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Die Sarbacher-Sina ist mit Abstand das hübscheste Mädchen im Tal. Das sehen nicht nur die Burschen so, die ihr bei jeder Gelegenheit nachstellen, sondern auch ihr Halbbruder Andreas. Er ist es, der Sina immer wieder vor allzu zudringlichen Bewerbern beschützt.
Doch je älter und fraulicher Sina wird, desto klarer erkennt Andreas, dass seine Gefühle für sie nicht länger mehr nur brüderlich sind. Und auch Sina empfindet in seiner Gegenwart plötzlich eine bisher unbekannte süße Befangenheit ...
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Liebe ohne Hoffnung
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Michael Wolf
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-4249-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Liebe ohne Hoffnung
Zwei Herzen kämpfen gegen verbotene Gefühle
Von Rosi Wallner
Die Sarbacher-Sina ist mit Abstand das hübscheste Mädchen im Tal. Das sehen nicht nur die Burschen so, die ihr bei jeder Gelegenheit nachstellen, sondern auch ihr Halbbruder Andreas. Er ist es, der Sina immer wieder vor allzu zudringlichen Bewerbern beschützt.
Doch je älter und fraulicher Sina wird, desto klarer erkennt Andreas, dass seine Gefühle für sie nicht länger mehr nur brüderlich sind. Und auch Sina empfindet in seiner Gegenwart plötzlich eine bisher unbekannte süße Befangenheit …
„Lasst das Madel aus, habt ihr gehört?“
Die übermütige Schar der Dorfburschen wich auseinander, als Andreas Sarbacher herbeigestürmt kam, seine Schwester am Arm ergriff und sie aus ihrer Mitte zog.
„Schämt ihr euch fei net, die Sina so zu plagen, dass sie weint?“, rief er aufgebracht und legte beschützend den Arm um das schluchzende Mädchen.
„Die ist halt eine Zimperliche und versteht keinen Spaß“, spottete Franzl Hochstetter. „Kein Haar haben wir ihr gekrümmt. Zieh schon mit ihr ab, du Weiberknecht.“
Höhnische Rufe klangen den beiden nach, als sie eilig durch die Dorfstraße schritten, bis sie endlich außer Sichtweite waren und innehielten.
„Jeden Sonntag nach der Kirche verfolgen die Burschen mich, ganz voran der Franzl. Alle werden denken, ich wäre selber dran schuld, aber ich hab nichts getan.“
Sina brach erneut in heftiges Weinen aus, was Andreas ins Herz schnitt.
„Das weiß ich doch, Sina. Ich hab mir schon gedacht, dass ich nach dem Rechten schauen muss, als ich deine Freundinnen ohne dich gesehen hab“, erklärte er sein überraschendes Auftauchen.
„Die Freundinnen haben sie ausgelassen. Der Franzl hat es immer nur auf mich abgesehen.“
Obwohl ihr Gesicht verweint war und ihr das Haar wirr in die Stirn fiel, hätte ihr Andreas leicht den Grund dafür sagen können, warum Franz Hochstetter, und nicht nur er, Sina nicht in Ruhe ließen. Schon als sie kaum dem Kindesalter entwachsen war, stand für alle fest, dass sie das schönste Mädchen im Tal war. Lockige braune Haare, die wie Kupfer schimmerten, wenn die Sonne darauf fiel, umgaben ein Gesicht von berückender Lieblichkeit, das von großen graugrünen Augen beherrscht war.
Sina trug ein verwaschenes, abgetragenes Dirndlkleid, das beste, das sie besaß, und klobige Schuhe. Dennoch konnte die formlose, armselige Kleidung nicht über die Anmut ihrer schlanken, ebenmäßigen Gestalt hinwegtäuschen.
Sie flocht angelegentlich den dicken Zopf, der von Franz zur Hälfte gelöst worden war, wieder zusammen, was Andreas erneut in Zorn versetzte.
„Dem Franzl muss ich mal ordentlich …“
„Es hat doch keinen Sinn, wenn du dich wieder mit ihm raufst, dann wird es nur noch ärger“, fiel sie ihm sofort ins Wort, „du kennst ihn doch.“
Andreas schwieg, und die Geschwister setzten ihren Weg fort, bis sie auf eine Anhöhe gelangten, von der man weit über das Tal blicken konnte. Sie blieben stehen, um Atem zu schöpfen und gleichzeitig zu dem Gebirgsmassiv, das das Tal begrenzte, hinüberzuspähen.
„Schad, heut kann man keine Gamsen sehen“, sagte Sina enttäuscht, ohne den Blick von dem so vertrauten Anblick zu lassen, der sie immer wieder aufs Neue in Entzücken versetzte.
„Wie die Sonne heut auf den Gletschern glitzert!“
„Als Kind hast immer gesagt, die Felsen täten wie Raffzähne ausschauen.“
Andreas lachte, doch dann wurde er unvermittelt ernst.
„Wir müssen uns beeilen. Die Mutter hat es net gern, wenn sie warten muss.“
Sinas Gesicht verdüsterte sich bei der Erwähnung ihrer Mutter, doch sie nickte zustimmend.
Wie sie ihn liebte und bewunderte, den großen Bruder, der sie immer beschützt hatte, soweit sie zurückdenken konnte! Spontan umhalste sie ihn und wollte ihn küssen, doch aus einem unerfindlichen Grund wich er vor ihr zurück. Er war errötet, doch als er den verletzten Ausdruck auf ihrem Gesicht wahrnahm, ergriff er sie bei der Hand, wie sie es früher immer getan hatten, als sie noch Kinder waren. So stiegen sie den steilen Bergpfad hinauf, der zum abgelegenen Einödhof der Sarbachers führte.
Das Anwesen, das sich ihren Blicken darbot, war kein großer Besitz, aber er war mit viel Mühe und Arbeit instandgehalten. Das breit hingelagerte Wohnhaus und die angegliederten Stallungen waren weiß gekalkt, das Gebälk und die dunkelbraunen hölzernen Läden frisch gefirnisst. Im Sommer würden rote Hängegeranien von den Fenstersimsen herabflammen, was dem Haus ein geradezu heiteres Aussehen verlieh.
Sina lächelte. Sie freute sich auf diese Zeit, auch wenn sie dann auf dem Feld und in dem weitläufigen Gemüsegarten bis zur völligen Erschöpfung mit anpacken musste. Doch gleichzeitig verlieh ihr diese Arbeit außer Haus eine gewisse Freiheit, die sie innerhalb der Familie schmerzlich vermisste.
Kaum, dass sie eingetreten waren, verflog Sinas Vorfreude sofort. Schon auf dem Flur empfing sie die schrille, zeternde Stimme der Mutter.
„Wir warten nur noch auf euch! Die Suppe steht schon auf dem Tisch. In Zukunft ist hier kein Platz mehr für euch, wenn ihr net pünktlich seid!“
Apollonia Sarbacher stand am Tisch in der Stube, wo sich schon die übrige Familie und der alte Hias, der schon seit den Großeltern auf dem Hof lebte, zum Mittagessen eingefunden hatten. Sie schöpfte eine dicke, köstlich duftende Gemüsesuppe aus einer großen irdenen Terrine in die Teller. Was auch immer man über die Bäuerin sagen konnte, sie war jedenfalls eine ausgezeichnete Köchin.
Leider hatten es die Jahre nicht gut mit Apollonia gemeint. Sie war eine hagere, hochgewachsene Frau, die in ihrer Jugend einmal anziehend gewesen sein musste. Doch schwere Arbeit, vor allem aber Verbitterung, hatten die frühere Schönheit ausgelöscht.
Als arme Kleinbauerntochter hatte sie auf ihre Einheirat auf dem Sarbacherhof große Hoffnungen gesetzt, in denen sie sich inzwischen bitter getäuscht sah. Es hatte nur Arbeit auf sie gewartet, und der Bauer fand kaum ein freundliches Wort für sie. Bald war ihr klar, dass Quirin Sarbacher sie nur geheiratet hatte, um eine Wirtschafterin einzusparen, und weil er jemanden brauchte, der ihm seinen Sohn aus erster Ehe großzog.
Quirin Sarbacher war nämlich, was in jener Gegend selten vorkam, geschieden. Seine erste Frau hatte ihn nach kurzer Ehe verlassen, ohne den kleinen Sohn mitzunehmen. Über diesen Schicksalsschlag war er nie hinweggekommen, und sein Herz hatte sich verhärtet. Er war nie imstande gewesen, seiner zweiten Frau und den Kindern Verständnis und Zuneigung entgegenzubringen.
Apollonia, die sich vergeblich bemüht hatte, ihren Mann für sich zu gewinnen, war unzufrieden und nörglerisch geworden. Ihr Missmut entlud sich meistens auf die Kinder, vor allem aber auf ihren Stiefsohn.
Andreas hatte sich ihr als Kind beharrlich entzogen, wahrscheinlich, weil er gespürt hatte, dass ihre Liebesbezeugungen nur geheuchelt waren. Denn es verdross sie, dass Andreas, der Sohn der „Davongelaufenen“, wie jeder die erste Sarbacherin nannte, einmal den Hof erben sollte und nicht ihre eigenen Kinder.
Dass sie keinen Sohn geboren hatte, war eine weitere Quelle des Verdrusses für sie. Sie lehnte daher auch ihre beiden Töchter ab, worunter besonders Sina immer sehr gelitten hatte. Beide, vor allem Sina als Ältere, wurden von ihr bereits im Kindesalter mitleidslos zur Arbeit herangezogen, und es setzte Schläge, wenn sie nicht zufrieden mit ihnen war.
„Der Andreas kann nichts dafür. Er ist noch amal zurückgegangen, um mir zu helfen. Der Hochstetter-Franzl hat mir wieder aufgelauert“, verteidigte Sina ihren Bruder schnell.
Apollonias Lippen pressten sich böse zusammen, und sie musterte ihre Tochter kalt.
„Zu meiner Zeit gab es das net. Wenn sich ein Madel anständig aufgeführt hat, ist sie auch net despektierlich behandelt worden. Merk dir das gefälligst!“
Sina hatte Mühe, die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten, so sehr traf sie die unverdiente Maßregelung.
„Ich hab nichts getan“, stammelte sie.
„Jetzt hör endlich auf mit dem unnützen Gerede. Wenn ich noch amal was in der Richtung hör, dann setzt es etwas. Meine Tochter benimmt sich net wie eine Hergelaufene.“
Quirin Sarbacher schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass alle zusammenzuckten, denn sein Jähzorn war gefürchtet. Seine Stirn hatte sich bedrohlich gerötet, und er starrte seine Tochter wutgeladen an.
Ihr Liebreiz rührte ihn nicht an, sondern erfüllte ihn eher mit Unbehagen. Seit es deutlich wurde, welche Wirkung Sinas Schönheit auf die Dorfburschen hatte, hatte sich diese Empfindung noch gesteigert.
Die muss ich beizeiten unter die Haube bringen, dachte er. Das bringt nie was Gutes, wenn die Burschen so hinter einem Madel her sind. Entweder fällt es auf den Falschen rein, oder es bildet sich ein, keiner wäre gut genug für sie.
„Hast du mich verstanden?“, herrschte er sie an.
Sina nickte und senkte den Kopf.
Auch die anderen schwiegen, selbst Andreas. Er war der Einzige, der dem Vater sonst widersprach und sich ihm offen widersetzte. Doch heute ließ er es nicht darauf ankommen, denn er wusste, dass Sina es büßen musste, wenn es wegen ihr zu einer Auseinandersetzung zwischen ihnen kam.
Einmal, als Sina es wieder wagte, vom Teller aufzublicken, warf er ihr verstohlen einen aufmunternden Blick zu, und erleichtert nahm er wahr, wie sich ihre Züge aufhellten.
Arme Sina, dachte er, was für eine Zukunft kann es für sie geben? Der Vater wird sie aus dem Haus haben wollen und sie mit einer schäbigen Mitgift mehr schlecht als recht verheiraten.
Ein eiserner Ring legte sich um seine Brust, als er sich vorstellte, dass sich Sina, seine schöne, empfindsame Schwester, auf einem abgewirtschafteten Bauernhof abrackern musste und vielleicht nur wenig Liebe erfuhr.
Sein Blick wanderte wieder zu seinem Vater hinüber.
Quirin Sarbacher saß breit und wuchtig an seinem angestammten Platz und schenkte seine ganze Aufmerksamkeit dem Essen. Sein Gesicht war von einem harten, entbehrungsreichen Leben gezeichnet, tiefe Furchen durchzogen es, obwohl er noch nicht einmal die Fünfzig erreicht hatte.
Die Familie litt zwar keine Not, doch die bescheidenen Beträge, die der Hof abwarf, erlaubten keine größeren Anschaffungen. Andreas hatte allerdings den Vater im Verdacht, dass er seiner Familie gegenüber knauserte. Zwar war nie genug Geld für den Haushalt oder bessere Kleidung da, doch selbst in harten Zeiten, wenn die Ernte nicht so gut ausgefallen war, hatte er sich nie einen Wirtshausbesuch versagt.
Andreas liebte seinen Vater nicht, was ihn, als er noch jünger war, immer mit einem unbestimmten Gefühl der Schuld erfüllt hatte. Inzwischen verheimlichte er diese Tatsache kaum noch, obwohl er niemals abfällig über Sarbacher sprach oder seine Anweisungen missachtete.
Er glich so wenig seinem Vater, dass nicht nur er der Meinung war, dass er ganz seiner Mutter, an die er keine Erinnerung mehr hatte, nachgeraten war. Im Gegensatz zum Bauern war er ruhig und zurückhaltend und besaß nicht dessen aufbrausendes und jähzorniges Naturell. Die Dörfler sagten ihm nach, dass man nicht so leicht klug aus ihm werden könnte.
Eine lieblose Kindheit hatte ihn verschlossen gemacht und ihn gelehrt, seine Gefühle zu verbergen, um unangreifbarer zu werden.
Auch äußerlich unterschied sich der schlanke junge Mann stark von seinem Vater.
Außer Sina stand ihm von der Familie niemand nahe, auch nicht die jüngste Schwester.
Resi, die mit der gleichen Hingabe wie ihr Vater aß, war ein kräftiges Mädchen mit einem niedlichen Grübchengesicht. Sie war ein Jahr jünger als Sina, die gerade achtzehn geworden war. Im Unterschied zu ihrer Schwester besaß sie schon jetzt eine Art Gleichmut, die sie dazu befähigte, allen Widrigkeiten zu trotzen und sich ungerührt ihre kleinen Vorteile zu verschaffen.
Auch jetzt hatte sie keinerlei Anteilnahme an dem Geschehenen gezeigt.
Dass ihre Schwester ungerecht behandelt worden war, berührte sie nicht im Mindesten. Sie gönnte Sina auch insgeheim die Schmach, denn diesen Sonntag war sie, Resi, an der Reihe gewesen, der Mutter in der Küche zu helfen, was ihr immer gründlich missfiel.
Resi wird es einmal leichter im Leben haben als Sina, ging es Andreas durch den Sinn, als er zu ihr hinübersah. Ihr ganzes Trachten war auf den Erwerb von Besitz gerichtet, und Andreas war sich sicher, dass sie Mittel und Wege finden würde, ihre Ziele zu erreichen.
Aber um Sina machte er sich große Sorgen.
***
Mit glänzenden Augen sah Sina dem festlichen Treiben zu, das auf dem Dorfplatz herrschte. Das alljährliche Schützenfest wurde, wie es der Brauch war, mit großem Aufwand gefeiert.
Die Kinder drängten sich vor den Ständen mit den verlockenden Süßwaren oder wurden von dem alten Karussell mit den holzgeschnitzten Figuren angelockt, das sich unermüdlich zu den schon leicht verzerrt klingenden Melodien drehte.
„Weißt, am liebsten hätte ich auch so eine Zuckerwatte“, sagte Sina zu Andreas, der seine beiden Schwestern begleitete.
Seiner Fürsprache war es zu verdanken, dass Sarbacher überhaupt die Erlaubnis gegeben hatte, die Mädchen an dem Fest teilnehmen zu lassen. Jedes kleine Vergnügen musste ihm abgetrotzt werden, es war, als ob er seinen Kindern nicht die geringste Freude gönnte. Andreas lachte.
„Bist halt noch net lang aus den Kinderschuhen heraus. Aber deine Zuckerwatte sollst haben, Sina.“
Sie schlenderten zu einem der Stände, wo es köstlich nach gebrannten Mandeln und türkischem Honig duftete, und viele Blicke folgten ihnen.
Sinas Schönheit fiel heute mehr ins Auge denn je, denn sie strahlte vor Freude und genoss jeden Augenblick. Das kupfrig schimmernde Haar trug sie hochgesteckt wie eine Krone, was ihr eine eigenartige Würde verlieh. Ein blauer Baumwollrock schwang glockig um ihre Beine, sie hatte ihn, ebenso wie die schlichte weiße Bluse, selbst genäht.
Resi konnte neben ihrer Schwester durchaus bestehen, auch wenn ihre Reize von ganz anderer Art waren. Ihre blonden Haare fielen lockig auf die Schultern herab, und der Blick ihrer hellblauen Augen hatte etwas Herausforderndes. Mit ihrer üppigen, aber keineswegs plumpen Gestalt vermittelte sie den Eindruck unverwüstlicher Lebenskraft.
Es fehlte Resi keineswegs an Verehrern, denn so wie sie war, wünschten sich viele Burschen eine Frau, eine, die hübsch und nicht gar zu empfindlich war und vor allen Dingen bei der Arbeit tüchtig zupacken konnte. Ihr Weg schien vorgezeichnet, und niemand bezweifelte, dass das ganz in Einklang mit Resis eigenen Wünschen stand.
Sina war dagegen bei den Dörflern als stolz verschrien, weil sie allen Annäherungsversuchen der Burschen aus dem Weg ging. Was ihr Vater anfangs als Gehorsam gedeutet hatte, begann ihm zunehmend zu missfallen, denn Sina hatte schon mehrmals erklärt, dass sie nicht heiraten wolle.
In groben Worten hatte er ihr dann ihre Zukunft beschrieben, dass sie als alte Jungfer verachtet bei ihrer zukünftigen Schwägerin die geduldete Dienstmagd spielen würde.
Danach hatte Sina nie mehr ein Wort darüber fallen lassen, um nicht wieder einen der Wutanfälle ihres Vaters auszulösen. Denn wenn sie an die Ehe ihrer Eltern dachte, graute es ihr.
Doch jetzt war alle Angst und Düsterkeit von ihr abgefallen. Neugierig erkundete sie mit ihren Geschwistern, was es auf dem Festplatz alles zu sehen gab. Bald hatten sich ihnen auch ein paar andere Burschen und Mädchen aus dem Dorf angeschlossen, und Scherzworte, gefolgt von übermütigem Gelächter, flogen hin und her.
Andreas war bei den Mädchen gern gesehen, und manche hatte schon ihr Herz an ihn verloren. Er sah nicht nur gut aus, sondern er war auch zuvorkommend und nicht so ungehobelt wie die meisten der Dorfburschen. Zudem haftete ihm etwas Unbestimmbares an, eine Anziehungskraft, die sich schwer erklären ließ.
Doch noch keinem Mädchen war es gelungen, ihn für sich zu gewinnen. Er war gleichbleibend freundlich, doch er verliebte sich in keine von ihnen. Wenn man ihn aufzog, dass er noch keinen Schatz hatte, während andere in seinem Alter längst verheiratet waren, lachte er nur und sagte: „So was braucht halt seine Zeit. Das Madel, das ich einmal heiraten tu, schau ich mir vorher ganz genau aus.“
