4,99 €
Zeit des Umbruchs auf dem Kontinent Kenka – ein Jahr, nachdem sich die Gefährten aus der Geschichte von der Reise nach Tama unfreiwillig trennen mussten, droht ein erneuter Krieg die Menschheit auszulöschen. Diesmal müssen sich die Völker gegen uralte Feinde, die Drachen, behaupten. Trotz seiner Abneigung gegenüber den Menschen fällt es dem Wolfsjungen Ukusim zu, für Frieden zu sorgen. Dabei unterstützen ihn die Jägerin Autumn unbewusst und die Miko Utari tatkräftig, während ihm etliche mysteriöse Gestalten begegnen. Ein letztes Mal lastet die Hoffnung der Welt auf den Freunden, welche einer unheimlichen Macht ausgeliefert sind ... und sich tapfer ihrem Schicksal stellen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 522
Veröffentlichungsjahr: 2024
wundersam
alles, was man sich vorzustellen vermag,
ist irgendwann irgendwo Realität
den im Geiste Verwandten
Kevin Johann Wundersam
tama monogatari
zweite Hälfte
beneath the ancient sun
© Kevin Johann Wundersam
2024 – aktuelle Auflage
2019 – Originalveröffentlichung
Epik · Roman · Fantasy
Coverbild Model: DoVanAnh
Coverbild Fotografie: MinhDuc
wunderversum
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH,
Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
ISBN 978-3-384-46701-0 (softcover)
ISBN 978-3-384-46702-7 (hardcover)
ISBN 978-3-384-46703-4 (e-book)
Für die Erstellung dieses Werkes erforderliche Programmlizenzen (etwa für Verarbeitung und Gestaltung) wurden entweder rechtlich erworben oder gelten als frei. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit aller angegebenen Daten wird keine Gewähr übernommen.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jedwede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig.
Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors;
zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
BENEATH THE ANCIENT SUN
Was sind wir? Sind wir unsere Entscheidungen? Sind wir die Summe unserer Erinnerungen? Sind wir die Summe unserer Träume? Sind wir mehr als das? Was sind wir wirklich? Wir sind prädestiniert aufgrund der Gene der Vorfahren, geprägt von vergangenen Ereignissen, durch unzählige merkwürdige Faktoren beeinflussbar, den unantastbaren Mächten ausgeliefert, Bastler zukünftiger Erwartungen, Bindeglieder einer nicht endenden Kette – mit einem Auge beobachten wir das Schicksal, das wir nicht ergründen können und nur auf den Zufall reduzieren; unser anderes Auge ruht auf dem unausweichlichen Tod, der die Schritte lenkt und einem höheren Zweck dient. Wir hoffen und wir bangen, sehen uns immer wieder mit dem Leid und dem Glück konfrontiert. Und wir können nur danach streben, etwas zu hinterlassen oder mitzunehmen, bevor wir schlussendlich weitergehen. Wir sind ein Teil der Unendlichkeit.
die Sonn’ strahlt blutend
am Tage, ganz und gar rein
soll ihr Wille sein,
obgleich das Leid der Wesen
mir das Herz zerdrückt
Susanoo verstärkte den Druck, vorsichtig aber bestimmt. Langsam tasteten seine langen zitternden Finger nach den rotblonden Haaren seiner Geliebten, und als sie in der Mähne verschwanden, zog er ihren Kopf in den Nacken. Sofort sprang ihr Mund auf. Fast gleichzeitig entwich ihr ein kaum wahrnehmbarer Laut.
Als die langen Fingernägel des jungen Mannes unterhalb ihres Bauchnabels einen kleinen Kratzer hinterließen, zuckte die Kitsune zusammen und drückte seine Hände von sich.
»Du hast mir versprochen, zärtlich zu sein«, flüsterte sie. »Weißt du noch?«
»Sicher, ich hab es nicht vergessen«, hechelte Susanoo.
Es war schwierig, sich zurückzuhalten, aber für seine Geliebte wollte er sich Mühe geben. Mit weniger schnellen Bewegungen verschaffte er sich Zutritt zum Versteck zwischen ihren Beinen. Im Mondlicht schimmerten die feinen Härchen darüber fast weiß. Am liebsten wäre er mit der Schnauze in dieser Höhle verschwunden, aber für heute begnügte er sich damit, mit den Fingerspitzen daran herumzuspielen.
Die Kitsune wand sich, während sie alle Gliedmaßen in Ekstase verdrehte. Ihr nackter Hintern rutschte auf dem Bettlaken umher und verteilte den Schweiß überall. Nach fast fünf Minuten hatte sie alle Hemmungen verloren. Sie packte Susanoo am Hals und flehte ihn an, sie zu nehmen.
Der Ookami fuhr in sie, und zunächst spannte sich ihr Körper an, die Augen fest geschlossen. Dann allerdings stöhnte sie lauthals vor sich hin. Zuerst darauf bedacht, nicht zu wild mit ihr umzugehen, steigerten sich Susanoos zärtliche Bewegungen bald in feste Stöße, die ihre Becken zusammenklatschen ließen und dabei schmatzende Geräusche hervorriefen. Schon bald explodierten beide vor Lust.
Schließlich sank der Wolfsjunge erschöpft auf zusammen. Leise schnaufend lagen sie da, bis Susanoo die Kraft fand, seinen Kopf zu heben und seine Geliebte anzublicken.
»War es so schön, wie du gehofft hast?«
Stumm starrte ihn das Fuchsmädchen an, doch es lächelte.
An die nächsten Minuten konnte sich Susanoo nur noch dunkel erinnern. Seine ohnehin abgeschweiften Gedanken waren wie von einem dunklen Schleier umhüllt, durch dessen von zahlreichen Motten hineingefressenen Löcher ein Meer aus Flammen zu erkennen war.
Er wollte sich die Stirn massieren, doch sein großgewachsenes Gegenüber war schneller und hatte ihn am Kinn gepackt. Die Kraft des blonden Mannes wurde aufgrund seiner blanken Wut beinahe verdoppelt. Susanoo hatte mit seinen siebzehn Jahren kaum eine Chance, sich dagegen zu wehren, und das, obwohl er die Kräfte eines Wolfes besaß.
»Wo ist meine Tochter?«, schrie sein Peiniger.
»Finger weg von meinem Sohn!«, ertönte plötzlich eine andere Stimme, etwas weniger wütend aber mindestens genauso aufgebracht.
Der kleingewachsene stämmige Vater des Jungen stieß den Vater des Mädchens zurück. Er funkelte ihn grimmig an, dann strich er sich durch den dunklen Bart und atmete tief durch. Trotzdem ließ er zuerst seinen Kameraden zu Wort kommen.
»Hast du gewusst, dass sie sich heimlich treffen, Bobby?«, knurrte der blonde Mann.
»Jawohl, ich habe es gewusst«, gab der braunhaarige Mann zu. »Es sind Jugendliche, John, fast noch Kinder. Sie ignorieren die gutgemeinten Ratschläge ihrer Eltern und machen, was sie wollen. Und in diesem besonderen Fall, wie kannst du es ihnen verübeln? Sie haben niemand anderes!«
Natürlich konnte John seinen Freund Robert verstehen. Mit einem Fell auf dem Rücken und einem langen Schweif an dessen Ende konnte man sich nicht jedem Menschen offenbaren. Es war nur verständlich, dass Johns Tochter und Roberts Sohn zueinander gefunden hatten. Sie teilten ihr Leid, das die Welt über sie gebracht hatte.
Ein Fuchsmädchen und ein Wolfsjunge. Eine Kitsune und ein Ookami.
Schon verwandelte sich die Wut in Trauer. Die brennende Hütte heulte nun so laut, dass man sich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte. Am grässlichsten war das Knirschen, wenn das winzige Gebäude einen weiteren Schritt in Richtung seiner Zerstörung machte. Es schien, als würden die Flammen bis zum sternenbehangenen Himmel züngeln.
»Wo ist meine Tochter?«, fragte John noch einmal.
»Nicht hier«, antwortete Susanoo an Bobbys Stelle, unfähig den Blick zu erheben. »Kaguya ist verschwunden.«
PROLOGerhebe dich erneut
Müde lächelte Constantia Shinri in die Finsternis. Irgendwie war alles so gekommen, wie sie es vorausgesagt hatte. Doch auf eine gewisse Art und Weise hatten sich einige Begebenheiten in einer Form zugetragen, die ihr nicht behagten. Um es kurz zu sagen; der Plan war aufgegangen, allerdings nicht zum Wohle aller Beteiligten.
Natürlich spielten Weltenbummler mit ganzen Planeten, als wären es ihre Baukästen, und sie schubsten allerlei Wesen wie Spielfiguren herum. Nichtsdestotrotz hatte Shinri ihrem ehemaligen Partner Hikari versprochen, sich nicht zu stark in die Geschichte um Tama einzumischen. So war es ihr nun nicht vergönnt, den Schwertkämpfer Haru aus seinem Schlaf zu erwecken. Aber das regelte sich schon von alleine. Immerhin gab es da eine Kitsune, die nicht ruhen würde, bis sie ihre Freunde wieder um sich wusste. Und letzten Endes würde das Geschlecht Tama diese Welt regieren, so wie es vorherbestimmt war. Trotzdem, es gab einige Fehler auszubügeln. Und das musste unverzüglich getan werden.
»Seltsam; wirklich seltsam. Hätte Haru Okuni nicht gerettet, wäre er niemals auf Oichi getroffen, sondern hätte andere Gefährten gefunden. Auf der Reise nach Tama wäre er nicht in Richtung Winddorn gegangen, also wäre er Helena nie begegnet. Stattdessen wäre er auf Selena gestoßen, die sich in ihn verliebt hätte. Gemeinsam hätten sie Kenka gerettet, doch die Schlacht hätte stattgefunden. Sie hätten über Tama regiert und Kenka eingenommen, und die magischen Wesen wären aus dieser Welt verschwunden. Aurora wäre sowieso geboren worden, aber sie wäre eine ganz andere geworden. Und was mit Ki geschehen wäre, kann selbst ich nicht sagen. Das alles wegen nur einer einzigen Entscheidung – wirklich seltsam.«
Langsam stemmte sich die Magierin Shinri von ihrem gewaltigen Thron und schnippte mit den Fingern. Im nächsten Augenblick befand sie sich im Einhundert-Pfade-Wald. Nicht nur war sie durch den Raum gereist, sondern auch durch die Zeit. In der Ferne hörte man Laute, die nur von einer Feierlichkeit stammen konnten.
Ein aufgeregt wirkender Zwerg stolperte an ihr vorbei, blieb dann jedoch stehen und drehte sich zu ihr um. Noch nie zuvor hatte dieser Zwerg eine so schöne und sinnliche Frau gesehen. Als diese aber plötzlich mit den Fingern schnippte und sich in einen alten krummen Mann von kleiner Statur verwandelte, zog der Zwerg eine Grimasse.
Der Alte zwinkerte dem Zwerg grinsend zu und drückte den Zeigefinger auf die Lippen. Obwohl der Zwerg nicht wusste, welche von beiden nun die wahre Erscheinung seines magiekundigen Gegenübers war, zuckte er mit den Schultern und beschloss, niemandem von diesem Erlebnis zu erzählen, bevor er verwirrt davonlief.
Nachdem der Alte für sich alleine war, schob er eine Kapuze über seinen Kopf. Unbeirrt ging er auf eine Gestalt zu, die in der Ferne stand und wie gebannt in eine bestimmte Richtung starrte. Es handelte sich um Ākadon, der Haru genauestens musterte. Gerade eben hatte er sich mit dem blonden Regenten auf ein Gespräch einlassen wollen, als der Alte ihn plötzlich ansprach.
»In dieser Richtung wirst du nur den Tod finden.«
»Meinen oder eher den meiner Feinde-köchel?«, antwortete Ākadon, nachdem er seinen Gesprächspartner, der ihm gerade einmal bis zur Hüfte reichte, angeblinzelt hatte. Sein Gespür riet ihm, den Alten nicht zu unterschätzen.
»Ist dir deine Mission denn so wichtig, dass du diese Frage überhaupt stellen musst?«, lautete die Gegenfrage.
»Wenn ich für meine Überzeugung sterbe-tropf, dann soll es so sein.«
Und mit diesen Worten ließ der Aschene den Alten hinter sich.
Eine Zeit lang blieb der Alte inmitten des Waldes stehen, dann schnippte er wieder mit den Fingern. Nun befand er sich auf einer Ebene, direkt vor einem imposanten Gebirge, das den Kontinent Tama in zwei Teile spaltete. Wieder war es eine Reise durch Raum und Zeit gewesen.
Es dauerte nicht lange, bis Āzandra seinen Weg kreuzte. Stur ging sie an dem Alten vorbei, ohne ihn zu beachten.
»In dieser Richtung wirst du nur den Tod finden.«
»Meinen oder eher den meiner Feinde-platsch?«, knurrte Āzandra, die schließlich doch stehengeblieben war.
»Ist dir deine Mission denn so wichtig, dass du diese Frage überhaupt stellen musst?«, lautete die Gegenfrage.
»Dann lasse ich es darauf-heul ankommen.«
Und mit diesen Worten ließ die Aschene den Alten hinter sich.
Nachdenklich blieb der Alte auf der Ebene stehen, dann machte er sich an den Aufstieg zum kleinen Turm, der in der Nähe des Tunnels errichtet worden war. Dort ließ er seinen Blick über die Umgebung streifen, nachdem er die Kapuze von seinem Kopf gezogen hatte.
Hier gab es eine Stelle, an der der Boden anders wirkte. Als wäre etwas vergraben worden. Der Alte stopfte ohne zu zögern seine Hand in die Erde und begann zu wühlen. Seine Finger umschlossen etwas, woraufhin er fest daran zog.
Ein nackter Arm kam zum Vorschein, dann eine Schulter, schließlich ein ganzer Oberkörper. Erst als auch noch der Rest der Leiche zum Vorschein kam, hielt er inne. Der Alte küsste ihr die Stirn.
Mit einem Mal schlug Selena die Augen auf. Sie brach zusammen, keuchte heftig und hustete wild. Als ihr Gehirn sich neu ordnete, bog sich ihre Wirbelsäule durch. Danach heilten ihre Wunden, rasch und komplikationslos. Nachdem sie sich endlich gefangen hatte, den Körper immer noch voller Staub sowie Dreck, blickte sie auf und stemmte sich auf die Knie.
Freundlich half ihr der Alte in die Höhe. Dann strich er ihr schwarzes Haar aus dem Gesicht und lächelte sie an.
Wie wunderschön sie waren, diese Kinder Aurelias. Shinri hatte vorhergesagt, dass eines der Zwillingsmädchen zusammen mit Haru die Welt verändern würde. Des Regenten Wahl war auf Helena gefallen. Aber dass ihre Schwester den Tod gefunden hatte, war nicht vertretbar. So sollte die Geschichte nicht ausgehen. Selena verdiente eine zweite Chance.
»Es war nicht geplant, dass es so endet. Pass gut auf, kleine Prinzessin von Tama. Du wirst nun in diese Richtung laufen. Du wirst laufen, bis deine Füße bluten, und dann wirst du weiterlaufen. Immer weiter, bis du ans Meer kommst. Reise nach Kenka und vergiss alles, was du erlebt hast. Deine so negativen Erinnerungen an deine Zwillingsschwester sollen von dir abfallen, und du wirst ein glückliches Leben führen. Sei dankbar.«
Selena tat wie ihr befohlen. Ohne zu zögern oder etwas zu sagen, machte sie sich auf den Weg.
Der Alte schnippte und verwandelte sich sogleich in Shinri, dann ging die Weltenbummlerin wieder zurück in ihr Reich, nun mit einem reinen Gewissen.
Es war an der Zeit, sich auszuruhen, die grausame Uhr des Lebens ticken zu lassen.
KAPITEL 1Aufopferung und Entbehrung
Jene wundervolle Geschichte, die ich euch jetzt erzähle, ist wahr. Aber sie entlarvt meine vorherige Geschichte als Lüge, zumindest was den Frieden anbelangt. Sowohl ganz Kenka als auch das Reich Tama waren mit Problemen konfrontiert, welche die gesamte Welt erschüttern konnten. Nichtsdestotrotz müsst ihr auch diese Geschichte verinnerlichen, um zu verstehen, was Zusammenhalt wirklich bedeutet.
Oichi, die legendäre Kitsune, welche sowohl Ritter als auch Samurai vor ihrem vorzeitigen Ende gerettet hatte, fand ihren inneren Frieden an jenem Tag, an dem sie im toten Tal, fortan als das Tal der Auferstehung bekannt, zwei Völker vor dem schrecklichsten aller Fehler bewahrte.
Wie man allerdings weiß, kann so ein innerer Frieden nur aufrecht erhalten werden, solange man selbst an ihm festhält. Und Oichi verlor ein Jahr nach dem Ereignis, das in meiner vorherigen Geschichte das Finale darstellte, … nun, sie verlor alles.
Es tut mir leid, dass wir nicht bei dem schönen Ende der letzten Geschichte bleiben können. Wie fantastisch es doch wäre, jede Erzählung mit einer glücklichen Begebenheit enden zu lassen. Und wie weh es mir tut, euch nun enttäuschen zu müssen. Aber es ist wichtig, dass ihr versteht, warum Tama auch in dieser Welt eine wichtige Rolle spielt.
Natürlich wäre Oichi nicht Oichi, wenn sie nicht versuchen würde, alles Verlorene wiederzubeschaffen. Bis dahin jedoch litt sie Qualen, die kein Geschichtenschreiber jemals authentisch wiedergeben könnte. Und alles, was ich tun kann, ist zu erzählen.
Zweifellos konnte man jene Zeit, zu der die sechzehnjährige Kitsune weinend durch den hohen Schnee stapfte, als ihren Tiefpunkt bezeichnen. Der schneidende Wind drückte sie gewaltsam zu Boden, die Kälte kroch ihr bis in die Gedärme. Jeder einzelne Schritt schmerzte so unfassbar sehr. Nicht nur, dass ihre Gliedmaßen wie dünne Äste eines mickrigen Baumes im Sturm zitterten, und dass ihre Knochen aufgrund der seit Monaten andauernden Anstrengungen beinahe zerbarsten – nein, sie fühlte sich auch innerlich vollkommen zerstört.
Alle Prinzipien, die ihr einst heilig gewesen waren, waren gebrochen worden. Sie hatte all ihre Freunde verlassen, ihren Liebsten von sich gestoßen, und sie kannte den Weg zurück nicht. In den letzten Wochen hatte sie nicht nur Fleisch zu sich genommen, wie sonst bloß an den verzweifeltsten Tagen, sondern hatte eigenhändig Tiere getötet, was für ein magisches Wesen undenkbar war. Ihre Schnauze hatte sich in die einer wilden Bestie verwandelt, immer auf der Suche nach neuen Opfern, und ihre spitzen Zähne hatten sich durch die frischen Kadaver gewühlt.
Egal, für Oichi war das alles unbedeutend geworden, solange sie sich auf dem Pfad zur Rettung ihrer Kameraden wusste. Doch nun, nachdem sie an diesen Ort gelangt war, gab es keine Hoffnung mehr. Sie war in die schneebedeckten Hügel westlich des Gebirgszuges in Tama gereist, um Shinri aufzusuchen. Aber die Magierin war nicht aufgetaucht. Nicht einmal, nachdem die Kitsune stundenlang an dem Ort, an dem sie und ihre Freunde vor fast zwei Jahren eine wunderbare Begegnung gehabt hatten, geheult hatte. In der Tat, sie hatte geheult und gewinselt. Noch nie war das Tier in ihr so stark hervorgetreten.
Niemand konnte wissen, dass Shinri keineswegs nicht helfen wollte, sondern es einfach nicht konnte, da es ihr die Regeln dieser Welt nicht erlaubten, sowohl Fluch als auch Segen des Herrn des Waldes zu brechen. Für Oichi machte es keinen Unterschied. Es war ihr einerlei, aus welchem Grund ihr Beistand verwehrt blieb.
Nun allerdings war sie am Ende. Sie hatte ihre Hoffnung aufgegeben. Immerhin gab es nicht die geringste Spur einer Möglichkeit, Haru sowie Helena irgendwie in das Reich der Lebenden zurückbringen zu können. Als sie im Schnee lag, darauf wartend, dass ihr entkräfteter Körper zugeschneit würde, damit sie ebenfalls sterben könnte, erinnerte sie sich nicht an die Worte ihrer Mutter. Dass ein Ende auch immer einen Neuanfang bedeutete. Dass Hoffnung niemals vergebens war, da Leben und Tod nur Illusionen waren.
Oichi wartete auf das Ende, akzeptierte es endlich.
Und in diesem Moment senkten sich zwei kräftige Pranken, eine weiße und eine schwarze, auf sie.
KAPITEL 2stets dein Gesicht
Als die Axt sich senkte und die ersten beiden Holzscheite zu Boden fielen, waren die intensiv rote Decke am Horizont sowie der darüber liegende gelbe Dunst noch getrennt, doch als Owain mit dem Hacken aufhörte, hatten sie sich bereits vermischt, und dann war der gesamte Himmel wie von einem lodernden Feuer erleuchtet.
Diese beeindruckende Farbe erinnerte den Skalden sehr an Oichis Haar. Mit Melancholie erfüllt blickte er in die Ferne und wartete auf die Rückkehr seiner geliebten Kitsune. Aber er wusste, wie stur sie war. Sie würde nicht ruhen, bis sie ihre Aufgabe bewältigt hatte. Oder bis ihre Aufgabe sie zugrunde gerichtet hatte.
Owain wischte sich übers Gesicht, gleichgültig gegenüber der Frage, ob die Feuchtigkeit auf seinem Ärmel nun von Schweiß oder von Tränen kam, und er setzte sich in das hohe Gras, um gedankenverloren zu warten, bis auch der hinterste Teil des Himmels vom Licht der Sonne berührt wurde.
Ein neuer Tag war angebrochen. Neue Gelegenheiten. Man durfte kaum darüber nachdenken, wie viele Wesen an diesem – wie jedem – Tag geboren wurden oder aber starben. Im Fluss der Zeit treiben ihre Seelen dahin, Körper und Geist, unfähig alles zu begreifen.
Widerwillig ließ Owain seine Gedanken hinter sich und glitt wieder in sein wahres Leben. Ein letzter Blick zum Horizont, dann stemmte er sich in die Höhe und kehrte zur Hütte am Bach zurück.
Es war ein relativ kleines Gebäude, notdürftig zusammengehämmert, aber in dieser Gegend brauchte man sich kaum vor etwas zu schützen. Das Wetter war stets gnädig, wilde Tiere gab es in der näheren Umgebung nur sehr wenige, und fremde Menschen waren hier noch keine aufgetaucht. Man könnte sagen, es lag gut behütet an einem friedlichen Ort.
In jeder Himmelsrichtung gab es etwas anderes zu bestaunen. Hinter der Hütte gab es einen kleinen Wald, in dem angenehme Gesänge von etlichen Vögeln zu hören waren. Auf der linken Seite gab es ein Bächlein, in das man Hände und Füße stecken konnte. Auf der rechten Seite gab es eine niedrige Klippe, auf der Blumen in allen Farben wuchsen. Und trat man aus der Hütte heraus, so hatte man einen prächtigen Ausblick auf die weiten Wiesen, die Owain so mochte.
Dies war ein kleines Stück neu gewonnener Heimat für den jungen Mann aus dem Reich der Ritter. Manchmal gelang es ihm hier, seine Last zu vergessen und unbeschwert zu lachen.
Als Owain eintrat, die Füße von den Stiefeln befreit, sah er sich gründlich um. Nichts hatte sich verändert, also schlief Kanhilda vermutlich noch. Aus diesem Grund setzte er sich an den Tisch und verharrte dort, bis die Sonnenstrahlen auch noch das Innere der Hütte erhellten.
Fast eine Stunde wartete er, als schließlich ein Geräusch aus dem Nebenzimmer drang. Sofort stand er auf und ging auf die Tür zu. Leise drückte er sie auf, danach lugte er in den Raum dahinter. Es handelte sich um ein winziges Schlafgemach, kaum größer als das Bett aus dünnen übereinander gestapelten Matratzen, das es füllte.
Auf dem Bett lag ein siebzehnjähriges Mädchen, eine junge Frau sozusagen. In diesem Moment blinzelte sie verschlafen und drehte das hübsche Gesicht in den Schatten, damit das Morgenlicht sie nicht mehr blendete. Ein sehr kurzes Gähnen, dann lächelte sie Owain zu, und es war ein bittersüßes Lächeln, dass ihm das Herz schmerzte. Danach streckte sie die schmale Hand unter der Decke hervor und bedeutete ihm mit dem Zeigefinger näherzukommen.
Natürlich konnte der Skalde dieser zärtlichen Aufforderung nicht widerstehen, also huschte er in das Zimmer und zu der Frau unter die Decke, wo er auf die Seite gedreht liegen blieb und sie anstarrte.
Kanhilda war eine interessante Frau, nur wenige Wochen jünger als Owain selbst. Sie war gütig, anmutig, schlau, abenteuerlustig und auch etwas ungeschickt. Ihr spitzes Kinn fand sie nicht so schön, und ihre breiten Füße konnte sie ebenso wenig leiden, doch Owain liebte sie umso mehr. Als er ihr das erste Mal begegnet war, hatte er sich schlagartig zu ihr hingezogen gefühlt, und als er von ihrem Schicksal erfahren hatte, war er nicht mehr von ihrer Seite gewichen.
Das Herz des Skalden pochte wild, wenn sie lachte, jedes Mal erneut. Es flatterte aufgeregt, wenn sie sang und tanzte, während er auf der Okarina spielte. Es ging über vor Glück, wenn sie ihn küsste. Und erst ihre leckeren Brötchen; und nicht zu vergessen die Geschichten, die sie erfand. Kaum von der Hand zu weisen, dass sie es im Leben weit gebracht hätte. Aber manchmal erschien den Menschen das Leben unfair.
»Hach, Owain«, säuselte die junge Frau mit dem ansonsten so sorgfältig gekämmten Haar, beigebraun und schulterlang, das nun jedoch in alle Richtungen abstand. »Warst du schon draußen? Hast du schon Holz gehackt?«
Er nickte bloß, woraufhin sie die Wangen aufblies.
»Wie kannst du nur? Ich sagte doch, du sollst mich wecken, wenn du aufwachst.«
Vielleicht hatte sie beleidigt klingen wollen, doch ihre süße Stimme war so mitfühlend wie sonst auch.
»Ich weiß, Kana«, flüsterte Owain. »Tut mir leid. Aber du hast so niedlich ausgesehen, wie du vor dich hingedöst hast. Und du weißt, wie wichtig dein Schlaf ist.«
»Mag sein«, entgegnete sie schmollend, »aber jetzt bin ich wach. Also küss mich endlich, du Regelbrecher.«
Und er küsste sie.
Wie jedes Mal verspürte er dabei unglaubliches Glück, doch er empfand auch Schuld. Immer noch dachte Owain an Oichi, wenn seine Lippen die seiner neuen Liebe berührten. Nichtsdestotrotz war Oichi diejenige gewesen, die ohne ein Wort des Abschieds gegangen war – einfach verschwunden. Und Kana brauchte Owains Hilfe. Es erschien dem Skalden nur gerecht, sich um diese Frau zu kümmern, während die andere einsam und unerreichbar durch die Welt streifte.
Owain lächelte.
»Ach, Kana, du bist so wunderbar.«
»Du auch, Owain«, sagte sie und liebkoste sein Haar.
Dann blickten sie sich eine Zeit lang gegenseitig an.
»Bist du hungrig?«, fragte Owain schließlich.
»Ich hätte gerne eine dünne Scheibe Brot«, antwortete Kana nickend, »mit etwas Fleisch.«
»Kommt sofort!«
Nach dem Holzhacken hatte er sich etwas erschöpft gefühlt, doch nun sprang Owain mit neuer Energie auf. Gut gelaunt stellte er sich vor den Vorratsschrank in der schmalen Küche und bereitete seiner Geliebten das Frühstück zu. Dass sie Lust auf Fleisch hatte, war ein gutes Zeichen. Womöglich hatte sie heute einen ihrer besseren Tage.
Zurück im Schlafzimmer war er sehr erstaunt, dass Kana sich von selbst aufgerichtet hatte. Sie kämmte ihr Haar im Schneidersitz und lächelte Owain mit leuchtenden blaugrünen Augen an, als er eintrat und ihr das Essen brachte.
Es dauerte etwas, bis sie das zähe Fleisch gekaut hatte, doch sie aß zur Gänze auf. Danach wischte sie sich mit dem Unterarm über den Mund, um die letzten Krümel zu entfernen.
»Köstlich«, lobte sie ihren Geliebten. »Jetzt ein wenig Ruhe; aber möchtest du anschließend einen kleinen Spaziergang unternehmen?«
»Sehr gerne«, sagte Owain grinsend, der seinen Augen und Ohren kaum trauen konnte. Was für ein wunderschöner Tag.
Und tatsächlich unternahmen Sie eine Stunde später einen Spaziergang. Kana schlüpfte in die lange violette Tunika, die ihr so gut stand. Auch war es ein seltsames Gefühl, nach so vielen Tagen wieder einmal die braunen Lederschuhe an ihren Füßen zu sehen. Mit großen Schritten lief sie hinaus ins Freie.
Lächelnd blickte ihr Owain hinterher, dann ging er ihr nach und ergriff ihre Hand. Zusammen schlenderten sie entlang der Klippe, sodass Kana ihrem Geliebten etwas über die bunten Blumen erzählen konnte, und anschließend folgten sie dem Bach, an dessen Rand sie sich schlussendlich setzten.
Durch das nicht sehr dichte Blätterdach drangen so viele Sonnenstrahlen, dass diese Gegend wie die Ruhestätte mystischer Geister wirkte. Vereinzelte Nebelschwaden, die sich noch nicht aufgelöst hatten, hingen in der Luft, und helle Lichtpunkte, womöglich Pollen oder Überreste von Spinnennetzen, segelten langsam dahin.
Mit der Zeit wurde es zunehmend wärmer, doch hier im Halbschatten würde die unerträgliche Hitze keinesfalls Überhand nehmen. Das leise Plätschern des Baches und auch die schrillen Laute der Vögel waren hypnotisierend. So kam es, dass Owain und Kana einnickten, Schulter an Schulter.
Als sie erwachten, stand die Sonne bereits an ihrem höchsten Punkt. Eine Weile blieb das verliebte Paar noch an diesem unwirklichen Ort, dann kehrten sie zur Hütte zurück. Es war ein kurzer aber unglaublich schöner Ausflug gewesen. Es hatte viel Gerede gegeben, aber auch das Schweigen hatte seine Vorzüge gehabt.
Auf halbem Weg zur Hütte kam ein Wind auf, und er blies so heftig, dass man sich dagegenstemmen musste, um nicht weggeweht zu werden. Es dauerte nur kurz und war wie die Warnung eines Riesen, den man besser nicht provozieren sollte. Und in diesem Moment fiel Owains Blick auf Kanas liebenswertes Gesicht, mit entzückend zusammengepressten Augen sowie einem widerstrebenden Lächeln. Das Haar auf ihrem Kopf flatterte wie das Banner eines Heeres, und plötzlich kamen längst vergessen geglaubte Gefühle auf.
Mit einem Satz riss Owain seine Geliebte zu Boden und küsste sie so leidenschaftlich wie selten zuvor. Zunächst erschrocken, erwiderte Kana seine Hingabe daraufhin, und bald lagen sie nackt übereinander, ihre Mienen in unvorstellbarer Entzückung.
Das Liebesspiel dauerte nicht lange an, doch sie blieben anschließend etliche Stunden im Gras liegen und starrten stumm in den Himmel. Wolken bildeten unterschiedlichste Formen und regten die Fantasie an.
Gegen Abend kehrten sie in die Hütte ein. Nachdem Owain ein stärkendes Essen zubereitet hatte, verzehrten sie es gemeinsam am Tisch; zwischen ihnen eine Kerze, deren Licht gerade so ausreichte, um ihre Nasenspitzen zu erleuchten.
Irgendwann packte Owain seine Okarina aus und spielte eine herzzerreißende Melodie. Natürlich sang und tanzte Kana dazu. Ein gewaltiges Spektakel, nicht nur aufgrund der nahezu greifbaren Verbundenheit dieser beiden sich Liebenden.
Es war schon fast Mitternacht, als Owain und Kana in das Bett stiegen.
»Da ist sooo viel Gutmütigkeit in deinen Augen«, sagte sie und gähnte.
»Ich finde ja, sie sind farblos und zeigen wenig«, meinte er schulterzuckend.
Aber Kana schüttelte nur den Kopf.
Sie schlüpften unter die Decke und löschten das Licht. Nun war es nur noch der Schein des Mondes, der ihre Körper aus der Dunkelheit holte.
»Ich liebe dich, Kana.«
»Ich liebe dich auch, Owain.«
Ein letzter Kuss vor dem Entschlafen, und wie beim allerersten Kuss zwischen ihnen gab es auch dieses Mal keinerlei Schuldgefühle, sondern nur Glück und reine Liebe.
Im stillen Reich unter dem Mond schliefen Owain und Kana ein.
KAPITEL 3Shiro und Kuro
In ihrem Traum lief sie durch einen Irrgarten aus Bambus, ein Richtung Himmel sprießendes Gefängnis, und der Ausgang, falls es denn einen gab, war nicht auszumachen. Immer wieder stolperte sie mit den Füßen über unsichtbare Hindernisse. Kam sie überhaupt voran? Bewegte sie sich? Oder schwebte sie auf der Stelle, unfähig das Ziel zu erreichen? Sie hätte ja gerne um Hilfe gerufen, aber das war ihr verboten. Und natürlich waren Verbote gleichgesetzt mit nicht zu bändigenden Tatsachen in dieser Art von Traum. Somit kam es ihr vor, als ob sie immer kleiner wurde, bis sie schlussendlich in einem Klumpen aus Nichts verschwand.
Oichi schlug die Augen auf. Noch bevor ihre Sinne irgendwelche Eindrücke verarbeiten konnten, stellte sie sich selbst die Frage, ob sie tot war. Nun, sie musste tot sein, immerhin war sie erfroren, aber dann wiederum wirkte dieser Ort hier kaum wie ein Platz im Jenseits.
Es war ein gewöhnliches Stückchen Wald mit Bäumen und Büschen und Blumen, in dem viel Moos wuchs und sich ein winziger Teich befand. Durch die Äste drang genug Sonnenlicht, um die Schmetterlinge beobachten zu können, die sich im Halbdunkel fortbewegten. Sie schlugen mit ihren bunten Flügeln und machten auf den ebenso farbenprächtigen Blüten Halt, um Nektar zu schlürfen.
Langsam erhob sich Oichi. Auf eine merkwürdige Art und Weise fielen ihr alle Bewegungen leicht, so als ob sie sich ihrer Erinnerungen widersprechend nicht durch einen Schneesturm gekämpft hatte.
Ihre Schritte führten sie auf den Teich zu, der eingebettet zwischen zwei dicken Stämmen lag. Als sie sich unmittelbar davor in das Gras hockte und sich nach vorne lehnte, konnte sie ihr Spiegelbild im Wasser erkennen. Ein reizendes Mädchen blickte ihr entgegen. Allerdings war es von Trauer gekennzeichnet. Merkwürdig, dass ihr Gesicht deshalb nur noch hübscher wirkte. Beinahe so, als ob dies die letzte Etappe vor einem neuen Moment des Lächelns wäre, ein letzter flüchtiger Augenblick der Hoffnungslosigkeit.
Voller Verdruss schlug Oichi auf die Wasseroberfläche, sodass die Konturen verschwammen und sich auflösten. Danach formte sie mit ihren Händen eine Schale und trank von der klaren Flüssigkeit, bis sie keinen Durst mehr verspürte.
Eine Zeit lang hielt die Kitsune ihre Augen geschlossen, doch schließlich öffnete sie sie und legte den Kopf in den Nacken. Von hier unten wirkten die Bäume wie in den Erdboden gerammte Klingen. Schon wieder waren ihre Gedanken vom Krieg eingenommen. Wie gerne hätte sie einmal wieder an etwas Friedliches gedacht. Allerdings überkamen sie diese Erinnerungen vom Schlachtfeld, auf dem Blitze durch Körper schossen und rasende Bestien nach Blut lechzten, recht häufig. Irgendwann musste sie lernen, diese Erinnerungen auszublenden oder wohl eher zu akzeptieren, ansonsten würde sie daran zugrunde gehen.
Erstmal musste Oichi in Erfahrung bringen, wo genau sie sich nun befand. Allzu weit konnte sie nicht gelangt sein, denn auch ohne ein Anzeichen von Schnee war die Luft hier sehr kühl. Vor allem jedoch interessierte sie, wer oder was sie hierher gebracht hatte, und zu welchem Zweck.
Rufe verschiedener Vögel drangen durch den Wald, und es hörte sich so an, als wären sie ziemlich aufgeregt. Am unteren Ende des Hanges neben dem Teich schien etwas zu passieren. Und Oichi war neugierig genug, der Sache auf den Grund zu gehen.
Ohne vollkommen aufzustehen, lief oder vielmehr hechtete sie zwischen zwei Büsche, die am Rand eines nicht sehr steilen Gefälles standen. Von dort aus hatte sie uneingeschränkte Sicht auf die beiden Bären, die auf der Wiese unter ihr miteinander rauften.
Es waren keine ausgewachsenen Kreaturen, aber die beiden Tiere waren bereits so groß und schwer, dass sie sich gegenseitig tiefe Wunden hätten zufügen können, wäre ihr Streit nicht bloß eine Rangelei unter Geschwistern gewesen. Davon wussten die Wesen um sie herum jedoch nichts, weshalb etliche Vögel und auch einige Nagetiere eilig davonstoben, als das laute Brüllen der Bären einsetzte.
Das Besondere an diesen beiden Bären war ihre Färbung, denn das Männchen war tiefschwarz, während das Weibchen ein weißes Fell besaß. Allerdings hatte Oichi die Tiere schon längst an ihrem Geruch und den vertrauten Geräuschen erkannt.
»Shiro! Kuro!«
Augenblicklich ließen die jungen Bären voneinander ab. Sie führten ihre geplanten Bewegungen nicht weiter aus, und weil sie gerade auf Kollisionskurs waren, krachten sie in ihr Gegenüber und purzelten auf den Waldboden. Doch kaum fünf Sekunden später waren sie wieder auf den Beinen, um dem Fuchsmädchen entgegen zu laufen.
Lachend hatte sich Oichi nach vorne gelehnt. Nun rutschte sie den Hang hinunter, und kurz darauf lag sie eingedrückt zwischen den massigen Körpern der Bären.
»Ich habe euch so vermisst«, stieß die Kitsune hervor, als sie sich aus dem Knäuel behaarter Gliedmaßen befreit hatte und den beiden Bären die Köpfe streichelte. Sofort erhielt sie eine Antwort in Form eines liebevollen Schnaubens.
In der Tat waren der weiße Bär Shiro und der schwarze Bär Kuro ziemlich gute Freunde von Oichi, oder aber man hätte sie als ihre Ziehkinder bezeichnen können. Als die Kitsune vor einem Jahr ihre Suche angetreten hatte, war sie schließlich auf zwei Bärenjunge getroffen – zwei niedliche Neugeborene, deren Mutter leider gestorben war.
Ohne irgendeine Art von Hilfe hätten Shiro und Kuro kaum in dem gefährlichen Wald überlebt, welchen sie ihr Zuhause nannten. Also hatte sich Oichi ihrer angenommen. Mit großer Fürsorge und Geduld hatte sie sich um die beiden Bären gekümmert. Es lag in der Natur der Kitsune, anderen zu helfen, und zudem war es eine willkommene Ablenkung gegen den Schmerz des Verlustes gewesen.
»Na, ihr? Was macht ihr denn hier?«, fragte Oichi. »Habe ich euch denn nicht gesagt, ihr sollt mir nicht folgen?«
Womöglich verstanden die Bären ihre Worte, doch antworten wollten sie nicht, denn sie stupsten die Kitsune ein letztes Mal mit der Schnauze an, dann trotteten sie gemütlich davon. Ihr Hunger nahm Überhand, und so wateten sie in einen kleinen Fluss, der durch diesen Wald lief.
Die Bären suchten nach Fischen. Dabei wandten sie einen Trick an, den Oichi ihnen gezeigt hatte. Sie stellten sich ins Wasser und hielten Ausschau nach Felsen, unter denen sich ein kleiner Hohlraum befand, weil sie nicht eben am Grund des Flusses lagen. Dort war Platz genug für eine Hand oder eben auch eine Tatze, und war man vorsichtig, so konnte man manchmal einen Fisch ertasten, der sich in den Schutz eines solchen Felsens begeben hatte. Streichelte man den Bauch der Fische, so verfielen sie in eine Art Schockstarre, obwohl es auch als Ruhepause bezeichnet werden konnte. Nach dieser Prozedur war es ein Leichtes, die glitschige Beute einfach hervor zu holen und zu essen.
Verblüfft stellte Oichi fest, dass sowohl Shiro als auch Kuro immer noch den Kopf der Fische abbissen, um anschließend deren Gedärme zu entfernen. Dies stellte eine umständliche Prozedur dar, die für die Bären eigentlich überflüssig war. Und was übrig blieb, stopften sie sich in den Rachen.
»Ihr sturen Dinger«, tadelte Oichi sie, musste allerdings laut lachen. »Wie oft habe ich euch denn schon gesagt, dass euch diese Parasiten nichts ausmachen? Ich bin diejenige, die den Fisch nicht zur Gänze herunterschlingen darf. Stopft ihn euch ruhig im Ganzen rein, ihr zwei.«
Dies war eine Eigenheit, welche die Bären von der Kitsune übernommen hatten, als sie zu dritt durch die Wälder gestreift waren. Es war eine Zeit gewesen, in der Oichi ihre Prinzipien verraten und Fleisch zu sich genommen hatte – eine Zeit, in der sie Dinge getan hatte, die sie nun bereute. Aber sie hatte dies alles tun müssen, um nicht verrückt zu werden.
Immerhin konnte Shiros und Kuros Anwesenheit Oichi ein wenig aufmuntern. Es war sehr wahrscheinlich, dass die beiden ihr bis in die Schneefelder im Norden gefolgt waren. Als sie dort zusammengebrochen war, hatten sie sie wohl hierher gebracht.
Plötzlich zuckten Oichis Ohren, und bevor ihr Gehirn verarbeiten konnte, dass ein verräterisches Rascheln zu vernehmen war, tauchte auch schon jene Gestalt auf, die das Geräusch verursacht hatte.
Hinter Shiro und Kuro tauchte eine großgewachsene Gestalt auf, eine menschenähnliche zwar, jedoch mit einer gewaltigen dunklen Mähne und langen Klauen.
»Vorsicht!«, rief das Fuchsmädchen.
Obwohl die Gestalt bedrohlich näher kam, machten die Bären keine Anstalten, ihre Körperhaltung einem Kampf oder einer Flucht anzupassen. Sie waren so ruhig wie immer und blickten nur kurz in Richtung des Neuankömmlings, bevor sie Oichi musterten.
Das Verhalten ihrer beiden Zöglinge veranlasste auch das Fuchsmädchen, völlig gefasst zu bleiben. Es starrte dem näherkommenden jungen Mann mit dem nackten Oberkörper herausfordernd in die Augen.
Keine zwei Schritte vor ihr blieb der dunkelhaarige Fremdling stehen. Er streckte seine Hand aus, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne und senkte sie wieder. Generell wirkte seine Gestik etwas unbeholfen. Dasselbe konnte man von der Mimik behaupten, denn sein Mund konnte sich anscheinend nicht zwischen einem Lächeln und einem Zähnefletschen entscheiden.
»Ich grüße dich, Oichi«, sagte er mit klarer Stimme. »Mein Name ist Ukusim.«
Langsam erhob sich die Kitsune, zögernd. Sie hatte diesen jungen Mann schon einmal gesehen. Es war vor sehr vielen Jahren gewesen. Und nun, da sie seinen Namen hörte, kamen auch alle Erinnerungen an ihn zurück.
Wichtige Erinnerungen waren es jedenfalls nicht. Als Oichi noch ein Kind gewesen war, hatte sie mit ihren Freunden im Wunderforst an einem Wettrennen teilgenommen. Natürlich waren auch Iki sowie Almiran dabei gewesen. Und dieser Ukusim, der ihr an diesem Tag zum ersten Mal begegnet war – und auch zum letzten Mal, bis zu diesem Moment.
Ukusim war ein Wolfsmensch, ein Ookami. Wie auch Oichi war er von menschlicher Gestalt, allerdings gab es bestimmte Merkmale, die darauf schließen ließen, dass er zu den magischen Geschöpfen zählte, darunter etwa der buschige Schweif am unteren Ende des Rückens. Zudem waren Zähne sowie Nägel ungewöhnlich lang und spitz.
Die Tiermenschen waren den nichtmagischen Menschen in fast jeglicher Hinsicht weit überlegen. Ihre Sinne gewährten ihnen ungleich mehr Informationen über ihre Umgebung, ihre Körper waren kräftiger und ausdauernder, und manche konnten sogar Elemente beherrschen.
Allerdings gab es bestimmte Aspekte ihres Wesens, die den Tiermenschen seit ewigen Zeiten Probleme einbrachten. So waren Kitsune etwa unfassbar neugierig und konnten schnell aufbrausend werden, während Ookami eher scheu auftraten. Oichi hatte selbst erlebt, wie abweisend Ukusim damals gewesen war. Nichtsdestotrotz hörte man auch immer wieder von Wolfsmenschen, die Blutbäder zu verantworten hatten, weil man sie zu sehr bedrängt oder provoziert hatte.
Im Gegensatz zu Oichis rotblondem glattem Haar war das von Ukusim dunkelbraun und wucherte in alle Richtungen. Es reichte ihm vorne bis zur Nasenspitze und hinten bis zu den Schultern. Außerdem war der Wolfsjunge um einiges größer als das Fuchsmädchen, denn er überragte sie beinahe um zwei Köpfe. Ansonsten schien es wenige Unterschiede zwischen ihnen zu geben. Auch Ukusims Haut war hell, und seine Iriden leuchten rötlich, wenn auch nicht ganz so hell wie die seines weiblichen Gegenübers.
Lange sahen sich die Kitsune und der Ookami an.
»Ich habe nach dir gesucht«, begann Ukusim schließlich. »Nachdem ich deinen Geruch an diesen beiden Bären wahrgenommen habe, habe ich sie davon überzeugt, dir nachzulaufen und dich hierher zu bringen.«
»Du hast was?«, fuhr ihn Oichi an. »Wie kannst du es wagen, die Bären einer solchen Gefahr auszusetzen?«
Betreten schüttelte Ukusim den Kopf.
»Es war ihre eigene Entscheidung«, erwiderte er. »Ich habe sie um Hilfe gebeten. Und wie es scheint, hattest auch du ihre Hilfe dringend nötig.«
»Das«, fauchte Oichi und senkte anschließend ihre Stimme, »ist wahr. Vielen Dank.«
Halb lächelnd griff sich Ukusim an den Hinterkopf.
»Du kennst … meinen Geruch … also immer noch?«, fragte die Kitsune nun. »Unser einmaliges Treffen ist doch schon so lange her.«
»Mag sein«, meinte der Ookami nur. »Und du hast mich am Klang meiner Stimme erkannt, oder? Das ist genauso bemerkenswert. In der Tat sind die Fähigkeiten der magischen Geschöpfe sehr außergewöhnlich. Schade um den Wunderforst. Nur wenige konnten sich retten.«
Bei diesen Worten musste sich die Kitsune abwenden. Sie hatte das Gefühl, als wüsste sie, was als nächstes passieren würde.
»Ich brauche deine Hilfe, Oichi«, bat Ukusim und rang mit den Händen. »Es geht um deine kleine Schwester.«
Also genau wie erwartet. Allerdings hatte Oichi versucht, ihre Schwester zu vergessen. Deren alberne Spielchen waren bloß eine Ablenkung. Viel wichtiger war es, Haru zurück zu bekommen.
»Tut mir leid«, sagte sie nur. Zu mehr reichte ihre Stimme nicht.
»Aber Oichi, du verstehst nicht. Deine Schwester und ihre Freundin haben uns angegriffen. Mehrmals sogar. Uns, also magische Wesen.«
»Was?«
Nun, das rückte alles in ein anderes Licht. Zwar hatte Oichi bereits davon gehört, Okuni würde sich gegen ihresgleichen auflehnen und gemeinsam mit einer anderen Kitsune Unheil stiften, doch ein tatsächlicher Angriff auf Artgenossen – das ging zu weit.
Bei diesen Gedanken stiegen Oichi Tränen in die Augen. Als ob es nicht schwierig genug war, ohne Kameraden einsam in der Gegend herumzuirren, ohne Aussicht auf Erfolg.
»Ich würde gerne helfen«, sagte sie mit zitternder Stimme, unfähig Ukusim anzublicken. »Aber es gibt etwas, das ich tun muss. Und das ist um einiges wichtiger.«
»Wenn das so ist«, entgegnete der Wolfsjunge, »dann werde ich dir jetzt helfen, damit du später im Gegenzug mir hilfst. Es sind schon so viele magische Geschöpfe gestorben, und ich will dich keinesfalls beunruhigen, aber es könnte sein, dass deine Schwester Okuni den Zorn all jener auf sich zieht, die aus dem Wunderforst entkommen sind und noch leben.
Was das bedeutete, war eigentlich ziemlich offensichtlich. Wenn Okuni nicht bald mit ihren gefährlichen Spielchen aufhörte, würde sie sterben.
KAPITEL 4Zeiten größter Not
Dass die unbekümmerte Sonne an diesem tristen Tag mittlerweile ihren höchsten Punkt erreicht hatte, konnte man aufgrund der dicken Wolkenschicht nicht erkennen. Owain war völlig durchnässt, denn er hatte sich die letzten vier Stunden draußen aufgehalten, und es hatte seit Tagesanbruch geregnet.
Endlich senkte er die Schaufel ein allerletztes Mal, und mit einem dumpfen Geräusch drückte sie ein letztes Mal die Erde zusammen. Mittlerweile schmerzten die Hände des Skalden unerbittlich. Bis zu den Ellbogen waren seine müden Arme mit Dreck beschmiert, doch es kümmerte ihn nicht. Er presste die Finger auf seine geschwollenen Augen und hoffte, seine Tränen würden nun endlich versiegen. Just in diesem Moment meldete sich ein Freund.
»In Zeiten der Not wünscht man sich, mehr tun zu können, nicht wahr, miez?«
Owain erkannte die Stimme, blieb jedoch aus Trotz mit dem Rücken zum Neuankömmling stehen.
»Hilflos«, schluchzte er und ordnete die Gedanken, um verständliche Phrasen formulieren zu können. »Hilflos zu sein, ohne … etwas tun zu können – es ist das Schlimmste!«
Die letzten vier Worte gingen in ein Jaulen über, und Owain sank zu Boden.
Sein Freund, der Kater, hopste von dem Ast des knorrigen Baumes, auf dem er gewartet hatte, und gesellte sich zu dem weinenden Skalden.
»Bin letzten Monat hier vorbeigekommen, miau«, versuchte er ihn aufzuheitern. »Musste die Glückliche mit eigenen Augen sehen, miau. Eine wahre Schönheit, maunz.«
»Sie war wundervoll … und hat mich Versager nicht verdient«, entgegnete Owain.
Andächtig nickte der Kater. Vielleicht sollte er einfach für ein paar Minuten still sein. Verständlicherweise brauchte sein ehemaliger Kamerad etwas Ruhe, und auch Zeit. Sehr viel Zeit. Und die gab er ihm. Obwohl er den Regen verabscheute, harrte er eine volle Stunde an Owains Seite aus, bis dieser seine Stimme wiederfand.
Als der Skalde schließlich wieder sprach, war das Fell des Katers wie ein aufwändig geknüpfter Teppich, über dem die ekeligste Brühe verschüttet worden war.
»Weshalb bist du gekommen?«
»Es gibt etwas, wobei ich deine Hilfe gebrauchen könnte, maunz.«
»Du weißt, dass das eine denkbar ungünstige Zeit ist?«
»Owain, glaub mir eines; wenn es nicht wichtig wäre, wäre ich gar nicht gekommen, maunz.«
Etwas in der Stimme des Katers ließ Owain aufhorchen. Der Skalde erhob sich und blickte in den Himmel zu den Wolken, welche in diesem Moment aufbrachen und einen Sonnenstrahl preisgaben.
»In Ordnung, ich werde versuchen, dir zu helfen«, sagte er. »Aber zuerst muss ich noch eine letzte Aufgabe hinter mich bringen. Warte hier auf mich.«
Schnurstracks ging Owain in die Richtung seines Zieles, ohne darauf zu achten, was um ihn herum geschah. In seinem Kopf dröhnte es, als würden seine Gedanken wie gigantische Wellen gegen die Knochen branden. Sein Körper wollte aufgeben, hätte nichts lieber getan, aber sein Geist zwang ihn, diese allerletzte Aufgabe für Kana zu vollenden. Und so marschierte der Skalde blind und taub über die Hügel der Umgebung, bis die Türschwelle einer Behausung vor ihm erschien.
Es handelte sich um ein großes Haus aus stabilen Mauern, auf denen ein eindrucksvolles Holzdach thronte. Umschlossen wurde es von einem weitläufigen Feld, auf welchem Kürbisse angebaut wurden. Hinter der breiten Haupthalle gab es weit mehr als ein prächtig eingerichtetes Zimmer, doch Kana hatte abgeschieden leben wollen, in der Wanderhütte ihrer Eltern – in Zweisamkeit mit ihrem Liebsten bis an ihr Lebensende.
Ein einziges Mal atmete Owain tief ein, dann drückte er die Tür auf. Fast augenblicklich kam eine der Bediensteten in den Raum, doch sie brauchte ihre Herrin nicht zu rufen, da sie nur wenige Sekunden nach ihr eintraf.
Als Kanas Mutter den Skalden erblickte, weiteten sich ihre Augen, und sie presste die Hände auf den Mund, um einen Aufschrei zu unterdrücken. Zwar hatte es aufgehört zu regnen, doch das Erscheinungsbild und der Ausdruck des Gastes sprachen Bände.
Schließlich lief die Bedienstete doch noch davon, um auch ihren Herren über den Besuch in Kenntnis zu setzen. Bevor Kanas Vater eintraf, war seine Gemahlin schon in Tränen aus-gebrochen.
Keine fünf Minuten später saßen Kanas Eltern nebeneinander in einem kleinen Raum neben der Küche, und vor ihnen hatte Owain Platz genommen. Bis jemand zu sprechen wagte, verging allerdings sehr viel mehr Zeit.
»Ist sie friedlich gestorben?«, fragte der Vater irgendwann. »Hatte sie Schmerzen?«
»Sie starb … im Schlaf«, antwortete Owain knapp, bevor er genug Mitleid aufbrachte, um eine tröstende Ergänzung hinzuzufügen. »Wir hatten viel Spaß gestern, also bin ich sicher, dass ihre letzten Gedanken voller Glück waren.«
Ein leises Schluchzen von der Mutter. Sie war nicht in der Lage zu sprechen.
»Was hast du heute getan, als du es bemerkt hast?«, führte der Vater seine Befragung fort.
»Ich beerdigte sie dort, wo sie es gewollt hatte. An den hohen Eichen zwischen Hütte und Wald.«
Nun war es der Vater, der eine Träne vergoss. Mit einem leisen Husten forderte er seine Stimme auf, nicht zu versagen.
»Vielleicht war ich nicht immer freundlich zu dir, Skalde, aber ich bin … wirklich sehr froh, dass du das Leben meiner Tochter erhellt hast. Du bist tapferer als jeder andere hier in dieser Kammer und möglicherweise tapferer als alle Krieger in den Schlachten. Nie kann ich dir vergelten, was du für uns getan hast.«
Ungeduldig wühlte er in einer Tasche seines teuren Gewandes nach einem Gegenstand. Als er ihn zwischen die Finger bekam, warf er ihn in niedrigem Bogen auf den Tisch. Es war ein nicht allzu kleiner Beutel voller Gold – zweifellos ein herbeigesehnter Schatz vieler Menschen, doch Owain schüttelte den Kopf.
»Wo ich hingehe, brauche ich das nicht.«
Mit diesen Worten stand der Skalde auf, verbeugte sich und wandte sich ab. Als seine Hand die Holztür berührte, hörte er seinen Namen und drehte sich noch einmal um.
Das tränenüberströmte Gesicht zu einer grässlichen Fratze verzogen, blickte ihn die Mutter an. Ihre feinen Züge erinnerten ihn an die ihrer lieblichen Tochter, obwohl deren Haare und Augen zweifellos mehr Ähnlichkeit mit denen des Vaters hatten.
»Owain«, drang es schwach zwischen ihren bebenden Lippen hervor. »Solltest du jemals Hilfe brauchen, dann sei dir sicher, dass du in diesem Haus eine dich liebende Mutter und einen dich liebenden Vater finden wirst.«
Der Skalde lächelte.
»Vielen Dank.«
Und in Gedanken fügte er fünf weitere Worte hinzu.
›Ich werde Kanhilda nie vergessen.‹
Draußen begrüßte ihn die Sonne, die endlich alle Wolken vertrieben hatte und nun die Weiten unter sich wärmte. Nun, da alles erledigt war, fühlte sich Owain erleichtert, obwohl sein Herz von nun an vermutlich nie wieder so leicht und unbeschwert sein konnte wie sonst. Natürlich hatten ihn stets Ängste gequält, doch den Verlust einer geliebten Person zu verarbeiten, stellte alles andere in den Schatten.
Owain hatte sich in Kana verliebt, nachdem Oichi ihn verlassen hatte. Obwohl seine Zuneigung zu Oichi kein einziges Mal auch nur ansatzweise verloschen war, hatte er sich zu seinem eigenen Schutz eingeredet, sie würde möglicherweise niemals wieder zurückkommen und er müsse alleine sterben. Als er dann einige Wochen später aber Kana kennengelernt hatte, hatte er das Gefühl des Glücks wiederentdecken dürfen.
Gleich bei ihrer ersten Begegnung hatte Kana ihrem neuen Schwarm mitgeteilt, dass sie sehr krank war und bald sterben müsste. Trotz des ohnehin so angekratzten Zustandes seines Selbstbewusstseins, hatte sich Owain der Liebe hingegeben. Gemeinsam hatten sie die schönste Zeit ihres Lebens erlebt, auch wenn sie nur ein halbes Jahr angedauert hatte.
Kanas Eltern, zwei reiche und zurückgezogen lebende Bürger, waren anfangs nicht sehr erfreut über die Beziehung mit einem dahergelaufenen Skalden gewesen. Doch schon bald hatten sie erkannt, wie ernst es Owain meinte, und dass er nicht des Geldes wegen mit ihrer Tochter zusammen gewesen war.
Irgendwie hatte es Owain geschafft, Kanas Gedanken vom Tod abzulenken, doch bei ihm selbst hatte es nicht so einwandfrei funktioniert. Spätestens als Kana immer schwächer geworden war, waren ihm Zweifel gekommen. Doch er war bis zuletzt an ihrer Seite geblieben. Ihr letzter gemeinsamer Tag war sogar zu einem der schönsten in seinem Leben geworden.
Kana war in dieser Nacht gestorben.
Auch Owain selbst war zum Teil gestorben. Qualvoll bloß, dass sein Körper weiterlebte.
Mysteriöse Schwaden blockierten seine Gedanken, und er musste irgendwie an ihnen vorbei. Vielleicht konnte Oichi ihn noch retten – die einzige andere Frau, die er je geliebt hatte. Es kam ihm schäbig vor, so von ihr zu denken, doch er würde beiden Frauen gegenüber für den Rest seines Lebens Schuldgefühle empfinden. Nun, er liebte sie beide. Für immer.
Owain lief los und ließ das Haus der Eltern hinter sich.
Jetzt galt es, einem Freund zu helfen.
Als der Skalde zurückkam, befand sich der Kater dort, wo er ihn zurückgelassen hatte – am Rand des Grabes, geduldig wartend.
Sein Fell war komplett schwarz, bis auf zwei Flecken an den Hinterpfoten, sodass es aussah, als würde er flauschige Stiefel tragen. Außerdem befand sich ein blaues Tuch um den Hals des Tieres.
Erst jetzt, als er ihn da so ruhig sitzen sah, erinnerte sich Owain an all die Abenteuer, die er mit Sora erlebt hatte.
»Alles in Ordnung bei dir, miez?«
»Ja«, antwortete Owain wahrheitsgemäß. »Es ist schwierig, aber es geht mir gut.«
Mit einem Satz sprang Sora auf Owains Schulter, bevor er sein kleines Köpfchen mitfühlend gegen die Wange seines Kameraden drückte. Seine Tasthaare kitzelten am Hals des Skalden. Dieser bedankte sich mit einer Streicheleinheit für die aufmunternde Geste.
»Aus welchem Grund kamst du zu mir?«
»Finstere Zeiten stehen uns bevor, maunz«, begann Sora mit seiner Erklärung. »Überall spricht man von der bald bevorstehenden Wiederkehr böser Mächte, miau. Einige behaupten, es ist von Drachen die Rede, miau. In einigen Prophezeiungen werden allerdings noch sehr viel grausamere Wesen beschrieben, miau.«
Owain zog eine Augenbraue in die Höhe.
»Ist es das, wovon du sprachst, bevor wir uns alle trennten? Kurz bevor Haru starb und Okuni weglief?«
»Genau das, maunz.«
»Und was soll ich gegen so–«
»Immer mit der Ruhe, maunz«, unterbrach ihn Sora. »Momentan hast du noch nichts mit dieser Sache zu schaffen, miau. Eigentlich wollte ich dir nur mitteilen, dass Oichi anscheinend einen Weg gefunden hat, Haru in das Reich der Lebenden zurück zu holen, miau. Sie wurde gesehen, wie sie mit einem Ookami den Tunnel nach Tama betrat, miau. Jetzt gerade sind sie wohl auf dem Weg nach Kronschell, maunz.«
Als Owain den Namen des Fuchsmädchens hörte, musste er bittere Galle schlucken.
»Und weiter?«, fragte er.
»Streng genommen hat das auch wenig damit zu tun, worum ich dich bitten wollte, maunz.«
»Komm schon, Kater, spann mich doch bitte nicht auf die Folter«, stöhnte Owain ungehalten.
»Ich möchte, dass du mich nach Idarstett begleitest, maunz. Pack deine Sachen, miez!«
Owain lief zur Hütte und holte nur zwei Dinge aus ihrem Inneren – seine blaue Okarina und einen Kamm, den Kana immer benutzt hatte.
Er schloss die Tür und ging dann mit Sora davon, allerdings nicht, ohne sich ein letztes Mal umzudrehen.
Am Grab im Garten stand Kana und winkte. Owain winkte zurück.
Mit einem schwachen Laut schüttelte Sora seinen Körper.
»Ich werde immer so hibbelig, wenn sich in unmittelbarer Nähe Seelen füllen oder leeren, miau«, sagte er verträumt. »Also, in Idarstett soll sich angeblich eine schöne Frau aufhalten, die der Prinzessin Tamas recht ähnlich sieht, maunz. Mit einem Muttermal auf der Wange, maunz.«
»Aber du sagtest doch, dass Helena noch nicht wieder lebt, oder?«
»Stimmt, miau. Jene Frau soll ein Muttermal besitzen; dieses befindet sich allerdings auf der rechten Wange, maunz.«
KAPITEL 5Tamas besondere Schriften
Ukusim war ein ruhiger Geselle, allerdings ein recht anhänglicher. Dies war nicht weiter außergewöhnlich, da Ookami im Allgemeinen für ihre Treue bekannt waren. Dennoch machte es Oichi zu schaffen, dass ihr neuer Weggefährte ununterbrochen an ihrer Seite blieb und sich auch nachts nicht entfernte.
Gemeinsam hatten Sie den Abstieg in die Täler bewältigt, danach hatten sie bei einem Wanderhändler neuen Proviant besorgt und waren schließlich durch den Tunnel gegangen; eine langgezogene Höhle, welche sich quer durch jene Bergkette zog, die den Kontinent Tama in zwei Teile spaltete.
Auf der Ostseite dieses Tunnels lag ein kurzer Abschnitt unberührter Natur. Nur wenige Reisende benutzten diesen Weg nach Kronschell, denn mit dem Schiff lief ein Besuch von Tamas Hauptstadt wesentlich schneller und bequemer ab.
Oichi hielt in der Nähe einer kaum wahrnehmbaren Erhebung inne, setzte sich auf den Boden und schloss die Augen, um Jemandes zu gedenken. Anschließend traten sie und Ukusim die letzte Etappe ihrer momentanen Reise an.
Der Weg führte weiter bergab, und nachdem die Anzahl der Bäume zu beiden Seiten abnahm, hatte man einen wundervollen Ausblick auf das schöne Tal, in dem einst Tamas Hauptstadt Kronschell erbaut worden war.
Das Zentrum des mächtigen und in vielerlei Hinsicht unabhängigen Reiches bestand aus dem Stadtkern mit seinen vielzähligen prächtigen Gebäuden, einem jenseits der Mauern angelegten Außenbezirk für Durchreisende und rundum liegenden Feldern.
Die gigantischen Knochen zwischen den einzelnen Äckern, dunkel und bis weit in den Himmel aufragend, hinterbliebene Spuren eines vor vielen Jahrhunderten gestorbenen Drachen, waren selbst angesichts der menschlichen Leistungen ringsum wohl am ehrerbietendsten.
Es dauerte etwas, bis Ukusim sich wieder gefangen hatte. Zwar versuchte er, sich das Staunen nicht anmerken zu lassen, aber dass er immer wieder kurz den Kopf hob und mit offenem Mund die Konstruktionen bewunderte, verriet ihn. Er konnte sich nicht entscheiden, ob die hohen Türme des Herrscherpalastes oder aber die gewaltigen Überbleibsel des toten Monstrums beeindruckender waren.
Nichtsdestotrotz spiegelten die Gesichtszüge des Wolfsjungen Zorn wider, sobald die beiden Reisenden in die Nähe der Stadt und somit in das Territorium der Menschen kamen. Wie jeder Ookami in seiner Familie war auch er nie besonders gesellig gewesen, und über all die Menschen hatte er viele schlimme Erzählungen zu hören bekommen. Die Tatsache, dass es gerade sie gewesen waren, die den Wunderforst auf dem Gewissen hatten, schien die unzähligen bösen Gerüchte zu bestätigen.
Langsam wanderte Ukusims Blick über die sich in den Feldern abmühenden Arbeiter und auch die gedankenverlorenen Händler bei den Hütten nahebei. Nur wenigen von ihnen gelang es, diesem hasserfüllten Blick standzuhalten, denn er war voller belastender Anschuldigungen, die sich schwer auf das Gemüt senkten. Nun, vielleicht hatten diese Exemplare der Gattung Mensch nicht den Herrn des Waldes getötet, aber die Natur würdigten sie trotzdem kaum, so dachte der Ookami.
Im Gegensatz zu ihm durchlebte Oichi ein gänzlich anderes Szenario. Damals, als sie vor knapp zwei Jahren mit ihren Gefährten nach Tama gekommen war, hatte sich alles um die Rückkehr der Herrscherstochter gedreht. Doch nun starrte man sie an – ihre spitzen Zähne, ihre glühenden Augen, ihre buschigen Ohren, ihren unter dem hellgrauen Kleidchen hervorlugenden Fuchsschwanz.
Aber die Bewohner Tamas waren tolerant, nicht zuletzt auf Wirken der Herrscherfamilie, die seit der Erschließung dieses Tales bis zum heutigen Tage alles dafür getan hatte, Frieden zu sichern. Und das nicht nur zwischen den Völkern, sondern auch gegenüber Tieren und der Natur im Allgemeinen.
Jemand erwartete Oichi sowie Ukusim bereits. Es handelte sich um einen großgewachsenen Mann mit kurzgeschorenem Haar und einem Schnurrbart, welcher selbst den breiten Mund darunter in den Schatten stellte. Sein stämmiger Köper steckte in einer blauen Tunika und dem für die Wachen Kronschells üblichen silbern glänzenden Brustpanzer.
»Hauptmann Zhao!«, begann die Kitsune mit einem freundlichen Lächeln. »Ich bin Oichi, falls Ihr meinen Namen vergessen haben solltet, und das hier ist Ukusim.«
Der streng dreinblickende Mann verbeugte sich nicht, aber er senkte seinen Kopf für einen Augenblick, um den beiden magischen Wesen Respekt zu zollen.
»Ich hoffe, Ihr habt meine Nachricht erhalten?«
»Natürlich«, antwortete Zhao der Kitsune und bedeutete ihr mit einem Wink, ihm zu folgen. »Ehrlich gesagt hätte jemand – also irgendjemand – früher von Helenas Schicksal berichten können. Uns im Unklaren zu lassen, obwohl ihr euch als ihre Freunde vorgestellt habt, allesamt. Für so eine Frechheit hätte ich einen Feind niedergestreckt. Aber es freut mich natürlich, dass ihr glaubt, einen Weg gefunden zu haben, sie zu retten. Hoffen wir das Beste.«
Ein klein wenig war Oichi zusammengezuckt. Das war kein guter Anfang, und dieses Gespräch nahm einen noch unglücklicheren Verlauf, als Ukusim genervt schnaubte, während sie das Tor passierten.
Augenblicklich machte Zhao Halt. Er wirbelte rasch herum und rammte dem Ookami den Finger gegen das Brustbein.
»Pass besser auf, Kleiner«, zischte der Hauptmann. »Ich tue euch hier einen Gefallen, klar? Also zeig ein wenig Respekt!«
Zum Glück schielte Ukusim in Oichis Richtung, die ihm zu verstehen gab, er solle sich eine Antwort verkneifen und einfach nur stumm nicken, was er dann auch tat.
Daraufhin setzten die beiden magischen Wesen mit Zhao als ihrem Führer den Weg zum Zentrum fort, wo der prächtige Palast wartete, ein eindrucksvolles Bauwerk mit zahlreichen Nebengebäuden und einem unfassbar hohen Turm.
Neu waren die Statuen zu beiden Seiten der Treppe, welche zu den großen weißen Flügeltüren führte. Obwohl sie dieselbe Person zu zeigen schienen, wusste Oichi, dass sie für die zwei Herrschertöchter standen, Helena und Selena – Zwillinge und äußerlich bis auf die Position ihres Muttermals ident, obwohl ihr Verhalten nicht unterschiedlicher hätte sein können.
»Es hat Ihr Reich stark getroffen, die beiden Erben zu verlieren, nicht wahr?«
Zhao nickte müde.
»Nach dem Tod des Herrschers ist unsere Aurelia spurlos verschwunden«, erklärte der Hauptmann, dessen Miene nun eher traurig wirkte und keinesfalls so streng wie zuvor. »Verständlich, weil sie ihren Mann nie richtig geliebt hat. Allerdings traf es uns schwer, als wir begriffen, dass weder Selena noch Helena zu uns zurückkehren. Doch wir Tama sind treu und voller Zuversicht. Wir werden warten, bis eine der Erbinnen wieder auf dem Thron sitzt, um uns in eine neue bessere Zeit zu geleiten.«
Oichi und Ukusim wurden in den Palast geführt, danach eskortierte sie Zhao in die Bibliothek. Nachdem er sich an das Halbdunkel gewöhnt hatte, deutete er in eine Ecke.
»Ich glaube, ihr wollt gleich beginnen? Dort findet ihr Tamas neueste Schriften. Jene, die ihr sucht, dürfte sich darunter befinden. Wir haben sie dem südlichen Schrein vor etwa drei Jahren abgenommen.«
»Abgenommen?«, wiederholte Oichi. »Ich würde das eher als Diebstahl bezeichnen.«
Darauf zuckte Zhao nur mit den Schultern.
»Dieses Horten von niedergeschriebenem Wissen war eines der wenigen Dinge, bei denen sich Sun Tama der Siebte uneinsichtig zeigte. Es lag ihm viel daran, mithilfe des Wissens der Welt einen Weg des Friedens zu finden. Leider gelang ihm das vor seinem Tod nicht, aber Tama war dennoch stets ein Ort der Glücksseligkeit.«
Während Zhao sprach, war Ukusim bereits zu den Tischen und Schränken gestapft, um sich mit einigen Schriftrollen einzudecken.
»Viel Glück euch«, sagte der Hauptmann noch, bevor er die Bibliothek verließ. »Ich lasse euch Speis und Trank bringen. Lasst nach mir rufen, wenn ihr etwas benötigt.«
Nachdem sich Oichi bei ihm höflich bedankt hatte, griff sie nach einem in der Nähe stehenden Leuchter und entzündete ihn mithilfe ihrer Magie.
Dann entfleuchte ihrer Kehle ein erstaunter Laut, und er war gerechtfertigt.
Diese Bibliothek hier war kaum mit Worten zu beschreiben, trotz der unzähligen Kombinationen an Wörtern, die hier zu finden sein mussten. Der längliche Raum war eine Offenbarung für jeden, der nach Wissen strebte. Dokumente aus allen möglichen Epochen waren hier verwahrt. Auf den zahlreichen Laden waren kleine Metallschilder angebracht, die angaben, dass es für jedes noch so unwichtige Thema eine zugehörige Schrift gab. Von den gewaltsamen Taten der angeblich längst verschollenen Drachen bis hin zu den neuesten Ereignissen wie die Abenteuer des kürzlich verstorbenen Herrschers gab es Berichte, die auf ihre Art und Weise allesamt zumindest ein Fünkchen Wahrheit beinhalteten. Trotz der beachtlichen Staubschicht auf so manchem Buchdeckel hatte alles seine Ordnung, und man merkte, mit welcher Liebe darauf geachtet wurde, dass die Objekte und Gedanken an diesem Platz nicht in Vergessenheit gerieten.
Oichi schluckte und stellte den Leuchter langsam auf einen niedrigen Tisch vor ihr, an dem sich Ukusim bereits niedergelassen hatte.
»Gut, fangen wir an.«
Die Suche dauerte lange. Obwohl Oichi nicht wusste, wonach sie genau suchten, half sie, so gut es ging. Nach einer Stunde machten sie eine Pause und verzehrten die Gerichte, die ihnen gebracht worden waren. Danach stöberten sie zwei weitere Stunden in den Büchern und Schriftrollen.
Irgendwann überkam die Kitsune eine lähmende Müdigkeit, und sie legte sich auf eine Kiste, da sie nicht glaubte, dass für sie eine Unterkunft vorbereitet worden war. Doch als sie sah, dass Ukusim nicht ruhen wollte, bis er gefunden hatte, wonach er suchte, schöpfte sie neue Kraft.
Mitten in der Nacht fuhr der Ookami auf einmal ruckartig nach vorne und klopfte mit der Hand auf den Tisch. Vor ihm lag eine Art religiöser Ratgeber, bestehend aus vier Seiten, auf denen etwas über einen Bann geschrieben stand.
Und mit einem Schlag begann es, in Oichis Magen zu kribbeln. Würden sie Haru nun retten können?
»Hier; hier steht es!«, keuchte Ukusim und begann zu lesen. »›Von allen Mächten der Natur ist die Magie des Herrn des Waldes, eines sagenhaft majestätischen Hirschs mit leuchtendem Geweih, eine der beeindruckendsten und zugleich auch erschreckendsten. Einst erzählte ein gelehrter Tanuki namens Sakon meinem Vorgänger, Mönch Gya, von den Kräften des edlen Bewahrers des Wunderforstes, eines der erwählten Abgesandten aus dem verbotenen Reich Mu.‹«
»Volltreffer!«, rief Oichi. »Weiter!«
