Bergblumenzauber - Ursi Breidenbach - E-Book
SONDERANGEBOT

Bergblumenzauber E-Book

Ursi Breidenbach

0,0
6,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Bunte Wiesen, frische Waldluft und Nächte unter Sternenhimmel - ein sommerlicher Liebesroman voller Urlaubsflair

Natur pur, endlich entschleunigen und als Familie wieder zusammenfinden – das wünscht sich die alleinerziehende Mutter Valerie von ihrem Urlaub im Salzkammergut. Dass sie die nächsten drei Wochen ohne fließendes Wasser, Strom und WLAN auskommen müssen, hat sie ihren zwei Teenager-Kindern jedoch verschwiegen. Natürlich sind die beiden vom Abenteuer mitten im Wald zunächst nicht gerade begeistert. Valerie hingegen entdeckt inmitten von taubenetzen Farnen, duftendem Gehölz und schmetterlingsumschwärmten Wildblumen die entspannte Einfachheit des Lebens. In der Abgeschiedenheit lernt sie auch den aufregenden Yanek kennen, der völlig unerwartete Gefühle in ihr weckt. Doch ist sie überhaupt bereit für eine neue Liebe?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ursi Breidenbach lebt mit ihrer Familie in der Steiermark / Österreich. Zusammen mit ihrer Autorenfreundin Heike Abidi schreibt sie unterhaltsame Sachbücher, die so viele Leser und Leserinnen begeistern, dass sie damit regelmäßig auf der SPIEGEL-Bestsellerliste vertreten ist.

Sie liebt es zu reisen und die Atmosphäre eines Ortes in sich aufzusaugen. Diese Erfahrungen verarbeitet sie dann in ihren ebenso romantischen wie unterhaltsamen Wohlfühlromanen, mit denen man sich wunderbar wegträumen kann.

Mehr von und über Ursi Breidenbach gibt es auf ihrer Homepagewww.breidenbach-romane.at oder aufFacebook: @BreidenbachRomane undInstagram: @ursibreidenbach

Außerdem von Ursi Breidenbach lieferbar:

Liebe ist tomatenrot Roman

Sterne über Korsika Roman

Eine wahre Freundin ist wie ein BH (zusammen mit Heike Abidi)

Geschwister sind wie Gummibärchen (zusammen mit Heike Abidi)

Großeltern sind wie Eltern, nur mit Zuckerguss (zusammen mit Heike Abidi)

Ursi Breidenbach

Bergblumenzauber

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2023 by Ursi Breidenbach

Copyright © 2023 by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Lisa Wolf

Covergestaltung: www.buerosued.de

Covermotiv: www.buerosued.de

Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-29307-9V001

www.penguin-verlag.de

Für Leo und Nils,die besten Teenager der Welt

1

»Valerie, Kim und Benno?«

Valerie wandte den Kopf und sah einen älteren Mann in einer dunkelgrünen Lodenjacke und verwaschenen Jeans auf sich zukommen.

»Ja, das sind wir«, antwortete sie und wollte lächeln, was misslang, weil Kim ihr in diesem Augenblick den Koffer in die Hacken schob. Unter der Bahnsteigüberdachung drängten sich die Reisenden, und es herrschte ziemliche Hektik. Dennoch hielt Valerie es für möglich, dass Kim sie mit Absicht angerempelt hatte. Zumindest verhielt sich ihre Tochter schon den ganzen Tag lang aggressiv.

»Ihr habt uns Regen aus München mitgebracht«, sagte der Mann, als er direkt vor ihnen stand. Sein raues Lachen ging im Dröhnen des Zuges unter, der sich gerade wieder in Bewegung setzte.

»In München hat es zweiunddreißig Grad«, hörte Valerie Kim antworten. Dann kam noch irgendetwas von wegen »Regenloch« und ein derbes Schimpfwort, was aber zum Glück vom Lärm geschluckt wurde.

»Ich bin Peter.«

Sie schüttelten einander die Hände.

»Ich heiße Valerie! Und das sind mein Sohn Benno und meine Tochter Kim!«

Wann ist der verdammte Zug endlich abgefahren, damit wir uns nicht mehr anschreien müssen?

»Er weiß, wer wir sind«, steuerte Kim bei, als schließlich der letzte Waggon an ihnen vorübergerattert war.

Peter ignorierte sowohl Kims Kommentar als auch ihr unübersehbar genervtes Auftreten. Sein unrasiertes Gesicht strahlte unbeeindruckt fröhlich unter dem triefnassen Regenhut hervor. »Dann verfrachten wir euch und euer Gepäck in den Wagen und verlassen die Zivilisation, bevor wir uns hier die Beine in den Bauch stehen. Seid ihr bereit?«

Valerie und Benno nickten, Kim murmelte ein Nein, was Peter nur dazu veranlasste, wieder zu lachen.

Er nahm Valerie und Kim die Koffer ab. »Ihr seid sicher müde von der Reise. Aber bei uns werdet ihr euch schnell erholen.«

Im Gänsemarsch schlängelten sich die drei Neuankömmlinge hinter Peter durch das Gedränge am Bahnsteig. Als sie das überdachte Bahnhofsgelände verließen, rief er: »Das Auto steht dort drüben!«, und legte einen Zahn zu.

Im Laufschritt bewegten sie sich durch den dichten Regen.

»Wir könnten jetzt in Kroatien am Meer sein«, beschwerte sich Kim verhalten, aber dennoch deutlich hörbar. »Oder Spanien! Selbst Albanien wäre besser als dieser Dreck hier.«

»Reiß dich zusammen!«, zischte Valerie. Durch den dichten Regen fixierte sie Peters Rücken und versuchte an seiner Körperhaltung abzulesen, ob er sich bereits dachte, was für eine schrecklich unhöfliche Familie da gerade angekommen war. Aber natürlich gab sein Gang nichts weiter preis als den Versuch, möglichst rasch dem unwirtlichen Wetter zu entfliehen.

Valerie atmete tief durch. Sie musste sich entspannen. Wenn sie sich von Kims Launen beeindrucken ließ, wurde alles nur noch schlimmer. Die beste Strategie war, sie von sich abprallen zu lassen und nicht persönlich zu nehmen. So schwer das auch fiel.

Benno mit seinem riesigen Rucksack blieb ein wenig zurück, also wurde sie langsamer. »Geht’s, Schatz?«

»Glaubst du, das Hotel ist weit von Bad Aussee entfernt?«, fragte er. Der Regen hatte seine unter der Kapuze hervorlugenden Stirnfransen durchnässt. Tropfen rollten über die runden Wangen.

»Es ist kein Hotel.«

»Die Ferienanlage eben.«

Valerie biss sich auf die Lippen. Fahrig zog sie den Zipp ihrer Jacke weiter zu. Sie hatte ihre Kinder nicht angelogen, sich jedoch vage ausgedrückt, wo genau sie da in diesem Sommer ihren Urlaub verbringen würden. Als Kim »Österreich« gehört hatte, war sie schon nicht erfreut gewesen. Das Wörtchen »Wald« hatte sie zum Ausrasten gebracht. Also hatte Valerie davon Abstand genommen, weiter ins Detail zu gehen. Wie sollte man einer Sechzehn- und einem Dreizehnjährigen ein bescheidenes Hüttendorf in der Abgeschiedenheit schmackhaft machen?

»Ich weiß nicht genau, aber ein Stückchen müssen wir schon noch fahren«, antwortete sie ihm deshalb ausweichend.

Sie waren an einem alten, verbeulten Range Rover angekommen, dessen Kofferraum Peter gerade aufschloss.

»Ist das ein Unfallauto?«, fragte Kim entsetzt. Ihre Haare klebten durchweicht am Kopf, weil sie weder eine Regenjacke trug noch die Kapuze des schwarzen Hoodies übergezogen hatte. Und die Wimperntusche war über die dunklen Kajalbalken rund um ihre Augen gelaufen, wodurch sie einen fast verwahrlosten Eindruck machte.

Peter brachte die Frage zum Auflachen. »Nein, Madel. So sieht ein jahrzehntelang gefahrenes Auto bei uns aus. Du wirst gleich miterleben, warum.« Er öffnete die Heckklappe und gab den Blick auf dicht gestapelte Kartons frei. »Ich habe gerade den Wocheneinkauf erledigt. Drum wird es knapp, aber wir bringen schon alles unter.«

»Wir können das Gepäck ja auch zwischen uns auf die Rückbank stellen«, bot Valerie an, weil sie nicht sah, wo es sonst Platz finden sollte.

»Es steigt noch jemand zu. Ihr seid nicht die Einzigen, die heute ankommen. Aber das wird schon!« Peter stemmte sich gegen eine Schachtel und schob sie dadurch weiter ins Wageninnere. Auf den so gewonnenen Platz hievte er Kims Koffer. Valeries etwas kleineres Gepäckstück wuchtete er obenauf.

»Kannst du den Rucksack auf den Schoß nehmen, wenn die anderen Gäste zusteigen?«, fragte er Benno.

»Auf wie viele Leute ist denn das Auto zugelassen?«, erkundigte sich Kim in zickigem Tonfall.

Valerie fasste sie mahnend am Arm, aber Kim machte sich sofort wieder los.

»Ach, weißt du, das sehen wir eher locker.« Peter grinste. »Und jetzt steigt besser ein, bevor ihr mir total durchweicht.«

Valerie ließ Benno nach vorn auf den Beifahrersitz, weil dort mehr Platz war, um auch noch sein Gepäckstück unterzubringen. Sie und Kim schlüpften hinten hinein.

»Wir fahren jetzt in ein Tal. Ganz am Ende, wo die Straße aufhört, kommt noch ein Paar dazu, da müsst ihr dann zusammenrutschen. Von dort sind es zwanzig Minuten. Es wird eng, aber so muss ich nicht zweimal durch den Wald düsen. Ist das okay für euch?«

»Selbstverständlich«, antwortete Valerie rasch.

Kim verdrehte die Augen. Mittlerweile schlotterte sie in dem nassen Pullover.

Valerie schälte sich umständlich aus der Jacke und legte sie ihrer Tochter um die Schultern. Doch Kim schüttelte sie genervt ab und starrte aus dem Fenster.

»Ich habe im Internet gelesen, dass es hier in der Gegend oft regnet. Auch im Sommer. Warum ist das so?«, erkundigte sich Benno bei Peter, der gerade ausparkte.

»Wir haben viel Schnürlregen, weil sich die Wolken an den Bergen stauen.« Er zog den Regenhut vom Kopf und legte ihn aufs Armaturenbrett. Dann strich er sich die fedrig abstehenden weißen Haare glatt. »Aber morgen wird es schön. Das habe ich am Krähen unseres Hahnes gehört.«

Kim warf ihrer Mutter einen fassungslosen Blick zu.

Das Tal wurde immer schmaler und die Besiedlung dünner. Während Peter den Wagen geschickt die kurvige Straße entlangsteuerte, beantwortete er Bennos Fragen:

Ob er wirklich nur im Wald wohne.

Ja.

Und ob er tatsächlich gar keine Wohnung in der Stadt habe.

Nein.

Auch im Winter nicht, wo es hier doch sicher viel Schnee gebe.

Nein.

Was er für eine Woche einkaufe.

Fleisch, Zucker, Getreide, Gewürze – alles, was sie nicht selbst anbauten oder aus dem Wald holten.

Was man dort denn abgesehen von Pilzen finden könne.

Beeren und andere Früchte, Kräuter sowie Blüten.

»Auf gar keinen Fall werde ich irgendetwas aus dem Wald essen«, kommentierte Kim, die zuvor geraume Zeit geschwiegen und Help! Kidnapping! mit dem Finger in den Kondensfilm auf der Scheibe geschrieben hatte.

Valerie sah, wie Peter Kim durch den Rückspiegel betrachtete.

»Ich fürchte, wir waren in den letzten Jahren nicht besonders viel in der Natur«, fühlte sich Valerie zu erklären bemüßigt. Da sie nicht wusste, ob Peter Erfahrung mit Teenagern in einer unausstehlichen Phase hatte, war ihr Kims Verhalten schrecklich peinlich.

»Und daran wollen wir eigentlich auch nichts ändern«, murmelte Kim.

Peters Lachen wirkte nach wie vor entspannt.

»Woher wissen Sie, welche Sachen man essen kann?«, erkundigte sich Benno. »Ich meine, da gibt es doch sicher auch jede Menge giftiges Zeug. Eigentlich cool, wenn ich das lerne.«

Valerie durchflutete eine Welle der Zuneigung. Auf Benno war einfach Verlass. Er hatte seit jeher ein gutes Gespür für Menschen, konnte Stimmungen einschätzen und verstand es oft, die schlechte Laune seiner Schwester auszugleichen.

Peter fuhr sich über sein mit weißen Bartstoppeln übersätes Kinn. »Bücher und jahrelange Erfahrung. Ist nicht so schwer, wenn man beim Sammeln alle Sinne einsetzt. Und übrigens: Wir duzen uns. Im Wald sind wir einfach eine große Familie.«

Kim rollte die Augen.

»Und da vorne warten noch zwei Hübsche auf uns«, fuhr Peter fort und deutete auf ein am Waldrand geparktes Auto. Die Straße endete hier an einer Schranke mit Fahrverbotsschild. Dahinter lag eine schmale Forststraße.

Valerie wischte ein Sichtfenster in die beschlagene Scheibe und schaute hinaus. Ringsum standen hohe dunkelgrüne Nadelbäume, die im Regen ziemlich düster aussahen. Ihre Zweige schienen den Dunst förmlich festzuhalten und dadurch die Luft mit noch mehr Feuchtigkeit zu schwängern.

Als Peter anhielt, stiegen zwei Gestalten aus dem Wagen am Waldrand: eine kleine Frau in einem gelben Regenmantel auf der Fahrerseite und ein Bär von einem Mann auf der anderen.

Peter öffnete die Tür. »Jannik und Stella?«, rief er hinaus. Er setzte seinen Regenhut auf und sprang aus dem Geländewagen.

Valerie rutschte in die Mitte der Rückbank.

»Wo, bitte, wollen die sitzen? Mit dem ganzen Gepäck ist ja kaum noch für eine Person Platz«, beschwerte sich Kim. »Soll ich vielleicht in der Türverkleidung verschwinden? Ah, ich weiß: Ich könnte aussteigen!«

Valerie spürte, wie der Ärger über ihre Tochter, der schon den ganzen Tag immer höher gekrochen war und gegen den sie so hart angekämpft hatte, bei ihrem Kehlkopf anlangte. »Kannst du dich bitte einmal nicht aufführen wie eine verzogene Göre?« Sie wusste, dass sie mit Schimpfen eher das Gegenteil von dem bewirkte, was sie sich erhoffte, aber sie hatte das Gefühl zu platzen, wenn sie ihre Wut auf Kim unterdrückte.

»Gut. Dann sage ich eben gar nichts mehr. Bis wir wieder nach Hause fahren.«

In diesem Moment öffnete Peter die Tür. »Jannik, am besten, du nimmst deine Freundin auf den Schoß. Die eine Tasche können wir vielleicht hier im Fußraum unterbringen. Geht das für dich Valerie? Und die andere? Hm, mal überlegen.«

»Die kann doch auf meinen Knien stehen«, sagte die junge Frau und winkte ins Wageninnere. »Hi, ich bin Stella. Leider kann ich euch nicht sehen, aber ich weiß, dass ihr irgendwo da drin seid.« Sie lachte und deutete auf ihre völlig nassgeregnete Brille. Dann wandte sie sich zu ihrem Begleiter um. »Setz du dich zuerst rein!«

Valerie rückte noch ein Stück zu Kim, um mehr Raum für den massigen Kerl zu schaffen.

Als er einstieg und die Kapuze abnahm, sah sie schwarzes dichtes Haar, das an den Schläfen von Silberfäden durchzogen war. Und wie er sich zu ihr drehte und lächelnd Hallo sagte, bildeten sich Falten um seine dunklen Augen.

Valeries Magen machte einen kleinen Hüpfer, der sie irritiert schlucken ließ.

Stella kletterte umständlich über seine Beine und nahm dann auf seinem Schoß Platz. Sie kicherte mit hoher Stimme. »Passt das so für dich?«, fragte sie ihn.

Er räusperte sich und nickte. Statt seine Freundin zu umfangen, hängte er die eine Hand in den Haltegriff über der Tür und wusste ganz offensichtlich einen Moment lang nicht, wohin mit der anderen. Schließlich legte er sie auf seinem Bauch ab.

Mann in meinem Alter mit viel zu junger Freundin, mit der er nicht wirklich vertraut wirkt. Ob er verheiratet und sie seine Affäre ist?

Stella streckte ihre Arme Richtung Tasche aus, die Peter hielt.

»Die kann ich doch nehmen. Ihr habt es sowieso schon unbequem«, bot Valerie an.

Peter reichte das Gepäckstück zwischen den Vordersitzen durch. »Wunderbar, ich öffne die Schranke, und dann geht es los.«

»Fahrt ihr auch zum ersten Mal zu Peter und Jutta?«, erkundigte sich die junge Frau.

»Ja. Ich bin übrigens Valerie und das sind meine Kinder Benno und Kim. Ihr seid Stella und Jannik?« Valerie war unglaublich neugierig darauf, mehr über das Pärchen zu erfahren.

»Er heißt Yanek, nicht Jannik. Das ist türkisch. Eigentlich mit so einem i ohne Punkt, aber das kennt ja bei uns keiner, also schreibt er sich mit E«, plapperte Stella drauflos, während sie versuchte, die Brille an einem Zipfel ihres Pullovers trocken zu wischen.

Valeries Blick wanderte unweigerlich zu Yaneks Augen. Sie überlegte, woran es liegen könnte, dass es ihr durch Mark und Bein fuhr, wenn er sie anschaute.

An den dunklen Brauen vielleicht?

Sie stellte fest, dass sie nicht mitbekommen hatte, ob er mit Akzent sprach. Eigentlich war sie sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt schon irgendetwas gesagt hatte.

»Wir unterrichten an einem Gymnasium in Salzburg«, fügte Stella hinzu.

Valerie hatte den Eindruck, dass sich Yaneks Miene in diesem Augenblick verfinsterte, doch sie kam gar nicht dazu, sich darüber Gedanken zu machen, denn da fragte Stella schon: »Seid ihr Deutsche?«

»Das hört man wohl, oder? Wir sind aus München.«

Peter hatte die Schranke geöffnet, um auf den Forstweg zu fahren. Nachdem er sie wieder geschlossen hatte, gab er vorsichtig Gas und folgte dem holprigen, steilen Schotterweg. Sie wurden alle ganz schön auf ihren Sitzen durchgerüttelt. Bei jedem Schlagloch stieß entweder Valeries Ellbogen gegen Yaneks Flanke oder sie wurde an ihn gedrückt. Zuerst entschuldigte sie sich einige Male, dann ließ sie es bleiben.

Stella schien sich kaum auf den Knien ihres Begleiters halten zu können, also krallte sie sich in den Ärmel seiner Jacke. Irgendwann legte er seine Hände auf ihre Hüften und hielt sie fest. Bei genauerer Betrachtung kam Valerie zu der Überzeugung, dass die junge Frau wohl doch nicht Mitte zwanzig sein konnte, wie sie zuerst geschätzt hatte, sondern eher um die dreißig. Dennoch schien es einen größeren Altersunterschied zwischen den beiden zu geben.

Irgendwann endete der Forstweg an einem Gatter vor einem gerade einmal wagenbreiten Loch in einer Wand aus Fichten.

»Kim, wärst du wohl so nett und öffnest das Tor und schließt es dann hinter uns wieder?«, bat Peter.

Kim richtete sich aus ihrer völlig zusammengesunkenen Sitzhaltung auf und löste den Blick vom Handy. »Es schüttet, und ich soll aussteigen?«, fragte sie.

»Mach es bitte einfach!« Valerie versuchte freundlich zu klingen, war sich aber darüber bewusst, dass wohl jeder im Auto merkte, wie genervt sie eigentlich war.

»Du bist die Einzige, die nicht total eingekeilt ist, Madel«, erwiderte Peter ruhig. »Hilf uns also, Zeit zu sparen, ja?«

Mit einem Unmutslaut öffnete Kim die Wagentür, sprang hinaus und tat, wie ihr geheißen.

Als sie sich nach dem Gatter wieder auf ihren Sitz im Auto plumpsen ließ, lehnte sich Yanek ein wenig vor, deutete auf die von Kim auf die Scheibe gemalten Buchstaben und bemerkte in völlig akzentfreiem, aber österreichisch gefärbtem Deutsch: »Kleiner Tipp fürs nächste Mal: Wenn du willst, dass die Leute das von draußen gut lesen können und uns retten, musst du es in Spiegelschrift schreiben.«

Nach den unbequemsten zwanzig Minuten, die Valerie je in einem Auto verbracht hatte, erreichten sie endlich das Ziel. Peter parkte den Wagen in einem von Ranken umwucherten Carport neben einem Jagdhaus. Die Fahrt durchs Unterholz auf der unbefestigten Piste war abenteuerlich gewesen. Äste hatten gegen die Windschutzscheibe geschlagen und die Wagenseiten entlanggekratzt. Ein paarmal war sich Valerie nicht sicher gewesen, ob das Fahrzeug dem unebenen Untergrund überhaupt gewachsen war. Aber irgendwie hatten sie es doch geschafft.

Mit weichen Knien stieg sie hinter Kim aus dem Auto. Das Gesicht ihrer Tochter sah noch bleicher aus als sonst. Auch Benno kroch ungewöhnlich still aus dem Wagen.

»Puh, was für ein Höllenritt«, kommentierte Stella. »Geht’s, Yanek? Hoffentlich war ich nicht zu schwer.«

Valerie streckte den Rücken durch und wandte sich dem mit dunklem Holz verkleideten Jagdhaus zu. Es hatte grüne Fensterläden und einen Vorbau mit Schnitzverzierungen.

»Sind wir fünf im Augenblick die einzigen Gäste?«, fragte Stella. »Alles ist so ruhig.«

Als Peter die Heckklappe öffnete, fiel ihm Valeries Koffer und eine Kiste mit Einkäufen entgegen. Flaschen mit Essig und Öl, eine große Packung Salz und ein Zimtstreuer purzelten heraus. »Ihr seid tatsächlich die Letzten, die ankommen. Die anderen sind schon eine Weile hier. Mit meiner Frau Jutta und mir sind wir jetzt insgesamt achtzehn Leute. Also voll belegt. Kommt mit, ich zeige euch alles. Eure Sachen können wir nachher holen.«

Valeries Herz klopfte nun ein wenig schneller. Gleich würden ihre Kinder sehen, was dieser Urlaub wirklich für sie bereithielt: ein einfaches Leben mitten in der Natur ohne die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Sie hoffte inständig, Kim würde vor den anderen keine Szene machen.

Peter führte sie auf die Rückseite des Hauses. Mittlerweile war der Regen in ein Nieseln übergegangen. Die feinen Wassertropfen schienen von allen Seiten zu sprühen und fühlten sich an wie Nebel, der durch die Kleidungsschichten bis direkt an die Haut drang. Valerie schloss ihre Regenjacke bis obenhin und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht.

»Jutta und ich wohnen im Haupthaus«, erklärte Peter. »Im Erdgeschoss wird gekocht und zusammen gegessen. Ihr könnt euch dort jederzeit aufhalten. Alle Türen stehen euch immer offen. Dort hinten gibt es einen kleinen Anbau, der uns als Lebensmittellager dient. Darunter befindet sich ein Erdkeller, wo wir die Sachen aufbewahren, die es kühler brauchen. Bitte achtet bei beiden Räumen immer darauf, dass sie gut verschlossen sind, sonst freuen sich die Mäuse.«

Sie waren in einem Garten angelangt. Es gab ein paar Tische mit Stühlen. Zwischen den Blumenbeeten staksten Hühner durchs nasse Gras.

Jenseits davon lag ein ovaler, mit Steinchen ausgelegter und von Obstbäumen gesäumter Platz, um den sieben Holzhütten standen. Jede von ihnen sah anders aus. Zum Bau waren unterschiedliche Holzarten verwendet worden. Vor einem Häuschen lag eine mit Blumen bepflanzte Zinkbadewanne. An der Wand eines anderen entdeckte sie ein altes Wagenrad. Ein drittes zierte eine aus einem dicken Baumstamm gesägte Sitzbank. Die Türen und Fensterrahmen waren in jeweils anderen Farben gestrichen, hinter den Scheiben hingen gemusterte Vorhänge, und die Wände schmückten Schilder mit Sprüchen in geschwungenen Buchstaben. Die Dinge, die wir lieben, sagen uns, wer wir sind, las Valerie auf der nächstgelegenen Hütte, und: Wer die Ruhe nicht in sich selbst findet, wird sie auch anderswo vergeblich suchen. Das Hüttendorf lag wie ausgestorben vor ihnen und wirkte auf sie unwirklich. Wie eine Filmkulisse. Ob das am Wetter lag oder daran, dass sie noch nicht richtig angekommen war, wusste Valerie nicht.

»Das hier ist unsere Feuerstelle«, setzte Peter seine kleine Führung fort und deutete auf die Eisenschale in der Nähe eines Birnbaumes. »Da werden wir es uns an so manch lauem Abend gemütlich machen.«

»Klasse!«, jubelte Benno. Neugierig sah er sich um. Nichts von dem, was er entdeckte, schien ihn zu irritieren.

Kim hingegen hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Valerie ahnte, dass sich der Unmut ihrer Tochter gleich wieder aufs Neue entladen würde.

»Und das sind eure Wohnhütten. Aber ihr werdet sehen, außer nachts verbringt ihr dort wahrscheinlich nicht viel Zeit.«

»Klasse«, ahmte Kim den Begeisterungsruf ihres Bruders in sarkastischem Tonfall nach.

»Und da in der Mitte des Platzes steht unser Brunnen. Das Wasser könnt ihr bedenkenlos trinken.«

»Warum sollte ich das machen?«, erwiderte Kim so leise, dass nur Valerie es hören konnte. »Was für ein Schwachsinn!«

»Lasst ihr die Wasserqualität denn regelmäßig prüfen?«, fragte Stella und schob die Brille den Nasenrücken hinauf.

Valerie meinte zu sehen, wie Yanek seiner Freundin einen mahnenden Blick zuwarf. Die Augenbrauen hatte er leicht zusammengezogen, und sein Mund wurde schmal.

»Nein«, antwortete Peter schlicht. »Aber was soll mit dem Wasser schon sein? Es kommt direkt aus den Bergen und ist vom Stein gefiltert. Das ist zu hundert Prozent in Ordnung.«

»Ich trinke sicher nicht aus diesem Steinzeit-Brunnen«, kommentierte Kim im Flüsterton.

Valerie überlegte, ob nun nicht endgültig der Zeitpunkt gekommen war, ihren Kindern die ganze Wahrheit über diesen Ort zu verraten, entschied dann aber, dies erst in der Hütte zu tun.

Peter fuhr fort: »Die anderen sind mit meiner Frau beim Kräutersammeln. Ihr lernt alle beim Abendessen kennen. Ich schiebe gleich den Braten in den Holzofen. Heute gibt es ein Festmahl!« Er rieb die Hände aneinander. »Immer wenn das Essen fertig ist, spiele ich auf meinem Saxofon. Ihr könnt euch in der Zwischenzeit ein wenig umsehen und es euch gemütlich machen. Bei uns ist ja alles selbsterklärend. Fühlt euch einfach wie zu Hause. Falls ihr etwas braucht, bin ich natürlich jederzeit für euch da. In der Hütte da drüben seid ihr drei untergebracht, Valerie. Direkt daneben Yanek und Stella.« Er deutete auf die beiden Häuser auf der gegenüberliegenden Seite des winzigen Dorfplatzes. »Macht am besten gleich ein Feuer im Ofen, damit ihr es schön kuschelig habt. Gibt es fürs Erste noch Fragen?«

»Ist das Klo im Haus?«, erkundigte sich Benno.

»Gut, dass du das ansprichst. Das hätte ich beinahe vergessen.« Peters Arm wies nun auf den Nadelwald hinter den ihnen zugewiesenen Hütten. »Folgt dem kleinen Trampelpfad an den Bienenstöcken vorbei. Dann kommt ihr zum Waschplatz am Bach und zu den Plumpsklos. Nehmt in der Nacht vielleicht am Anfang, solange ihr den Weg noch nicht genau kennt, die Solarlampe mit, die bei eurer Hütte neben dem Eingang steht.«

»Wann fährst du wieder hinunter nach Bad Aussee?«, fragte Kim. »Ich komme mit zum Bahnhof.«

Peter lachte schallend. »Die nächste Einkaufsfahrt gibt es erst in einer Woche, Madel.«

2

»Sag mal, bist du jetzt total verrückt geworden? Uns in deine erbärmliche Midlife-Crisis hineinzuziehen und hierherzuschleppen?«, schrie Kim.

Valerie ließ von ihrem Koffer ab und sank erschöpft auf einen Stuhl. Die Kinder waren ihr in den letzten drei Jahren entglitten. Und sie hatte gehofft, dass sie hier in der Abgeschiedenheit wieder ein wenig zu dem Team werden würden, das sie einmal gewesen waren.

»Ein Scheißhaus im Wald und ein verranzter Trinkbrunnen?« Kims Stimme überschlug sich. »Hundert Stunden von irgendwelchen Geschäften oder normalen Leuten entfernt? Echt jetzt? Wie durchgeknallt muss man bitte sein, um so einen Schrott zu buchen?«

Valerie gab sich nicht der Illusion hin, dass dieses Gebrülle in der Privatheit der Hütte blieb. Vermutlich konnte man das Gezeter ihrer Tochter bis ins Tal hinunter hören. »Nicht in diesem Ton!«, erwiderte sie müde. »Ich verstehe ja, wie unerwartet und ungewohnt das hier für euch ist …«

»Du verstehst? Ach ja? Wenn du nur irgendwas verstehen würdest, hättest du uns das nicht angetan!«

»Du übertreibst, Schatz.«

»Leute, ihr werdet es nicht glauben«, kam es von Benno. »In dieser Schublade liegen Kerzen, weil es in der Hütte kein elektrisches Licht gibt. Richtig krass!« Er filmte seine Erkundungstour mit dem iPhone und kommentierte dabei alles.

Kim sah nun ebenfalls auf ihr Handy. Dann riss sie es entsetzt hoch, lief zum Fenster und anschließend vor die Tür. Wieder zurück in der Hütte baute sie sich vor ihrer Mutter auf und sah sie mit Abscheu in den Augen an. »Es gibt keinen Empfang!«

»Wir werden auch einmal drei Wochen ohne auskommen.«

»Hast du das gewusst?«, schrie Kim.

»Wir hängen zu viel an den Smartphones. Es wird uns guttun.«

»Ob du das gewusst hast?«

Valerie sah auf ihre Hände und strich dann die mit grünen Kringeln bedruckte Tischdecke glatt. Klar war es nicht ganz in Ordnung gewesen, den Kindern diese Details zu verschweigen. Doch es hatte ohnehin schon jede Menge Energie gekostet, Kim zum Mitkommen zu bewegen. »Ja, ich habe es gewusst. Aber da es keinen Strom gibt, mit dem man die Handys aufladen kann, würde uns der Netzempfang auch nicht viel nützen.«

Benno machte die Tür des mit Holz beheizten Herdes auf und filmte hinein. »Leute, das müsst ihr euch geben: Kochen mit diesem Ding!« Dann richtete er sich abrupt auf: »Was? Wir haben keinen Strom?«

»Warum meinst du, dass wir Kerzen brauchen, du Genie?!«, fuhr Kim ihn an. »Hier gibt es gar nichts. Welche Mutter verschleppt ihre Kinder an so einen abartigen Ort? Das ist einfach nur krank!«

»Aber wie soll ich filmen, wenn ich das Handy nicht aufladen kann? Meinst du, sie haben im Haus eine Steckdose?«

Kim fasste sich an die Stirn. »Nein, du Hirni! Und deshalb sind wir hergekommen. Weil sie nicht möchte, dass wir in den Sommerferien auch nur annähernd Spaß haben. Aber wenn du denkst, ich akzeptiere das, hast du dich geschnitten, Mutter!«

Benno schlug den Ofendeckel geräuschvoll zu.

Valerie seufzte. »Ich möchte, dass ihr euch jetzt beruhigt! Es ist nur für drei Wochen. Lasst euch auf das Abenteuer ein! Ihr werdet schnell sehen, dass es noch etwas anderes gibt als TikTok und YouTube. Ich bin sicher, es wird uns hier gefallen. Seid doch einfach mal offen für was Neues.«

Kim verschränkte die Arme vor der Brust. »Neu wäre auch ein Cluburlaub auf einer schönen Insel. Aber nein, wir müssen ja zu den crazy Amish People nach Österreich fahren. Ich bleibe garantiert nicht hier!«

Valerie trat aus der Hütte und schloss mit Nachdruck die Tür hinter sich. Sie brauchte dringend einen Augenblick für sich. Die Stimmung war am Tiefpunkt angelangt. Außerdem ärgerte es sie, dass sie die ganze Sache mit dem Urlaub so ungeschickt eingefädelt hatte.

Der Sprühregen hatte aufgehört, aber für Anfang August war es empfindlich kühl. Valerie hob den Kopf und schaute in die schweren grauen Wolken. Am Rand des Hüttendachs hingen Tropfen, aufgereiht wie die Perlen einer Kette. Wenn sie, genährt vom zusammenlaufenden Wasser, zu groß wurden, verschmolzen sie mit ihren Nachbarn und fielen zu Boden. Valerie sah eine Zeit lang zu. Erst, als sie spürte, dass sie etwas zur Ruhe kam, ließ sie den Blick weiterschweifen. Die Blätter des Apfelbaumes vor der Hütte glänzten nass. Dazwischen hingen eine Menge Früchte, von denen das Wasser träufelte.

Valerie trat an den Brunnen. Der Boden gefiel ihr. In der festgestampften Erde waren Aberhunderte Steinchen in verschiedenen Größen verlegt. Sie alle waren zur Mitte hin ausgerichtet, sodass es aussah, als stünde die hölzerne Wasserstelle im Zentrum einer Sonne. Sie zog ihr Handy hervor, machte ein Foto und schoss auch von den Hütten einige Bilder.

Dann bewegte sie den Pumpenschwengel ein paarmal und hielt die Hand unter den Hahn, um das Wasser zu kosten. Es fühlte sich beim Schlucken in der Kehle metallischer an als gewohnt, schmeckte aber frisch.

Valerie schloss die Augen und horchte in sich hinein.

War es ein Fehler, hierherzukommen?

Eigentlich war sie sich nach wie vor sicher, dass diese Pause von der Zivilisation genau das war, was ihre Familie brauchte.

Valerie hörte einen Vogel in einem der Obstbäume pfeifen. Das feuchte Wetter schien ihn nicht zu stören. Erst jetzt bemerkte sie, dass es überall zwitscherte. Ein wahres Vogelkonzert erklang. Verwundert lauschte sie, denn sie war immer davon ausgegangen, Vögel sängen nur bei Sonnenschein. Langsam setzte sie sich in Bewegung, schlenderte zwischen den Hütten hindurch und umkreiste die kleine Siedlung. Sie entdeckte noch mehr Obstbäume, einen Ziegenstall und einen Gemüsegarten. Alles wirkte gepflegt, und man merkte, wie viel Liebe in jedem Detail steckte. Peter und Jutta hatten sich offensichtlich eine Menge Gedanken über die Gestaltung der gesamten Anlage gemacht. Auffällig war, dass ausschließlich Naturmaterialien für die Errichtung des Dorfes verwendet worden waren und abgesehen vom Jagdhaus nichts traditionell ländlich anmutete. Egal ob es die Rankhilfen für die Bohnen, das Gatter rund um die Ziegenbehausung oder der Hühnerstall war, alles hatte einen unkonventionellen Touch. Man konnte sehen, dass sich hier jemand wirklich um Design bemühte.

Valerie folgte nun dem Pfad durch den Fichtenwald zum Bach. Sie schmunzelte, als sie dort die Plumpsklos sah, denn die zwei Holzkabinen waren angepinselt wie Londoner Telefonzellen.

Der Waschplatz bestand aus einem Verschlag, in dem sich eine hölzerne Wanne befand, daneben gab es einen Ofen, aus dessen Rohr Rauchwölkchen stiegen. In Zinkeimern konnte man hier das Bachwasser erhitzen. Ein Tisch war mit zwei Schüsseln aus blau-weißer Emaille ausgestattet, neben denen ein paar Stück Seife bereitlagen. Hinter einer Wand gab es noch einen an einem Zugmechanismus hängenden Wasserbehälter. Valerie vermutete, er diente dazu, sich zumindest kurz abduschen zu können.

Ihr hatte die Idee vom Urlaub im Wald von Anfang an zugesagt, aber diese spartanischen sanitären Einrichtungen ließen sie nun doch schlucken. Wenn es weiterhin so kühl blieb, würde es kein Zuckerschlecken werden, sich hier zu waschen. Ein richtiges Badezimmer hätte sie schon gern gehabt. Wie Kim auf all das reagierte, wollte sie sich lieber nicht ausmalen.

Sie holte tief Luft.

Dann schöpfte sie Bachwasser und füllte damit eine der Schüsseln. Nachdem sie sich Pullover und T-Shirt ausgezogen hatte, spritzte sie sich das eiskalte Nass ins Gesicht und unter die Achseln, ließ sich eine Handvoll über den Nacken laufen und badete die Arme bis zum Ellbogen. Eine der Seifen war von Blütenblättern gesprenkelt und roch zitronig. Damit wusch sie sich. Da sie kein Handtuch aus der Hütte mitgebracht hatte, wartete sie, bis ihre Haut getrocknet war, bevor sie sich wieder anzog. Dabei lauschte sie fröstelnd dem Rauschen und Gluckern des Baches und dachte noch einmal bang darüber nach, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, hier Urlaub zu machen.

»Seid ihr nur zu zweit?«, fragte Peters Frau, als Valerie und Benno an diesem Abend mit etwas Verspätung den Wohnraum im Jagdhaus betraten. Um eine lange Tafel saßen schon die anderen Urlaubsgäste beim Essen. Nun sahen sie neugierig zu ihnen herüber.

»Meine Tochter lässt sich entschuldigen, sie hat keinen Appetit«, antwortete Valerie.

Dass sich Kim ins Bett gelegt, die Decke über den Kopf gezogen und geweigert hat, mitzugehen, muss ich nicht unbedingt breittreten.

»Lieber verhungere ich, bevor ich die Wahnsinnigen treffe, die hier freiwillig herkommen«, hatte Kim geschimpft.

»Ich bin Jutta«, sagte Peters Frau nun herzlich lächelnd. Sie trug eine rote Latzhose und die schulterlangen blonden Haare offen. An ihren Ohren baumelten lange Türkishänger, die ständig hin und her schwangen. »Wir packen deiner Tochter dann etwas vom Braten, den Erdäpfeln und dem Breitwegerichgemüse ein. Vielleicht bekommt sie später Hunger.«

»Ich stelle euch die Bande vor«, sagte Peter und führte sie zum Tisch. »Setzt euch nur.« Er wies auf die freien Plätze. »Leute, das sind Valerie und Benno aus München. Zu ihnen gehört Kim, die derzeit noch Fluchtgedanken hegt.« Er lachte. Dann wandte er sich an Valerie und deutete auf Yanek und Stella, die direkt gegenüber saßen. »Unsere zwei Salzburger kennt ihr ja schon.«

Die Gesichter der beiden verzogen sich synchron zu einem Lächeln.

»Daneben Alex und Nora aus England, mit ihren Kindern Holly, David und Pippa. Sie sprechen alle gut Deutsch, weil sie eine Oma in Linz haben.«

Dass Holly ungefähr in Kims Alter zu sein schien, freute Valerie. Eventuell half das ihrer Tochter bei der Eingewöhnung. Wenn sie sah, dass es ein Mädchen gab, das sich auf dieses Abenteuer hier einließ, würde sie es vielleicht auch tun.

»Diesen Sommer sind wir ganz international: Das dort drüben sind Guus und Lieke aus Holland.« Peter wies auf einen jungen Mann mit dicken roten Dreadlocks und ein elfenhaft wirkendes, weißblondes Geschöpf mit Sommersprossen.

»Ich werde mir auf Anhieb wahrscheinlich nicht alle Namen merken können«, räumte Valerie zerknirscht ein und versuchte, alle bisher genannten im Geist noch einmal durchzugehen.

»Ich bin seit einer ganzen Woche hier und habe da immer noch so meine Probleme«, antwortete die Frau, die direkt neben Valerie saß. »Ich bin Alice aus Wien und ohne Begleitung hier.«

Der Mann gegenüber meldete sich: »Jo aus Graz, und das ist mein Sohn Toni.«

»Wie alt bist du?«, fragte Benno den Jungen.

»Vierzehn. Und du?«

»Dreizehn.«

»Nice!«

»Hast du einen Solar-Charger fürs Handy mit?«, fragte Benno.

»Mein Papa hat nicht erlaubt, dass ich Elektrogeräte mitbringe«, antwortete Toni und warf seinem Vater einen Seitenblick zu.

»Meine Mutter hat uns verschwiegen, dass es hier weder Netz noch Strom gibt.«

Valerie räusperte sich peinlich berührt.

Jo zwinkerte ihr aufmunternd zu.

Wenigstens herrschen überall die gleichen Probleme.

Sie lächelte zurück.

In diesem Moment stellte Peter noch eine Familie aus Stuttgart vor.

»Hallo«, sagte das Mädchen, das er gerade Emilia genannt hatte, und stierte dabei in die Tischmitte.

»Unsere Tochter ist blind«, erklärte ihr Vater. »Aber ihr werdet staunen, was für eine exzellente Pfadfinderin sie ist.«

»Guten Abend allerseits, schön euch kennenzulernen«, sagte Valerie noch einmal in die Runde.

Ihr Blick blieb einen Moment an Yaneks unergründlichen dunklen Augen hängen. Einige Sekunden lang schauten sie einander direkt an, dann wandte er sich ab und aß weiter.

Ihr Herz klopfte schneller.

Mit einem Mal wurde sie sich ihres Äußeren bewusst. Natürlich hatte sich hier mitten im Wald niemand für das Essen aufwendig zurechtgemacht, aber so abgekämpft, wie sie vermutlich wirkte, sah keiner aus. Da sie weder am Waschplatz noch in ihrer Hütte einen Spiegel hatte entdecken können, fühlte sie sich unsicher. Waren die Haare strähnig? Ihr Kurzhaarschnitt machte schnell einen ungepflegten Eindruck, wenn er Wind und Wetter ausgesetzt war. Und bestimmt ließ auch das Make-up schon zu wünschen übrig.

Am liebsten hätte sie ihr Handy hervorgezogen, um sich im Selfie-Modus zu betrachten. Stattdessen versuchte sie, unauffällig ihr Erscheinungsbild in einem Löffel zu prüfen, was aber ein sinnloses Unterfangen blieb.

Warum kümmert es mich überhaupt, wie ich aussehe? Das ist hier doch wirklich völlig egal!

»Jutta, jetzt müssen die Bratenstücke her. Die beiden sind hungrig«, unterbrach Peter Valeries Gedanken. »Valerie dreht schon den Löffel in der Hand.«

Nach dem Essen blieben alle im Haus. Holly, das englische Teenagermädchen, spielte auf dem Teppich mit den drei jüngeren Kindern Mensch ärgere dich nicht. Benno und Toni hockten im Flur auf der Treppe zum Obergeschoss und tauschten sich über die Computerspiele aus, die sie in den nächsten Wochen nicht zocken konnten. Die Erwachsenen saßen auf den Sofas oder auf Stühlen nahe dem offenen Kamin, den Peter angeheizt hatte.

Nur Valerie und Alice hantierten in der Küche. Sie hatten sich zum Abwasch gemeldet, was sich hier ziemlich aufwendig gestaltete. Zuerst mussten sie zwei große Schüsseln mit Wasser vom Brunnen holen, von denen sie eine durch etliche Schöpfer aus einem Tank im Herd, dem sogenannten Schiff, warm machten und mit Spülmittel versetzten. Darin säuberte Valerie das Geschirr, während Alice es im anderen Behälter abspülte und anschließend trockenrieb. Währenddessen redete sie ununterbrochen, was Valerie gefiel, denn die lockere, offene Art der Wienerin half ihr, sich in der neuen Umgebung umgehend nicht mehr so fremd zu fühlen.

»Vor ein paar Jahren, als die beiden fünfundsechzig wurden, haben Jutta und Peter ihren Bio-Bauernhof und all ihren Grundbesitz verkauft und nur den Wald und das Jagdhaus behalten. Und dann hatten sie wohl die Idee mit dem Hüttendorf für Gelegenheitsaussteiger«, erzählte Alice mit gedämpfter Stimme. »Jutta hat gesagt, dass es von Anfang an gut funktioniert hat. Einfach durch Mundpropaganda. Sie sind immer über lange Zeit ausgebucht.«

»Wir konnten auch nur deshalb kommen, weil irgendjemand ausgefallen ist«, erwiderte Valerie. »Eine Bekannte hatte mir davon vorgeschwärmt. Am Anfang fand ich es schon gewöhnungsbedürftig, mit Jutta und Peter nur per Brief zu kommunizieren. Über das Postfach.«

Alice stapelte die Teller aufeinander und stellte sie ins Regal zu den anderen. »Ich fand das auch komisch. Noch dazu, weil ich ja allein unterwegs bin. Aber meine Therapeutin hat gemeint, das geht in Ordnung. Sie war selbst schon einmal hier. Also habe ich mir den Urlaub zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt. Ich will in Ruhe die Bücher für meine Doktorarbeit lesen.«

»Das ist ja toll. Welche Fachrichtung?«

»Geschichte. Es geht um die Wiener Weltausstellung von 1873. Ich unterrichte Geschichte und Geografie an einem Gymnasium. Die Kinder sind aus dem Haus, und ich bin geschieden. Da hat man plötzlich zu viel Zeit, und ich habe dringend ein Projekt gebraucht, das mein Leben ausfüllt.« Alice strich ihre langen braunen Haare zurück, bevor sie die schwere Gusseisenpfanne von Valerie in Empfang nahm. »Das Breitwegerichgemüse war köstlich, oder? Als wir das Grünzeug heute gesammelt haben, konnte ich mir nicht vorstellen, dass man es ernsthaft essen kann. Aber so langsam wundert mich hier gar nichts mehr.«

»Ja, hat fantastisch geschmeckt! Die Salzburger unterrichten übrigens auch. Da könnt ihr euch austauschen.«

Gleichzeitig warfen die beiden Frauen einen Blick über ihre Schultern. Yanek saß mit verschlossener Miene zwischen den anderen und schwieg.

»Süß, der Araber«, murmelte Alice leise.

»Er ist Türke.«

»Er hat so eine Statur wie Gerard Butler, oder? Sportlich, aber nicht auf diese ein bisschen nervig sehnige Art, sondern irgendwie bärig.« Sie hob vielsagend die Augenbrauen.

Valerie lachte. Insgeheim hatte sie ja auch schon das Wort Bär für Yanek gebraucht. Es drängte sich bei seinem Anblick einfach auf.

Sie freute sich, mit Alice so ungezwungen plaudern zu können. Es fühlte sich gleich an, als hätte sie hier eine Freundin gefunden.

»Und intelligent wirkt er ebenfalls. Aber was will er mit diesem jungen, blassen Ding?«, flüsterte Alice nun. »Die war doch sicher seine Unterrichtspraktikantin. Bei uns in der Schule schnappen sich die Mädels frisch von der Uni auch immer die heißen Single-Lehrer.«

Valerie grinste, räumte dann aber ein: »Meinst du, dass sie frisch von der Uni ist? Ich glaube eigentlich, dass sie so um die dreißig sein wird.«

»Das kriegen wir noch raus. Auf jeden Fall können wir sie jetzt schon nicht dafür leiden, dass wir uns neben ihr alt fühlen müssen! Weil sie uns Frauen in den besten Jahren die Typen wegschnappt.« Alice verdrehte die Augen.

Die Wienerin war hübsch, doch ihr Gesicht wirkte geradezu unnatürlich glatt. Ihre Lippen sahen ein wenig zu prall aus. Valerie vermutete, dass das Alter ein Thema für Alice war.

Noch einmal linste sie zu Yanek hinüber. Er wirkte geistesabwesend.

»Eigentlich müsste man doch eher in Frage stellen, warum er eine so viel jüngere Partnerin braucht.«

»Pff«, machte Alice. »So sind Männer eben … Übrigens glaube ich, dass ihr die Hütte neben mir habt. Seid froh, dass ihr nicht zu nah an den Holländern wohnt! Da wird man dauernd von Weed-Dunst eingenebelt.«

»Im Ernst?« Valerie sah zu den beiden hinüber.

Lieke saß auf Guus’ Schoß und spielte mit einer seiner Rastalocken, während er versonnen sein Lippenpiercing drehte.

Alice beugte sich zu Valerie und sprach noch ein bisschen leiser. »Die beiden sind das lebende Klischee der dauerhighen Vegetarier-Ökofreaks. Gehen nur barfuß, sprechen langsam und glauben, sie haben den ultimativen Durchblick, was den Sinn des Lebens betrifft. Sie sind schon den ganzen Sommer hier.«

»Und was ist für sie der Sinn des Lebens?«

»Was weiß ich?! Vielleicht Marihuana. Na ja, wir waren alle mal jung.« Alice zuckte mit den Schultern.

Valerie lachte und ging zum Esstisch hinüber, um dort das verstreut liegende Besteck einzusammeln. Bevor ihr auch nur auffallen konnte, dass sie schon wieder zu ihm hinübersah, landete ihr Blick auf Yanek. Die Arme vor der breiten Brust verschränkt, saß er da, die Lippen bildeten einen geraden Strich, und die Augenbrauen waren ein wenig zusammengezogen. Irgendetwas schien ihm die Laune zu verderben. Valerie platzte fast vor Neugier darüber, was ihm so missfiel.

Stella hingegen war völlig in ihrem Element. Sie erzählte aufgekratzt von ihren und Yaneks Schülern, wie schlecht die Kids heute im Kopfrechnen waren und dass die wenigsten in der Oberstufe wussten, wie man die Mehrwertsteuer berechnete. Ein paarmal fragte sie »Stimmt’s, Yanek?« Valerie hatte den Eindruck, sein Gesicht wurde von Minute zu Minute finsterer.

»Was, meinst du, ist los mit ihm?«, flüsterte sie Alice zu, als sie wieder bei den Wasserschüsseln angekommen war, und deutete mit dem Kinn in Yaneks Richtung. Sie versenkte das Besteck im mittlerweile etwas trüben Abwaschwasser.

Alice beobachtete die Szene einen Moment. »Ganz klarer Fall. Er fragt sich, warum seine Freundin so unfassbar langweilig ist.«

Valerie lachte wieder.

»Nein, im Ernst. Sieh dir die Kleine mal an! Gut, sie ist blond, das wird ihm wahrscheinlich gefallen. Und sie ist jung. Aber Sex-Appeal und Ausstrahlung? Fehlanzeige.«

Valerie wunderte sich darüber, wie wenig Alice offensichtlich Vorurteile scheute und wie streng sie mit dem eigenen Geschlecht ins Gericht ging. »Na ja, das ist doch reine Geschmackssache«, schwächte sie ab.

»Schon klar. Aber hast du gesehen, dass er sie auch nur einmal heute Abend angefasst oder zumindest liebevoll angeschaut hätte? Ich sage dir, der Typ ist nicht mit Herz und Seele in dieser Beziehung. Damit kenne ich mich aus. So hat sich mein Ex verhalten, als er mich betrogen hat.«

Valerie sah wieder zu den Sofas hinüber.

Stella sagte gerade: »Habt ihr auch ab und zu Schulklassen hier, Peter? Das Dorf wäre ideal für Klassenfahrten. Wir könnten unseren Direktor einmal darauf ansprechen.«

Yanek stieß einen undefinierbaren Laut aus.

3

Valerie wälzte sich im Bett hin und her. Sie fröstelte. Warum hatte sie sich nicht darum gekümmert, Feuer im Ofen zu machen? Wenn sie jetzt mitten in der Nacht damit anfing, weckte sie die Kinder auf.

Sie lauschte und hörte die beiden gleichmäßig atmen.

Unter dem Dach der Hütte gab es ein über eine Leiter erreichbares Geschoss mit drei Betten. Neben dem kleinen Fenster im Giebel lag Valerie und starrte in die Dunkelheit. In dieser mondlosen Nacht reichte das Licht nicht einmal aus, um die Hand vor Augen zu sehen. Sie fragte sich, wie sie jemals die Leiter hinunterklettern und den Weg bis zu der Lampe finden sollte.

Warum quälte sie sich hier ohne Licht in der Kälte, wenn sie es zu Hause so bequem haben konnte? Dort sah sie sich, wann immer sie nicht in den Schlaf fand, irgendetwas Harmloses auf Netflix an. Das lenkte sie vom Grübeln ab, und dann kam sie auch früher oder später zur Ruhe.

Aber hier dröhnte die Stille förmlich in den Ohren. Und wenn man weder etwas hörte noch sah, gab es nur die eigenen Gedanken.

Sie tastete nach dem Handy, das sie vor dem Bett auf den Boden gelegt hatte, und prüfte die Uhrzeit.

Halb drei. Noch lange kein Tageslicht.

Um sich zu beschäftigen, scrollte sie durch ihre Bilder. Das Schild mit dem Spruch Suche nicht nach Fehlern, finde Lösungen auf ihrer Hütte. Der alte rostige Vogelkäfig, der von der Ecke des Hüttendaches baumelte und in den jemand verschiedene Zapfen gelegt hatte. Ein paar Aufnahmen vom niedlichen Dorfplatz. Ihre Kinder auf dem Bahnsteig in München – Benno wie immer grinsend, Kim mit schief ge-legtem Kopf und Schmolllippen. Ein Selfie mit ihren zwei besten Freundinnen, mit denen sie am Vorabend in Schwabing noch ein Lokal besucht hatte. Ihre Eltern beim Abschied für die nächsten drei Wochen.

Wenn sich nur die Wunde an Papas Bein endlich schließen würde!

Kim stieß im Schlaf ein Seufzen aus.

Um die Kinder auf keinen Fall mit dem Handylicht zu stören, legte Valerie das Smartphone weg und starrte stattdessen in die Dunkelheit.

Früher hatte ihre Tochter öfter Albträume gehabt und war zu ihr unter die Decke gekrochen. Nach jenem Tag, der ihre Familie bis ins Fundament erschüttert hatte, war das mütterliche Bett dann zum Unterschlupf für beide Kinder geworden. Zu dritt aneinandergeschmiegt, hatten sie die erste Zeit danach die Nächte verbracht. Kim hatte ihr eigenes Zimmer länger gemieden als Benno. Aber seit Valerie wieder arbeitete, war so vieles anders geworden. Sukzessive hatte sie den Draht zu ihren Kindern verloren. Das lag bestimmt nicht nur daran, dass die zwei in die Pubertät gekommen waren. Valerie war oft mit den Gedanken ganz woanders, saß bis spätabends vor dem Computer und schenkte den beiden nicht die notwendige Aufmerksamkeit. Wen wunderte es also, dass die Dinge außer Kontrolle geraten waren? Ein völlig irrsinniger Medienkonsum hatte sich bei den Kindern eingebürgert, und jeglicher Antrieb, die reale Welt zu erkunden, war versiegt. Sie ließen sich am liebsten nur noch berieseln.

Genau aus diesem Grund waren Valerie die drei Wochen hier in der Abgeschiedenheit auch sinnvoll erschienen. Aber wie sie jetzt so dalag, drängte sich plötzlich die Überlegung auf, ob sie damit vielleicht eine Grenze überschritten hatte. War es überhaupt in Ordnung, derart tief in das Leben ihrer Kinder einzugreifen? Immerhin waren sie mittlerweile Teenager mit klaren Vorstellungen, wie die Ferien aussehen sollten. Hatte Kim recht, wenn sie sich darüber aufregte, Valerie stehle ihr den Sommer?

Falls sie sich durch die ganze Aktion noch weiter von mir entfernt, habe ich es mir selbst zuzuschreiben!

Durch die Ritzen der Hütte zog kühle Luft, die ihr eine Gänsehaut über den Körper jagte. Zitternd versuchte sie sich noch enger ins Federbett zu wickeln.

Viel hatte Valerie nicht geschlafen, und als sie bei Tageslicht die Augen öffnete, fröstelte sie nach wie vor. Wenigstens hatte es die Sonne endlich durch die Wolkendecke geschafft, denn sie warf ihre Strahlen auf Kims Bettdecke und zeichnete dort ein helles Abbild des Fensterquadrates. Staub tanzte träge durchs Licht.

Die Kinder rührten sich nicht.

Valerie betrachtete Kims entspanntes Gesicht. Wenn ihre Tochter schlief, sah sie immer noch sehr kindlich aus. Daran konnten auch der nur nachlässig weggewischte Lidstrich und die schwarz gefärbten Haare nichts ändern. All die Bemühungen, sich ein unnahbares Äußeres zu geben, blieben wirkungslos, wenn Kim vergaß, eine ärgerliche Miene aufzusetzen.

Leise schälte sich Valerie aus ihrer Decke, tappte zur Leiter hinüber und klettere ungelenk hinunter. Ihr war so kalt, dass sie sich völlig eingerostet und zittrig fühlte.

Im Erdgeschoss nahm sie einen Jogginganzug, dicke Socken und die gefütterte Jacke aus dem Schrank. In die vier Türfüllungen dieses Möbelstücks waren Frauengestalten gemalt, die jeweils eine Jahreszeit symbolisierten. Der Winter erinnerte sie an Senta Berger – in warme Pelze gehüllt und mit einem Feuerkorb neben den Beinen. Mit leicht vorwurfsvollem Gesichtsausdruck blickte sie ins Zimmer und schien Valerie regelrecht zu beobachten, während sich diese ihren Kulturbeutel aus dem Regal bei der Tür griff.

Was soll ich machen, Senta? Mir ist genauso kalt wie dir. Und wir haben August.

Valerie konnte sich nicht erinnern, im Sommer je zuvor so gefroren zu haben. Eventuell gelang es ihr, sich unter der Eimerdusche mit etwas heißem Wasser aufzuwärmen. Wenn sie sich anschließend abfrottierte und warm einpackte, ging es ihr vielleicht besser.

Sie schlüpfte in die Schuhe und trat zur Tür hinaus. Das Dorf wirkte noch völlig verschlafen. Nicht einmal die Hühner waren zu sehen. Überall glitzerten Wassertropfen, und aus dem Wald stieg der Dunst, durch den die schräg stehende Sonne unwirklich anmutende Strahlen schickte. Aus den meisten Kaminen wand sich Rauch. Offensichtlich waren die anderen Bewohner schlauer gewesen und hatten eingeheizt.

Die Klamotten an ihre Brust gepresst, machte sich Valerie auf in Richtung Waschstelle. Um durch die Bewegung etwas wärmer zu werden, nahm sie nicht den vorgesehenen Weg, sondern lief einen Bogen über die Wiese mit den Ziegen. Diese hielten sich noch in der Nähe des Verschlags auf und sahen träge zu ihr herüber. Ein Tier war auf eine aus Holz gezimmerte Kletterplattform gestiegen und lag dort wiederkäuend in der Morgensonne.

Da Valerie nun nicht direkt von den Hütten zum Waschplatz wanderte, betrat sie den Wald an einer Stelle, an der die Büsche nur eine schmale Lücke freiließen. Nach etlichen Schritten über wildwuchernde Ranken fiel ihr erst auf, dass durchaus nicht die Stille herrschte, die sie zuerst wahrgenommen hatte. Unzählige Vogelstimmen ertönten, und überall knackste und raschelte es. Auch der Bach schien wesentlich lauter zu plätschern als am Tag zuvor. Valerie sah hinauf zu den Spitzen der Fichten, deren Zweige in der Sonne trockneten. Wäre es nicht so kalt und nass gewesen, hätte sie sich vermutlich hingesetzt, um die Stimmung noch ein wenig besser auf sich wirken zu lassen. Sofort bedauerte sie es, ihr Handy nicht mitgenommen zu haben, um ein paar Fotos zu machen. Erst dann fiel ihr ein, dass der Akku bald leer sein würde und sie volle drei Wochen lang keine Gelegenheit mehr haben würde, Erinnerungen festzuhalten.

Ein platschendes Geräusch ließ ihren Blick von den Baumwipfeln zurück zum Boden zucken, und sie hatte unvermutet völlig freie Sicht auf die nur etwa zwanzig Meter entfernte Dusche. Die Holzwand schirmte diese zwar zum Weg hin ab, nicht aber zum Wald, durch den sie gekommen war. Weil sich ein splitterfasernackter Yanek dort wusch, sprang Valerie reflexartig hinter einen Baum.

Warum verstecke ich mich? Ich könnte mich zurückziehen oder einfach so tun, als wäre es das Normalste der Welt.

Unsicher lugte sie hinter dem Stamm hervor.

Yanek stand mit dem Rücken zu ihr und war gerade dabei, das Wasser von seiner Haut zu streichen. Er ließ ein paar tiefe Laute hören, die deutlich machten, dass er ebenfalls ziemlich fror.

Auch wenn es Valerie nicht passte, weil sie mürrische Menschen wie ihn eigentlich nicht mochte, musste sie feststellen, wie sexy er war. Dieser Mann hatte etwas an sich, was ihr durch und durch ging.