudow betrat die Hütte. Die ungleichen, verräucherten Wände waren in der schwarzen Ecke mit verschiedenen Lappen und Kleidungsstücken behängt, in der roten Ecke aber wörtlich bedeckt mit rötlichen Küchenschaben, die sich bei den Heiligenbildern und der Bank besonders dicht drängten. In der Mitte dieses schwarzen, stinkenden, sechs Arschin19 großen Hüttchens war in der Decke ein großer Spalt, und obgleich an zwei Stellen Stützen standen, hatte sich die Decke so geneigt, daß sie jeden Augenblick einzustürzen drohte.

„Ja, die Hütte ist sehr schlecht“, sprach der gnädige Herr, indem er Tschurisenok anschaute, der, so schien es, gar nicht die Absicht hatte, über diesen Gegenstand zu sprechen.

„Sie wird uns totschlagen, uns und die Kinderchen wird sie totdrücken“, begann mit weinerlicher Stimme das Weib, das sich unter dem Schlafgerüst an den Ofen gelehnt hatte.

„Du, schwatze nicht!“ sprach Tschuris streng, und mit feinem, kaum wahrnehmbarem Lächeln, das sich unter seinem Schnurrbart abzeichnete, wandte er sich an den gnädigen Herrn, „ich kann mir gar nicht klar werden, was ich mit ihr tun soll. Euer Erlaucht, mit der Hütte meine ich, ich habe sowohl Stützen wie auch Unterlagen gelegt, nichts kann man erreichen.“

„Wie soll man hier den Winter zubringen? Ach, ach, ach!“ sprach das Weib.

„Das ist es eben, wenn man noch Stützen aufstellt, eine neue Deckenlatte anschlägt,“ unterbrach sie ihr Mann mit ruhigem, geschäftigem Ausdruck, „ja, eine Dachstange auswechselt, so werden wir vielleicht irgendwie den Winter zubringen. Leben kann man dann, nur wird man die ganze Hütte mit Stützen versperren, das ist es; rührt man sie aber auch nur an, so wird kein lebendes Spänchen bleiben; nur solange sie steht, hält sie“, schloß er, augenscheinlich äußerst zufrieden damit, daß er auf diesen Gedanken gekommen war.

Nechljudow verdroß und schmerzte es, daß Tschuris es bis dahin hatte kommen lassen und sich nicht schon früher an ihn gewendet hatte, da er ja gleich von seiner Ankunft an den Bauern niemals irgend etwas abgeschlagen und eben erst durchgesetzt hatte, daß sich alle mit allen ihren Nöten unmittelbar an ihn wendeten. Er fühlte sogar eine gewisse Erbitterung gegen den Bauern, er zuckte erzürnt die Achseln und runzelte die Stirn, aber der Anblick der ihn umgebenden Armut und inmitten ihrer der ruhige und selbstzufriedene Ausdruck des Tschuris verwandelten seinen Verdruß in ein ganz trauriges, hoffnungsloses Gefühl.

„Nun, Iwan, warum hast du mir denn das nicht früher gesagt?“ bemerkte er vorwurfsvoll, indem er sich auf die schmutzige schiefe Bank setzte.

„Ich wagte es nicht, Euer Erlaucht“, antwortete Tschuris mit ganz dem gleichen, kaum merkbaren Lächeln, indem er auf dem holprigen Boden von einem seiner schwarzen nackten Füße auf den anderen trat; er sagte das aber so kühn und ruhig, daß es schwer war zu glauben, er habe nicht gewagt, zum gnädigen Herrn zu kommen.

„Unsere Sache ist eine bäuerliche Angelegenheit, wie sollten wir es wagen?“ begann schluchzend das Weib.

„Schwatze doch nicht!“ wandte sich Tschuris von neuem an sie.

„In dieser Hütte kannst du nicht leben, das ist Unsinn!“ sprach Nechljudow, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte. „Nun sieh, was wir tun werden, Brüderchen …“

„Ich höre“, ließ sich Tschuris vernehmen.

„Hast du die steinernen Gerardowschen Hütten gesehen, die ich auf dem neuen Hofe erbaut habe, die mit den hohlen Mauern?“

„Wie sollte ich sie nicht gesehen haben!“ antwortete Tschuris und ließ in einem Lächeln seine noch vollzähligen weißen Zähne sehen; „wir waren nicht wenig erstaunt, als man sie baute schlaue Hütten sind es! Die Burschen lachten: ob das wohl ein Getreidespeicher werden soll, um vor den Ratten das Korn in die Mauern einzuschütten? Die Hütten sind trefflich!“ schloß er mit dem Ausdruck spöttischen Nichtverstehens, wobei er den Kopf schüttelte, „gradeso wie ein Gefängnis.“

„Ja, die Hütten sind ausgezeichnet, trocken und warm und nicht so feuergefährlich“, bemerkte der gnädige Herr, und er verzog dabei sein junges Gesicht, offenbar unzufrieden mit dem Spott des Bauern.

„Es ist nicht zu bestreiten. Euer Erlaucht, die Hütten sind trefflich.“

„Nun, siehst du, eine Hütte ist schon ganz fertig. Sie ist zehn Arschin groß mit Vorraum und einem Speicher und vollkommen fertig. Ich werde sie dir am Ende gar abgeben, auf Vorschuß, zum Selbstkostenpreis; du wirst es irgendwann zurückzahlen“, sprach der gnädige Herr mit selbstzufriedenem Lächeln, das er nicht zurückhalten konnte in dem Gedanken, daß er eine Wohltat übe. „Du kannst deine alte Hütte abbrechen,“ fuhr er fort, „sie wird zum Speicher dienen; den Hof werden wir gleichfalls überführen. Wasser ist dort vorzüglich. Einen Gemüseacker werde ich aus Neuland schneiden lassen. Dein Land werde ich in allen drei Feldern dir gleichfalls dort an Ort und Stelle anweisen. Trefflich wirst du dort leben. Wie denn, gefällt dir das denn nicht?“ fragte Nechljudow, da er bemerkt hatte, daß, sobald er nur angefangen hatte, von Übersiedlung zu sprechen, Tschuris in völlige Unbeweglichkeit verfallen war und ohne zu lächeln auf die Erde blickte.

„Das ist der Wille Euer Erlaucht“, antwortete er, ohne seine Augen zu erheben.

Das alte Frauchen beugte sich nach vorn, als ob man sie an der verwundbarsten Stelle getroffen habe, und machte Miene, etwas zu sagen, ihr Mann kam ihr aber zuvor.

„Wie Euer Erlaucht will,“ sprach er entschlossen und dabei doch unterwürfig, indem er den gnädigen Herrn anschaute und mit einem Ruck seine Haare in Ordnung brachte, „aber auf dem neuen Hof ist uns nicht beschieden zu leben.“

„Weshalb denn?“

„Nein, Euer Erlaucht, wenn Sie uns dahin übersiedeln, um uns ist es auch hier schon schlecht bestellt, dort aber werden wir Ihnen nie ordentliche Bauern sein, was werden wir dort schon für Bauern sein? Ja, dort ist es auch nicht einmal möglich, zu leben, wie Sie wollen!“

„Ja, aber weshalb denn nur?“

„Bis zum letzten werden wir uns dort zugrunde richten, Euer Erlaucht.“

„Weshalb kann man denn dort nicht leben?“

„Was ist das denn dort für ein Leben? Urteile doch selber: der Ort ist unbewohnt, das Wasser unbekannt, Weide gibt es keine. Die Hanffelder sind hier bei uns von alters her fettes Land, aber dort? Ja, und was ist denn dort? Nackt und kahl! Weder Zäune, noch Getreidedarren, noch Scheunen, gar nichts ist dort. Wir werden zugrunde gehen. Euer Erlaucht, wenn du uns dahin jagen wirst, endgültig werden wir zugrunde gehen! Der Ort ist neu, unbekannt …“ wiederholte er nachdenklich, wobei er aber entschieden den Kopf schüttelte.

Nechljudow wollte dem Bauern beweisen, daß die Übersiedlung im Gegenteil sehr vorteilhaft für ihn sei, daß man Zäune und Scheunen dort bauen werde, daß das Wasser dort gut sei usw., aber das starre Schweigen des Tschuris verwirrte ihn, und er fühlte aus irgendeinem Grunde, daß er nicht so spreche, wie es sich gehöre. Tschurisenok entgegnete ihm nicht; als aber der gnädige Herr verstummte, bemerkte er mit einem leichten Lächeln, es sei am allerbesten, auf jenem Hofe die greisen Hofleibeigenen anzusiedeln und Alescha, das Dummköpfchen, damit sie dort das Brot bewachten …

„Das wäre großartig!“ bemerkte er und lächelte von neuem. „Das andere aber ist ein Unsinn, Euer Erlaucht!“

„Was macht das denn aus, daß der Ort unbewohnt ist?“ suchte Nechljudow geduldig von neuem zu überzeugen. „Siehst du, auch hier war irgendwann die Gegend unbewohnt, jetzt aber leben ja Leute hier, auch dort, siehst du, sobald du nur als erster übersiedelst mit leichter Hand … Zieh du nur unbedingt hinüber …“

„Väterchen, Euer Erlaucht, wie kann man das nur vergleichen!“ antwortete Tschuris mit Lebhaftigkeit, als ob er fürchtete, der gnädige Herr möchte eine endgültige Entscheidung treffen. „Hier mit allen zusammen ist unser Platz, ein lustiger, gewohnter Platz: auch der Weg und der Teich ist da, hat das Weib Wäsche zu waschen oder das Vieh zu tränken. Ja, und unsere ganze Bauernwirtschaft ist hier von alters her eingerichtet, die Tenne und das Gemüsegärtchen und die Weiden, die meine Väter pflanzten; mein Großvater und mein Väterchen haben hier Gott ihre Seele zurückgegeben, und ich möchte nur, daß ich mein Leben hier beschließen kann. Euer Erlaucht, weiter bitte ich um gar nichts. Wenn Euer Gnaden mir behilflich ist, die Hütte auszubessern, werden wir sehr zufrieden bleiben mit Euer Gnaden; wenn aber nicht, so werden wir irgendwie in der alten unser Leben verbringen. Laß uns doch ewig zu Gott für dich beten,“ fuhr er fort, indem er sich tief verneigte, „verjage uns nicht aus unserm Nest, Väterchen …“

Während Tschuris so sprach, wurde unter dem Schlafgerüst, dort, wo sein Weib stand, immer lauteres Schluchzen vernehmbar, und als ihr Mann sagte ‚Väterchen‘, sprang sein Weib plötzlich hervor und stürzte sich in Tränen dem gnädigen Herrn zu Füßen:

„Richte uns nicht zugrunde, Ernährer! Du bist unser Vater, du bist unsere Mutter! Wo sollen wir uns denn hinwenden? Wir sind alte, alleinstehende Leute. Wie Gott, so auch du …“ brüllte sie los.

Nechljudow sprang von der Bank auf und wollte die Alte aufheben, sie aber schlug wie in einer Art Wollust der Verzweiflung mit dem Kopfe auf den Erdboden und stieß die Hand des gnädigen Herrn zurück.

„Was machst du denn! Steh doch auf, ich bitte dich! Wenn ihr nicht wollt, so ist es ja nicht nötig; ich werde euch doch nicht zwingen,“ sprach er, indem er eine abwehrende Handbewegung machte und zur Tür zurücktrat.

Als sich Nechljudow wieder auf die Bank gesetzt hatte und in der Hütte Schweigen eingetreten war, nur unterbrochen von dem Schluchzen des Weibes, das sich wiederum unter das Schlafgerüst zurückgezogen hatte und sich dort die Tränen mit ihrem Hemdärmel abwischte, da begriff der junge Gutsbesitzer, was für den Tschuris und sein Weib das zerfallende Hüttchen bedeutete, der zusammengestürzte Brunnen mit der schmutzigen Pfütze, die faulenden Ställchen, Speicherchen und die gesprungenen Weiden, die vor dem schiefen Fensterchen zu sehen waren, und ihm ward es seltsam schwer und traurig zumute, und er schämte sich über irgend etwas.

„Wie, Iwan, hast du denn aber nicht am letzten Sonntag in der Bauernversammlung gesagt, daß du eine Hütte nötig hast? Ich weiß jetzt nicht, wie ich dir helfen soll. Ich habe euch allen auf der ersten Versammlung gesagt, daß ich mich im Dorfe niedergelassen und mein Leben euch gewidmet habe, daß ich bereit bin, selber allem zu entsagen, wenn ihr nur zufrieden und glücklich seid und ich schwöre vor Gott, daß ich mein Wort halten werde,“ sprach der junge Gutsbesitzer, ohne zu ahnen, daß derartige Ergüsse völlig ungeeignet sind, in irgendwem Vertrauen zu erregen, und besonders in einem russischen Menschen, der nicht Worte liebt, sondern Taten, und ungern seine Gefühle ausdrückt, wie schön sie auch sein mögen.

Der naive junge Mann war aber so glücklich über das Gefühl, das er empfand, daß er es unbedingt ausströmen lassen mußte.

Tschuris hatte den Kopf zur Seite geneigt, und langsam blinzelnd hörte er seinem gnädigen Herrn mit gezwungener Aufmerksamkeit zu, wie jemandem, dem man nun einmal zuhören muß, wenn er auch Dinge spricht, die nicht ganz schön sind und uns auch gar nichts angehen.

„Ich kann aber doch nicht allen alles geben, worum sie mich bitten. Wenn ich es niemandem abschlagen würde, der mich um Holz bittet, so würde mir selber bald gar nichts mehr bleiben, und ich könnte dann nicht dem geben, der in Wahrheit Not leidet. Deshalb habe ich ja auch einen Teil meines Waldes abgetreten, ihn zur Ausbesserung der Bauernbauten bestimmt und ihn völlig der Bauerngemeinschaft übergeben. Dieser Wald gehört jetzt schon nicht mehr mir, vielmehr euch Bauern, und ich kann schon nicht mehr über ihn verfügen, es verfügt vielmehr die Bauerngemeinde, wie sie es versteht. Komme heute in die Versammlung, ich will da deine Bitte vorbringen. Wenn die Gemeinde bestimmt, dir eine Hütte zu geben, so ist das gut, ich habe jetzt keinen Wald mehr. Ich wünsche dir von ganzer Seele Hilfe; wenn du aber nicht übersiedeln willst, so ist das nicht meine Sache, sondern die der Gemeinde. Verstehst du mich?“

„Sehr zufrieden mit Euer Gnaden,“ antwortete verlegen Tschuris; „wenn Sie für den Hof Hölzerchen gütig ablassen, so werden wir uns auch so behelfen. Was denn die Gemeinde? Die Sache ist bekannt …“

„Nein, komm nur hin …“

„Ich gehorche. Ich werde kommen. Weshalb nicht? Nur werde ich die Gemeinde wohl nicht bitten.“

4.

Der junge Gutsbesitzer wollte augenscheinlich noch etwas fragen, er erhob sich wenigstens nicht von seinem Sitze und blickte unentschlossen bald auf Tschuris, bald auf den leeren, ungeheizten Ofen.

„Wie, habt ihr schon zu Mittag gegessen?“ fragte er endlich.

Unter dem Schnauzbart von Tschuris zuckte es wie ein spöttisches Lächeln, als ob es ihm komisch vorkomme, daß der gnädige Herr so dumme Fragen stellte. Er antwortete gar nicht.

„Was für ein Mittagessen denn, Ernährer?“ stieß schwer seufzend Tschuris' Weib hervor. „Brot haben wir gegessen, das ist unser Mittagessen. Kohlsuppe zu bereiten, war nichts da, und was wir an Kwaß hatten, haben wir den Kindern gegeben …“

„Heute sind hungrige Fasten, Euer Erlaucht!“ mischte sich Tschuris selber ein, die Worte seines Weibes deutend. „Brot und Zwiebeln, das ist unser Bauernessen. Noch hat, Gott sei Ruhm dafür, das Brötchen bei uns bis jetzt gereicht durch Eure Gnade. Aber sonst dicht nebenan bei unseren Nachbarn, da ist auch kein Brot mehr da … Zwiebeln hat es dieses Jahr überhaupt nicht gegeben. Bei dem Gemüsebauer Michael, unlängst haben wir dahin geschickt, verlangt man für ein Bündel einen Groschen, aber zu kaufen haben wir doch nichts … Von Ostern an gehen wir auch nicht mehr zur Kirche und haben nicht einmal ein Lichtchen dem Nikolai aufzustellen!“

Nechljudow kannte lange schon und nicht nur vom Hörensagen, vielmehr aus eigenster Anschauung, jenes äußerste Maß von Armut, in dem seine Bauern lebten. Diese ganze Wirklichkeit stand aber in einem solchen Gegensatz zu seiner Erziehung, zu seiner Denkweise und Lebensführung, daß er wider Willen immer wieder diese Wahrheit vergaß. Und jedesmal, wenn man ihn, wie jetzt, lebhaft und greifbar an sie erinnerte, ward es ihm unerträglich schwer und traurig im Herzen, als quäle ihn die Erinnerung an irgendein von ihm begangenes und nie mehr zu sühnendes Verbrechen.

„Weshalb seid ihr denn so arm?“ rief er aus, unwillkürlich seinen Gedanken Ausdruck verleihend.

„Ja, wie sollen wir denn sein, Väterchen, Euer Erlaucht, wenn nicht arm? Unser Boden ist so, Sie selber geruhen es zu wissen: Lehm, Hügelland; ja, und dann, augenscheinlich haben wir Gottes Zorn erregt. Schon von der Cholerazeit an wächst kein Brot mehr.

Wiesen und Weideland ist wiederum weniger geworden; einiges wurde von der Gutsverwaltung in Bebauung genommen, anderes hat man einfach der Herrschaft zugeteilt … Meine Sache ist langsam alt geworden … Wenn ich auch froh wäre, mich zu regen ich habe keine Kräfte mehr. Meine Alte ist krank, jedes Jahr gebiert sie Mädchen, und alle müssen doch gefüttert werden ... Siehst du, ich allein rühre mich, zu Hause aber sind sieben Seelen. Ich bin wohl sündig vor Gott, dem Herrn! Oft denke ich mir: Würde Gott nur eines oder das andere der Kinderchen rascher zu sich nehmen! Mir wäre es leichter, ja, und auch ihnen wäre es besser, als hier Elend zu leiden …“

„Oh, oh!“ seufzte laut das Weib, wie zur Bestätigung der Worte ihres Mannes.

„Siehst du, meine ganze Hilfe ist hier,“ fuhr Tschuris fort, indem er auf einen dickbäuchigen, weißhaarigen, zerzausten Knaben von etwa sieben Jahren wies, der eben schüchtern und leise die Tür aufklinkte, in die Hütte trat und, indem er von unten her die erstaunten Augen auf den gnädigen Herrn richtete, sich mit beiden Händen am Hemd des Tschuris festhielt.

„Siehst du, das ist meine ganze Hilfe,“ sprach mit klangvoller Stimme Tschuris und fuhr mit seiner rauhen Hand über die weißen Haare des Knaben. „Werde ich es wohl noch erleben, daß er mir wird helfen können? … Mir aber geht schon die Arbeit über die Kräfte. Das Alter wäre noch nichts, aber ein Leistenbruch hat mich überwältigt. Bei schlechtem Wetter möchte ich schreien, und es ist ja auch schon Zeit für mich, den Herrendienst aufzugeben und mich zu den Greisen zurückzuziehen. Da haben Dutlow, Dunkin, Sjabrjew, alle jünger als ich, längst ihr Land abgegeben. Nun, ich habe es niemandem abzugeben, das ist mein ganzes Unglück. Man muß sich füttern: und da schlage ich mich denn so herum, Euer Erlaucht.“

„Ich möchte dir gern Erleichterung schaffen, wirklich; aber wie soll ich das machen?“ sprach der junge gnädige Herr mit Teilnahme, indem er auf den Bauern blickte.

„Ja, wie denn Erleichterung schaffen? Es ist doch eine bekannte Sache, wenn man Land besitzen will, so muß man auch Herrendienst leisten, das sind schon bekannte Einrichtungen. Irgendwie werde ich den Kleinen schon erwarten. Nur mögen Sie so gnädig sein wegen der Schule, geben Sie ihn frei; unlängst ist der Gemeindeschreiber gekommen und sagte, auch ihn verlange Euer Erlaucht in die Schule. Ihn lassen Sie mir schon frei! Was hat er denn für einen Verstand, Euer Erlaucht! Er ist noch jung, er denkt noch gar nichts.“

„Nein, Bruder, das geht nicht so, wie du willst,“ sagte der gnädige Herr, „dein Knabe kann schon begreifen, es ist Zeit für ihn zu lernen. Ich spreche doch zu deinem eigenen Besten. Urteile doch selber: Wenn er bei dir heranwachsen wird, wird er Hauswirt werden, ja, und wird zu lesen und zu schreiben verstehen, auch in der Kirche zu lesen, es wird ja alles bei dir zu Hause mit Gottes Hilfe gut gehen,“ sprach Nechljudow, indem er sich bemühte, sich möglichst verständlich auszudrücken, dabei aber doch aus irgendeinem Grunde errötete und stotterte.

„Es ist nicht zu bestreiten, Euer Erlaucht, Sie wünschen uns nichts Böses. Ich und meine Frau sind beim Herrendienst; er aber, wenn er auch noch ein kleiner Kerl ist, hilft uns gleichwohl das Vieh auf die Weide zu treiben und die Pferde zu tränken. Was für einer er auch ist, er ist aber gleichwohl ein Bauer,“ und Tschurisenok faßte lächelnd den Knaben mit seinen dicken Fingern bei der Nase und schneuzte ihn.

„Gleichwohl schicke du ihn, wenn du selber zu Hause bist und er Zeit hat, hörst du? Unbedingt!“

Tschurisenok seufzte schwer und antwortete gar nichts.

5.

„Ja, was ich noch sagen wollte …“ sagte Nechljudow, „weshalb ist denn bei dir der Mist nicht ausgefahren?“

„Was ist denn bei mir für ein Mist, Väterchen, Euer Erlaucht? Es ist auch gar nichts da, auszufahren. Mein Vieh, was ist es denn? Ein einziges Stutchen, ja, und ein Füllen; das Kühchen habe ich im vergangenen Herbst dem Verwalter kurz vor dem Kalben abgegeben, das ist mein ganzes Vieh!“

„Wie denn das, du hast wenig Vieh, und dabei hast du noch eine tragende Kuh abgegeben?“ fragte mit Staunen der gnädige Herr.

„Womit soll man sie denn füttern?“

„Reicht denn dein Heu nicht aus, um eine Kuh zu füttern? Bei den anderen reicht es doch!“

„Die anderen haben fettes Land, mein Land ist aber Lehmboden, da ist nichts zu machen.“

„Nun, so dünge es doch, damit es nicht nur Lehm ist, und der Boden wird Brot geben, und du wirst genug haben, um das Vieh zu füttern.“

„Ja aber Vieh habe ich nicht, woher soll denn der Mist kommen?“

‚Das ist ja ein furchtbarer cercle vicieux!‘ dachte Nechljudow. Er vermochte aber entschieden nichts auszudenken, was er dem Bauern raten könne.

„Wiederum muß man auch das sagen. Euer Erlaucht, nicht der Mist gibt Brot, vielmehr alles gibt Gott,“ fuhr Tschuris fort. „Sehen Sie, ich hatte voriges Jahr auf dem Brachfeld sechs Heuhaufen, auf dem gedüngten Feld hat man aber nicht einmal einen Garbenhaufen gesammelt. Niemand anders als Gott!“ fügte er mit einem Seufzer hinzu. „Ja, und das Vieh bleibt nicht in unserem Hof. Sehen Sie, das sechste Jahr lebt es nicht. Vergangenes Jahr ist ein Kälbchen krepiert, ein anderes habe ich verkauft: ich hatte nichts, um es zu füttern; im vorletzten Jahr ist eine tüchtige Kuh gefallen: sie kam von der Weide gar nichts fehlte ihr, plötzlich schwankte sie, und der Atem verging ihr. Alles mein Unglück!“

„Nun, mein Brüderchen, damit du nicht sagst, du habest deshalb kein Vieh, weil du kein Futter hast, und kein Futter deshalb, weil du kein Vieh hast, da hast du genug für eine Kuh“, sprach Nechljudow, indem er errötend aus der Hosentasche ein zusammengedrücktes Bündel Geldscheine hervorholte und es auseinandernahm. „Kaufe dir auf mein Glück eine Kuh, Futter nimm aber von meiner Tenne ich werde es ansagen. Sieh aber zu, daß du am kommenden Sonntag eine Kuh hast: ich werde nachschauen.“

Da aber Tschuris lange Zeit hindurch, verlegen lächelnd, seine Hand nicht nach dem Gelde ausstreckte, legte es Nechljudow auf das Tischende und errötete noch mehr.

„Sehr zufrieden mit Euer Gnaden,“ sprach Tschuris mit seinem gewöhnlichen, ein wenig spöttischen Lächeln.

Die Alte unter dem Schlafgerüst seufzte einige Male schwer, und es war, als ob sie ein Gebet murmele.

Dem jungen gnädigen Herrn ward es peinlich; er erhob sich eilig von der Bank, ging zum Vorraum und rief Tschuris zu sich hinaus.

Der Anblick des Menschen, dem er eine Wohltat erwiesen hatte, war ihm so angenehm, daß er sich nicht so rasch von ihm zu trennen wünschte.

„Ich bin froh, dir helfen zu können“, sprach er, indem er beim Brunnen stehen blieb. „Man kann dir helfen, weil ich weiß, daß du nicht faul sein wirst. Du wirst dich bemühen und ich werde helfen. Mit Gottes Hilfe wirst du auch wieder gesund werden.“

„Es handelt sich schon nicht darum, gesund zu werden, Euer Erlaucht,“ sprach Tschuris, wobei er plötzlich einen ernsten, sogar strengen Gesichtsausdruck annahm, gerade so, als ob er sehr unzufrieden sei mit der Annahme des gnädigen Herrn, daß er überhaupt gesund werden könne. „Wir lebten unter dem Väterchen mit meinen Brüdern und sahen in nichts Not; als er aber eben gestorben war, ja, als wir uns getrennt hatten, da ist alles schlechter und schlechter gegangen. Alles ist die Einsamkeit!“

„Weshalb habt ihr euch dann aber getrennt?“

„Alles ist wegen der Weiber so gekommen, Euer Erlaucht. Damals war schon Ihr Großväterchen nicht mehr am Leben, denn bei ihm hätten sie es nicht gewagt, da herrschte noch wirkliche Ordnung; er ging ebenso wie auch Sie auf alles selber ein und wir hätten nicht einmal gewagt, daran zu denken, uns zu trennen. Aber der Verstorbene liebte es nicht, den Bauern nachzugeben. Nach Ihrem Großväterchen hatte die Verwaltung Andrej Iljitsch übernommen Friede seiner Asche!, er war ein Trunkenbold und unzuverlässiger Mensch. Wir kamen mit der Bitte zu ihm, einmal, ein zweites Mal: Es ist sozusagen kein Leben wegen der Weiber; erlaube, daß wir uns trennen! Nun, er prügelte, er prügelte; aber endlich kam es doch dazu, daß die Weiber gleichwohl ihren Willen durchsetzten; wir begannen getrennt zu leben; es ist aber bekannt, was der alleinstehende Bauer ist! Nun ja, auch Ordnung gab es damals gar keine; Andrei Iljitsch ging mit uns um, wie er wollte: Du mußt alles haben. Woher es aber der Bauer nehmen soll, danach fragte er gar nicht. Damals wurden die Kopfabgaben erhöht, Tischvorräte wurden mehr eingesammelt, der Boden wurde weniger, und das Korn hörte auf, sich zu vermehren. Als aber die Vermessung kam, ja, und er unsere fetten Länder seinem eigenen Land zuschnitt, der Übeltäter, da richtete er uns völlig zugrunde: Stirb nur! Ihr Väterchen das Himmelreich ihm! war ein guter, gnädiger Herr, ja, wir sahen ihn auch kaum: immer lebte er in Moskau; nun, es ist bekannt, auch Fuhren begann man häufiger dahin zu treiben. Ein andermal ist die Zeit der schlechten Wege, es gibt kein Futter, aber fahre nur! Es kann aber ja auch der gnädige Herr nicht ohne das auskommen. Wir wagen nicht darüber gekränkt zu sein; ja, es war aber keine Ordnung. Wie jetzt Euer Gnaden jedes Bäuerlein vor Ihr Gesicht lassen, so sind auch wir andere geworden, und auch der Verwalter wurde ein anderer Mensch. Wir wissen jetzt wenigstens, daß wir einen gnädigen Herrn haben. Und man kann auch schon sagen, daß die Bäuerlein Euer Gnaden dankbar sind. Sonst aber gab es unter der Vormundschaft keinen wirklichen gnädigen Herrn; jeder war da gnädiger Herr: sowohl der Vormund ist ein gnädiger Herr, und Iljitsch ist ein gnädiger Herr, und seine Frau ist gnädige Frau, und der Schreiber von der Polizei ist auch ein gnädiger Herr. Da litten viel, ja sehr viel Kummer die Bäuerlein!“

Wiederum empfand Nechljudow ein Gefühl, das der Scham ähnlich war oder Gewissensbissen. Er lüftete seinen Hut und ging weiter.

6.

„Juchwanka Mudreny will ein Pferd verkaufen,“ las Nechljudow in seinem Notizbüchlein und ging über die Straße hinüber zum Hofe von Juchwanka Mudreny. Dessen Hütte war sorgfältig bedeckt mit Stroh aus dem Herrnhofe und gefügt aus frischem, hellgrauem Espenholz (ebenfalls aus dem vom gnädigen Herrn abgetretenen Walde); sie hatte zwei rot gestrichene Läden an den Fenstern und ein Aufgangstreppchen mit einem Schirmdach und mit phantastisch ausgeschnittenen, glatt gehobelten Geländerchen. Der Vorraum und die kalte Hütte waren gleichfalls so, wie sich's gehört; aber der allgemeine Eindruck der Zufriedenheit und Genügsamkeit, den dieser Bau hervorrief, wurde ein wenig getrübt durch die Kornkammer, die an das Tor angebaut war und einen nicht fertigen Zaun und ein ungedecktes Schirmdach hatte, das hinter ihr zum Vorschein kam. Zu der Zeit, als Nechljudow von der einen Seite her sich dem Eingang näherte, schritten von der anderen zwei Bauernweiber zu ihm hin, die einen vollen Bottich trugen. Eine von ihnen war die Frau, die andere die Mutter des Juchwanka Mudreny. Jene war ein stämmiges, rotbäckiges Weib mit ungewöhnlich entwickelter Brust und breiten Backenknochen. Sie trug ein reines, an den Ärmeln und am Kragen gesticktes Hemd, auch der Brustlatz war gestickt, einen neuen Rock, Schuhe, Glasperlenkette und einen viereckigen schmucken Kopfputz, der ausgestickt war mit rotem Garn und kleinen Metallplättchen. Das Ende des Tragbalkens schaukelte nicht, lag vielmehr ruhig auf ihrer breiten und festen Schulter. Die leichte Anspannung, die in ihrem roten Gesicht und in der Krümmung des Rückens und der gemessenen Bewegung der Hände und Füße zu bemerken war, verriet in ihr eine außerordentliche Gesundheit und männliche Kraft. Die Mutter des Juchwanka, die das andere Ende des Tragbalkens trug, war im Gegensatz dazu eine von jenen Greisinnen, die bei lebendigem Leibe an der Grenze des Alters und des Zerfalls angelangt zu sein scheinen. Ihr knochiger Körper sie trug ein schwarzes, zerrissenes Hemd und einen ausgeblichenen Rock war gebeugt, so daß der Tragbalken mehr auf ihrem Rücken als auf ihrer Schulter lag. Ihre Hände mit den gekrümmten Fingern, in denen sie den Tragbalken so hielt, als ob sie sich an ihm festhalten wolle, waren von einer ganz dunklen Farbe und konnten sich, so schien es, schon gar nicht mehr auseinanderbiegen; der herabhängende Kopf, der mit irgendeinem Lappen umwunden war, zeigte in höchstem Maße die entstellenden Züge der Armut und des hohen Alters. Unter ihrer niedrigen Stirn hervor, die nach allen Richtungen von tiefen Furchen durchzogen war, blickten glanzlos zwei gerötete Augen zur Erde, die keine Wimpern mehr hatten. Ein einziger gelber Zahn schaute aus der eingefallenen Oberlippe hervor, und in unaufhörlicher Bewegung berührte er sich bisweilen mit dem spitzen Kinn. Die Runzeln auf dem unteren Teil ihres Gesichtes und ihres Halses sahen wie Säckchen aus, die bei jeder Bewegung schaukelten. Sie atmete schwer und röchelnd; aber wenn es auch so schien, als ob ihre nackten, gekrümmten Füße sich über ihre Kraft über die Erde hinschleppten, so bewegten sie sich doch gleichmäßig, einer hinter dem anderen.

7.

Als das junge Weib mit dem gnädigen Herrn fast zusammengestoßen war, stellte es flink den Bottich hin, senkte die Augen zu Boden, verbeugte sich und schaute dann erst mit leuchtendem Blick von unten her zu dem gnädigen Herrn auf, und indem sie sich bemühte, mit dem Ärmel des gestickten Hemdes ein leichtes Lächeln zu verbergen, lief sie mit den Schuhen klappernd zur Treppe.

„Du, Mütterchen, bring den Tragbalken zur Tante Nastassja zurück,“ sagte sie, indem sie in der Tür stehen blieb und sich an die Alte wandte.

Der züchtige junge Gutsbesitzer blickte streng, aber aufmerksam auf das rotbäckige Weib, verzog seine Stirn und wandte sich an die Greisin, die mit ihren krummen Fingern den Tragbalken losmachte, ihn auf die Schultern nahm und sich soeben gehorsam der Nachbarshütte zuwandte.

„Ist dein Sohn zu Hause?“ fragte der gnädige Herr.