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Katrin, die schöne Magd, hat nur einen sehnlichen Wunsch: ein Zuhause zu finden, einen Ort, an dem sie sich nach dem Tod ihrer Eltern sicher und geborgen fühlen kann.
Und Anselm Lenbacher bietet ihr all das auf seinem prächtigen Hof. Endlich kann die junge Frau, die schwer an der Last zu tragen hat, die das Schicksal ihr aufgebürdet hat, zur Ruhe kommen.
Als der Hofbauer Katrin dann auch noch in einem Schneesturm das Leben rettet und sie aufopferungsvoll gesund pflegt, ist die junge Frau mehr denn je davon überzeugt, dass sich nun alles zum Guten für sie wenden wird.
Und so zögert sie keine Sekunde, den Heiratsantrag von Lenbacher anzunehmen. Endlich liegt die Zukunft verheißungsvoll vor ihr. Dass der Mann ihr Vater hätte sein können, stört Katrin nicht.
Dabei ahnt sie nicht, dass der alte Bauer ein doppeltes Spiel mit ihr treibt ...
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Impressum
Schatten über dem Lenbacherhof
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Michael Wolf
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-4098-3
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Schatten über dem Lenbacherhof
Intrigen um eine schöne Magd
Von Rosi Wallner
Katrin, die schöne Magd, hat nur einen sehnlichen Wunsch: ein Zuhause zu finden, einen Ort, an dem sie sich nach dem Tod ihrer Eltern sicher und geborgen fühlen kann.
Und Anselm Lenbacher bietet ihr all das auf seinem prächtigen Hof. Endlich kann die junge Frau, die schwer an der Last zu tragen hat, die das Schicksal ihr aufgebürdet hat, zur Ruhe kommen.
Als der Hofbauer Katrin dann auch noch in einem Schneesturm das Leben rettet und sie aufopferungsvoll gesund pflegt, ist die junge Frau mehr denn je davon überzeugt, dass sich nun alles zum Guten für sie wenden wird.
Und so zögert sie keine Sekunde, den Heiratsantrag von Lenbacher anzunehmen. Endlich liegt die Zukunft verheißungsvoll vor ihr. Dass der Mann ihr Vater hätte sein können, stört Katrin nicht.
Dabei ahnt sie nicht, dass der alte Bauer ein doppeltes Spiel mit ihr treibt …
Mattis Lenbacher beschloss nach der Feldarbeit, sich noch einmal den neuen Mähdrescher anzusehen, bevor er ins Haus ging.
Als er das Scheunentor öffnete, das nur angelehnt war, hörte er gedämpfte Stimmen, und instinktiv trat er einen Schritt zurück. Dann aber zog es ihn mit aller Macht in das halbdunkle Gewölbe. Geduckt stand er da und lauschte.
„Zier dich net so, Anna, erst machst mir schöne Augen und lockst mich hierher, und dann …“
Mattis erkannte die raue Stimme seines Vaters. Anna, die seit Kurzem auf dem Lenbacherhof arbeitete, lachte girrend auf.
„Was sagst da, ich soll dich hierhergelockt haben? Meinst du, ich fang mitten auf der Tenne ein Gspusi mit dir an? So schaust aus!“
Lenbacher gab einen ärgerlichen Laut von sich.
„Stell dich net so an!“, erwiderte er. „Es soll gewiss net dein Schaden sein.“
Wieder stieß das Mädchen ein Lachen aus, doch diesmal klang es ausgesprochen verächtlich.
„Sag, soll ich gar deine Bäuerin werden?“, fragte sie listig. „Noch ist die Deinige net unter der Erd, auch wenn es dir recht wär.“
„Net gar so frech, Anna! Bist scho a rechtes …“
Der Mann und das Mädchen schienen miteinander zu ringen, Mattis vernahm ein Keuchen und dann einen dumpfen Fall, dem ein wüster Fluch folgte.
„So kannst mir net kommen, Lenbacher! Auf deine Versprechungen geb ich nix, da bleibt mein Kammertürl zu. Und wenn du mich grob anfassen tust, dann erst recht.“
Lenbacher, der von Anna zu Fall gebracht worden war, rappelte sich unter Verwünschungen auf.
„Du Flitscherl“, brüllte er. „Aber ich bekomm dich schon noch!“
Mattis, der wie erstarrt dastand, verließ hastig die Scheune, um nicht gesehen zu werden, und überquerte mit steifen Schritten den Hofplatz.
„So a Schand, so a Schand“, murmelte er vor sich hin, und heiße Lohe stieg in ihm auf.
Er betrat den Flur des breiten Wohnhauses, und der vertraute Duft nach frisch gebackenem Brot empfing ihn. Sonst eilte er immer in die Küche, um ein Stück der warmen Kruste abzubrechen, doch heute stand ihm nicht der Sinn danach.
Stattdessen goss er sich in der Stube einen Obstler ein, den er in einem Zug hinunterschüttete, als könnte er auf diese Weise den üblen Geschmack in seinem Mund loswerden.
Nach einer Weile kam Anna herein, um den Abendbrottisch zu decken. Die hochgewachsene, kräftige Frau arbeitete geschickt und schnell. Sie schob sich eine dunkle Strähne aus dem sinnlichen Gesicht, als sie sich beobachtet fühlte.
Unwillkürlich kam Mattis in den Sinn, was Anna über seine Mutter gesagt hatte, und wieder brandete Zorn in ihm auf. Aber er beherrschte sich.
„Ist die Bäuerin wach?“, fragte er wie beiläufig.
Anna nickte. „Geh nur zu ihr hinauf. Sie wird sicher schon auf dich warten.“
Mattis eilte nach oben, zwei Stufen auf einmal nehmend. Leise öffnete er die Tür zu dem kleinen Raum, in dem seine Mutter seit Jahren krank daniederlag.
Die Kammer war wie immer abgedunkelt, da Gertrud Lenbacher das helle Tageslicht nicht mehr ertrug. Sie war wach und richtete mühsam den Kopf auf, als Mattis eintrat.
„Mattis, wie schön, dass du nach mir schaust“, sagte sie mit einer Stimme, die stets atemlos klang.
„Wie fühlst dich, Mutter?“
„Ich glaub, es geht mir besser in letzter Zeit“, antwortete sie matt.
Mattis wusste, dass das nicht zutraf. Sie wollte ihn nur beruhigen.
Voller Schmerz ruhte sein Blick auf dem abgezehrten Gesicht seiner Mutter. Auch jetzt war noch zu erkennen, dass Gertrud einmal sehr schön gewesen sein musste.
Einst hatte Anselm Lenbacher voller Leidenschaft um das schöne Mädchen gefreit und Gertrud schließlich errungen. Er war dabei auf viele Widerstände gestoßen, vor allem bei seinen Eltern, denn Gertrud stammte aus einer armen Kleinhäuslerfamilie.
Doch nicht nur die Ablehnung der Schwiegereltern und der Neid der anderen Frauen waren es, die diese Ehe, die aus Liebe geschlossen worden war, letztendlich unglücklich machte. Gertrud litt unter der aufbrausenden, gefühlsarmen Wesensart ihres Mannes, und sie hatte sich allmählich immer weiter von ihm zurückgezogen.
Nach Mattis’ Geburt schenkte sie einem weiteren Kind das Leben, das schon nach wenigen Tagen starb. Danach fing sie an zu kränkeln, und ihr Zustand verschlimmerte zusehends. Man musste es Lenbacher zugutehalten, dass er nichts unversucht ließ, um die Gesundheit seiner Frau wiederherzustellen. Doch kein Arzt war imstande, das Leiden der Kranken zu lindern oder gar eine Besserung herbeizuführen.
Lenbacher gab irgendwann auf und begann, mit dem Schicksal zu hadern. Es verlangte ihn nach einer gesunden Frau, die ihm weitere Kinder schenken würde und seinem Haushalt vorstand. Doch dieses bedauernswerte Geschöpf, das nie klagte und sich nichts mehr vom Leben wünschte, erfüllte ihn mit Widerwillen. Einen Widerwillen, den er kaum noch verbarg und der ihn die Zuneigung seines Sohnes kostete.
Gertrud war in einer abgelegenen Kammer untergebracht worden und wurde gut versorgt. Hin und wieder stattete er ihr einen Besuch ab. Jeder wusste, dass er dies nur tat, um den Schein zu wahren.
Von Kindesbeinen an hatte Mattis ein inniges Verhältnis zu seiner Mutter gehabt. Wann immer er die Gelegenheit hatte – Lenbacher schonte seinen heranwachsenden Sohn nicht –, hielt er sich bei ihr auf. Wahrscheinlich war es die Liebe zu ihrem Sohn, die Gertrud dieses Leben ertragen ließ. Sie wollte ihn aufwachsen sehen und ihn nicht völlig der Willkür seines Vaters überlassen.
Sonst berichtete ihr Mattis immer von den täglichen Ereignissen oder davon, was sich im Dorf zugetragen hatte, doch heute war er eigenartig wortkarg und in sich gekehrt. Mit dem Instinkt der Kranken spürte sie, dass Mattis etwas beschäftigte.
„Hast du was, Mattis?“
Der junge Mann schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln.
„Ist wieder etwas mit dem Vater?“
Mattis zuckte zusammen, aber dann gelang es ihm, seine Selbstbeherrschung wiederzuerlangen.
„Ach, du weißt doch, wie er ist“, gab er zurück. „Lass uns von etwas anderem reden.“
Seine Mutter gab sich mit dieser Erklärung zufrieden, weil sie annahm, dass es wieder zu den üblichen Reibereien zwischen ihm und seinem Vater gekommen sei. Er schilderte ihr den letzten Dorfklatsch, und einmal huschte sogar ein Lächeln über ihr Gesicht.
„Mattis, wo steckst denn wieder?“ Von unten war die barsche Stimme des Vaters heraufgedrungen. „Der Vater braucht dich.“
Mattis stand auf und küsste seine Mutter zärtlich auf die Stirn, ehe er die Kammer verließ. Als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte, tastete Gertrud nach ihrem Rosenkranz und ließ ihn durch die Finger gleiten.
Anselm Lenbacher musterte seinen Sohn mit unverhohlener Missbilligung. Mattis glich nur wenig der Vorstellung, die er sich vom zukünftigen Erben und Bauern des Lenbacherhofes gemacht hatte.
Mattis war von sehniger Schlankheit und hatte nichts mit der kraftvollen Massigkeit seines Vaters gemein. Sein gut geschnittenes Gesicht zeigte grüblerischen Ernst und Empfindsamkeit, was von seinem Vater als Schwäche abgetan wurde. Oft warf er Mattis vor, ein Muttersöhnchen und kein richtiger Mann zu sein, obwohl dieser voller Tatkraft seinen täglichen Pflichten nachging.
„Was machst du denn wieder für ein Gesicht?“, fuhr er Mattis übellaunig an. „Statt am Rockzipfel deiner Mutter zu hängen, solltest lieber das tun, was ich dir anschaff.“
Mattis kam bei diesen Worten unwillkürlich in Erinnerung, wie ihn sein Vater wegen eines harmlosen Kinderstreiches mit der Gerte gezüchtigt hatte, und sein Herz verhärtete sich.
„Und? Was wär das?“
Umständlich trug ihm sein Vater verschiedene Aufgaben auf, die Mattis ohnedies verrichtet hätte. Doch er verzog keine Miene, sondern wandte sich um und ließ seinen Vater, dessen Gesicht sich wütend verzerrte, einfach stehen.
***
„Du bist also die Neue.“
Katrin Angerer errötete unter dem musternden Blick des Lenbachers. Am liebsten hätte sie ihre Siebensachen wieder genommen und wäre aus dieser reich ausgestatteten Bauernstube geflohen.
„Du schaust net danach aus, als ob du richtig anpacken kannst, so a spillriges kleines Ding wie du.“
Katrin errötete tiefer. „Ich habe zwei Jahr auf dem Menzingerhof drüben in Althausen geschafft, und der Bauer war immer zufrieden mit mir. Und bei dem Menzinger hält man es nur aus, wenn man das Arbeiten gewohnt ist“, gab sie zur Antwort.
Anselm betrachtete sie noch einmal prüfend. Sie war jung, wahrscheinlich sah sie noch jünger aus, als sie tatsächlich war, und glich in nichts den anderen Dorfmädchen. Ihr feines Gesicht mit den großen dunkelblauen Augen war von großer Lieblichkeit, silberblonde Locken umrahmten es.
Ihre Figur, die in einem abgetragenen, schlechtsitzenden Kleid steckte, wirkte schmächtig und mager, was durch die klobigen Arbeitsschuhe unterstrichen wurde.
„Und warum bist dann vom Menzingerhof weggegangen, wenn der Bauer so zufrieden mit dir war?“
„Der Menzinger ist halt arg knausrig“, antwortete sie ohne zu stocken. Denn das war keine Lüge, man machte sich allgemein über den Geiz des reichen Großbauern lustig.
Niemals hätte sie zugegeben, dass sie den Nachstellungen des Hofsohnes entkommen wollte. Lieber wäre sie in der gewohnten Umgebung geblieben, doch das unverschämte Verhalten des jungen Burschen hatte ihr das Leben zur Qual gemacht.
„Der Menzinger ist a arger Geizhals, da hast du recht. Und a junges Madl wie du will sich schließlich seine Aussteuer zusammensparen. Hier kann sich niemand beklagen, aber es darf sich auch keiner auf die faule Haut legen, damit wir uns gleich richtig verstehen.“
Er hielt inne. Katrin sah ihm an, dass er sich überwinden musste, um fortzufahren.
„Die Bäuerin ist krank, das wirst ja wissen, und die Wirtschafterin hat mich auch im Stich gelassen, weil sie auf ihre alten Tage doch noch einen zum Heiraten gefunden hat. Die Anna schafft das net allein – ich hoff, du kannst wenigstens kochen“, fügte er hinzu.
„Ja, ich werd mich anstrengen.“
Katrin blickte Lenbacher scheu an, der ihr jetzt die Papiere zurückreichte. Der Bauer, dessen äußere Erscheinung schon beeindruckend war, schüchterte sie ein.
Hochgewachsen und stark, strömte er unbezähmbare Lebenskraft aus. Sein derbes, jedoch nicht unschönes Gesicht trug den Ausdruck eines Menschen, der es gewohnt war, seinen Willen gegen alle Widerstände durchzusetzen. Seinen hellen Augen schien nichts zu entgehen, und wie die meisten Menschen in seiner Umgebung fühlte sie sich unbehaglich unter seinem Blick.
„Anna“, rief er mit befehlsgewohnter Stimme, die durch das ganze Haus hallte.
„Was gibt’s?“ Eine kräftige junge Frau mit einem herausfordernden Zug um den vollen roten Mund stand in der Tür und wischte sich die Hände an der Überschürze ab.
„Das ist die Katrin, sie kann dir gleich helfen. Zeig ihr aber zuerst ihre Kammer!“
„Ja“, gab Anna einsilbig von sich und sah das junge Mädchen abschätzig von Kopf bis Fuß an.
An der ist ja überhaupt nichts dran, die wird dem Bauer sicher net gefallen, dachte sie bei sich.
Lenbacher trat ans Fenster, und seine Brauen zogen sich düster zusammen, als er seinen Sohn erblickte, der den Hofplatz überquerte. Zugegeben, Mattis war ein ansehnlicher junger Mann, dessen Bewegungen Kraft und Ausdauer verrieten. Auch mangelnde Tüchtigkeit konnte er ihm nicht vorwerfen, denn Mattis arbeitete unermüdlich im Gegensatz zu vielen anderen Großbauernsöhnen, die es in die Stadt zog.
Und dennoch verband ihn nichts mit seinem Sohn, und in den letzten Jahren hatte sich ihr Verhältnis zueinander immer mehr verschlechtert. Mattis sprach offen aus, dass ihm missfiel, wie sein Vater mit den Hofleuten umging, die er zwar gut bezahlte, aber doch ausnutzte und geringschätzte.
Das hatte schon zu heftigen Auseinandersetzungen geführt, der keine Versöhnung gefolgt war. Besonders aufgebracht war Lenbacher jedoch, wenn Mattis ihm vorwarf, die Mutter zu vernachlässigen und so zur Verschlechterung ihres Zustandes beizutragen.
Inzwischen war ihre Beziehung so angespannt, dass Mattis es nicht mehr ertragen konnte, mit seinem Vater unter einem Dach zu leben. Nach langen Kämpfen hatte er durchgesetzt, dass er eine landwirtschaftliche Fachhochschule in der Stadt besuchen durfte, obwohl es ihm schwerfiel, die Mutter zurückzulassen.
Als Mattis eintrat, warf sein Vater ihm einen unfreundlichen Blick zu.
„Du willst also wirklich weg vom Hof?“, fragte er ihn statt einer Begrüßung. „Du bist der erste Lenbacher, der glaubt, dass man ihm in der Stadt etwas beibringen könnte. Bist halt doch aus der Art geschlagen! Und deine Mutter kümmert dich auf einmal net mehr.“
Lenbacher nahm mit Befriedigung wahr, dass sich das Gesicht seines Sohn beim letzten Satz verfärbt hatte.
„Sie will sogar, dass ich von hier weggeh, weil sie weiß, dass das hier kein Leben für mich ist“, gab Mattis zur Antwort. „Seit wann machst du dir Sorgen um sie? Kannst es doch kaum erwarten, wieder aus ihrem Zimmer herauszukommen, wennst dich schon mal blicken lässt. Du trägst viel Schuld daran, dass sie so elend …“
„Wie redst denn mit deinem Vater?“, fiel ihm Lenbacher aufgebracht ins Wort. „Solang du die Füße unter meinen Tisch steckst, hast stad zu sein.“
„Damit hat es a End. Es wird höchste Zeit, dass ich endlich selbstständig werd. Ich weiß net, ob ich überhaupt wieder auf den Hof zurückkehre, so wie die Dinge jetzt stehen. Mit dir ist ja kein Auskommen mehr“, gab Mattis ungerührt zur Antwort.
Er verließ, wie so oft nach einer Auseinandersetzung mit seinem Vater, die Stube – lieber wollte er in der Küche kurz Brotzeit halten, als sich mit dem Vater an einen Tisch setzen.
Anselm Lenbacher blieb zurück und haderte mit dem Schicksal.
„Undankbar, einfach undankbar! Warum bin ich mit so einem Sohn geschlagen! Und die da oben …“, er warf einen bösen Blick in Richtung des Krankenzimmers, „die da oben will net unter die Erd, dass ich endlich neu anfangen könnt.“
Danach bekreuzigte er sich hastig, als sei ihm die Schändlichkeit seines Denkens zu Bewusstsein gekommen. Doch immer wieder schlugen seine Überlegungen diese Richtung ein, sosehr er sich auch bemühte, sie zu verdrängen.
Gedankenverloren ging er zur Kredenz und goss sich einen Obstler ein. Immer überwältigender wurde der Wunsch in ihm, von der Last einer kranken Frau befreit zu werden – er wollte ungebunden sein, um seinem Leben eine neue Richtung geben zu können.
Eine Scheidung kam für ihn nicht infrage, denn das widersprach den strengen Moralvorstellungen der Gebirgler und würde seinem Ansehen schaden. Da er insgeheim die Absicht verfolgte, sich später einmal zum Bürgermeister wählen zu lassen, musste er wirklich alles vermeiden, was die Dörfler gegen ihn aufbringen konnte.
