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Der Duft von wildem Wacholder, das sanfte Rauschen des Meeres und der Ausblick auf eine neue Liebe
Der Duft von wildem Wacholder, das Glitzern des türkisfarbenen Meeres – eine Auszeit auf Korsika kommt für die 39-jährige Viki wie gerufen. Sie hat überraschend das Angebot erhalten, auf der Insel ein neues Hotel mit einem aufwendigen Mosaik auszustatten. Steinchen für Steinchen wird sie in den kommenden Monaten das Bild einer geheimnisvollen Meerjungfrau zusammensetzen.
Gleich nach der Ankunft spürt Viki, wie gut ihr die salzige Luft und das sanfte Rauschen der Wellen tun. Die raue Anmut der Insel berührt sie auf Anhieb. Doch dann trifft sie ausgerechnet auf Jakob, den sie nach einem peinlichen Date zu Hause eigentlich nie mehr wiedersehen wollte. Doch Korsika verzaubert einfach jeden. Gelingt es Viki und Jakob vielleicht hier, erstmals ihr Herz öffnen?
Ausgezeichnet mit dem DELIA-Preis für den besten Liebesroman 2023: »Dieser Roman wärmt das Herz und die Seele. Spritzig, herzerfrischend, fantasievoll und gleichzeitig romantisch. Er hat alles, was man sich von einem Liebesroman wünscht. Die lebensechten Figuren sind von Beginn an sympathisch und erzeugen Empathie und Kopfkino. Man möchte sich am liebsten mit einem Glas Wein zu ihnen setzen und sich in ihre Liebesgeschichte einhüllen wie in eine Decke.« (Aus der Begründung der DELIA-Jury)
Exklusiv im eBook: zusätzlich mit Epilog und Ausschnitt aus dem Autorentagebuch!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ursi Breidenbach lebt mit ihrer Familie in der Steiermark / Österreich. Zusammen mit ihrer Autorenfreundin schreibt sie unterhaltsame Sachbücher, die so viele Leser: innen begeistern, dass sie damit die SPIEGEL-Bestsellerliste stürmt. Sie liebt es zu reisen und die Atmosphäre eines Ortes so richtig in sich aufzusaugen. Diese Erfahrungen verarbeitet sie dann in ihren ebenso romantischen wie unterhaltsamen Wohlfühlromanen, mit denen man sich wunderbar wegträumen kann.
Mehr von und über Ursi Breidenbach gibt es auf ihrer Homepagewww.breidenbach-romane.at oder auf Facebook: @BreidenbachRomane und Instagram: @ursibreidenbach.
Außerdem von Ursi Breidenbach lieferbar:
Liebe ist tomatenrot Roman
Eine wahre Freundin ist wie ein BH (zusammen mit Heike Abidi)
Wetten, ich kann lauter furzen (zusammen mit Heike Abidi)
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URSI BREIDENBACH
ROMAN
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Copyright © 2022 by Ursi Breidenbach
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in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
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Covergestaltung: Favoritbüro
Covermotiv: © Zebra-Studio, © brillenstimmer, © shutterupeire / shutterstock
Redaktion: Hanne Reinhardt
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-26649-3V002
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Für Susi
Name:Viktoria Stegmann
Spitzname:Viki
Alter:39
Sternzeichen:Fische
Augenfarbe:grün
Haarfarbe:wie ein Fuchs
Körpergröße:1,68 m
Gewicht:ich habe keine Waage
Hobby:Basteln, Schwimmen, Lesen, Reisen
Musik:alles, was meine Schülerinnen und Schüler singen
Tiere:meine Aquariumsbewohner, Lamas, Hunde und Elefanten
Spiele:Uno, Rommé
Bücher:ich lese alles gern – besonders alte Krimis
Film:europäische Filme und Disney Zeichentrick
Das ist mein größter Wunsch:Gesundheit und Glück für meine Schülerinnen und Schüler
Und die Welt entdecken …
Das mag ich gar nicht:Intoleranz und Unzuverlässigkeit
Was ich einmal werden möchte:alt und weise
Mein Lieblingsspruch:Träume nicht dein Leben – lebe deinen Traum! (Walt Disney)
Das wünsche ich dir:Liebe Chiara, bleib neugierig und lebenslustig und hab Freude an allem, was du tust!
Viki verzierte die Seite mit ein paar Glitzerstickern und klebte ein Passfoto in das dafür vorgesehene Feld, dann klappte sie das Büchlein zu und legte es zu den anderen. Gegen Ende jedes Schuljahres stapelten sich bei ihr die Freundschaftsbücher.
Sie packte noch die Tasche für den nächsten Unterrichtstag, bevor sie aufstand und sich streckte, bis die Rückenwirbel knackten. Viki liebte ihre Arbeit an der Schule, aber das Sitzen am Schreibtisch würde sie im kommenden Jahr ganz bestimmt nicht vermissen. Schulterkreisend trat sie vor das Aquarium und schaute zur Entspannung ein wenig den Fischen zu. Sie hatte den achtzehn kleinen Bewohnern die Namen der Kinder aus ihrer Klasse gegeben. So blieb sie mit ihnen verbunden, auch wenn sich die Mädchen und Jungs schon bald Richtung weiterführende Schule aufmachten.
Nur noch drei Wochen!
Mit Schwere ums Herz ging sie in die Wohnküche hinüber. Es war immer traurig, »ihren« Kindern Lebewohl zu sagen. Schließlich hatte sie während der letzten vier Jahre viel Zeit mit ihnen verbracht, und Viki war außerhalb der Familie wohl die wichtigste Bezugsperson für sie gewesen. Da war beiderseitiger Abschiedsschmerz völlig normal – sie kannte das ja schon. Aber dieses Mal war das mulmige Gefühl insgesamt stärker, weil sie nicht nur ihre Schützlinge entließ, sondern auch selbst für ein Jahr der Schule den Rücken zukehrte.
Sie setzte sich an die Kücheninsel. Dort hatte sie vor ein paar Stunden begonnen, ein Moodboard zu erstellen. Dieses Instrument zur Ideenfindung hatte sie in einer Lehrerfortbildung kennengelernt: Auf einem großen Kartonbogen klebte man aus Zeitschriften ausgeschnittene Bilder, Fotos aus dem eigenen Fundus oder selbstgezeichnete Skizzen, um so Gedanken zu entwickeln und zu visualisieren. Vor einiger Zeit hatte sie solche Tafeln mit den Kindern ihrer Klasse gestaltet, damit sie auf kreative Weise ihre Vorstellungen für die kommenden Jahre zu Papier bringen konnten. Und nun hatte sie sich überlegt, ob sie diese Methode nicht auch für sich ausprobieren sollte. Vielleicht half sie ihr ja.
Sie begann in einem Magazin zu blättern. Der Trick bei diesen Moodboards war, in einem vorbereitenden Arbeitsschritt einfach einmal alles auszuschneiden, was spontan gute Gefühle auslöste. Erst danach ordnete man die Bilder und prüfte, in welcher Art und Weise sie zum Thema passten.
Bisher war der Karton abgesehen von der in dicken Buchstaben gemalten Überschrift Mein Sabbatjahr leer, dafür bedeckten eine Vielzahl bunter Bilder die Tischoberfläche rund herum: Die Fotos zeigten appetitanregende Gerichte und stylische Haushaltsaccessoires, Do-it-yourself-Vorschläge, Tiere, Sehenswürdigkeiten aus den verschiedensten Ländern, Buchcover, sympathische und interessante Menschen, Naturaufnahmen und schließlich Kunstwerke aus Manuels Kulturmagazinen.
Als Viki ihren Blick über die bunte Ansammlung von Schnipseln schweifen ließ, seufzte sie.
Nur noch drei Wochen!
Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie mit der langen freien Zeit anstellen sollte. Sie wusste nur, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, ein Sabbatjahr zu beantragen, obwohl sie ihren Beruf nach wie vor mit Elan und Freude ausübte. Doch das sollte auch so bleiben! Irgendwann wegen der konstanten emotionalen Anstrengung im Burnout zu landen, wie einige in ihrer Kollegenschaft, war einfach keine Option. Daher hatte sie sich vorgenommen, noch bevor die ersten Erschöpfungserscheinungen auftraten, gegenzusteuern und sich in regelmäßigen Abständen eine Auszeit zu nehmen. Sie unterrichtete nun seit fünfzehn Jahren und wurde im kommenden Frühjahr vierzig – ein geradezu idealer Zeitpunkt, um knapp vierzehn Monate lang etwas anderes zu machen. Danach würde sie glücklich und entspannt an ihre Grundschule zurückkehren.
Ich stehe noch immer voll und ganz hinter meiner Entscheidung. Sogar die Chefin unterstützt mich in meinem Vorhaben. Warum fällt es mir also derart schwer, dieses Jahr zu planen?
Sich zuerst einmal auszuruhen und die eine oder andere Woche zu verbummeln, war ja bestimmt okay, aber wenn ihr nicht bald ein paar Ideen zuflogen, würde sie am Ende die gesamte wertvolle Zeit nur auf der Couch vergeuden. Und das entsprach ihr als unternehmungslustigem Menschen überhaupt nicht.
Sie warf die Zeitschrift zurück auf den Tisch und rieb sich müde übers Gesicht. Dann sah sie auf ihr Handy: schon nach Mitternacht.
Wo bleibt er denn nur?
Manuel wüsste bestimmt, welche Fragen er stellen müsste, damit sich ihre Gedanken wie von Zauberhand ordneten und ihr Hirn auf eine Lösung kam. Oder er riss einen seiner dummen Witze, durch die sich ihre verkrampften Überlegungen in Luft auflösten.
Vielleicht konnte auch schon die Atmosphäre in seinem Zimmer helfen? Mit einigen Magazinen bewaffnet, trottete sie hinüber und setzte sich auf das zerwühlte Bett. Die seidenen silbergrauen Überzüge waren knittrig, schmiegten sich aber angenehm weich an ihre in einem Pyjama-Shorty steckenden Beine. Mit einem zufriedenen Seufzen lehnte sich Viki zurück und ließ ihren Blick über Manuels Chaos wandern.
Viki öffnete schlaftrunken die Augen. Ein unangenehmer Schmerz im Nacken hatte sie geweckt. Mit dem Kopf steil auf den vielen Kissen lag sie auf Manuels Bett zwischen den ausgebreiteten Zeitschriften. Offensichtlich war sie eingenickt.
Stöhnend rappelte sie sich auf und sah aus dem Fenster. Die Sonne stand noch etwas schräg und zeichnete scharfe Schatten auf die gegenüberliegende Häuserfront. Viki dehnte vorsichtig die Muskelstränge am Hals, dann schlurfte sie hinüber in die Wohnküche und schaltete die Kaffeemaschine ein.
Ist Manuel gar nicht heimgekommen? Welcher Tag ist heute? Samstag.
Sie öffnete den Schrank und holte eine Tasse heraus.
Als sie sich wieder umdrehte, stand ein riesiger junger Mann mit langen schwarzen Haaren und Vollbart in der Tür zu ihrem Zimmer. Abgesehen von einem Slip war er nackt, und unter seinem Arm klemmten Kleidungsstücke. Seine ohnehin schon dunklen Augen wurden durch verschmierten Lidstrich noch betont und verliehen ihm ein grimmiges Aussehen.
Erschrocken starrte sie ihn an.
Die Kaffeemaschine begann zu gurgeln.
Nachdem er sie ebenfalls einige Sekunden überrascht gemustert hatte, zog er leise die Tür hinter sich zu, dann murmelte er kaum hörbar: »O nein! Nicht so eine Scheiße jetzt!«
Noch immer völlig verdattert beobachtete sie, wie er zögerlich ein paar Schritte näher kam.
»Wer bist du?«, fragte er und klang dabei eingeschüchtert, was irgendwie nicht zu seiner Optik passen wollte.
Viki legte eine Hand auf ihr pochendes Herz. »Wer ich bin? Die Frage ist doch wohl eher, wer du bist? Und was du da drin wolltest?« Sie deutete auf die Tür zu ihrem Zimmer.
Der junge Mann fuhr sich durch die Haare, wobei sich sein muskelbepackter, mit sich bis zur Brust ziehenden Streifen tätowierter Arm aufblähte. »Sag bloß nicht, er ist bi und du bist seine Frau! Mit so etwas habe ich ganz schlechte Erfahrungen.«
Vikis Augenbrauen schnellten in die Höhe. »Hat Manuel dich hierhergebracht?«
Echt jetzt? Er hat gegen unsere Abmachung einen Typen angeschleppt und dann mit ihm in meinem Zimmer …?
»Oje, du siehst nicht so aus, als würde dir das gefallen«, stellte der Besucher fest. »Vielleicht gehe ich einfach und ihr besprecht das in Ruhe miteinander. Ist ja nur was zwischen euch. Ich wusste nicht, dass er eine Frau hat. Wie sollte ich auch? Ich habe ihn im Mockingbird kennengelernt und das ist eine Schwulenbar.«
»Ich bin nicht Manuels Frau«, erwiderte sie und riss ihren Blick von seinem Schultergürtel los. Ein wenig irritiert checkte sie, wie weit die Kaffeemaschine war. »Ich bin seine Mitbewohnerin. Und Cousine.«
Sie hörte den Schwarzhaarigen geräuschvoll ausatmen. »Da bin ich aber froh! Darf ich?«, er zeigte auf einen der Hocker, die an der Kücheninsel standen.
Viki nickte. Sie fragte sich, wann er vorhatte, sich zumindest ein T-Shirt über seine Muskelberge zu ziehen.
Manuels Lover werden auch immer jünger. Der ist doch bestenfalls Ende zwanzig.
»Ich bin Ludwig.«
»Viki. Willst du Kaffee?«
»Total gern. Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Ich dachte, hier ist niemand außer ihm und mir.«
Er legte Jeans und Shirt sorgfältig über den Hocker neben sich.
Viki holte eine zweite Tasse aus dem Schrank.
»Du bist also seine Cousine? Eigentlich seht ihr euch ziemlich ähnlich. Ich hatte schon überlegt, ob seine roten Haare echt sind.« Er zeigte auf ihre vom Schlafen völlig zerzauste Frisur. Sie hatte die Locken am Abend zum Dutt hochgebunden, aber davon war nicht mehr viel übrig.
»Unsere Mütter sind eineiige Zwillingsschwestern«, erklärte sie und ließ auch für ihn einen Espresso aus der Maschine.
»Aha?«
»Das macht uns, genetisch gesehen, zu so etwas wie Halbgeschwistern.«
»Verstehe ich nicht«, sagte er nach einem kurzen Augenblick des Schweigens.
»Vergiss es, nicht so wichtig.«
Sie stellte Kaffee und Zuckerdose vor ihn hin, dann schwang sie sich auf die Arbeitsfläche und nahm endlich den ersten Schluck.
»Sag mal, wie alt ist Manuel eigentlich? Ihr Rothaarigen seid so wahnsinnig schwer zu schätzen. Die Sommersprossen wirken jung. Auf der anderen Seite neigt ihr ja relativ früh zu Falten … Also nicht, dass du jetzt viele hättest. Ich meine nur so allgemein. Sorry, das hat sich nicht nett angehört, oder?« Er verzog das Gesicht und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
Sie musste lachen und winkte ab. »Keine Sorge. Ich bin mit meinen Krähenfüßen im Reinen.« Die Frage nach dem Alter ließ sie unbeantwortet, weil sie wusste, dass Manuel sich gern für wesentlich jünger ausgab. Er hatte ein Problem damit, bald vierzig zu werden.
»Und? Wie alt ist er?«, hakte Ludwig aber nach und rührte ein paar Löffel Zucker in seinen Kaffee.
»Warum fragst du ihn das nicht selbst?« Sie zwinkerte ihm zu.
Er nickte. »Mal sehen, ob es dazu noch die Gelegenheit gibt. Ich sollte demnächst gehen. Du weißt schon: Barbekanntschaft, gemeinsame Nacht … Ich schätze nicht, dass Manuel der Typ ist, der sich freut, wenn man gleich zum Frühstück bleibt.« Er leerte den Espresso mit einem Zug.
»Verstehe.« Sie sprang von der Arbeitsfläche, um sich ein paar Kekse zum Kaffee zu organisieren.
Mit dem kleinen Finger schob er das Bild eines Border Collies, das sie am Vorabend ausgeschnitten hatte, neben das einer Pariser Metrostation. »Auf jeden Fall bin ich echt froh, dass du seine Cousine bist und nicht seine Frau.« Er grinste. »Würdest du Manuel liebe Grüße ausrichten und ihm meine Nummer geben?«
Er nahm sich einen der zwischen den Zeitungsausschnitten liegenden Stifte und deutete auf ihr beinahe leeres Moodboard. »Was ist das eigentlich? ›Mein Sabbatjahr‹?«
»Bloß ein kleines Brainstorming. Ich suche nach Ideen, womit ich das kommende Jahr sinnvoll verbringen kann.« Sie schob ihm den Block hin, auf den sie und Manuel immer die Einkaufslisten notierten.
»Schwanger werden?«, fragte er in Anspielung auf das einzige Bild, das sie bereits auf die Tafel geklebt hatte. Es zeigte ein in die Kamera lachendes Baby.
Als Manuel endlich aus Vikis Zimmer gekrochen kam, war es schon fast elf.
Sie saß an der Kücheninsel und scrollte sich gerade durch Pinterest. Vielleicht fand sie dort noch mehr inspirierende Bilder. Die Leute stellten doch allerlei großartige Dinge mit ihrer Zeit an – so schwer konnte das nicht sein! Nach dem freien Jahr würde sie mit einem bunten Potpourri an Erinnerungen an die Schule zurückkehren und lange von den zahlreichen Erlebnissen zehren.
»Morgen«, gähnte Manuel.
»Guten Morgen.« Sie beobachtete, wie er zur Küche getrottet kam.
»Ist was?«
»Nun, es war schon eine kleine Überraschung, den ersten Espresso heute früh mit Khal Drogo trinken zu dürfen.«
Er sah verwirrt aus. »Khal Drogo?«
»Der Dothraki-Fürst mit den Streifen-Tattoos aus Game of Thrones? Der hier übernachtet hat?«
Manuels Schnurrbartenden zeigten nach oben, wenn er lachte. »Er sieht wirklich ein bisschen aus wie Khal Drogo.« Glucksend stellte er eine Tasse unter die Kaffeemaschine.
Viki musterte seinen Rücken in dem zerknitterten Hemd vom Vortag. »Entschuldige, dass ich nicht bis nach deinem ersten Espresso warte, aber ich brenne seit sieben Uhr dreiundvierzig darauf, dich daran zu erinnern: War nicht eine unserer wichtigsten WG-Regeln, dass wir keine One-Night-Stands in die Wohnung mitbringen?« Sie wollte sicher keine Spielverderberin sein, wenn es um das illustre Liebesleben ihres Cousins ging. Aber Manuel hatte ihr tagelang Vorhaltungen gemacht, als sie selbst vor einigen Jahren einmal eine Bekanntschaft mit nach Hause gebracht hatte. Er fand, die gemeinsame Unterkunft sollte ein Rückzugsbereich bleiben, in dem »weder Partys gefeiert noch rumgemacht« wurde. Und sie sah es eigentlich genauso. Außerdem mochte sie es absolut nicht, wenn Regeln nur für sie und nicht für ihn galten.
Manuel lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Küchenzeile, während der Kaffee begann, dampfend und zischend in die Tasse zu tröpfeln.
»Was hast du da an, Schatz?«, fragte er, als gäbe es an diesem Vormittag keine wichtigeren Fragen zu klären.
»Das ist das Patchwork-Kleid, das ich als Studentin genäht habe.«
Manuel schüttelte sich theatralisch. »Ein schreckliches Teil. Ich dachte, du hättest es längst ausgemustert.«
»Hatte ich auch. Aber ich herzensguter Mensch wollte nicht in das Zimmer poltern, in dem du dich bis eben ausgeschlafen hast. Mein Zimmer wohlgemerkt! Also habe ich das Ding aus dem Altkleidersack hervorgewühlt, den eine bestimmte Person – du wohlgemerkt – schon vor Monaten entsorgen sollte.« Sie hoffte, sich ein bisschen ärgerlich anzuhören, denn im Grunde machte es ihr Spaß, Manuel mit einer Diskussion über die Grundsätze des Zusammenlebens zu nerven, wenn er so übernächtigt aussah.
Tatsächlich drückte er sich die Fingerspitzen an die Schläfen. »Möglicherweise hatte ich zu viel Gin Tonic gestern Nacht.«
Viki liebte ihren Cousin von Herzen und konnte ihm sowieso wegen nichts böse sein, auch wenn er als Mitbewohner manchmal ein wenig schwierig war. Er war chaotisch, unzuverlässig, wirklich mies im Umgang mit Geld und stürzte sich mit großem Wirbel in ein Liebesabenteuer nach dem anderen.
Aber was täte ich nur ohne ihn?
»Okay, Schatz«, seufzte er dann. »Tut mir leid, dass ich ihn mitgebracht habe. Aber ich war unglaublich scharf auf ihn und der Dark Room war überfüllt.«
Sie verdrehte die Augen, musste jedoch kichern.
»Und in meinem Bett hat schon eine bestimmte Person – du wohlgemerkt – geschlafen und ich als herzensguter Mensch wollte dich nicht wecken«, fuhr er sie imitierend fort. »Daher sind wir in dein Zimmer gegangen. Ich wechsle nachher die Bezüge.«
»Danke schön.«
Manuel setzte sich neben sie an die Kücheninsel. »Du hast … ihn also heute Morgen gesehen? Hat … er noch irgendetwas gesagt, als … er aufgebrochen ist?«, fragte er und nippte an seinem Espresso.
»Sein Name ist Ludwig.«
»Richtig. Das wusste ich natürlich, aber dein Gerede über Khal Drogo hat mich durcheinandergebracht.«
»Natürlich.«
»Und?«
»Er hat sich dafür interessiert, wie alt du bist.«
»Da hält man sich fit und gepflegt, und dann wollen sie wissen, wie alt man ist! Als würde das irgendeine Rolle spielen.« Er schüttelte missbilligend den Kopf.
»Ich wurde gestern in den Freundschaftsbüchern von sieben meiner Schüler nicht nur nach meinem Alter, sondern auch nach meinem Gewicht gefragt, also beschwer dich nicht.«
Manuel legte seinen Arm um ihre Schulter. »Versteh einer die Welt. Wir sehen besser aus denn je, und dann das!«
Viki lachte.
»Und jetzt sag mir mal, was das hier werden soll.« Manuel deutete auf die Magazine und Schnipsel vor ihnen.
»Ein Moodboard. Ich sammle Ideen. Und wenn ich fertig bin, habe ich geniale Pläne für mein gesamtes Sabbatjahr.«
Ihr Cousin beugte sich ein wenig vor. »Vik?«
»Hm?«
»Viki!«
»Ja.«
»Viktoria.«
»Was ist denn?«
»Auf deinem Sabbatjahr-Mood-Dingens klebt ein Baby! Nur! Ein Baby! Willst du mir etwas sagen?« Manuels Augenbrauen schoben sich weit Richtung Haaransatz und er sah sie durchdringend an.
»Nein! Was glaubst du denn? Dass ich schwanger bin und dich davon in Kenntnis setze, indem ich hier ein Bild aufklebe?« Sie schnaubte.
»Der Apotheker, mit dem du im Mai ausgegangen bist, hat also keinen kleinen Gruß hinterlassen?«, bohrte er nach.
Sie lachte erneut. »Ganz bestimmt nicht!«
»Und was soll das dann? Ich weiß schon, dass du irgendwann Kinder möchtest. Doch mir war nicht klar, wie konkret die Pläne bereits sind. Ich sage es gleich: Ich unterstütze dich bei allem und jedem, aber abends werde ich nicht babysitten.«
»Jetzt beruhig dich wieder. Es gibt keine konkreten Pläne. Aber da ich in weniger als einem Jahr vierzig werde, überdenke ich in den kommenden Monaten definitiv meinen Wunsch nach einer Familie. In der Auszeit kann ich mich mit diesen Dingen in Ruhe auseinandersetzen.«
Dasselbe hatte sie Manuels Besuch an diesem Morgen auch schon erklärt, und der junge Mann war sehr beeindruckt gewesen, wie bedacht sie an die Fragestellung heranging. Und das fand sie eigentlich auch.
Manuel stützte seinen Ellbogen auf und legte das Kinn in die Hand. »Damit ich das richtig verstehe: Du planst, im Sabbatjahr zu planen?«
War so klar, dass er mich mit der Sache aufzieht. Er will keine Familie, sondern auf ewig Party machen. Irgendwie logisch, dass er das also nicht ernst nimmt.
Sie klappte ihren Laptop zu und fing an, die Magazine auf einen Stapel zu legen.
Er zog das Bild eines männlichen Models zu sich heran. Viki hatte es aus einem Katalog ausgeschnitten, weil der Typ einen schicken Wollpullover trug, den sie im kommenden Winter für Manuel stricken wollte. Wenn sie arbeitete, blieb immer viel zu wenig Zeit für größere Kreativprojekte.
»Und aus welchem Grund klebt er hier nicht neben dem Baby?«, fragte ihr Cousin. »Läge es nicht nahe, zuerst einen Vater zu finden und dann ein Kind zu planen?«
Wie auf Knopfdruck begann sich Unbehagen in Viki breitzumachen. Sie kannte das Gefühl nur zu gut, denn es zog jedes Mal unweigerlich auf wie eine Schlechtwetterfront, wenn es darum ging, warum sie es als Enddreißigerin noch immer nicht geschafft hatte, eine stabile Partnerschaft einzugehen. Gespräche über ihr Problem mit ernsthaften Beziehungen hatten sie und Manuel in den letzten zehn Jahren zur Genüge geführt. Deshalb ging sie davon aus, dass er das Thema absichtlich anschnitt, weil er damit irgendetwas bezwecken wollte.
Sie nahm ihm den Wollpulli-Typen aus der Hand und sagte: »Ich bin emanzipiert genug, um mich und das Thema Mutterschaft nicht über einen Mann zu definieren. Ich bin ein unabhängiger Mensch mit eigenständigen Wünschen. Ende der Geschichte.« Sie raffte zusammen, was sie tragen konnte, und verließ die Wohnküche.
Ich bin eben nicht für feste Partnerschaften gemacht. Bin ich deshalb einsam? Nein. Bin ich deshalb ein Kind von Traurigkeit? Nein. Muss ich deshalb auf Mutterglück verzichten? Nein.
Sie legte die Sachen auf ihrem Schreibtisch ab und sah nach ihren Fischen. Niclas, der kleine Panzerwels, nibbelte sich gerade die Glasscheibe entlang. Der Anblick seines kleinen, im Wasser hin und her wabernden Körpers beruhigte sie umgehend.
»Ich bin der Letzte, der Unabhängigkeit, Emanzipation und Freiheit nicht unterstützt«, hörte sie Manuel rufen. Dann erschien er in der Tür. »Wir beide haben nie vorgelebt bekommen, wie eine harmonisch vor sich hinplätschernde Beziehung läuft. Vermutlich kopieren wir unsere Mütter. Aber wir sind doch deswegen nicht unglücklich, oder?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Natürlich sind wir nicht unglücklich. Aber ich muss realistisch sein. Keine der Partnerschaften, die ich in den letzten zwanzig Jahren geführt habe, hat funktioniert. Das ist nicht normal, Manuel.« Unsanft kickte sie die auf dem Boden liegende Hose in seine Richtung.
Manuel schien zu merken, dass er übers Ziel hinaus geschossen war, denn er sagte in sanftem Tonfall: »Unsinn, du bist völlig normal. Du kannst dich verlieben – schnell und heftig, das wissen wir. Und du bist in der Lage, dich dauerhaft auf einen Menschen einzustellen und mit ihm zusammenzuleben.« Er zeigte auf sich selbst.
»Du zählst nicht.«
»Hallo?! Ich bin ein Mann und wir leben zusammen. Gut, wir sind verwandt und ich bin schwul, aber ich bin nicht gerade einfach. Und dennoch hältst du es seit einundzwanzig Jahren mit mir in einer WG aus.« Er hob beide Daumen.
Sie öffnete ihren Schrank und holte ein Sommerkleid heraus.
Als wäre eine stabile Beziehung mit echter Zukunft nur eine Kombination aus Verlieben und Zusammenleben.
»Willst du mich irgendwie loswerden, damit Khal Drogo hier einziehen kann?«, scherzte sie, um das unselige Thema zu beenden. »Er hat übrigens seine Telefonnummer hinterlassen.«
»Lenk nicht ab! … Er hat seine Nummer hinterlassen?!«
Sie schmunzelte über seine Berechenbarkeit.
»Soll ich ihn anrufen? Was hältst du von ihm? Der Kerl ist eine wahre Pracht, oder? Außerdem ist er nett. Und heute Nacht war echt gut. Er stellt unglaubliche Sachen an mit seiner …«
»Hör auf!« Lachend warf sie das Patchwork-Kleid nach ihm, das sie eben ausgezogen hatte.
Er grinste. »Würde dir auch gefallen …«
»Kannst du einmal von was anderem reden als von Sex?«
»Zum Beispiel von den vibes, die du wegen des kommenden Jahres verbreitest? Oder von deiner verkrampften Einstellung Männern gegenüber? Würde ich ja gerne, aber das magst du dann ja genauso wenig.«
Viki war in das frische Kleid geschlüpft, zog den Gummi aus den Haaren und schüttelte die Locken auf. »Mein Moodboard wird sich schon noch füllen! Definitiv wird sich mein Sabbatjahr jedoch nicht um Männer drehen. Ich will die Zeit ungestört für mich und meine Bedürfnisse nutzen – und das hat nichts mit irgendeiner verkrampften Einstellung zu tun. Jetzt fahre ich erst einmal einkaufen. Kochen wir später zusammen?«
»Ich sollte los. Holst du mich um acht in der Galerie ab, und wir gehen was essen?« Er stieß sich vom Türrahmen ab. »Und übrigens werde ich heute irgendwann Khal Drogo anrufen. Somit gilt unser Tête-à-Tête auch nicht mehr als One-Night-Stand – und es gab nicht den geringsten WG-Regel-Verstoß.«
Viki nahm genüsslich den letzten Löffel Schokoladencreme und lehnte sich zufrieden zurück.
Vielleicht sollte ich das Sabbatjahr einfach damit verbringen, köstliche Sachen zu essen.
»Ich habe nachgedacht, Schatz«, begann Manuel. Der Kerzenschein vom Nachbartisch ließ seine Haare orange leuchten, was irgendwie überhaupt nicht zu seinem schicken schwarzen Anzug und dem gehobenen Restaurant passen wollte.
»Oje.«
»Zum Thema ›Viki und die starken Männer‹.«
»Sehr witzig.«
»Ich bin zu dem Schluss gekommen – Trommelwirbel –: Du hast ein Problem mit außerfamiliärer Nähe.« Triumphierend, als hätte er eines der letzten großen Rätsel der Menschheit gelöst, sah er sie an.
Sie zog eine Augenbraue hoch. »Darum bin ich ja auch Lehrerin geworden. Um niemandem zu nahe kommen zu müssen.« Sie lachte ihn aus.
Nachdenklich strich er sich mit Daumen und Zeigefinger über den Schnurrbart. »Okay, ich sollte das noch einmal umformulieren: Du hast ein Problem damit, dich blind jemandem anzuvertrauen. Oder Dinge einfach mal geschehen zu lassen. Und ich meine jetzt ausnahmsweise mal nicht Sex.« Wie immer betonte er einzelne Wörter in seinen Sätzen mit übertriebenem Nachdruck.
Die Kellnerin, die gerade an ihrem Tisch vorbeikam, wandte neugierig den Kopf. Manuel blinzelte ihr zu. Viki wusste, wie viel Spaß es ihm machte, auch mit Frauen zu flirten. Er genoss es schlicht, wenn Menschen auf ihn reagierten.
»Warum sollte ich mich auch blind jemandem anvertrauen?«, antwortete sie. »Ich bin schließlich nicht du, der mit jedem x-beliebigen süßen Typen am ersten Abend im Dark Room landet.«
»Hallo?! Ich habe doch eben gesagt, wir reden nicht über Sex!«
»Gut, worüber reden wir dann?«
Manuel griff nach seinem Rotweinglas. »Darüber, die Dinge einfach mal geschehen zu lassen.«
Sie ließ ihren Finger in der Luft kreisen, als wolle sie zum aussagekräftigen Teil seiner Erklärung vorspulen.
»Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass du wohl befürchtest, etwas Schlimmes könnte passieren, wenn du dein Schicksal mal für einen Augenblick in die Hände eines anderen legst. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie oft du von deinem eigenen Vater im Stich gelassen wurdest. Du musstest schon früh lernen, dich zu schützen. Aber ich denke, dieses Muster wird dir immer irgendwie im Weg stehen. Und deshalb bist du so verkrampft.«
»Mir ist vielleicht nicht alles so egal wie dir, aber das macht mich noch lange nicht zum Kontrollfreak. Warum hast du nur so ein Problem damit, dass ich über ein Kind nachdenken will?« Irgendwie regte es sie auf, dass er, seit er das Bild von dem Baby auf ihrem Moodboard gesehen hatte, in ihrer Psyche herumstocherte, als wäre es etwas Alarmierendes, wenn eine Frau um die Vierzig dieses Thema aufbrachte.
»Ich hatte heute in der Galerie ziemlich umfassend Zeit zum Nachdenken. War nicht viel los«, erklärte er und genehmigte sich noch einen großen Schluck Wein, bevor er sich den Mund an der Serviette abwischte. »Warum reagierst du so sauer?«, fragte er dann.
Natürlich hatte er recht, wenn er sagte, dass die Beziehung zu ihrem Vater Spuren hinterlassen hatte. Das wusste sie spätestens seit ihrer Therapie vor einigen Jahren, auch wenn sie die Behandlung damals abgebrochen hatte. Manuel kannte viele Inhalte der Sitzungen, weil sie ihm davon erzählt hatte. Er hatte auch recht, wenn er ihre Beziehungsunfähigkeit mit ihrem Vater in Verbindung brachte. Ja, sie war eben so wie ihr Erzeuger: in Herzensangelegenheiten unstet. Na und? Damit hatte sie sich längst abgefunden.
»Ich bin nicht sauer«, antwortete sie. »Nur überrascht, dass du dieses Uraltthema ausgerechnet jetzt wieder aufs Tapet bringst. Sagst du das alles, weil du dir wünschst, dass ich das Babythema ad acta lege? Ich glaube, du hast das irgendwie missverstanden. Es ist im Augenblick kein Baby geplant. Ich möchte nur die Auszeit nutzen, um dahinter zu kommen, ob ich überhaupt Kinder will. Dann irgendwann in den nächsten Jahren, verstehst du?«
»Ja, ja, das habe ich begriffen. Das ist ja auch völlig in Ordnung. Selbst wenn es ein wenig erbärmlich ist, dass dein Moodboard nicht gerade überquillt von Bildern und Ideen. Ich wüsste tausend Dinge, die ich mit einem freien Jahr anstellen würde.« Er räusperte sich. Dann holte er ein Kuvert aus der Innentasche seiner Anzugjacke. »Eigentlich wollte ich dir ja erst am Zeugnistag etwas schenken, um den Beginn deines Sabbatjahres zu feiern. Aber aus gegebenem Anlass … Hier das Ergebnis meiner heutigen Recherchen.«
Zögerlich reichte er ihr den Umschlag.
Ach, wie lieb! Keine auch noch so kleine Gelegenheit, ohne dass er mir irgendwas schenkt.
»Was ist das?«
»Mach auf … Oder warte, vielleicht erkläre ich dir vorher … Nein, mach einfach auf!« Er zog die Manschetten seines Hemdes unter den Ärmeln des Jacketts gerade.
»Hä?«
»Versprich mir nur, dass du ohne Vorurteile in die Sache reingehst!«
»Wo reingehen?« Sie riss den Umschlag auf, ohne Manuel aus den Augen zu lassen. Er war sich eindeutig nicht ganz sicher, ob er ihren Geschmack getroffen hatte.
Neugierig zog sie die Karte aus dem Kuvert und las, was darauf geschrieben stand: Gutschein für die Teilnahme an einer Kuschelparty im Therapiezentrum My Life.
Viki musste sich überwinden, die Klinke zu drücken und die Tür zu öffnen.
Komm schon! So bist du nicht! Du gibst allem Neuen in deinem Leben eine Chance, auch wenn du es für eine idiotische Idee hältst.
Sie straffte die Schultern und betrat das Therapiezentrum My Life. Manuel wollte unbedingt, dass sie das hier ausprobierte, also tat sie ihm eben den Gefallen. Und wenn diese Kuschelparty auch nur annähernd so peinlich und unangenehm verlief, wie sie es sich vorstellte, würde sie einfach wieder gehen.
Neugierig sah sie sich um. Der lichtdurchflutete Eingangsbereich war in warmen Orange- und Ockertönen gehalten, überall standen gemütliche Sitzgelegenheiten und an den Wänden hingen Bilder von Tautropfen, Blütenblättern und Wolkenfetzen.
Sollen diese Klischees etwa die Schwellenangst senken?
In einer Ecke schlüpfte eine Frau gerade in ihre Yogahose, eine andere zog sich die Schuhe aus.
»Herzlich willkommen!«, rief eine dritte, die aus dem angrenzenden Raum hereinkam. »Ich bin Helma und leite die Kuschelparty. Ihr seid ein wenig früh dran, die anderen Teilnehmer werden jetzt dann nach und nach kommen. Macht es euch in der Zwischenzeit gemütlich. Hier sind Namensetiketten. Warum beschriftet ihr die nicht schon mal und klebt sie euch auf?« Um sie herum flatterten mehrere Lagen bunter Stoffbahnen, an ihrem Handgelenk klimperten ein paar dünne Armreifen und sie lief barfuß über die Holzdielen.
Viki nickte, stellte Schuhe und Tasche in einer Ecke ab und schlüpfte in die mitgebrachten Socken. Sie hatte sie aus Wollresten für zu Hause gestrickt, und sie waren nicht gerade schön. Aber für das hier taugten sie allemal. Dann widmete sie sich ihrem Namensschild. Irgendwie wollte sie nicht, dass all diese Fremden wussten, wie sie hieß. Immerhin schafften es so manche nur mit einem Vornamen und ein wenig geschicktem Social Engineering, alles über eine Person herauszufinden. Und was für Leute, sofern sie nicht von exzentrischen Cousins hergeschickt worden waren, gingen schon auf Kuschelpartys? Nerds, die im echten Leben einen Mangel an Zwischenmenschlichem zu verzeichnen hatten. Auf Viki wirkten Menschen, die solche Veranstaltungen besuchten, auf jeden Fall nicht besonders vertrauenserweckend.
Jetzt ergeh dich nicht in Vorurteilen! Du weißt ja gar nicht, was für Leute das wirklich sind.
Verstohlen musterte sie die zwei Frauen im Raum und den Mann, der gerade zur Tür hereinkam. Alle drei waren wohl ein wenig älter als sie und sahen im Grunde ganz normal aus. Wie jeder beliebige Mensch, den man eben irgendwo traf. Beim Einkaufen, im Kino oder Museum.
Eine der Frauen lächelte sie an.
Viki lächelte zurück, dann schrieb sie Manuela auf ein Etikett und klebte es sich auf die Brust. Danach setzte sie sich vor eines der Fenster und sah hinaus in den Hinterhof, in dem ein Ginkgobaum wuchs.
»Warst du schon öfter hier?« Die Frau von eben war zu ihr herübergekommen und ließ sich neben ihr nieder.
»Nein, heute zum ersten Mal«, antwortete Viki.
»Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, wie das werden wird. Mit fremden Leuten kuscheln? Puh. Aber ich habe einen Fernsehbericht über Kuschelpartys gesehen und das klang irgendwie interessant. Ich heiße Monika.«
»Vi … Wie schön, dich kennenzulernen! Ich bin Manuela. Und ich bin auch schrecklich aufgeregt«, gab Viki zu und spürte, wie sich ihre innere Anspannung ein wenig löste. Die Frau war sympathisch.
»Oh, siehe da, ich hätte nicht gedacht, dass derart junge Leute kommen.« Monika deutete auf die Tür, durch die gerade ein schlaksiger Typ trat. »Der ist doch höchstens zwanzig, oder?«, flüsterte sie. »Ach, ist das hier faszinierend. Am liebsten wüsste ich von jedem, warum er oder sie da ist.«
Auch in diesem Punkt musste Viki ihr recht geben. Einsamkeit? Neugier? Partnersuche?
»Also, ich habe einen Gutschein geschenkt bekommen«, antwortete sie. »Ich wollte die Person, die ihn für mich ausgesucht hat, nicht vor den Kopf stoßen. Drum bin ich hier.«
Das hört sich absolut verklemmt an. Total nach Rechtfertigung.
Monika kicherte. »Vielleicht wurde der da von seiner Mama hergeschickt. ›Geh mal ein wenig unter die Leute, Junge!‹«
Fünfzehn Minuten später hatte sich das Therapiezentrum gefüllt und die Teilnehmer kauerten im Turnsaal auf Matratzen im Kreis. Die Rollos waren heruntergefahren und das Licht gedimmt. Im Hintergrund ertönten leise sphärische Klänge.
Vikis Herz klopfte. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, irgendwen hier näher als auf Armeslänge an sich heranzulassen, auch wenn alle im Grunde total nett wirkten. Niemand sah ungepflegt aus, was ihre größte Sorge gewesen war. Und keiner machte den Eindruck, als wollte er zwanghaft jemandem an die Wäsche, was sie genauso gefürchtet hatte. Und dennoch war sie skeptisch.
»Ich freue mich, dass ihr hergefunden habt«, begann Helma. Ihre Armreifen klimperten. »Besonders schön finde ich, dass ich heute so viele neue Gesichter sehe. Ihr seid mutig! Dafür danke ich euch. Es erfordert Courage, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen, ein wenig die eigenen Grenzen zu verschieben und sich in einem Experiment zu erforschen.«
Ich verschiebe hier definitiv keine Grenze! Wovon spricht sie?
»Ich werde nun zu Beginn den Ablauf der heutigen Veranstaltung erläutern und die Kuschelregeln erklären. Bitte macht es euch bequem und entspannt euch!«
Viki zog die Beine heran, setzte sich in den Schneidersitz und zupfte ihre geräumige Leinenhose zurecht. Dazu trug sie ein hauchdünnes, langärmliges Rollkragenshirt. Irgendwie war ihr danach gewesen, trotz der Schwüle an diesem Sommerabend möglichst viel von ihrer Haut zu verhüllen.
Um sie herum versuchte jeder eine gemütliche Position zu finden. Ein paar Plätze weiter hockte ein Mann, der seine langen Beine gerade in die Kreismitte streckte. Er war Viki bereits bei seinem Eintreffen aufgefallen. Sie hatte sich über ihn gewundert. Hatte ein Typ wie er es nötig, auf eine Kuschelparty zu gehen? Sofort nach Beendigung dieses Gedankens rief sie sich zur Ordnung. Eigentlich hasste sie solche Schubladen.
Ich mag diese Veranstaltung schon allein deshalb nicht, weil sie mich dazu bringt, intolerant und borniert zu denken.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Gleich werden wir ein paar lockere Vorübungen machen«, sagte Helma. »Seid euch stets gewiss, dass ihr hier nichts müsst! Wann immer euch irgendetwas auch nur den Hauch eines unangenehmen Gefühls gibt, fühlt euch frei, aus der Übung rauszugehen. Ihr könnt euch jederzeit an den Rand oder mal für eine Pause in den Vorraum setzen. Heute steht eure Wahrnehmung im Mittelpunkt, also nehmt euch Zeit dafür. Ihr befindet euch in einem absolut geschützten Raum. Ich werde euch Anleitung geben. Probiert Verschiedenes aus, hört in euch hinein und spürt das Ja und das Nein.«
Viki schlug die Beine anders unter. Sie spürte hauptsächlich das Nein.
Als sie aufsah, bemerkte sie, dass der ganz junge Mann ziemlich blass geworden war. Er schien sich auch nicht besonders wohlzufühlen.
»Wir werden Verwöhn- und Berührungsübungen machen und schließlich in der zweiten Hälfte der drei Stunden ausgiebig kuscheln. Das bringt mich gleich zu den Regeln: Bitte geht sehr behutsam mit euch selbst um. Es ist wahnsinnig wichtig, bei unseren Übungen auf die innere Stimme zu hören. Wenn ihr euch nicht sicher seid, ist das Grund genug, um Nein zu sagen. Ein Vielleicht ist ein Nein! Ihr könnt auch jederzeit eure Meinung ändern. Wenn ihr jemanden berühren möchtet, fragt vorher. Wenn euer Gegenüber Nein sagt, respektiert das. Seht den heutigen Abend als Experiment. Probiert aus. Alles ist okay. Selbst wenn ihr lachen oder weinen müsst. Bei uns hat jedes Gefühl Platz.«
Viki sah in die Gesichter der Teilnehmer. Sie hörten gedankenverloren zu und machten ernste Mienen. Immer wieder nickte jemand.
»Sex und Berührungen an erogenen Zonen sind tabu. Die Kleidung bleibt an«, ergänzte Helma.
All diese Regeln hatte Viki schon im Internet gelesen, und wenn auch nur eine davon anders gewesen wäre, säße sie nicht hier.
»So, und bevor wir jetzt loslegen, bitte ich euch um eine kurze Vorstellung. Sagt, wer ihr seid und wie ihr euch fühlt. Ich mache mal den Anfang: Ich heiße Helma und fühle mich heute nach einem langen Tag ein wenig ausgelaugt, freue mich aber auf unsere Übungen und aufs Kuscheln. Das wird meine Akkus wieder aufladen.«
Reihum nannte jeder seinen Namen. Die meisten gaben zu, aufgeregt zu sein, bis auf jene, die bereits an Kuschelpartys teilgenommen hatten. Diese betonten, wie sehr sie sich schon auf den Abend gefreut hätten oder dass sie neugierig wären, weil es ja immer ein wenig anders lief. Der junge, blasse Mann brachte kaum mehr als ein stockendes Hallo hervor.
»Ich heiße Jacques«, sagte der mit den langen Beinen, als er an der Reihe war. »Auch ich bin zum ersten Mal hier und deshalb etwas nervös. Ich bin gespannt, wie es wird.«
Jacques? Ist er Franzose? Hört sich gar nicht so an. Der hat doch sicher wie ich einen falschen Namen angegeben.
Sie studierte noch einmal sein Äußeres: Haare und Augen waren braun und er hatte einen großen Mund. Sie schätzte ihn auf Mitte, Ende dreißig, also ihr Alter. Er trug ein weißes T-Shirt zur Jeans und war wie die meisten Teilnehmer barfuß. Viki fielen seine schönen Füße auf.
»Nun stehen wir bitte alle auf, schieben die Matratzen an den Rand und gehen durch den Raum. Dabei seht zuerst nur auf den Boden und probiert, euch auf euer Inneres zu konzentrieren. Wie fühlt ihr euch? Nehmt euch selbst ganz bewusst wahr!« Unter Armreifengeklimper drehte Helma die Musik lauter. Dann begann die Übung.
Reflexartig wollte Viki sich insgeheim über alles lustig machen, aber schnell wurde ihr klar, dass Manuel ihr wieder vorwerfen würde, Schutzmechanismen einzusetzen. Also atmete sie tief durch und beschloss, sich einfach auf das, was da auf sie zukam, einzulassen. Sie hörte in sich hinein, fühlte den Boden unter ihren Sohlen, spürte, wie ihr Herz schlug, und versuchte, anzukommen.
»Nun blickt ihr ein wenig hoch. Sodass ihr die Füße und vielleicht die Unterschenkel der anderen sehen könnt. Nehmt wahr, dass ihr nicht allein seid. Fühlt, was die Gegenwart der anderen mit euch macht.«
Kurz darauf sollten sie den Blick noch weiter heben, bis sie die Bäuche sahen. Einige davon erkannte Viki. Den etwas Dicklichen mit dem sympathischen Lächeln und den Weißhaarigen. Helma mit ihrem Flattergewand. Monika und den ganz Jungen. Jacques, den sie schon in der vorigen Übung anhand seiner Füße identifiziert hatte.
Viki fragte sich, was es über sie verriet, dass sie ihm so viel Beachtung schenkte. Gut, er sah ansprechend aus und war in ihrem Alter. Aber genau darum sollte es bei dieser Veranstaltung ja gerade nicht gehen.
Sie heftete ihren Blick auf einen etwas unförmigen Frauenbauch und versuchte, sich für alle Menschen im Raum gleichermaßen zu öffnen. Das war eine wesentlich schwierigere Übung, als sie gedacht hatte.
Bei der nächsten Phase sollten sie die Entgegenkommenden direkt ansehen, kurz voreinander stehen bleiben und sich in die Augen schauen. Als sie die Gesichter dieser völlig fremden Menschen vor sich wahrnahm, spürte sie, wie sehr die Situation sie anstrengte.
Zu so etwas hier geht man normalerweise aus eigenem Antrieb. Wenn diese Grundvoraussetzung nicht gegeben ist, müssen unweigerlich Nein-Gefühle aufkommen.
Aber sie wollte nicht aufgeben.
Noch nicht.
»Und nun, meine Lieben«, ertönte Helmas Stimme, »holt ihr euch bitte bei mir ein Tuch und verbindet eure Augen.«
Nicht mehr zu sehen, wer vor einem stand, machte die Sache wider Erwarten leichter. Helma wies die Teilnehmenden an, vorsichtig mit ausgestreckten Armen so lange durch den Raum zu gehen, bis sie auf jemanden stießen. Das war dann das Gegenüber für die nächsten Übungen. Zuerst sollten sie sich Wirbelsäule an Wirbelsäule lehnen und sich gemeinsam zur Musik wiegen. Viki versuchte, herauszufinden, wessen Po es war, den sie da an ihrem fühlte. Er war nicht besonders fest und ein wenig höher als ihr eigener.
Vielleicht die etwas größere Frau mit den blonden Haaren? Oder doch ein Kerl? Der Rücken ist ziemlich breit.
Sie spürte die Wärme der anderen Person und merkte, dass er oder sie ein gutes Taktgefühl hatte. Das Nein in Viki verwandelte sich langsam in ein Okay. Das hier mit jemandem im Team zu machen, half. Viki fühlte sich nicht mehr so verloren in der Gruppe. Jetzt konnte sie sich buchstäblich ein wenig anlehnen.
Helma gab die Anweisung, sich zueinander zu drehen, an den Händen zu fassen und weiterzutanzen. Die Finger, die nach Vikis griffen, waren kalt wie ihre eigenen und schlossen sich ganz behutsam um die ihren. Die Hände waren schlank und nicht besonders groß, also schlussfolgerte Viki, dass es doch eine Frau war. Neugierig öffnete sie die Lider und linste unter der Augenbinde hervor. Sie sah mit Nagellack verschönerte Zehen und nackte Beine in grauen Shorts. Dieser Frau nahe zu sein, war für Viki völlig in Ordnung. Sie spürte einfach, dass sie es gut mit ihr meinte.
Nach einiger Zeit sagte Helma: »Bitte lasst eure Partnerin, euren Partner nun los, dreht euch in die Richtung, aus der ihr meine Stimme hört, streckt die Arme aus und geht sachte los. Irgendwann werdet ihr alle hier bei mir ankommen und um euch herum die anderen spüren. Berührt sie an ihren Armen und Schultern. Streichelt. Nehmt wahr. Ganz so, wie es für euch passt.«
Schon nach ein paar Schritten stieß Viki an einen Körper und tastete vorsichtig nach dem Arm. Dann spürte sie, wie sie selbst berührt wurde – erst von einer und bald darauf von einer weiteren Hand. Langsam atmete sie aus.
Sie hörte in sich hinein, ob sie das wollte: von irgendjemandem angefasst werden. Aber sie stellte fest, dass sie es angenehm fand.
Es wurde enger und wärmer. Viki fuhr mit den Fingerspitzen einen Arm auf und ab und wurde gleichzeitig selbst gestreichelt. Behutsam und liebevoll. Die Berührungen funktionierten, weil sie vollkommen absichtslos waren. Niemandem ging es in dieser Übung um eine bestimmte Person. Die Intention war einhellig, etwas Wohltuendes zu spüren.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich inmitten eines Haufens Fremder so geborgen fühlen würde!
Vikis Herzschlag beruhigte sich. Weil es keine Rolle spielte, ob rund um sie Männer oder Frauen standen, ließ sie die Augen zu und probierte nicht länger, irgendetwas zu sehen. Sie fühlte einfach in sich hinein. Da sie die Berührungen von den Personen losgelöst wahrnehmen konnte, war sie in der Lage, sie völlig pur zu empfinden.
Überwältigt trat Viki zurück, als die Übung zu Ende war, und nahm die Augenbinde ab, als Helma die Anweisung dazu gab.
Endlich waren ihre Finger nicht mehr kalt.
»Ich hoffe, ihr seid jetzt alle in unserer Mitte angekommen und bereit für eine Verwöhneinheit.«
Viki sah sich um. Der junge Mann saß an die Wand gelehnt am Boden, war nach wie vor leichenblass und stierte vor sich hin. Offenbar war das hier zu viel für ihn. Er erinnerte sie an ein extrem schüchternes Grundschulkind, das sie vor Jahren unterrichtet hatte. Am ersten Schultag hatte es ähnlich überfordert in der Ecke gesessen.
Was muss im Leben eines Menschen passiert sein, dass er so auf ein paar harmlose Berührungen reagiert?
Viki wollte zu dem Mann hinübergehen und ihn fragen, ob er etwas brauche, aber da ging Helma bereits vor ihm in die Hocke und redete leise mit ihm.
Alle anderen wirkten nun merklich gelöster. Monika stand einige Schritte von Viki entfernt und zog ihre Yogahose nach oben. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Ein Mann dehnte versonnen seinen Rücken.
Kurz darauf stellte sich Helma in die Mitte. »Wir werden nun die Matratzen im Raum verteilen. Wir sind einundzwanzig, also brauchen wir sieben davon. Sieben von euch verbinden bitte wieder ihre Augen und setzen sich auf jeweils eine Matratze. Dann kommen zwei Leute ohne Augenbinde hinzu und berühren die Person an den Schultern. Wenn sie bereit ist, legt sie sich bequem auf den Rücken und sagt den anderen, wie sie berührt werden möchte. Das kann eine Kopfmassage sein, ein Streicheln der Beine oder der Hände. Was für euch richtig ist. Traut euch, die Anweisungen während der fünfzehnminütigen Verwöhneinheit zu korrigieren oder zu ergänzen. Genießt eure Zeit. Die beiden Streichelnden sprechen bitte kein Wort.«
Die Zögerlichkeit, mit der sich die Leute in Bewegung setzten, kannte Viki aus der Schule. Niemand wollte den Anfang machen – lieber erst einmal die anderen probieren lassen. Also fasste sie sich ein Herz und ließ sich auf eine der Matratzen nieder, verband sich die Augen und wartete. Kurz darauf wurde sie zuerst an der rechten, dann an der linken Schulter berührt. Natürlich war sie neugierig, wer sich neben sie gesetzt hatte, aber mittlerweile wusste sie, dass es keine Rolle spielte. Es ging um die Berührungen und nicht um die Menschen. Diese neue Erfahrung galt es zu vertiefen. Selbst wenn das hier nichts mit den angeblichen Problemen zu tun hatte, die ihr Cousin bei ihr vermutete, war es dennoch ein spannendes Erlebnis. Manuel hatte sie aus ihrer Komfortzone geschubst und sie dazu gezwungen, etwas Ungewohntes auszuprobieren. Und das war gut.
Sie legte sich hin. »Ich mag es, an den Handgelenken berührt zu werden«, sagte sie. »Und an den Unterarmen. Auch am Hals. Schultern, Beine – alles gut. Aber bitte nicht unbedingt an den Füßen.«
Schon spürte sie vier Hände, die sie sanft anfassten. Fingerkuppen, die über die Haut an ihren Handgelenken strichen. Berührungen an den Armen und Beinen, die sie trotz des Langarmshirts und der Hose gut wahrnahm. Dort federleicht. Hier mit etwas Druck. Sie wollte nicht einmal mehr wissen, ob es Männer oder Frauen waren, die sich zu ihr gesetzt hatten. Es war völlig egal. Sie genoss einfach die Empfindungen, die Zufriedenheit, die sie in ihr auslösten, und ließ sich treiben.
Auch als die fünfzehn Minuten vorüber waren, sah Viki nicht, wer bei ihr gewesen war, denn Helma hatte die aktiven Teilnehmer der Übung gebeten, sich von der Matratze zu entfernen und sich irgendwo im Raum zu positionieren, bevor die sieben passiven die Augenbinde abnahmen.
Viki fuhr sich durch die Haare und atmete einmal tief ein und aus, ehe sie Platz machte. Dieser Abend verlief wirklich anders als erwartet. Nie hätte sie mit derart intensiven Erfahrungen gerechnet.
Ein wenig wackelig tat sie ein paar Schritte und sah sich um. Die Leute wirkten jetzt in sich gekehrt und ruhig. Niemand strahlte noch die Unsicherheit aus, die diesen Ort zu Beginn erfüllt hatte. Sogar der junge Mann war nicht mehr ganz so bleich.
Viki war nun an der Reihe, mit einer zweiten Person jemandes Wünsche zu erfüllen. Ganz spontan ging sie zu Monika, setzte sich neben sie und berührte sie an der Schulter. Sie wollte dieser netten Frau Behaglichkeit schenken.
Während sie darauf wartete, dass es losging, starrte sie auf den Boden und überlegte, wem Übungen wie diese guttun würden. Der Kollegin, die sich so sehr davor fürchtete, sich bei irgendwelchen Leuten mit Krankheiten anzustecken. Dem einen oder anderen Schulkind, das zu Hause niemals liebevolle Berührungen genoss. Dem Hausmeister des Gebäudes, in dem sich Manuels Galerie befand, der immer so wütend war. Ihrer alten, einsamen Nachbarin.
Plötzlich tauchten Füße in ihrem Gesichtsfeld auf, die sie bereits zuordnen konnte. Sie sah hoch und beobachtete, wie sich Jacques auf Monikas andere Seite setzte.
Er hob die Hand zum Gruß und lächelte Viki an.
Viki nickte ihm zu. Sie freute sich, diese Übung mit ihm zusammen zu erleben.
»Nun bitte hinlegen und Anweisungen geben«, war Helmas Stimme zu vernehmen.
Monika sagte: »Also, ich mag nicht so gern am Kopf berührt werden. Arme und Beine fände ich schön. Wenn es nicht zu viel verlangt ist, am liebsten synchron.«
Jacques kniete sich auf eine Seite der Matratze, Viki auf die andere. Gleichzeitig fingen sie an, über Monikas Arme und Beine zu streichen. Viki versuchte, mit ihm in den gleichen Rhythmus zu kommen. Genauso wie seine Füße fielen ihr auch seine Hände auf. Sie waren braun gebrannt und kräftig. Er trug weder Ringe noch Uhr und hatte wohlgeformte, kurz geschnittene Nägel. Seine Finger schlossen sich sanft um Monikas Handgelenk, fuhren ihren Unterarm entlang bis zum Ellbogen, spreizten sich ein wenig und strichen dann bis hinauf zur Schulter.
Seine Züge wirkten konzentriert. Er hielt den Blick auf die Stellen gerichtet, die er gerade berührte. Jetzt aus der Nähe sah Viki die waagrechten Linien auf der Stirn und die gebogenen rund um die Augen.
Er scheint schon im Urlaub gewesen zu sein – das ist eindeutig Sonnenbräune, denn in den Fältchen ist die Haut heller.
Plötzlich merkte sie, dass sich seine Aufmerksamkeit auf ihre Hände richtete. Sie war aus dem Takt gekommen und strich nicht mehr gleichzeitig mit ihm auf und ab. Er änderte sein Tempo und passte sich ihr wieder an.
Nach einer Pause, in der Viki in den kleinen Innenhof mit dem Ginkgobaum gegangen war, weil sie lieber schweigen wollte, als sich am etwas aufgesetzten Small Talk zu beteiligen, kehrten alle in den Turnsaal zurück. Helma hatte inzwischen in der Mitte ein großes Matratzenlager zusammengeschoben, Kissen lagen bereit und die Augenbinden waren weggeräumt. Nach und nach tröpfelten die Teilnehmer wieder herein und nahmen im Kreis Platz.
»Nun, im zweiten Teil unseres Abends, wollen wir endlich zum Kuscheln kommen«, verlautbarte Helma.
Moment mal, Jacques fehlt! Ist er etwa gegangen? Vielleicht hätte ich ihn in der Pause in ein Gespräch verwickeln sollen.
Es störte sie, dass er nicht mehr da war.
Und dann störte es sie, dass sie sich überhaupt darüber den Kopf zerbrach. Denn es spielte wirklich nicht die geringste Rolle.
»Als Vorstellungshilfe, wie das abläuft, stellt euch bitte ein Körbchen voll kleiner Katzen vor.«
Gerade als Viki darüber nachzudenken begann, wie das hier auf dem Matratzenlager wohl aussehen würde, öffnete sich die Tür, und Jacques schlüpfte doch noch in den Turnsaal. Mit einem kurzen Heben der Hand entschuldigte er sich bei Helma fürs Zuspätkommen, dann nahm er Platz.
Direkt neben Viki.
Gegen die in ihr aufwallende Freude war sie völlig machtlos.
»Ihr kennt das ja bestimmt alle, wie sich Katzen aneinanderschmiegen. Macht es euch bequem, kuschelt euch zusammen, nehmt euch gegenseitig in den Arm, streichelt – genießt! Vergesst nicht, auf eure Ja- und Nein-Gefühle zu hören. Jederzeit könnt ihr aufstehen und den Platz wechseln. Geht zu den Leuten, bei denen ihr sein wollt. Seid nicht böse, wenn jemand dankend ablehnt. Forscht nun in eurem Inneren: Wo möchtet ihr sein?«
Bewegung kam auf. Viele legten sich gleich an Ort und Stelle hin. Sie schienen keine großen Präferenzen zu haben, mit wem sie kuschelten. Ein Mann bettete sich genüsslich in die Mitte. Sofort gesellte sich jemand zu ihm. Anderswo streckten zwei Leute etwas zaghafter die Hände nacheinander aus.
Viki schluckte. Zuvor hatte sie in den Übungen gelernt, wie schön es war, die Berührungen unabhängig von der Person zu erleben, sie für sich stehen zu lassen und als Akt des Wohlwollens zwischen beliebigen Menschen zu empfinden. Sie hatte das absolut großartig gefunden. Aber auf der anderen Seite war sie eine Frau, und in diesem Raum – viel mehr noch: direkt neben ihr – befand sich ein Kerl, der ihr gefiel. Sie hatte Probleme damit, diese Anziehung zu ignorieren und neutral bei der Sache zu bleiben.
Ich bin drauf und dran, diese wertvolle Erfahrung in den Sand zu setzen. Wann hört das endlich auf, dass die Hormone das ganze Leben bestimmen?
Sie wusste längst, dass ihr Wunsch, diesen interessanten Mann zu berühren, siegen würde. Ohne den Blick von den Menschen auf der Liegestatt zu nehmen, tastete sie also nach Jacques Hand. Kurz fürchtete sie sich vor Zurückweisung, aber schon schlossen sich seine Finger um ihre. Gleichzeitig ließen sie sich nieder, bis sie einander zugewandt auf der Matratze lagen. Er zog ein Kissen heran und schob es ihr unter den Kopf. Dabei sah er sie mit seinen braunen Augen an.
Vikis Herz klopfte.
Der Teil ihrer Persönlichkeit, der bereits ihr ganzes Leben lang nach männlicher Bestätigung suchte, reckte triumphierend die Faust in die Luft.
Der einzige wirklich attraktive Typ hier will mit mir kuscheln!
Sofort wies sie die Stimme der Vernunft zurecht.
Auch er wird in der ersten Halbzeit mitbekommen haben, dass es egal ist, mit wem man sich zusammentut. Er hat sich einfach zufällig neben mich gesetzt.
Irgendjemand im Raum lachte und holte Viki damit in die Situation zurück.
Langsam fuhr sie über Jacques Arm, so wie sie alle das in einer der Übungen am Anfang getan hatten. Seine Haut war warm.
Nun hob auch er die Hand, strich ihr die Locken aus dem Nacken, wühlte dann seine Finger in ihre Haare und ließ sie sanft darin kreisen.
Viki bekam Gänsehaut.
Er lächelte sie an, was sie erwiderte. Dies schuf mehr Verbindung zwischen ihnen, als ein Gespräch das vielleicht bewirkt hätte.
Als er die Augen schloss, tat sie dasselbe. Aber sie empfand die Berührungen trotzdem nicht länger losgelöst von seiner Person. Es blieb überdeutlich Jacques, der seine Hand nun ihren Hals und ihre Schulter entlang wandern ließ.
Nach einiger Zeit schob er seinen Arm unter ihren Kopf und zog sie ein wenig enger an sich. Dann legte er seinen anderen Arm um sie und streichelte ihren Rücken. Langsam fuhr er ihre Wirbelsäule hinauf und hinunter.
Viki konnte sich nicht erinnern, je zuvor die Nähe eines Menschen, von dem sie noch dazu rein gar nichts wusste, so intensiv empfunden zu haben.
Sie öffnete die Augen wieder und studierte seine Züge: die gewölbte Stirn, in die ein paar Haarsträhnen gefallen waren, die dichten Brauen, die Lachfalten, die sich bis an seine Schläfen zogen, den dunklen Wimpernkranz an seinen geschlossenen Lidern, die gerade Nase, die Bartschatten und der flach geschwungene Amorbogen oberhalb der Lippe. Sie legte ihm die Hand an die Wange und strich mit dem Daumen den Backenknochen entlang.
Auch wenn er ein völlig Fremder war, fühlte es sich richtig an, dass da keine Distanz zwischen ihnen existierte.
Im Grunde könnte er alles sein. Ein blöder Macho. Ein absoluter Langweiler. Ein Neonazi!
Ihr Blick wanderte zum Etikett auf seiner Brust. Er hatte den Namen in ordentlichen Druckbuchstaben geschrieben, sodass die Schrift rein gar nichts über ihn verriet.
Es ist völlig egal, wer oder was er ist. Jetzt zählt nur, wie ich mich fühle: außergewöhnlich gut.
Jacques zog gerade den Rollkragen ihres Shirts ein wenig zur Seite, um die Haut an ihrem Hals zu berühren. Sie bereute ihre Kleiderwahl. Doch wer hätte ahnen können, dass dieser Abend so positiv verlief?
Er ist definitiv kein Nerd, der zwischenmenschliche Probleme hat. Und es ist völlig ausgeschlossen, dass er schon ewig keine Frau mehr angefasst hat.
Viki mochte die selbstbewusste, aber dennoch sanfte Art, mit der sich seine Hände über die erlaubten Bereiche ihres Körpers bewegten. Das Aussparen von Brust, Po und Becken, die Gewissheit, dass es keine Steigerung, keinen Kuss und keine andere Form der Intimität geben würde, machten die Berührungen unglaublich intensiv. So etwas Unschuldiges und gleichzeitig so Markerschütterndes hatte Viki noch nie erlebt.
Völlig überwältigt kuschelte sie sich an Jacques.
Er legte seine Wange an ihre und sie hörte, wie er einen tiefen Atemzug nahm.
Das Herz voller Gefühle schloss Viki die Tür hinter sich und schlüpfte aus den Schuhen. Die Abschiedsfeier mit den Schulkindern und Eltern war ziemlich emotional gewesen. Immerhin hatte sie die Knirpse vier Jahre lang intensiv auf deren Lebensweg begleitet und ihnen beim Wachsen und bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zugeschaut. Sie ziehen zu lassen und zu wissen, dass sie viele von ihnen nicht wiedersehen würde, wenn am darauffolgenden Tag die Zeugnisse verteilt waren, tat weh. Auf der anderen Seite freute sie sich natürlich auf die Zeit, die nur ihr gehörte. Und auf die Sechsjährigen, mit denen sie sich danach für die nächsten vier Jahre auf den Weg machen würde.
Viki hängte ihr Jäckchen an die Garderobe und stellte die Tüten mit den Abschiedsgeschenken ab.
