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"Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2013Ein Berlin voller Lebensgeschichten und eine Autorin, die sich einfühlsam an die Seite ihrer Figuren stellt.Aus einem kaukasischen Städtchen über Leningrad bis nach Berlin führt das grandiose Roman-Debüt von Nellja Veremej, das seine geographischen und kulturellen Motive schon im Titel trägt. "Berlin liegt im Osten" heißt das Buch, in dem von den städtischen Enklaven russischer Migranten ebenso farbig erzählt wird wie von Provinzkindheiten in der ehemaligen Sowjetunion. Das Berlin dieses Romans, der rund um den Alexanderplatz spielt, hat seine Reservate der Einsamkeit und der Lebensfreude, und es wird durch die unnachahmliche Stimme einer Ich-Erzählerin lebendig, die den nur scheinbar unspektakulären Beruf einer Altenpflegerin ausübt. Durch sie hindurch wandern die Lebensgeschichten der Klienten und verbinden sich mit ihrer eigenen Biografie. Darin gibt es neben dem aberwitzigen, fast surrealen Osten auch ein Deutschland, in dem diese Frau endgültig anzukommen versucht. "Berlin liegt im Osten" lebt von der zarten Zuneigung der Autorin zu ihren Figuren, der Roman entwirft ein großes Panorama aus Geschichten und Geschichte, und er handelt vom Anfang allen Erzählens: von der Erinnerung."
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2013
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© 2013 Jung und Jung, Salzburg und Wien
Umschlaggestaltung unter Verwendung eines
Bildes von Theodor Krampf
Alle Rechte vorbehalten
Druck: CPI Moravia Books, Pohorelice
ISBN 978-3-99027-031-8
NELLJA VEREMEJ
Roman
Den Schatten hab ich, der mir angeboren,Ich habe meinen Schatten nie verloren.
Adelbert von Chamisso
Auffällig viele unserer Ansiedlungen sindausgerichtet und verschieben sich, wo dieVerhältnisse es erlauben, nach Westen.
W. G. Sebald
Die Entfernungen waren riesig, Umzüge ultimativ. Es gab keine Rückkehr in die verlassenen Orte, daher waren sie auch schnell mit Efeu und Moos überwuchert. Die Konturen und Farben schmolzen dahin, bis die Erinnerung an das Städtchen nur noch aus ein paar grauen Aufnahmen bestand: Das lange, niedrige Haus aus rauen Kopfsteinen. Mit weißem Mörtel nachgezogene, tief sitzende Fensterlider. Spärliche Blumenbeete in alten, mit Kalk geweißten Lastwagenreifen. Ein Kinderwagen, hoch und geräumig wie eine königliche Kutsche. Vaters Hand, wie sie das Motorrad an den Hörnern fasst. Es ähnelt mit seinen glatten schwarzen Körperteilen einer gigantischen Ameise. Die einst in die Linse einer Zenit-Kamera geratenen Details sind die einzigen Beweise, dass Kema überhaupt existiert hat. Es war eine kleine Siedlung beim Militärflughafen am Rand des endlosen, verschneiten, ehemaligen Imperiums, und für dieses Städtchen habe ich meinen ganzen Vorrat an Heimweh verbraucht. Alle anderen Orte auf meinem langen Weg habe ich leichten Herzens verlassen.
Wie viele Kindheiten war auch meine von einem Fluss durchströmt. Unser Fluss war zahm und ruhig. Im Frühling laichten dort Lachse, und unsere Väter wurden zu Neandertalern, wenn sie die schweren und trächtigen Fische auf spitze Stöcke spießten. Im Sommer gehörte der Fluss mit seinen Wasserkäfern und Würmchen uns, den Kindern. Der erste Frost fesselte das Wasser schlagartig und überrumpelte all das kleine Flussgetier. Wir räumten einen kleinen Bildschirm vom Schneegrieß frei und schauten hinein: Der in metertiefem Eis eingemeißelte Frosch, die Beine wie im Flug vereist; ein verdutzter Fisch mit verrosteten Schuppen und rötlichen, scheinbar entzündeten Flossen; eine schwarze Schlange, die mit ihrem kleinen glatten Kopf einer bösen Frau ähnelte. In steife Filzstiefel und krause Lammmäntel eingepackt, lagen wir stundenlang auf dem Eis und versuchten mit der Wärme unserer Finger einen Tunnel zu den erstarrten Lebewesen zu bahnen. Wir träumten davon, sie berühren und wiederbeleben zu können. Es klappte nie – zu kurz waren unsere Finger, zu tief waren die Chimären in ihren Schlaf versunken. Ihre letzten Atemzüge jedoch hingen immer noch im Eis eingesperrt, und manchmal gelang es, bis zu diesen weißen Luftblasen vorzudringen.
Dick eingemummt, stolperten wir nach Hause durch den Schnee, und dieser reichte oft bis zu den blau vereisten Fenstern. Drinnen flüsterte das Ofenfeuer, und wir saßen dann unter der Lampe und malten Raketen, aus deren winzigen Öffnungen uns unsere tapferen Väter winkten. Im wirklichen Leben flogen sie MIGs entlang der sowjetisch-japanischen Grenze, und abends tappten sie im Club um den Billardtisch – leicht betrunken, gestiefelt, und eingeschnürt in mächtiges Gurtzeug, das derb und angenehm nach neuem Leder roch. Unsere Mütter, mit babylonischen Wicklertürmen im Haar und mit hautfarbenen, dick gerillten Strümpfen an den jungen, straffen Waden, mühten sich singend rund um die Petroleumkocher in den Gemeinschaftsküchen, und sie sehnten sich aus unserem Fernen Osten nach Westen, wo man, wie sie meinten, nicht sät, nicht sichelt, nicht kränkelt und nicht stirbt. Da muss man sich nicht dutzendmal hinknien, um ein Bündel Kartoffeln aus der Erde zu gewinnen, und nicht dutzendmal die Axt über dem Kopf schwingen, um den eisernen Kanonenofen mit Holz füttern zu können – das Paradies lag immer westwärts. Und der Westen fing für uns damals schon am Fuße der verwitterten Kette des Ural-Gebirges an.
Erst am Ende der Wolfsstunde, als im Osten schon ein vages Licht entfacht wird, schlafe ich ein und stehe viel später als sonst auf. Es ist heller Tag, ich schiebe die orangefarbenen Gardinen auseinander. Über meinem Haus in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes schwebt der Fernsehturm, immer noch ein Meilenstein an der unsicher punktierten und imaginären Grenze zwischen dem Osten und dem Westen. Zwischen zwei Hemisphären? Vielleicht.
Im Bad ist es dunkel und kühl. Die Füße frieren auf dem karierten Boden, der Griff zum Lichtschalter macht der Glühbirne den Garaus. Erschrocken durch die kleine Explosion, tappe ich durchs gekachelte Dunkle und vermeine wieder eine Botschaft aus der fernen Kindheit zu spüren, aus jenem Pionierlagermorgen, wo es nach bulgarischer Zahnpasta duftete, wo die Wasserhähne eiserne Kreuze trugen und die emaillierten Becken ihre rostigen Tränen fließen ließen. Die abgeschabten Holzdielen der Terrasse waren samtig wie die Haut eines Säugers, und sie wärmten die kalten Fußsohlen. Wenn die Sonne meiner Kindheit hoch stand, rochen die staubigen Haare nach Spatzen, und die junge Indianerhaut schimmerte mit leisem Goldflaum im Gegenlicht, als ich, erstarrte Wachhabende, meine Hand an den Pony warf: Die Pioniergruppe ‚Richard Sorge‘ ist zum Morgenappell bereit! Unsere Losung ist: ‚Nicht schwelen! Brennen! Leuchten!‘
Damals wollte ich, dass das Leben so schnell wie möglich passiert. Und hier, im verschwitzten Morgenspiegel, komme ich mir wie eine alte Tante vor, mit Rinnen an den Schultern, die mir Hunderte BH-Träger in die Haut geschnitten haben. Noch gestern hieß es, es liegt alles vor mir und alles ist möglich, und über die Nacht stehen mir keine Wunder und Überraschungen mehr bevor. Ich bin ausgewachsen, fertig gestellt. Ich werde keine Stewardess mehr, keine Professorin, keine Diva. Diese Optionen stehen aber Marina, meiner Tochter, noch offen: Sie ist achtzehn, sie will irgendwann Regisseurin werden oder Designerin, und nicht Altenpflegerin wie ich. Tag für Tag drehe ich große und kleine Runden um den Alexanderplatz, besuche die alten Menschen und fange ihre schwindenden Schatten auf. Während ich ihren Erinnerungen zuhöre, kämme ich ihre schwachen Nylonhaare oder schneide ihre zähen Plastiknägel. Manchmal mag ich meine Arbeit sogar. Meiner Mutter aber, die jetzt bei mir zu Besuch war, habe ich gesagt, dass ich als Russischlehrerin arbeite. Nicht viele Stunden, aber es ist nette Kundschaft und so. Mir ist es peinlich, dass ich hier im Paradies nicht so weit gekommen bin wie erhofft. Und dass ich die fremden Alten mit dem Löffel füttere, während meine eigene Mutter irgendwo im weiten Osten allein in ihrem weißen, einäugigen Häuschen sitzt.
Sie besucht uns immer im Winter, wenn der Garten ihre Fürsorge nicht braucht. Jedes Jahr, wenn wir uns sehen, hat ihr Körper weiter nachgegeben. Dieses Mal war es die rechte Hand – wie ein bräunliches Ziegeldach verkrümmt ist sie, und steif wie eine Krebsschere. Das war das erste, was mir auffiel, als Marina und ich sie am Ostbahnhof abholten. Sie stand auf der hohen eisernen Waggontreppe und streckte uns ihre alten Hände entgegen, so wie es kleine Kinder tun, die im Begriff sind, sich in die Arme der Großen fallen zu lassen.
In meinem Erwachsenen-Leben war meine Mutter kaum präsent: Früh entschlüpfte ich dem Elternhaus, weil ich nicht so werden wollte wie meine peinlich provinziellen Ahnen, Verwandten und Nachbarn. Ich eilte weg, den wunderbaren Dingen entgegen, die mein Herz im Voraus zu schmecken glaubte. Mit Siebenmeilenstiefeln habe ich etliche Grenzen und Gräben überquert, eine Revolution gefeiert, meinen Kaschmirmantel abgetragen, tausende Avocados verzehrt, Dutzende von Wurstsorten gekostet, und nun bleibe ich immer öfter stehen und schaue zurück.
Plötzlich werden mir viele Menschen aus meinem ehemaligen Leben wieder wichtig, und ich schaue nach Osten, wo sich verschwommene, vage Gesichter tummeln. Es sind die Onkel mit den weißen Hemden und den beißenden Papirossy, oder rundliche, scheue Tanten mit dicken Waden und geblümten Kleidern, die sich um eine festliche Tafel reihen. Auf dem Tisch Tomaten, Gurken, erschwingliche Cervelatwurst, Hähnchen mit obszön ausgebreiteten Schenkeln und eine langhalsige, mit einer silbernen Schirmmütze gekrönte Flasche. Wenn die Flasche leer ist, rücken die Frauen enger zusammen und singen, während die Männer sich um eine Sensation sammeln: Ein nagelneuer Moskwitsch mit kecken und spitzen Trabant-Flossen am Heck.
Die Menschen erscheinen mir immer zusammen zu sein wie die Beeren bei den Weintrauben. Einsamkeit war ein rares Gut in den übervölkerten Räumlichkeiten, und ich phantasiere mir zusammen, dass sie sich alle auch wirklich geliebt haben. Das muss aber nicht wahr sein, denn das Ganze ist nichts mehr als ein Stummfilm, an dessen Montage mein launisches Gedächtnis jahrelang hartnäckig gearbeitet hat. Aus diesem Film scheint mir die Mutter ihre alten, verbogenen Hände entgegengestreckt zu haben, heraus ins heutige Berlin. Ich nahm sie in meine, und sie landete auf dem Bahnsteig des leeren Ostbahnhofes. Die Griffe ihrer schweren Taschen teilten wir uns, und so, verbunden wie die Glieder einer Kette, zwängten wir uns in den S-Bahn-Waggon.
Zu Hause aßen wir erst eine dicke, mohnrote Kürbissuppe und dann kleine, weiße Nürnberger Würstchen. Meine Mutter isst sie sehr gerne, Marina rümpft dabei immer ihre Nase. Was Augen hat, isst man nicht!
Ich habe etwas für euch! Meine Mutter ging ins Zimmer und händigte uns jeweils einen chinesischen Fächer aus dünnem Holz aus.
Sie können ganz nützlich sein bei der Hitze, sagte sie, wegen der Klimaerwärmung. Ein gewaltiger Riss breitet sich schon unaufhaltsam im Gletschereis aus, demnächst wird ein Riesenstück von der Antarktis abbrechen!
Sie redet viel über Weltuntergang, detailgetreu und glaubwürdig. Wie Inseln in erwärmten Gewässern versinken, Küsten von Stürmen weggefegt werden, das Binnenland verbrennt. Selig sind die Erstgestorbenen, denn diese können noch anständig begraben und beweint werden. Selig werden die Vernachlässigten und geistig Armen sein, denn im Kampf um den letzten Brotkrümel wird ihnen die ungehemmte Kraft ihrer Ellbogen zum Vorteil gereichen – die Letzten werden die Ersten sein. Das Salzwasser wird unsere Quellen und Flüsse vergiften, Fische werden in den zu warmen Gewässern ersticken, Bienen sterben, Bären und Rehe auch – nur der Menschenschwarm wird sich auf der schrumpfenden Erde immer dichter zusammendrängen und immer eifriger an rasenden und fliegenden Maschinen schmieden, und diese werden wie Insektenschädlinge mit harten glatten Chitinrücken die restliche Erde befallen, um den letzten Hinterbliebenen Profit, Mobilität und Komfort zu gewährleisten.
Beim Weltuntergang kommt es sowohl aufs Auto als auch auf das Fleisch an! Ich wünschte mir, dass die Fleischfresserei mit dem Kannibalismus gleichgesetzt wird! – Marina löffelte die rote Suppe und schaute dabei verächtlich mein angebissenes Würstchen an. Wieder entflammt eine feurige Diskussion. Marina sagt, es sei dringend ein Paradigmenwechsel erforderlich, denn unsere heutige Lebensweise sei unzeitgemäß und so empörend, wie es seinerzeit Inquisition und Sklaverei waren. Oder nehmen wir nur die kommunistischen oder faschistischen Regime in ihren Endphasen, als schon offensichtlich wurde, dass das alles moralisch nicht trägt, dass das Schiff eine fatale Schlagseite bekommt. Trotzdem haben fast alle mitgemacht … So wie die heutigen Autofahrer, Spaßflieger und Fleischfresser!
Worauf ich meine Gabel auf den Teller warf und Marina mit vor Wut gedämpfter Stimme fragte, ob sie mich mit einer Faschistin gleichsetzten wolle?
Da eilte mir meine Mutter zur Hilfe und leitete die Diskussion von meinem Würstchen weg zum durchschnittlichen amerikanischen Bürger, der ein Champion im Wasser-, Strom-, Benzin- und Fleischverbrauch ist und der das Klimaabkommen nicht unterschreiben will.
Einkaufspaläste, tausende Quadratkilometer lang, offene Tiefkühltruhen, bescheuerte Kreuzfahrten! Amerikanischer Traum für alle! Und notabene – sie befördern ihre wohlgenährten Körper ausschließlich mit Personenkraftwagen!
Das zählt alles nicht! Was zählt, ist mein Würstchen!, biss ich erbost in das weiche Ding auf meiner Gabel, und es blieb mir buchstäblich im Hals stecken.
Um uns abzulenken oder zu beschwichtigen, legte meine Mutter ihre gekrümmten Hände auf unsere und berichtete, dass wir hier ganz nah an Satans Thron sitzen, und dieser befinde sich, laut Bibel, im Tempel von Pergamon. Es sei auch bewiesen, dass da Menschenopfer dargebracht wurden – für ein Huftier ist die Treppe zum Altar zu steil, die Stiege zu kurz. Kein Wunder, dass die zwei Weltkriege von Berlin aus angestiftet wurden – das Ungetüm strahle immer noch Unheil aus und sei gefährlich, vor allem wenn die letzten Tage so nah seien, orakelte meine Mutter. Das Fegefeuer kommt bald, sagt Vater Michail. Am 15. Mai des nächsten Jahres? Oder am 29. April? Weiß ich nicht mehr genau, flüsterte die Mutter, kratzte sich am Kopf und versteckte gleich darauf ihre Hände unter der Tischplatte, weil das Henna von ihrem frisch gefärbten Haar unter ihren Fingernägeln zu sehen war.
Oma, wie kannst du solche wichtigen Termine vergessen!, kicherte Marina.
Ich finde das gar nicht lustig!, sagte meine Mutter mit schmallippigem Lächeln. – Eure Zukunft macht mir große Sorgen.
Und deine Zukunft beunruhigt dich nicht?, setzte Marina nach.
Ich bin froh, dass ich mein Leben hinter mir habe.
In Wirklichkeit aber war sie gar nicht froh darüber und redete über den Weltuntergang, um die Angst vor ihrem eigenen Ende zu beschwichtigen.
Stirbt ein Mensch, stirbt auch eine ganze Welt: Die Erinnerung an den Geruch von Mutterschweiß und die Erinnerung an die Hand des Vaters oder an deren Abwesenheit. Es stirbt die Erinnerung an den ersten Schnee und an die ersten lästigen Schamhärchen. An die glatte Haut der ersten Krawatte und an die ersten Erwachsenenpumps mit hohen Absätzen. Meine Mutter entsann sich oft, wie sie, Nachkriegskinder, die sie waren, dicke schwarze Stücke von Gummireifen an ihre Füße gebunden hatten, um in die Schule zu gehen – es war schlimm. Das Schlimmste aber war der Hunger. Hunger, Hunger, Hunger überall. Je älter meine Mutter wird, desto tiefer und pietätvoller beugt sie ihren Kopf über das Essen und hält dabei neuerdings eine Hand schützend um den Teller. Früher war es anders. Früher gab es viele Dinge, die sie von den Kindheitserinnerungen fern hielten. Mit dem Alter jedoch rückt die Vergangenheit immer näher: Der lange Weg liegt nun hinter ihr, der große Bogen ist geschlagen und schließt sich da, wo er seinen Anfang nahm: an der Türschwelle zum schwarzen Abgrund.
Ihre Art zu essen nervt mich gelegentlich, genauso wie ihre Sturheit und ihre düsteren Prophezeiungen. Schließlich wohnten wir den ganzen Monat zu dritt in nur zwei Zimmern – so dass ich sogar etwas erleichtert war, als sie gestern wieder nach Russland fuhr. Es war aber eine peinliche Erleichterung, die gleich verflogen war: Wir sind hier zusammen, und sie sitzt nun wieder allein in ihrem weißen Haus, wo sie langsam eingehen wird, ohne uns. Ich will nicht, dass sie ohne mich stirbt – obwohl oder gerade weil ich den Großteil meines Lebens so weit entfernt von ihr verbracht habe. Und sie ist der Mensch, den ich am längsten kenne.
„Ich bin im Häuschen“, sagt ein Kind und fügt seine Fingerspitzen über dem Kopf zusammen, wie einen Dachgiebel, wenn es um Auszeit oder um Gnade im Spiel bittet – ich will nicht, dass meine Mutter stirbt: denn ohne den Schatten, den die schützende Hand der Älteren bietet, wird meine Haut rasch schlaff und der Kopf grau.
Ich trinke meinen ersten Kaffee, schaue aus dem Fenster zum Alexanderplatz hinunter, aber meine Gedanken sind irgendwo an der russisch-polnischen Grenze, wo meine Mutter gerade im Zug sitzt, der auf die Umspurung wartet. Bevor ich die Wohnung verlasse, bleibe ich im dunklen Korridor länger als sonst vor dem Spiegel stehen: Mein Leben lang leugnete ich die Ähnlichkeit mit der Mutter, jetzt aber entwickeln sich in den Spiegeltiefen immer deutlicher ihre hohen Wangenknochen, ihre Augen, mal braun, mal ocker – je nach Beleuchtung. Vielleicht soll ich meine grauen Haare, die neuerdings hier und da schimmern, auch mit Henna kaschieren? Die Augenlider blau nachziehen oder den Mund rot malen? Ich betaste flüchtig Marinas Lippenstifte auf dem Spiegelbrett und verlasse endlich die wie leer wirkende Wohnung.
Draußen ist es hell, vom gestrigen Schnee ist nichts übrig geblieben. Feuchte Steinschuppen glänzen in der Sonne. Ich bleibe an der Ampel bei der Karl-Liebknecht-Straße stehen. Die Autos bewegen sich langsam, wie eine dichte Herde bunter, satter Säue. Die heiße Luft über ihren gepanzerten Rücken schmilzt und bebt. Hochhäuser, Kaufhof, Glasärmel des Bahnhofs, Betonboden – alles hier am Alex ist aus grauen Vierecken zusammengebaut – der ungemütliche Platz selbst hat sich in einem karogemusterten Netz verfangen. Windig und öde ist es hier um diese späte Morgenstunde – die fleißigen Frühmenschen haben sich schon in alle Himmelsrichtungen zerstreut, die Stunde der Freien hat geschlagen. Die wachen Rentner mit den Pusteblumenköpfen suchen ihre Zerstreuung vor der üppigen Kaufhofwursttheke; dicke und gepiercte Mütter schieben ihre Kinderwagen ins Handgemenge um die täglichen Supersonderangebote. Der weihnachtliche Schund im Inneren der provisorischen Marktbuden bleibt in dieser Morgenstunde noch hinter Fensterklappen versteckt. Die ersten fliegenden Wurstverkäufer legen schon weiche, blasse Würste auf die heißen Grillstäbe ihrer Bauchläden auf, und die kräftigen Ausdünstungen schweben über den Platz. Es ist ganz so, wie wir es uns einst geträumt haben: Wir säen nicht und ernten nicht, Licht und Wärme kriegen wir auf Knopfdruck, Liebe und Fürsorge per gesellschaftlichem Vertrag.
Ich kaufe ein dickes Bündel wohlduftender Tannenzweige und schwebe hoch zu den Geleisen. Der S-Bahn-Waggon ist nicht voll, trotzdem bleibe ich an der Tür stehen. Im Abteil zu meiner Linken sitzen zwei junge Menschen einander gegenüber und lesen: weiße Zähne, zartbronzene Haut (Berge und Meer), wohltemperierte Glieder und Gedanken – eine Menschenspezies, die irgendwo in grünen Stadtvororten gezüchtet wird und liebevollen Eltern entspringt, die ihre Kinder bewundern und fördern. Solche Jungen und Mädchen werden selbst von den sonst so allmächtigen Pickeln gemieden. Er starrt in das Buch ‚Fucking Berlin. Studentin und Teilzeit-Hure‘ von Sonja Rossi, sie liest das Buch ‚Merde‘. Ihr glatt gekämmtes Haar schimmert wie die Oberfläche eines edlen Streichinstrumentes, der kleine freche Haarknoten sitzt hoch auf dem Wirbel. Die Köpfe der beiden Lesenden neigen sich zueinander wie die beiden Seiten eines Giebels, und es ist zu spüren, dass sie sich zwar nicht anschauen, aber wahrnehmen und mögen.
An der Friedrichstraße schiebt sich eine Frau im Rollstuhl in den Waggon, die ihre aufgedunsenen und fußlosen Stümpfe den Fahrgästen entgegenhält. Als der Zug losfährt, rollt sie ungewollt zurück und prallt gegen die Haltestange. Die jungen Leser springen hoch zum Rollstuhl, und als ihre Hände über dem Kopf der Beinlosen in Berührung kommen, lächeln sie einander zu, um dann fürsorglich zur Frau zu sagen: Alles o. k.?
Der junge Mann beugt sich zu dem Buch mit dem Titel ‚Merde‘, das bäuchlings auf dem Boden liegt, reicht es der jungen Frau und setzt sich wieder neben sie. Die Beinlose presst ihre Lippen vor Wut zusammen, eine Abstoßende, Ausgestoßene, Nichtgeliebte, vielleicht auch von Kindheit an. Die Frau im Rollstuhl spuckt auf den Boden vor den Füßen der jungen Menschen, denen sie wider Willen zueinander geholfen hat. Sie schimpft auf die Ungerechtigkeit dieser Welt und rudert davon. Ich wende mich zum Fenster.
Der Zug schwebt über der Museumsinsel. In den Schießscharten ihrer majestätischen Tempel öffnen sich flüchtige Einblicke in die kühlen Welten des eingesperrten Altertums: Mal ein Weiberbein aus Marmor, mal ein trauriger, verbannter Heiland. Reichstag. Die schiefe Sony-Zeltkuppel hinter dem Tiergarten.
Rechts unter dem S-Bahn-Viadukt huscht der anachronistische Campus der Charité vorüber: Rotsteinige Villen mit pittoresken Spitzengiebeln und schmalen Türmen, in die wir so gerne das düstere Mittelalter hineinträumen. Ganz vorne buhlt das Medizinischhistorische Museum mit seinen makabren und heißen Versprechungen um die Gunst der potenziellen Besucher: ‚Schmerz‘, ‚Stigmata‘, ‚Scham‘, ‚Sex brennt‘, ‚platz.wunden‘ – die geschickt komponierten Titel verwandeln sich in eindringliche, lästige Kopfwürmer, und sie suggerieren unappetitliche Visionen von eingelegten Drüsen und gedörrten Sehnen – diesmal lädt das Museum zum ‚Tanz mit Totentanz‘.
Unser Waggon rollt unterm überdimensionierten Dach des Hauptbahnhofs ein. Tief unter den S-Bahn-Gleisen wimmelt ein mehrschichtig futuristisches Tohuwabohu: Die Rolltreppen, die auf unterschiedlichen Ebenen in unterschiedliche Richtungen gleiten, ergeben eine sinnestäuschende Escher-Welt. Das klein facettierte Glasfirmament ist mit einem gigantischen Werbeposter bezogen: Eine blondierte Riesin im Unterhemd und mit spitzabsätzigen Schuhen wälzt sich auf seidig schimmernden Bettlaken, vorgetäuschte Lust in den auffällig hellen Augen mit großen schwarzen Pupillen: Ihr Hotel: Die schmutzigsten Fantasien kommen in sauberen Betten. Wie die Ägyptische Himmelskuh wölbt sich die Blondine über dem märkischen Ninive an der Spree, wie ein belesener Bekannter Berlin nennt.
Herr Struck, mein Pflegefall, für den ich heute die Tannenzweige gekauft habe, wohnt in einem Appartementhaus für Senioren. Im Gebäude riecht es stark nach lange warm gehaltenen, abgestandenen Menüs – ineinander geschachtelt ergeben die Gerüche den muffig-süßlichen Duft von zivilisierter Einsamkeit.
Es ist ein langes Haus mit einem Treffpunkt namens Oase der Liebe im Erdgeschoss, wo auch die Verwaltung untergebracht ist. Im Büro ist keiner, außer meiner Kollegin Maria Benvenista. Ich bin froh, sie zu sehen: Maria ist in meinem Alter, wir verstehen uns gut und treffen uns gelegentlich auch nach der Arbeit.
Maria ist eine Brasilianerin. Polen, Ukrainer, Bosnier, Mexikaner – hier im Berliner Appartementhaus für Senioren hat sich die proletarische Internationale wieder zusammengefunden. Altenpflege ist der Job der Ausgewanderten oder von gescheiterten Einheimischen. Unter meinen Kollegen sind viele Gelehrte: Theaterwissenschaftler, Geographen, Schauspieler oder Philologen; oder die Ungeduldigen, die von allem ein bisschen gelernt haben, so wie Maria: Sie hat fast zehn Jahre lang in allen möglichen Fächern studiert und weiß über viele nutzlose Dinge Bescheid. Ich mag sie gerne, mehr als die anderen Kollegen. Sie ist eine schöne Frau – mit ihren gewölbten breiten Wangen und dem etwas vorstehenden Unterkiefer erinnert sie mich an einen Panther. Ihren dunklen Teint besonderer Art, der wie mit Asche hinterlegt wirkt, verdankt sie ihren indianischen Vorfahren, ihre Offenheit und ihren Mut, die ich so schätze, auch.
Er ist tot. Am Samstag gestorben, flüstert sie mir ins Ohr.
Schon vor zwei Monaten hat mich Herr Struck gebeten, ihm Tannenzweige zu kaufen. Er wollte unbedingt die sterbenden roten Blumen in den Balkonkästen damit bedecken. Ich vergaß es immer wieder. Nun sind sie endlich da, und er ist weg.
Die spitzen Nadeln der Tannenzweige stechen mir in die bloßen Handflächen.
Ich habe meine Handschuhe bei ihm vergessen. Kannst du mir den Schlüssel geben?
Gut. Ich komme mit. Da können wir gleich etwas aufräumen, sagt Maria.
Wir steigen die Treppe hoch und laufen durch den langen Korridor. Auf dem glatten Linoleum gleiten unsere schrägen unsicheren Schatten voraus. Maria steckt den Schlüssel ins Loch. Ich stehe auf der Türschwelle, die Tannenzweige in meinen Händen wie einen Totenkranz. Ohne ihren Herrn wirkt die Stube entstellt, ich erkenne sie kaum wieder. Herein, meene Kleene!, hatte er sonst immer gerufen. Ich trat dann vor ihn hin, er saß auf dem Sofa und streckte mir mit der Geste eines Betenden oder Sinkenden seine zitternden Hände entgegen. Herr Struck, früher Schlosser, war ein korpulenter Mann: Ein fleischiges Gesicht mit vielen winzigen Korallenzweigen geplatzter Gefäße, einer großen pflaumenfarbigen Unterlippe, dazu ungehorsame, zitternde Scherenhände.
Tag, mein lieber Herr Struck, alles in Ordnung? Ich ließ mich neben ihn auf den speckigen Plüsch sinken.
Er erzählte von der quälenden Nacht, über gemeine Zigaretten, die seinen Fingern entglitten waren, und immer wieder von den geilen russischen Frauen, die er erlebt zu haben glaubte. Währenddessen schnitt ich ihm, als seine russische Pflegerin, die Fingernägel und scharrte die harten Halbmonde auf der Glaspatte des niedrigen Sofatisches zusammen. Neben ihnen lag eine große silberne Weihnachtskugel, auf deren glänzender Oberfläche sich die ganze Stube verkleinert spiegelte, auch wir beide winzig, verzerrt, eng aneinander gerückt.
Frau Lena, bitte kaufen Sie mir Tannenzweige! Es kommt bald Frost.
Der war nun gekommen. Meine Handschuhe liegen neben der Weihnachtskugel. Hinter dem Fenster die welken, gefrorenen Geranien in den Kästen. Ich öffne die Balkontür, um die Zweige auf die toten Blumen zu legen, die silberne Kugel rollt vom Tisch und zerspringt.
In der Mitte des Tisches liegt ein Adventskranz. Es wunderte mich immer aufs Neue, dass Herr Struck, der sonst Wochentage, Monate, Jahre, Jahrhunderte nicht mehr auseinanderhalten konnte, ab dem ersten Advent die Tage einzeln zählte, wie ein fleißiger Betender die Perlen seines Rosenkranzes. Nach Weihnachten beendete er den Countdown, und seine Zeit verwandelte sich wieder in chaotisch-buntes Garn. Wenn ich mich langweilte, zupfte ich mir aus dem Knäuel einige besonders schöne Fäden und flocht sie nach meinem eigenen Gusto neu zusammen.
Herr Struck hieß mit Vornamen Günter. Als Junge hatte er mit seiner Mutter im Souterrain eines Berliner Hauses gewohnt. Eine winzige Küche gleich beim Eingang und eine Stube dahinter. Die Mutter putzte in gut bestellten Haushalten, der Vater, ein Schneider, wohnte mit einer anderen Frau und deren Tochter in Oranienburg vor Berlin und besuchte seinen Sohn einmal im Jahr – zu Weihnachten. Günter mochte es, sich an die Militärschiffchenmütze zu erinnern, die sein Vater eigenhändig angefertigt hatte und die er ihm 1939 zu Weihnachten schenkte. Der Junge liebte die Mütze über alles und trug sie sogar zu Hause, was der Mutter auf die Nerven ging. Sie arbeitete viel, oft brachte sie Sachen zum Waschen und Bügeln mit in die eigenen vier Wände. Die Wohnung war feucht, bei frostigen Temperaturen überzogen sich die Stubenfenster, die hoch, fast unter der Decke lagen, mit Eisblumen, üppig wie Federbüsche.
Federbüsche? Das Wort hatte ich nie zuvor gehört.
Det trägt ein Krieger auf dem Helm, meene Kleene, so ein krauses Ding.
Am frühen Nachmittag wurden die Glasscheiben blau, von der niedrigen Decke hing ein gelber Lichttropfen. Die Mutter wusch fremde Wäsche im Holztrog, und Günter starrte in den dreiteiligen Spiegel, in dessen vernebelten Abgründen er und seine Mütze sich, immer kleiner werdend, vermehrten. Im Sommer wurde der Vater in den Krieg einberufen. Der Sohn war stolz auf ihn und froh, dass er nun weg war von seiner Stieftochter, Günters Rivalin. Zu Weihnachten bekam der Vater Urlaub, und er wollte den Sohn wie gewohnt am Heiligen Abend besuchen.
Nach langen Beratungen mit dem Spiegel zog die Mutter ein schönes Sommerkleid an. In der kalten Stube am Tisch wirkten ihre bloßen Arme unangenehm blass und die Hände fast lila. Als sie in die Küche ging, um nach dem mageren Kuchen zu sehen, malte sie ihre blauen Lippen rot an, was sie kein bisschen schöner machte. Der Vater dagegen sah in seiner Uniform prachtvoll aus. Er schenkte Günter ein Indianerfigürchen mit einem Kopfschmuck aus echtem Fell. Das wunderbare Männeken war sehr fein angemalt, bis hin zu den Augenbrauen und den Hosennähten.
Günter wollte den Vater unbedingt bis zur Kreuzung begleiten, Hand in Hand gingen sie aus dem Haus. Es war dunkel, die mit Metall beschlagenen Stiefelabsätze schlugen auf dem Steinpflaster winzige Funken. Als Günter zu seinem Vater aufschaute, rutschte ihm die zu klein gewordene Schiffchenmütze vom Kopf. Sie verabschiedeten sich an der Kreuzung für immer. Mit dem kleinen Holzindianer spielte Günter sehr lange, auch wenn der Fellschmuck zerfiel, die Farben abblätterten und das Gesicht des Kriegers bald flach und abgegriffen war wie das Konterfei eines Helden auf einer antiken Münze.
Wenn Herr Struck sprach, bildeten sich in den Mundecken weiße Sahneklümpchen, als ob sein Speichel beim Reden steif geschlagen würde. Sein Atem war säuerlich und muffig, ich drückte meinen Körper tiefer in die Sofaecke. Wenn ich etwas sagte, fragte Herr Struck immer nach und lehnte sich mit seinem rechten Ohr noch näher gegen mich, sein linkes Ohr war fast taub.
Wegen einem Insekt, kicherte er, so eine Dummheit! Mitten im Krieg.
Ohrwurm? So einer, dunkelbraun, wie lackiert, mit einem Zweizack am Schwanz?
Ich weiß nicht mehr, es war wohl eher ein Feuerkäfer.
Günter hatte den Käfer mit dem Zeigefinger tiefer ins Ohr geschoben, bemerkte es aber nicht. Erst hatte es bloß gejuckt, und dann, einige Tage später, tat es plötzlich weh, als sie alle gerade das große Feuer zu löschen versuchten.
Die Phosphatbomben, Frau Lena, die waren gemein! Det Zeug ist nicht zu löschen!
Die Nachbarn trugen heraus, was zu retten war, und Günter heulte immer lauter.
Stell dich nicht so an, schon ohne dich ist es schlimm genug!, schrie die Mutter, schüttelte Günters Hand von ihrem Handgelenk und gab dem Sohn eine Ohrfeige. Als Günter in Ohnmacht fiel, heulte nun die Mutter und schleppte den Sohn zu Frau Roth, einer Frauenärztin, die um die Ecke wohnte. Die bekam es irgendwie hin. Das Ohr blieb noch lange geschwollen und stand fürchterlich ab. Bezahlen konnten sie Frau Roth nicht, und später, als die Stadt völlig kaputt war und die Läden geplündert, ergatterten Mutter und Sohn eine Schürze voll winziger Dosen mit französischen Gänseleberpasteten. Drei davon schenkten sie der Ärztin, Frau Roth, die dann später die Russenkinder abtreiben musste, für ganz Reinickendorf.
Es gab bei uns keine Bastarde, nicht dass ich wüsste, sagte Herr Struck, hustete und schluckte seinen dicken Speichel.
Det mit dem Ohr war schon ganz zum Schluss. Der Vater war schon gefallen und die ersten Russen kamen in die Stadt – Herr Struck musterte mich von Kopf bis Fuß –, wir hatten schon Schiss vor ihnen.
Als der erste Russe zu ihnen kam, schob die Mutter Günter unter das Bett. Günter hat den Mann nicht gesehen. Nur seine Füße, die mit abgewetzten Lappen umwickelt waren. Der Russe versuchte seine geschwollenen Füße in Mutters Schuhe zu zwängen, sie waren ihm aber viel zu klein.
Die Amerikaner aber waren schick gekleidet. 1948 habe ich mein erstes Cowboyhemd, kariert natürlich, auf dem Schwarzmarkt gekauft. Es gab damals weder Schuhe noch genug Seife, und das war ein Hemd, das so viel wie ein Mantel kostete. Cowboy, das war mein Jugendtraum. Cowboys, Arizona und so ein Kram. Und Sie, was wollten Sie früher werden? Kosmonautin?, lachte Herr Struck, und die Zigarette zitterte in seiner Hand wie der Schornstein eines fleißigen Lastkahns.
Das grausige Vorspiel, der Krieg, war vorbei, aber da, wo das richtige, große Leben beginnen sollte, ging dem Erzähler immer die Puste aus – seine Erinnerung schrumpfte und reichte gerade mal für ein mageres, einaktiges Theaterstück, dessen Inhalt ihm fast entschwunden zu sein schien.
Günter Struck heiratete früh seine Erna, er hatte eine Schlosserwerkstatt in einer Markthalle in Moabit, das Ehepaar logierte in einer benachbarten Nebenstraße.
Ja, zwei Zimmer und noch ein Kämmerchen, sagte Herr Struck.
Es war eine gepflegte Wohnung, die seine Erna fegte und schmückte. In jedem noch so kleinen Winkel gab es Kunstblumen und Aschenbecher – die beiden rauchten im Gehen, im Liegen, im Sitzen. Erna machte alles schnell und geschickt. Tagsüber saß sie hinter der Kasse bei Edeka, abends stellte sie einen Teller mit Wurstscheiben, einen mit Käse und noch einen mit Sauergurken, Radieschen und Tomaten auf den Tisch. Erna und Günter nahmen jeweils vier Stullen zu sich, dann zwei Biere, sie rauchten und sahen dabei fern.
Aber natürlich sind wir in den Urlaub gefahren, überall hin, sehen Sie?, zeigte Herr Struck stolz auf die Schranknische, in der sich Dutzende blauer Eierbecher in jeder nur denkbaren Ausführung (Steingut, Plastik, Porzellan, Holz, Plastik und wieder Plastik) tummelten.
Die anderen ham Kaffeelöffel oder Untertassen gesammelt, wir wollten was Besonderes haben.
Schön, sagte ich, obwohl es eine der charmelosesten Sammlungen war, die ich je gesehen hatte. – Wir müssten die Dinger mal entstauben.
Günter sah fern und aß dabei Kartoffelchips. Ich wischte an den blauen Eierbechern herum und schaute gelegentlich über Günters Schultern zum bunt flimmernden Bildschirm: Ein Wald, nein, ein unüberschaubarer Dschungel ausgestreckter schwarzer Arme und darüber ein Paar strahlend weiß behandschuhter Hände, die von oben Essen in die Menge werfen. Dann: Wie ein gewaltiger Trichter saugt der Tunnel verschwitzte Love Parade-Besucher auf, die offensichtlich nicht merken, wo die Lust aufhört und der Tod lauert. Dann: Unzählige weiße krumme Rücken betender Muslime, gestützt gegen Fersen in weißen Socken. So ein Quatsch!, sagte Herr Struck immer zu den Tagesnachrichten. Sie langweilten und irritierten ihn sehr.
Oft gingen wir nach unten und spielten Schwarzer Peter im Seniorentreffpunkt. Die Tische standen in Reihen, auf jedem lag in der Mitte eine Spitzendeckchensimulation aus Papier, und darauf stand eine Vase mit künstlichen Blumen. Herr Struck ärgerte sich bis zu den Tränen, wenn er auf dem Schwarzen Peter sitzen blieb, bemühte sich aber kaum, das Pech zu vermeiden: Er zog immer die Karte, die der Gegner ihm hinhielt.
Dann gingen wir manchmal einkaufen. Cervelat, Jagdwurst, Kommissbrot, flüsterte Herr Struck und griff unsicher und unpräzise wie mit einem Bulldozerarm in die Regale, er verfehlte sein Ziel und fluchte.
Zimbo, hier lag immer Zimbo-Blutwurst, empörte er sich. Seine großen nassen Lippen zitterten, die Augen rollten vor Verzweiflung. Im Geschäft war er nervös, aufgeregt, ungeduldig. Das Einkaufen war der Höhepunkt des Tages. An der Kasse hielt er mir sein Portemonnaie entgegen, und ich pickte aus dem Münzhaufen die nötige Summe heraus. Dann verstauten wir die Würste in die Einkauftasche mit den Rädern und zogen die Beute in Herrn Strucks Zuhause.
Jetzt ist das Namensschild unter der Türklingel leer. Maria steckt die toten Geranien in einen schwarzen Sack. Ich fege die Scherben der Weihnachtskugel in die Kehrschaufel. Im Flausch des braunen Bodenteppichs schimmert etwas silberner Staub. Als ich den Karton mit dem Cowboyhut aufmache, flattern winzige, hechtgraue Motten heraus.
Maria geht arbeiten, und ich sitze in der Oase der Liebe. Meine Hände kleben an der rotweiß karierten Plastikdecke, die bis ins mikroskopische Detail die Fadenverflechtungen von Baumwollstoff nachahmt, sich aber ganz anders anfühlt: glitschig und klebrig. Es ist nicht klar, wie mein Arbeitstag heute aussehen wird, denn Herr Struck ist tot und ich bin trotzdem da. Die Chefin geht ins Büro, um zu schauen, was für mich heute zu tun ist. In der Tischmitte, vor meinen Augen, liegt ein grüner Tannenzweig, geschmückt mit einer silbernen Kugel und knallroten Beeren. Erst neulich habe ich von Marina erfahren, dass die Pflanze „Stechpalme“ heißt – die Namen der Bäume und der Tiere lernt man sonst in der Kindheit. Die immergrüne Stechpalme gedeiht gut auf Friedhöfen. Herr Struck, Günter Struck ist nicht mehr da. Und auch seine Träume sind nicht mehr da. Hat er je bereut, dass er Erna geheiratet hat, eine Brünette mit flacher Brust und borstigem dickem Haar, obwohl er immer eine blonde Frau mit großem Busen haben wollte? Ahnte er, dass sein Liebesleben in Wirklichkeit gar keines war? Hat er je bedauert, dass er statt eines prachtvoll schimmernden Lebens am Ende eine dicke Scheibe Wurst in die Hand bekam und Ernas Kollektion blauer Eierbecher dazu?
Wir vergessen unsere Träume, schieben sie in eine entlegene Ecke, vernachlässigen sie, um sie zu bewundern und zu beweinen, wenn ihre Haltbarkeitsfrist längst abgelaufen ist.
Ich will ein Generalissimus so wie Breschnjew werden!, sagte ich als Fünfjährige.
Wir haben schon einen, und er ist für ewig!
Dann werde ich Putzfrau und finde irgendwo in der Ecke ein Bonbon oder einen Diamanten.
Meine noch jungen Eltern lachten. Sie lachten auch sonst viel, weil sie in die Not hineingeboren worden waren, und nun sah es so aus, als würde das Leben immer besser werden. Und es wurde. Nun reichte es für das Essen und sogar für etwas mehr. Die Frau des Kompaniechefs hatte einen Pudel und eine Perücke, mein Vater hatte ein Motorrad und unser Nachbar Kotov eine Zenit-Kamera, die in Kema die Fotos von mir gemacht hat.
Mit dem Ehepaar Kotov teilten wir die Küche: ein gemeinsamer Ofen und zwei Tische in einander gegenüberliegenden Ecken. Der große Ofen hatte etwas Märchenhaftes, Frau Kotov mit ihren ausgefallenen Schlafröcken auch. Sie erinnerte mich an eine der fiesen Stiefschwestern von Aschenputtel, weil sie tagsüber schlief und schlampig kochte. In ihrer Kohlsuppe schwebten immer grobe, braune Zwiebelstücke. Ich kann diesen angebrannten Gestank nicht leiden!, zischte meine Mutter wütend hinter Frau Kotovs Rücken. Herr Kotov aber aß die Suppen seiner Frau gerne, danach rülpste er immer gutgelaunt. Er hatte einen blauen wollenen Trainingsanzug an, mit dünnen weißen Seitenstreifen und einem kurzen weißen Reißverschluss unter dem Hals. Es war die einzig mögliche Variante der Sport- und Freizeit-Bekleidung für Groß und Klein, unsere einheitliche zweite Haut. Wenn ich jetzt an Herrn Kotov in seinem blauen Trikot denke, spüre ich, wie der eng anliegende elastische Stehkragen sich um meinen Hals zusammenzieht.
Wann immer es das Wetter erlaubte, spielten wir draußen. Im Winter gab es Schnee und Eis, im Sommer gab es Beeren und Mücken. Im Frühsommer fielen in Kema kahle, großmäulige Küken von den Bäumen. Waren sie von der eigenen Neugier an den Rand ihrer Existenz getrieben? Oder von den harten Mutterkrallen aus dem Nest gefegt? Die Jungen in Kema fädelten biegsame Gerten durch die blinden Augenhöhlen der Küken und machten Halsketten daraus: mit diesen Trophäen versuchten sie, uns Mädchen zu beeindrucken. Gerieten die zappelnden Küken in die Hände der Mädchen, wurden sie gepflegt, was aber nichts daran änderte, dass sie auch bald eingingen. Die kalten Leichname legten wir in mit Perlen, Steinen und bunten Federn geschmückte Kuhlen und bedeckten sie mit einer Glasscheibe. Meine erste Vögelchenleiche schmückte ich mit einer Hingabe, die der unserer skythischen Vorfahren glich. Am nächsten Tag schob ich die Erde vom Glas, um das Werk des Todes zu besichtigen. Die Grube schimmerte von den Perlen und dem Gold, in der Mitte lag das Vöglein, dem ein kleines Würmchen aus der Augenhöhle kroch. Im noch gestern eingefallenen Bauch wimmelte es von Leben, es schien fast, dass das Vöglein noch atmete.
Einmal schaffte ich es, einen kleinen Stieglitz gesund zu pflegen. Der Abstand zwischen den zwei Fensterrahmen war groß genug, so dass er dort sogar probefliegen konnte. Die Nahrung reichte ich meinem Zögling durch die Lüftungsklappe, und eben diesen Weg nahm auch eine Katze. Ich kam ins Zimmer und sah, wie zwischen den Fensterscheiben gelbe, rote und weiße Federchen schwebten, langsam wie die Flocken in einer Schneekugel. Die Katze saß unten mit eng angelegten Ohren. Sie blickte mich verächtlich an, biss mit lautem Knacken in den kleinen Vogelschädel und leckte geduldig und geschäftig sein Inneres aus.
Unsere Katzen und Hunde hatten keine Besitzer, außer dem hässlichen weißen Pudel. Das Fell um seine Körperöffnungen war rosig, wie entzündet – es war ein wollüstiges und alles fressendes Tier. Die Niemandshunde lebten im Rudel, alle hatten abgehackte Schwänze, und im Sommer hingen auf ihren Ohren in Reihen, wie die Perlen einer Kette, reife, knackige Zecken. Wir Mädchen überließen den Jungen die staubigen Hunde, aber all die Flusskäfer und die kleinen Wasserscheusale waren unsere. Wir zogen die blassen Köcherfliegenlarven aus ihren Rohrgehäusen und trugen sie davon. (Wohin? Das weiß ich nicht mehr.) Wir jagten Babykröten, sammelten sie in einer Pfütze und spielten Pionierlager mit ihnen. Für die Feuerkäfer, die wir wegen ihrer schmucken rot-schwarzen Muster Gardisten nannten, arrangierten wir Kinderkrippen. Erst trieben wir sie in ein Glas, wo sie Brotkrümel essen sollten, was sie aber nicht taten, weil sie sich eigentlich von Kadavern ernähren. Dann improvisierten wir aus Blattwerk Betten für die Mittagsruhe. Die Gardisten wollten nicht in ihren Betten bleiben, also rissen wir ihnen die Beine weg und bedeckten die beinlosen Körper der Schlafenden behutsam mit Kleeblättern bis zum Hals. Wenn wir Lazarett spielten, dann bekamen die armen Gardisten Spritzen oder Nasentropfen aus einer Pipette. Die Käferköpfchen versanken in den Tropfen, und unter dieser Wasserlupe war gut zu sehen, wie ihre Fühler vor Schreck zuckten und zitterten.
So ungefähr stellte ich mir auch die Arbeit meiner Mutter im Lazarett vor, wo sie eine steif gestärkte Haube trug. Die Haube ähnelte einem Schornstein und ließ sich mit zwei Litzen zusammenbinden, die wie die Fühlfäden eines Insekts an Mutters Hinterkopf hingen.
Er darf nicht wieder in die Kaserne zurück! – Die Mutter rollte den Teig auf dem Tisch aus.
Die gemeinen Soldaten wohnten gewöhnlich in abgelegenen Kasernen und zeigten sich selten in unserer kleinen Siedlung, wo die Offiziere mit ihren Familien wohnten. Wir Kinder sahen die Soldaten selten. Sie erschienen immer in kleinen Scharen und ähnelten mit ihren schlammgrünen Uniformen großen, seltsamen Tieren. Die Gerüchte, sie würden untereinander grausam gegen Schwache vorgehen, verstärkten diese Ähnlichkeit. Die Schwächlinge versuchten dann im Sanitätshaus Zuflucht zu finden.
Er ist ein Soldat, und er gehört dazu. Und bei dir sind schon alle Betten mit Simulanten belegt!, erwiderte der Vater.
Er ist so provokant zahm, sie quälen ihn zu Tode, wie einen Käfer, sagte die Mutter, und auf dem bemehlten Fladen entwickelten sich dunkle Flecken, wie die ersten Tropfen eines Sommerregens auf einer staubigen Landstraße.
Mit den Tränen wirst du mir den Teig versalzen!, lächelte der Vater und schaute in die gegenüberliegende Küchenecke zu unserer Nachbarin, die auf ihrer weichen Wange noch einen rosafarbenen Abdruck der Kopfkissenfalten hatte. So blieben sie in meiner Erinnerung: Frau Kotov mit ihrem luftigen Schlafrock, Herr Kotov mit seiner Zenit. Die Kamera saß fest in einem harten, orangen Lederetui mit einer beweglichen Schnauze aus dickem, braunem Schweineleder.
Manchmal denke ich, es wäre besser, wenn es diese Fotos nicht gäbe, denn sie besetzen den ganzen Platz der Erinnerung an Kema. Ich sehe zum Beispiel ein Fenster, in acht Kästen geteilt, aber ich weiß nicht mehr, wie das ganze Haus ausgesehen hat und wie viele es davon in Kema gab. Ein Dutzend? Und dazu einen Klub. Die unscheinbaren, runden Blumenbeete, bewachsen mit Beifußgras. Ein Lautsprecher auf einem hohen Mast. Wenn ich lange auf das Bild starre, weiß ich, dass an dem Mast vorbei die Schlange eines Kerosinrohres geschlichen sein muss. Auf ihrem Weg zum Flughafen lief sie durch die ganze Siedlung und verschwand im zerzausten Gras einer Brache mit den alten Fahrerhäusern. Ich kann die Speichen des Kinderwagenrades zählen, ich kann deutlich und bis ins Detail die entblößten Eingeweide eines Motorrads studieren, und ich sehe Vaters Hand auf dem Lenker. Der Vater selbst aber entkommt meinem Blick. Von ihm ist mir bloß diese Hand übriggeblieben. Und so ist meine Erinnerung an ihn fest an die Ohrfeige gebunden, die diese Hand einst auf meine Backe gestempelt hat. Es hat nicht wehgetan. Aber es war schmerzlich. Und ihm, meinem Vater, wäre es sicher ebenso schmerzlich, zu erfahren, dass seine Hand und die Ohrfeige in meinem Gedächtnis unzertrennlich geblieben sind. Denn er war gutherzig. So gutherzig wie uns alle Väter erscheinen, die uns zu früh verlassen.
Die Chefin kommt zurück und macht sich auch eine Tasse Kaffee.
Lena, Denis ist krank, du kannst heute Frau Gnuschke übernehmen, die in der fünften Etage, links. Frau Gnuschke ist sehr enttäuscht, dass ihr Denis nicht da ist, und unsere Zweisamkeit fällt für uns beide etwas quälend aus. Die alte Dame leidet an Inkontinenz, will aber auf keinen Fall Windeln tragen. Ihr Bettzeug muss täglich gewechselt sein, tagsüber gelingt es ihr manchmal, sich an die Kloschüssel zu erinnern. Meistens aber nicht.
Mensch! Frau Gnuschke! Schon wieder! Warum weigern Sie sich, Windeln zu tragen?
Wenn Denis noch leben würde, müsste ich hier nicht Ihre Schikanen über mich ergehen lassen!
Er ist nicht tot! Er ist nur krank. Gehen wir ins Bad.
Als ich sie wasche, empört sie sich, dass ich Gummihandschuhe anhabe:
Es fühlt sich so unangenehm an. Dennis trägt nie welche!
Vielleicht ziehen Sie doch die Windel an? Oder nehmen die Binden? Sie fühlen sich so seidig und trocken an!
Dann empfehle ich sie Ihnen herzlich!
Ich mache ja nicht in die Hose! Sehen Sie, wie viel schmutzige Wäsche im Korb ist!
Es ist doch Ihre Arbeit, oder?
Aber es riecht hier doch auch so, ist Ihnen das nicht unangenehm?
Wenn Dennis nicht tot wäre, würden Sie mich hier nicht so quälen dürfen!
Als ich zur S-Bahn die Treppe hochfahre, fällt die Dämmerung über die Stadt, deren Lichter wie glimmende Kohlen im dichten Nebel stehen. Der Waggon ist voll. Wie unterschiedlich gepolte Magnete stehen die Menschen eng aneinandergedrückt, die Arme unten. Kaum entkommt man einem Blick, stößt man erneut auf fremde Augen und dreht sich weg. In Strömen fließen wir aus dem Zug und stauen uns vor den Rolltreppen. Dicht aneinander tappen wir auf dem Bahnsteig, am Alexanderplatz laufen wir schnell auseinander.
