Bergdorf sucht... Bewohner - Josie Hallbach - E-Book

Bergdorf sucht... Bewohner E-Book

Josie Hallbach

0,0

Beschreibung

Das Leben in Lämmerbach hält für Paula weitere Überraschungen bereit. Unter anderem verläuft die Dokumentation über den berühmten Bergkäse keineswegs wie geplant. Außerdem steht ein von Julia arrangiertes Treffen mit ihrem Ex an. Für zusätzliche Dramatik sorgt die Übersiedelung eines Jungen-Internats inklusive neuer Lehrkräfte. Einer dieser Lehrer entpuppt sich dabei als unerwartete Gebetserhörung. Irgendwann sieht es so aus, als gäbe es für die junge Lehrerin ein romantisches Happy End, aber in der Rechnung befinden sich bis zum Schluss ein paar Unbekannte. Lämmerbach-Reihe Teil 3

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Josie Hallbach

Bergdorf sucht... Bewohner

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog:

Kapitel 1:

Kapitel 2:

Kapitel 3:

Kapitel 4:

Kapitel 5:

Kapitel 6:

Kapitel 7:

Kapitel 8:

Kapitel 9:

Kapitel 10:

Kapitel 11:

Kapitel 12:

Kapitel 13:

Kapitel 14:

Kapitel 15:

Kapitel 16:

Kapitel 17:

Kapitel 18:

Kapitel 19:

Kapitel 20:

Kapitel 21:

Kapitel 22:

Kapitel 23:

Kapitel 24:

Kapitel 25:

Kapitel 26:

Kapitel 27:

Kapitel 28:

Kapitel 29:

Kapitel 30:

Kapitel 31:

Kapitel 32:

Kapitel 33:

Kapitel 34:

Kapitel 35:

Kapitel 36:

Kapitel 37:

Kapitel 38:

Kapitel 39:

Kapitel 40:

Kapitel 41:

Kapitel 42:

Kapitel 43:

Kapitel 44:

Kapitel 45:

Kapitel 46:

Kapitel 47:

Kapitel 48:

Kapitel 49:

Kapitel 50:

Kapitel 51:

Kapitel 52:

Kapitel 53:

Kapitel 54:

Kapitel 55:

Kapitel 56:

Kapitel 57:

Kapitel 58:

Kapitel 59:

Kapitel 60:

Impressum neobooks

Prolog:

Josie Hallbach

Bergdorf sucht… Bewohner

Teil 3

Drei Männer, jeder mit einer Flasche Bier vor sich, saßen in der baufälligen, ehemaligen Jugendherberge. Der Fußboden wölbte sich unter ihren Füßen, an den Fenstern blätterte die Farbe ab und das Mobiliar zeigte sich im Charme der 70er Jahre, wobei von dem typischen Furnier inzwischen wenig übriggeblieben war.

Im Hause herrschte ausnahmsweise Ruhe. Allerdings war es fraglich, ob dies als gutes Zeichen gewertet werden konnte.

Ein Mittvierziger mit Bürstenhaarschnitt und militärischem Auftreten blickte finster vor sich hin. Er war eindeutig der Wortführer dieser Herrengruppe. „Ich weiß nicht, was Herrn Teichmann da geritten hat, aber meine Billigung wird dieses Projekt niemals finden.“ Erregt klopfte er mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Egal wie es hier aussieht, aber allein der Gedanke, dass irgendwelche Möchtegern-Lehrerinnen unsere Jungs unterrichten wollen… Das kann nur in einer Katastrophe enden.“

„Also, Frau Müller machte auf mich einen recht kompetenten Eindruck“, wagte Jens Meinert dazwischenzuwerfen. Der Lehrer mit dem Pferdeschwanz und den treu blickenden, grünen Augen versuchte sich als Vermittler. Er war der zukünftigen Kollegin immerhin schon mal begegnet.

„Pah! Was kann man von einer jungen Frau in dem Alter schon erwarten? Gerade Sie müssten unsere Früchtchen ja kennen, Kollege Meinert. Oder soll ich an die chaotischen Zustände in Ihrer letzten Physikstunde erinnern, als wir Sie aus dem Materialraum befreien mussten, während Ihre Klasse sich ins Stadtzentrum abgesetzt hatte? Eine Frau kann sich niemals bei denen durchsetzen, das steht fest.“

„In Lämmerbach wird es zum Glück kein Stadtzentrum geben, Oberst. Alles ist klein und überschaubar, nicht wahr Jens?“, versuchte Olaf Maus sich und die anderen zu beruhigen. Er mochte keinen Streit. Sein pausbäckiges Gesicht schaute hilfesuchend zu seinem Kollegen hinüber.

Dieser nickte zustimmend, worauf Herr Maus seufzend seine Brille zurückschob und sich einen weiteren tiefen Schluck Bier genehmigte. Seine rundliche Körpermitte zeugte von einer Vorliebe für dieses Getränk.

„Aber unsere Jungs sind weder klein noch überschaubar, das wissen Sie genauso gut wie ich. Auf dieses beschauliche Örtchen rollt gerade eine Lawine zu und ich finde, man sollte die Leute zumindest vorwarnen.“

„Die Bevölkerung hat sich freiwillig für dieses Internat entschieden“, gab Herr Maus zu bedenken.

„Ja, weil sie keine Ahnung haben und ihnen das Wasser bis zum Hals steht, wenn ich Herrn Teichmann richtig verstanden habe. Das sind doch alles arme Almbauern, die mehr oder weniger hinterm Mond leben. Und nun hat ihnen die Regierung ein Messer auf die Brust gesetzt. Entweder ihre Dorfschule geht hops oder sie akzeptieren eine Bande männlicher Kleinkrimineller in ihrem Ort.“

„Phillip wird schon wissen was er tut“, verteidigte Olaf Maus erneut das Projekt. Am liebsten hätte er die Diskussion generell beendet und sich in Ruhe seinem Bier gewidmet, aber wenn Oberst Mölcher einmal in Fahrt war, bremste ihn so schnell nichts und niemand mehr.

„Tut mir leid, wenn ich das hier so direkt sage, aber der ist in vielerlei Hinsicht ebenso idealistisch und naiv. Ihn zum Leiter dieses Internats gemacht zu haben, war ein großer Fehler.“

„Vielleicht wird uns der Neue im Team guttun. Er scheint patent zu sein und hat wohl reichlich Erfahrung mit verhaltensauffälligen Jugendlichen“, brachte Jens Meinert versöhnend ein.

„Ach, und warum macht man dann so ein Geheimnis um diesen Herrn Steinmann? Wieder etwas, das euer Phillip im Alleingang entschieden hat. Setzt uns einfach einen Kollegen vor die Nase, ohne dass man die Chance hat, ihn unter die Lupe zu nehmen.“

Die bierselige Diskussionsrunde wurde durch wildes Jungengeschrei jäh unterbrochen, was bewies, dass die ihnen anvertrauten Jugendlichen keinesfalls das taten, was sie sollten, nämlich schlafen.

Seufzend schickte sich Olaf Maus an, seinem Bereitschaftsdienst nachzukommen.

Was er kurze Zeit später in einem der Zimmer entdeckte, ließ ihn den restlichen Inhalt seiner Bierflasche vergessen…

Unter Umständen hatte Oberst Mölcher doch nicht ganz Unrecht.

Und wieder gibt es Bayerisch nur in der „Light-Variante“.

Für die volle Dosis empfehle ich einen entsprechenden Urlaub oder alternativ dazu Bayern-Radio, beziehungsweise den Bayerischen Sender im Fernsehen.

Kapitel 1:

In Tannhauers Laden traf man sich zum samstagvormittäglichen Plausch. Der Ladeninhaber hatte, als die Bürgermeistersfrau und Tante Lieselotte nahezu zeitgleich zur Tür hereinströmten, unter einem Vorwand die Flucht ergriffen und das Feld seiner Frau überlassen.

Während jede der beiden Damen die notwendigen Lebensmittel zusammensuchte, blieb genug Gelegenheit, die wichtigsten Informationen auszutauschen. Deshalb benötigte man in Lämmerbach auch kein Mitteilungsblatt.

Georg und Josepha verbrachten die Pfingstferien bei Frau Baums Schwester in Innsbruck und würden am Samstag wieder heimkehren. Frau Vollmer war es wegen der nasskalten Witterung ins Kreuz gefahren. Der Büchler Robert hatte seit einer Woche Zahnschmerzen. Pfarrer Ebershäuser dachte über eine Kirchenrenovierung nach und Frau Tannhauer machte sich Sorgen, ob ihre Friedel die Abschlussprüfung schaffen würde, und das obwohl ihre Tochter in den letzten Tagen sogar Nachhilfe von Peter Schaup bekam.

Dann erörterte man natürlich das wundersame Zusammenfinden von Phillip Teichmann und Anne Martin.

„Ich freu mich natürlich für die Anne, aber eigentlich hab ich immer denkt, der Herr Teichmann wär was für unser Fräulein Müller“, meinte Tante Lieselotte etwas enttäuscht. „So a nettes Mädel sollt net allein bleibn.“

„Jaja, wo die Lieb hinfällt... Aber wer weiß, wenn a paar junge Lehrer mit dem Internat mitkommn. Vielleicht is da einer für sie dabei. Es wär sicher gut, wenn unser Fräulein Lehrerin bald unter die Haub kommn tät.“ Frau Baum sah das ganze praktischer. „Bsonders nach der Gschichte mit dem Dani.“

„Aber da is doch gar nix passiert“, mischte sich Frau Tannhauer ein, die offensichtlich mit dem Zusammenzählen der Preise nicht völlig ausgelastet war.

„Natürlich net, Elvira“, beschwichtigte Tante Lieselotte.

„Ich hoff halt bloß, dass irgendwann wieder normale Zuständ im Doktorhaus einkehrn. Des mit dene Leipold-Kinder und der Nicole geht auf Dauer net gut. Die Christine kann einem echt leid tun. Erst hat se die Mutter verlorn und jetzt sitzt der Vater im Gfängnis und die Heimat musst se wegn dem Bau vom Internat auch aufgebn.“ Sie seufzte mitleidig und wischte als Legitimation für die illegale Plauderstunde ein paar Staubflocken von den Regalen.

„Ja, und dann schwänzelt auch noch der Bruder von der Lehrerin dauernd um se rum. Was die an dem Kerl findet, versteh ein Mensch. Ich könnt euch Gschichtn über den erzähln…“ Frau Baum erkannte, dass sie in ihrem Mitteilungsbedürfnis wohl etwas zu weit gegangen war und schlug sich erschrocken mit der flachen Hand auf den Mund.

Aber da war die Neugier der anderen schon geweckt. Frau Tannhauer hörte abrupt mit dem Wischen auf und Tante Lieselotte stellte ihr neu erworbenes Hörgerät lauter. Dann beugten sich alle vereint über die Verkaufstheke und warteten auf den Bericht der Bürgermeistersfrau. Diese erzählte nach langem Herumdrucksen von der Drogeneskapade beim Herbstfest und dass Hannes sogar ihren Georg da mit reingezogen hätte. 

Ein kollektiver, entsetzter Aufschrei war die Antwort ihrer Zuhörerinnen.

„Aber gell, dass ihr mir des ja net weitererzählt. Des muss unter uns bleibn. Mein Edwin wird sonst fuchsteufelswild und des schadet seim ohnehin schon hohn Blutdruck.“

„Von uns erfährt niemand was“, beteuerten die anderen wie aus einem Mund, wobei Tante Lieselotte gleichzeitig überlegte, ob sie es nicht vorher als Beichtgeheimnis dem Pfarrer mitteilen sollte. Es war sicher kein Fehler, für die schwarze Seele des jugendlichen Straftäters kompetent beten zu lassen. Und Frau Tannhauer nahm sich vor, ihre Tochter in Zukunft von dem Bruder der Lehrerin fernzuhalten. Sie würde die zwei nie mehr allein im Laden zurücklassen.

„Vielleicht is des erst der Anfang“, murmelte Frau Baum düster, jetzt wo ihr die Aufmerksamkeit der anderen sicher war. „Wenn des Internat kommt, werdn mir alle unser blaues Wunder erlebn.“

Die Ladenbesitzerin strich ihr ohnehin gestrafftes Haar noch etwas glatter an den Kopf, rückte ihr Schürze gerade, nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte: „Nix für ungut, Hilde, aber ich find a bissel mehr Lebn könnt unser Ort ganz gut vertragn. Des sagt mein Helmut auch immer.“

Frau Baum war Widerspruch normalerweise nicht gewohnt, deshalb blickte sie im ersten Moment etwas erstaunt drein, dann schnaubte sie verächtlich. „Du meinst wohl Umsatz für eurn Ladn. Wenn da plötzlich fünfzig Leut mehr einkaufn, kann des euch nur Recht sei.“

„Es kann uns alle Recht sei. Wir müssn an unser Zukunft denkn“, schloss sich Tante Lieselotte Frau Tannhauer an. „Unser Doktor Martin hat all die Jahr dafür betet, dass sich was ändert und jetzt wo’s so weit is, solltn ma dankbar sei und net rumstänkern. Den Fortschritt kann ma net aufhaltn. Ich trau Gott auf alle Fälle zu, dass er was Guts draus macht.“

Frau Baum hatte es mit einem Mal eilig nach Hause zu kommen. Ihre offizielle Erklärung lautete, dass ihr Edwin um Punkt Zwölf seinen Braten auf dem Tisch haben müsse.

Kaum war die Bürgermeistersfrau unter Beobachtung der andern zwei in Richtung „Roter Baum“ gerauscht, schüttelte Tante Lieselotte nachdenklich den Kopf. „Denkst du, die Hilde weiß mehr als mir?“

„Ach, die macht sich nur gern wichtig. Fraun in de Wechseljahr sind manchmal komisch. Sei froh Lieselotte, dass du des hinter dir hast.“ Doch eigentlich brannte ihr ein völlig anderes Thema auf der Seele. Elvira Tannhauer überlegte gerade, ob sie ihrer älteren Freundin ein Geheimnis anvertrauen sollte. Außer ihnen beiden war im Laden niemand zugegen und sie hatte seit gestern Abend das dringende Bedürfnis mit jemandem zu reden. Zu sehr hatte sie das unerwartete Telefonat erschüttert. Mehrfach hatte sie zwar Helmut gegenüber angesetzt, aber immer war etwas dazwischengekommen, er hatte etwas Wichtiges tun müssen oder Friedel war urplötzlich auf der Bildfläche erschienen. Sollte sie diese Gelegenheit beim Schopfe packen? Lieselotte war zwar manchmal etwas gesprächig, aber die Krämersfrau hatte ihr dennoch schon öfter das Herz ausgeschüttet.

Doch dieses Mal lag die Sache schwieriger. Eigentlich durfte sie gar nicht darüber reden. Sie hatte also keine Ahnung, wie andere auf diese Mitteilung reagieren würden. Und trotzdem war es geschehen und sie war sogar insgeheim dankbar dafür. All die Jahre hatte sie es sich immer gewünscht.

Am Anfang, nachdem sie den Hörer aufgenommen hatte, hatte sie eine ganze Weile gebraucht, um zu begreifen, wer der Anrufer war und was er wollte. „Hallo Mutti, ich bin es, Markus“, hatte er in reinstem Hochdeutsch gesagt. „Ich wollte dir nur mitteilen, dass es mir gut geht.“

Der erste Anruf nach zehn Jahren, einfach so ohne Vorwarnung. Wie oft hatte sie an ihn gedacht, für ihn gebetet, sich wegen ihm in den Schlaf geweint. Aber kein Lebenszeichen hatte ihr Leid gemildert. Monate vergingen, Jahre,… Auch Helmut litt, aber anders als sie, männlicher. Er redete nicht gerne darüber. Nur einmal hatte er ihr gesagt, er glaube, Markus wäre nach Australien ausgewandert, zumindest habe er das bei seinen heimlichen Recherchen herausbekommen. Als Krämersfrau, die Zeit ihres Lebens nie weit aus diesem Tal herausgekommen war, stellte Australien das andere Ende einer Galaxie dar, unerreichbar, gefährlich und unvorstellbar.

Und nun war da plötzlich seine Stimme gewesen, direkt an ihrem Ohr. Sie hatte im ersten Moment gar nicht gewusst, was sie sagen sollte, nur ein trockenes Schluchzen war aus ihrem Mund gekommenen. Da hatte er einfach erzählt. Dass er inzwischen in Frankfurt lebe, einen guten Job und einen Mann fürs Leben gefunden habe, mit dem er nun zusammenwohne.

An dieser Stelle war Elvira Tannhauer das Zuhören schwergefallen, aber sie hatte trotzdem geschwiegen, obwohl ihr eine Menge Dinge auf der Zunge gelegen hatten. Er war und blieb ihr Junge, daran konnte nichts auf der Welt etwas ändern. Es war egal, was die anderen sagten. Sie hatte seit beinahe dreißig Jahren einen Sohn und dieser lebte.

Und dann war er mit einem Vorschlag gekommen. Er wünsche sich zum Geburtstag, seine Familie zu sehen und würde sich freuen, wenn sie alle, seine Eltern und Friedel ihn in Frankfurt in den Weihnachtsferien besuchen kämen. Es gäbe genug Platz in der Wohnung und sein Freund Kai würde sich freuen, endlich seine Angehörigen kennenzulernen.

„Ich weiß net“, hatte da Elvira Tannhauer gestammelt. „Ich muss des erst mal mit em Vatter besprechn und…“

„Lass dir Zeit. Ich habe auch Zeit gebraucht, um alles zu verarbeiten, aber nun bin ich da angekommen, wo ich wollte und habe meinen Platz gefunden.“

Dann fragte er, wie es ihnen ginge, ihr, seinem Vater und Friedel. Die anderen Lämmerbacher erwähnte er nicht. Diesen Teil der Geschichte wollten vermutlich alle gern aus der Erinnerung löschen. Zum Schluss hatte er ihr noch seine Telefonnummer und die Adresse gegeben und sie gebeten, doch mal anzurufen oder zu schreiben. Schließlich hatte er aufgelegt. Es war kein langes Telefonat gewesen, aber es hatte sie bis ins Innerste aufgewühlt. Sie war daraufhin die halbe Nacht wach gelegen, während Helmut neben ihr vor sich hingeschnarcht hatte. Aber er wusste ja auch von nichts. Er hatte abends so müde ausgesehen, dass sie ihn lieber zu Bett gehen ließ. Doch wie würde er auf diese Mitteilung reagieren?

Tante Lieselotte fiel plötzlich ein, dass sie ja vor dem Essen noch unbedingt beim Pfarrer vorbeimüsse, schon wegen der aktuellen Gebetsanliegen und einigen anderen eher praktisch ausgerichteten Dingen. Sie hatte es deshalb eilig mit dem Bezahlen und Elvira Tannhauer beschloss, das Geheimnis noch ein paar Minuten länger für sich zu behalten.

Wenn in der nächsten halben Stunde niemand mehr kam, konnte sie ohnehin den Laden fürs Wochenende schließen. Irgendwann würde sich eine gute Gelegenheit ergeben, Helmut von der Auferstehung seines Sohnes zu erzählen. Aber die Vorstellung, wie sie ihm beibringen sollte, dass Markus mit einem anderen Mann zusammenlebte und dies als völlig normal empfand, ging momentan über ihre Kraft.

Vielleicht war es doch besser, die anderen Lämmerbacher glaubten noch ein bisschen länger an die beruhigende Nichtexistenz von Markus Tannhauer.

Kapitel 2:

Wenn Paula nur das Geringste von all den Begegnungen der letzten Tage geahnt hätte, wäre ihre Planung für den Samstag sicher anders verlaufen. So aber tappte, beziehungsweise setzte sie sich ahnungslos in eine Falle.

Sie hatte kurzerhand einen Frühjahrsputz anberaumt. So hoffte sie, die Sache mit Anne und Phillip am besten zu verdauen. Arbeit brachte einen auf andere Gedanken. Den ganzen Samstag lang wurden Fenster gesäubert, Gardinen gewaschen, Schränke ausgeräumt und umsortiert. Auch die Betten mussten abgezogen und die Treppen gewischt werden… Als schließlich das ganze Haus mitsamt des unteren Stockwerkes wie aufpoliert wirkte, sank sie erschöpft in ihr verdientes Schaumbad.

Aus einer seltsamen Laune heraus hatte sie sich Julias Heimatroman „Der Bergdoktor“ vorgenommen. Er war ihr Abschiedsgeschenk von Mainz gewesen und mit dem spöttischen Kommentar überreicht worden, sie müsse unbedingt etwas Lokalkolorit schnuppern und eine derartige Lektüre ersetze gewiss einen hochwertigen Reiseführer. Seither hatte sie stets einen weiten Bogen um dieses Heftchen gemacht, auch wenn es all die Monate verborgen in ihrer Nachttischschublade gelegen hatte. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie ausgerechnet an diesem Abend die Lust überfiel, darin herum zu schmökern. Der aktuelle historische Roman hatte nur bis zwei Uhr morgens gereicht und dazu einen unruhigen Schlaf beschert. Es konnte ihr als Deutschlehrerin eigentlich kaum schaden, einmal einen Ausflug in Richtung Triviallektüre zu machen. Der gutaussehende Bergdoktor, der ihr lächelnd vom Titelbild entgegenblickte, besaß sogar eine entfernte Ähnlichkeit mit Daniel.

Sie hatte gerade die ersten drei Seiten sprachlicher Verirrung schaudernd durchlitten, neben ihr standen die obligatorischen Kerzen, die für die nötige Stimmung sorgten, als die Tür zum Badezimmer aufging. Herr Tannhauer war es nach Herrn Leipolds nächtlichem Überfall immer noch nicht gelungen, eine neue einzubauen. Hatte sie etwa vergessen, das „Besetzt-Schild“ anzubringen?

„Hey, ich bade gerade!“, rief sie über den Rand ihres Buches hinweg. „Geh unten aufs Klo…“ Der Rest des Satzes blieb ihr im Hals stecken, denn ausgerechnet der Mann, an den sie beim Lesen heimlich gedacht hatte, stand im Türrahmen. Im Hintergrund sah sie ihren Bruder eine hämische Grimasse ziehen, die vor Schadenfreude nur so strotzte.

Das Heftchen fiel vor lauter Schreck ins Badewasser.

Zu ihrem Entsetzen kam Daniel ohne zu zögern näher und Hannes schloss mit einem unübersehbaren Zwinkern die Tür hinter ihm.

„Was soll das?“, fragte sie und versuchte möglichst weniger schockiert auszusehen als sie sich fühlte. Ihr fiel partout keine vernünftige Erklärung ein, was er hier wollte. Ein Handtuch würde er sich wohl kaum ausleihen wollen. Gleichzeitig hoffte sie, dass er wenigstens ihre diffamierende Lektüre übersehen hatte oder sich diese, wenn schon nicht in Luft, dann möglichst unauffällig im Wasser auflösen würde. Zum Glück sparte sie nie an Schaum und das Kerzenlicht reichte zwar zum Lesen, gab aber geringe Einblick-Möglichkeiten in den Wanneninhalt.

„Dein Buch wird nass“, stellte der Besucher taktlos fest und ließ damit diesen Teil ihrer Hoffnungen kläglich zusammenfallen. „Möchtest du es nicht aus dem Wasser nehmen oder soll ich dir beim Suchen helfen?“

Lieber würde sie ertrinken. Bevor er seinen Vorschlag in die Tat umsetzen konnte, und das traute sie ihm zu, fischte sie mit dem letzten verbliebenen Rest an Würde das anrüchige Objekt vom Wannenboden.

Ohne die Chance auf eine niveauvolle Entsorgung nahm er es in Empfang, wischte den Schaum ab, studierte mit erstauntem Gesichtsausdruck den Einband und legte es dann ohne Kommentar zum Trocknen über die Handtuchstange.

Paula lagen dutzend Argumente auf der Zunge, aber sie schluckte alle tapfer hinunter. Ihr vorrangiges Ziel war es, diese Situation so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Leider stand sie mit dieser Meinung alleine da.

Daniel zog sich in aller Ruhe den Badezimmerhocker heran und ließ sich entspannt darauf nieder, die langen Beine weit von sich gestreckt.

Bei ihr leuchteten gleich mehrere Alarmlampen auf einmal auf. Laut sagte sie: „Was willst du hier?“ Bisher hatte sich noch nie ein Mann neben ihre Badewanne gesetzt. Sollte sie einfach ihr Badetuch schnappen und fliehen?

Selbst im Halbdunkel des Kerzenscheins musste etwas von diesen Überlegungen auf ihrem Gesicht zu erkennen gewesen sein. „Keine Sorge, ich komme in friedlicher Absicht und möchte mich bloß mit dir unterhalten.“

Unterhalten? Das konnte nur ein Witz sein. Ein Badezimmer war ein höchst ungeeigneter Ort für eine Unterhaltung und gleich zweimal, wenn sie gerade in der Wanne saß. „Dies ist ein extrem schlechter Zeitpunkt“, wagte sie schließlich zu äußern. „Können wir das Gespräch vielleicht auf später verschieben?“

„Da sind wir unterschiedlicher Meinung. Ich finde diesen Zeitpunkt geradezu ideal. Deinen Bergdoktorroman kannst du gerade eh nicht weiterlesen und ansonsten scheinst du nichts Wichtiges vorzuhaben oder täusche ich mich da? Vielleicht hörst du mir deshalb zur Abwechslung einfach mal zu.“

Wie schaffte es ein einzelner Mann, derart unverfroren zu sein? Ihr fehlten sekundenlang die Worte. Da lag sie unter ihren Schaummassen wie in einem Gipsbett begraben, und er nutzte das im wahrsten Sinne des Wortes schamlos aus, um ihr ein Gespräch reinzudrücken. „Ich schätze es nicht im Geringsten, wenn irgendwelche Männer uneingeladen in mein Badezimmer kommen“, brachte sie endlich heraus. Und das nicht erst seit Herrn Leipolds Besuch, ergänzte sie in Gedanken. Sie versuchte dabei möglichst energisch auszusehen.

„Du könntest ja um Hilfe rufen“, schlug ihr Besucher unbeeindruckt vor. „Für Hannes kann ich zwar nicht garantieren, denn das mit dem Badezimmer war seine Idee, aber der Bürgermeister oder der Pfarrer kämen bestimmt.“ Ein Mundwinkel begann verdächtig zu zucken. Sie kannte dies als untrügliches Zeichen dafür, dass er sich heimlich amüsierte. „Oder du könntest aus der Badewanne steigen und gehen. Diese Möglichkeit bestünde ebenfalls. Ich verspreche dir hoch und heilig, dich dabei nicht aufzuhalten.“ Als Beweis hielt er eine Hand wie zum Schwur nach oben.

Sehr witzig. Er wusste vermutlich genau, dass sie zu feige war. „Das ist Erpressung.“

„Schon möglich. Aber wie du weißt, bin ich ein rücksichtsloser Mensch. Und ich befinde mich in gewisser Weise in einer Zwangslage.“

Ach ja? Und in was befand sie sich dann? Auf jeden Fall in der deutlich schlechteren Position. Das wurde ihr mit jeder Minute klarer.

„Um was geht es?“, fragte sie schließlich vorsichtig kapitulierend. Einsicht brachte einen manchmal weiter als ein Dickkopf. Wenn sie dieses skurrile Gespräch schon nicht verhindern konnte, dann wollte sie es wenigstens rasch hinter sich bringen. Ihr Besucher wirkte nämlich keineswegs so, als ließe er sich verbal rauswerfen.

Zu ihrem Schrecken beugte er sich nun ein Stück weit über den Badewannenrand, so dass sein Gesicht beängstigend nahekam und sagte: „Ich bin hier, weil ich dir sagen wollte, dass ich dich liebe und du seit einiger Zeit nicht mehr aus meinem Kopf zu bekommen bist, obwohl ich mir wirklich sehr viel Mühe gegeben habe.“

Ihr klappte vor lauter Überraschung der Mund auf und sie sah nun vermutlich genauso intelligent aus wie ein Fisch im Aquarium. Sie musste sich verhört haben. Das hatte er doch gerade nicht wirklich gesagt? Mit nahezu allem hätte sie gerechnet, aber nicht mit so etwas. Sie konnte ihm direkt in seine Augen schauen. Diese machten allerdings nicht den Eindruck, als würde er sich einen seiner üblichen Scherze mit ihr erlauben. Er hatte sogar sein freches Grinsen eingestellt. Doch konnte man bei ihm je sicher sein?

„Das ist nicht dein Ernst“, stammelte sie schließlich, weil ihr nichts Klügeres einfiel und in ihrem Kopf ohnehin gähnende Leere herrschte. Sie vergaß sogar einen Moment lang, wo sie sich befand. Vermutlich durfte sie sich glücklich schätzen, wenn sie es je wieder schaffte, halbwegs komplette Sätze zu formulieren. „Du kennst mich doch gar nicht. Außerdem dachte ich immer, du würdest…. Ich meine, du hast doch gesagt…“

„Manchmal ändert man seine Meinung eben. Und ich habe selber ziemlich lange gebraucht, um das zu kapieren“, gestand er.

„Also, ich weiß nicht…“

Er registrierte, dass es sich zumindest um kein klares „Lass mich in Ruhe“, „Verschwinde“ oder „Ich habe nicht das geringste Interesse“ drehte und nützte seine Chance. Bevor ihr Verstand wiederkehren konnte, schob er seinen Kopf ein paar weitere Zentimeter vor und küsste sie auf den immer noch halboffen stehenden Mund. Ihr Körper ging automatisch in Abwehrhaltung. Da sie aus gegebenem Anlass nicht schreien konnte und er ihre Arme unter Kontrolle hielt, strampelte sie eben wild mit den Beinen. Erst als das Zappeln aufhörte, ließ er sie wieder los. Im Bad herrschte inzwischen Überschwemmung.

„Was fällt dir ein…?“, keuchte Paula. Gleichzeitig spürte sie, wie eine wohlige Wärme durch ihren gesamten Körper rieselte. Ihre Empörung begann sich ungewollt in Verwirrung zu wandeln.

„Sorry, aber ich dachte, das diene vielleicht zur Unterstützung meiner Aussage“, erklärte er und die Lachfalten um seinen Mund vertieften sich. Sogar seine Augen glitzerten. „Ich hätte natürlich noch überzeugendere Argumente, aber ich fürchte, dann wäre das komplette Bad überflutet und ich bekäme im Anschluss Ärger mit Pfarrer Ebershäuser.“

„Du bist total verrückt, weißt du das?“ Bei Paula standen immer noch die Atemprobleme im Vordergrund.

„Ich möchte dir nicht widersprechen… Wie lautet nun deine Antwort? Könntest du dir das mit uns beiden vorstellen?“

„Du willst jetzt eine Antwort darauf?“ Sie starrte ihn entgeistert an. Ihr Leben schien plötzlich im Zeitraffer vorwärts zu schreiten und sie hatte Mühe, hinterher zu kommen. Hatte sie vielleicht ein paar Szenen verpasst? „Das kommt etwas überraschend.“ Sie war sich ohnehin nicht ganz im Klaren, ob sie überhaupt wach war oder alles nur träumte. Allerdings brannten ihre Lippen eindeutig von dem Kuss.

„Kein Problem“, sagte Daniel, rückte ein paar Zentimeter von der Wanne weg, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinterm Kopf. „Ich kann warten und habe mir für den ganzen Abend nichts anderes vorgenommen. Für dich dürfte es allerdings in der Wanne mit der Zeit etwas ungemütlich werden. Außerdem beginnt der Schaum zusammenzufallen.“

Er beobachtete vergnügt, wie sie auf der Stelle die Schaumwolken verschob.

„Was erwartest du von mir?“, fragte sie endlich zögerlich.

„Eigentlich nur eine Antwort auf die Frage, ob du dir eine Beziehung mit mir überhaupt vorstellen könntest. Ich weiß, das klingt jetzt blöd und verkompliziert das Ganze, aber für mich hängt einiges von dieser Antwort ab. Unter anderem, ob ich mich hier als Arzt niederlasse.“

„Du solltest diese Entscheidung auf keinen Fall von meiner Antwort abhängig machen.“

„Vermutlich nicht, doch so bin ich nun einmal. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, kann man mich nur schwer wieder davon abbringen. Und ich habe vor kurzem beschlossen, es nicht zu mögen, wenn du dich irgendeinem anderen Kerl an den Hals wirfst. Und falls doch, möchte ich wenigstens nicht zusehen müssen.“

„Aber ich dachte, du hättest eine Schwäche für große, blonde Frauen“, zog Paula ihr letztes Argument aus der nicht vorhandenen Tasche.

Er schmunzelte mit schief gelegtem Kopf. „Ich bin gerade dabei, mich umzugewöhnen. Wahrscheinlich wird es gar nicht mal so viel Mühe kosten, wie ich dachte.“

„Ich glaube aber nicht, dass wir sonderlich gut zusammenpassen.“ Wenigstens hatte sich ihr Verstand von dem Schock erholt und funktionierte in dieser kritischen Situation zur Abwechslung einmal einwandfrei.

„Wir könnten es immerhin versuchen. Ich meine natürlich, wenn du dich traust.“ Daniel wirkte mit einem Mal recht zuversichtlich. Das Gespräch war bisher deutlich besser verlaufen, als er erwartet hatte. Außerdem war er ohnehin schon nass. „Vielleicht würde dich ein weiterer Kuss überzeugen?“, schlug er vor und setzte die Idee kurz entschlossen in die Tat um. Paula vergaß dieses Mal sogar das Zappeln und noch ein paar andere Dinge.

Eins fiel ihr aber doch wieder ein. „Was ist mit deinen anderen Freundinnen?“

„Welche Freundinnen?“, fragte er mit treuem Hundeblick. Er hatte offensichtlich den vom Bürgermeister ausgeliehen.

Paula fühlte sich keineswegs beruhigt. So einfach ging das nicht. Natürlich war sie in Daniel verliebt, davon musste sie niemand mehr überzeugen, aber das änderte nichts daran, dass sie seither andere Vorstellungen von einem zukünftigen Freund gehabt hatte. Dazu gehörte, dass sie möglichst nicht erst als Nummer siebzig auf dessen Beziehungsliste stehen wollte und bald von Nummer einundsiebzig abgelöst werden würde.

Aber sie nahm sich vor, ihm zumindest eine kleine Chance zu geben. Er hatte eine Menge mit seinem offenen Geständnis riskiert. Das sagte sie ihm auch.

„Es freut mich, dass du das genauso siehst“, antwortete er. „Ich habe bereits befürchtet, dass man mich heute Abend entweder in die Baum’sche Besenkammer sperrt oder vor Pfarrer Ebershäuser schleppt und mich zwingt, dich umgehend zu heiraten. Doch jetzt gehe ich besser. Wir könnten ja morgen, wenn du nach dem Gottesdienst zufällig nichts anderes vorhast, mit der Überzeugungsarbeit fortfahren.“ Er erhob sich von seinem Badhocker, betrachtete kopfschüttelnd seine nasse Kleidung und sagte zum Abschluss: „Die Idee für dieses Gespräch stammte übrigens von Phillip, und Hannes fungierte als Handlanger. Er hat mich vorhin angerufen, als du das Badewasser eingelassen hast. Ich meine, nur falls du irgendwelche Schuldige zum Umbringen suchst.“ Genauso plötzlich wie er gekommen war, verschwand er wieder nach draußen.

Paula blieb weitere zehn Minuten wie betäubt in der Wanne sitzen, obwohl das Wasser inzwischen richtig kalt geworden war. Erst als sie spürte, wie sie am ganzen Körper vor Kälte zitterte, stieg sie raus und trocknete sich ab.

Nachdem sie das überflutete Bad trockengewischt hatte, wagte sie sich endlich nach draußen.

Hannes lungerte im Wohnzimmer herum und bedachte sie mit einem lauernden Blick. Am liebsten hätte sie sich auf ihn gestürzt. Aber den Triumph, ihm dadurch einzugestehen, wie sehr er sie mit seinem Komplott in Verlegenheit gebracht hatte, gönnte sie ihm dann doch nicht. Sie hoffte, dass er wenigstens ein schlechtes Gewissen besaß. Oder war das bloß seine Retourkutsche für neulich, als sie ihn im Badezimmer bei seinen Körperübungen überrascht hatte?

Kapitel 3:

Sie traf Daniel morgens beim Kirchgang wieder. Er setzte sich wie selbstverständlich neben sie. Zur Feier des Tages und als Zeichen ihrer Rebellion gegen angestaubte Strukturen trug sie die rote Bluse, mit der sie bei ihrem ersten Gottesdienst in Lämmerbach wie ein bunter Hund aufgefallen war und dazu offenes Haar, das sich heute Morgen auf wundersame Weise kaum gegen ihre Frisierversuche gesträubt hatte und nicht einmal irgendwelche Haarklemmen benötigte.

Anne und Phillip nahmen an ihrer anderen Seite Platz. Beide zwinkerten ihr verschwörerisch zu. Sie wussten also Bescheid. Sie hoffte bloß, dass Daniel nicht allzu detailliert vom Verlauf des gestrigen Abends berichtet hatte. Allein der Gedanke daran verschaffte ihr schon Hitzewallungen.

„Ich finde, rot steht dir gut, in vielerlei Hinsicht“, flüsterte Daniel in ihr rechtes Ohr. „Hoffentlich legt sich das nicht mit der Zeit. Es wäre jammerschade.“

Ihr blieb nichts anderes übrig, als dämlich vor sich hin zu lächeln. Verliebtheit musste eine Seuche sein. Die ganze Kirchenbank war schon infiziert. Hoffentlich nahm das in nächster Zeit nicht noch peinlichere Ausmaße an.

„Ach ja“, meinte ihr nagelneuer Freund im Anschluss an den Gottesdienst, als er die Lehrerin vor den Blicken sämtlicher Kirchgänger beim Arm nahm und zum Schulhaus begleitete. Dass sich einige Leute dabei fast die Hälse verrenkten, schien ihn nicht zu stören. „Wärst du bereit, mich zum Essen einzuladen?“ Er übte an seinem treuherzigen Augenaufschlag. „Hannes kann ja dafür bei Anne mitessen. Wenn Christine neben ihm sitzt, merkt er ohnehin nicht, was auf dem Teller liegt.“

„Ich fürchte, es ist ein großer Fehler, aber ich werde es trotzdem tun.“

Daniel lächelte wohlgefällig. „Ich könnte dir auch beim Kochen helfen“, schlug er hilfsbereit vor. „Außerdem möchte ich nebenher einige weitere Argumente für unsere Beziehung anbringen.“

Diese bestanden darin, dass, während sie in der Küche stand und Schnitzel anbriet, er von hinten versuchte, ihren Nacken und ihre Ohrläppchen anzuknabbern und ihr Haar in Aufruhr versetzte.

„So wird das nichts“, sagte sie irgendwann in strafendem Ton. Sie sah allmählich aus, als wäre sie in einen Tornado geraten und das Fleisch drohte anzubrennen.

„Also gut, Fräulein Lehrerin, dann warte ich eben damit bis nach dem Essen“, versprach er reumütig und deckte brav den Tisch.

„Was hältst du von einem Spaziergang zum Maiersberg? Ich nage noch an meiner letzten Abfuhr“, schlug er, kaum dass der letzte Bissen genussvoll in seinem Mund verschwunden war, vor.

Paula schaute ihn zweifelnd an. Sie sah im Geiste schon den Unterricht am nächsten Morgen und ihre feixende Schülerschaft.

„Wie schon gesagt, wenn ich erstmal von etwas überzeugt bin…. Übrigens, was ich noch sagen wollte, zu unserem Haushalt gehören inzwischen achtzehn Kühe.“

Sie runzelte unwillkürlich die Stirn. Was sollte nun das schon wieder? „Welche Kühe?“

„Na, die von Leipolds. Die Kühe gehören mehr oder weniger uns, weil sich doch Anne um die Kinder kümmert.“

„Ja und?“ Auf was wollte er hinaus?

„Du hast mir doch nach unserer gemeinsamen Schlittenfahrt gesagt, dass, selbst wenn ich der einzige Mann im Umkreis von hundert Kilometer wäre, keine zehn Kühe dich dazu bringen könnten, eine Beziehung mit mir anzufangen oder so ähnlich. Wären achtzehn genug? Ich würde sie dir bei Bedarf schenken. Ich bin eh nicht gut im Melken und habe bisher bei jedem Wettbewerb einen der hinteren Plätze belegt.“

Paula musste unwillkürlich lachen. Sie hätte nicht gedacht, dass sich Daniel noch an diesen Ausspruch erinnern konnte. Irgendwie waren ihre Zusammentreffen seither in den wenigstens Fällen harmonisch verlaufen. Ob sich das in Zukunft ändern würde?

Sie stiegen eine halbe Stunde später Hand in Hand den Berg hinauf. Paula beobachtete ihren attraktiven Begleiter dabei unauffällig von der Seite. Sie fühlte sich wie in einem Märchen, und dazu noch in der Rolle als Prinzessin. War das der gleiche Daniel, den sie zum ersten Mal auf dem Pass getroffen hatte und der ihr arrogant und oberflächlich erschienen war? Jemand, der sich gern in der Bewunderung schöner Frauen sonnte? Annes Bruder, der sich weigerte, Verantwortung zu übernehmen, bei aufkommenden Schwierigkeiten die Flucht ergriff und in erster Linie auf seinen eigenen Vorteil bedacht war?

Sie glaubte inzwischen einen völlig anderen Menschen neben sich zu haben. Einen Daniel, der immer schon parallel zu dem anderen existiert hatte und der seither nur die meiste Zeit unter einer rauen Oberfläche verborgen gelegen und darauf gewartet hatte, entdeckt zu werden. Einer, den sie als fürsorglichen Arzt schätzen gelernt hatte und den sie unwillkürlich bewunderte. Ein Mann, nach dessen Berührung sie sich sehnte.

Aber konnte das sein? War sie vorher ihm gegenüber bloß blind gewesen oder sah sie ihn jetzt durch ihre Verliebtheit zu idealistisch? Sie schüttelte unwillig den Kopf. Man musste Menschen die Chance geben, sich zu verändern. Es war nicht fair, andere in Schubladen zu stecken. Sie war in diesem Moment auf alle Fälle mehr als bereit, ihre diesbezügliche Einstellung neu zu überdenken. Daniel war keiner, der Wetten auf eine Frau abschloss und sie mit Gewalt in sein Bett zu zerren versuchte. Das hatte er mit Sicherheit nicht nötig.

„An was denkst du gerade?“, fragte ihr Begleiter und schaute sie ein wenig misstrauisch an.

Sie erschrak. Hoffentlich war an ihrem Gesicht nicht zu viel von ihren Gedankengängen abzulesen gewesen. Sie würde ihm natürlich irgendwann von ihren Erfahrungen mit Jörg erzählen, aber nicht jetzt. Jeder Gedanke an ihren Exfreund machte bloß die Stimmung kaputt. So sagte sie nur: „Nichts Besonderes.“ Anschließend verscheuchte sie energisch alle weiteren Überlegungen und rückte zur Bestätigung dichter an ihn heran.

Er legte als Antwort einen Arm um ihre Schulter und drückte sie an sich. „Bist du glücklich?“

„Ja sehr“, bestätigte sie eifrig.

Als sie bei der Waldhütte ankamen, drängte die Erinnerung an die besagte Sturmnacht wieder in ihr hoch. Wenn ihr damals jemand prophezeit hätte, dass sie zwei Monate später mit Daniel befreundet sein würde, wäre es ihr bestenfalls als geschmackloser Scherz erschienen.

Auch er befasste sich offensichtlich mit schwerwiegenden Gedanken, denn er brauchte ganz gegen seine Gewohnheit gleich mehrere Anläufe bis er endlich ansetzte: „Ich habe dich heute Mittag nicht ohne Absicht gefragt, ob wir ausgerechnet hierher gehen können. Ich möchte dir nämlich etwas gestehen.“

Paula dachte komischerweise an Petra Maier. Warum wusste sie selbst nicht genau. Vielleicht weil ihr diese Sache einfach nicht mehr aus dem Kopf ging. Ob ihr Daniel jetzt seine tragische Lovestory mit der damals siebzehnjährigen Industriellentochter beichten wollte? Genau an der Stelle, an der das Unglück vor zehn Jahren geschehen war?

„Setz dich!“ Er klopfte einladend neben sich auf die morsche Holzstufe vor der Hütte, auf der er gerade selbst Platz genommen hatte. „Ich möchte dir nämlich eine ziemlich ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählen. Sie handelt von einem jungen Arzt und einer kleinen, dunkelhaarigen Dorflehrerin.“

Paula wurde automatisch warm ums Herz. Petra Maier verschwand in den Tiefen des Waldes. Warum sollte sie Hirngespinsten nachhängen, wenn neben ihr das Leben verheißungsvoll pulsierte.

„Du wirst es kaum glauben“, begann ihr Freund. „Aber hier oben habe ich begriffen, dass ich dich mag. Doch bis es dazu kam, brauchte es ziemlich lange.“

Das konnte sie gut nachvollziehen. Bei ihr hatte es auch lange gedauert, bis sie sich ihre Gefühle einzugestehen wagte.

Sein Blick wanderte in die Ferne zu den Bergen, fast als sähe er dort einen Film ablaufen. „Als ich dich zum ersten Mal traf, dort oben auf dem Pass, dachte ich bloß: Du liebe Zeit, schon wieder eine dieser spröden Emanzen.“

Er unterbrach seinen Redefluss und schaute seine Nebensitzerin von der Seite an. „Wie schon gesagt, es ist eine lange Geschichte. Möchtest du sie wirklich hören?“

„Jedes einzelne Wort.“ Sie wusste nichts auf der ganzen Welt, was sie lieber wollte. In ihrem Leben hatte es bisher kaum Liebeserklärungen gegeben.

„Also gut, aber beschwer dich hinterher nicht, wenn ich dich langweile.“ Er stupste sie neckend in die Seite. „Richtig schlimm wurde es nämlich, als ich merkte, dass mein Vater mich ernsthaft mit dir verkuppeln wollte. Am liebsten hätte ich daraufhin Lämmerbach seinem Schicksal überlassen. Doch dann war da die Drogen-Geschichte mit deinem Bruder. Du wirktest einerseits hilflos und andererseits unheimlich tapfer. Das hat mich völlig irritiert und mein Bild von dir etwas ins Wanken gebracht. Ich spürte zumindest, dass ich hier gebraucht werde, ob ich es wollte oder nicht.“ Er machte wieder eine Pause und Paula überlegte, welche ihrer vielen unangenehmen Begegnungen denn nun an die Reihe käme, denn vom Happy End waren sie noch meilenweit entfernt, das war sonnenklar. Er ließ sie nicht lange im Zweifel darüber.

„Und dann kam deine Freundin Julia und dieser blödsinnige Schlittenwettbewerb. Ich weiß auch nicht, was mich an diesem Tag geritten hat, aber ich war sauer und du kamst mir dabei in die Quere. Es tut mir leid, dass du den Ärger aushalten musstest, den eigentlich die anderen verdient hatten. Ich verspreche dir, dass nichts von dem, was ich über dich gesagt habe, so gemeint war. Im Gegenteil, du hast mir mit deinem Mut sogar imponiert.“

Für Paula heilte damit im Nachhinein eine Wunde, die sie viele Monate lang mit sich herumgeschleppt hatte. „Danke“ sagte sie deshalb schlicht. Daniel schaute sie verwundert an, fuhr aber ohne eine Rückfrage fort. „Als du mich nach meinem missglückten Entschuldigungsversuch an diesem Abend mitten auf der Straße stehen hast lassen, war ich zuerst völlig verdattert. So etwas war mir noch nie zuvor im Leben passiert. Nachdem ich mich allerdings etwas von meinem Schock erholt hatte, wurde ich wütend. Ich redete mir ein, du wärst arrogant und besserwisserisch. Das gab mir die Berechtigung, mich dir gegenüber wie ein Arschloch aufzuführen. Außerdem konnte ich damit Anne ärgern.

Der Tod meines Vaters hat mich dann vollends von der Rolle gebracht. Irgendwie hatte ich bei allen vorhandenen Vorzeichen nicht damit gerechnet, dass er sterben könnte. Ich stand somit vor echten Schwierigkeiten. Ich hätte am liebsten Lämmerbach und all seine Probleme für immer hinter mir gelassen, aber ich konnte es nicht. Egal wo ich auch war, ein Teil meines Ichs kam einfach nicht von hier los, so sehr ich mich auch dagegen wehrte. Und was noch schlimmer war, die meisten Frauen in meinem Bekanntenkreis ödeten mich inzwischen an. Frauen, die ich vor kurzem noch aufregend und attraktiv gefunden hatte, waren mir plötzlich völlig gleichgültig. Ich machte mir ernsthafte Sorgen um meinen Zustand.“

Diese Stelle in seinem Bericht mochte sie besonders. Hieß das etwa, dass er schon seit einiger Zeit keine intime Freundin mehr gehabt hatte? Das klang fast zu schön, um wahr zu sein.

Es gab nun erneut eine kurze Pause, die Daniel dazu nutzte, seine Begleiterin ausgiebig zu betrachten. Was sah er dabei in ihr? Etwas, von dem sie selbst vielleicht gar keine Ahnung hatte? Sie hoffte zumindest, dass er mehr als eine unscheinbare, junge Frau entdeckte, die sich nach Zärtlichkeit und Verständnis sehnte.

„Zu diesem Zeitpunkt war ich übrigens fest davon überzeugt, dass du mich hasst oder zumindest verachtest.“

Paula erschrak. Wie kam er denn darauf? Hatte sie etwa so auf ihn gewirkt? Das war ja schrecklich. „Ich habe dich niemals gehasst. Ich war nur die meiste Zeit unsicher, wie ich mich dir gegenüber verhalten sollte. Du hast dich ständig über mich lustig gemacht und manchmal warst du auch mit Absicht verletzend“, versuchte sie zu erklären, merkte dann aber, dass das nur eine Seite der Geschichte war und sie ehrlichkeitshalber auch die andere Seite erzählen sollte. Sie gab sich also einen Ruck und bekannte: „Ich war damals schon in dich verliebt, wollte mir das aber nicht eingestehen und dachte, es wäre ohnehin hoffnungslos.“

Statt einer Antwort legte Daniel den Arm um sie und zog sie an sich. Mit deutlich mehr Nähe führte er seine Geschichte nun fort. „Christines Fehlgeburt und die ganze Situation drum herum hat mich ziemlich geschockt. Ich spürte, dass ich mich meiner Verantwortung stellen musste. Und dann warst du plötzlich am Tag danach verschwunden. Ich machte mir natürlich Sorgen, so wie alle anderen Lämmerbacher auch. Ein derartiger Hagelsturm ist kein Pappenstil und du wärst nicht die Erste gewesen, die eine solche Wettersituation falsch eingeschätzt hätte. Als Anne mir jedoch unterstellte, dass bei mir mehr dranwäre, wollte ich das nicht wahrhaben. Ich ärgerte mich. Dummerweise hatte ich gleichzeitig den Eindruck, dir gegenüber etwas gut machen zu müssen. Schließlich war ich in den vergangenen Monaten ziemlich ekelhaft gewesen. Deshalb kämpfte ich mich also mit Vollmers Hund durch Matsch und Kälte, rechnete bereits mit dem Schlimmsten und wurde hier oben von der besagten Auserkorenen körperlich intakt und nicht sonderlich freudig empfangen. Irgendwie hast du den Eindruck gemacht, als würdest du lieber von jemand anderem gerettet werden. Das glich in ungefähr einer kalten Dusche. Ich stellte mir die Sache mit dem Schlafsack deshalb als kleinen Racheakt vor. Natürlich hätte ich für mehr Holz sorgen oder dir meinen Schlafsack allein überlassen können. Das hatte ich ursprünglich sogar vor. Aber ich wollte sehen, wie weit du mit deiner Ablehnung gehen würdest und ob deine Distanz bei kühlen Temperaturen irgendwann endet.“

Ihr stand diese Szene deutlich vor Augen. Wie könnte sie diese Nacht auch je wieder vergessen?

Daniel schaute sie währenddessen erneut nachdenklich an und überlegte, ob er ihr den Rest auch erzählen oder besser gleich zum Ende überwechseln sollte. Er fühlte sich in Paulas Gegenwart manchmal mindestens genauso unsicher, wie sie es in Bezug auf ihn beschrieben hatte. Dieses für ihn zugegebenermaßen ziemlich ungewohnte Empfinden machte aber, wenn er ehrlich war, den eigentümlichen Reiz ihrer Person aus. Das, was er Phillip gegenüber gesagt hatte, stimmte. Paula war anders als alle Frauen, die er in seinem Leben näher kennengelernt hatte. Sie war durch und durch anständig. Sie versuchte nicht nur so zu wirken, nein, sie war es einfach, tief aus sich heraus. Sie verabscheute zweideutige Ausdrücke, flirtete nie und war erschreckend ehrlich, verlässlich und konsequent. Eigentlich in allem das genaue Gegenteil von ihm. Und genau das forderte ihn heraus. Er hatte zwar in den letzten Monaten die meiste Zeit damit verbracht, sich über sie aufzuregen, aber vielleicht war genau dies der Grund, weshalb er sie im Vergleich zu vielen anderen Frauen von Anfang an nie als langweilig empfunden hatte. Im Gegenteil, sie besaß die seltene Fähigkeit, ihn zu überraschen. So auch jetzt.

„Und wie ging es dann weiter?“, wollte sie wissen. Dabei stand ihr echtes Interesse ins Gesicht geschrieben. Sie musste unwillkürlich an den um sie geschlungenen Arm denken, als sie morgens gemeinsam mit ihm im Schlafsack aufgewacht war. Vielleicht hatte Daniel in dieser Nacht ja doch nicht von ehemaligen Freundinnen geträumt?