Bergdorf sucht... Arzt - Josie Hallbach - E-Book

Bergdorf sucht... Arzt E-Book

Josie Hallbach

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Beschreibung

Die Probleme häufen sich in Lämmerbach, nicht nur was die medizinische Versorgung anbelangt. Mit Paula gibt es zwar wieder eine ordnungsgemäße Lehrkraft, ob das aber der Schulbehörde genügt, um bei der Inspektion Gnade walten zu lassen? Außerdem macht sich ein persönlicher Kleinkrieg zwischen der Lehrerin und dem Aushilfsdoktor ziemlich schlecht. Und sowieso ist es mit der Ruhe im Tal vorbei, als Julia, Paulas ehemalige Kollegin samt Cousin, zur Hilfe eilt. Teil 2 der Lämmerbach-Reihe

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Josie Hallbach

Bergdorf sucht... Arzt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog:

Kapitel 1:

Kapitel 2:

Kapitel 3:

Kapitel 4:

Kapitel 5:

Kapitel 6:

Kapitel 7:

Kapitel 8:

Kapitel 9:

Kapitel 10:

Kapitel 11:

Kapitel 12:

Kapitel 13:

Kapitel 14:

Kapitel 15:

Kapitel 16:

Kapitel 17:

Kapitel 18:

Kapitel 19:

Kapitel 20:

Kapitel 21:

Kapitel 22:

Kapitel 23:

Kapitel 24:

Kapitel 25:

Kapitel 26:

Kapitel 27:

Kapitel 28:

Kapitel 29:

Kapitel 30:

Kapitel 31:

Kapitel 32:

Kapitel 33:

Kapitel 34:

Kapitel 35:

Kapitel 36:

Kapitel 37:

Kapitel 38:

Kapitel 39:

Kapitel 40:

Kapitel 41:

Kapitel 42:

Kapitel 43:

Kapitel 44:

Kapitel 45:

Kapitel 46:

Kapitel 47:

Kapitel 48:

Kapitel 49:

Kapitel 50:

Kapitel 51:

Kapitel 52:

Kapitel 53:

Kapitel 54:

Kapitel 55:

Kapitel 56:

Kapitel 57:

Kapitel 58:

Kapitel 59:

Kapitel 60:

Kapitel 61:

Kapitel 62:

Kapitel 63:

Kapitel 64:

Kapitel 65:

Kapitel 66:

Kapitel 67:

Impressum neobooks

Prolog:

Josie Hallbach

Bergdorf sucht… Arzt

(Teil 2)

Julia Werner saß mit ihren Kolleginnen und Kollegen im funktional eingerichteten Konferenzraum der Mainzer Realschule. Man trank, nachdem man endlich das übliche, organisatorische Pflichtprogramm hinter sich gebracht hatte, noch gemütlich eine Tasse Kaffee zusammen und plauderte über die viel zu schnell vergangenen Weihnachtsferien. Begriffe wie St. Moritz, die Malediven, Center Parks oder Teneriffa flogen wild durch die Luft. Lehrern sagt man nicht umsonst nach, dass sie eine reiselustige Berufsgruppe wären. Julia berichtete in diesem Zuge von ihrem spontanen Bergurlaub in Lämmerbach.

Daraufhin wollten einige, deren Gedächtnis länger als ein halbes Jahr zurückreichte, wissen, wie es denn Paula Müller als Dorfschullehrerin so ergehe.

Besonders ein Kollege hörte, als dieser Name gefallen war, mit merklichem Interesse zu. Jörg Markhoff unterbrach, sogar kurz vor der Pointe, einen seiner angestaubten Lieblingswitze, den er gerade einer dankbaren Schar von Referendarinnen zum Besten gab.

Julia bemerkte dies mit stiller Genugtuung. „Ihr werdet es kaum glauben, aber unser Mädchen macht sich als Universallehrerin erstaunlich gut. Die werden keine zehn Pferde mehr an diese Schule zurückbringen, das garantiere ich euch.“

Frau Hillmann, eine ältere Lehrkraft, die kurz vor ihrer Pensionierung stand, als Schrecken der Schülerschaft fungierte und gleichzeitig im Kollegium eine Menge für ihren Ruf als ewige Junggesellin getan hatte, meinte daraufhin, dass dieses Lämmerbach aber doch sehr abgeschieden läge, zumindest wenn man der Landkarte glauben mochte. Und jemand anderes, ebenfalls aus der älteren Fraktion, ergänzte, dass dies sicher nicht das einzige Manko dieser Stelle wäre. Auch um das Schulinventar müsse es schlecht bestellt sein, denn umsonst hätte man kaum im letzten Jahr wochenlang ausgemustertes Material und Schulbücher für diese Dorfschule sammeln müssen. Es ließe tief blicken, dass dies ausgerechnet in Bayern, welches sich so viel auf seine Ergebnisse der Pisa-Studien einbilde, passiere.

Julia lächelte über diese Einwürfe milde und sagte dann mit betont unschuldigem Augenaufschlag: „Das stimmt. Aber dafür gibt es dort einige attraktive Almbauern, die voll auf einsame Lehrerinnen abfahren. Unsere Paula kann sich vor Verehrern kaum retten.“ Bei ihrem letzten Satz schweifte ihr Blick eine Sekunde lang wie zufällig zu Kollege Markhoff hinüber.

Dieser verwechselte anschließend die Schlusspointe seines Witzes mit der eines anderen, nicht minder jungen. Das war ihm noch nie zuvor passiert.

Eine seiner ihm anvertrauten Lehramtsanwärterinnen lachte dennoch herzhaft und ausgiebig.

Auch im zweiten Bandbitte ich, den wiedergegebenen bayrischen Dialekt der besseren Lesbarkeit wegen mit Nachsicht zu behandeln.

Kapitel 1:

Paula war froh, als die Schule nach den Weihnachtsferien wieder startete. Das Unterrichten lenkte wenigstens von der allgemeinen, trüben Grundstimmung ab.

Nach Doktor Martins Beerdigung schien ein wahrer Alb auf dem Dorf zu lasten. Nur gab es nicht, wie bei einem Traum, am Morgen ein hoffnungsvolles Erwachen, sondern die Tage krochen nahezu end- und trostlos immer weiter. Auch Anne, die ja stets eine ausgesprochene Frohnatur gewesen war, schlich seither wie ein Schatten ihrer selbst durch die Gegend und brach bei jeder passenden Gelegenheit in Tränen aus.

Selbst das Wetter passte sich an und schlug von einer stabilen Hochdrucklage zu feucht kaltem Nieselregen um, der den Schnee innerhalb kürzester Zeit in Matsch verwandelte und einem die Kälte in die Knochen trieb.

Nach zwei Wochen Schulalltag und kommunaler Depression fühlte sich Paula ausgepumpt. Sie fror ununterbrochen, die Nase lief und sie quälte sich jeden Morgen einen Tick schwerer aus dem warmen Bett. Am Dienstag versagte auch noch ihre Stimme.

Fritz Zauner schaute sie mit Kennermiene an und meinte: „Fräulein Müller, Sie ghöret ins Bett. Sie habet die Grippe verwischt.“

Seine Schwester Julia nickte altklug dazu: „Unser Mutter hats in der letztn Woch au ghet. ’s geht grad rum.“

Paula unterrichtete trotzdem im Flüsterton weiter. Schließlich sollten die Kinder den langen Weg von der Alm nicht umsonst gemacht haben. Aber für morgen gab sie ihnen vorsichtshalber frei. Sie quittierten dieses Angebot mit einem wenig schmeichelhaften Jubelgeschrei.

Nicole Martin bot am Nachmittag, nachdem die Lehrerin mit letzter Kraft Arbeitsblätter und Zusatzaufgaben für die Großen ausgeteilt hatte, großzügig an, ihren Onkel für die Diagnose und Behandlung vorbeizuschicken. Er würde sowieso abends Hausbesuche machen.

Paula hob daraufhin abwehrend die Hände und krächzte eifrig: „Nicht nötig. Ich komme alleine zurecht. Es ist vermutlich eh nur ein harmloser Virus.“ Sie merkte an Nicoles Blick, dass ihre ablehnende Haltung etwas zu deutlich rübergekommen war. Die nachfolgenden Erklärungsbemühungen machten ihre Aussage aber keineswegs besser, sondern verschlimmerten die Sache noch.

„Sagen Sie doch einfach, dass sie meinen Onkel nicht ausstehen können und lieber leiden, als von ihm behandelt zu werden. Kein Problem, ich richte es ihm aus.“ Nicole verschwand, bevor Paula etwas zu ihrer Ehrenrettung unternehmen konnte.

Merkte man ihr die Antipathie gegen Daniel Martin etwa derart deutlich an? Hoffentlich nahm es seine Nichte mit dem Ausrichten nicht wortwörtlich. Dessen ungeachtet sollte sie sich aber in Zukunft um mehr Neutralität bemühen. In einem kleinen Dorf machte sich ein persönlicher Kleinkrieg zwischen dem hart erkämpften Aushilfs-Dorfarzt und der Lehrerin nicht gut.

Dies änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass sie sich in Daniels Gegenwart nach wie vor unbehaglich fühlte. Er war genau genommen der letzte Lämmerbacher, den sie an ihrem Krankenbett zu sehen wünschte und ihrer baldigen Genesung folglich wenig zuträglich. Von dem abgesehen, dass er sich kaum um diesen Job reißen würde. Die Abneigung beruhte nämlich auf Gegenseitigkeit, und sie würde deshalb kaum die Chance haben, zu seiner Lieblingspatientin zu avancieren. Er war in letzter Zeit dazu übergegangen, sie, wo immer es möglich war, zu ignorieren. Nicht, dass sie dies als sonderlich schlimm empfand, man bekam ihn meist ohnehin nur bei den sonntäglichen Gottesdiensten zu Gesicht. Dort saß er dann betont desinteressiert neben seiner Schwester auf der Wandseite der Kirchenbank, ließ unverkennbar seine schlechte Laune raushängen und grüßte bestenfalls knapp. Wenn ein Dialog als Voraussetzung mehr als zwei Worte und mindestens zwei Personen brauchte, lag dieser zwischen ihnen beiden auf jeden Fall auf Eis.

Paula beschloss auf alle Fälle, um des eigenen Seelenfriedens willen, ihre Grippe allein auszukurieren. Schlimmer als Daniel konnten die Viren gar nicht sein.

Kapitel 2:

Diesen Beweis trat er nur allzu gern an.

Nicole hatte beim Abendessen von Frau Müllers Erkrankung und dem damit verbundenen Schulfrei berichtet und Augen klimpernd hinzugefügt, dass ihre Lehrerin aber auf gar keinen Fall einen Arztbesuch wünsche. Ob Daniel denn eine Ahnung habe, woran das liegen könne?

Das brachte bei ihrem Onkel das Fass zum Überlaufen. Er sprang so rasch vom Tisch auf, dass die Gläser ins Wanken gerieten und durchquerte mit großen Schritten das Esszimmer. Nicole verzichtete auf ergänzende Kommentare und floh mit einer Entschuldigung aus dem Raum, denn sie kannte diese Stimmung bereits.

„Da siehst du es“, beschwerte sich Daniel anschließend bei seiner großen Schwester, die bis dahin versucht hatte, den Rest ihres Vesperbrotes in Ruhe zu verdauen und nebenher Zeitung zu lesen. „Ich weiß nicht, warum ich hier überhaupt herumsitze. Draußen grassiert die Grippewelle, aber keiner in Lämmerbach braucht einen Arzt. Vermutlich sterben die Leute lieber, als dass sie sich in meine Sprechstunde bemühen oder mich holen lassen. Die einzige Patientin, die diese Woche mit schöner Regelmäßigkeit bei mir im Sprechzimmer saß, war Josepha Baum. Sie scheint einen Narren an mir gefressen zu haben und denkt sich ständig neue abstruse Krankheiten aus, an denen sie angeblich leidet. Dabei ist sie vermutlich der gesündeste Mensch in ganz Lämmerbach.“

Anne gab seufzend den Verdauungswunsch auf und wandte ihre Aufmerksamkeit dem energiegeladenen Bruder zu, der während seines Monologs ununterbrochen herummarschiert war. Irgendwie erinnerte er dabei an einen gereizten Tiger in einem Raubtierkäfig und machte sie allein schon vom Zuschauen nervös. „Sie leidet in erster Linie an einer verspäteten Pubertät und zu wenig männlicher Auswahl. Nächstes Mal schickst du sie zu mir. Ich werde sie kurieren“, bot sie besänftigend an. Anne neigte in medizinischen Dingen zur Pragmatik.

„Vielen Dank, aber ich komme mit ihr klar. Sie ist mein kleinstes Problem.“

„Und was sind dann deine Probleme?“

„Dass ich heute zum Beispiel feststellen musste, dass sich unser Vater in keiner Weise von seinen Patienten unterschieden hat.“

„Was soll das heißen?“

„Ich habe Unterlagen gefunden, die belegen, dass Paps um sein Schlaganfallrisiko wusste.“

„Du denkst...“

„Ich denke nicht, ich weiß.“ Er blieb ruckartig hinter Annes Stuhl stehen, so dass sie den Kopf verrenken musste, damit sie ihn überhaupt ansehen konnte. „Paps hatte bereits seit geraumer Zeit Symptome, diese richtig gedeutet und sich sogar den Rat eines Kollegen eingeholt. Das Antwortschreiben hat er dann fein säuberlich und fast schon makaber zu seiner Lebensversicherung geheftet und ansonsten nichts unternommen. Der Kollege riet ihm dringend zu weiterer Diagnostik und schnellstens zu einer Operation.“

Anne starrte ihren Bruder entsetzt an und stammelte: „Davon wusste ich nichts, ehrlich.“

„Vielleicht wollte er uns mit seinem Tod einfach überraschen.“ Daniel war wütend und gleichzeitig enttäuscht.

Sein Hang zum Zynismus kam bei seiner Schwester aber aktuell nicht gut an. „Wie kannst du dich nur über alles und jeden lustig machen? Tu doch nicht so, als ob dieses Wissen irgendetwas für dich geändert hätte.“

„Willst du etwa damit sagen, dass mir Paps’ Tod egal ist?“ Sein Tonfall wurde um weitere Dezibel lauter.

„Nein, nur dass du dich gewöhnlich wenig um die Interessen und Wünsche anderer Leute scherst.“

„Ach, vielen Dank für deine Einschätzung. Und warum stehe ich dann hier? Ganz bestimmt nicht, weil es mir so enorm viel Spaß macht. Dazu ist meine Anwesenheit an diesem Platz völlig überflüssig. Lämmerbach will mich überhaupt nicht als Arzt.“

Anne merkte, dass sie zu weit gegangen war und versuchte einzulenken: „Übertreib jetzt nicht gleich. Du bist für die meisten Leute eben noch ungewohnt. Vielleicht sollte ich dich öfter bei deinen Krankenbesuchen begleiten.“

„Untersteh dich. Du hast schon viel zu lange Paps’ Job übernommen. Entweder die Leute akzeptieren mich als Arzt oder…“ Er ließ den Satz unvollendet und nahm dafür seine ruhelose Wanderung wieder auf.

„Oder was?“, fragte Anne ihm angstvoll hinterherblickend.

„Oder ich gehe. In zwei Wochen endet ohnehin meine Beurlaubung. Dann muss ich eine Entscheidung treffen und die wird mir gerade zunehmend leichter gemacht. Paps’ Chaos zu sortieren ist ein Lebenswerk und alles andere als befriedigend. Ganz davon abgesehen, dass ihr vermutlich sowieso keinen Nachfolger finden werdet, der seine Praxis übernimmt. Da konzentriere ich mich doch lieber auf meine Doktorarbeit.“

„Du hast Onkel Edwin versprochen bis Sommer…“

Er baute sich bedrohlich nahe vor ihr auf: „Du brauchst mich nicht daran zu erinnern. Ich habe die Szene deutlich vor Augen. Vielen Dank. Da habt ihr mich schlichtweg überrumpelt. Ist euch aber seither schon mal der Gedanke gekommen, dass nicht alles, was Onkel Edwin, euer weltfremder Pfarrer und du wollen, auch sinnvoll ist? Außerdem scheint der Rest des Dorfes andere Vorstellungen zu haben. Letzte Woche hat mich der Volker zum Beispiel nicht ins Haus gelassen, als ich nach seiner Frau schauen wollte, die mit 40 Grad Fieber im Bett lag. Und wie es mir bei der kleinen Martha Schindhelm erging, erspare ich dir lieber. Denkst du, ich sehe die abweisenden Blicke der Leute nicht? Mir traut hier doch keiner was zu.“

„Unsinn“, widersprach Anne, aber es klang merkwürdig schwach und alles andere als überzeugend. „Heute Nachmittag haben sie dich doch zur alten Frau Friedrichs geholt.“

„Ja, im letzten Moment sozusagen, als alle Hausmittel nicht mehr fruchteten. Es würde mich wundern, wenn sie die Nacht überlebt. Ich habe ihr eine Spritze gegen die Schmerzen gegeben. Ansonsten konnte ich nichts mehr für sie tun.“

Seine Schwester schaute ihn überrascht an. „Und dann bist du einfach gegangen?“

„Natürlich. Warum hätte ich auch bleiben sollen? Soll ich mich etwa an ihr Bett setzen, ihre Hand halten und warten, bis sie den letzten Schnaufer macht? Das können ihre Kinder besser. Ich bin schließlich kein Seelsorger. Außerdem war der Pfarrer schon am Morgen da.“ Er hatte den Eindruck, sich rechtfertigen zu müssen und ärgerte sich im gleichen Augenblick deswegen.

Anne schnaubte angewidert: „Paps wäre selbstverständlich dageblieben.“ Bei ihr schimmerten bereits wieder Tränen.

„Paps hat dies, Paps hat das. Ich kann es nicht mehr hören. Er scheint alles richtig gemacht zu haben. Aber ich bin nicht er, wann kapierst du das endlich? Diese alte Frau ist für mich eine Fremde.“

„Gut, dann geh’ eben ich rüber, wenn du nicht dazu imstande bist“, sagte sie kühl und wischte sich über das Gesicht.

„Tu was du nicht lassen kannst. Aber erwarte in Zukunft nicht mehr, dass ich dich dabei unterstütze.“ Er stürmte aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Als Anne im Hause Friedrich angekommen war, hatte der Sohn ihr längst die Augen zugedrückt und es blieb nur noch, Beileid zu wünschen und Tante Lieselotte zu holen, damit man das Totenbett richten konnte.

Dafür stand Daniel bei ihrer Heimkehr im Begriff, seine Koffer zu packen.

„Was soll das?“, fragte Anne ungläubig.

„Nach was sieht es wohl aus?“ Er schloss mit einem Schwung die Schnallen.

„Du kannst nicht einfach verschwinden.“

„So? Wer soll mir das denn verbieten? Du etwa? Außerdem laufe ich nicht weg, sondern suche mir eine sinnvollere Aufgabe. Das ist ein kleiner Unterschied.“

„Wir brauchen dich hier.“

„Sag das mal deinen sturen Bergbewohnern. Ich habe den Eindruck, die kommen ganz gut ohne mich zurecht.“

„Frau Friedrich ist gestorben.“

„Na siehst du, schon wieder eine weniger“, sagte er hart und begann seine Nachttischschublade auszuräumen. „Lämmerbach existiert eh nicht mehr lange. Also warum soll ausgerechnet ich mir für euch den Hintern aufreißen?“

„Bitte überleg es dir noch mal. Überstürze jetzt nichts.“

„Ich hab’ mir das bereits viel zu lange überlegt und hätte überhaupt nicht herkommen sollen. Es gibt durchaus attraktivere Möglichkeiten, seinen Urlaub zu verbringen. Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich hier seit sechs Wochen ohne eine einzige hübsche Frau in Reichweite herumhänge. Demnächst habe ich vermutlich vergessen, wie man Sex überhaupt schreibt. Aber damit ist jetzt Schluss. Sucht euch jemand anderen, der euch die Kastanien aus dem Feuer holt.“ Er zog den Reißverschluss seiner Tasche zu - er klemmte. Wütend zerrte er daran. Als dennoch ein Stück offenblieb, trat er mit dem Fuß dagegen und fluchte. „Soll ich noch den Totenschein unterschreiben? Ich nehme an, Frau Friedrichs Tod müssen wir nicht ebenfalls geheim halten“, fügte er mit einem kalten Grinsen hinzu. „Die Todesursache auszufüllen überlasse ich aber dir. Das dürfte dir mit deiner jahrelangen Erfahrung nicht schwerfallen.“ Er schleppte Koffer und Tasche die Treppe hinunter.

Seine Schwester folgte ihm auf den Fersen und redete dabei pausenlos beschwichtigend auf ihn ein. Daniel ignorierte sie einfach und belud unbeeindruckt sein Auto. Bevor er jedoch seinen Geländewagen startete, warf er ihr einen unergründlichen Blick zu, der dazu geeignet war, ihren Redefluss jäh auszubremsen. „Du kannst dir jegliche weitere Überzeugungsarbeit für die Zukunft sparen“, sagte er zum Abschied. „Und wag es nicht, mich anzurufen. Ich habe das alles für Paps gemacht. Aber es ist nun an der Zeit, einen Schlussstrich drunter zu ziehen. Je eher ihr in der Wirklichkeit ankommt, umso besser.“

Der Geländewagen fuhr mit quietschenden Reifen aus dem Hof.

Kapitel 3:

Im „Roten Baum“ ging es am Samstagabend gut zur Sache.

Die Männerriege des Stammtisches war sich zum größten Teil einig. Man diskutierte den plötzlichen Tod der alten Frau Friedrich. Vielleicht lag es daran, dass aufgrund der schlechten Wetterlage mehrere Runden Grog ausgegeben worden waren. Die Stimmung zeigte sich auf alle Fälle merklich aufgepeitscht.

„Ich finds auffällig, dass er so Hals über Kopf abgreist is“, sagte der alte Opa Vollmer gerade.

„Was heißt hier auffällig. Verdächtig is des bessere Wort“, ergänzte ein anderer.

„Ich sag nur, kaum hat er ihr die Spritz gebn, gings merklich bergab mit meiner Mutter“, bestätigte Herr Friedrich zum wiederholten Mal. Er war selbst nicht mehr der Allerjüngste, nahm aber trotzdem den Tod seiner betagten Mutter sehr persönlich. „Ich bin überzeugt, sie könnt heut noch lebn. Sie war immer so a robuste Natur. Ich kann mich net erinnern, dass sie schon jemals länger wie ein Tag im Bett glegn wär.“

„Wer kann auch kontrolliern, was in so ere Spritz drinnen is“, meinte der Volker Zauner düster. „Ich weiß scho, warum ich den Daniel net an mei Frau hinlangn hab lassn. Vielleicht wär ich sonst inzwischn Witwer.“

„Oder dir wäret möglicherweis a paar Hörner aufgsetzt wordn“, lachte es aus der Ecke. „Dei Elsbeth hat doch früher a Schwäche für…“

Der Ausgelachte brauste auf und fiel dem Sprecher ins Wort: „Du pass fei auf, wasd sagst.“

Bürgermeister Baum holte tief Luft und setzte zu einem Schlichtungsversuch an, aber diesmal war ein anderer schneller.

„Und ich hab ihn rausgworfn, den feine Herr Doktor“, kam es aus der Ecke von Matthias Schindhelm, der bisher nur dumpf vor sich hinbrütend einen Grog nach dem anderen hinuntergeschüttet hatte. „Als ich aus em Stall kommn bin, seh ich den Lackaff doch glatt, wie er mei Martha untersucht. Ich hab net lang gfackelt und der Marie gleich noch zeigt, wo der Bartel sein Most holt. Des kann doch net sei, dass des Weib hinter meim Rückn en Doktor holt, nur weil des Mädel a bissel Fieber hat. Da is noch keu Kind dran gstorbn.“

Die meisten waren da anderer Meinung, hielten damit aber hinter dem Berg. Matthias Schindhelm erfreute sich in dieser Runde keiner großen Beliebtheit. Der kritische Punkt stellte sich bei ihm immer dann ein, wenn er nüchtern genug zum Sprechen war, aber bereits so viel Alkohol in sich hatte, dass er aggressiv wurde.

Einer der Bauern, der ebenfalls mindestens einen Grog zu viel intus hatte und dann stets dazu neigte, eine dicke Lippe zu riskieren, meinte feixend: „Jaja, so a alte Lieb, die rostet halt net. Und unser Doktor is nunmal a fesches Mannsbild. Da kommt a kranks Kind grad recht.“

Der warnende Blick des Bürgermeisters kam definitiv zu spät. Es brauchte drei Männer, um den Matthias davon abzuhalten, sich auf den vorwitzigen Bauern zu stürzen.

„Kruzifix, wenn des heut Abend so weiter geht, dann schließ ich ab und ihr könnt daheim weitersaufn“, schimpfte der Gastwirt böse, nachdem jeder wieder auf seinem Platz saß.

„Ma wird ja wohl noch sei Meinung sagen dürfn“, brummte einer beleidigt.

„Und des mit em Martins Daniel ghört endlich amol auf de Tisch. Des is ja wohl keun Zustand net“, ergänzte Herr Friedrich. „Lieber gar keun Doktor wie so einer.“

„Genau des habet ihr ja jetzt erreicht“, erwiderte Edwin Baum und verschränkte die dicht behaarten Arme vor seiner stämmigen Brust. „Ich hoff, ihr seid nun zufriedn. Der einzige Doktor weit und breit, der uns aus unserm Schlamassel hätt rettn können, habt ihr vergällt. A schöne Sippschaft seid ihr.“

„Tätst du deine Kinder oder dei Frau von so eme unerfahrenen Grünschnabel behandeln lassn?“, wandte der mit dem längsten Bart ein.

„Warum net? Natürlich kann er net alles recht machn. Aber wer kann des schon? Des hat au sein Vater net können. Ich weiß noch, wie ihr am Anfang manchmal gegen den gwettert hobt.“

„Ma sagt nix Schlechtes über en Totn“, warf der alte Vollmer ein.

„Genau. Seit er tot is, wird er langsam zum Heilign. Wenn der mitkriegn tät, wie ihr mit seim Sohn umspringt, der würd euch was erzähln. Ihr werdet schon sehn, wie weit ihr mit eurer Sturheit kommt. Denket an meine Worte, wenn keuner mehr euern Käs kaufn mog.“

„Jetzt aber amol halblang“, versuchte Bauer Vollmer seinen aufgebrachten Nachbarn zu beschwichtigen. „Noch is es net soweit.“

„Irgendwann hat alles a End. Und wenn ihr so weitermachet, kommt des schneller als ihr denkt.” Der Bürgermeister wirkte an diesem Abend merklich nüchtern und frustriert wie selten zuvor.

Herr Tannhauer stimmte ihm unerwartet zu. „Manche Leut täts wirklich net schadn, sie würdet a bissel mehr mit de Zeit gehn. Der Daniel hat en gutn Ruf in seim Krankenhaus. Und sei doch ehrlich, Ernst. Dei Mutter häts ohnehin nimmer lang gmacht mit ihre fast neunzig. Sie kann froh sei, dass sie so an friedlichn Tod gfundn hat. Hättet ihr sie denn die nächstn Monate pflegn wolln? Dei Frau jammert eh de ganze Tag wegen ihrm Kreuz.“

Ernst Friedrich stierte bei dieser direkten Ansprache wortlos in seinen Grog und ging allen Blicken aus dem Weg.

„Magst ernsthaft behauptn, der Daniel hätt dei Mutter auf em Gwissn?“, fuhr Helmut Tannhauer fort, die Gunst der Schweigsamkeit nutzend.

Alle Augen richteten sich auf den angesprochenen Ernst.

Der schüttelte den Kopf. „Sie wollt ohnehin nimmer lebn. Des hat sie mir an dem Morgn selber gsagt“, antwortete er leise.

„Siehgst. Und wenn die altn Leut erst amol sterbn wolln, dann gehts nimmer lang. Des weiß ma ja“, schloss der Gemischtwarenhändler.

Er bekam von allen Seiten Zustimmung. Jeder wusste von irgendeinem Bekannten oder Urahn eine ähnliche Geschichte zu berichten.

„Und was machet mir jetzt mit em Daniel?“, fragte Bauer Vollmer schließlich und kratzte sich am Bart.

„Des hättet ihr euch vorher überlegn müssn.“ Edwin Baum war immer noch sauer und schmollte.

„Vielleicht kann ja die Anne…“, schlug Volker Zauner wesentlich kleinlauter vor.

„Lasset des Mädel in Ruh. Die hats grad eh schon schwer gnug“, verteidigte ihr „Onkel Edwin“ sie prompt. „A Wunder, dass die net längst ihr Sach packt hat. Die könnts überall besser habn.“

Dieses Mal endete der Abend alles andere als versöhnlich, obwohl einer sogar den Vorschlag machten, Daniel einen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Allerdings wäre dazu ohnehin niemand in der Verfassung gewesen.

Zurück blieb eine kollektive Scham, die man so schnell wie möglich aus dem Gedächtnis zu löschen versuchte.

Kapitel 4:

Die nächsten Tage ähnelten einer Art Ruhe vor dem Sturm. Die Grippe verschwand genauso schnell wie sie gekommen war, fast als wüsste sie, dass es sich ohne medizinische Versorgung nicht gut krank sein ließ. Außerdem hatte sie ja ihren Tribut bekommen. Die alte Frau Friedrich war würdig unter die Erde gebracht worden, allerdings ohne das Beisein von Paula, die noch bis zum Wochenende ihr Bett hütete.

In der Zwischenzeit hatte es wieder geschneit, obwohl es bereits Mitte Februar war. Der Schnee lag über einen halben Meter hoch und blockierte die Zufahrt zum Pass.

Paula gewöhnte sich allmählich daran, morgens nach einem kritischen Blick aus dem Fenster, erst einmal den Weg zur Straße freizuschaufeln und anschließend den Schulofen kräftig anzuheizen, bevor sie sich an den Frühstückstisch setzte.

Beim ersten überraschenden Schneeeinbruch im Dezember hatten ihr die Nachbarn noch hilfreich unter die Arme gegriffen. Aber nachdem sie in die Kunst des Schneeschiebens eingeweiht worden war, übernahm sie die Räumpflicht notgedrungen selbst. Das hätten ihre Vorgänger auch so gemacht, wurde ihr unmissverständlich mitgeteilt. Es wäre immerhin ein kleiner sportlicher Ausgleich zum ewigen Herumsitzen und Lernen.

Demnächst würde sie, wenn es so weiterging, vermutlich auch Flaschner-, Maler- und Klempnerarbeiten am Schulgebäude übernehmen.

Zwei Wochen lang verbrachte man aufgrund der schlechten Wetterlage in völliger Isolation. Tannhauers Laden leerte sich mit jedem Tag ein bisschen mehr und nach einer Woche waren die Regale mehr oder weniger leergefegt. Dann brach auch noch wegen der Schneelast die Stromversorgung zusammen und selbst Herr Tannhauer konnte mit seinem Notstromaggregat dieses Mal nicht aushelfen.

Die Lämmerbacher ertrugen es mit stoischer Geduld und schränkten ihren Bedarf an frischen Lebensmitteln so weit wie möglich ein. Man ernährte sich halt von Brot und zur Not eben von Zwieback, Milch und Käse.

Hannes dagegen meuterte. Seine komplette Lebensgrundlage in Form von Cola, Chips, PC und Fernsehen wurde ihm entzogen. Und das Schlimmste war, er konnte nicht einmal telefonieren, um seinem Vater von dieser völlig unakzeptablen Situation zu berichten.

Paula schlug ihm vor, sich zur Abwechslung auf das Lernen zu konzentrieren, das könne man auch ohne Strom, stieß bei ihrem Vorschlag aber auf wenig Gegenliebe.

Sie unterrichtete an trüben Tagen nun notgedrungen bei Kerzenlicht; jeder Schüler hatte eine auf seinem Pult stehen. Es gab für diesen Notfall ein komplettes Kerzensortiment im Arbeitsraum. An den Tischen befanden sich sogar dafür vorgesehene Halterungen, was bewies, dass dieser Zustand in schöner Regelmäßigkeit wiederkehrte und keineswegs unvertraut war.

Trotz dieser spartanischen Zustände und der Tatsache, dass der aktuelle Schulweg für die meisten daraus bestand, sich bis zu einer Stunde lang mühsam durch hohe Schneemassen zu kämpfen, erschien die Schülerschaft nahezu vollzählig. Lediglich die Leipold-Kinder fehlten, für die der Weg von der Hochalm herunter doch zu mühsam war.

Paula konnte bei Georg Baum sogar weitere schulische Fortschritte verzeichnen. Lediglich Friedel Tannhauer bereitete ihr nach wie vor Kummer, zumindest was das Fach Mathematik betraf. Sie scheiterte oft schon an den Grundrechenarten, von Sachen wie Dreisatz und Prozentrechnen gar nicht erst zu reden. Obwohl sich Paula täglich neue Textaufgaben für sie ausdachte, die alle sehr praxisbezogen mit dem Laden ihrer Eltern und Lebensmitteln zu tun hatten, war ihr schleierhaft, wie sie die Prüfung im Sommer bestehen sollte.

Als der Nahrungsmittelbestand selbst für die eingefleischten Dorfbewohner unzumutbar wurde, wagte Volker Zauner am Morgen des 27. Februar, nachdem der Wind über Nacht auf Osten gedreht hatte, als erster mit seinem Geländewagen den Weg über den Pass. Ganz Lämmerbach bewunderte seinen Mut und bangte um sein Leben. Weil immer noch kein Strom vorhanden und auch das Telefon tot war, wollte er sich in der Stadt erkundigen, ob demnächst mit Hilfe gerechnet werden konnte und auf diesem Wege wenigstens die Post und die allernötigsten Lebensmittel mitbringen.

Am Abend kehrte er unverletzt, mit froher Botschaft und einer Unmenge von Konserven zurück. Er wurde wie ein Held gefeiert.

Auch Paula konnte drei Dosen Bohneneintopf und einige Packungen Knäckebrot ergattern. Außerdem war sogar Post für sie mitgekommen. Ihre ehemalige Klasse hatte ihr eine Postkarte aus dem Schullandheim einer anderen Welt geschickt, zumindest kam es ihr so vor. Sie hatte Mühe, sich an die Kinder zu erinnern, soweit waren sie inzwischen aus ihrem Gedächtnis gerückt.

Zusätzlich gab es Bankauszüge, Rechnungen und Werbung, die sie sogar bis nach Lämmerbach verfolgte.

Kapitel 5:

Anne ging es allmählich wieder etwas besser, zumindest brach sie nicht mehr ständig in Tränen aus und manchmal schaute sie sogar kurz bei Paula herein. Zur Arbeit in die Kreisstadt konnte sie bei dieser Schneelage ohnehin nicht fahren.

Meist unterhielten sie sich dann im Schein von Paulas mütterlicherseits vererbtem, altmodischem Kerzenleuchter über unverfängliche Themen. Daniel, Annes Vater und alles was irgendwie nach Problemen roch, gehörte nicht dazu.

An diesem Abend brachte sie sogar Neuigkeiten mit. „Stell dir vor, wir haben einen Brief vom Ministerium für Ernährung und Gesundheit bekommen. Er lag seit neun Tagen auf der Post in Lammfeld. Unser Käse ist prämiert worden mit Urkunde und Stempel. Sie gratulieren uns herzlich dazu und würden ihn gern beim nächsten Mal auf der grünen Woche in Berlin präsentieren.“

„Das ist doch prima“, freute sich Paula. „Dann verkauft er sich bestimmt gleich doppelt so gut.“

„Möglicherweise. Aber der Ruhm hat zwei Seiten. Man möchte gern eine Reportage fürs Bayrische Fernsehen machen. Publicity für den Freistaat.“

„Und wo liegt das Problem? Das ist doch unbezahlbare Werbung für euch. Vielleicht kurbelt das den Tourismus an. Eine Wallfahrt zum Almkäse-Mekka von Deutschland oder so, mit Verköstigung und Logis.“ Dieser Satz hätte auch von Julia, ihrer ehemaligen, durchaus wortgewandten Kollegin stammen können. Paula wunderte sich allmählich über sich selbst.

Anne schaute sie kopfschüttelnd an, beinahe als würde sie am Verstand ihrer Gesprächspartnerin zweifeln. „Kapierst du denn nicht? Dann fliegt doch der ganze Schwindel mit Paps’ Tod auf. Bei so einer Reportage gibt es Interviews. Wie groß schätzt du die Chance ein, dass sich niemand verplappert? Denk nur an Robert Büchler und seine Mutter: die zwei im Fernsehen. Oder der Volker, wie er sich aufplustert. Nein, danke. Außerdem kann sich dann jeder in Deutschland via Bildschirm von den hygienischen Gegebenheiten in unseren Käsereien überzeugen. Und was ist, wenn sie mit dem Lebensmittelchemiker bzw. dem Tierarzt sprechen wollen? Du vergisst, dass wir seit Paps’ Tod niemand mehr vorweisen können, der auch nur annähernd den staatlichen Vorgaben genügt. Aber wenn wir das Angebot einfach ablehnen, machen wir uns verdächtig.“

Paula dämmerte es. „Und was habt ihr jetzt vor?“

„Das wollte ich eigentlich dich fragen. Unser Pfarrer wird seine Zuflucht im Gebet suchen und auf ein Wunder hoffen und der Rest redet sich ein, dass alles irgendwie gut wird, selbst wenn die Berge über uns hereinbrechen.“

„Sprich mit Herrn Schaup. Der erscheint mir vernünftig. Außerdem kümmert er sich sowieso um den Vertrieb. Und Herr Tannhauer ist sicher auch eine gute Adresse.“

„Das stimmt. Herrn Schaup muss ich den Brief nachher ohnehin vorbeibringen. Vielleicht hat er eine Idee dazu.“ Anne dachte kurz nach und meinte dann: „Wenn ich Daniel überzeugen könnte mitzumachen, wäre alles halb so wild. Mein Bruderherz hat ein geschicktes Händchen für das Showgeschäft. Als er in München studierte, bekam er sogar mal eine Nebenrolle in einer dieser Vorabendserien, die als Dauerbrenner im Fernsehen ausgestrahlt werden. Und in einem Werbespot für ein Deodorant war er auch schon zu sehen. Mit solchen Sachen hat er sein Studium finanziert.“

Das konnte sich Paula bildlich vorstellen. Laut sagte sie: „Du kannst ja durchblicken lassen, dass solche Reportagen meist von Frauen gemacht werden - blonden, attraktiven Frauen.“ Es sollte ironisch klingen, aber sie merkte, dass ein bitterer Unterton mitschwang.

Die Hebamme war jedoch zu sehr abgelenkt, als dass es ihr auffiel. „Ruf doch mal bei Gelegenheit deine kreative Freundin in Mainz an. Die findet für alles eine Lösung.“

Paula hängte sich beim ersten Aufkeimen der Stromversorgung tatsächlich ans Telefon.

Julia amüsierte sich köstlich über ihren eingeschneiten Zustand und wollte alle Details hören. Besonders der Unterricht bei Kerzenschein imponierte ihr. Dann wurde das Thema ernster. Sie wirkte hörbar betroffen vom Tode des alten Dr. Martin. Paula verpflichtete sie natürlich zur Verschwiegenheit.

Die nächsten Minuten hörte die Freundin ganz gegen ihre Gewohnheit schweigend zu. Paula breitete alles vor ihr aus: die anstehende Visitation der Schulbehörde, Daniels Abtauchen, die Zukunft der Käseproduktion und die jüngste Prämierung mitsamt Filmdokumentation.

„Donnerwetter“, sagte sie zum Schluss. „Das hört sich spannend wie ein Krimi an. Wie viele Leichen habt ihr denn in den letzten Wochen heimlich unter die Erde gebracht?“

„Außer der alten Frau Friedrich und Dr. Martin soviel ich weiß niemand. Aber falls ich demnächst die Fahrt über den Pass wagen sollte, würde ich garantiert als weiblicher Ötzi in die Geschichte der Menschheit eingehen: Die erste Lämmerbacher Gletscherfrau.“

„Wir werden deine Mumie selbstverständlich bei uns in der Schule ausstellen. Mir kommt da übrigens gerade eine Idee…. Ich melde mich, wenn ich etwas Genaueres weiß…“ Und weg war sie.

Paula konnte ihr „Hey, das kannst du jetzt aber nicht bringen“, gar nicht mehr loswerden.

Kapitel 6:

Die nächste Woche verflog nur so. Paula machte es beinahe schon Spaß, zu unterrichten. Selbst das „Mehrere-Fächer-und-Klassenstufen-Parallel-System“ war allmählich zu bewältigen. Außerdem gab es inzwischen wieder die volle Stromdosis und das komplette Lebensmittelsortiment. Jeder wusste diesen Luxus zu schätzen und zeigte sich dankbar.

Die letzten Tests hatten dazu weitestgehend erfreuliche Ergebnisse gebracht. So allmählich glaubte Paula, dass die meisten ihrer Schüler die Klassenabschlussprüfungen schaffen konnten, wenn sie sich in dem Maße weiter steigerten.

Allerdings stand die Schulinspektion in wenigen Wochen an und niemand konnte ihr bislang sagen, wie diese ablaufen würde und was man dabei von ihr erwartete. Julias Antwort ließ noch auf sich warten. Über das hinaus besaß sie wenig Vergleichsmöglichkeiten, was den Leistungstand der verschiedenen Klassenstufen betraf. Zu allem Unglück bekam Jörgs ehemaliger Laptop in letzter Zeit häufig eine Art Schluckauf, was hieß, dass es ständig Aussetzer gab, so dass er nur noch bedingt für den Schulunterricht geeignet war. Hannes hatte ihn bereits mehrfach auseinandergeschraubt, mit dem Ergebnis, dass er beim Starten nun nicht einmal mehr hochfuhr.

Am Freitagabend kam endlich Julias Rückruf.

Hannes schaute gerade einen billig produzierten, dafür umso lauterer Actionfilm, so dass sich Paula mitsamt Telefon ins Bad einschloss.

„Hallo, Süße“, wurde sie begrüßt und dann kam die Anruferin ohne Umschweife zur Sache. „Du wirst es nicht glauben, aber ich habe für dich meine Beziehungen spielen lassen und schrecke dabei nicht einmal vor meiner eigenen Verwandtschaft zurück.“

„Das verspricht spannend zu werden.“

„Mit Sicherheit. Aber immer der Reihe nach. Ich werde damit vermutlich nicht alle eure Probleme lösen, dazu müsste man Gott sein, aber ich habe mir Mühe gegeben.“

„Sehr löblich.“

„Wegen des Besuchs deiner Schulbehörde mach dir mal keine allzu großen Gedanken. Wir werden dir ein Fremdcoaching einrichten.“

„Ein was?“

„Guter Ausdruck, findest du nicht? Das soll heißen, unsere Schule wird dich in allen wichtigen Fragen coachen. Es hat sich immer ein Fachlehrer gefunden, auf den du im Notfall per Internet oder Telefon zurückgreifen kannst, falls dir deine Behörde wegen fachfremden Unterrichtens an den Karren fahren will. Sie würden auch notfalls irgendwelche Klausuren für dich erstellen und die deiner Schüler korrigieren, falls das notwendig sein sollte. Frau Hillmann, der Schrecken aller Schüler, ist zum Beispiel darunter. Sie möchte dir gern geographisch und biologisch unter die Arme greifen.“

„Du meine Güte, wie hast du denn die dazu gebracht?“

Als Antwort folgte erst ein kleines Kichern, dann eine wohldosierte Pause. „Ich habe ihr von Opa Vollmer vorgeschwärmt und nebenbei erwähnt, dass es bei euch nur so von rüstigen Senioren wimmele. Das gesunde Gebirgsklima wirke sich äußerst vorteilhaft auf alle Bereiche des täglichen Lebens und Liebens aus.“

Paula stöhnte verzweifelt. „Du bist dir schon im Klaren, was du da tust?“

„Schwierige Situationen erfordern unkonventionelle Lösungen… Die Not rechtfertigt auch verzweifelte Mittel. Wahrscheinlich wird der Direktor demnächst einen Lehrerausflug nach Lämmerbach organisieren…“

„Du machst nur Spaß, oder?“, fragte Paula hoffnungsvoll.

„Okay, ich gebe zu, das war übertrieben. Aber vielleicht siedelt Frau Hillmann nach ihrer Pensionierung zu euch über. Wer weiß? Ich finde, so jemand wie sie würde euer Dorf echt bereichern.“

„Und wer steht sonst noch auf der Liste?“

„Ich natürlich und… das Beste habe ich dir bis zum Schluss aufgehoben: Jörg Markhoff. Falls du in Physik irgendwelche Probleme haben solltest, kannst du dich jederzeit vertrauensvoll an ihn wenden, soll ich dir ausrichten. Im Notfall käme er sogar für einen Kurzurlaub vorbei.“

Paula wäre vor Überraschung beinahe in die leere Badewanne geplumpst, auf deren Rand sie sich niedergelassen hatte.

„Vielleicht leistet er sich im Nachhinein ein schlechtes Gewissen. Oder es liegt daran, dass ihn seine neueste Flamme, eine Jungreferendarin, abserviert hat. Die ist leider nicht so taktvoll wie du. Seither gehen Gerüchte in der Schule um, dass nur halb so viel an ihm dran wäre, wie er andere gern glauben machen wolle.“ Julia kicherte.

Paula schwieg zu dem Thema sicherheitshalber.

„Und dann wäre da noch die Sache mit der Verwandtschaft.“

„Stimmt, von der war ja noch gar nicht die Rede.“

„Genau. Ich habe mir in den letzten Tagen ein paar Gedanken zu deinem Lämmerbach gemacht. Der Pass ist wirklich ein Problem. Trotzdem müsste dieser Ort belebt werden.“

„Irgendwie habe ich bei diesem Wort ein flaues Gefühl, zumindest wenn es aus deinem Munde kommt.“

„Unterbrich mich bitte nicht ständig. Jetzt wird es nämlich kompliziert und ich muss etwas ausholen. Nenne es Fügung oder Schicksal oder auch Gottes Wille, das ist mir egal, aber ein Cousin zweiten Grades von mir ist ebenfalls Lehrer und zusätzlich ausgebildeter Psychologe. Er unterrichtet an einer Schule für schwer erziehbare Jugendliche. Eine Art privates Internat.“

„Und das sagst du mir erst jetzt? Wann kann ich Hannes anmelden?“, warf Paula sofort ein. Ihr Bruder war ja von seinem Film ausreichend abgelenkt und mithörgehindert.

„Wenn du mich ein weiteres Mal unterbrichst, lege ich auf und rufe dich erst morgen wieder an.“

„Okay“, sagte Paula sofort. „Was ist mit deinem Cousin zweiten Grades?“

„Tja, seit sein Chef vor einem halben Jahr in Pension gegangen ist, leitet er gewissermaßen kommissarisch dieses Internat. Es ist für Jungs ab der neunten Klasse. Und obwohl mein Familiensinn normalerweise nur schwach ausgeprägt ist, kam mir Phillip nach unserem letzten Telefonat urplötzlich in den Sinn. Deshalb rief ich ihn am Wochenende an. Und du wirst es kaum glauben: Es gibt an dem Ort, an dem das Internat zurzeit behelfsmäßig untergebracht ist, ziemliche Probleme. Ich muss dir ja nicht viel erzählen, was eine Horde Jungs in dem Alter so alles anstellen kann. Auf alle Fälle fürchten die Bewohner dieser Kleinstadt um die Unschuld ihrer Jugend und die Sicherheit ihres Eigentums. Lange Rede kurzer Sinn: Ich habe Philipp vorgeschlagen, er soll mit seiner Rasselbande nach Lämmerbach ziehen und ihm in den höchsten Tönen von diesem beschaulichen Ort vorgeschwärmt. Platz und leerstehende Häuser habt ihr ja wohl mehr als genug.“

Paula dachte angestrengt nach. „Und du glaubst wirklich, er würde mit seinem kompletten Internat in dieses halbverlassene Tal ziehen? Das wäre ein echtes Wunder.“

„Ich glaube es nicht nur, er hat sofort ernsthaftes Interesse gezeigt. Natürlich bräuchte er erst eine Genehmigung dazu, aber die dürfte nicht allzu schwer zu bekommen sein. Die ehemalige Jugendherberge, in der sie momentan hausen, bricht ihnen nämlich demnächst über dem Kopf zusammen und das Jugendamt wacht mit Argusaugen über ihnen. Außerdem steht ständig jemand von der Stadtverwaltung vor der Tür und erkundigt sich, ob sich nicht irgendwo ein Türlein aufgetan habe, selbst der Bürgermeister war schon dort. Inzwischen gibt es in dem Ort bereits eine Bürgerinitiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Jungs schnellstens wegzubringen.“

„Wie viele Jungs wären das denn?“

„Etwas über dreißig. Dazu kommen mindestens drei Lehrer, ein Sozialarbeiter, eine Köchin bzw. Hauswirtschafterin und eben Philipp.“

So viele Männer auf einen Schlag wären wirklich eine mittlere Revolution für den kleinen Ort. „Und die könnten sich alle ebenfalls vorstellen umzuziehen?“, fragte Paula misstrauisch.

„Das weiß ich nicht. Das sind ja alles erst einmal Vorüberlegungen. Für Phillip wäre es kein Problem, er möchte lieber heute als morgen weg. Seine Frau ist letztes Jahr an Krebs gestorben, ziemlich tragische Geschichte. Er brennt förmlich auf Tapetenwechsel und sah sofort die Vorteile eines wenig zivilisierten und nicht gerade überbevölkerten Bergdorfes ein. Du müsstest das in Bezug auf Hannes ja verstehen. Versuch dir dreißig oder vierzig von seiner Sorte vorzustellen, und du hast ein ungefähres Bild der Situation.“

Paula bekam allein bei diesem Gedanken eine Gänsehaut.

„Und… was hältst du davon?“

„Ich müsste das grundsätzlich erst mal mit dem Bürgermeister besprechen oder noch besser im Gemeinderat.“

„Na, dann tu das doch. Ich weiß, ein Seniorenwohnheim würde besser nach Lämmerbach passen und auch nicht so viel Lärm und Unruhe stiften, aber in der Not darf man nicht wählerisch sein. Außerdem belebt die Jugend euer Tal und Robert, der Kuhmelker, bekäme endlich mal männliche Konkurrenz.“

„Nicht nur Robert, ich fürchte auch Hannes. “

„Denkt drüber nach. Gegebenenfalls kommt Phillip dann in den Osterferien und nimmt die Lage vor Ort in Augenschein.“

„Für das Käseproblem wüsstest du unter Umständen nicht auch eine Lösung?“, wagte Paula der Vollständigkeit halber nachzufragen.

„Leider nein. Aber wenn wir schon beim Thema sind: Eine Voraussetzung für den Umzug dieses Internats in euer idyllisches Tal ist, dass ihr bis dahin das medizinische Problem gelöst habt. Phillip findet, dass Jungs mit Drogenhintergrund und erhöhter Gewaltbereitschaft einen Arzt in Reichweite brauchen, der bei schlechtem Wetter nicht erst per Hubschrauber eingeflogen werden muss.“

„Dein Phillip hätte nicht zufällig einen Tüchtigen in der Hinterhand, der sich darüber hinaus gut auf Tiere versteht und gern Lebensmittelproben abnimmt?“

„Wohl kaum. Aber vielleicht erhöht folgende Information die Attraktivität dieses Jobs: Der Staat unterstützt in seiner unendlichen Großzügigkeit dieses Projekt finanziell. Es gibt also jede Menge Zuschüsse. Ich warte auf deinen Rückruf. Bis bald, Schätzchen.“

Kapitel 7:

Nachdem Paula von dem Telefonat mit Julia berichtet hatte, wobei sie allerdings ein paar Details, wie zum Beispiel das mit den örtlichen Behördenproblemen, wegließ, war Bürgermeister Baum sofort dafür, den Gemeinderat einzuberufen.

Weil Pfarrer Ebershäuser durch Zufall etwas von dieser geplanten Besprechung läuten gehört hatte, Tante Lieselotte war nicht umsonst Messnerin, musste auch der Kirchengemeinderat in Gestalt des Pfarrers mit einbezogen werden. Der Rest des Gremiums war ja ohnehin identisch.

Außer den üblichen stimmberechtigten Mitgliedern wurden neben Paula gleich noch Bauer Vollmer und Helmut Tannhauer eingeladen. Auf die kam es nun auch nicht mehr an und vielleicht konnten die beiden Herren ja das Gremium durch sinnvolle Ratschläge bereichern.