Belladonna - Daša Drndic - E-Book

Belladonna E-Book

Daša Drndic

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Beschreibung

Ein hochaktueller Roman über den Zustand unserer Welt. Andreas Ban ist ein Psychoanalytiker, der nicht mehr analysiert, und ein Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Ein echter Intellektueller, dessen Welt seit Jahren mehr und mehr verfällt, die nur noch aus Erinnerungen besteht, an Freunde und Geliebte, aber auch an die Schrecken des 20. Jahrhunderts. Eine Parabel über die Tücken des Alterns in unserer gnadenlosen modernen Welt und einen wahren Helden unserer Zeit: einen vergessenen, verstoßenen Intellektuellen, der in einer Gesellschaft, die ewige Jugend predigt und kritische Gedanken unterdrückt, zu leben und denken versucht. 

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Seitenzahl: 569

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Daša Drndić

Belladonna

Roman

Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert und Blanka Stipetić

Hoffmann und Campe

Hodie mihi, cras tibi. Quis evadet?

Am Samstag, den 19. Januar 2002 nähen sich sechzig Insassen eines Flüchtlingslagers den Mund zu. Sechzig Menschen mit zugenähten Mündern irren durch das Lager und starren in den Himmel. Kleine streunende Hunde springen kläffend um sie herum. Die zuständigen Stellen verzögern es hartnäckig, die Asylanträge dieser Menschen zu bearbeiten.

Tereza Acosta ist eine Frau, die beschlossen hat, sich nicht zu erinnern. Tereza Acosta erinnert sich nicht an ihre Kindheit, als wäre sie mit zehn Jahren auf die Welt gekommen. Ihre Amnesie ist undurchlässig und unnachgiebig. In Tereza Acosta leben fünf verschiedene Tereza Acostas. Jede hat ihre eigene Stimme und einen anderen Gesichtsausdruck. Keine erinnert sich an Gespräche, die die anderen Tereza Acostas geführt haben. Jede Tereza leugnet die anderen vier. Jede Tereza Acosta hat eigene Ansichten zu Ehe, Liebe, Arbeit, zum Leben im Allgemeinen, die sich von den Ansichten der anderen Tereza Acostas unterscheiden. Nach vielen Sitzungen beschließt der Arzt, nicht in die Leben der fünf Terezas einzugreifen, er überlässt sie dem gemeinsamen Nicht-Erinnern. Darin leben sie einträchtig.

Fausta Fink erinnerte sich nicht an die Zeit vor ihrem vierzehnten Geburtstag. Ihr gaben die Ärzte Antidepressiva, und sie erinnerte sich wieder. Sie sagte, Jetzt geht es mir gut, ich bin glücklich, dann brachte sie sich um. Sie sprang aus dem fünfzehnten Stockwerk. Im roten Kimono. Der blähte sich wie ein Fallschirm, flatterte. Sie war danach platt.

In einer Irrenanstalt im Süden, vielleicht auch im Norden, nähen sich zweiunddreißig Insassen ebenfalls den Mund zu – mit Chirurgenseide. Beim Nähen verwenden sie den Schrägstich, und jeder Mund wird mit drei oder höchstens vier Stichen zugenäht. Die Patienten protestieren damit gegen das Personal, das sich nicht um sie kümmert. Damals vertieft sich das Schweigen in der Nervenklinik zu einer ungeheuren Lautlosigkeit, die heute wie Rauch, wie Dampf aus dem Gebälk und Gemäuer des verfallenen Gebäudes im Nirgendwo quillt und in Schwaden zum Himmel steigt; in dunklen Nächten (moonless nights) kehrt dieselbe Lautlosigkeit, dieses unheilvolle, angeblich wahnsinnige menschliche Schweigen als lauer Wind zurück; wie ein sanfter Sommerregen fällt es auf die blinden Fensterscheiben unserer Zuflucht in unwirtlicher Umgebung, und um zu überleben, denn atmen müssen sie, füllen die Patienten ihre bereits löchrigen, bröckelnden Lungen mit dem verpesteten, aber geruchlosen Wind, diesem unsichtbaren Spinnennetz des Schweigens. Die Landschaft um die Irrenanstalt herum ist versiegelt, versteinert, starr wie ein Gemälde. Sie liegt unter der stillen Lava, erfüllt vom leisen Schlurfen der Filzpantoffeln in der Nervenklinik.

Das könnte er vielleicht auch. Aufhören zu sprechen. Aufhören, sich zu erinnern.

So.

Jetzt ist er allein.

In einer schäbigen Wohnung in einer kleinen Stadt.

Über die Wohnung, auch über die Stadt hat er berichtet, geschrieben, gegrübelt, er wird es nicht mehr tun. Er denkt nicht mehr. Nicht an die kalte, düstere und heruntergekommene Wohnung, so wie auch er geworden ist, düster, heruntergekommen und zunehmend kälter, nicht an die Stadt, die er schon gänzlich abgeschrieben hat, als gäbe es sie nicht, als wäre sie zerstört, in ein apokalyptisches Loch gefallen, und er schwebt jetzt über dem Abgrund (wie Fausta Fink in ihrem roten Kimono), entfernt sich immer weiter, wird klein wie die Stille, bis er verschwindet.

Er könnte irgendwo sein, jetzt ist es egal.

Die Fensterläden öffnet er nicht, nur manchmal, wenn in seinem Kopf Musik erklingt und ihn aufwühlt. Wenn durch seinen Körper eine winzige Freude fährt, ein kleiner blasser Blitz, der aufleuchtet und rasch erlischt. Dann öffnet er die Fenster und schaut hinaus, verfolgt aus dem vierten Stock das Ein- und Ausfahren der Züge. Starrt auf die Hangars. Auf die Container, in die Ratten und Katzen springen, wartet darauf, dass sie durch den Müll tanzen, dann sagt er Ach, und sein Atem stockt. Mit Mühe hebt er die Augenlider, sein Blick überfliegt den Abschaum des Meeres, das drüben vor dem flachen Gebirge sanft schaukelt, dann fällt die Klappe, er igelt sich wieder ein, humpelt hastig und schwerfällig den elf Meter langen schmalen Flur hinunter, will sich wie ein Maulwurf in seinem dunklen Loch verkriechen, in seiner Grabesstille, und jedes Mal spürt er, wie sich die Wände verschieben, aufeinander zubewegen, näher rücken, fast wie ein Tunnel, und wie von Sinnen hüpft er den Gang entlang, raufrunter hopp raufrunter raufrunter hopp, damit ihn die Wände nicht erdrücken, zu einem dünnen Todesstrich zusammenpressen wie dem auf einem EKG-Monitor.

Das Spray, sagt er, wo ist das Spray?, inhaliert einmal, zweimal, dreimal.

Dann wird es besser. Er bekommt Luft.

Das Nachdenken hat er aufgegeben. Er hat schon alles überdacht, sein Leben. In kleine Haufen und Stapel hat er alles sortiert, Tage, Jahre, Geburten und Tode, Lieben, die wenigen, die es gab, Reisen, viele, Bekanntschaften, viele, Familiendramen, seine sinnlosen Unternehmungen und noch sinnloseren Kleinkriege, fast alle verloren, Sprachen, die eigene und fremde, Zeitgeister, all das hat er sorgfältig katalogisiert, und den ganzen Kram, den inzwischen nutzlosen Ballast, hat er verschnürt und in den Winkeln der geräumigen Wohnung verteilt, als stünde wieder ein großer Umzug bevor.

Eine Kaserne, sagt er, ich lebe in einer Kaserne.

Dieser Tage wird er jemanden beauftragen, den ganzen Abfall fortzuschaffen, den Plunder, zu dem sein Leben zusammengeschrumpft ist, er wird jemanden holen, der ihm die Klumpen verpfuschter Tage aus den Augen schafft, damit sie einander nicht mehr anstarren, er und die unzähligen Fetzen, die vor sich hin modern und einen widerwärtigen Mief absondern, der nicht beängstigend, nur irritierend und aufdringlich ist, während sie allmählich zu Staub zerfallen und seine Atmung behindern. Nehmen Sie alles mit, wird er sagen, weg damit. Die Bücher sind sortiert, er hat aufgeräumt, einige hat er weggeworfen, einige verschenkt. Er verschenkt auch seine Kleidung, die Schuhe, an manchen Tagen wie im Fieber. Zu viel Ballast hat sich angesammelt, allerhand Müll. Er verschenkt Mäntel, Jacken, Anzüge, Pullover, Hemden, ach, wie viele Hemden er doch hat, Schuhe, die er nie getragen hat.

So hat es auch seine Mutter vor etwas mehr als dreißig Jahren gemacht, kurz vor dem Ende, hat auf Reisen Teile ihres Lebens zurückgelassen, verschenkt, damals hat er es nicht verstanden. Als sie von einer Akupunktur-Ausbildung in China zurückkam, mit Paketen voller Nadeln, mit riesigen Gummiohren, auf denen die Akupunkturpunkte markiert waren, mit einem fast einen Meter großen Plastikmodell des menschlichen Körpers, das man auf- und zuklappen konnte und aus dessen Innerem man alle Organe, niedlich verkleinerte Nachbildungen aller Organe, herausnehmen und anschauen konnte, Herz, Lungen, Leber, Darm, Galle, alles, dreidimensionale Adern, Venen und Arterien, Knochen, Gehirn, alles konnte man einzeln herausnehmen, verschieben, neu zusammenfügen, wie ein Puzzle, das ganze Innere eines Menschen, und die Figur stand immer aufrecht, fixiert auf einem hölzernen Sockel und durchbohrt von einer Metallstange, als seine Mutter aus China zu ihnen zurückkam, zu ihrer Familie und ihren Patienten in der Psychatrie, aus China, aus irgendeiner chinesischen Provinz, er erinnert sich nicht mehr, welche, China ist ein riesiges Land, facettenreich, aus dieser ärmlichen Wüstenprovinz, wo, das hat sie erzählt, das chinesische Essen keinerlei Ähnlichkeit hat mit dem, was in chinesischen Restaurants in Europa serviert wird, dort ist das chinesische Essen ärmlich, geschmacklos und wässrig, es wird (in Feldlazaretten) auf Blechtellern serviert wie damals in der Jugoslawischen Volksarmee; aus China, wo man seiner Mutter die Haare trocken schnitt, kehrte sie fast ohne Gepäck zurück, mit einem Zettel in der Hand, den sie vom unteren Teil einer Zeitungsseite abgerissen hatte, darauf stand mit Kugelschreiber (einem chinesischen) die Diagnose ca corpus uteri. Sie brachte ihm eine antike Tabakdose aus Rosenholz mit, die steht schon lange leer auf seinem Schreibtisch, dem er sich nicht mehr nähert, sie brachte ihm gerahmte Verse von Lu Hsun mit, seinen Schwestern seidene Kimonos in intensivem Blau und Rot, über die große goldene Drachen flogen, einen alten Fächer, der nach Sandelholz roch, all das holte sie aus einem Koffer, einem kleinen Koffer, in den sie eine Prise Erkenntnis gepackt hatte, und erst später sieht er darin ihre Entschlossenheit und Angst.

Das überdimensionale Gummiohr mit den Reflexzonen des ganzen Körpers knetet er jetzt in seiner Hand. Ein Ohr wie ein Miniaturfötus.

Das Ohr gibt ihm eine Übersicht seiner Organe. Aller Organe. Eine Übersicht seiner Schmerzen. Mal mit einer Nadel, mal mit einem Zahnstocher oder seinem Fingernagel sticht er sich auf seinem Ohr ins Herz, ins Auge, in den Rücken, ins Gehirn und lebt auf. Für einen Moment. Er pulsiert. Wenn ihm das Geld ausgeht, findet er den Punkt gegen Hunger und fühlt sich ganz leicht, er schwankt, als fiele er in Ohnmacht.

Die Ohren – ein seltsames Organ, hässlich wie der ganze menschliche Körper, überhaupt ist der Mensch ein abscheuliches unförmiges Wesen, mit Extremitäten, die aus der massigen Mitte ragen und in dünnen Fühlern münden, mit aufgepfropften bleichen Horngebilden, die ständig wachsen, während an der Spitze dieses Ungeheuers ein kugelförmiges Organ pendelt, an dessen unterem Teil eine größere und in der Mitte zwei kleinere Öffnungen klaffen, aus denen warme Luft strömt, darüber bewegen sich geräuschlos zwei wässrige Kugeln in Höhlen, versehen mit beweglichen Klappen. Und außerdem ist dieses Organ ganz oben von Haaren bedeckt, bei Männern auch vorne.

© health-science-spirit.com, Walter Last

In der Literatur gibt es viele Ohren, Ohren zum Hören und Ohren zum Nichthören, Ohren zum Gift-Einträufeln und Ohren zum Abschneiden. Es heißt, die Ohren würden ein Leben lang wachsen. Alte Menschen haben große Ohren, selbst Greise, die als junge Männer kleine Ohren hatten, bekommen im Alter große, fleischige, schlaffe Ohren mit labbrigen Ohrläppchen, taube Ohren. Als er neulich in den Bus stieg, einen rosafarbenen Hefter an die Brust gedrückt, folgte hinter ihm ein älterer Herr mit Hut und vernarbter runzliger Haut und fragte, Gehen Sie auch in dieses Gebäude zur Versammlung um 16.00 Uhr?, drehte ihm dann den Rücken zu und blieb auf der unteren Stufe stehen, die Türen des Busses standen offen, er betrachtete den Alten im schwarzen Mantel von hinten und war überrascht, dass der Alte kleine Ohren hatte, unglaublich kleine, dämonische Ohren.

Seine Ohren sind in Ordnung, er hat ganz ordentliche Ohren, unauffällig und nicht behaart. Er hört gut, er hört ausgezeichnet, es wäre besser, wenn dem nicht so wäre. Zugegeben, einmal hörte er im linken Ohr das Meer rauschen, ab und zu donnerten Wellen gegen seine Stirn und fluteten seine Schläfen, die Nase, Wörter verzogen sich träge zur Unkenntlichkeit, begleitet von einem unerträglichen Echo. Sie steckten ihn in einen schalldichten Raum und testeten sein Gehör. Der Arzt sagte, Auf dem rechten Ohr hören Sie überdurchschnittlich gut. Das linke Ohr brauchen Sie gar nicht.Doch der schizophrene Zustand seiner Ohren, das Getöse im Kopf, die Kakophonie, dauerte nicht lange, ein, zwei Monate später plätscherte das Meer nur noch leise gegen seine Schädelwände. Jetzt umgibt ihn wieder schreckliches Getöse, das von außen kommt, gegen sein Gehirn hämmert und das er nicht abschalten kann, der grässliche, alles übertönende Lärm der Stadt, der anders ist als der normale Lärm jeder anderen Stadt.

Vor kurzem hat er einen Artikel über jüdische Ohren gelesen. Darin debattieren drei Frauen über Iris-Scans, Gesichtserkennung und die Möglichkeit, Menschen Chips einzupflanzen. Eine der drei Frauen erzählt, dass sie beim Fotografen Passfotos habe machen lassen und wie sehr es sie befremdet habe, als man ihr sagte, Machen Sie die Ohren frei. Wir müssen Ihre Ohren sehen, beide Ohren, sagten sie zu ihr. Das habe sie an die Kriegsgeschichten ihrer Mutter erinnert, sagt die Frau. Die zweite Frau erzählt, wie sie für ihre Enkelinnen Pässe ausstellen ließ und die Polizei sie zweimal mit den Fotos zurückschickte, weil die Ohren ihrer Enkelinnen klein seien und zudem eng am Kopf anliegen würden. Nach mehreren Versuchen sei es gelungen, Aufnahmen zu machen, auf denen man einen Ansatz der Kinderohren habe erkennen können, doch dann habe es Probleme wegen der Augen der Enkelinnen gegeben, weil die Enkelinnen ihre Augen für das Scannen nicht weit genug geöffnet hätten. Die Kinder seien beim Fotografen sofort eingeschlafen. Auf Passbildern sei Lachen nicht erlaubt, nicht einmal lächeln dürfe man, aber das sei kein Problem gewesen, erzählt die zweite Frau, ihre Enkelinnen würden ohnehin nie lächeln. Am Ende konnten die Enkelinnen mit ihren Eltern ausreisen. Aus Rumänien. Wohin sie nie mehr zurückkehrten. Darauf sagt die erste Frau, ihre Mutter habe ihr erzählt, unter den Nazis sei das Retuschieren von Fotos auf jüdischen Dokumenten verboten gewesen und man habe das linke Ohr sehen müssen, weil man die jüdische Rasse angeblich an der Form der Ohren erkennen könne. Die Nazis glaubten, die Juden hätten besondere Ohren. In dem Artikel vergleichen die drei Frauen ihre Ohren, erkennen aber keine auffälligen Unterschiede, auch wenn ein Paar Ohren jüdisch ist. Schließlich zeigt die Jüdin die Ausweispapiere ihrer Verwandten, die in Treblinka ermordet wurden, tatsächlich ist auf jedem Bild deutlich das linke Ohr zu sehen.

Um Nasen kümmert sich die Polizei bisher nicht, auch wenn einige Wissenschaftler behaupten, in Nasen-Scans schlummere ein großes biometrisches Potenzial. Die Wissenschaftler beschweren sich, weil Nasen bei biometrischen Messungen ungerechtfertigt vernachlässigt werden. Nasen-Scans können die Identifizierung einer Person bei der Bilderfassung im Vergleich zu anderen biometrischen Techniken deutlich beschleunigen. Die Mimik verändere nicht die Nase, behaupten die Wissenschaftler, die Ohren schon, was nicht ganz richtig ist. Wenn Menschen lächeln, werden ihre Nasen breiter, bei manchen bewegen sich die Ohren nicht beim Lächeln, bei anderen bewegen sie sich dagegen rauf und runter und vor und zurück, und wieder andere können, auch ohne zu lächeln, durch bloße Willenskraft mit den Ohren wackeln. Auf jeden Fall wurden zum ersten Mal in England vierzig Nasen wissenschaftlich untersucht, deren wissenschaftliche Untersuchung setzte sich in Europa durch, und nun sprießen allerorts Datenbanken (über Nasen) für künftige Forschungen aus dem Boden.

Er hat eine schöne kleine Nase. Gerade.

In seiner Wohnung sucht er Souvenirs, um sie in den Müll zu werfen. Er stopft sie in schwarze Plastiktüten. Entschlossen, hektisch. Niemand braucht seine Erinnerungen, an die er sich selbst nicht erinnern will, die in das Loch des Vergessens gefallen sind. Und er lässt sie versinken.

Die Menschen sammeln Plunder, um sich zu erinnern, weil das einfacher ist, müheloser, sie nehmen sich nicht die Zeit, Spaziergänge, Landschaften, Gespräche, Gerüche, Berührungen an die Oberfläche zu holen, weil dafür keine Zeit ist, während das Leben für die meisten einfach vorbeifließt, das begreift er jetzt. Stupide verteilen die Leute ihre Lebensphasen auf Regalbretter und Wände und werfen ihnen ab und zu im Vorbeigehen ein frostiges Lächeln zu: Ihr bleibt da, wartet auf mich. Wenn die Lichter langsam ausgehen, glauben die Menschen, würden sie wieder vereint sein, sie und ihre vergilbte, in kleine leblose Gegenstände gepresste Vergangenheit, sie würden sich gegenseitig anrühren, einander verwelkte Geschichten erzählen. Von wegen. Andenken sind augenblicklich tot, sobald sie den Ort verlassen, an den sie erinnern sollen, sie verdunsten, verlieren die Farbe, die Beweglichkeit, werden steif wie Leichen. Von ihnen bleiben nur Hüllen mit ausgefransten Rändern. Halb gelöschte Gehirnplatten sind ein glitschiger, trügerischer Untergrund. Das mentale Archiv ist verschlossen, schlummert im Dunkeln. Die Vergangenheit ist ein Sieb, da helfen auch keine Souvenirs. Man muss alles abwerfen. Alles. Und alle, vermutlich.

Vielleicht darf ein Mitbringsel seiner Mutter bleiben, der kleine Porzellanschuh, der niemanden irgendwohin getragen hat. Und die altertümliche Miniaturstanduhr, sie hat Rost und Patina angesetzt, ihr Ziffernblatt ist schief wie bei Alice im Wunderland, und die Zeiger bewegen sich erst, wenn man eine Münze einwirft – ein Geschenk von Sohn Leo. Und Elvira, Elvira soll bleiben – er trägt sie immer bei sich, wohin er auch geht. Das also wird er behalten.

Er heißt Andreas Ban.

Er ist ein Psychologe, der nicht mehr psychologisiert.

Ein Schriftsteller, der nicht mehr schreibt.

Ein Touristenführer, der niemanden mehr führt.

Ein Schwimmer, der nicht mehr schwimmt.

Er hatte noch mehr Berufe, die niemand mehr braucht. Er selbst am allerwenigsten.

Er ist fünfundsechzig, hat sich gut gehalten, sieht aus, als wäre er fünfzig. Er war auf die Erschütterung vorbereitet, hat sich auf sie vorbereitet (er weiß, wie man das anstellt, dafür ist er ausgebildet), trotzdem erwischt es ihn kalt, völlig unvorbereitet, als ihm seine Kollegin, diese Banausin, bürokratisch bis in die Fingerspitzen, ganz die gehorsame Befehlsempfängerin, furchtbar anständig und unauffällig, als ihm diese Kollegin vor versammeltem Kollegium auf den Kopf zu sagt, er werde nicht mehr gebraucht, Sie gehen bald in den Ruhestand. War das der Auslöser? Ihre Vorschläge sind irrelevant, Sie kommen damit nicht durch, sagt sie, Sie gehen in den Ruhestand. Sie sagt es, als er und einige andere fordern, wissenschaftliche und künstlerische Arbeiten strenger zu bewerten, die Teilnahme am Leben ganz allgemein in die Beurteilung einzubeziehen, die politische und gesellschaftliche Präsenz, auch die kulturelle, sie fordern es, weil sich der Lehrkörper im eigenen Sumpf eingerichtet hat, nur ein Prozent der Professoren ist öffentlich sichtbar, die anderen ducken sich weg wie die Mehrheit der kroatischen Akademiemitglieder, die meisten schweigen, posieren zu Jubiläen für das Gruppenfoto und kriegen keine Probleme mit ihrer Rente, aber als Andreas Ban die Kollegin fragt, wann sie sich je zu Wort gemeldet, von sich reden gemacht habe, wer über sie schreibe, antwortet sie, Das ist unwichtig, Sie gehen, ich bleibe. Die regelmäßigen, tödlich langweiligen, kafkaesk-hohlen Fakultätssitzungen leitet ein Quartett oder Quintett, die Männer in dunkelblauen Anzügen, die Frauen in taillierten Kostümen und mit Prinz-Eisenherz-Frisuren; sie belehren ihre Kader, dass man auf den völlig überflüssigen Formularen gewissenhaft jede abgefragte Angabe einzutragen habe, unbeirrt lesen sie sämtliche Sitzungsunterlagen laut vor und werfen sie zusätzlich als PowerPoint-Präsentation an die Wand, als säßen neunzig Prozent der Professoren in einem Seminar über sinnfreien Verwaltungskram, in dem niemand persönlich angesprochen wird, nur Titel genannt und zwischen Zahnprothesen wiedergekäut werden, und hinterher wird die komplette unfreiwillige Satire noch einmal als Protokoll jedem Dozenten namentlich zugestellt, per elektronischer Post, woraufhin die »Verwaltung« den gesamten Lehrkörper mit dem drohenden Hinweis »Eilt!« informiert, sämtliche Universitätspostfächer seien verstopft und müssten dringend geleert werden.

Manche Professoren wollen engagiert erscheinen, und so beschweren sich in den Sitzungen einige Frauen, in den Toiletten gebe es keine Ablagen für Damenhandtaschen, in aller Ausführlichkeit beschreiben sie ihre hygienischen und physiologischen Bedürfnisse, und neunzig Leute lauschen schweigend, während der Protokollführer protokolliert. Dann wird abgestimmt, was, sobald eine sensible Frage auftaucht, in massenhaften Enthaltungen oder einstimmigem dafür oder dagegen mündet, es gibt keine Abweichungen, es herrscht selige Harmonie, die solidarische Einheit an den Rändern des Lebens. Wer sich auflehnt, wird schon bald zum Schweigen gebracht, alles nach Vorschrift, nach den Regeln, nach den Statuten, es findet sich immer ein passendes Schlupfloch. Sollte doch einmal eine wichtige Frage aufkommen, wird das Publikum schlagartig müde, je wichtiger die Frage, desto steiler stürzt die Aufmerksamkeitskurve ab, die Dozenten bekommen Durst und Hunger, die Sitzung wird unterbrochen beziehungsweise vertagt und am Ende nichts entschieden, beziehungsweise werden halbherzige, verwässerte, lahme Beschlüsse verabschiedet.

Da fängt es an, ab da wird es eng.

Sie, die boshafte Banausin mit großem akademischem Ehrgeiz an der kleinen Provinzuniversität, wird im Alter hässlich aussehen. Große Ohren, eine Nase, deren Spitze fast die Oberlippe berührt; fehlende Zahnreihen, die das Kinn hochziehen, das Gesicht von Warzen übersät und eine Stimme wie Hundegekläff.

Oh, er würde sie nur zu gern verlassen, diese ermüdenden Gremien, die jeden Gedanken fressen, dieses kakophonische Getöse, die dumpfen Masken vor einem noch größeren Nichts, lieber würde er sich vergnüglicheren Beschäftigungen widmen, seine Hirnzellen füttern, damit sie pulsieren und wachsen, doch die jämmerlich kleine Rente in dem kleinen, heruntergekommenen, eingebildeten Land, in dem er lebt (wie ist er nur diesem furchtbaren Schicksal anheimgefallen, wie nur?), einem Land, aus dem alle, die es können, Hals über Kopf flüchten, einem Land, in dem ein Kultusminister Heimatliebe als Schulfach einführen wollte, einem Land, in dem auf Feld und Flur und im Fernsehen, damit die Kunde bis ins verschlafenste Nest dringt, der Refrain Mutter Kroatien hat mich geboren erschallt und sich jeder, der nicht von einer kroatischen Mutter geboren wurde, unerwünscht fühlt, während die von einer kroatischen Mutter Geborenen mit stolzgeschwellter Brust Luftsprünge machen, allzeit bereit, auf die eine oder andere Weise jeden zu eliminieren, der nicht von einer kroatischen Mutter geboren wurde, notfalls durch Steinigen, in diesem Land, in dem man glauben will, keine Frau, nein, die Heimat gebäre die Menschen, in diesem ach so anständigen, verlogenen Land, in dem man sich mit Herr Direktor, Herr Dekan, Herr Professor, Herr Chef anspricht, als hätten die Menschen keine Namen, die Rente in diesem Land garantiert nach fünfundzwanzig Jahren Ausbildung, nach vierzig Jahren Arbeit einen schnellen, schmerzhaften Tod, ein Ruhegeld im wahrsten Sinn des Wortes, das einen ruhigstellt, den ewigen Frieden gewährt, während man an einem Dutzend Fronten gleichzeitig aufgerieben wird. Da er, Andreas Ban, sich nicht damit abfinden kann, dass die Höhe seiner Altersbezüge ihm sein Leben im Alter diktiert, die unsterbliche Mutter Kroatien ihm sagt, wann sie genug hat von ihrem Sohn, beschließt er, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er, Andreas Ban, wird sich nicht damit abfinden, von Hühnerflügeln zu leben, die er nicht ausstehen kann, und selbst wenn, auch diese Möglichkeit entgleitet ihm, denn Hühnerflügel werden immer teurer, und am Ende blieben ihm nur Leber, Lunge und weitere eklige Innereien, die andere an ihre Hunde verfütterten. Er ist gefangen, gefesselt, festgenagelt an das Land, er kann nicht reisen, kann nicht wegrennen (hat kein Geld), obwohl er fit ist und noch (nicht mehr lange) sein Gehalt bekommt. Er wird nicht in rissigen, aus der Mode gekommenen Schuhen herumlaufen, wird keine grauen verfilzten Pullover tragen, wird sich keine irgendwie zusammengeschusterte Zahnprothese in den Mund schieben, das wird er nicht. (Neulich hat er zu einer Frau gesagt, Mein Pullover pillt, und sie lachte und rief, Was für ein lustiges Wort, pillt, was bedeutet es?) Er wird nicht vormittags (zwischen zehn und zwölf) den öffentlichen Nahverkehr nutzen (den ihm Mutter Kroatien kostenlos anbietet), Busse voll klappriger, laut schreiender, weil tauber Gestalten, die mit Plastiktüten vom Markt kommen, darin zwei Äpfel, eine Paprika und ein Päckchen Fertigpolenta. Er wird sich nicht anhören,

Die haben sie ins Heim gesteckt, sie denkt, sie kommt wieder raus, kommt sie aber nicht.

Kann sie laufen?

Die haben sie kaum ins Heim gesteckt, da war die Wohnung schon verkauft.

Ist sie dement?

Sie haben ihr nicht gesagt, dass die Wohnung verkauft ist, das würde sie umbringen. Dement ist sie nicht.

Wird nicht in schlaffe, hungrige, unersättliche Gesichter schauen, von schrumpfenden Leuten, die sich bekreuzigen, wenn der Bus an einer Kirche vorbeifährt, vor sich hin murmeln und vor »Gott« den Blick senken, nicht in die zahnlosen Gesichter von Menschen schauen, die rhythmisch an den Innenseiten ihrer eingefallenen Wangen saugen, begleitet von infantilem Schnalzen, in gierige Gesichter; am häufigsten sieht man sie an Fest- und Feiertagen, wenn Mutter Kroatien sie auf öffentlichen Plätzen mit zwei Sardellen oder einer Kinderportion Bohnensuppe bewirtet, für die sie stundenlang geduldig in der Reihe anstehen, flankiert von Ordnungskräften, damit sie nicht, Gott behüte, ausflippen und unkontrolliert losstürmen. Diese mildtätigen Veranstaltungen für Kranke, Alte, Vernachlässigte, fanatisch ins Leben Verliebte beginnen morgens um neun und gehen mittags zu Ende, wenn alles aufgegessen, ausgetrunken und wie ein Stein in die ausgeleierten, verkümmerten greisen Mägen gefallen ist, dann können die Plätze rechtzeitig sauber gespritzt werden und sind bereit für die abendlichen musikalischen Vergnügungen der Jungen und Satten. Andreas Ban beobachtet den Reigen halbverfaulter lebender Leichen, der länger wird, sich ausdehnt, überall gibt es immer mehr von ihnen, besonders in den Polikliniken, die Wartezimmer sind voll von ihnen, dort treffen sie sich, dort wärmen sie sich im Winter, in den Wartezimmern besetzen sie alle Stühle, in die Notaufnahmen und Polikliniken gehen sie, weil sie sich um ihre Gesundheit sorgen, am liebsten lassen sie sich Blut abnehmen, auch wenn die Schlangen vor den Laboren unfassbar lang sind und es keine Stühle gibt, es ist nicht bequem, es ist nicht entspannt, nur quälendes Warten und Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, in der Schlange, die sich durch zwei Stockwerke windet, in der sich die Greise berühren, aneinander kleben und warten, nur stehen und warten, woher nehmen sie die Geduld, woher kommt der Hunger und Durst nach einem bereits verödeten, geschrumpftem Leben, das keins mehr ist, der Wunsch, über die Zeit zu leben, jenseits der Schönheit, in der Einöde, selbst wenn sie getreten werden, egal, sie sind von der stillen, beharrlichen, sturen Art, gewohnt, zu erdulden und zu erleiden. Einmal bestand eine Frau darauf, wegen ihres grauen Stars operiert zu werden, auch wenn sie schon voller Metastasen war, Sie sind voller Metastasen, sagten die Ärzte, Sie werden bald sterben, sagten sie, in der Medizin ist das heute gängige Praxis, dem Patienten alles ins Gesicht zu schleudern, ihm das Ergebnis mitzuteilen, doch ohne Erklärung, nur das nackte Resultat, denn für Finessen haben die Ärzte keine Zeit, und diese Frau wiederholte, Ich will klar sehen, sagte sie, und die Ärzte erbarmten sich, taten ihr den Gefallen, gaben ihr die Sehschärfe zurück, die sie zuvor vielleicht nie hatte, und ohne den Star erhielt sie dann bessere Ein-Sicht in ihren zerfressenen, sterbenden Körper.

Andreas Ban betrachtet die ganzen Tattergreise, wie sie sich ans Leben klammern, während sie schwankend und humpelnd ohne Sinn und Verstand über die Straße hasten, soll sie doch einer überfahren, soll sie doch ein Auto überrollen, das wäre wenigstens ein würdiges Ende, doch nein, mit aufgerissenen Augen und klaffenden Mündern springen sie wie gerettete Schiffbrüchige auf den Gehweg, denn sie lieben das Leben, denn dieses Leben, dieses wunderschöne, üppige Leben hat ihnen Mutter Kroatien geschenkt.

Die Kalender, die ihnen Mutter Kroatien jedes Jahres schenkt, will Andreas Ban nicht, auf ihnen müsste er seine Tage zählen, wie unter staatlicher Kontrolle, wie in einer Strafanstalt, einem Ghetto.

2011 begingen zwanzig Mitglieder der UNIT, einer mazedonischen Arbeitslosen-Vereinigung, Selbstmord. Alle waren über fünfzig und ertrugen das Leben im Elend nicht mehr. Einige erhängten sich, andere sprangen von Brücken und Gebäuden, und einer verbrannte sich. (Zeitungsmeldung)

Er ist ein schöner Mann, dieser Andreas Ban, vornehm und dekadent, er hat in Weltstädten gelebt, doch obwohl er zwanzig Jahre gegen sie gekämpft hat, hat die Provinzstadt schließlich gesiegt. Jetzt nutzt er sich innerlich und äußerlich rapide ab. Die äußerliche Abnutzung verdeckt Andreas Ban mit Kleidung, damit er selbst sie nicht sehen muss. Er tarnt seinen hängenden Bauch, die schlaffen Muskeln, die runzlige Haut an Oberschenkeln und Oberarmen, seine labbrigen Hoden, er trägt Mützen und Hüte, noch hat er Haare und eigene Zähne. Seine innere Ödnis aber lässt er wachsen. Er hat es natürlich versucht, hat sich bemüht, mit Schläuchen und Wasserwerfern den schweren Wüstensand, der ihn umgibt, aufzuwirbeln und wegzuspülen, vergeblich. Jetzt ist er müde.

Was ihm wichtig war, hat er gespeichert und sich vorgestellt, es aus der Entfernung berührt: alte Freundschaften, erloschene Lieben, verlassene Städte, Bücher, Bücher, wirkliche und erfundene Figuren, in wachsender Nähe zu toten und einigen lebenden Schriftstellern, denn die kleine Stadt ist wie Hefeteig gewachsen, ihm über den Kopf gewachsen, hat ihn in ihr grobporiges Inneres gesaugt und schließlich verschlungen. Deshalb atmet er schwer, eingezwängt in diese zähe Masse. Er versinkt.

In den Figuren, männlichen und weiblichen, hat er Teile seiner Vergangenheit entdeckt, jetzt löscht er sie. Die Figuren sind das Lebendigste in der oberflächlichen Totenstadt. Sie hocken zwischen den Seiten, zucken, winden sich, wühlen sich wie Holzwürmer durch das Papier; und er lässt sie an seinem Tisch sitzen, neben sich liegen, sie begleiten ihn bei seinen seltenen Spaziergängen, schwirren wie Geister umher, schweben wie Mauersegler durch seine Zimmer zur Decke, dann im Sturzflug zu Boden und kriechen dort weiter, er hat Angst, über sie zu stolpern, sie zu zertreten, und was dann?, dann wäre unerträgliche Einsamkeit, schwarzes Schweigen.

In einer Masse von Touristen aus vielen Ländern, am Ufer des Genfer Sees, fand ich einen Mann, der die Einsamkeit suchte. Der Mann setzte sich auf »meine« Bank, zeichnete mit seinem Gehstock einen Kreis in den Sand und sagte, Nun sitzen wir auf derselben Bank, ich spreche zu Ihnen und Sie hören mir zu, doch dieser Kreis trennt uns, und Sie sind weiter entfernt von mir als der fernste Planet. Das ist Einsamkeit. Doch Einsamkeit ist nicht nur Energie, die uns in den Himmel heben kann, manchmal stößt sie einen in den Abgrund, und sie ist auch eine Zuflucht für verlorene Lieben.

Ich heiße Edouard Estaunié und bin Protokollant der Einsamkeit. Ich weiß, dass uns die Vergangenheit mit ihren Geheimnissen zu ersticken droht, unseren Raum verengt, unser Leben zusammenquetscht, bis sie es zerdrückt. Unter der sichtbaren Wirklichkeit verbirgt sich eine andere, die jeden, der sie erkennt, verblüffen würde. Keine Krankheit ist so schrecklich wenig greifbar wie diese. Je stärker uns die Einsamkeit bedrückt, desto tiefer wird unser Schweigen. Sie muss nicht dramatisch sein, doch ist sie gesättigt mit Trauer wie ein Sack Steine.

Wenn sich Erfahrungen häufen, kommt es zu chemischen Veränderungen im Gehirn. Das sieht man sehr gut bei Tieren; warum sollte es bei Menschen anders sein. Wenn man zwei Gruppen ausgewachsener Ratten

Oh, Andreas Ban verabscheut Ratten. Stefan Biber hielt 1300 Ratten in seiner Wohnung und unzählige Katzen. Urin und Exkremente bedeckten den Boden. Während die Katzen frei herumliefen, drängelten sich die Ratten in Käfigen, viele ohne Augen oder Beine. Die städtischen Behörden entzogen Stefan Biber deswegen die Wohnung, und er kaufte sich eine Zehn-Meter-Jacht, auf der er die Ratten und Katzen unterbrachte. Auf Bibers Jacht ging es den Ratten und Katzen nicht besser als in der Wohnung. Mitglieder des Tierschutzvereins kamen auf das Schiff und nahmen 37 Ratten und sechs Katzen mit, Biber zeigten sie wegen Tierquälerei an. Tierärztliche Untersuchungen ergaben, dass alle Stefan Biber entzogenen Tiere gesund waren. Biber erklärte öffentlich, er fühle sich als Opfer von Rache und Verfolgung.

Wenn man zwei Gruppen ausgewachsener Ratten, sagen wir einmal, achtzig Tage lang Lebensbedingungen aufzwingt, in denen man die Tiere in der einen Gruppe voneinander isoliert und unter jämmerlichen Bedingungen hält, während man die andere Gruppe zusammen lässt (in Gesellschaft, dann sind sie lebhaft), üppig ausgestattet mit Spielzeug und Auslauf, wächst bei den Ratten, die das »reiche« Leben leben, die Masse des cortex cerebri, und die Wirkung der Acetylcholinesterase im Gehirn verstärkt sich. Bei den anderen, in jeder Hinsicht verarmten Ratten nimmt die Masse des Cortex ab, das Hirn leert sich, die Erfahrung verflüchtigt sich, die Bilder verschwinden. Auch andere Hirnregionen der Ratten, die dynamischer leben, verändern sich positiv.

Ich retardiere, mein Gehirn schrumpft, a shrinking brain, sagt Andreas Ban.

Deine Stimme verliert ihre Modulation, Andreas, deine Sätze sind schleppend und monoton, du badest immer seltener, Andreas, und drehst Däumchen in der Stille.

Ein Mann, der sich zwei Stunden zuvor die Zunge abgeschnitten hat, wird in die Notaufnahme gebracht. Er hat sich auch die Hoden abgeschnitten, aber das ist jetzt nebensächlich. Der Patient wird als normal eingestuft. Bevor er sich ein Drittel der Zunge abschnitt, hatte sich der Patient in die Spitze und die Wurzel eine Ampulle Xylocain (Lidocain HCI20 mg, Epinephrin 0,125 mg/ml) injiziert, damit er während der »Operation« keine Schmerzen spürte. Um die Ärzte davon abzuhalten, ihm das abgeschnittene Stück wieder anzunähen, hat er es mit einer Schere zerschnitten. Es blutet nicht besonders stark. Der Patient bekommt eine Tetanusspritze und wird zur Genesung nach Hause geschickt. Nach zwei Monaten spielt er russisches Roulette, mit tödlichem Ausgang. Der Patient hieß Danil Demidov und lebte in der russischen Enklave Kaliningrad.

Estauniés Einsamkeiten, Solitudes, erinnern Andreas an Lotis Islandfischer, ein Buch, das ihn als Jugendlichen zu Tränen gerührt hat. Auch jetzt schwankt er – soll er sich dem unersättlichen Meer überlassen oder weiter in Einsamkeit vegetieren?

Welch gigantische Wüste ohne Schatten und Wasser! Hör mal, Andreas, der Mensch kann sich nicht einmal seinem Nachbarn öffnen. Das ist das Elend aller einsamen Seelen, die, parallel zu ihrem konventionellen, öffentlich sichtbaren Leben, ein furchtbares, qualvolles, geheimes Dasein fristen. Sie sind stille Dulder. Den Zustand dieser Männer und Frauen, beschämt von ihrer zerstörten und zerstörerischen Stille, hättest du, Andreas, in deinem früheren Leben als Repression bezeichnet, streng fachlich, hochsprachlich, doch in dieser Stille bleibt das Leben nicht stehen, geht nicht zu Ende, sondern stirbt allmählich ab, wird gelähmt, vegetiert im Verborgenen, im Dunkeln. So ein Leben im Gewächshaus, in Isolation, ist ein qualvolles Leben. Das weißt du jetzt, Andreas. Man muss nur sein, nur existieren! Schreib, Andreas, schreib alles auf.

À quoi bon? À quoi bon?, fragt Andreas Ban Estaunié. Oder vielleicht fragt er niemanden, weil da niemand ist, vielleicht murmelt er nur und ringt nach Atem.

Dann steht plötzlich der depressive Conrad vor Andreas Ban, der versucht hatte, sich umzubringen, es dann aber aufgab:

Wer begreift schon, was wirkliche Einsamkeit ist – kennt nicht nur die gern gebrauchte Phrase, sondern ihr nacktes Grauen? Vor dem Einsamen trägt sie eine Maske. Auch der Verworfenste klammert sich an eine Erinnerung, an ein Wunschbild. So habe ich überlebt.

Ach, komm schon, Conrad, sagt Andreas Ban. Welche Erinnerungen, welche Illusionen. Erinnerungen sind eine Illusion, und Illusionen sind nicht greifbar. Couéismus für Idioten. Nur Blinde (und Verrückte) rezitieren das Mantra Tous les jours à tous points de vue je vais de mieux en mieux.1

Andreas Ban liest noch, immer weniger, aber immerhin. Er sucht Bestätigungen für seine Erkenntnisse, auch wenn er keine Zweifel hat. Er liest Diskurse über Dürers Melencolia, den Kupferstich aus dem Jahr 1514, von dem Benjamin behauptet, er stelle die Ertötung der Affekte, einen schweren Grad des Traurigseins dar. Doch Andreas Ban ist nicht traurig. Ich bin nicht traurig, sagt er. Dürers untröstlicher Engel weckt in ihm Mitleid, nicht Identifikation. Nur die Landschaft, die Landschaft mit transzendentem Meer im Hintergrund, wühlt Andreas Ban auf. Das ist meine Perspektive, sagt er und schaut zu seinen inzwischen morschen, geschlossenen Fensterläden. Das ist das Ende des Spiels, sagt er. Benjamin glaubt, jeder Gegenstand in Dürers apokalyptischer Welt enthalte »rätselhafte Weisheit«, nicht so Andreas. Blödsinn, sagt er, schließt das Buch und legt Dürer weg.

Die Ausweglosigkeit, an der Andreas Ban immer schwerer trägt, kam nicht über Nacht, sie glitt leise und allmählich in seine Tage, folgte ihm wie ein Schatten, über den er schließlich stolperte. Ach, die Disharmonie, die Konfrontation dessen, was war, mit dem, was ist, was für ein Chaos. Deshalb steht er jetzt da und blättert, blättert sich selbst durch, seine Nächsten, seine Umgebung, und vor der endgültigen Löschung kommt so einiges heraus. Geheimnisse springen ihn an und fallen ihm ungebeten vor die Füße, Schemen der Vergangenheit, deren Ränder er mit einem Blinzeln zu schärfen versucht, Erinnerungsfetzen, die angesengt auf seinen Schultern landen, Freudenfünkchen, in denen er Feuerwerke (oder sanfte Wasserfälle) sieht. Und wie eine gigantische, tödliche Welle wälzen Verwirrung, Wut und Ohnmacht über ihn hinweg.

Andreas Ban liegt mit nacktem Oberkörper auf einer Liege beim Arzt. Im Raum ist es dunkel. Er wartet auf die Ultraschall-Untersuchung. Draußen regnet es. Tropfen hämmern gegen die Regenrinne. Er zählt die Tropfen, sie fallen schnell, sehr schnell, er erwischt sie nicht alle. Den bis zum Ellbogen eingegipsten Arm lehnt er an die Hüfte. Heben Sie beide Arme über den Kopf, sagt der Arzt. Der rechte Arm ist schwer. Der Gips ist schwer, sie haben zu viele Schichten aufgetragen, über der Schiene, das ist nicht üblich, so war es aber leichter. Und schneller. Das ist jetzt sein zweiter Besuch bei Doktor Molina. Vor drei Tagen war er schon hier. Verschwitzt und mit schmerzverzerrtem Gesicht kam er herein. Wie sieht denn Ihr Arm aus, sagte Doktor Molina, Sie sind ja ganz nass, beruhigen Sie sich erst einmal, und kommen Sie übermorgen wieder. An dem Tag hat es auch geschüttet. In dieser Stadt sind Frühjahr und Herbst regnerisch, selbst der Sommer, die Vegetation wuchert und gibt Mikropartikel ab, die seine Bronchien verstopfen; in den Taschen schleppt er Sprays mit sich herum und sprüht sich im Gehen was ein wie ein Drogensüchtiger, der Klebstoff schnüffelt und die Augen verdreht. Er verdreht nicht die Augen.

In einer durchsichtigen blauen Plastiktüte hatte er Trockenfutter dabei, Pellets für seine Katze, die schon bald darauf verschwindet. Sie geht als Letzte.

Er ist ausgerutscht. Seine Schuhe sind alt und die Bändel ausgeleiert.

Bändel?

Haben wir nicht.

Bändel?

Haben wir nicht.

Bändel?

Welche Farbe?

Schwarz.

Haben wir nicht. Wir haben rote.

Bändel?

Was ist das?

Senkel.

Senkel?!

Schnürsenkel.

Ach, Schnürsenkel! Haben wir nicht.

Bändel, Senkel, Schnürsenkel?

Welche Farbe?

Schwarz.

Haben wir. Wie lang?

Sechzig.

Haben wir nicht. Nur hundertzwanzig.

Hängen Sie sich doch dran auf.

Er rennt aus dem Laden, die Promenade glänzt vom Regen, er verliert das Gleichgewicht, die Pellets fliegen durch die Gegend, rollen über die glatten Steinplatten, er liegt auf dem Bauch, wird nass und schaut zu, wie die Pellets aufquellen, kleine braune Pünktchen in Form von Kleeblättern, die auf den polierten Steinplatten wie Pilze ihre Köpfchen recken, die Geräusche verstummen, wer hat den Ton abgedreht?, neben seinem Kopf laufen Schuhe vorbei, Männer- und Frauenschuhe, so will er bleiben, will im Regen einschlafen, dann hebt man ihn auf. Ich habe Plattfüße, sagt er, meine Wirbelsäule ist krumm. Er betrachtet seinen rechten Arm, das Handgelenk steht in einem Winkel von fünfundvierzig Grad ab wie ein umgeknickter Schilfhalm.

Dieser Arm, der in gymnastischer Pose von seinem gesunden Arm über dem Kopf gestützt wird, während Andreas Ban darauf wartet, dass Doktor Molina das Gerät einschaltet und ihn mit Gel einschmiert, dieser schwere Arm drückt nach unten und droht ihn umzuwerfen.

In der Traumatologie sagt man ihm, Der Doktor ist gerade zu Tisch.

Die Schmerzen sind höllisch.

Nach siebenundsechzig Minuten (die Schnürsenkel reißen, er kippt aus den Latschen) erscheint ein älterer dickbäuchiger Arzt in schmuddeligem Kittel über einem grauen Pullover, auf dem noch ein Reiskorn vom Mittagessen prangt. Vor Andreas Ban werden zehn andere Patienten untersucht, dann kommt er dran. Im Behandlungszimmer zwei riesige Plakate, jedes an einer anderen Wand. An der einen der Papst, der vorherige, an der anderen Tuđman.

Wozu die Plakate in einer Praxis für Knochenbrüche?, fragt er.

Der Arzt sagt, Wer sind Sie?

Ich brauche die Hand zum Schreiben, flicken Sie sie irgendwie zusammen, bittet er.

Dann fragt der Arzt, Fahren Sie nach Leipzig zur Buchmesse, über die wird zurzeit viel geschrieben, wissen Sie, ob Aralica2in Leipzig sein wird?

Nach dem Röntgen sagt der Arzt, Die kleinen Knochen sind gebrochen, gehen Sie in den Gipsraum.

Dort verpassen sie ihm diese Monstrosität.

Doktor Molina knetet an Andreas Bans Brustkorb herum. Wann haben Sie diesen Knoten entdeckt?

Gute oder schlechte Nachrichten?, fragt Andreas Ban, während Molina ihn weiter bearbeitet.

Molina schweigt, er schweigt lange, dann sagt er: Letzteres, fürchte ich.

Sein Herz bleibt stehen. Andreas Ban spürt, wie sein Herz in Zeitlupe durch seinen Rücken hindurch auf den Boden fällt. Er dreht sich auf die Seite, schaut über den Rand der Behandlungsliege und betrachtet sein großes Schwimmerherz, wie es ins Leere pumpt, als schnappe es nach Luft, immer langsamer. Mit gewölbter Hand hebt er das Herz auf und legt es zurück an seinen Platz.

Doktor Molina sagt: Lassen Sie uns reden.

Andreas Ban sagt: Gehen Sie zum Teufel, und geht hinaus in den Regen.

Er weiß nicht, was er mit der Diagnose anfangen soll, ca mammae, ein Tumor von einem Zentimeter Durchmesser. Soll er jemanden informieren? Von dem schmalen Gehsteig aus beobachtet er den Verkehr. Ein Junge mit einem rosafarbenen Regenschirmchen läuft vorbei. Ihm folgt ein Mädchen in einem nassen gelben Kleid. Beide lachen. Unter einem Vordach an der Straßenecke tippt eine Frau wie besessen SMS, ohne auf die Tasten zu schauen, sie starrt durch die Gegend, als könnte etwas Wichtiges passieren, tut es aber nicht. Eine andere junge Frau kreischt in ihr Handy Ciao ciao-ciao ciao ciao tschüs tschüs ciao tschüs ciao. Am liebsten würde Andreas ihr eine runterhauen. Die Regentropfen schmerzen auf seinem Kopf, als würde er der chinesischen Folter unterzogen, als warte er im Kerker auf der Seufzerbrücke in Venedig auf den letzten tödlichen Schlag gegen sein Gehirn. Der Schlag kommt nicht.

Er dreht den Kopf nach links und rechts und zählt Autos. Er müsste zum Friseur. Zum Abendessen ist er eingeladen und hat Wein gekauft.

Venedig?

Am Rialto glitzern Schaufenster, klimpern Ketten aus Murano-Glas, sehr alte und sehr junge Amerikaner lärmen, der Dinar ist in den Wechselstuben nichts wert. Rüber auf die Insel, nach Giudecca, wo die Gondolieri leben und dicke italienische Mammas, wo die Menschen arm sind, die Gassen solide, die Bäume grün und wo der Fisch aus der Lagune kommt. Wo die Kinder schmutzig und laut sind.

Er liebte Zoja in einem billigen Hotelzimmer, einem Zimmer voller Wanzen, mit staubigen Decken und feuchten Laken, und es war gut. Inmitten all des Verfalls stellte er sich die tote Elvira vor, aufgelöst, Schenkel voller Würmer umfingen ihn, er saugte an ihrer verkohlten Brust, grub seine Zähne hinein, bis dickes, dunkles Blut floss. Krampfhaft zerrte er an Elviras Haaren, die sich nicht greifen ließen (sie sind nicht da, ausgefallen vom Zytostatikum) und wie Spinnweben an seinen Fingern klebten. Er küsste Elviras leere Augenhöhlen, bis Zoja sagte, Andreas, das tut weh. Zoja verließ ihn bald darauf. Oder er sie. Sie verließen sich.

Seit fünfundzwanzig Jahren ist Elvira nicht mehr da. Für Leo ist Elvira ein Märchen, das niemals wahr werden wird, eine erfundene Erinnerung, eine eingebildete Liebe. Für Andreas ist sie ein Knäuel, das durch seine Brust rollt, ein Knäuel, dessen Melodie erstirbt.

Dreiunddreißig Jahre seit Marisas Tod.

Bei Männern ist ein Brustkarzinom ein sehr bösartiges Karzinom, die Prognose für Männer mit Brustkrebs deutlich schlechter als für Frauen. Unabhängig vom Stadium der Krankheit überleben sechsunddreißig Prozent der Patienten fünf Jahre, siebzehn Prozent leben noch zehn Jahre.

Marisa, seine Mutter, ging mit fünfzig.

Elvira mit dreißig.

Sein Vater ist zweiundneunzig, er will sterben, stirbt aber nicht.

Andreas Ban geht ins Antiquariat um die Ecke. Er kommt oft hierher, trinkt Kaffee mit Oskar und blättert in Büchern. Er bringt Oskar alte Postkarten mit, historische Dokumente, Schwarz-Weiß-Fotografien, »Familienandenken« mit bekannten Persönlichkeiten aus der Welt der Politik, fast alles Kopien (die Originale verwahrt er), er leert seine Schubladen. Oskar steht am Eingang und lächelt ihm zu. Soll ich mir die Haare schneiden lassen?, fragt Andreas Ban. Er wartet die Antwort nicht ab und sagt: Ich habe Brustkrebs. Oskar lächelt nicht mehr. Ein Siebzigjähriger streift durch das Antiquariat und wendet sich dann auf Italienisch an Oskar, Avete delle vecchie fotografie famigliari?, fragt er. Unter den Fotografien, die Oskar dem Fremden zeigt, entdeckt Andreas Ban einige, die er bei Oskar entsorgt hat, von seiner Familie, Fotografien vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, zum Beispiel eine Sepia-Aufnahme seiner Urgroßmutter, von der er nichts weiß, weder wie sie lebte noch wie sie roch, die ihm vollkommen fremd ist, deshalb braucht er sie auch nicht; er sieht einen Verwandten aus der väterlichen Linie in Jagdstiefeln und mit gezwirbeltem Schnurrbart, er kennt nicht einmal seinen Namen, er betrachtet die Verwandten, kleine, flache Figuren, und den alten Italiener, der in den Stapel toter Geister eintaucht, er hört ihn sagen, Ecco la mia nonna, ho trovato la mia nonna. Comprerò tutto. Andreas Ban sagt nichts, er denkt an seine Brust. Der Mann verlässt das Antiquariat mit einer Menge Papiermenschen, verstaut in eine Plastiktüte, Aus Triest, sagt Oskar, der kommt regelmäßig, sucht seine Familie.

Er hat meine Familie gekauft, sagt Andreas Ban, fremde Leben.

Das war vor drei Jahren, damals war sein Zustand neu. Es war für Andreas Ban die dritte neue Situation innerhalb eines Jahres. Danach kamen immer mehr neue Situationen, ohne Ende. Die erste Situation betraf seine Wirbelsäule, als er Plattfüße bekam. Der Verfall hatte begonnen. Sein Körper zerfiel, und mit ihm lösten sich Andreas Bans Tage auf.

In letzter Zeit wird viel über den Körper geschrieben, den Körper als Landkarte, den sich erinnernden Körper, den strafenden, den dicken, den dünnen, den muskulösen, den schlaffen Körper, den Körper, der liebt, den Körperkult, die Reinheit des Körpers, den Körper und seine Signale, den lenkenden, den bestimmenden, den befehlenden Körper, den Körper, der sich auflehnt. Den Körper, der aufgibt? Meist schreiben Frauen über den Körper, dass sie nicht nur einen Körper haben, sondern ihr Körper sind. Das irritiert Andreas Ban. Er ist überzeugt, dass er und sein Körper wetteifern, wer gewinnen wird. Andreas Ban kommt ohne Essen aus, ohne Schlaf, ohne Bewegung, er kann mit seinem Körper tun und lassen, was er will. Er muss nur die Kontrollpunkte finden.

Die Frau, die in der Ambulanz neben ihm sitzt, schmatzt und knirscht in regelmäßigen Abständen. Ihr Gebiss rutscht heraus. Am liebsten würde er sagen, Gnädige Frau, kleben Sie diese Kastagnetten fest. Oder nehmen Sie sie raus. Alles nervt ihn. Die Stimmen um ihn herum stechen wie Nadeln in sein Hirn, entfachen einen Sturm in seiner Brust, hallen in seinen Ohren. Wenn er allein ist, ist es still in seinem Kopf. Niemand spricht, nichts ist zu hören. Hier und da schleicht sich ein Gedanke in seinen Schädel, wirbelt träge auf und verfliegt. Die Gefahr lauert draußen.

Die Schmerzen beim Laufen werden schlimmer, auf Krücken dreht er eine Runde durch die Ambulanzen und erledigt alle Untersuchungen und Analysen, es dauert eine Ewigkeit. Nach dem Röntgen der Wirbelsäule schießt der Radiologe aus seinem Büro und ruft: Das ist die Wirbelsäule eines Neunzigjährigen, schämen Sie sich! Andreas Ban sagt, Mir tun alle Knochen weh, habe ich vielleicht Krebs? Ich weiß es nicht, sagt der Radiologe, lassen Sie schnellstens ein CT machen. Nach zehn Tagen Ungewissheit erfährt Andreas Ban, dass er keinen Knochenkrebs hat, aber eine MRT nötig ist, auf die man mindestens sechs Monate wartet.

Nach der MRT heißt es, Gehen Sie zum Neurochirurgen, der entscheidet, wie es weitergeht. Alles in allem war er zehn Monate mit seiner Wirbelsäule beschäftigt, mit seinen kaputten Wirbeln, mit seinen Schmerzen und wie er sie aushalten soll, im Liegen, im Sitzen und am schlimmsten bei jedem Schritt.

Seitdem humpelt er. Schwankt beim Gehen. Wie ein Schiffsmast, würde Kiš sagen.

Der Neurochirurg betrachtet die MRT-Aufnahme, in der Ambulanz herrscht eine grässliche pulsierende Stille, die in Andreas Bans Ohren dringt und dort im Rhythmus seines Herzschlags dröhnt. Unter seinem Kinn pocht es, als würde dort ein mechanisches Huhn nach Körnern picken.

Um wie viel sind Sie geschrumpft?, fragt der Neurochirurg.

Fünf Zentimeter ist er kleiner geworden. Zum Glück war er groß und kann sich die Verkleinerung leisten. Er hat immer noch eine ganz anständige Größe von eins fünfundachtzig, die kleine Menschen irritiert. Schlimm wäre gewesen, wenn er beispielsweise von eins siebzig auf eins fünfundsechzig geschrumpft wäre, dann wäre er jetzt ein Zwerg und müsste in Gesellschaft hochspringen, wenn er wütend ist; so kann er ruhig stehen bleiben.

Ihre Wirbelsäule weist schwere degenerative Veränderungen auf, fährt der Chirurg fort, wie können Sie überhaupt laufen, Sie haben die Wirbelsäule eines Neunzigjährigen, das ist der Rücken eines Neunzigjährigen, wie alt sind Sie, wie alt, und wie können Sie überhaupt laufen?

Er fragt zurück, Was machen wir jetzt?

Der Neurochirurg sagt, Wir können zwei, drei, vier Wirbel rausnehmen, so viele wie nötig, und sie durch Stahlwirbel ersetzen, genauer gesagt Teflon. Auf beiden Seiten der Wirbelsäule werden Stahlschienen eingesetzt, die zuvor mit entnommenem Muskelgewebe umwickelt werden, sagt der Neurochirurg, das ist sehr schmerzhaft, drei Monate unerträglicher Schmerzen, eine schwere Operation, und der Erfolg ist ungewiss.

Sie sollten nicht schwitzen, Sie sind ganz blass, sagt der Neurochirurg noch. Es gibt auch konservative Methoden, Reha, Strom, Wasser, Übungen, Magnete, Sie müssen sich mit Ihrem Körper beschäftigen.

Und dann?, fragt Andreas Ban.

Dann können Sie im Garten rumbuddeln, sagt der Neurochirurg.

Ich habe keinen Garten, stellt Andreas Ban richtig, und ich buddle nicht gerne rum, was würden Sie machen?

Ich würde im Garten rumbuddeln, sagt der Neurochirurg, ich liebe es, im Garten rumzubuddeln, das entspannt mich. Dann ergänzt er, Ohne Operation gebe ich Ihnen noch vier Jahre.

Und dann was?, fragt Andreas Ban.

Der Rollstuhl.

Damals, 2007, nimmt Andreas Ban einen Kredit auf und macht Therapien. Die Krankenkasse lehnt eine Kostenübernahme ab, weil er noch nicht inkontinent ist und ohne Hilfe humpeln kann.

Die Sachbearbeiterin im Krankenhaus sagt, Sind Sie froh, dass es kein Gehirntumor ist.

Er sagt: Seien,

und die Sachbearbeiterin sagt, Ja, sind Sie froh,

er antwortet, Es heißt seien,

und die Sachbearbeiterin wird laut: Regen Sie sich nicht auf, sind Sie froh.

Er soll sich also freuen, weil er nicht weiß, wann er sterben wird.

Als Jugoslawien auseinanderbricht, arbeitet Andreas Ban noch in Paris. Man hat ihn nach Paris geschickt, weil man ihm vertraut. Er ist nach dem Krieg in Paris geboren, sein Vater, der Volksheld, Träger des Partisanenordens von 1941, sollte dort Verbindungen knüpfen. Kulturelle, politische und wirtschaftliche. Seine Eltern ließen ihn nicht als französischen Staatsbürger eintragen, damals hätte das wohl als unpatriotischer, verräterischer Akt gegolten; sie ließen seine Ankunft auf der Welt im jugoslawischen Geburtenregister festhalten. Als er alt genug war, um diesen Umstand zu ändern, hatte er Wichtigeres zu tun, it didn’t cross his mind, Franzose zu werden.

Als Jugoslawien auseinanderbricht, geht Andreas Ban zurück nach Belgrad, wohin auch sonst? Und wird entlassen. Man sagt ihm, du bist ein Staatsfeind, du bist Kroate. Er hat einen Namen und hält es nicht für wichtig, dass er Kroate ist. Für andere ist es wichtig. Andreas Ban zehrt von bescheidenen Ersparnissen. Enge Freundschaften bröckeln. Kollegen begeistern sich für den serbischen Nationalistenführer Šešelj. Andreas Ban streift durch die Straßen, er besucht seine Gräber. Bekannte wundern sich, dass er noch in Belgrad ist. Bist du nicht in der Kroatischen Nationalgarde? Er könnte einberufen werden, von Belgrad aus, könnte den Auftrag erhalten, geh nach Kroatien, kämpfe für ein freies Jugoslawien. Sie könnten ihm sagen, du darfst ruhig töten.

In Belgrad ist er aufgewachsen, seit seinem siebten Lebensjahr lebt Andreas Ban in Belgrad, hier hat er studiert, von Belgrad ging er nach Skopje, um seinen Wehrdienst zu leisten, Wehrbezirk drei, Marschall-Tito-Kaserne, Militärpost 4466, von Skopje kam er nach Belgrad zurück, in Belgrad hat er geheiratet und seine Elvira beerdigt, die Pianistin Elvira, die auf dem Sterbebett sagte, Ich liebe dich, als wäre ich die Madigan. Was hätte er tun sollen? Sich umbringen wie Sixton Sparre? Auch seine Mutter hat er in Belgrad beerdigt, sie sagte, Wenn ich sterbe, bringt mich zurück nach Split, ins Meer. Sie wurde nicht zurückgebracht. Verbrannt ja, aber nicht zurückgebracht, der Aufwand wäre zu groß gewesen. Inzwischen besteht die billige Urne wahrscheinlich aus lauter kleinen Löchern, durch die Asche rieselt, durch die Marisa in Form winziger Krümel in die Erde bröselt. Dafür ist die zu Silvester 1971 gekaufte und am Kopfende des Grabes eingepflanzte kleine Tanne, ein Tännchen, inzwischen eine imposante Tanne geworden, deren Wurzeln Marisa wie leichten, feinen Staub in sich aufnehmen.

In Skopje lebten sie wie die Fürsten, in Skopje bekam Andreas Ban den Spitznamen »Lord«. Morgens fuhr er Brot in die Kasernen aus, nachmittags arbeitete er in der Schreibstube, stellte Genehmigungen für Freigänge aus, teilte Dienste, Wachen und Feuerwachen ein, doch hauptsächlich las er. Freie Abende verbrachte er in Kneipen und im Theater. Im Winter drängte eisige, beißende Kälte in die Kaserne, bis die Soldaten genügend Holz hackten und die Bolleröfen glühten, dann ließen sich die Finger wieder bewegen. Es gab auch Tage, an denen der viele Schnee und die geisterhafte, dunkle, öde Stille die Marschall-Tito-Kaserne in die Welt von Edgar Allan Poe versetzten. Wenn ein Großteil der Soldaten Ausgang hatte, meist an Wochenenden, trieben die tropfenden Hähne in den verlassenen, leeren Waschräumen Andreas Ban in den Wahnsinn, während er in seinem Büro saß und Vorträge für die »Rotärsche« vorbereitete oder Material zur Mechanik zusammenstellte, woraus später ein Handbuch für »seinen« zweiten Zug entstand. Das Tropfen hallte von den Waschbecken wider, die, so niedrig, wie sie waren, an Viehtränken erinnerten, es klang wie das Ticken einer Uhr, es kennzeichnete Zeit, die nicht verging, die an ihrem eigenen Echo erstickte.

Andreas Ban könnte sich an weitere Details aus seiner Armeezeit erinnern. Daran, dass die jungen Soldaten, die Rotärsche, die Älteren Geier, Haken, Pfeiler oder alte Knochen nannten. »Unterm Deutz genießt der Geier, dass ihm der Rotarsch krault die Eier«, sangen Geier wie Rotärsche. Andreas Ban nannten sie Opa, er war vierundzwanzig Jahre alt. Er könnte sich daran erinnern, dass der Feind permanent vor dem Angriff stand, aber nie kam, und an die Pforte, wo er mit Albert aus Osijek Rosen pflanzte; Andreas Ban könnte sich an Tarzan erinnern, den Kommandanten der Kaserne, der schwankte wie eine Bohnenstange (»Abteilung richt’ euch!«), oder an Maus, den zarten blauäugigen Hauptmann, der stank nach Sauerkraut. Er könnte sich an den Tripper erinnern, den er sich in der Nacht holte, als Ruta Nutta schrie, Ja, ja, ab ins Tor … Aber er will sich nicht erinnern an die Enge, die er einatmete, die er auskotzte. Er war in die Gruft der Zeit gesunken, zum Kadaver geworden, eingehüllt in Sinnlosigkeit und Unsinn, in die grotesk konstruierte Absurdität des Soldatenlebens mit seiner dramatischen Aura. Er wird sich nicht erinnern, diese zwanghaften Erinnerungen sind eklig, mit denen sich Männer noch Jahre nach dem Wehrdienst ihrer Männlichkeit vergewisserten, ihrer ewigen Freundschaften, und diese Freundschaften zerfielen kurz danach zu Staub, zum nichtigen Gedenken. Und dann der Krieg.

Während sie in Skopje mit veralteten T-59-Panzern (chinesische Kopien des berühmten T-55) auf den imaginären Feind warteten, der über Prizren aus Albanien kommen sollte, baute Enver Hoxha in seinem ganzen Land hysterisch Bunker und südlich von Tirana die Luftwaffenbasis Berat-Kuçovë, mit Jagdbomber-Geschwadern, MiG-15/19 und 21, Version F-13, alle aus chinesischer Produktion mit der Bezeichnung F-5/6/7.

Die 750000 Bunker, in denen die Albaner jahrzehntelang Gewehr bei Fuß im Schlamm hockten und auf den Feind lauerten, werden heute zu düsteren Wohnobjekten umgebaut, zu Cafés und Diskotheken, besichtigt von lächelnden und staunenden Touristen, die Miniaturmodelle dieses Wahnsinns kaufen, der ein halbes Jahrhundert währte und ein ganzes Volk gebeutelt hat. Die Souvenirs, die kleinen Bunker, die Touristen aus glücklicheren Ländern an nichts erinnern, stellen sie nach der Rückkehr in ihr geregeltes Leben, in Regale, manche haben die Form von Aschenbechern, darin drücken sie Zigaretten aus.

Er wird Albanien besuchen, das hat er bisher nicht geschafft. Als 2008 einige seiner Bekannten nach Albanien reisten, musste Andreas Ban sich seine kleine Beule operieren lassen, es überschnitt sich, so wie sich Träume oft mit dringenden Angelegenheiten in der Wirklichkeit überschneiden, und was bleibt, ist ein Loch in der Brust. Sein Nachname Ban ist illyrischen Ursprungs, albanisch, arnautisch, seine Wurzeln sind irgendwo dort, unter dem Gebirgsmassiv eingezwängt zwischen längst verwesten Knochen gefallener Krieger, zurückgelassen, als seine Vorfahren im 15. Jahrhundert vor den einfallenden Türken nach Istrien flüchteten. Egal, Zufall oder nicht, Albanien zieht sich durch Andreas Bans Leben, ein rostiger Eisendraht, der lose herumhängt, sich dann aber doch immer wieder verhakt, ein Nebenfluss der Geschichte, der aber immer wieder Hochwasser führt und die Schicksale der Menschen an seinem Ufer aufwirbelt. Doch das ahnte Andreas Ban damals in der Kaserne nicht, als er sich mit Blick auf die albanische Grenze die abgeschottete, versteinerte Welt dort vorstellte, das traurige, ärmliche Leben, des Lächelns und selbst der Tränen beraubt.

Viele Jahre später liest Andreas Ban ein Buch mit dem Titel Sonnenschein über eine italienische Familie während des Zweiten Weltkriegs. In einem Kapitel stößt er auf den Namen Ruben Ketz, Andreas Ban hebt die Augenbrauen und sagt, Unmöglich. Es gibt viele Menschen mit demselben Vor- und Nachnamen, versucht er sich zu überzeugen, während er in Sonnenschein liest, dass die italienisch-jüdisch-faschistische Familie Tedeschi 1939 nach Valona zog, wo noch sechshundert Juden lebten, und dass sich die damals sechzehnjährige Haya im Alter nur an Fanny Malli erinnerte, weil die einen Hasen an der Leine führte, und an Ruben Ketz, der die Hosentaschen voll schwarzer Kieselsteine hatte und besser Albanisch sprach als Haya. Nach dieser bedeutungslosen, angeblich fiktiven Information bemächtigt sich Andreas Bans eine leise Unruhe, gänzlich nebensächlich für sein Leben. Doch die Zeit vergeht, neue Risse ziehen durch die Geschichte der Familie Ban, gutartige Risse, schmerzlos, aber dennoch Risse, die wieder einmal bestätigen, dass unser Dasein eher erfunden und eingebildet ist denn wirklich, und so weiß Andreas Ban heute nicht, was er mit seinem verworrenen, konfusen und ermüdenden Zustand anfangen soll, jetzt, wo ihn alle möglichen Krankheiten anfallen und wo ihm vertuschte, verschwiegene und gefälschte Wahrheiten vor die Füße gespült werden.

Andreas Bans Schwester, gestorben 1997 in Ljubljana an einem Hirnschlag, heiratet Ende der sechziger Jahre einen gewissen Carlo Ketz, Bauingenieur aus Triest, von dem sie »wegen unvereinbarer Charaktere« bald darauf geschieden wird. Sie haben keine Kinder. Kurz nach der Scheidung wird Carlo Ketz in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses San Giovanni in Triest eingewiesen, das wenig später in Casa Rosa Luxemburg umbenannt wird und in den Sechzigern wie die psychiatrische Klinik in Gorizia vom berühmten Franco Basaglia reformiert worden war. An der Fassade prangte einst ein grellrotes Graffiti, Therapie ist Freiheit. Andreas Bans ehemaliger Schwager Carlo Ketz wird wegen des Verlusts seiner Identität behandelt, beziehungsweise wegen einer gestörten Wahrnehmung seiner selbst und der Zeit; weil es ihm immer schwerer fällt zu entscheiden, wer er ist, wird er zu mehreren Personen, deren Leben er parallel lebt, wie Tereza Acosta, ein weiterer Beweis dafür, dass die Diskrepanz zwischen Ich-Wahrnehmung und dem gebrochenen Abbild unseres Lebens in Wirklichkeit keine Krankheit ist, sondern eine für unsere zerstückelte, perforierte Gegenwart typische Erscheinung.

San Giovanni ist ein humanes Krankenhaus, Jugendstilarchitektur, wunderbar in die Umgebung eingebettet, junge Leute drehen ihre Runden ums Haus, in der Nähe sind eine Diskothek, Cafés, Restaurants und Eisdielen, sogar ein kleines Theater, die Natur ist bezaubernd, nicht anders als die Umgebung einiger nationalsozialistischer Konzentrationslager, die Bevölkerung multiethnisch, die Kulturen mischen sich, wie schön, die Patienten gehen hinaus, wann immer sie Lust haben, einige allerdings nur in Begleitung; Carlo Ketz, der ehemalige Mann von Andreas’ Schwester, möchte man meinen, führt also in der Psychiatrie von San Giovanni heute, in betagtem Alter, ein ruhiges integriertes Leben, als wäre er nicht, wo er ist, als wäre er unter uns.

Franco Basaglia, der weiß, wie gefährlich geschlossene Psychiatrien sind, weil der Mensch hier abgestempelt und seine Identität »von der Wiege bis zur Bahre« zergliedert wird, spricht sich für eine demokratische Psychiatrie und die Schließung psychiatrischer Kliniken aus, die Menschen zusätzlich erbarmungslos seelisch, geistig und zuletzt physisch in den Abgrund stoßen. Wenn sich ein kranker Mensch eingezwängt zwischen den Mauern einer Psychiatrie wiederfinde, sagt Doktor Basaglia, betrete er eine neue Dimension emotionaler Leere, die institutionalisierte Neurose. Andreas Ban hat den Eindruck, dass für eine institutionalisierte Neurose keine Hospitalisierung nötig ist, es genügt, in einem Büro zu sitzen, Angestellter zu sein, und sei es als Universitätsangestellter, oder insbesondere als Universitätsangestellter, denn das Universitätspersonal ist von einer undurchdringlichen Mauer scheinbarer Autonomie und akademischer Korruption umgeben, wozu im Übrigen schon Kafka einiges zu sagen hatte. In der Psychiatrie, so Doktor Basaglia, betrete der Mensch einen Raum, der ursprünglich dazu gedacht war, Menschen zu zähmen, ungefährlich, ruhig, sanft und gehorsam zu machen, stets im christlichen Geist, meist gemäß katholischer Weltanschauung, eine der gefährlichsten Weltanschauungen, brechend voll mit Lügen, tödlich für den Geist, im Grunde seit Jahrhunderten reines Propagandatheater, lästig, schlecht getarnt, mit hohlen Texten und kitschigem Bühnenbild, und im grotesken Zentrum stolziert unter einem schweren golddurchwirkten Umhang in roten Prada-Schühchen der Papst.

Wenn sie Menschen in psychiatrischen Kliniken unterbrächten, behauptet Basaglia, pferchten die »Zuständigen« sie in einen Raum und strebten mit Hilfe von Medikamenten eine Metamorphose an, die Patienten in für die Außenwelt annehmbare Individuen verwandle. Paradoxerweise werde stattdessen die Individualität der Patienten komplett zerstört. Wenn eine seelische Krankheit im Grunde den Verlust der Individualität und Freiheit bedeute, dann verliere ein kranker Mensch sich in einer Anstalt für Geisteskranke zusätzlich und vollkommen selbst, er werde zum Gegenstand seiner Krankheit, von der er sich nur schwerlich erholen werde. In solchen Anstalten werde ihm die Zukunft genommen, hier taumelten Menschen ohne Gegenwart umher, der Fähigkeit beraubt, Entscheidungen zu treffen oder aufzubegehren, immer abhängig vom Willen, der Direktive und dem Diktat anderer, sagt Basaglia.

Wo bin ich, fragt Andreas Ban, drinnen oder draußen?

Dass Carlo Ketz, der ehemalige Mann seiner älteren Schwester, »interniert« war, erfährt Andreas Ban Mitte der siebziger Jahre, als er sich in Skopje, in der Marschall-Tito-Kaserne, Feldpost 4466, aufhält und mit Blick auf die albanische Grenze seine Wurzeln hinterfragt, bereit, die Heimat gegen unsichtbare und nie gesehene feindliche Mächte zu verteidigen.

Erst als er in Sonnenschein