Krieg und Frieden. Band Vier - Leo N. Tolstoi - E-Book

Krieg und Frieden. Band Vier E-Book

Leo N. Tolstoi

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Beschreibung

Tolstois episches Meisterwerk verflechtet das Leben privater und öffentlicher Personen während der Zeit der napoleonischen Kriege und der französischen Invasion in Russland. Die Schicksale der Rostows und der Bolkonskys, von Pierre, Natascha und Andrej, sind eng mit der nationalen Geschichte verbunden, die sich parallel zu ihrem Leben abspielt. Bälle und Soireen wechseln sich ab mit Kriegsräten und den Machenschaften von Staatsmännern und Generälen, Szenen heftiger Kämpfe mit alltäglichen menschlichen Leidenschaften in einem Werk, dessen außergewöhnliche Vorstellungskraft nie übertroffen wurde. Die vielen kleinen und großen Charaktere scheinen zu handeln und sich zu bewegen, als wären sie durch Schicksalsfäden miteinander verbunden, während der Roman unerbittlich Ideen von freiem Willen, Schicksal und Vorsehung hinterfragt. Tolstois Darstellung der ehelichen Beziehungen und Szenen der Häuslichkeit ist ebenso wahrheitsgetreu und ergreifend wie die großen Themen, die ihnen zugrunde liegen. Dies ist der vierte Band von insgesamt vier Bänden des Meisterwerks von Leo N. Tolstoi in der Übersetzung von L. A. Hauff.

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Seitenzahl: 286

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LEO N. TOLSTOI

 

KRIEG UND FRIEDEN

 

 

Roman

in vier Bänden

 

 

BAND 4

 

 

In der Übersetzung

von

L. A. Hauff

 

KRIEG UND FRIEDEN wurde in der hier zugrundeliegenden Übersetzung zuerst veröffentlicht von O. Janke, Berlin 1893.

Diese Ausgabe wurde aufbereitet und herausgegeben von

© apebook Verlag, Essen (Germany)

www.apebook.de

2024

 

V 1.0

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.d-nb.de abrufbar.

 

BAND 4

ISBN 978-3-96130-625-1

Buchgestaltung: SKRIPTART, www.skriptart.de

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Krieg und Frieden. Band 4

Impressum

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

Epilog

Eine kleine Bitte

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Zu guter Letzt

203

Sieben Tage waren vergangen, seit Fürst Andree auf dem Verbandplatz bei Borodino erwacht war. Fast die ganze Zeit über hatte er sich im Zustand der Bewußtlosigkeit befunden. Aber am siebenten Tag aß er mit Vergnügen ein Stück Brot mit Tee, und der Arzt bemerkte, daß die Fieberhitze sich vermindert hatte. Am Morgen war der Verwundete zur Besinnung gekommen. Die erste Nacht nach der Abfahrt von Moskau war ziemlich warm, und Fürst Andree hatte sie in der Kutsche zugebracht, aber in Mitschitschi verlangte der Verwundete selbst, daß man ihn in ein Haus lege und ihm Tee bringe. Als er in die Hütte getragen wurde stöhnte er vor Schmerz, verlor wieder das Bewußtsein und lag darauf längere Zeit mit geschlossenen Augen regungslos auf dem Feldbett. Dann öffnete er die Augen und verlangte nach Tee. Der Arzt befühlte den Puls und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er stärker schlug. Er bemerkte das mit Bedauern, da er durch die Erfahrung überzeugt war, daß Fürst Andree nicht am Leben bleiben könne, und entweder jetzt oder nur nach großen Leiden einige Zeit später sterben werde. Mit Fürst Andree wurde auch der Major Timochin von seinem Regiment, welcher am Fuß verwundet war, weiter transportiert. Mit ihnen fuhren der Arzt, der Kammerdiener des Fürsten, sein Kutscher und zwei Offiziersburschen. Fürst Andree fragte nach einem Neuen Testament, das ihm der Arzt zu verschaffen versprach.

Jetzt erst begriff Fürst Andree, wo er war, und was mit ihm vorgegangen war. Er befand sich nicht in normalem Geisteszustand. Ein gesunder Mensch denkt gewöhnlich gleichzeitig an zahlreiche Gegenstände, hat aber die Kraft, eine Gedankenreihe heraus zu wählen und auf diese seine Aufmerksamkeit ausschließlich zu richten. Bei Fürst Andree aber waren alle Geisteskräfte tätiger und klarer als sonst, wirkten aber unabhängig von seinem Willen. Die verschiedenartigsten Gedanken und Vorstellungen bestürmten ihn gleichzeitig. Er hörte lärmende Musik, dann erschien ihm wieder das Bild seines Sohnes, und darauf wieder nahm eine zudringliche Fliege seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Dann wieder hatte er das Gefühl, als ob auf seinem Gesicht ein sonderbares, luftiges Gebäude aus feinen Nadeln aufgeführt werde, er fühlte, daß er das Gleichgewicht bewahren mußte, damit das Gebäude nicht einfalle, aber es fiel dennoch zusammen und wurde bei den Klängen einer fernen Musik aufs neue aufgeführt. Dann erblickte er etwas Weißes bei der Tür, das war die Statue einer Sphinx, deren Anblick ihm drohend erschien.

»Vielleicht ist das mein Hemd auf dem Tisch«, dachte er, »und das sind meine Füße, und das ist die Tür! Aber warum bewegt sich denn das alles fortwährend?« Und plötzlich überfiel ihn wieder ein Gedanke, ein Gefühl mit ungewöhnlicher Klarheit und Kraft.

»Ja, die Liebe!« dachte er. »Man kann den Nächsten und auch seine Feinde lieben, man kann aber auch Gott lieben! Einen Menschen kann man nur mit menschlicher Liebe lieben, nur seinen Feind kann man mit göttlicher Liebe lieben! Darum empfand ich eine solche Freudigkeit, als ich fühlte, daß ich jenen Menschen liebe! Was ist aus ihm geworden? Ist er noch am Leben? Die menschliche Liebe kann sich in Abscheu verwandeln, die göttliche Liebe aber kann sich nicht verändern! Nichts, auch der Tod kann sie nicht zerstören! Und wie viele Menschen habe ich in meinem Leben verabscheut, und keinen von ihnen habe ich so geliebt und so verabscheut wie sie!« Und lebhaft erschien vor ihm das Bild Natalies, und er begriff ihre Gefühle, Leiden, Beschämung und Reue. Zum erstenmal begriff er jetzt die ganze Grausamkeit ihres Bruches mit ihr. »Wenn es mir nur möglich wäre, sie noch einmal zu sehen, noch einmal in diese Augen zu blicken! ...« Wieder versank er in einen wirren Halbschlummer, durch den er bemerkte, daß diese Sphinx das bleiche Gesicht und die glänzenden Augen jener Natalie angenommen hatte, an die er soeben gedacht hatte.

»O, wie schwer ist diese beständige Fieberhitze!« dachte Fürst Andree und bemühte sich, dieses Gesicht aus seiner Phantasie zu entfernen. Aber das Gesicht stand mit der Kraft der Wirklichkeit vor ihm und näherte sich. Er bemühte sich, zu klarem Bewußtsein zu kommen und rührte sich, aber plötzlich vernahm er ein Rauschen in seinem Ohr, die Augen schlossen sich und er verlor das Bewußtsein. Als er die Augen wieder öffnete, lag Natalie vor ihm auf den Knien, dieselbe lebendige Natalie, welcher er vor allen anderen Menschen der Welt jene neue, reine, göttliche Liebe weihen wollte, welche ihm jetzt geoffenbart worden war. Er sah, daß das die wirkliche, lebendige Natalie war, und wunderte sich nicht, sondern freute sich im stillen. Natalie blickte ihn starr an und hielt ihr Weinen zurück. Ihr Gesicht war bleich und unbeweglich.

Ein Seufzer gewährte Fürst Andree Erleichterung. Er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen.

»Sie!« sagte er. »Welches Glück!«

Natalie näherte sich ihm mit einer raschen, aber vorsichtigen Bewegung auf den Knien, ergriff scheu seine Hand, neigte ihr Gesicht darauf herab und küßte sie.

»Vergeben Sie!« flüsterte sie. »Vergeben Sie mir!«

»Ich liebe Sie!« sagte Fürst Andree.

»Vergeben Sie!«

»Was soll ich vergeben?« fragte Fürst Andree.

»Verzeihen Sie mir, was ich getan habe«, flüsterte Natalie kaum hörbar und küßte wieder und wieder seine Hand.

»Ich liebe dich mehr als früher«, erwiderte Fürst Andree und blickte ihr in die Augen. Ihre mit Tränen des Glückes erfüllten Augen blickten ihn schüchtern, mitleidig und freudig an. Das hagere und bleiche Gesicht Natalies mit den offen stehenden Lippen war mehr als unschön – es war schrecklich, aber Fürst Andree sah dieses Gesicht nicht, er sah nur die strahlenden Augen, welche so schön waren. Hinter ihnen hörte er Stimmen.

Der Kammerdiener, welcher jetzt ganz erwacht war, weckte den Arzt. Timochin, der vor Schmerz nicht schlafen konnte, hatte schon lange alles gesehen, was vorging.

»Was ist das?« sagte der Arzt. »Bitte, gehen Sie, Fräulein!«

In demselben Augenblick klopfte es an der Tür. Ein Mädchen war von der Gräfin abgesandt worden, um ihre Tochter zu suchen.

Wie eine Nachtwandlerin, welche plötzlich aufgeweckt worden war, verließ Natalie das Zimmer und fiel in ihrer Hütte weinend auf ihr Lager nieder. Von dieser Zeit an während der ganzen ferneren Fahrt eilte Natalie auf allen Halteplätzen an das Lager Bolkonskys, und der Doktor mußte gestehen, daß er von einem Mädchen weder so viel Festigkeit noch solche Geschicklichkeit in der Behandlung eines Verwundeten erwartet hätte.

Wie schrecklich auch der Gräfin der Gedanke war, daß Fürst Andree, wie der Doktor für wahrscheinlich hielt, noch unterwegs unter den Händen ihrer Tochter sterben könne, so vermochte sie es doch nicht, Natalie darin zu stören. Obgleich während der jetzt eingetretenen Annäherung zwischen dem Verwundeten und Natalie der Gedanke nahe lag, daß im Fall der Genesung die früheren Beziehungen von Braut und Bräutigam sich erneuern konnten, sprach doch niemand davon, und am wenigsten Natalie oder Fürst Andree. Die noch ungelöste Frage nach Leben oder Tod, nicht nur für Fürst Andree, sondern für ganz Rußland, schob alle anderen beiseite.

204

Peter erwachte am 5. September spät am Morgen. Sein Kopf schmerzte, die Kleider, in denen er geschlafen hatte, waren ihm unbequem, und innerlich fühlte er ein unbestimmtes Bewußtsein von etwas Beschämendem, was er am Tage vorher begangen hatte. Dieses Beschämende war das gestrige Gespräch mit dem Kapitän Ramballes. Die Uhr zeigte elf, und draußen war es besonders trübe. Peter stand auf, und als er die Pistole erblickte, welche Gerasim wieder auf den Schreibtisch gelegt hatte, erinnerte er sich, wo er sich befand und was ihm am heutigen Tage bevorstand.

»Habe ich mich nicht etwa verspätet?« dachte Peter.

»Nein, wahrscheinlich wird er seinen Einzug in Moskau nicht früher als um zwölf Uhr halten.« Er erlaubte sich nicht mehr, über sein Vorhaben nachzudenken, und beeilte sich, nur möglichst rasch zu handeln.

Nachdem er seinen Anzug in Ordnung gebracht hatte, nahm er die Pistole in die Hand und wandte sich zum Gehen. Jetzt kam ihm zum erstenmal der Gedanke, daß er die Pistole doch nicht in der Hand über die Straße tragen könne, selbst unter seinem weiten Kaftan war die große Pistole schwer zu verbergen, auch im Gürtel und unter dem Arme konnte man sie nicht unbemerkt unterbringen. Außerdem war die Pistole abgeschossen, und Peter verstand nicht, sie zu laden.

»Nun, gleichviel, dann also den Dolch!« sagte Peter, obgleich er früher der Meinung gewesen, daß es ein großer Mißgriff des Studenten war, der im Jahre 1809 Napoleon töten wollte, hierfür den Dolch gewählt zu haben. Er nahm hastig den stumpfen Dolch und verbarg ihn unter der Weste, dann umgürtete er den Kaftan, setzte die Mütze auf und ging geräuschlos, um den Kapitän nicht zu stören, auf die Straße hinaus.

Während der Nacht hatte sich die Feuersbrunst, die er am Abend zuvor so gleichgültig angesehen hatte, bedeutend vergrößert. Moskau brannte schon an verschiedenen Stellen. An den meisten Häusern waren die Türen verschlossen, die Straßen und Gäßchen waren verödet und die Luft mit Brandgeruch erfüllt. Die wenigen ihm begegnenden Russen und Franzosen blickten Peter verwundert an. Die große, dicke Gestalt mit dem seltsamen, finsteren und leidenden Gesichtsausdruck fiel auf, selbst die Russen vermochten nicht zu erkennen, zu welchem Stande dieser Mensch gehörte. Die Franzosen sahen ihm verwundert nach, weil Peter nicht, wie andere Russen, die Franzosen ängstlich und neugierig ansah, sondern gar nicht auf sie achtete. An der Tür eines Hauses wurde Peter von drei Franzosen angehalten, welche ihn fragten, ob er nicht Französisch verstehe. Peter schüttelte verneinend mit dem Kopf und ging weiter. Er hörte und sah nichts, was um ihn vorging. Indessen auch, wenn er durch nichts unterwegs aufgehalten worden wäre, hätte er doch seinen Plan nicht ausführen können, weil Napoleon schon vor mehr als vier Stunden in den Kreml eingezogen war und dort in der düstersten Stimmung in den kaiserlichen Gemächern saß und ausführliche Befehle gab zur Unterdrückung der Feuersbrunst und zur Beruhigung der Einwohner. Aber Peter wußte nichts davon und war ganz versunken in die Gedanken an das Bevorstehende. Er quälte sich, wie jemand, der etwas Ungewöhnliches unternimmt, mit der Furcht, daß er im entscheidenden Augenblick den Mut und damit auch die Achtung vor sich selbst verlieren würde. Er hörte und sah nichts und verfolgte nur fast unbewußt den Weg, ohne sich in den Straßen und Gäßchen zu irren, die ihn nach der Powarstraße führten. Je mehr er sich der Powarstraße näherte, desto stärker wurde der Rauch, und er fühlte schon die Hitze des Feuers. Zuweilen stiegen Feuerzungen hinter den Dächern der Häuser auf, er fand immer mehr ängstliches Volk in den Straßen und bemerkte nicht, daß er sich dem Feuer näherte. Als er durch ein Gäßchen kam, hörte er plötzlich neben sich das verzweifelte Weinen eines Weibes. Er blieb stehen, wie aus einem Traum erwachend, und blickte sich um.

Seitwärts von dem Gäßchen auf einem mit Staub bedeckten Rasen lagen Hausgeräte und Habseligkeiten umher, Samoware, Heiligenbilder, Koffer. Auf der Erde saß neben den Koffern ein hageres Weib mit einer Haube auf dem Kopf, welches verzweifelt weinte. Zwei Mädchen von zehn oder zwölf Jahren in schmutzigen, kurzen Röcken sahen erschreckt nach der Mutter. Ein kleiner Knabe von sieben Jahren mit einer großen Mütze auf dem Kopf weinte in den Armen einer alten Wärterin. Ein barfüßiges, schmutziges Mädchen saß auf einem Koffer, und ein kleiner, dicker Mann in einer alten Uniform, mit radförmigem Backenbart, schob den Koffer zur Seite.

Als die Frau Peter erblickte, stürzte sie ihm beinahe zu Füßen.

»Väterchen! Christen! Rechtgläubige! Helft! Helft!« rief sie weinend. »Mein Mädchen ... meine kleine Tochter ist zurückgeblieben ... sie wird verbrennen! Oh! Oh! Oh!«

»Höre auf, Maria Nikolaijewna«, sagte der Mann mit leiser Stimme zu der Frau. »Deine Schwester wird sie mitgenommen haben, es kann nicht anders sein.«

»Ungeheuer! Bösewicht!« schrie die Frau, indem sie plötzlich zu weinen aufhörte. »Du hast kein Herz für deine Kinder! Ein anderer würde das Kind aus dem Feuer geholt haben, aber du bist kein Mensch, kein Vater! Sie sind ein edler Mensch!« fuhr sie hastig zu Peter fort. »Es brannte im Nebenhaus, und dann kam es zu uns, ein Mädchen schrie: »Es brennt!« Wir stürzten hinaus, so wie wir standen, nur wenig haben wir noch retten können. Als wir die Kinder hinausführten, fehlte die kleine Katetschka! Oh! O Himmel!« Und wieder weinte sie laut.

»Was denn, wo ist sie geblieben?« fragte Peter.

»O Väterchen! Väterchen!« rief sie und umfaßte seine Knie. »Aniska, du Nichtswürdige, geh, begleite den Herrn!« schrie sie zornig mit weitgeöffnetem Mund das Mädchen an.

»Zeige mir den Ort!« sagte Peter hastig.

Das schmutzige Mädchen erhob sich und ging barfuß den Fußweg entlang. Peter war wie aus einem schweren Traum plötzlich erwacht. Seine Augen glänzten und er folgte mit raschen Schritten dem Mädchen. Als er in die Powarstraße kam, war die ganze Straße mit schwarzen Rauchwolken erfüllt, aus welchen sich immer wieder feurige Zungen erhoben. Eine große Menschenmasse drängte sich vor die Brandstätte. Inmitten der Straße stand ein französischer General. Peter wollte mit dem Mädchen nach der Stelle gehen, wo der General stand, aber französische Soldaten wiesen ihn zurück.

»Hierher, Onkelchen!« schrie das Mädchen. »Wir können durch dieses Gäßchen gehen.« Das Mädchen wandte sich zur Linken in ein Gäßchen. »Hier war's«, sagte die Kleine, öffnete eine Hofpforte in einem Zaun und deutete auf ein kleines, hölzernes Haus, das hell brannte. Die eine Seite war eingestürzt, die andere brannte und die Flamme schlug aus den Fenstern und zum Dach heraus. Als Peter durch die Pforte in den Hof trat, empfand er eine erstickende Hitze.

»Welches ist euer Haus?«

»Oh! Oh! Oh!« weinte das Mädchen, indem es auf das kleine Haus deutete. »Das ist es! Ach, bist du verbrannt, unser Schatzkästchen, Katetschka? Oh!« heulte Aniska beim Anblick des Feuers.

Peter näherte sich dem Hause, aber die Hitze war so stark, daß er unwillkürlich einen Bogen um dasselbe beschrieb, so daß er sich vor einem neuen, großen Hause befand, welches noch erst auf einer Seite brannte und um welches sich eine Gruppe Franzosen drängte. Anfangs begriff Peter nicht, was diese Franzosen machten, welche etwas herauszogen, aber als er vor sich einen Franzosen bemerkte, der auf einen Bauern losschlug und ihm einen Fuchspelz abnahm, bemerkte Peter, daß hier geplündert wurde. Doch er konnte dies nicht aufhalten. Das Krachen der einstürzenden Wände und Decken, das Prasseln und Zischen der Flammen, das Schreien der Volksmenge, der Anblick der aufsteigenden Rauchwolken, der umherfliegenden Funken und der an den Wänden emporleckenden Flammen, die Hitze und der Rauch – das alles brachte auf Peter die gewöhnliche, aufregende Wirkung einer Feuersbrunst hervor. Jetzt fühlte er sich frei von dem Druck seiner Gedanken, er war heiter und entschlossen und wollte schon in den Teil des Hauses eindringen, der noch stand, als er gerade über seinem Kopf mehrere Stimmen vernahm, worauf etwas Schweres mit lautem Krachen neben ihn niederfiel.

Peter blickte in die Höhe und sah in den Fenstern des Hauses Franzosen, welche eine Kommode, in der sich metallische Gegenstände befanden, herausgeworfen hatten. Andere französische Soldaten, die unten standen, stürzten auf die Kommode zu.

»Was will dieser da?« schrie einer der Franzosen.

»Ein Kind ist in diesem Hause! Haben Sie nicht ein Kind gesehen?« fragte Peter.

»Was schwatzt er da? Geh zum Teufel!« schrie die Stimme, und einer der Soldaten, welcher befürchten mochte, daß Peter ihnen das Silberzeug wegnehmen werde, das sich in der Kommode befand, trat mit drohender Gebärde auf ihn zu.

»Ein Kind?« schrie von oben ein Franzose. »Ich habe im Garten etwas schreien gehört, vielleicht ist das ein Kind! Nun, man muß doch menschlich sein!«

»Wo ist es? Wo ist es?« fragte Peter.

»Hierher!« rief ihm der Franzose vom Fenster aus zu und deutete auf den Garten hinter dem Hause. »Warten Sie, ich werde sogleich herabkommen!« Und wirklich sprang ein kleiner, schwarzhaariger Franzose, mit einem Flecken auf der Wange, durchs Fenster des unteren Stockes, klopfte Peter auf die Schulter und lief mit ihm in den Garten.

»Heda! Rasch!« rief er seinen Kameraden zu. Hinter dem Hause, auf einem mit Sand bestreuten Gartenweg, zog der Franzose Peter am Arm und deutete nach einer Bank, unter welcher ein dreijähriges Mädchen in einem rosafarbigen Kleidchen lag. »Sehen Sie, da ist Ihr Kind! Ach, ein Mädchen! Um so besser!« sagte der Franzose. »Auf Wiedersehen, dicker Freund!« Damit lief er zu seinen Kameraden zurück. Freudig lief Peter auf das Mädchen zu und wollte es auf den Arm nehmen, aber das Mädchen schrie und wollte davonlaufen. Peter erfaßte es jedoch und hob es auf den Arm, während es verzweifelt und boshaft schrie und sich von Peter loszureißen und ihn zu beißen suchte. Ein Gefühl des Mitleids und des Widerwillens ergriff Peter. Er überwand es und beeilte sich, den Rückweg aufzusuchen. Aber es war nicht mehr möglich, auf demselben Wege zurückzukehren. Aniska war verschwunden, und Peter lief durch den Garten, um einen anderen Ausweg zu suchen.

205

Als Peter wieder in die Powarstraße kam, erkannte er die Stelle nicht mehr, von welcher er ausgegangen war, um das Kind zu retten, so sehr war alles von Volksmassen und Habseligkeiten überfüllt. Peter suchte eilig die Familie des Beamten, um der Mutter ihr Kind wiederzugeben, und dann vielleicht noch jemand zu retten. Es war ihm zumute, als ob er noch viel Eiligeres zu tun hätte. Die Kleine war verstummt und blickte sich mit wilden Blicken um. An der Stelle fand Peter weder den Beamten noch seine Frau vor. Mit raschen Schritten drängte sich Peter durch das Volk und betrachtete die Gesichter. Bald sammelten sich einige Leute um die auffallende Gestalt Peters.

»Hast du etwas verloren? Wem gehört das Kind?« wurde er gefragt.

Peter antwortete, das Kind gehöre einer Frau mit einem schwarzen Mantel, welche an dieser Steile mit Kindern gesessen habe.

»Ach, das muß Anferow gewesen sein«, sagte ein alter Kirchensänger.

»Wieso Anferow?« fragte ein altes Weib. »Anferows sind schon am Morgen davongefahren. Das war entweder Maria Nikolaijewna oder Iwanows.«

»Er sagte, es sei ein Weib gewesen, aber Maria Nikolaijewna ist eine Dame«, bemerkte ein Leibeigener.

»Nun, ihr werdet sie kennen, sie hat solche langen Zähne und ist hager«, bemerkte Peter.

»Das ist Maria Nikolaijewna! Sie ist in den Garten gegangen, als diese Wölfe da gekommen sind«, sagte das Weib, auf die französischen Soldaten deutend. »Gehen Sie nur da hindurch, dort sind sie!«

Aber Peter hörte nicht auf das Weib. Schon seit einigen Augenblicken beobachtete er, was einige Schritte von ihm entfernt vorging. Dort saß eine grusinische oder armenische Familie, welche aus einem alten Mann, einem Typus orientalischer Schönheit, mit einem neuen Kaftan und neuen Stiefeln, sowie aus einer alten Frau desselben Typus und einer jungen Frau bestand. Letztere war sehr jung und erschien Peter als ein Muster orientalischer Schönheit mit ihren schwarzen, hochgewölbten Augenbrauen und einem langen, ungewöhnlich zartgeröteten Gesicht. Sie saß in ihrem reichen Atlaskleide inmitten der auf dem Platz umherliegenden Habseligkeiten. Den Kopf hatte sie mit einem dunkelblauen Tuch bedeckt.

Sie saß auf den Bündeln etwas hinter der Alten und blickte starr zur Erde, augenscheinlich kannte sie ihre Schönheit und fürchtete für sie. Jetzt sah Peter, wie zwei französische Soldaten auf diese Gruppe zugingen. Einer derselben, ein kleiner beweglicher Mensch, trug einen blauen Mantel, der mit einem Strick zusammengebunden war. Der andere, der Peter besonders auffiel, war ein langer, hagerer Mensch mit langsamen Bewegungen und idiotischer Miene. Dieser trug einen Friesmantel, blaue Beinkleider und große, zerrissene Reiterstiefel. Der kleine, barfüßige Franzose trat auf den Armenier zu, sprach einige Wort und griff nach den Füßen des Alten. Dieser zog hastig seine Stiefel ab. Der andere blieb mit den Händen in der Tasche vor der schönen Armenierin stehen und starrte sie schweigend an.

»Da! Da, nimm das Kind!« sagte Peter und reichte das Mädchen hastig und mit befehlender Gebärde der Alten. »Bringe es zu seinen Eltern!« rief er ihr zu, setzte das schreiende Mädchen auf die Erde und blickte sich nach den Franzosen und der armenischen Familie um. Der Alte saß schon barfüßig da, der kleine Franzose hatte ihm eben den letzten Stiefel abgenommen. Aber Peter blickte gespannt nach dem Franzosen im Friesmantel, welcher in diesem Augenblick sich langsam der jungen Frau näherte, die Hand aus der Tasche nahm und ihren Hals ergriff.

Die schöne Armenierin saß noch immer ebenso unbeweglich und schien nicht zu bemerken, was der Franzose tat. Als Peter die wenigen Schritte, die ihn von dem Franzosen trennten, zurückgelegt hatte, war es dem langen Marodeur im Friesmantel schon gelungen, ihr den Halsschmuck abzureißen. Die junge Frau griff mit den Händen nach ihrem Hals und schrie mit durchdringender Stimme auf.

»Lassen Sie diese Frau!« schrie Peter mit zorniger Stimme, ergriff den Soldaten an der Schulter und stieß ihn zur Seite. Der Soldat fiel nieder, erhob sich wieder und lief davon, aber sein Kamerad warf die Stiefel weg, griff nach seinem Säbel und ging drohend auf Peter zu.

»Nun, nun, mach keine Dummheiten!« schrie er. Peter befand sich jedoch in einer solchen Wut, daß er nichts begriff und seine Kräfte sich verzehnfachten. Er stürzte auf den barfüßigen Franzosen zu, und ehe dieser seinen Säbel herausnehmen konnte, hatte er ihn bereits niedergeworfen und bearbeitete ihn mit den Fäusten unter dem beifälligen Geschrei der Menge.

In diesem Augenblick erschien eine französische Ulanenpatrouille. Die Franzosen umringten Peter und den Soldaten. Peter wußte nicht mehr, was vorging, er konnte sich später nur erinnern, daß er jemand schlug, daß er geschlagen wurde und daß schließlich seine Hände gebunden wurden und einige französische Soldaten ihn umringten und seine Taschen durchsuchten.

»Herr Leutnant, er hat einen Dolch!« waren die ersten Worte, welche Peter verstand.

»Ah, eine Waffe!« sagte der Offizier und wandte sich an den barfüßigen Soldaten, der mit Peter ergriffen worden war.

»Gut, gut, vor Gericht kannst du alles sagen«, bemerkte der Offizier und wandte sich an Peter.

»Verstehst du Französisch?«

Peter wandte sich mit wütenden Blicken um und gab keine Antwort. Wahrscheinlich sah sein Gesicht schrecklich aus. Der Offizier flüsterte etwas, und vier Ulanen stellten sich zu beiden Seiten Peters auf.

»Sprichst du Französisch?« wiederholte der Offizier, der sich etwas entfernt von ihm hielt. »Ruft den Dolmetscher!«

Ein kleiner Mensch in russischer Kleidung erschien. An seinem Äußern und seiner Aussprache erkannte Peter sogleich einen Franzosen aus einem moskauischen Kaufladen.

»Er sieht nicht aus wie ein gewöhnlicher Mensch«, sagte der Dolmetscher.

»O, er gleicht sehr einem Brandstifter«, bemerkte der Offizier. »Fragen Sie ihn, wer er sei!«

»Wer bist du?« fragte der Dolmetscher. »Du mußt der Obrigkeit antworten.«

»Ich werde Ihnen nicht sagen, wer ich bin. Ich bin Ihr Gefangener, führen Sie mich fort!« sagte Peter plötzlich französisch.

»Ah! Ah!« rief der Offizier mit finsterer Miene. »Nun marsch!«

Um die Ulanen hatte sich eine Menschenmenge gesammelt. Ganz nahe bei Peter stand die Frau mit dem kleinen Mädchen. Als die Patrouille sich in Bewegung setzte, lief sie auf Peter zu.

»Wohin führen sie dich, mein Täubchen?« sagte sie. »Und wo soll ich das Mädchen lassen?«

»Was will sie?« fragte der Offizier.

Peter war wie betrunken. Beim Anblick des Mädchens, das er gerettet hatte, stieg seine Aufregung noch.

»Was sie will?« fragte er. »Sie bringt meine Tochter fort, die ich aus dem Feuer gerettet habe! Lebe wohl!« Und ohne zu wissen, wie er zu dieser zwecklosen Lüge gekommen war, schritt er mit entschlossenen, feierlichen Schritten inmitten der Franzosen weiter.

Die Patrouille war ausgesandt worden, um die Marodeure in den Straßen Moskaus und besonders die Brandstifter einzufangen, welche nach der bei den Franzosen herrschenden Ansicht das Feuer angesteckt haben mußten. Die Patrouille setzte ihren Weg noch durch einige Straßen fort und fing noch etwa fünf verdächtige Russen, einen Kaufmannsdiener, zwei Seminaristen und zwei Bauern, sowie verschiedene Marodeure. Von allen Verdächtigen aber war Peter der Verdächtigste. Als man sie alle in ein großes Haus am Subowschen Wall geführt hatte, in welchem die Hauptwache errichtet worden war, wurde Peter unter strenger Wache ein besonderes Zimmer angewiesen.

206

In Petersburg wurde in den höchsten Kreisen mit größerer Heftigkeit als jemals ein Kampf der Parteien Rumjazows, der Franzosen, Maria Petrownas, des Thronfolgers, ausgefochten. Äußerlich aber ging alles nach alter Weise, und es wäre schwer gewesen, ein Anzeichen der Gefahr zu entdecken, in der sich das russische Volk befand. Man besuchte dieselben Gesellschaften, Bälle, dasselbe französische Theater. Man war mit denselben Hofgeschichten, mit denselben Interessen des Dienstes und der Intrige beschäftigt.

Bei Anna Pawlowna, der Hofdame, war am 26. August, dem Tage der Schlacht von Borodino, eine Abendgesellschaft versammelt, bei welcher einige vornehme Personen zugegen sein wollten, die man beschämen mußte, weil sie das französische Theater besucht hatten. Schon ziemlich lange hatten sich die Gäste versammelt, aber immer noch fehlten einige derselben, die Anna Pawlowna erwartete.

Die Neuigkeit des Tages war die Krankheit der Gräfin Besuchow. Vor einigen Tagen war die Gräfin plötzlich erkrankt, hatte einige Gesellschaften, deren Zierde sie sonst war, versäumt, und man sagte, sie empfange niemand, und anstatt der berühmten Petersburger Ärzte, die sie gewöhnlich behandelten, habe sie sich einem italienischen Arzte anvertraut, der eine ganz neue, ungewöhnliche Kur anwende.

Alle wußten sehr gut, daß die Krankheit der entzückenden Gräfin von der Unmöglichkeit herrührte, zwei Männer auf einmal zu heiraten, und daß die Heilmethode des Italieners darin bestand, diese Unmöglichkeit zu beseitigen. Aber in Gegenwart von Anna Pawlowna wagte niemand dies zu denken oder auch nur zu wissen.

»Man sagt, es stehe sehr schlecht mit der armen Gräfin. Der Arzt sagt, es sei Halsbräune.«

»Wie ich hörte, haben sich die Rivalen ausgesöhnt.«

»Man sagt, der alte Graf sei sehr gerührt. Er weinte wie ein Kind, als der Arzt sagte, der Fall sei gefährlich.«

»O, das wäre ein großer Verlust, solch eine entzückende Dame!«

»Ich habe mich nach ihrer Gesundheit erkundigen lassen«, sagte Anna Pawlowna, »es soll ihr etwas besser gehen. Ach, sie ist die entzückendste Dame der Welt! Wir gehören verschiedenen Lagern an, aber das hält mich nicht ab, sie nach ihrem Verdienst zu verehren. Sie ist so unglücklich!«

Bald berührte das Gespräch in flüchtiger Weise die Tagesneuigkeiten. »Sie werden sehen«, sagte Anna Pawlowna, »morgen am Geburtstag des Kaisers erhalten wir neue Nachrichten, ich habe ein Vorgefühl.«

207

Dieses Vorgefühl Anna Pawlownas trog nicht. Am andern Tag wurde während des Dankgebets zum Geburtstag des Kaisers Fürst Wolkonsky aus der Kirche herausgerufen, da ein Brief vom Fürsten Kutusow an ihn eingetroffen war. Das war die Meldung Kutusows, die er am Tage der Schlacht geschrieben hatte, die Russen seien keinen Schritt zurückgewichen, die Verluste der Franzosen seien viel größer als die unsrigen, und er habe noch keine näheren Nachrichten einziehen können.

Das war wahrscheinlich ein Sieg, und sogleich wurde in der Kirche ein Dankgebet gelesen. Am ganzen Morgen herrschte in der Stadt eine freudige Stimmung, alle hielten den Sieg für vollständig, und einige sprachen schon von der Gefangennahme Napoleons und seiner Absetzung. Als aber am andern Tage keine Nachrichten vom Heer kamen, entstanden Besorgnisse, und am Abend verbreitete sich noch eine schreckliche Neuigkeit, die Gräfin Helene Besuchow war unerwartet schnell gestorben. In der großen Gesellschaft hieß es allgemein, die Gräfin sei an einem schrecklichen Anfall von Brustkrampf gestorben, aber in intimeren Zirkeln erzählte man Einzelheiten davon, wie der Leibarzt der Königin von Spanien Helene eine kleine Dosis eines Mittels verschrieben habe, um eine gewisse Wirkung hervorzubringen, und wie dann Helene bei dem Gedanken, daß der alte Graf sie beargwöhnte, und daß ihr Mann, dem sie geschrieben hatte, ihr nicht geantwortet habe, plötzlich eine sehr große Dosis des Mittels eingenommen habe und unter großen Schmerzen gestorben sei, ehe man Hilfe leisten konnte. Man erzählte auch, der Fürst Wassil und der alte Graf hätten den Italiener zur Verantwortung gezogen, aber dieser habe solche Briefe von der unglücklichen Verstorbenen vorgezeigt, daß man ihn sofort freigelassen habe.

Am dritten Tage nach der Meldung Kutusows kam in Petersburg ein Gutsbesitzer aus Moskau an, und in der ganzen Stadt verbreitete sich die Nachricht von der Übergabe Moskaus an die Franzosen. Das war entsetzlich! Wie war jetzt die Lage des Kaisers! Kutusow war ein Verräter, und Fürst Wassil sagte während der Beileidsvisiten, die er abhielt, über den einst von ihm verehrten Kutusow, man habe nichts anderes erwarten können von einem blinden, halbverrückten Greis.

»Ich wundere mich nur, wie man einem solchen Menschen das Schicksal Rußlands anvertrauen konnte!«

Am andern Tag kam auch von Rostoptschin folgende Meldung:

»Ein Adjutant des Fürsten Kutusow brachte mir einen Brief, in dem er von mir Polizeioffiziere verlangt, um die Armee durch die Stadt bis zur Straße nach Räsan zu führen. Er sagt, er gebe mit Bedauern Moskau auf. Majestät, die Tat Kutusows entscheidet das Geschick der Residenz und Ihres Kaiserreichs. Rußland wird mit Schaudern hören, daß die Stadt aufgegeben wurde, in der sich die Größe Rußlands konzentriert, wo der Staub Ihrer Vorfahren sich befindet. Ich folge der Armee nach. Ich habe sie hinausführen lassen, es bleibt mir nur noch übrig, das Schicksal meines Vaterlandes zu beweinen.«

Nach Empfang dieser Meldung sandte der Kaiser durch den Fürsten Wolkonsky folgendes Schreiben an Kutusow:

»Seit dem 20. August habe ich keine Meldung mehr von Ihnen erhalten. Inzwischen habe ich über Jaroslaw von dem Oberkommandierenden in Moskau die traurige Nachricht empfangen, daß Sie beschlossen haben, mit der Armee Moskau zu verlassen. Sie können sich selbst vorstellen, welche Wirkung diese Nachricht auf mich machte, und ich bin erstaunt über Ihr Schweigen. Ich sende mit diesem Schreiben den Generaladjutanten Wolkonsky an Sie ab, um sich bei Ihnen nach der Lage des Heeres und nach der Veranlassung dieses bedauernswerten Entschlusses zu erkundigen.«

208

Neun Tage nach der Räumung Moskaus kam in Petersburg ein Abgesandter Kutusows mit offiziellen Nachrichten an. Dieser Abgesandte war der Franzose Michaud, der nicht Russisch verstand, aber »ein Russe in der Tiefe seiner Seele« war, wie er selbst sagte. Der Kaiser empfing ihn sogleich in seinem Kabinett.

»Was für Nachrichten bringen Sie?« fragte der Kaiser. »Wahrscheinlich schlechte, Oberst.«

»Sehr schlechte, Majestät«, erwiderte Michaud.

»Hat man wirklich meine alte Stadt ohne Kampf aufgegeben?« fuhr der Kaiser plötzlich auf.

Michaud meldete ehrerbietig, wie ihm Kutusow aufgetragen hatte, daß keine andere Wahl mehr geblieben sei, als die Armee und Moskau zu verlieren oder Moskau allein, und daß er daher das letztere wählen mußte. Der Kaiser hörte schweigend zu, ohne Michaud anzusehen. »Ist der Kaiser in die Stadt einmarschiert?« fragte er.

»Ja, Majestät, und in diesem Augenblick ist Moskau in Asche verwandelt, ich verließ es in Flammen gehüllt«, entgegnete Michaud entschlossen, aber selbst entsetzt über das, was er sagte.

Der Kaiser atmete schwer und hastig, seine Unterlippe zuckte und seine schönen, blauen Augen füllten sich für einen Augenblick mit Tränen.

Doch das dauerte nur einen Augenblick. Der Kaiser richtete sich plötzlich mit finsterer Miene auf, als ob er sich selbst seine Schwachheit zum Vorwurf machen wollte.

»Ich sehe, Oberst«, sagte er mit fester Stimme, »daß die Vorsehung von uns große Opfer verlangt. Wie haben Sie die Armee verlassen? Haben Sie keine Niedergeschlagenheit bemerkt?«

Michaud fand nicht sogleich eine Antwort.

»Majestät, erlauben Sie mir, aufrichtig zu sprechen, wie ein ehrlicher Krieger?« fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Ich erwarte das! Verbergen Sie mir nichts, ich will durchaus die Wahrheit wissen.«

»Majestät«, erwiderte Michaud mit feinem Lächeln, »ich habe die ganze Armee ohne Ausnahme in verzweifelter Angst verlassen.«

»Wie das?« fragte der Kaiser mit strenger Miene. »Können meine Russen den Mut verlieren? Niemals!«

Das hatte Michaud nur erwartet, um sein Wortspiel anzubringen.

»Majestät«, sagte er, »sie fürchten nur eins – daß Eure Majestät in Ihrer Güte sich entschließen könnten, Frieden zu machen. Sie brennen vor Ungeduld, sich wieder zu schlagen und Eurer Majestät ihre Ergebenheit zu beweisen.«

»Ah, Sie haben mich beruhigt, Oberst«, sagte der Kaiser, Michaud freundlich auf die Schulter klopfend. »Nun kehren Sie zur Armee zurück und sagen Sie meinen Tapferen und allen, die Sie sehen, wenn ich keinen Soldaten mehr habe, werde ich mich selbst an die Spitze meiner geliebten Adligen und guten Bauern stellen und kämpfen bis zur Erschöpfung der letzten Mittel meines Reiches. Aber wenn es von der göttlichen Vorsehung bestimmt sein sollte, daß unsere Dynastie zu herrschen aufhören sollte, so werde ich meinen Bart wachsen lassen und lieber eine Kartoffel mit dem letzten meiner Bauern essen, als einen schimpflichen Frieden zu unterzeichnen.«