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Zeit des Umbruchs auf dem Kontinent Kenka – nach ewig währender Fehde zwischen den Rittern des Westens und den Samurai des Ostens sollen neue Wunderwaffen das jeweils andere Volk vollständig vernichten. Als hätte das Fuchsmädchen Oichi, das aus dem magischen Wunderforst flüchtet, nicht ohnehin schon genug Probleme mit den Menschen, gerät es auch noch zwischen die Fronten und findet sich einsam in einer zerrütteten Welt wieder. Glücklicherweise schließt sie Freundschaft mit dem Regenten Haru und dem Skalden Owain, zwei tapferen Gestalten, welche ihre Heimat nicht so einfach kampflos aufgeben wollen. Gemeinsam reisen sie nach Tama, wo sie eine Person vermuten, die den drohenden Krieg noch aufhalten kann ... und Mensch sowie Natur zusammenzuführen vermag.
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Seitenzahl: 606
Veröffentlichungsjahr: 2024
wundersam
alles, was man sich vorzustellen vermag,
ist irgendwann irgendwo Realität
den im Geiste Verwandten
Kevin Johann Wundersam
tama monogatari
erste Hälfte
beneath the hollow moon
© Kevin Johann Wundersam
2024 – aktuelle Auflage
2016 – Originalveröffentlichung
Epik · Roman · Fantasy
Coverbild Model: Serina Bach
Coverbild Fotografie: Jessica Stai
wunderversum
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH,
Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
ISBN 978-3-384-46698-3 (softcover)
ISBN 978-3-384-46699-0 (hardcover)
ISBN 978-3-384-46700-3 (e-book)
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BENEATH THE HOLLOW MOON
Was sind wir? Sind wir unsere Entscheidungen? Sind wir die Summe unserer Erinnerungen? Sind wir die Summe unserer Träume? Sind wir mehr als das? Was sind wir wirklich? Wir sind prädestiniert aufgrund der Gene der Vorfahren, geprägt von vergangenen Ereignissen, durch unzählige merkwürdige Faktoren beeinflussbar, den unantastbaren Mächten ausgeliefert, Bastler zukünftiger Erwartungen, Bindeglieder einer nicht endenden Kette – mit einem Auge beobachten wir das Schicksal, das wir nicht ergründen können und nur auf den Zufall reduzieren; unser anderes Auge ruht auf dem unausweichlichen Tod, der die Schritte lenkt und einem höheren Zweck dient. Wir hoffen und wir bangen, sehen uns immer wieder mit dem Leid und dem Glück konfrontiert. Und wir können nur danach streben, etwas zu hinterlassen oder mitzunehmen, bevor wir schlussendlich weitergehen. Wir sind ein Teil der Unendlichkeit.
der Mond scheint blutend
in der Nacht, ganz und gar rein
soll sein Wille sein,
obgleich das Leid der Wesen
mir das Herz zerreißt
Kaguya hetzte sich durch die hohen Gräser, die sich beinahe wie von selbst zur Seite bogen, um nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Einen flinken Fuß vor den anderen setzend, hastete das Mädchen durch das weite Feld. Schließlich sprang es ab, segelte eine Zeit lang über den Erdboden, rollte sich dann geschickt ab und griff nach der vertrauten Waffe auf dem Rücken.
Der Pfeil schnellte von der Sehne, flog durch die Luft und wurde in den Stamm des großen Kampferbaumes getrieben. Kaguya wischte sich eine Strähne ihres rotblonden Haares aus dem Gesicht und seufzte erleichtert, als sie sah, dass sich die Spitze ihres Geschosses direkt in die Mitte der beinahe schon absurd kleinen Zielscheibe, welche zuvor auf die Baumrinde aufgemalt worden war, gebohrt hatte.
Anschließend kletterte sie den Stamm empor. Nur wenige Handgriffe später befand sie sich inmitten der Krone, von erfrischend grünen Blättern umgeben, und ohne zu zögern ließ sie sich in die Tiefe fallen. Ihr ein Meter langer Schweif wickelte sich wie von selbst um einen dicken Ast, um für Halt zu sorgen. Kopfüber vom großen Kampferbaum hängend griff Kaguya nach drei Messern, die sie mit einer schwungvollen Bewegung von sich stieß. Jedes von ihnen fand sein Ziel und biss sich in eine der drei kunstvoll bemalten Vogelscheuchen in der Ferne.
Die Jugendliche ließ sich zu Boden sinken. Mit einem erwartungsvollen Funkeln in den Augen blickte sie ihren Vater an, der sie die ganze Zeit über beobachtet hatte. Er erwiderte ihren Blick und nickte lächelnd. Daraufhin stieß Kaguya einen Freudenschrei aus und sprang in die Luft. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte sie – doch schon machte sich die Müdigkeit ihres Körpers bemerkbar, was kein Wunder war, da sie von Sonnenaufgang bis zum Anbruch der Nacht trainiert hatte.
Nun versiegten schon die letzten schwachen Strahlen der rötlichen Abendsonne, und Kaguya hatte alle fordernden Prüfungen gemeistert; die Schwertübung, den Hindernislauf, das Anschleichen. Sogar die Ziele hatte sie allesamt getroffen. Ihr Vater strich ihr über das lange Haar und wirkte stolz. Als er sich abwandte, sprang Kaguya ihn von hinten an. Lachend taumelte der Vater über die Wiese, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden und seine fünfzehnjährige Tochter schließlich bequem auf seinem Rücken positioniert hatte.
Kaguya schlang ihre dünnen Arme um den Hals ihres Vaters, während sie sich von ihm durch die Graslandschaft tragen ließ. Sie schnupperte an seinem aschblonden Haar und ließ ihren Blick dann über die Täler vor ihnen schweifen. Dem gutmütigen Mädchen gefiel es hier. Die Natur war in diesem Teil der Welt so vollkommen, dass sie sich bereits durch die bloße Anwesenheit zweier Menschen gestört fühlen musste. Dennoch konnte man dutzende Vögel in den Bäumen singen und unzählige Insekten auf den Feldern lärmen hören, unbeeindruckt von den beiden Eindringlingen.
Doch Kaguya genoss nicht nur die friedliche Atmosphäre. Sie genoss auch die Zweisamkeit mit ihrem Vater, der einzigen Person, in die sie ihr Vertrauen setzen konnte. Der zweiundvierzigjährige Mann konnte ihr Schutz bieten, was niemand sonst hätte bewerkstelligen können. Tatsächlich umgab Kaguya ein Geheimnis, das außer ihr nur ihr Vater kannte – ein Geheimnis, das kein anderer Mensch jemals erfahren durfte. Kaguya war eine Kitsune.
Endlich waren sie und ihr Vater bei ihrer Unterkunft angelangt. Es handelte sich um eine kleine Höhle in der Nähe eines riesigen Waldes in einer von der Menschheit unberührten Gegend. Nachdem Kaguya vom Rücken ihres Vaters gerutscht war, kümmerte sich dieser um das Lagerfeuer. Als schließlich die große Flamme loderte und Kaguya von der wohligen Wärme des Feuers sowie dem monotonen Knistern des Holzes wie hypnotisiert dasaß, sprach sie aus, was ihr auf dem Herzen lag.
»Papa, bitte erzähl mir die Geschichte von Oichi.«
»Hm?«, machte der Vater erstaunt und hob seinen Kopf, als er von einem Schriftstück aufsah. »Ich habe dir diese Geschichte doch schon einmal erzählt.«
»Aber bei weitem nicht die ganze Geschichte«, erwiderte Kaguya trotzig. Ihr finsterer Blick war nicht ernst gemeint, genauso wenig wie das Zeigen der spitzen Zähnchen.
»Bist du denn gar nicht müde?«, fragte der Vater mit sanfter Stimme.
Kaguya schüttelte wild den Kopf. Sie hatte wohl die Sturheit ihrer Mutter geerbt. Der Vater seufzte und rieb sich die Stirn, dann lachte er leise.
»Nun gut, du bist jetzt fünfzehn Jahre alt, also genauso alt wie Oichi, als sie aus ihrer Heimat aufbrach. Es ist nur fair, dir die Geschichte jetzt zu erzählen.«
Zwei Kaninchen hatten sich schon mehrere Minuten lang vor dem Höhleneingang umhergetrieben. Nun hoppelten sie zaghaft näher, und auch ein Rotkehlchen kam plötzlich angeflogen.
»Es scheint, als wärst du nicht die einzige, die diese wundersame Geschichte hören will«, meinte der Vater lächelnd.
»Ich will die Geschichte von Anfang an hören, und bis zum Ende«, sagte Kaguya, während sie die Kaninchen zwischen ihren Knien positionierte und das Rotkehlchen auf ihrer linken Schulter landen ließ.
»Wirklich die ganze Geschichte?«
Sie nickte ernst.
»Ja.«
Und so begann der Vater seiner Tochter und einigen tierischen Gästen die Legende der Kitsune Oichi zu erzählen, in der ein Mädchen und ein junger Mann einen Weg finden mussten, in einer von Zwietracht zerrütteten Welt ein wenig Hoffnung zu finden.
PROLOGalles in Ordnung
Werfen wir zunächst einen Blick auf jene schicksalhaften Ereignisse, die ganze zwölf Jahre vor unserer eigentlichen Geschichte stattfanden. Sie waren nämlich der Grund für die lange und beschwerliche Reise von Oichi. Und eines könnt ihr mir glauben; dieser Auftakt könnte nicht düsterer sein.
Haru schloss die Augen, um in Gedanken an einen Ort zu reisen, der viel freundlicher und harmonischer war, und sofort kamen ihm undeutliche Bilder von wunderschönen Kirschblüten sowie rauschenden Bergbächen in den Sinn – doch es half nichts, denn das Heulen des stürmischen Windes und das Prasseln der schweren Regentropfen waren leider allgegenwärtig und zerrten ihn wieder in die grausame Wirklichkeit; in das Hier und Jetzt.
Ein Blitz zerriss die Finsternis der Nacht und gewährte einen kurzen Blick auf die dunklen Umrisse der vielen Nadelbäume. Das laute Grollen des Donners folgte nur Sekundenbruchteile später, gleich einem Trommelschlag, welcher den Rhythmus des Herzens zu beschleunigen versuchte.
Tatsächlich glaubten die Samurai, dass Blitz und Donner von einer Art Gottheit in Form eines Greises geschickt wurden, der auf einer Wolke durch die Lüfte reiste und mithilfe eines Schlags auf eine seiner vielen Trommeln einen Knall über die Landschaft jagte. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder, der die Winde kontrollierte, trieb er immer wieder gerne Schabernack, um die Sterblichen zu ärgern und sie zu Opfergaben anzustiften.
Ängstlich senkte Haru den Kopf, und er musste all seinen Mut zusammennehmen, um sich nicht am Umhang seines kahlen Begleiters festzukrallen. Dennoch spürte dieser glatzköpfige Mann seine unvorstellbare Furcht, und so ging er in die Knie, um den Jüngling mit den blonden Haaren zu begutachten. Obwohl jener Knabe erst neun Jahre alt war, galt er bereits als mutiger Krieger. Doch nichtsdestotrotz war er noch ein Kind, und selbst abenteuerlichen Schwertmeistern wäre beim Anblick des unheimlichen Waldes ein Schauer über den Rücken gelaufen.
Natürlich waren es weder die Blitze noch der Donner, und schon gar nicht der Regen – es waren die Geschichten über die Wesen aus dem Wald, die den Anwesenden Angst einflößten. Geschichten über Ungeheuer, die mit ihren messerscharfen Krallen über Menschen herfielen. Geschichten über Monster, die nachts in Städte eindrangen und Neugeborene stahlen. Geschichten über Magier, die nur mit den Fingern schnipsen mussten, um ganze Häuser niederzubrennen.
Der Junge mit dem Namen Haru, sein kahler Begleiter und zwölf weitere Samurai hatten sich auf den Hügeln jenseits des Hanabi-Territoriums eingefunden, um eine alte Tradition abzuhalten, die seit nunmehr vier Jahrhunderten Bestand hatte. Hierbei handelte es sich um einen verabscheuungswürdigen Brauch, einen Akt der Grausamkeit, der während der Goku-Dynastie undenkbar gewesen wäre. Doch diese glücklichen Zeiten des Friedens, in denen der Mensch eins mit der Natur gewesen war, gehörten schon lange der Vergangenheit an.
Mit einem freundlichen Lächeln versuchte Satou, der Mann mit der Glatze, seinem jungen Schützling die Furcht zu nehmen, doch es schien nicht zu gelingen. Immer noch war Haru wie versteinert. Seine Augen ruhten gebannt auf den Nadelbäumen vor ihm, die wie Speerspitzen wirkten – als wären es monströse Waffen eines gefallenen Kriegers, die als Warnung zurückgelassen worden waren. Die schwarze Kluft, die sich zwischen den Baumstämmen auftat, war ebenso bedrohlich.
»Es ist in Ordnung«, flüsterte Haru, der die aufmunternden Gedanken seines kahlen Begleiters zu erahnen schien. »Alles in Ordnung.«
Wieder zuckte ein Blitz durch die dunkle Nacht, und wieder folgte ein ohrenbetäubendes Donnergrollen. Und nun plötzlich verschwand die Wolkendecke am Himmel – sie wurde entzweigerissen und gab so den funkelnden Sternenhimmel frei. Der rötliche Vollmond prangte nun über den Köpfen der vierzehn Menschen, die am Waldrand versammelt waren. Er wirkte wie eine vollkommene Tonscheibe, die man in Blut getränkt hatte. Auf dieses Zeichen hatten alle gewartet.
»Bereit, Sohn?«
Zitternd blickte Haru in das grimmige Gesicht seines Vaters zu seiner Linken, dann nickte er zögerlich. Mit unbeholfenen Bewegungen stieg der Knabe auf ein reiterloses Pferd. Dann wartete er, bis sich sein glatzköpfiger Begleiter vor ihm positioniert hatte. Wenigstens musste er diese Mutprobe nicht völlig alleine meistern.
»Möge die Jagd beginnen!«, riefen die Männer wie aus einem Mund.
An die nächsten Minuten konnte sich Haru nur bruchstückhaft erinnern. Seine Gedanken waren vernebelt. Alles, was er sah, waren deformierte Bäume und geisterhafte Fratzen. Das Gehirn des neunjährigen Jungen weigerte sich, diese fürchterliche Tradition zu verstehen, dieses absurde Treiben gutzuheißen, und so erinnerte sich Haru weder an den Ritt durch den Wald noch an die Schreie der angsterfüllten Tiere.
Schließlich fand er sich auf einer schönen Lichtung wieder. Das Mondlicht erhellte die Umgebung und ließ das feuchte Gras rötlich schimmern. Die Bäume um ihn herum waren wie eine große Mauer, die ihn von einer Flucht abhielten. Es gab kein Entrinnen – weder für ihn noch für sein Opfer.
Laut den Gesetzen der Tradition war es verboten, dass ein Familienmitglied den Jüngling zur Jagd begleitete. Aus ebendiesem Grund war einzig und allein der glatzköpfige Satou dem jungen Haru auf die Lichtung gefolgt, wo das mystische Wesen den beiden Menschen hilflos ausgeliefert war.
Harus Waffe wog sehr schwer. Sie zitterte in seinen kleinen Händen. Die Spitze der scharfen Klinge hing in der Luft, nur wenige Fingerbreiten über dem Hals der jungen Kitsune.
Das Mädchen mit den Fuchsohren lag auf dem Erdboden und schrie aus Leibeskräften. Es war noch ein Baby, kaum älter als acht Wochen, so wirkte es. Das orangefarbene Fell auf seinem Rücken und der buschige Schweif darunter waren Beweise, dass es sich hierbei nicht um ein Menschenkind handelte – sondern vielmehr um eine von den Menschen erwählte Beute.
»I-ich kann das nicht«, stammelte Haru. »Es ist nicht in Ordnung.«
Satou trat näher an seinen Schützling heran.
»Tust du es nicht, wirst du verbannt.«
»So sei es«, sagte Haru und ließ die Waffe niedersausen.
KAPITEL 1das ferne Land
Unsere Geschichte beginnt am wohl fantastischsten Ort, den ein Mensch sich nur vorzustellen vermag. Einst lebten dort derart viele magische Wesen, dass man diese uralte Macht förmlich mit den Händen ertasten konnte. Man denke nur an all die unvergleichlichen Legenden, Fabeln sowie Sagen, die hier entstanden.
Dieser Ort galt als Zentrum der Natur, als Mittelpunkt der Magie, sogar als Kern des Übernatürlichen. Tatsächlich jedoch waren diese Wunder, in Ermangelung eines besseren Wortes, nach und nach aus den Gebieten der Menschen verschwunden, nahezu vertrieben worden. Also war er vielmehr eine Art letzter Festung, der Zufluchtsort der Tiere und das Zuhause der Magischen; der Wunderforst.
Selbst wiederholte Versuche, ihn niederzubrennen, waren vergebens gewesen. Nicht einmal die vielen Jahre der Jagd auf die magischen Geschöpfe, die hier Unterschlupf fanden, hatten die Schönheit des mystischen Waldes gemindert. An diesem besonderen Tag war er sogar prächtiger, als er es in seinen frühesten Zeiten gewesen war.
Wärmende Strahlen der Abendsonne drangen durch das Blätterdach und erfüllten den Wunderforst mit wohligem Licht. Der ungemütliche Nebel, der den ganzen Tag über den Baumkronen geschwebt war, hatte sich endlich zurückgezogen. Sämtliche schattigen Plätzchen im Wald waren nun ideale Orte für einen kleinen Aufenthalt zur Erholung der müden Knochen.
Die Bäume waren mit allerlei Gegenständen geschmückt, welche die Waldbewohner den Menschen entwendet hatten – da hingen etwa alte Schuhe und bunte Mützen an den Ästen. Zwischen einigen Stämmen waren Tücher gespannt worden, auf die ein Lemur krakelige Zeichen gekritzelt hatte, sodass nun ›geniezt die shöne zeit‹ darauf zu lesen war.
Auch die intelligenteren Tiere hatten zur Dekoration beigetragen. Die vielen roten Laternen, die auf kleinen Ästchen sowie in breiten Büschen anzufinden waren und wie ein Meer leuchtender Tomaten wirkten, waren beinahe unbedeutend im Hinblick auf die abertausenden schwebenden Kerzen, die von Marderhunden durch die Kraft der Windmagie in der Luft gehalten wurden.
Auf dem Erdboden befanden sich zudem dutzende Statuen, die aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt worden waren. Ein geschicktes Braunbärjunges hatte etliche Holzkisten aufeinandergestapelt und sie mit dem breiten Hut eines Reisbauern gekrönt. Zwei Hasendamen mit weißen Fellen, die soeben an dieser merkwürdigen Skulptur vorbeiliefen, würdigten sie keines Blickes, denn ihre eigene Konstruktion, einen Haufen wild durcheinandergeworfener Suppenschalen, fanden sie weitaus beeindruckender.
In regelmäßigen Abständen waren kleinere Tiere zu sehen, welche für fröhliche Musik sorgten. Bunte Vögel trällerten ihre besten Lieder, und eine Gruppe von Mäusen versuchte, auf einer Bambusflöte zu spielen. Am lautesten waren jedoch zweifellos die Affen, welche sich hoch über den Köpfen der anderen von einem Baum zum nächsten schwangen und dabei ordentlich Radau machten.
Die Erklärung für diese eigentümliche Versammlung der Waldbewohner war eine Festlichkeit, welche alle zehn Jahre stattfand. Jene, denen dieses Fest gewidmet war, folgten dem ausgetretenen Pfad zwischen den Stämmen der Bäume hindurch; in Schlangenformation und zudem in Begleitung ihrer Angehörigen, die Blicke aller anderen auf sich ziehend.
Auch Oichi hatte sich eingereiht. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, während sie versuchte, weder jemanden vor sich noch hinter sich anzurempeln. Mehrere Male drehte sie ihren Kopf, um möglichst alle Skulpturen und Dekorationen zu Gesicht zu bekommen. Das rege Treiben im Wald war eine neue Erfahrung für sie, zumal die Bewohner des Wunderforstes normalerweise träge und stille Gesellen waren – doch der Grund für die Festlichkeit bewahrte sie vor Freude und Aufregung. Viel eher war dieses Fest der Quell ihrer Trauer.
Oichi war eine waschechte Kitsune. Sie war ein fünfzehnjähriges Mädchen und unterschied sich nicht allzu sehr von menschlichen Wesen. Tatsache war, dass sie mehr Ähnlichkeit mit Menschen als mit den Tieren dieses Waldes hatte. Auch ihre Freizeitbeschäftigungen waren den der Menschen nicht unähnlich, denn am liebsten genoss sie selbst zubereitetes Essen oder lauschte den Geschichten älterer Generationen. Manchmal spielte sie auch mit Murmeln oder versuchte sich an der Kunst, wenn ihr langweilig war.
Nichts an Oichis Verhalten oder ihren Vorlieben hätte einen Magielosen abgeschreckt. Dennoch waren magische Wesen wie sie nicht dazu bestimmt, mit Menschen zusammenzuleben, weshalb der abgeschiedene Wunderforst ihre Heimat und gleichzeitig ihren einzigen Zufluchtsort darstellte.
Kitsune waren hochintelligente und magiebegabte Füchse in menschlicher Gestalt. Sie wurden durchschnittlich etwa zwei Meter groß – Oichi dagegen war mit ihren einhundertundzweiundsechzig Zentimetern etwas klein geraten – und besaßen schlanke aber muskulöse Körper mit heller Haut. Die Iriden ihrer Augen leuchteten rötlich, ihre Eckzähne wirkten außergewöhnlich spitz, und Nägel der Finger sowie Zehen waren lang und scharf.
All das hätte eine Kitsune jedoch nicht drastisch von einem Menschen unterschieden – anders sah es allerdings mit den Ohren aus. Von gewöhnlichen Hörorganen waren diese weit entfernt, denn die Ohren einer Kitsune waren eher kegelförmig als rund und behaart, wie die eines Fuchses. Zudem besaßen diese Wesen ein weiteres ungewöhnliches Merkmal. Der Rücken einer Kitsune war nämlich mit orangerotem Fell überzogen, und an dessen unterem Ende reckte sich ein buschiger Fuchsschwanz in die Höhe. Der Schweif einer Kitsune war der Sitz ihrer magischen Quelle, so hieß es. Und gleichzeitig war er der Grund für die Jagden auf sie.
Vor langer Zeit hatten Menschen und Kitsune in Harmonie zusammengelebt. Oftmals hatten die Menschen die abgeschiedenen Wälder besucht und die Wesen mit den Fuchsohren um magischen Beistand gebeten. Doch dieses Brauchtum war inzwischen in Vergessenheit geraten. Seit dem Tod des siebten Nachfolgers von Ben dem Eroberer vor mehr als vier Jahrhunderten und dem daraus resultierenden Krieg um die Vorherrschaft der Insel Kenka war die Menschheit dem Wahn verfallen.
Der große Krieg von Kenka dauerte nun bereits einhundertundfünfzig Jahre an. Die Völker vereinende Goku-Dynastie, die von Ben dem Eroberer einst ins Leben gerufen wurde, war unbedeutend geworden – genauso wie das Versprechen an die Natur, den Kitsune und vielen anderen magischen Wesen mit Respekt zu begegnen. In diesem großen Krieg kämpften die Samurai des Ostens gegen die Ritter des Westens. Wie ein tödlicher Sturm wütete dieser Krieg, und ein Ende war nicht abzusehen. Obwohl es immer wieder Waffenstillstände gab, die mehrere Jahrzehnte dauern konnten, schienen weder die Ritter noch die Samurai ruhen zu wollen, bis ihr Feind kapitulierte und die fruchtbare Insel Kenka verließ.
Es war nur verständlich, dass die Menschen sich gegen die Natur richteten, wenn sie einen Vorteil daraus ziehen konnten. Im Laufe der Zeit waren die Samurai zu verbitterten Kriegern geworden, die selbst vor der Ermordung magischer Wesen nicht zurückschreckten. Die Schweife der Kitsune galten als Talismane, und deshalb wurden diese Füchse in Menschengestalt aus Prestigegründen gejagt. Jene Tradition war vor etwa vier Jahrhunderten geboren worden, als Ben der Achte gestorben war, ohne einen Thronfolger hinterlassen zu haben. Die Jagd auf die Kitsune wurde immer öfter abgehalten. Wald für Wald wurde niedergebrannt. Nun war der Wunderforst der einzige sichere Rückzugsort aller magischen Wesen geworden.
Mittlerweile gingen die Samurai jedes Jahr auf die Jagd – nachts, in den Wochen nach der Sommersonnenwende, aber nur wenn sich der Mond rot färbte. Dieses alle vierzig Tage stattfindende Naturphänomen interpretierten die Menschen als Zeichen der Götter, welches den neuen und schrecklichen Brauch einläutete.
Bei einer solchen Jagd hatte Oichi ihre Schwester verloren. Viele Kitsune hatten sterben müssen; nur noch wenige ihrer Art existierten. Doch Oichi war eine starke junge Frau. Sie hatte den Verlust ihrer Schwester und ihrer Freunde überwunden. Sie konnte ihr Leben im Wunderforst trotz allem genießen. Dennoch war der heutige Tag ein finsterer für sie.
Oichi, gekleidet in ein weißes Gewand, mit einer Kette samt Anhänger um den Hals, war am Ende des Waldweges angelangt. Beinahe alle Bewohner des Wunderforstes waren zusammengekommen, um der Festlichkeit beizuwohnen. Jedes Wesen blickte gebannt auf das große Steinmonument, das sich auf einem kleinen Hügel vor ihnen befand. Einst war darauf die Inschrift ›Friede zwischen Mensch und Natur‹ zu sehen gewesen, doch irgendein Tier hatte viele Jahre zuvor die ersten vier Worte unkenntlich gemacht.
Dort, zwischen der Menge und dem Monument, stand auch ein eindrucksvoller Hirsch mit prächtigem und buntem Geweih. Sein Anblick raubte vielen Tieren den Atem, denn sein Gesicht spiegelte trotz der mitfühlenden Augen eine unerschütterliche Strenge wider. Man erzählte sich, dass seine Tränen den Tod eines Sterblichen ungeschehen machen könnten. Als er sprach, bewegte er seinen Mund nicht, doch alle konnten seine klare Stimme vernehmen.
»Wir haben uns heute hier versammelt, um den Abschied unserer Ältesten zu feiern.«
Stille kehrte ein. Die Vögel schwiegen, die Mäuse legten ihre Flöten beiseite, und das Geschrei der Affen erstarb. Nur das Rascheln der Blätter war noch zu hören.
»Vor zehn Jahren verließen uns unsere Vorfahren«, fuhr der Hirsch fort, »und nun ist es erneut an der Zeit, Lebewohl zu sagen.«
Gemeint war eine Tradition, nach der kranke oder alt gewordene Wesen des Wunderforstes nicht dem Tod erliegen sollten, sondern stattdessen zu einer weit entfernten Insel namens Mu reisen durften, auf der die Zeit kaum verging und Leid nicht existierte.
Oichi senkte den Kopf und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Eine wunderschöne Frau an ihrer Seite lächelte und strich ihr sanft über das rotblonde Haar, das dem Mädchen bis zu den schmalen Hüften reichte.
Nach und nach rief der strenge Hirsch Namen auf. Zuerst trat ein dicker Tanuki, ein Marderhund, namens Sakon mit Gehstock auf den Hügel mit dem alten Steinmonument. Ihm folgten zwei große getigerte Katzen, die als Kai-Zwillinge bekannt waren und laut einer Legende das Gesicht eines gefürchteten Samurai zerkratzt hatten.
Dann fiel der Name von Oichis Mutter. Die fünfzehnjährige Kitsune kämpfte gegen ihre Tränen an, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihr hübsches Gesicht mit der Stupsnase benetzt wurde. Ihre Mutter Omei küsste sie ein letztes Mal auf die Stirn und gesellte sich danach zu den anderen alten Wesen auf dem Hügel. Sie dort oben am Monument, nur wenige Meter von sich entfernt, stehen zu sehen, brach Oichi beinahe das Herz. Dafür war sie noch nicht bereit.
»Wir verbeugen uns vor euch«, sagte der Hirsch, und so geschah es auch. Jedes Wesen senkte den Kopf und zollte den vier Ältesten bei dem Steinmonument Respekt. Als sie eine Minute später wieder aufsahen, waren der Tanuki und die Katzenzwillinge sowie die Kitsune verschwunden.
»Geht in das ferne Land und verfallt der Unendlichkeit!«
Etliche Minuten lang traute sich niemand zu bewegen. Es war, als ob alle versammelten Wesen in tiefste Traurigkeit gestürzt worden wären. Plötzlich machte der majestätische Hirsch mit dem leuchtenden Geweih einen hohen Satz, sprang über die Köpfe der Anwesenden hinweg und verschwand im Schatten der einkehrenden Dunkelheit. Die Sonne ging unter, die Sterne erschienen am Firmament, und alle Wesen zogen sich zurück.
Nur Oichi wartete noch einige Stunden am Hügel, denn das große Steinmonument, das lange vor ihrer Geburt von Ben dem Eroberer hier errichtet worden war, spendete ihr Trost.
Vor einem Jahr hatte das Fuchsmädchen von den Plänen seiner Mutter erfahren. Es hatte mehr als dreihundert Tage Zeit gehabt, um sich auf diesen Moment vorzubereiten. Doch nun schien alles Schöne – jedes aufmunternde Wort, jede zärtliche Berührung, jeder erquickende Moment – in weite Ferne gerückt zu sein.
Was, wenn Oichi noch nicht bereit war, ohne ihre Mutter in diesem Wald zu leben? Was wäre, wenn sie mitten in der Nacht aufwachte, gebeutelt von der Erkenntnis, dass sie nie wieder mütterliche Liebe empfangen konnte?
Jetzt war es zu spät. Sie war allein.
Niemand würde sie je wieder trösten können. Es war Zeit, erwachsen zu werden. Aber noch nicht heute.
Oichi schmiss sich auf den Boden, hämmerte mit ihren Fäusten auf den Erdboden ein und vergoss unzählige Tränen, während sie immer wieder laute Klageschreie ausstieß. Niemand kam, um ihr beizustehen, denn mit diesem Schmerz musste sie selbst fertig werden.
Ihre Mutter befand sich indes mit den anderen drei Ältesten auf einem Boot, das in Richtung Mu fuhr; einem mystischen Ort, der auch das ferne Land genannt wurde. Dies war der einzige Platz auf der gesamten Welt, welcher vollkommen friedlich war, und sogar noch sicherer als der Wunderforst. Kein Mensch wusste von seiner Existenz. Dort, inmitten von gigantischen Ginkgobäumen und hohen Bergen, würden die alten Wesen die ihnen verbleibende Zeit genießen und dem Tod gelassen entgegensehen können. Sie segelten nach Mu, um zu sterben. So war es Tradition.
KAPITEL 2die gezähmte Kitsune
Um dieser Geschichte besser folgen zu können, müssen wir unseren Blick nun wieder auf einen anderen Helden richten. Wandern wir also einige Tagesmärsche nach Westen, wo die Samurai leben, ein stolzes sowie gefürchtetes Volk, dessen prächtige Burganlagen mit den umliegenden Ebenen und den verstreuten Wäldern harmonieren.
Die meisten dieser höflichen und disziplinierten Menschen hatten einen kleinen schlanken Körperbau, und fast alle besaßen dunkles Haar. Von ihren Feinden, den Rittern, wurden sie oftmals träge geschimpft oder als Relikte der Insel Kenka bezeichnet. Tatsächlich waren die Samurai von der Vergangenheit fasziniert, doch sie fürchteten den Fortschritt nicht.
Respekt war die höchste Tugend der Samurai, und sie stellten das Wohlergehen der Umwelt und anderer Personen über ihr eigenes. Leider war ihre Liebe zur Natur und ihre Freundschaft zu den magischen Geschöpfen beinahe zur Gänze in Vergessenheit geraten, seit die Goku-Dynastie mit Ben dem Achten gestorben war.
Einige wenige betrachteten sich jedoch immer noch als Kinder der Erde und versuchten, Pflanzen und Tiere ebenfalls zu respektieren – wie unser Held. Wir durften ihn bereits kennenlernen; als kleinen Jungen, der in einer stürmischen Nacht eine wichtige Entscheidung getroffen hatte. In diesem Moment befand er sich auf dem Weg nach Osten.
Das Geräusch der Pferdehufe hatte sich verändert. Ein lautes Klackern signalisierte festen Untergrund. Haru öffnete die Augen und streckte seinen Kopf aus dem Kutschenwagen. Er atmete tief ein und genoss sowohl den süßen Duft der Frühlingsblumen als auch den wohltuenden Anblick der lebendig grünen Wiesen. Die Pflanzen ringsum wirkten froh und voller Tatendrang – mittlerweile hatten sie den harten Winter und dessen eisige Schneestürme vergessen.
Auch Haru war voller Tatendrang. Er konnte es kaum erwarten, endlich in Schloss Mori anzukommen, um dort als Regent zu leben. Sein Vater hatte ihn vor zwei Monaten mit diesem Angebot überrascht, und Haru hatte es nicht fassen können, dass ihm bereits jetzt diese große Ehre zuteil wurde. Üblicherweise musste man weitaus älter und erfahrener sein, um eine ganze Provinz regieren zu dürfen.
Zwölf Jahre waren seit jener Jagd in dem Waldstück vergangen. Haru war nun einundzwanzig Jahre alt; sein Körper war der eines kräftigen und flinken Mannes. Nichts erinnerte mehr an den verängstigten Jungen von damals. Das lange blonde Haar hatte Haru zu einem Zopf zusammengebunden. An diesem ganz besonderen Tag trug der stattliche Samurai mit dem markanten Kinn und den eisblauen Augen eine edle Robe aus feinsten Stoffen.
Unter den höhergestellten Beamten galt Haru als besonders schlau und zielstrebig, während ihn das Fußvolk als gütig und attraktiv bezeichnete. Lehrmeister lobten den jungen Mann in höchsten Tönen, und Frauen begannen aufgeregt zu tuscheln, sobald sie ihn sahen. Doch all diese Eigenschaften und Talente hatten Haru nicht arrogant werden lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Adeligen war er stets höflich und zuvorkommend geblieben. Eine gute Beziehung zu seinen Untertanen aufzubauen war ihm ebenso wichtig wie der Respekt vor der Natur und dem Tierreich.
Trotz seiner Fertigkeiten im Kampf und der unvergleichlichen Gerissenheit beim taktischen Planen hätte Haru sich niemals träumen lassen, dass ihn sein strenger und abweisender Vater bereits mit einundzwanzig Jahren zum Regenten von Mori vorschlagen würde. Doch genau so war es gekommen. Augenblicklich hatte sich Haru für seine Reise nach Mori vorbereitet. Und nun kamen die Dinge ins Rollen.
Die Kutsche kam zum Stehen, und Haru stieg aus. Er lief einige Meter weit, ließ sich in das Gras abseits des Weges fallen und streckte seine Gliedmaßen genüsslich von sich. Der Himmel war wolkenverhangen, doch das störte den jungen Samurai nicht.
»Wie habe ich dich vermisst, Heimat.«
Tatsächlich war Haru in der Provinz Mori geboren worden, hatte jedoch kurz nach dem Tod seiner Mutter an seinem fünften Geburtstag mit allen Bediensteten, die sich um ihn gekümmert hatten, in die Stadt Edo reisen müssen – zu seinem Vater, der damals wie gegenwärtig als rechte Hand des Shogun diente.
Nach so vielen Jahren endlich wieder in Mori zu sein, fühlte sich für Haru wie ein wahrgewordener Wunsch an. Er fragte sich, wie lange er davon geträumt hatte, seine eigene Provinz zu führen, seine eigenen Krieger auszubilden, sein lang gehütetes Geheimnis zu sehen.
Mehrere Minuten lang blieb Haru leise atmend auf dem Boden liegen. Bis auf das Zwitschern einiger Vögel und den Geräuschen, die der Kutscher beim Ausladen des Gepäcks verursachte, war es vollkommen still.
»Haru-sama!«
Ein alter Mann in grauem Mantel kam auf den in der Wiese ruhenden Haru zugelaufen. Sein Gesicht war mit einigen Narben übersät, was der Grund für seinen unregelmäßigen Bartwuchs war. Die braunen Augen, die unter seinen buschigen Brauen hervorblitzten, musterten Haru äußerst gründlich. Es waren die Augen eines verbitterten Veteranen.
Haru rappelte sich auf und verbeugte sich vor dem narbenübersäten Alten, der sich im Gegenzug bemühte, sich noch tiefer zu verbeugen. Nach etlichen Sekunden, in denen sich die beiden ungleichen Männer anschwiegen, ergriff Haru das Wort.
»Es ist mir eine Ehre, hier zu sein.«
»Es ist uns allen eine Ehre, Euch zu dienen, Haru-sama«, entgegnete der alte Mann. »Mein Name ist Sagawa. Ihr müsst wissen, ich kämpfte in vielen Schlachten an der Seite Eures großherzigen Vaters. In der Schlacht von Goldbrunn warf ich mich schützend vor ihn. Ein Pfeil zertrümmerte mein Knie, sodass ich nicht mehr in den Krieg ziehen konnte. Euer Vater war so überaus gütig, mich als Berater zu beschäftigen – und als Lehrmeister in Sachen Politik, für Euch, seinen Sohn.«
Unwillkürlich kniff Haru die Augen zusammen. Er hatte sich schon gefragt, wen sein Vater hier in Mori als Aufpasser ausgewählt hatte. Natürlich war es klar, dass kein erfahrener Samurai einem einundzwanzigjährigen Regenten vollkommen vertraute, auch wenn es sich dabei um den eigenen Sohn handelte. Dieser Sagawa war vermutlich ein ebenso strenger wie rücksichtsloser Mann, der zweifelsohne versuchen würde, die Fäden auf Schloss Mori zu ziehen. Bestimmt würde er alles tun, um Haru wiederholt zu beeinflussen.
»Goldbrunn«, murmelte Haru schließlich. »Ist das die Stadt, in welcher die Ritter den legendären Maeda verbrannten? Ein ehrenwertes Schicksal, als Held im Kampf zu sterben.«
Nun kniff Sagawa die Augen zusammen, denn er hatte die Bemerkung als Beleidigung aufgefasst. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.
»Wie könnt Ihr es nur wagen?«, zischte Sagawa. Er reagierte genauso, wie Haru es erwartet hatte; jähzornig und unkontrolliert. Vermutlich war es besser, sich vor diesem von Narben gekennzeichneten Mann in Acht zu nehmen.
»Ich habe nur laut nachgedacht«, log Haru und verbeugte sich. »Verzeiht mir.«
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht ließ der junge Regent den alten Sagawa am Wegrand stehen. Er beschleunigte seine Schritte und steuerte auf das große Tor von Schloss Mori zu. Das Gebäude war ein beeindruckendes Bauwerk, welches beinahe komplett aus Holz bestand und auf einem äußerst hohen Steinsockel errichtet worden war. Auch all die umliegenden Hütten zählten zu dem riesigen Komplex, doch besonders der zentrale Turm mit den geschwungenen Dächern und den reich verzierten Wänden war ein Zeichen für den Wohlstand der bedeutsamen und traditionsreichen Provinz Mori.
Im Innenhof wurde Haru mit begeisterten Rufen empfangen. Krieger, Politiker, Händler, Bedienstete und auch Priester hatten sich versammelt, um ihren neuen Regenten zu bejubeln. Sie alle setzten große Hoffnungen in den jungen Haru, dessen Vater immerhin der zweitmächtigste Samurai überhaupt war und nur Shogun Oda persönlich unterstand.
Haru grinste und verbeugte sich. Er genoss es, im Mittelpunkt zu stehen und Aufmerksamkeit zu bekommen. Als er an den vielen Menschen vorbeischlenderte, antwortete er mit einem herzerwärmenden Lächeln voller Güte. Einige Hände wollten geschüttelt werden, und einige Dokumente konnten nicht darauf warten, unterzeichnet zu werden – erst danach wurde der neue Regent von der Menge weggeführt.
Das schwere Tor zu dem zentralen Turm wurde geöffnet. Nachdem Haru alle Begleiter abwimmelte und eintrat, wurde es wieder geschlossen, und augenblicklich waren die Rufe der Menschen verstummt. Die kahle und unfreundlich wirkende Eingangshalle erstreckte sich vor ihrem neuen Besitzer.
Die tiefe Stille innerhalb dieses Gebäudes war erdrückend. Nachdenklich fasste sich Haru an die Stirn und dachte an seine Jugend, die er hier verbracht hatte. Etliche Minuten lang lehnte er bewegungslos am kalten Gemäuer, die Gedanken ordnend, bis ein alter Bekannter in einem der langen Gänge erschien.
»Junge!«
»Satou-san!«, rief Haru und fiel dem glatzköpfigen Mann um den Hals. Seit wenigen Monaten nach der Jagd auf die Kitsune, die immerhin schon zwölf Jahre zurücklag, hatte er seinen freundlichen Lehrmeister nicht mehr gesehen.
Dies war die Person, die Harus Leben mehr als alle anderen geprägt hatte. Neun Jahre lang hatte sich Satou Wataru um seinen Schützling gekümmert. Er war für den Knaben mehr als nur ein Lehrmeister gewesen – auch eine Art Ersatz für Harus verstorbene Mutter und den stets beschäftigten Vater.
»Ich hoffe, Ihr seid wohlauf«, sagte Satou, der den Kopf des blonden Jünglings tätschelte. Sein Lächeln war warm und hatte die Eigenschaft, jeden noch so mürrischen Gesprächspartner zu erheitern. Insgesamt jedoch war seine Erscheinung ein wenig geisterhaft geworden. Das Alter schien auch nicht vor lebensfreudigen Menschen Halt zu machen.
»Natürlich«, antwortete Haru. »Es ist schön, Euch wiederzusehen, Satou-san. Ich habe es kaum erwarten können.«
Dann senkte er die Stimme.
»Ist sie da? Kann ich sie sehen?«
Satou blickte in alle Richtungen, um sich zu vergewissern, dass niemand lauschte. Es handelte sich um eine überflüssige Vorsichtsmaßnahme, denn außer ihm und Haru befand sich keine einzige Person im Eingangsbereich des Turmes.
»Ich kann Euch eine halbe Stunde gewähren, dann muss ich Euch in das Ratszimmer führen, wo Ihr bereits erwartet werdet«, flüsterte er. »Folgt mir, Junge.«
Mit großen Schritten führte der glatzköpfige Lehrmeister seinen ehemaligen Schützling durch die verwinkelten Gänge. Während Harus Füße ihn an all dem Wandschmuck und der spärlichen Einrichtung vorbeitrugen, tauchte in seinen Gedanken immer wieder das Antlitz seiner Mutter auf. Viele Erinnerungen an seine Jugend keimten ebenfalls auf; so auch jene an die schicksalshafte und stürmische Nacht vor zwölf Jahren. Blitze am Himmel, grollender Donner, vollkommene Dunkelheit, und das angsterfüllte Gesicht der neugeborenen Kitsune, seines damaligen Opfers.
Haru wurde zu einer alten Holztür im hinteren Bereich des Turmes gebracht, einem fast verwahrlosten Ort, wo sich für gewöhnlich nur Bedienstete aufhielten. Der einzige Schlüssel zu dieser unscheinbaren und unbeachteten Tür war in Satous Besitz. Als der kahle Mann sie aufzog, kam dahinter ein Garten zum Vorschein.
Es handelte sich um einen kleinen Bereich unter freiem Himmel, der von allen Seiten von hohen Mauern umgeben war. Keines der Fenster der umliegenden Gebäude zeigte in diese Richtung. Ein zugeschütteter Graben deutete darauf hin, dass hier einmal ein Brunnen gestanden haben musste.
Im Gegensatz zu den anderen Gärten des Schlosses beherbergte dieser besondere Ort keine Teiche mit kristallklarem Wasser und Lotosblumen oder schön anzusehende Blumenbeete. Er beherbergte etwas viel Mysteriöseres.
»War es nicht notwendig, sie in einem anderen Gebäude unterzubringen?«, fragte Haru verwundert. »Heult sie denn nicht?«
Satou schüttelte den kahlen Kopf, als er die Steintreppe zum Garten hinunterstieg.
»Sie heult nicht. Sie hat noch nie etwas gesagt. Als wäre sie stumm. Wenn ich nicht hier bin, schicke ich sie in den Käfig, aber ich muss sie nie zwingen. Sie könnte fliehen, aber sie weiß nicht wohin, glaube ich. Es ist, als wäre sie sich selbst fremd. Wäre sie in der Natur, würde sie von ihresgleichen lernen. Anscheinend versteht sie sich gut mit Tieren.«
»Natürlich«, flüsterte Haru wissend.
Der besagte Käfig kam hinter einer Reihe hüfthoher Büsche zum Vorschein. Er war recht groß und bestand aus stabilem dunklem Holz. Als Haru durch das hohe Gras ging und näherkam, konnte er sehen, was sich in seinem Inneren befand.
Es handelte sich um eine Kitsune.
In diesem Käfig inmitten von Schloss Mori befand sich eine zwölf Jahre alte Kitsune, ein junges Mädchen also. Ihre helle Haut war vollkommen dreckig, ihre rotblonden Haare waren äußerst ungepflegt, ihre Zehen- und Fingernägel waren zudem besonders lang und spitz. Man hätte genauso gut meinen können, es handele sich um ein kleines Monster, doch das weibliche Geschöpf mit den Fuchsohren sowie dem Rückenfell und dem buschigen Schweif schlief ruhig und friedlich, wie ein ganz normales Menschenkind.
Haru hatte noch nie etwas so Unschuldiges und gleichzeitig so Wunderschönes gesehen. In seinen Gedanken spukte die Frage, wie ein so feines und so zerbrechliches Geschöpf derart lange in Gefangenschaft überleben hatte können.
»Warum ist sie nackt?«, fragte er.
Tatsächlich war die Kitsune vollkommen entblößt. Als sie von Harus Stimme geweckt wurde und sie ihre Augen öffnete, schrak sie zusammen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie nur die Gesichter von Satou und dessen Verwandten gesehen, und nun befand sich ein Fremder vor ihrem Käfig. Panisch drängte sich die Kitsune in eine Ecke des Gefängnisses, in der sie zusammengekauert ausharrte.
»Sie hat alle Kleidungsstücke zerfetzt, die ich hineingelegt habe«, antwortete Satou. »Ich habe ihr schließlich nur noch Essen gebracht. In ungemütlichen Nächten auch Decken, aber auch die waren ihr nicht willkommen. Doch so etwas wie Hitze und Kälte scheint ihr nicht viel anzuhaben.«
Haru lachte leise.
»Kitsune mögen eben nur weiße oder zumindest sehr helle Gewänder, mein alter Freund«, erklärte er seinem ehemaligen Lehrmeister.
Der junge Samurai zog an dem Ärmel seiner weißen Robe und trennte ihn ruckartig ab. Satou erschrak und stieß einen lauten Schrei aus.
»Haru, Euer Gewand! Es ist doch… Ohje.«
»Hier.«
Mit einem Lächeln auf den Lippen streckte Haru seinen Arm aus. Seine Hand befand sich nun im Inneren des Käfigs. Die Kitsune starrte das Gesicht des blonden Neuankömmlings mehrere Minuten lang unentschlossen an, doch schließlich bemächtigte sie sich des weißen Stoffes. Schnell hüllte sich die Kitsune in den Fetzen, und man konnte erkennen, wie es ihr gefiel, ein dermaßen helles Kleidungsstück zu besitzen.
»Woher habt Ihr das gewusst?«, fragte Satou staunend.
»Ich habe gelesen«, sagte Haru grinsend. »Viel gelesen. Ich wollte alles über mein kleines Geheimnis erfahren. Satou-san, vielen Dank, dass Ihr so viele Jahre für sie gesorgt habt. Ich stehe tief in Eurer Schuld.«
Dann wandte er sich dem Käfig und seinem Inhalt zu.
»Weißt du, meine Kleine – du bist die einzige gezähmte Kitsune auf der gesamten Welt.«
Und das entsprach der Wahrheit, denn alle anderen Fuchsmenschen lebten im magischen Wald namens Wunderforst, der beinahe einen Wochenmarsch entfernt lag und für die Menschen ein wohlgehütetes Mysterium darstellte. Aber leider waren sie nicht mehr so zahlreich wie sie es einst gewesen waren.
KAPITEL 3Rat der Hirsche
Elf Tage waren seit dem Fest im Wald vergangen – elf Tage, seitdem Oichis Mutter Omei den Wunderforst für immer verlassen hatte. Wieder und wieder hatte die junge Kitsune Tränen vergießen müssen, doch am Morgen des zwölften Tages wachte sie nach einem verworrenen Traum mit klaren Gedanken auf, und ihre Trauer war verflogen.
»Ich muss es tun!«, sagte Oichi zu sich selbst, als sie auf ihre schweißnassen Handflächen hinunterblickte.
»Was tun?«
Oichi erschrak und stieß mit dem Kopf gegen die Wand des Baumhauses. Mit zusammengepressten Zähnen massierte sie die schmerzende Stelle, nachdem sie sich umgesehen und Papu erblickt hatte. Papu war ein sprechender Rotohrara, ein insgesamt vierzig Zentimeter langer Vogel mit überwiegend grünem Gefieder, welcher bei allen Waldbewohnern für seine unersättliche Neugierde bekannt war. Er war das beste Beispiel dafür, dass die Fähigkeit zu sprechen noch kein Beweis für hohe Intelligenz ist. Hoffentlich findet ihr diese Bemerkung nicht zu harsch.
»Papu, du Idiot«, grummelte Oichi. Sie ignorierte den Ara, rutschte von ihrer Hängematte und rückte ihre kurzen hellgrauen Hosen zurecht. Ihr kleines Gesäß war damit wieder bedeckt, nur der Schweif lugte noch hervor. Dann setzte sie sich auf den Boden ihres Baumhauses. Nachdem das fünfzehnjährige Fuchsmädchen einen kleinen Beutel voller Rebhuhnfleisch zu sich gezogen hatte, begann es dessen Inhalt als Frühstück zu verspeisen.
Da ihre Mutter den Wunderforst hatte verlassen müssen, besaß die Kitsune nun keine Verwandten mehr, unter deren Obhut sie leben konnte. In den nördlicheren Gebieten des Waldes existierten noch einige Fuchsmenschen, doch Oichi hatte sich an das Leben im südlichen Teil gewöhnt und war froh, hier weiterhin hausen zu dürfen – auch wenn das hieß, die meiste Zeit alleine zu sein.
»Nun?«, hakte Papu nach, der durch die Öffnung hereingeflattert kam und sich auf einem kleinen Tischchen niederließ. »Was tun?«
»Das geht dich gar nichts an«, antwortete Oichi und verzehrte ein großes Stück Fleisch.
»Tut es wohl«, entgegnete der Ara. »Was tun? Was tun?«
Die junge Kitsune schnaufte und beschloss, dem lästigen Vogel von ihrem Plan zu erzählen, jedoch erst, nachdem sie ein schmales Schälchen durch Magie haltbar gemachter Blaubeeren vom letzten Sommer leergenascht hatte.
»Also«, begann sie nach dem Verzehr der Leckereien. »Ich will, dass der Rat der Hirsche mich gehen lässt.«
»Gehen«, unterbrach Papu sie aufgeregt. »Wohin?«
»Ich will den Wunderforst verlassen.«
Papu stieß einen hysterischen Schrei aus und streckte seine Flügel von sich. Natürlich wusste Oichi auch ohne das aufgewühlte Flattern des Vogels, dass dies ein nahezu aussichtsloses Unterfangen war. Der Rat der Hirsche war die oberste Instanz im Wunderforst, und seine Mitglieder bestimmten über das Leben der Waldbewohner – sie setzten sich für den Schutz aller Tiere ein. Aus diesem Grund war es unwahrscheinlich, dass sie jemandem erlauben würden, diesen letzten Zufluchtsort für magische Wesen zu verlassen.
»Gehen«, wiederholte Papu. »Warum?«
»Weil die Menschen den Preis für ihre Dummheit zahlen müssen!«
Oichi hatte ihre Stimme erhoben und dabei eine Schale mit Wasser umgestoßen. Ihr ansonsten so entspanntes und freundliches Gesicht war vor Wut verzerrt. Eilig zog der Ara Papu seinen Kopf ein, da sein Gegenüber angriffslustig wirkte.
»Tut mir leid«, flüsterte Oichi schließlich und begann, mit dem Anhänger ihrer Halskette zu spielen, welcher die Form eines winzigen Fangzahnes hatte. »Ich wollte dich nicht anbrüllen. Aber ich habe zwei Wochen darüber nachgedacht, und mein Entschluss steht fest. Ich muss jetzt zum Rat, entschuldige bitte.«
Mit grimmigem Gesichtsausdruck warf sich die junge Kitsune eine weiße Bluse über das Unterhemd, dann sprang sie aus einer Öffnung der hoch auf dem Baum gelegenen Behausung und verschwand im Getümmel am Waldboden. Ihr Weg führte sie nach Nordosten.
Auf den Pfaden dieses magischen Ortes begegneten ihr bekannte Gesichter. Unruhige Kaninchen, gelangweilte Waschbären, in Kartenspiele versunkene Wölfe – sie warfen Oichi einen flüchtigen Blick zu, gingen aber nur wenige Sekunden später wieder ihren Tätigkeiten nach. Schon bald war die Kitsune an ihrem Ziel angelangt, ohne von jemandem angesprochen worden zu sein.
Tatsächlich gehörten die Fuchsmenschen zu dem Teil jener magischen Wesen, die von den anderen Waldbewohnern eher gemieden wurden. Das lag vor allem an ihrem humanoiden Aussehen. Vor vielen Jahrhunderten waren die Kitsune bloß Füchse gewesen, die zwar Magie beherrschten, ansonsten jedoch als gewöhnliche Tiere angesehen wurden. Irgendwann hatten sich die in der Verwandlungskunst eher begabten weiblichen Füchse unwiderruflich zu Menschenfrauen entwickelt, und von den normalen Füchsen hatten sich die Kitsune abgespaltet.
Diese dramatische Entwicklung hatte ihren Ursprung in den frühen Kriegen, die noch vor dem Beginn der Goku-Dynastie stattgefunden hatten. Männliche Füchse waren wie viele andere kriegerische Tiere in den Kampf gegen Menschen aus dem Norden gezogen. Waren sie gestorben, so hatten deren hinterbliebene Frauen Zuflucht bei den Samurai gesucht, und zwar in Menschengestalt. Irgendwann war ein Teil der Füchse menschlich geblieben – ohne wirklich zu begreifen, dass sie zukünftig weder Mensch noch Tier sein würden.
Oichi war eines der letzten Überbleibsel dieses Ereignisses, das eine neue Spezies hervorgebracht hatte. Sie war stolz darauf, eine Kitsune zu sein, doch von der Menschheit war sie angewidert. Dies hatte einen guten Grund, und dieser Grund hatte sie durch den Wald geführt.
Im Zentrum des Wunderforstes befanden sich die höchsten und schönsten Bäume von allen. Eine ganz besondere Kiefer, die den Namen Yeon trug, war so gewaltig, dass sie alle anderen Pflanzen, egal wie hoch sie auch wachsen mochten, bei weitem überragte. Sie soll der erste Baum des Waldes gewesen und vor vielen Jahrtausenden von einem Magier mit dem Namen Hikari eingepflanzt worden sein.
Die riesigen Wurzeln des Baumes Yeon bildeten natürliche Hallen, in denen viele Tiere lebten. In der zentralen Kammer fand sich täglich der Rat der Hirsche ein, um über verschiedene Themen zu beratschlagen. Die dreizehn Mitglieder entschieden über sämtliche Belange, welche mit den Wesen des Wunderforstes zu tun hatten. Sie waren gewissermaßen die Herrscher des Waldes.
Ein Blick zu der weit entfernten und beinahe schon an den Wolken kratzenden Baumkrone zeigte dem fünfzehnjährigen Fuchsmädchen, wie klein und unbedeutend es eigentlich war. Es biss die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf, um sich wieder auf sein Vorhaben zu besinnen.
Niemand durfte unangemeldet zu dem Rat vordringen, doch Oichi war eine Kitsune; und diese waren schnell aufbrausend und verloren auch leicht die Beherrschung. Bevor die beiden Wächter, zwei wuchtige Gorilla, am Eingang der Kiefer ein Wort der Warnung aussprechen konnten, hatte sie sich bereits Zutritt zur Ratskammer verschafft, dem Tagungsort der Herrscher des Waldes.
Diese Kammer war ein runder Raum, in den viel natürliches Licht dringen konnte. In ihm befand sich nichts außer einem zentral gelegenen wuchtigen Tisch und dreizehn darum angeordneten Thronen aus Holz, die mindestens so majestätisch wirkten wie die Tiere, die darauf Platz genommen hatten.
Sofort verstummten die zwölf Wasserrehe, die zwar kein Geweih besaßen, dafür jedoch lange Hauer aus ihren Mäulern ragen hatten. Sogar die über zwei Meter lange und geflügelte Lüchsin Nene, welche die Position der Sprecherin innehatte, schwieg. Wer sich nach einer Minute der Stille zu Wort meldete, war der in einer Ecke stehende majestätische Hirsch, der auch bei dem Fest vor elf Tagen gesprochen hatte – der Herr des Waldes.
»Was ist dein Begehr, Oichi?«
Vierzehn Augenpaare ruhten auf der Kitsune. Die Gesichter der Ratstiere beherbergten eine ehrfurchtgebietende Strenge, und es schien, als würden sich ihre Blicke in das Gehirn des Fuchsmädchens bohren, um seine Gedanken zu lesen. Bestimmt fragten sie sich, wie man nur so unverschämt sein konnte, unangekündigt in die Ratskammer zu platzen.
»Mitglieder des Rates, schenkt mir Euer Gehör«, bat Oichi und verbeugte sich. Sie wartete nervös, bis sie eine Antwort erhielt. Mehrere Sekunden verstrichen, ohne dass sich eine Gefühlsregung im Gesicht des Hirsches mit dem prächtigen Geweih abzeichnete. Schließlich ergriff Lüchsin Nene das Wort.
»Wie miaur scheint, fehlt dieser jungen Kitsune der nötige Respekt. Ich denke, sie kann ihr Anliegen später vortragen, wenn wir miaut unseren Diskussionen fertig sind.«
»Nein«, begann der majestätische Hirsch, der von allen respektierte und vielleicht auch gefürchtete Herr des Waldes. »Ich weiß bereits, was Oichi von uns verlangt, und ich habe auch schon eine Antwort für sie. Eine, die ihr nicht gefallen wird, wes–«
»Bitte!«, unterbrach Oichi ihn und verletzte somit eine der wichtigsten Regeln der Höflichkeit. »Was ich mir mehr als alles andere wünsche, ist, die Menschen besser zu verstehen und herauszufinden, warum sie so gewalttätig handeln. Menschen haben damals meine Schwester getötet und greifen uns Jahr für Jahr an, immer wieder. Und der Rat der Hirsche versteckt sich, anstatt den Wald zu beschützen oder mit den Menschen zu verhandeln. Jemand muss endlich etwas unternehmen!«
»Ruhe!«
Lüchsin Nene hatte sich nach vorne gelehnt und mit ihrer Pranke auf den massiven Tisch geschlagen. Alle Wasserrehe hatten erstaunt den Atem angehalten; bloß der große Hirsch blieb unbeeindruckt.
»Dass ich nicht lache!«, fuhr die Lüchsin fort. »Die Miaunschen besser verstehen? Miaut den Miaunschen verhandeln? Du willst ihnen heimzahlen, was sie dir antaten, gib es zu! Du wirst sie attackieren, um deine Schwester zu rächen – und keine drei Tage überleben. Du bist ein unerfahrener Welpe!«
Oichi kniff die Augen zusammen.
»Ich bin kein Welpe mehr, ich bin jetzt eine Fähe!«
Als die Lüchsin gereizt schnaufte, wandte sich Oichi flehend dem Herren des Waldes zu.
»Ich bin einer Meinung mit Meisterin Nene«, formulierte der Hirsch mit strengem Blick. »Das ist kein Spiel, Oichi. Du bist die einzige Kitsune in den südwestlichen Wäldern. Eure Art ist vom Aussterben bedroht, vergiss das niemals. Du wirst den Wunderforst nicht verlassen! Das ist unser letztes Wort!«
Eine ungeheure Wut überkam das fünfzehnjährige Fuchsmädchen. Es verstand nicht, warum es den Wald nicht verlassen durfte, warum es den Tod seiner Schwester nicht rächen durfte. Das Blut in seinen Adern wollte Vergeltung. Und wie es bei Kitsune so oft der Fall war, würde Oichi nicht ruhen, bis sie ihren gefährlichen Plan in die Tat umgesetzt hatte.
Nun, da ihre Mutter nicht länger über sie wachte, würde sie den Wunderforst verlassen, um die Mörder ihrer Schwester zu finden – diese war von Menschen bei einer Jagd getötet worden, als Oichi selbst noch ein kleines Kind gewesen war.
Es gab etliche Waldbewohner, die alle Menschen hassten und ihre Jagdtraditionen verabscheuten, doch niemand unternahm etwas dagegen. Aber Oichi wollte etwas unternehmen – sie musste einfach. Sie musste diesem ganzen Übel ein Ende setzen.
Dies war allerdings ein beinahe unmögliches Unterfangen. Schon das Verlassen des Wunderforstes stellte ein Problem dar. Nachdem Oichi erzürnt aus der Ratskammer gestürmt war und die Kiefer Yeon hinter sich gelassen hatte, fiel ihr auf, dass sie von zwei Schimpansen verfolgt und beobachtet wurde. Zweifellos hatte Lüchsin Nene diese beauftragt, um zu verhindern, dass sich die Kitsune aus dem Staub machte.
Das misstrauische Verhalten der Lüchsin machte Oichi nur noch wütender. Sie hatte vorgehabt, den Wunderforst erst in einigen Tagen oder Wochen zu verlassen, doch nun änderte sie ihren Plan. Eine Stunde nach dem Gespräch mit dem Rat der Hirsche suchte sie die heißen Quellen auf, um ein Bad zu nehmen, und dort fasste sie einen Entschluss.
»Wir sollten lieber hi-hier warten«, sagte einer der Schimpansen, die Oichi im Auge behalten sollten. Die beiden Affen befanden sich am Eingang zu den heißen Quellen und standen vor einem Torbogen mit der Aufschrift ›Weibchen‹. Sie selbst waren allerdings Männchen, weshalb sie etwas unentschlossen wirkten.
»Du, aber wir müssen die Kitsune doch beobachten«, entgegnete der Partner des Schimpansen, welcher seine Pflichten stets ernst nahm.
»Aber da dürfen nur Weibchen hi-hinein«, erklärte der eine.
»Du, kannst du nicht ein einziges Mal deine Aufgaben richtig machen?«, schimpfte der andere.
»Sicher, aber da hätte der Rat eben Weibchen um Hi-hilfe bitten sollen!«, lautete die hysterische Antwort.
»Du, ich kann einfach nicht mit dir arbeiten«, wurde darauf entgegnet.
Während sich die beiden Schimpansen stritten, war Oichi längst aus der heißen Quelle gestiegen und hatte sich ihre Kleidung geschnappt. Hätte sie gewusst, was sie erwartete, wäre sie länger im reinigenden Wasser geblieben. Ihr junger Körper hätte die zärtlichen Liebkosungen gebraucht, denn er vermisste jene der fürsorglichen Mutter – und die Welt, die sie imstande war aufzusuchen, hielt wenig Liebevolles bereit.
Nun befand sie sich auf der Flucht. Die Kitsune trennten nur noch wenige hunderte Meter vom Rand des Wunderforstes, der sie seit dem Tag ihrer Geburt behütet hatte.
KAPITEL 4der Wind spricht
Am besten springen wir wohl zwischen Oichis und Harus Geschichten hin und her, denn sie fanden mehr oder weniger gleichzeitig statt. Also wieder zurück zu dem eingesperrten Mädchen, das nun ihren Besitzer kennenlernen durfte.
Jene Geschichte von der jungen Kitsune im Käfig suchte ihresgleichen. Zwölf Jahre zuvor hatte Haru an einer Jagd auf Kitsune teilgenommen – unfreiwillig zwar, doch sein eigener Stolz und die Bewunderung für seinen Vater hatten ihn in den Wald laufen und die Menschenfüchse aufspüren lassen. In dieser stürmischen Nacht hatte er sie gesucht, gejagt und in die Enge getrieben, wie ihr bereits erfahren habt.
Die meisten Kitsune waren entwischt, doch ein Kleinkind war auf einer Lichtung zurückgeblieben. Es hatte sich nicht wehren können und war dem neunjährigen Haru hilflos ausgeliefert gewesen. Doch der blonde Junge mit der scharfen Klinge in den Händen hatte das zusammengekauerte Wesen nicht töten können. Trotz der sonderbaren Augen und Ohren, trotz des rötlichen Felles, trotz des Fuchsschwanzes hatte er Mitleid empfunden; als hätte er ein Menschenkind vor sich.
Und so kam es, dass Satou, der Lehrmeister des jungen Haru, einen Plan ausgeheckt hatte. Er hatte den Schweif, den er selbst erbeutet hatte, seinem jungen Schützling überreicht und gleichzeitig versprochen, den anderen Samurai nichts davon zu erzählen. Damit hätte Haru die Tradition befolgt. In dem Moment, in dem er den Wald mit einem Fuchsschwanz in den Händen verließe, wäre er ein vollwertiger Samurai.
Dennoch, der Junge mit dem gütigen Herzen konnte es nicht ertragen, die kleine Kitsune auf der Lichtung zurückzulassen, da die Männer in den Wäldern wüteten. Satou hatte schließlich eingewilligt, dieses Fuchsmädchen in Obhut zu nehmen. Er hatte es nach Schloss Mori mitgenommen, wo er so lange wartete, bis Haru eines Tages als Regent zu ihm kam.
Endlich, nach zwölf Jahren, war der Tag gekommen.
Der erwachsene Haru lag im hohen Gras des geheimen Gartens und betrachtete das zwölfjährige Fuchsmädchen, wie es in seinem kleinen Reich herumtollte. Es hatte sich inzwischen an die Anwesenheit des blonden Samurai gewohnt. Von Tag zu Tag wurde es zutraulicher.
Haru bereitete es viel Vergnügen, der jungen Kitsune zuzusehen. Er mochte es, wenn sie bunten Schmetterlingen nachlief, den einen oder anderen Purzelbaum schlug und lächelnd die Wolken betrachtete. Inzwischen war der Besuch ein tägliches Ritual geworden, und Haru kam jeden Morgen hierher, um bei ihr zu sein.
Vor elf Tagen war Haru zum ersten Mal bei dem Mädchen gewesen, gleich nachdem er in Mori angekommen war, und er hatte seitdem einige Fortschritte gemacht. Das aufgeweckte Kind mit dem buschigen Fuchsschwanz war zwar immer noch ziemlich schlank, wirkte aber dank Harus Kenntnisse über die Ernährung von Kitsune nicht mehr abgemagert. Es hatte sich sogar das Gesicht und die Arme waschen lassen, während es sich hingegen entschlossen geweigert hatte, die schmutzigen Fußsohlen zu säubern.
»Schau!«, rief Haru plötzlich und deutete nach links. »Ein Marienkäfer.«
Sofort drehte sich die Kitsune um und suchte das hohe Gras neugierig ab. Als sie den Käfer mit den roten Flügeln entdeckt hatte, klatschte sie in die Hände und lachte.
»Mmm, ein wirklich schönes Ding.«
Erstaunt zog Haru die Augenbrauen hoch. Er setzte sich aufrecht hin und lehnte sich nach vorne. Sein überraschter Gesichtsausdruck belustigte das Fuchsmädchen.
»Du kannst ja sprechen«, murmelte er verwundert. »Ha, du kannst ja tatsächlich sprechen.«
»Mmm, natürlich kann ich sprechen«, antwortete die zwölfjährige Kitsune. Ihre rötlich glänzenden Augen beherbergten etwas Furcht und gleichzeitig ungleich mehr Trotz.
»Soweit ich weiß, hast du noch nie ein Wort gesprochen«, meinte Haru, während er mit der Hand sein blondes Haar aus der Stirn wischte. »Satou hat laut seinen Erzählungen auch nie mit dir geredet. Wer hat es dir also beigebracht?«
Die Kitsune kniff die Augen zusammen und grinste breit. Um ihr zartes Näschen bildeten sich viele winzige Falten, was sie unglaublich niedlich erscheinen ließ.
»Es war der Wind, mmm. So wie er all die Blätter rascheln lässt und die Vögel antreibt, so hat er mich auch die Worte gelehrt.«
»Unglaublich«, flüsterte Haru, der nicht so recht begriff, wie der Wind jemandem etwas beibringen konnte. Er rutschte näher an sein Gegenüber heran, doch das Fuchsmädchen schreckte ein wenig zurück. Ganz und gar schien es ihm noch nicht zu vertrauen.
Vielleicht ahnte die Kitsune, warum sie eine Gefangene war – womöglich hatte sie dies von winzigen magischen Wesen oder sprechenden Vögeln erfahren, die in den Garten eingedrungen waren. Nichtsdestotrotz war es Haru ein Anliegen, ihre Situation zu erklären, denn sie sollte kein falsches Bild von ihm bekommen.
»Nun, mein … Name ist Haru. Es tut mir leid, dass du hier eingesperrt bist, Fuchsmädchen. Es tut mir ebenso sehr leid, dass ich dir all die Jahre nichts Besseres bieten konnte. Das Waldstück, in dem ich dich vor zwölf Jahren gefunden habe, wurde niedergebrannt, und der einzige wirklich sichere Ort für magische Wesen, das Zentrum des Wunderforstes, ist für Menschen unerreichbar. Dich zurückzulassen hätte deinen Tod bedeutet. Außerdem finden die Samurai Gefallen daran, Kitsune zu jagen, und deshalb habe ich gehofft, von dir mehr über eure Welt erfahren zu können, um Frieden zu stiften. Aus diesen Gründen habe ich dich hierher bringen lassen. Der Kampf zwischen Mensch und Natur muss enden.«
»Lügner! Lügner!«
Haru schreckte hoch. Ein Schnäpper, der bisher stumm auf einem kleinen Bäumchen im Garten gesessen hatte, hatte sich zu Wort gemeldet.
»Er ist wie jeder andere Mensch, Lügner!«, krächzte es. »Er will uns alle töten, Lügner!«
»Das stimmt nicht!«, rief Haru aus und machte mit seinem linken Arm eine abweisende Wischbewegung. Seine Stimme war so laut geworden, dass der Schnäpper erschrak und panisch davonflatterte. Schon bereute es der blonde Samurai, das Tier angeschrien zu haben.
In diesem Moment wurde die kleine Tür zum Garten aufgestoßen, und Satou stürmte die steinernen Treppen herunter. Er sah nervös und etwas ängstlich aus.
»Habt Ihr gerufen, Junge?«
»Es ist alles in Ordnung«, antwortete Haru leise und wandte sich dann wieder der Kitsune zu, die sich in den Käfig zurückgezogen hatte. »Bitte vertrau mir, kleines Fuchsmädchen. Schenke den enttäuschten Tieren keinen Glauben – nicht jeder Mensch ist abgrundtief böse; das kann dir auch der Wind bestätigen. Es tut mir wirklich leid, dass du eine Gefangene bist. Halte noch ein wenig durch. Ich … versuche mein Möglichstes.«
Mit diesen Worten zog sich Haru zurück. Satou schloss die Tür zum geheimen Garten und verriegelte sie. Dann schlenderten der alte Lehrmeister und der junge Regent durch die Gänge des Schlosses Mori.
Die besondere Verbindung zu seinem betagten Begleiter war für Haru sehr wichtig. Der glatzköpfige Satou hatte ihm in seiner Kindheit viele gute Ratschläge gegeben und sich immer um ihn gesorgt. Gewissermaßen war er für Haru ein besserer Vater gewesen als sein eigener Erzeuger.
»Sie kann nicht ewig hier bleiben«, murmelte Satou. »Es ist ein Wunder, dass sie all die Jahre niemand entdeckt hat, auch wenn dieser Teil des Turmes kaum genutzt wird.«
»Ich weiß, und ich danke Euch, Satou-san, dass Ihr so lange auf das Mädchen aufgepasst habt.«
»Es war mir eine Ehre«, antwortete der kahle Lehrmeister verlegen. »Vielleicht findet Ihr ja irgendwann die Lösung für anhaltenden Frieden zwischen den Menschen und all diesen Geschöpfen der Natur.«
Haru lachte.
»Mag gut sein, aber ich glaube nicht, dass die Samurai ihre Traditionen aufgeben werden. Es ist grotesk; diese Jagden auf die Kitsune. Der Schweif dieser Menschenfüchse soll ein magischer Talisman sein, doch in Wirklichkeit liegt die Macht der Magie in ihren Herzen. Kein Mensch könnte sich diese Kraft zu eigen machen.«
»Wie kommt es, dass dieses Mädchen keine Magie nutzen kann?«, fragte Satou interessiert. All die Jahre war er der eingesperrten Kitsune mit etwas Abneigung begegnet, doch wie in jedem Fall hatte auch hier die Zeit für Keime der Verständnis gesorgt, die nun erste Früchte trugen.
»Sie wurde früh von ihrer Mutter getrennt«, erklärte Haru, während er sich mit der Hand nachdenklich über das Kinn strich. »Kitsune lernen das Magiegeschick von ihren Müttern, jedoch erst ab dem zweiten Lebensjahr.«
»Ihr wisst wirklich gut Bescheid über die magischen Wesen«, erkannte Satou. »Beeindruckend.«
»Danke, Satou-san. Doch je mehr ich über sie erfahre, um meine Angst vor ihnen zu verlieren, desto mehr fürchte ich mich vor den Menschen.«
Die Sonne stand hoch über Schloss Mori und läutete die Mittagszeit ein. Haru und Satou zogen sich in den Speisesaal zurück und ließen sich von Bediensteten verschiedene Mahlzeiten bringen. Sie knieten vor einem flachen Tisch, auf dem schon bald die leckersten Gerichte der gesamten Provinz zu finden waren. So schmackhaften Reis und Fisch hatte Haru seit langem nicht mehr gegessen.
Als die beiden Männer fertiggespeist hatten, machten sie sich auf den Weg zum Versammlungsraum im oberen Stockwerk. Auf dem Weg dorthin liefen sie einer Zofe über den Weg. Sie war eine magere junge Frau, die beim ersten Blickkontakt betreten zu Boden sah, während sie sich den Bauch rieb.
»Was ist mit ihr geschehen?«, fragte Haru, nachdem sie aus seinem Blickwinkel verschwunden war. Seine Frage bezog sich auf die gräulichen Flecken, die er auf ihren Armen bemerkt hatte.
Satou schüttelte traurig den Kopf.
»Ich glaube, sie war vor kurzem bei einem Mann im Dorf; einem brutalen Kerl, der Frauen gewisse Dienstleistungen anbietet. Beispielsweise besuchen ihn Huren, wenn sie ungewollt schwanger wurden. Er lässt die Ungeborenen dann verschwinden.«
»Es gibt Huren hier in Mori?«, lautete Harus nächste Frage, der ob des angewiderten Blickes seines Begleiters bestürzt war. »In Edo vielleicht, und in anderen großen Städten, aber in Mori?«
Daraufhin nickte Satou nur stumm.
»Und diese Zofe?«, wollte der junge Regent nun wissen.
»Ein Opfer von Sagawas kranken Gelüsten, denke ich.«
In Harus Augen trat eine gewisse Strenge, gepaart mit Ekel.
»Das meinte ich vorhin. Man kann über Tiere sagen was man will, doch Menschen sind die schlimmsten Bestien von allen.«
Er blieb kurz stumm.
»Warum sah sie mich so seltsam an?«
»Nun«, begann Satou und lachte. »Ihr seid ein bildhübscher Mann; das ist alles.«
