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Zum Fest der Liebe nach Schottland – eine romantische Weihnachtsgeschichte, die so festlich glitzert wie der erste Schnee!
Mitte Dezember wird Jenny für ein wichtiges Forschungsprojekt nach Edinburgh geschickt. Die Dreiunddreißigjährige, die sich noch nie viel aus Weihnachten gemacht hat, ist absolut überfordert vom festlichen Trubel. Überall Weihnachtsmusik, Mistelzweige und Menschenmassen - Jenny fährt in den beschaulichen Stadtteil Morningside, in dem ihre Großmutter wohnt, die sie noch nie zuvor getroffen hat. Zögerlich steht sie vor dem geschmückten Haus, als sich die Tür öffnet und ihre Großmutter sie gerührt in die Arme schließt. Bei ihr trifft Jenny auch auf den kreativen Bühnenbildner Callum, einen waschechten Schotten. Er ist so weihnachtsverliebt, dass er es nicht verstehen kann, warum Jenny die schönste Zeit im Jahr ablehnt. Wird er es schaffen, Jenny rechtzeitig zum Fest mit Weihnachtsstimmung zu verzaubern? Christmas Cake, glitzernde Lichter und magische Wintererlebnisse … wer könnte da widerstehen?
Glitzernde Weihnachtsromantik von der Bestsellerautorin und DELIA-Preisträgerin!
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2024
Mitte Dezember wird Jenny für ein wichtiges Forschungsprojekt nach Edinburgh geschickt. Die Dreiunddreißigjährige, die sich noch nie viel aus Weihnachten gemacht hat, ist absolut überfordert vom festlichen Trubel. Überall Weihnachtsmusik, Mistelzweige und Menschenmassen – Jenny fährt lieber in den beschaulichen Stadtteil Morningside, in dem ihre Großmutter wohnt, die sie noch nie zuvor getroffen hat. Zögerlich steht sie vor dem geschmückten Haus, als sich die Tür öffnet und ihre Großmutter sie gerührt in die Arme schließt. Bei ihr trifft Jenny auch auf den kreativen Bühnenbildner Callum, einen waschechten Schotten. Er ist so weihnachtsverliebt, dass er es nicht verstehen kann, warum man die schönste Zeit im Jahr ablehnt. Wird er es schaffen, Jenny rechtzeitig zum Fest mit Weihnachtsstimmung zu verzaubern? Christmas Cake, glitzernde Lichter und magische Wintererlebnisse … wer könnte da widerstehen?
Ursi Breidenbach schreibt gemeinsam mit Heike Abidi erfolgreiche Sachbücher, wie den SPIEGEL-Bestseller »Eine wahre Freundin ist
wie ein BH«. Mit ihren gefühlvollen Unterhaltungsromanen entführt sie ihre Leser*innen an die schönsten Orte – wie ins winterlich glitzernde Edinburgh. 2023 wurde sie mit dem DELIA-Literaturpreis für den besten Liebesroman ausgezeichnet.
Mehr von und über Ursi Breidenbach gibt es auf ihrer Website www.breidenbach-romane.at oder auf Instagram: @ursibreidenbach
Außerdem von Ursi Breidenbach lieferbar:
Liebe ist tomatenrot. Roman
Sterne über Korsika. Roman
Bergblumenzauber. Roman
Freundinnen bleiben wir immer. Roman (gemeinsam mit Heike Abidi)
Eine wahre Freundin ist wie ein BH (gemeinsam mit Heike Abidi)
Geschwister sind wie Gummibärchen (gemeinsam mit Heike Abidi)
Großeltern sind wie Eltern nur mit Zuckerguss (gemeinsam mit Heike Abidi)
www.penguin-verlag.de
Ursi Breidenbach
Roman
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Copyright © 2024 by Ursi Breidenbach
Copyright © 2024 by Penguin Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Katharina Rottenbacher
Covergestaltung: bürosüd
Coverbildung: getty images / Paul Simpson Photography (Scunthorpe) und www.buerosued.de
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-31099-8V003
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Inhaltsverzeichnis
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Ingrids Heiße Schokolade für die Seele
Danke!
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Für meine Mutter (1939 – 2023),
die mir wunderschöne Weihnachtsfeste geschenkt hat.
Schottische und englische Wörter und Phrasen
treesome – baumartig; wie ein Baum aussehend
threesome – Dreier; Geschlechtsverkehr zu dritt
Dunna be blate! – Sei nicht schüchtern! (schottisch)
lassie – junges Mädchen (schottisch)
nan(a) – (eins der in Schottland gängigen Worte für) Oma
granda – (eins der in Schottland gängigen Worte für) Opa
aye – ja; oder? (schottisch)
Lallans – schottisch-englischer Dialekt, der in den Lowlands gesprochen wird
Santa – (in Schottland übliche Bezeichnung für) Weihnachtsmann
sweet tooth – Naschkatze; jemand, der*die Süßigkeiten liebt
bonnie – hübsch (schottisch)
Break a leg! – Toi, toi, toi, toi! (im Theater vor der Aufführung)
bahookie – Gesäß; Po (schottisch)
sleepy head – Schlafmütze
mixed racial family – Familie, deren Mitglieder verschiedene Ethnien haben und deshalb voneinander abweichende Rassismuserfahrungen machen
diamond dust crystals – »Diamantstaubkristalle«; ganz feiner, glitzernder Schnee
A Blithe Yule! – Frohe Weihnachten! (altmodisches Schottisch)
Sagt eine Figur im eigentlich englischen Satz ein deutsches Wort, ist dieses zum leichteren Verständnis kursiv gesetzt.
Jenny nahm die aus künstlichem Tannengrün und Bändern gedrehte Girlande von der Kommode und legte sie in das oberste Fach. Dann stopfte sie die beiden Zierkissen mit Schneemanngesichtern hinterher, schloss die Schranktür und sah sich im Zimmer um. Die grün-rot karierte Decke auf dem Lehnstuhl neben dem Fenster konnte als saisonunabhängiges schottisches Wohnaccessoire durchgehen und durfte bleiben. Alles andere sah neutral aus – wie ein gewöhnliches Hotelzimmer eben.
Bin müde, aber wohlbehalten in Edinburgh angekommen, tippte sie in die Nachrichten-Gruppe, die sie vor Jahren angelegt hatte, um ihre Eltern gleichzeitig mit Informationen zu versorgen.
Gut, Schatz, schönen Abend noch!
Genieß die schottische Meeresluft! Liebe Grüße, Mama.
Ihre Eltern kommunizierten bereitwillig in dieser Gruppe. Mit ihr. Nie miteinander. Das fand Jenny kindisch, denn immerhin waren die beiden seit vierzehn Jahren geschieden und betonten, es gebe zwischen ihnen keine ungelösten Konflikte, die sie davon abhielten, gemeinsam Eltern zu sein. Aber das bedeutete in ihrem Fall nur, dass sie sich bemühten, Enttäuschung und Groll vor ihrer Tochter zu verbergen – mit mäßigem Erfolg. Jenny merkte, dass ihr Vater, wann immer das Gespräch bei seiner Ex-Frau landete, einen harten Zug um den Mund bekam. Und es war offensichtlich, wie wenig ihre Mutter verstand, warum Ralf stur allein blieb, während sie relativ rasch nach der Trennung eine neue Partnerschaft eingegangen war.
Jenny legte das Handy weg und sah sich noch einmal im Hotelzimmer um: King-Size-Bett, Schrank, Kommode, Lehnstuhl und Fernseher. Auf dem Fensterbrett standen – wie in britischen Unterkünften üblich – Wasserkocher, Tassen und ein Körbchen mit Teebeuteln. Der Raum war nett und sauber, aber nicht so spannend, dass sie den Rest des Tages hier verbringen wollte. Professor Shaw und sein Team würde sie erst am nächsten Morgen treffen, also sollte sie sich überlegen, womit sie die Zeit bis dahin ausfüllen konnte. Ihre Wohnung in München hatte sie kurz vor elf Uhr nachts verlassen und dann siebzehn Stunden lang in insgesamt vier verschiedenen Zügen gesessen. Daher sehnte sie sich nach Schlaf. Aber es war mitten am Nachmittag und sie zum ersten Mal in Edinburgh. Also fand sie, sie sollte zur berühmten Royal Mile spazieren. Vielleicht irgendwo Haddock oder eine andere schottische Fischspezialität essen. Ausruhen konnte sie sich immer noch, wenn sie in acht Tagen wieder zu Hause war. Oder spätestens Ende der folgenden Woche auf einer gemütlichen Strandliege, während ihr die Dezembersonne in Dubai sanft die Haut wärmte.
Ein weiterer Blick zum Bett genügte, um die Erschöpfung gewinnen zu lassen. Seufzend streckte sie sich auf der Tagesdecke aus.
Nur ganz kurz, dachte sie, dann war sie auch schon eingeschlafen.
»Make my wish come truuue – all I want for Christmas is youuu …«
Jenny fuhr aus dem Schlaf hoch. Irritiert sah sie sich um, bis sie realisierte, dass sie auf dem Hotelbett lag und der Song vom Erdgeschoss durch die Wände zu ihr drang. Irgendwo dort unten musste wohl eine Weihnachtsparty in vollem Gange sein. Jenny gähnte und sah auf die Uhr. Sie hatte fast eine Stunde lang geschlafen.
»Underneath the mistletoe … Mitsingen, Leute! Auch du, Bob aus der Personalabteilung! Wir wollen deine glockenhelle Stimme hören!«, ertönte eine betont fröhliche Männerstimme.
Unwillkürlich trat Bob vor Jennys inneres Auge – und zwar als unscheinbarer Mittvierziger, der ein Polyesterhemd und die verschwitzten Haare nach hinten gekämmt trug.
»Habe ich zu viele schlechte Filme gesehen?«, fragte sie in die Düsterkeit des Zimmers. Warum sollte Bob kein sexy Typ mit Sixpack sein? Bestimmt verdrehte er in diesem Augenblick über den nervigen Moderator die Augen und küsste zu später Stunde Sally vom Marketing.
Jenny schmunzelte bei der Vorstellung.
Oder Jack, den Controller, überlegte sie. Genau! Bob und Jack. Die zwei standen garantiert schon seit Monaten insgeheim aufeinander.
Sie fror. Irgendwie schien der Heizkörper nicht richtig zu funktionieren, und es zog beim undichten Fenster herein. In der Hoffnung auf Behaglichkeit drehte sie sich noch ein paarmal im Bett hin und her, dann schaltete sie das Licht ein und setzte ihre kalten Füße auf den Teppich.
»Bob aus der Personalabteilung, brauchst du auch eine warme Strickjacke, um dich wohlzufühlen?«, fragte sie Richtung Erdgeschoss.
Schlotternd schlüpfte sie in das wollene Kleidungsstück und dann rasch zurück unter die Bettdecke. War es in diesem Raum wirklich so frostig, oder spielte nur ihr Kreislauf verrückt? Noch fester hüllte sie sich in die Jacke und schob die eisigen Finger in die Taschen. Dabei stieß sie auf ein Stück Papier. Neugierig zog sie die Hand wieder heraus und besah sich den Zettel: eine Adresse hier in Edinburgh, schnell auf die abgerissene Ecke eines Werbeprospektes gekritzelt. Sie musste nicht lange nachdenken, um sich daran zu erinnern, wie ihr die betagte Nachbarin ihres Vaters vor ein paar Wochen am Zaun diese Notiz überreicht hatte. Jenny kannte Christine schon seit ihrer Kindheit und war früher auch oft bei ihr im Garten gewesen.
»Ich habe von deinem Papa gehört, dass du beruflich nach Schottland reist«, hatte Christine gesagt und ihr den Papierfetzen hingehalten. »Du solltest einen Besuch in Erwägung ziehen.«
Nur zögernd hatte Jenny den Zettel entgegengenommen und in genau diese Jackentasche gesteckt, nachdem sie den Namen darauf gesehen hatte.
»Irgendwann wirst du es bereuen, wenn du nie bei ihr warst«, hatte Christine noch hinzugefügt.
Jenny war sich ziemlich sicher, dass sie solcherlei Gefühle niemals hegen würde. Die Dinge lagen nun mal, wie sie lagen. Und doch glitten ihre Augen nun wiederholt über die Adresse.
Morningside, stand unter dem Straßennamen.
Sie nahm ihr iPhone zur Hand und schlug diesen Edinburgher Stadtteil auf Wikipedia nach. Rasch erfuhr sie, dass es sich um ein früheres Bauerndorf im Süden der Innenstadt handelte, aus dem mittlerweile eine beliebte Wohngegend mit netten Cafés und ausgefallenen Boutiquen entstanden war. Erwähnt wurden auch gut erhaltene Villen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Was an der Adresse auf dem Zettel wohl zu finden war? Lebte sie etwa in einem dieser altehrwürdigen viktorianischen Gebäude?
Kopfschüttelnd legte sie das Handy mitsamt dem Stückchen Papier auf den Nachttisch. Dieses Haus war schließlich völlig irrelevant für Jenny.
»Frosty the Snowman, liebe Leute! Wann immer ihr in diesem Lied das Wort snow hört, trinkt einen kräftigen Schluck!«, war aus dem Saal unter ihr zu hören. Dann vernahm sie eindringliches Gedudel. Wahrscheinlich hatte der DJ die Lautstärke hochgedreht, denn Jenny war, als stünde der Sänger Nat King Cole direkt neben dem Bett und plärrte ihr ins Ohr.
Jenny atmete durch. Egal, wie müde sie war, sie musste sich wohl damit abfinden, dass sie nicht zur Ruhe kommen würde, solange die Party zugange war. Also beschloss sie, zu ihrem ursprünglichen Plan zurückzukehren und sich ein bisschen was von Edinburgh anzusehen.
Im Veranstaltungsraum hinter der Hotelrezeption herrschte wildes Treiben. Gerade eilte ein Mann in einem quietschgrünen Anzug, auf den rote Kugeln und gelbe Glocken gedruckt waren, aus dem Saal. Er trug ein Headset, in das er rief: »Freunde, diese Office Christmas Party wird euch für immer in Erinnerung bleiben!« Seine Stimme dröhnte hinter ihm aus den Lautsprechern. Er verschwand auf der Toilette. »Gleich geht es weiter mit Alastairs Ansprache. Hoffen wir auf ein Feuerwerk von Witzen!«, hörte man ihn unverdrossen weitermoderieren.
Amüsiert stemmte sich Jenny gegen die gläserne Schwingtür und trat ins Freie.
Mit tief ins Gesicht gezogener Mütze spazierte sie dann die Straßen entlang. Laut Wetter-App hatte es immerhin fünf Grad, aber getragen von der Luftfeuchtigkeit zog die Kälte im Nu durch ihre Kleidung und ließ sie frösteln. Da halfen auch das langärmelige T-Shirt unter dem Wollpullover und die dicke Thermo-Strumpfhose nicht viel. Doch Jenny war entschlossen, das Unbehagen zu ignorieren und ihren kleinen Trip in den schottischen Winter als Abenteuer zu sehen. Wenn sie reiste, wollte sie das Land schließlich mit allen Sinnen spüren, seinen Charakter kennenlernen und sich von ihm überraschen lassen. Es stimmte schon, es war hier bereits ab halb vier dunkel – also seit ihr Zug die gedachte Grenze zwischen England und Schottland passiert hatte. Und ja, sie fror. Aber sie liebte Großbritannien, und jetzt war sie endlich wieder hier.
Jenny blieb vor einem hell erleuchteten Schaufenster stehen. Neben all den mit Kugeln, Lichterketten, Girlanden, Weihnachtsmännern und Rentieren üppig dekorierten Läden hatte sie diese nüchterne Präsentation magisch angezogen. In bläulichem Licht standen zwei gesichtslose Modepuppen, die stark gemusterte Kleider trugen. Sie waren aus einem leichten Stoff genäht, tief ausgeschnitten und ärmellos. Bei uns finden Sie das passende Outfit für Ihre Weihnachtsparty, stand auf einem Schildchen daneben. Jenny musste lachen. Wie konnte man auf die Idee kommen, diese Fähnchen wären warm genug für den Winter? Sie ging weiter zum zweiten Fenster. Unter einem Kristalllüster präsentierte dort eine männliche Puppe einen knallroten Schottenrock. Vor dem Bauch hing eine Tasche, die zwar traditionell geformt, in diesem Fall jedoch aus weißem Puschelfell gefertigt war. Bekrönt wurde das Festtagsoutfit durch eine Weihnachtsmannmütze. Ho-ho-ho!, lautete die Beschreibung.
Stimmen rissen Jenny aus ihrer Betrachtung, also wandte sie sich zur Straße. Drei sich lautstark unterhaltende junge Leute kamen ihr entgegen. Eigentlich am frühen Abend kein ungewöhnlicher Anblick – seit sie das Hotel verlassen hatte, waren ihr schon etliche solcher Grüppchen begegnet. Doch dieses fiel auf, weil die Leute gemeinsam in einem riesigen Weihnachtspullover mit drei Kopflöchern steckten. We wish you a t(h)reesome Christmas, war in mit Zuckerstangen umkränzten Lettern auf die überdimensionale Brust gestickt. Die Frau rechts und der Mann links hatten jeweils einen Ärmel, die obere Körperhälfte des Typs in der Mitte war komplett verborgen, nur sein Kopf ragte aus dem Ausschnitt. So versuchten sie, einigermaßen im Gleichschritt ihr Ziel zu erreichen.
Offensichtlich hatte Jenny die drei etwas zu interessiert gemustert, denn der Linke verlangsamte sein Tempo, was den Pulli sich dehnen ließ, und sagte: »Dunna be blate! Wenn du willst, schneiden wir dir noch eine Öffnung in den Sweater.«
Jenny lachte. »Klingt verlockend.«
Die junge Frau auf der anderen Seite des Pullovers warf ihr eine Kusshand zu. Anschließend bemühten sich die drei, ihre Schritte wieder zu synchronisieren, stießen dabei ungelenk aneinander und kicherten, bis sie schließlich stolpernd um die Ecke verschwanden.
Wenn Weihnachten schon unbedingt sein musste, dann wenigstens in einem Pullover mit drei Kopflöchern, fand Jenny.
Sie spazierte weiter. Die ungefähre Richtung zur Royal Mile hatte sie vorab auf dem Handy gecheckt. Da sie keine Lust hatte, ständig auf Google Maps zu prüfen, wo sie sich gerade befand, und lieber die Atmosphäre aufsaugen wollte, ließ sie sich einfach treiben. Genau das war ja der Vorteil daran, allein zu reisen. Sie durfte sich ganz von ihren Stimmungen leiten lassen.
Nach etwa einer halben Stunde landete Jenny bei der Saint Cuthbert’s Church, die am Fuße des Schlosshügels stand. Da aus dem Park hinter der Kirche lautstark »Last Christmas« ertönte und sie nicht in diesen Trubel geraten wollte, betrat sie stattdessen den verlassenen Friedhof. Mit etwas Glück konnte sie dort abbiegen, um direkt zum Castle hinaufzusteigen und dem weihnachtlichen Treiben in den Princes Street Gardens auszuweichen.
Jenny sah sich um. Anders als in Deutschland standen die Gräber hier nicht in ordentlichen Reihen. Ein wenig durcheinander ragten die Gedenksteine und Stelen in die Düsterkeit – manche davon schief, einige sogar umgefallen. Dazu gesellten sich mächtige Buchen, die ein knorriges Geflecht von kahlen Ästen über den verlassenen Ort spannten. So etwas wie Beete oder Blumenschmuck gab es nicht, daher wirkte das Ganze – passend zur Bestimmung des Ortes – leblos.
Jenny blieb vor einer der dunkelgrauen Steintafeln stehen und las im Schein ihrer Handytaschenlampe die Inschrift.
In Gedenken an Kelvin Dunningham, Laborleiter, gestorben am 15. November 1844 im Alter von 57 Jahren
Sie stutzte. Was für ein Zufall! Völlig wahllos war sie vor irgendeinem Grab stehen geblieben, und nun war es ausgerechnet das eines Mannes, der vor zweihundert Jahren Versuche in einem Labor durchgeführt hatte wie sie.
Als es hinter ihr raschelte, fuhr sie zusammen. In etwa zwanzig Metern Entfernung war eine Gestalt auf dem düsteren Friedhofsweg auszumachen. Wie ein Schatten glitt sie an den Gräbern vorbei. Die Silhouette verschmolz mit der Dunkelheit und schien sich lautlos weiterzubewegen.
Jennys Herz begann zu rasen.
Erst nach einigen Momenten fiel ihr ein, dass sie noch die eingeschaltete Handytaschenlampe in der Hand hielt, und leuchtete den Weg entlang.
Im Lichtkegel tauchte ein junger Mann auf. Aus einer McDonald’s-Tüte zog er gerade umständlich einen Big Mac. Als er an Jenny vorbeiging, grüßte er mit einem Kopfnicken, dann schlenderte er mit seinen dick besohlten Sneakers geräuschlos Richtung Ausgang.
Während Jenny ihm nachsah, überlegte sie, ob die Erschöpfung daran schuld war, dass sie sich plötzlich auf einem Friedhof mitten in der Innenstadt gruselte. Kopfschüttelnd machte sie kehrt und steuerte den Ort an, den sie eigentlich hatte meiden wollen. Denn dort, wo Weihnachtsmusik gespielt wurde, waren bestimmt viele Menschen, und die brauchte sie jetzt offensichtlich um sich. Die mystischen Plätze Edinburghs konnte sie erkunden, sobald sie ausgeschlafen war. Über sich selbst schmunzelnd, betrat sie den Park auf der anderen Seite der Kirche. Mittlerweile dudelte »Joy to the World« aus den Boxen. Jenny blinzelte gegen das helle Scheinwerferlicht und sah sich um: Buden voller Süßigkeiten und Plastikspielzeug, blinkende Karusselle, überdimensionale Figuren vom Weihnachtsmann mit seinen Elfen und bunte Autoscooter, so weit das Auge reichte. Dazwischen Massen von Leuten – vor allem Kinder. Viele trugen Weihnachtsmannmützen oder Rentiergeweihe aus Plüsch auf dem Kopf, manche hatten sich Lichterketten um den Hals geschlungen, fast jeder balancierte irgendetwas Essbares in der Hand.
»Steve, hierher!«, keifte eine Mutter direkt neben Jenny. »Wenn du nicht folgst, kommt Santa ganz bestimmt nicht zu dir!«
Ein Junge riss sich von einem Bonbonstand los und kam lustlos angetrottet.
»Wir machen jetzt bei Rudolph ein hübsches Foto«, bestimmte die Mutter.
»Können wir nicht mal ein Bild auf dem Zuckerthron schießen?«, fragte das Mädchen neben ihr.
»Nein! Weihnachten ist das Fest der Traditionen, und unser Familienporträt ist jedes Jahr bei Rudolph.«
Jenny sah der Mutter nach, wie sie ihre Kinder so offensichtlich gestresst hinter sich her zu der riesigen Rentierfigur aus Fiberglas zog.
Wieder einmal fragte sich Jenny, was Weihnachten nur mit den Menschen machte. Ihr hatte diese Zeit im Jahr nie viel bedeutet, und schon ihre Eltern hatten keinen größeren Aufwand darum betrieben. Mittlerweile entfloh sie dem Rummel immer ganz bewusst. Denn Weihnachten war für sie der Inbegriff von Kitsch, Hektik und Konsumrausch. Was fanden die Leute so großartig daran, alles mit geschmackloser Deko vollzustopfen? Zerbrechliche Glaskugeln, nadelnde Zweige und klimaschädliche Lichterketten. Oder noch schlimmer: Plastikkugeln, Fake-Tannengrün und Blinklichter. Was gab es großen Teilen der Menschheit, sich mit den Vorbereitungen auf das beliebteste Fest im Jahr nur zu stressen und keine Minute davon zu genießen? Und warum ließen sie sich einreden, dass sie ihr hart verdientes Geld für überteuerte Geschenke oder gar nutzlosen Ramsch auszugeben hatten? Jenny verstand das alles nicht und würde sich auch nicht dazu verleiten lassen, unter dem Deckmantel der Tradition bei all diesem Humbug mitzumachen. Stattdessen würde sie wie immer mit ihrer besten Freundin Yvonne zwei Tage vor Weihnachten in den sonnigen Süden entkommen, um dort mit einem Cocktail in der Hand eine ruhige Zeit zu verbringen. Und anschließend konnte sie nach dem Jahreswechsel erholt das neue Forschungsprojekt beginnen. Zu Hause im Labor stand schon alles dafür bereit – nur das Gerät für ein spezielles Analyseverfahren musste noch geliefert werden.
Jenny marschierte zügig weiter, um möglichst rasch von diesem Rummelplatz wegzukommen. Dass man in Edinburgh auf Schritt und Tritt mit Weihnachten konfrontiert wurde, überraschte sie. Sie hatte gedacht, Schottland sei puritanisch und deshalb bleibe man hier von einem allzu penetrant vollstreckten Advent verschont.
Sie sah nach oben, wo das mächtige Schloss auf einem Felsen über der Stadt thronte. Die bunten Lichter und Sterne, die auf die alten Mauern projiziert waren, zerstörten den letzten Rest Hoffnung darauf, dass sie dort ein wenig Normalität finden würde. Also beschloss sie, lieber in einem ruhigeren Stadtteil einen Spaziergang zu machen. Dieses Morningside hatte doch in der Wikipedia-Beschreibung recht lauschig geklungen. Jenny schaute auf dem Handy nach, welcher Bus dorthin fuhr. Auf der Princes Street gab es etliche Stationen, daher schlug sie diese Richtung ein. Dabei musste sie sich durch wahre Menschenmassen kämpfen, denn weiter östlich im Park befand sich der German Christmas Market: Holzhütten mit allerlei Tand reihten sich aneinander, dazwischen drängten sich Buden, vor denen Trauben feiernder Schotten bratwurst, gluhwein und original German beer zu sich nahmen.
Jenny traute ihren Augen nicht.
Besorgt überlegte sie, ob man sie wohl in Dubai auch mit Christbäumen und Punsch verfolgen würde.
Als sie sich abwenden und die Bushaltestelle suchen wollte, entdeckte sie vor einer der Fressbuden die drei jungen Leute, die sich den Pullover teilten. Die beiden außen fütterten den in der Mitte mit Wurst und gaben ihm schluckweise Bier zu trinken.
Jenny stieg aus dem Bus und folgte der Wegbeschreibung von Google Maps. Die Straßenzüge waren in diesem Gebiet nicht von Villen, sondern von Häuserreihen gesäumt. Wie in Großbritannien üblich sahen sie alle gleich aus und unterschieden sich nur durch die Bepflanzung in den kleinen Vorgärten, die Türfarbe und die Einblicke, die man durch die Fenster in die hell erleuchteten Zimmer gewann.
Jenny blieb stehen, als sie das richtige Gebäude auf der anderen Straßenseite gefunden hatte. Sie wollte es sich nur kurz ansehen. Irgendwie war sie nämlich doch neugierig geworden, und wenn sie jetzt schon einmal hier war …
An der Tür des entzückenden Hauses prangte die Nummer achtundzwanzig. So wie alle anderen hatte es einen Erker, der sich über beide Stockwerke zog und wie ein Türmchen spitz bekrönt war. Zwei Gauben erzählten von einem ausgebauten Dachgeschoss. Jenny starrte die beigebraune Sandsteinfassade an, die ihr merkwürdig vertraut vorkam. Wo hatte sie diese schon einmal gesehen? Vielleicht war ihr in London ganz Ähnliches untergekommen?
Um auch noch den Vorgarten in Augenschein zu nehmen, überquerte sie die Straße und trat an den schmiedeeisernen Zaun. Im Erdgeschoss brannte Licht, und direkt hinter dem Fenster im Erker stand ein Tannenbaum. Er war über und über voll mit kunstvoll gefalteten Papiersternen behängt, zwischen denen sich sanft schimmernde Lichterketten durch die Zweige schlängelten. Nach all dem Weihnachtskitsch, den Jenny in dieser Stadt bereits gesehen hatte, war der Baum wohltuend geschmackvoll. Auch den Stechpalmenkranz mit Kugeln und Schleife auf der knallroten Tür fand sie in Ordnung. Ihre Augen wanderten entlang des kurzen Plattenweges zum Gartentor, über das sich ein rosa blühender Strauch neigte. Sie kannte den Winterduftschneeball von ihren Spaziergängen durch den Botanischen Garten in München. Also zog sie einen der Äste zu sich heran und schnupperte. Sanfter Wohlgeruch stieg ihr in die Nase. Blüten zu Weihnachten – das begeisterte sie. Der dunkelsten Jahreszeit diese Wölkchen von Zartheit entgegenzusetzen, war etwas Besonderes. Jennys Blick richtete sich auf das Namensschild am Tor. Maclain, hatte auch schon auf Christines Adresszettelchen gestanden.
Sie wollte sich schon abwenden und gehen, da trat ein alter Mann aus dem Haus.
Jenny schrak zusammen, als hätte er sie bei etwas Unerhörtem ertappt.
Er hob seinen Blick von der Stufe vor der Tür und entdeckte sie am Gartenzaun. Mitten in der Bewegung hielt er inne und zögerte ein paar Augenblicke. »Ingrid?«, fragte er dann. »Was machst du denn da draußen, Schatz?«
Sie registrierte das deutsche Wort am Ende seines englischen, stark schottisch gefärbten Satzes.
»Ich … ähm … einen schönen Strauch haben Sie.«
Der Mann war groß, hielt sich aber nicht besonders aufrecht. Sein dünner Körper steckte in Wollpullover und Tweedhose, auf dem Kopf trug er eine karierte Schirmkappe. Er stand mit dem Rücken zum Licht, das aus dem Flur ins Freie fiel, also konnte sie sein Gesicht nicht gut sehen. »Ingrid?«, fragte er noch einmal, danach blickte er über die Schulter zurück ins Haus.
Jenny verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Vermutlich sollte sie sich einfach höflich verabschieden. Doch aus irgendeinem Grund sagte sie: »Ich bin nicht Ingrid.«
Eine weißhaarige Frau erschien in der Türöffnung. »Was ist denn, John? Alles in Ordnung?« Erst nach einigen Momenten schien sie den Gast am Zaun zu entdecken.
Jenny trat einen Schritt zurück.
Die Frau betätigte einen Lichtschalter im Inneren des Hauses, sodass die Lampe über dem Eingang den Vorgarten erhellte und endlich die Gesichter der Leute besser zu sehen waren.
Der Mann blickte verwirrt hin und her, während die Frau Jenny musterte und dann die Hand vor den Mund schlug. »O mein Gott!«, hauchte sie auf Deutsch.
Ein Fluchtimpuls überkam Jenny. »Ich wollte nicht stören«, antwortete sie. »Ein wirklich hübsches Haus haben Sie.« Sie hob die Hand zum Gruß.
»Du bist Jenny«, sagte die Frau.
Jenny konnte sehen, dass ihr Tränen aus den Augenwinkeln sickerten und die faltigen Wangen hinabliefen. Ihr war klar, dass es längst zu spät war, um sich aus dem Staub zu machen. »Ja, die bin ich. Ralfs Tochter«, erwiderte sie nun ebenfalls in ihrer Muttersprache, obwohl sie ahnte, dass es keine gute Idee war, sich nach allem, was passiert war, auf eine Unterhaltung einzulassen.
»Ich kann es nicht glauben!«
Auf der Miene des Mannes erschien nun ein erkennender Ausdruck. »Unglaublich. Sie sieht aus wie du, als wir uns kennengelernt haben, Ingrid.« Er schien nicht Deutsch zu sprechen.
Betreten stand Jenny noch immer vor dem Gartentor und wusste nicht recht, wohin mit sich. »Ich habe Ihre Adresse von Christine.«
Ingrid riss sich sichtlich aus ihrem Gefühlsüberschwang und wischte die Tränen weg. »Was für eine wunderschöne Überraschung!« Sie kam zum Tor und hielt es für Jenny auf. »Bitte, komm doch herein!« Mit einer einladenden Geste deutete sie aufs Haus. »John, das ist meine Enkelin«, übersetzte sie für ihn. »Heute ist der Tag, auf den ich so lange gewartet habe.« Ein Schluchzen entwich ihr. »Endlich lerne ich dich kennen!«
Jenny sah zögerlich auf die niedrige Schwelle zum Vorgarten. War es nicht totaler Humbug, diese zu überschreiten? Sie hatte doch nur wissen wollen, wie die Mutter ihres Vaters wohnte.
»Nun komm schon rein. Es beginnt zu regnen.«
Erst jetzt merkte Jenny die Tropfen, die auf ihr Gesicht fielen.
»Das ist John, mein Mann«, stellte Ingrid vor.
Jenny wusste nicht, warum sie dem alten Ehepaar tatsächlich ins Haus folgte. Vielleicht weil sie ausgefroren und müde war. Bestimmt auch, weil die Neugier über ihre Bedenken siegte.
»Seit wann bist du in Edinburgh?«, fragte Ingrid, als sie durch einen kleinen Windfang und anschließend durch eine zweite Tür mit Buntglasfenstern ins Haus gingen.
»Erst seit heute. Ich bin aus beruflichen Gründen hier.«
Wieder übersetzte Ingrid für ihren Mann.
»Wir können auch Englisch sprechen«, bot Jenny an.
»Warum setzt ihr euch nicht gemütlich an den Kamin und plaudert. Ich koche inzwischen Tee«, schlug John vor, während er seine Kappe auf einen Haken hängte. »Meine Güte, lassie, du siehst wirklich aus wie Ingrid«, stellte er erneut fest. Er schüttelte lächelnd sein kahles Haupt und schlurfte davon.
»Er ist neunundachtzig und insgesamt noch sehr fit. Aber manchmal hat er einen verwirrten Moment«, erklärte Ingrid. »Ich denke, dein Auftauchen hat ihn vorhin ein wenig irritiert.«
»Es tut mir leid, dass ich unangemeldet reinplatze. Eigentlich wollte ich mir nur ansehen, wo Sie wohnen.«
Ingrid winkte ab. »So ein Unsinn. Du musst dich nicht anmelden.«
Jenny schwieg.
»Und bitte, sag Du zu mir! Ich bin doch schließlich deine Großmutter.«
»Okay.« In dieses fremde und gleichzeitig so vertraut wirkende Gesicht zu schauen, brachte Jenny durcheinander. Unschlüssig stand sie im Flur und wusste nicht recht, wie es nun weitergehen sollte.
»Warum ziehst du nicht deinen Mantel aus?«
Jenny tat wie ihr geheißen und folgte Ingrid ins Wohnzimmer. Den Christbaum im Erker hatte sie ja schon von draußen gesehen. An einem weiteren Fenster gab es einen ausladenden Schreibtisch, auf dem sich bunte Papierbogen, Karten, Kuverts, Scheren, Kleber und Stifte häuften. Vor dem Kamin standen drei geblümte Sofas rund um einen Couchtisch, und durch eine zweite Tür konnte man in einen Raum voller Bücherregale sehen.
Jenny schluckte. Auch das Innere des Hauses kam ihr merkwürdig bekannt vor. Sie hatte diese Frau noch nie in ihrem Leben gesehen und bis zu jenem kurzen Gespräch mit Christine am Gartenzaun nicht einmal gewusst, dass sie in Edinburgh lebte. Woher sollte Jenny also dieses Zuhause kennen?
Vermutlich war es eben typisch britisch. Sie hatte schließlich schon einige solcher Häuser besucht, und eventuell waren diese sich alle ähnlicher, als es ihr bewusst gewesen war.
Ingrid führte sie zu den Sofas. Beim Hinsetzen zog sie ihr malvenfarbenes Wollkleid zurecht und ordnete die beiden Ketten aus großen flaschengrünen Holzperlen. »Erzähl mir alles von deinem Leben, Jenny! Lass nichts aus!«
Das herzliche, offene Lächeln überraschte Jenny. Was sie in den letzten fünf Minuten gesehen und erlebt hatte, passte kein bisschen zu dem Bild, das sie sich zeitlebens von ihrer unbekannten Verwandten gemacht hatte.
Sie räusperte sich. »Ich lebe in München, bin dreiunddreißig Jahre alt und arbeite an der Uni.«
Ingrid nickte lächelnd. »Als Pharmakologin. Das weiß ich alles von Christine. Meine alte Freundin und ich telefonieren regelmäßig. Und schau mal hier …« Sie erhob sich wieder, trat an den Kamin, nahm einen der dort stehenden Bilderrahmen und hielt ihn Jenny hin. »Ab und zu hat sie mir auch Fotos geschickt.«
Das Porträt zeigte Jenny, etwa dreizehnjährig, wie sie sich auf Christines Terrasse Kuchen in die runden Bäckchen schob.
Sie war sprachlos. In diesem Wohnzimmer gab es tatsächlich ein Bild von ihr!
»Das hier sind Scott, Lennox, Isla und Callum.« Ingrid reichte ihr eine Aufnahme von vier sommersprossigen rothaarigen Teenagern. »Das sind Johns Enkel … Na ja, eigentlich sind es auch meine. Schließlich kenne ich sie seit ihrer Geburt … Meine schottischen Enkel.« Sie zuckte mit den Schultern und wirkte dabei etwas beschämt – als wäre das, was sie da sagte, nicht in Ordnung. »All meine Enkel habe ich hier bei mir auf diesem Kamin«, betonte sie und strich liebevoll über das Bild von Jenny, als sie es zurückstellte.
Diese hatte keine Ahnung, was sie darauf antworten konnte, also betrachtete sie noch einmal das Foto der vier Jugendlichen in ihren Händen. Einer von ihnen hatte einen Sonnenbrand. Das Mädchen trug eine Schuluniform. Der ganz rechts war groß und mager.
»Ich bin von der langen Reise ziemlich geschafft«, sagte sie, weil sie das Gefühl hatte, erklären zu müssen, warum sie überhaupt nicht wusste, wie sie auf das alles hier reagieren sollte.
»Ach, du Arme! Gleich bringt John Tee. Wenn ich was von den Briten gelernt habe, dann ist es, dass Tee in jeder Lebenslage unglaublich guttut.« Ingrid lächelte wieder dieses sympathische Lächeln, nahm ihr das Foto ab und stellte es zurück auf seinen Platz inmitten einer ganzen Reihe von Familienporträts. Neben einer Gruppe verschieden großer Tannenbäumchen aus kunstvoll gefaltetem grünem Papier stand auch ein Silberrahmen mit einem Bild von Jennys Vater in jungen Jahren – wohl noch vor ihrer Geburt, denn er trug darauf keine Brille.
Plötzlich überkam Jenny ein schlechtes Gewissen. Ihr wurde klar, wie er sich fühlen würde, wenn er wüsste, auf wessen Sofa seine Tochter gerade saß. Er wäre verletzt und enttäuscht.
»Du sagst, du bist wegen der Arbeit hier?«, wechselte Ingrid das Thema und setzte sich wieder Jenny gegenüber.
»Ich besuche ein Laborteam an der Universität Edinburgh, um von ihnen den Umgang mit einem ganz bestimmten, sehr komplizierten Analyseapparat zu lernen. Sie haben den schon seit einiger Zeit und bringen mir die Handhabung bei, bevor ich dann ein Forschungsprojekt bei uns in München beginne. Dort bekommen wir demnächst nämlich exakt das gleiche Gerät. Morgen in der Früh treffe ich den Professor, der das Labor hier leitet, bevor sein Team mich einschult. Und Anfang nächster Woche habe ich einen Termin beim Dekan. Dann fahre ich wieder heim.« Jenny entspannte sich. Ihre Arbeit war sicheres Gesprächsterrain.
»Und worum geht es bei dem Forschungsprojekt?«
»Wir untersuchen den Einfluss von Geschlechtshormonen auf die Wirkung von Arzneimitteln.«
In diesem Augenblick kam John mit einem Tablett herein, das mit einer bauchigen Wedgwood-Teekanne, Tassen, Tellern, Besteck und einer Platte Scones beladen war. Er stellte alles auf dem Couchtisch ab. Aus seinen Hosentaschen holte er noch jeweils ein Glas Orangenmarmelade und Erdnussbutter. »Hatten keinen Platz mehr«, erklärte er. »Milch? Zucker?« Mit etwas zittrigen Fingern goss er eine Tasse für Jenny ein.
»Ohne alles, danke.« Ihre Gedanken kamen langsam, als müssten sie sich durch eine zähe Masse winden. Erst nach ein paar Schlucken heißem Tee fiel ihr auf, dass sie erstmals an diesem Tag nicht mehr fror. Erfreut sah sie ins knisternde Kaminfeuer.
»Für heute Nacht sind heftiger Regen und Sturm angesagt«, unterbrach John das Schweigen. »In den letzten Tagen war das Wetter ganz gut, aber nun frischt es auf.«
Wie sehr auf den meteorologischen Small Talk der Briten in unangenehmen Situationen Verlass war, gefiel Jenny.
»Gibt es in München schon Schnee?«, fragte er.
»Ende November hat es mal eine Nacht lang geschneit. Jetzt ist es zu warm dafür.«
»In den Highlands liegt im Winter oft Schnee«, sagte Ingrid. »Hier in Edinburgh ist das eher die Ausnahme. Ich hätte so gern mal wieder weiße Weihnachten, aber damit ist nicht zu rechnen.«
»In Deutschland gibt es das auch kaum noch.«
Jenny merkte, wie John zwischen ihr und seiner Frau hin und her blickte. Vielleicht dachte er wieder über die Ähnlichkeiten nach.
Wenn ich im Alter so aussehe, kann ich wirklich zufrieden sein, überlegte Jenny, denn sie fand Ingrid sehr hübsch.
»Warum nimmst du dir nicht von den Scones?«, schlug John vor. »Du hast doch bestimmt Hunger. Hat Ingrid frisch gebacken.«
Jenny griff sich ein Stück, schnitt es auf und bestrich es mit Orangenmarmelade. Der buttrige Geschmack des Brötchens vermischte sich auf ihrer Zunge mit der süß-bitteren Note des Fruchtaufstrichs. Sie sank weiter in das weiche Sofa und atmete durch. Eine Tea Time mit der Frau, die ihren Vater zur Welt gebracht hatte – was war schon groß dabei?
Als der Tee ausgetrunken und die Scones verspeist waren, rüttelte der Wind bereits heftig an den Fenstern, und dicke Regentropfen klatschten an die Scheiben.
Jenny sah auf die Uhr. Es war mittlerweile fast elf Uhr nachts. John, Ingrid und sie hatten sich recht unverfänglich über ihre Arbeit und danach die Sehenswürdigkeiten Edinburghs unterhalten. Dabei war die Zeit nur so verflogen.
»Ich sollte mich jetzt auf den Weg machen.« Bis sie in ihrer Unterkunft angekommen war, hatte mit ein bisschen Glück die Weihnachtsparty ihr Ende gefunden.
»Wo bist du denn untergebracht?«, erkundigte sich John.
Jenny nannte den Hotelnamen.
»Willst du dich wirklich nach dem langen Tag noch einmal hinauswagen?«, fragte Ingrid. »Bei diesem unwirtlichen Wetter? Warum bleibst du nicht einfach hier? Wir haben unterm Dach zwei gemütliche Gästezimmer.«
Jenny hob abwehrend die Hand. »Ich will euch keine Umstände machen.«
»Aber das sind doch keine Umstände! Das Bett ist frisch bezogen, und die Heizung läuft.«
»Ich muss zeitig in der Früh zur Universität.«
»Die Haltestelle ist ganz in der Nähe, und es gibt einen direkten Bus«, entkräftete John auch dieses Argument.
»Wenn du jetzt da rausgehst, ist deine Jacke durchnässt und trocknet nicht mehr so schnell«, gab Ingrid zu bedenken.
Unsicher schaute Jenny noch einmal zum Fenster. Ein Blatt wurde vom Wind an die Fensterscheibe geweht und blieb dann vom Regen überströmt kleben. Dieser kleine Vorgang schien eindrucksvoll zu verdeutlichen, wie es ihr da draußen, den Elementen ausgesetzt, ergehen würde. Andererseits wusste sie, dass es schon keine gute Idee gewesen war, überhaupt ins Haus zu kommen. Jetzt auch noch hier zu übernachten, war mit Sicherheit völlig falsch. Das würde den beiden alten Leuten das Gefühl vermitteln, dass Jenny in Zukunft Kontakt pflegen wollte. Und dem war ja nicht so.
John streckte sich. »Möchtest du noch die Nachrichten sehen? Der Fernseher ist oben.« Er deutete Richtung Zimmerdecke.
Jenny schüttelte den Kopf.
»Dann komm mal mit, meine Liebe«, forderte Ingrid sie auf.
Zu erschöpft, um sich weiter zu wehren oder auch nur länger darüber nachzudenken, was es bedeutete, eine Nacht hierzubleiben, folgte Jenny der Frau, die in biologischer Hinsicht ihre Großmutter war. Sie erklommen die steile Treppe in den ersten Stock hinauf.
»Hier ist unser Schlafzimmer. Die beiden anderen Räume waren die von Murray und Sean, Johns Söhnen. Da hinten ist das Bad. Ich lege dir Handtücher und eine neue Zahnbürste raus. Nimm von meinen Kosmetikartikeln einfach, was du brauchst.«
»Es tut mir leid, wenn ich dir Umstände bereite«, wiederholte Jenny.
Ingrid drehte sich zu ihr um. »Dein Besuch ist das ganze Gegenteil für mich: eine wahre Freude.«
Reflexartig wollte Jenny daran erinnern, dass er nicht wirklich geplant gewesen war, schwieg aber und lächelte stattdessen.
Sie stiegen ins Dachgeschoss hinauf, das wesentlich kleiner war als die unteren Stockwerke. Hier gab es nur zwei schmal geschnittene Zimmer. Ingrid knipste in einem davon das Licht an. Die Wände rechts und links waren von einer petrolfarbenen, mit weißen Tulpen bedruckten Tapete bedeckt, die beiden anderen hell getäfelt. Unter die Dachschräge duckte sich ein Alkoven mit einem Bett.
»Wird dir warm genug sein?« Ingrid öffnete den Schrank und holte noch eine Wolldecke hervor.
»Ich denke schon«, log Jenny.
»Hier in dieser Kommode gibt es Kleidung. Jogginganzüge und so weiter – von unseren Enkelkindern. Nimm dir einfach, was du brauchst.«
»Das ist wirklich sehr lieb von dir. Vielen Dank!«
»Fühl dich wie zu Hause!«
»Mache ich. Gute Nacht«, antwortete Jenny lächelnd.
Ingrid wandte sich zum Gehen, blieb dann aber doch noch einmal stehen und musterte sie mit glänzenden Augen. »Ich will dich nicht überrumpeln – schließlich lernen wir uns ja erst kennen –, aber wäre es für dich in Ordnung, wenn ich dich kurz drücke?«
Obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie körperliche Nähe tatsächlich wollte, nickte Jenny. Der erste Eindruck war überaus positiv, denn Ingrid hatte sich an diesem Abend reizend verhalten. Und dennoch wusste Jenny, wozu die Mutter ihres Vaters imstande war. Egoismus und Gefühlskälte gehörten wohl genauso zu ihren Charakterzügen.
Ingrid schlang die dünnen Arme um sie und legte ganz sachte die Wange an Jennys. Ihr Brustkorb hob und senkte sich merklich bei einem tiefen Atemzug.
Kurz schloss Jenny die Augen und sog Ingrids angenehmen Geruch ein. Sie roch nach Orangenmarmelade und Shampoo. Dazu mischte sich eine hauchzarte Parfumnote.
»Ich bin so glücklich, dass du hier bist.«
Schlaft gut!, schrieb Jenny ihren Eltern auf WhatsApp, weil sie nach irgendetwas suchte, was ihr schlechtes Gewissen ihrem Vater gegenüber erleichtern konnte.
Immer wieder sagte sie sich, dass sie nur ein bisschen Small Talk mit der alten Frau gemacht hatte.
Nichts weiter.
Und doch …
Das Handy läutete.
»Hallo, Papa!«
»Hallo, Schatz. Wenn du wach bist, rufe ich dich schnell noch an, habe ich mir gedacht. Alles okay? Hattest du ein paar schöne erste Stunden in Schottland?«
Es tat gut, seine sonore Stimme zu hören und sich vorzustellen, wie er sie mit dem kleinen Lächeln auf den Lippen ansah, mit dem er sie stets bedachte.
»Kalt ist mir.« Sie schielte auf das Sweatshirt hinab, das sie in einer der Schubladen gefunden und übergezogen hatte. Es war zwar relativ schmal und saß auf ihren Hüften auf, reichte ihr aber bis beinahe zu den Knien. Sein Besitzer musste eine ähnliche Statur wie John haben: groß und dünn.
»Ist das Hotelzimmer so schlecht geheizt?«
Sie räusperte sich. »Irgendwie scheinen schottische Gebäude nicht sonderlich gut isoliert zu sein.« Sie warf einen Blick zum einfach verglasten Schiebefenster in der Dachgaube.
»Geh doch zur Rezeption und bitte um eine weitere Decke!«
»Ach, passt schon.«
»Sei nicht immer so zurückhaltend! Dir ist kalt und du kannst es, um Himmels willen, auch freundlich sagen, wenn du etwas für dein Wohlbefinden brauchst.«
»Wie war dein Tag? In der Bank alles gut?«
Sie hörte ihren Vater seufzen. »Jetzt erklär mir mal, was so schlimm daran ist, zur Rezeption zu gehen und um weiteres Bettzeug oder einen Heizstrahler zu bitten? Ehrlich, Jenny. Deine Mutter und ich haben dich nicht dazu erzogen, schicksalsergeben und frierend in einem Hotelzimmer zu hocken.« Er schnalzte unwirsch mit der Zunge.
Jenny wand sich innerlich. »Nicht so schlimm. Ich habe eine Wolldecke.«
Sie hörte, wie ihr Vater Luft für weitere Überzeugungsarbeit holte.
»Okay, okay, schon gut! Ich bin gar nicht im Hotel …«
Von der anderen Seite der Leitung drang Stille an ihr Ohr, die ihr binnen Sekunden so unangenehm wurde, dass sie losplapperte: »Im Hotel gab es eine Weihnachtsparty. Direkt unter meinem Zimmer. Extrem nervig. Auch für Leute, die so was eigentlich mögen. Bob aus der Personalabteilung tat mir richtig leid. Auf dem wurde rumgehackt. Ich meine, besonders weihnachtlich oder festlich ist das nicht, oder? Auf jeden Fall habe ich mir deshalb gedacht, ich gehe doch noch mal raus, um was von Edinburgh zu sehen. Ursprünglich wollte ich auf der Royal Mile spazieren gehen. Aber irgendwie hat eins zum anderen geführt. Völlig ungeplant! Und es schüttet und stürmt.«
Ihr Vater schwieg noch einen Augenblick, dann fragte er: »Wer ist Bob? Jemand von der Universität?«
Sie kicherte. »Bob ist jemand von der Weihnachtsparty im Hotel. Hab ich nur erzählt, um zu verdeutlichen, warum ich dort unbedingt wegwollte. Es gab einen unausstehlichen Moderator, und ich musste in meinem Zimmer jedes seiner Worte mit anhören.«
»Hast du nicht an der Rezeption um ein anderes Zimmer gebeten?«
Jenny seufzte. »Nein.«
»Und wo genau bist du jetzt?«
Sie wusste, dass sie es nicht schaffen würde, ihren Vater anzuschwindeln. Das ging einfach nicht. Schon als kleines Mädchen war sie daran gescheitert und hatte irgendwann aufgehört, es überhaupt zu versuchen – egal, welch katastrophale Dinge sie angestellt hatte. Selbst damals, als sie sich in ihren Jugendjahren nachts rausgeschlichen, im Freibad gefeiert und sich dabei den Arm gebrochen hatte. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte sie ihrer Mutter eine ausgeklügelte Geschichte aufgetischt. Doch dann war ihr Vater hinzugekommen, und sie war schneller eingeknickt als ein Streichholz unter einem Lastwagenreifen.
»Bitte, reg dich nicht darüber auf, aber … ich bin bei deiner Mutter«, sagte sie leise. »Sie lebt nämlich hier in Edinburgh.«
»Was …?!«
»Wie gesagt: Ich wollte mir nur das Haus ansehen, aber dann fiel es mir schwer, Nein zu sagen, weil ich ausgesprochen freundlich reingebeten wurde.«
»Das glaube ich jetzt nicht!«
»Ingrid ist sehr nett zu mir.«
