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Alt ist Ivo noch nicht, höchstens an der Grenze, aber zu alt dann doch, um sich in die Freundin des eigenen Sohnes zu verlieben. Seit die junge Frau im Museum auf der Festung arbeitet, Tür an Tür mit Ivo, der dort sein Restaurant hat, findet er keine Ruhe mehr. Mira raubt ihm den Schlaf. Nicht im Ehebett, das teilt er längst nicht mehr mit seiner Frau, die Gesangslehrerin ist, aber ein Star hätte werden können. Überhaupt ist alles anders gekommen in der kleinen Stadt an der Grenze, wo Westen und Osten, Norden und Süden aneinanderstoßen. Anders als erhofft. Es ist August, es ist drückend heiß, seine Tochter Ana hat Geburtstag, ein großes Fest steht bevor. Als wäre die Katastrophe, die Ivo auf sich zukommen sieht, nicht schon genug, hat sein Sohn auch noch einen Autounfall.Im Duktus einer Märchenerzählerin verwebt Nellja Veremej die Geschichte ihres Helden mit Mythen, Fabeln und Legenden. Aus dem leisen Humor, mit dem sie ihre Figuren, ihre Hoffnungen und Nöte betrachtet, spricht die Zuneigung einer Autorin, die aus eigener Erfahrung weiß, dass Geschichte aus Geschichten gemacht ist, dass sich das Große im Kleinen spiegelt. Nellja Veremej kann davon erzählen – und wie!
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Nach dem Sturm
© 2016 Jung und Jung, Salzburg und Wien Grafiken S. 5 + 237: © Dim Zhnkov Umschlagbild: Ausschnitt aus Hieronymus Bosch, Die Anbetung der heiligen drei Könige Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-99027-081-3
NELLJA VEREMEJ
Roman
für Stephan
Die Städte überleben Völker, denen sie ihre Existenz verdanken, und Sprachen, in denen ihre Baumeister sich verständigt haben.
Joseph Roth
Jede menschliche Generation hat ihre Illusionen über die Zivilisation, die einen glauben teilzuhaben an ihrem Aufflammen, die anderen, Zeugen ihres Erlöschens zu sein. In Wahrheit lodert sie und schwelt und erlischt, je nachdem, unter welchem Winkel wir sie betrachten.
Ivo Andrić
»Ich bin Damir!«, antwortete der Junge. Mehr konnte er über sich nicht sagen, obwohl er wie ein Sechsjähriger aussah. Er schloss sich den Flüchtlingen an, als die Karawane im Schatten einer üppigen Eiche rastete. Niemand hatte bemerkt, wie der Junge mit seinen drei Ziegen aufgetaucht war. Vom Geruch des Eintopfs angezogen, drängte er sich schweigend zum Lagerfeuer durch, bis sein langes, verwittertes Hemd Feuer fing. Die Frau neben ihm (glattes dunkles Haar, von einem milchweißen Scheitel geteilt und tief im Nacken zusammengebunden) löschte das schwelende Hemd mit hastigen Schlägen. Als ihre Hände die mageren Rippen des Kindes ertasteten, hob sie ihr Gesicht zu ihrem Mann auf.
»Gib ihm etwas Gulasch. Aber nicht zu viel.« Er nickte.
Damir, der mit seinen scharfen Rückgratspitzen einem eingeigelten Tierchen ähnelte, aß schnell, tief über den Teller gebeugt. Als die Frau, ihrem Instinkt folgend, dem gierig schlürfenden Jungen über den Kopf strich, zuckte er zusammen und erstarrte, der Löffel blieb auf halbem Weg in der Luft stehen, die Fingerknöchel unter der schmutzigen Haut wurden weiß.
Der Junge ging hinter der bunten Karawane her. Man duldete ihn wie einen Hund, nahm ihn aber kaum wahr. Auch unter sich redeten die Menschen wenig, wanderten gesenkten Blickes vor sich hin, nur ab und zu stießen sie laute, kehlige Rufe aus, die ihren Pferden, den hirnlosen Schafen, den traurigen Kühen galten. Damir ahmte die Erwachsenen nach, schrie seine Ziegen an, schlug sie mit einem dicken Holzstock, seine schwarzen Augenbrauen böse zusammengezogen. Die niedrigen Karren, mit Hausrat bis obenhin voll, quietschten, die nicht geernteten Felder entlang der staubigen Wege raschelten trocken. Der Boden unter den Bäumen war mit Fallobst bedeckt, und Schwadronen bronzener Fliegen säuselten über diesem würzigen Matsch. Schlimme Gerüchte hatten die Gegend verwüstet: Die Krummsäbel würden plötzlich erscheinen, wie aus dem Nichts, alles Lebendige in Stücke hacken und verbrannte Erde zurücklassen. Die erschrockenen Bauern ergriffen oft die Flucht, bevor die Eroberer sich zeigten. Wie ein Algenteppich in der Vorhut der Flut zogen die Flüchtlingstrecks vom Süden nach Norden.
Damir bettelte nicht, er versuchte seine Brotrinde zu verdienen, indem er Reisig für das Lagerfeuer sammelte, die müden Pferde versorgte oder die Fleischtöpfe nach der Mahlzeit mit Sand scheuerte. Er war flink, war überall zu finden, leicht gebeugt, die Augen niedergeschlagen.
Als am Horizont der von einer Zitadelle gekrönte Berg erschien, wurden die Menschen reger, ihre Stimmen klangen lauter, die Peitschen flogen höher. Wie eine märchenhafte Hügelstadt schimmerte die Festung in der Ferne, aus der Nähe wirkte sie, in die rötliche Abendsonne getaucht, noch schöner – mit all den Reduiten und Tunneltoren, den grünen Terrassen und hölzernen Brüstungen, die sichtbar wurden, jagte die Erscheinung in ihrer strengen Geometrie den Ankömmlingen Ehrfurcht ein.
Die Karawane staute sich am Ufer des breiten Flusses. Die ganze Nacht loderte am Fuß des Oros das grelle Lagerfeuer, von der Garnison oben mit Angst und Sorge betrachtet. Am nächsten Morgen kam eine Abordnung ins Lager, um Erkundigungen einzuholen und der Führung in der Zitadelle Bericht zu erstatten. Eine Woche lagerte der Treck im Schatten einer Platane, bis endlich die Entscheidung fiel, die Flüchtlinge aufzunehmen.
Die allerersten Ankömmlinge hatten Glück: Sie durften sich oben ansiedeln, da der Bau der Festung immer noch Hände brauchte, die halfen. Jene Flüchtlinge, die später kamen, sollten ihre Hütten unten errichten. Mit der Zeit erstreckte sich die Kolonie, die Gradow getauft wurde, auf das andere, niedrige Ufer. Die Siedlung wuchs schnell, und schon nach fünfzig Jahren wurde sie zur »königlichen Freistadt« erhoben. Die hohe Festung dagegen verlor endgültig militärische Bedeutung und Prestige. Während die untere Stadt unaufhaltsam wuchs, schrumpfte und verödete sie. Die Zitadelle döste vor sich hin, durch die Brücke, ihre Lebensader, mit der Stadt verbunden. Drei Jahrhunderte verstrichen an diesen Ufern, mehrere Reiche verzehrten sich in stillem Fieber, die Festung aber, der Baum, die Brücke und die Stadt sind immer noch da.
Im Sommer trinkt Ivo seinen ersten Kaffee immer draußen, auf der Terrasse der Zitadelle. Auch jetzt steht er mit der Tasse in der Hand vor der Mauerbrüstung und schaut hinunter. Ein weißes Ausflugsschiff vor Anker. Der trübe Fluss mit Sonnenfunken gesprenkelt. Die Brücke. Die flache Stadt am anderen Ufer – die Dächer im alten Stadtkern wie eine Kolonie Muscheln, eingebettet in das Amphitheater der Hochhäuser, Fossilien des sozialistischen Fortschrittsgeistes. Ein Glück, dass Ivo nicht da unten wohnen muss. Hier oben auf dem Berg weht selbst im August manchmal eine frische Brise. Und auch sein Restaurant, das Platane, befindet sich hier, auf dem Attila-Platz, der die Mitte der Festungsanlage markiert.
Die Terrasse begrenzt den schmaleren, nördlichen Rand des Platzes, links und rechts ist er von zwei länglichen, dreistöckigen Gebäuden flankiert, beide mit Säulengalerien versehen, heute Archiv und Museum. In einem dieser Häuser hat Ivo sein Lokal; mit Genugtuung verfolgt er aus dem Augenwinkel, wie die Kellner die Tische draußen decken. Die schweren Flügeltüren des Restaurants stehen weit offen, drinnen flimmert ein blauer Monitor – für Ivo eine Quelle der Verzweiflung: Mit der neuen Abrechnungssoftware kommt er gar nicht zurecht, und es braucht viel List und Mühe, sein Versagen vor den Angestellten zu verbergen. Ansonsten macht ihm die Arbeit Spaß, auch wenn das Geschäft nur im Sommer gut läuft – dank der Kreuzfahrttouristen, die auf dem langen Flussweg Richtung Osten hier eine längere Rast machen. Oros ist nicht die älteste und auch nicht die schönste Festung am Fluss, liegt aber ziemlich genau in der Mitte der Route, wo der Veranstalter zu einem Brunch mit Sektumtrunk in Ivos Restaurant lädt. Ein gutes Geschäft, eigentlich überlebenswichtig: Als im letzten Sommer mehrere Schiffe wegen zu niedrigen Wasserstands kurz nach dem Ablegen strandeten, wäre Ivo beinahe bankrottgegangen. Er müsste dankbar sein, in letzter Zeit aber empfindet er den Fremden gegenüber eine leichte Abneigung – wie jetzt, beim Anblick der Gruppe, die im Gänsemarsch den Landungssteg entlang vom Schiff heruntersteigt. Bald werden sich die Besucher auf dem Platz versammeln – Baseballkappen auf den greisen Häuptern, nackte sehnige Waden unter den kurzen Hosen, schwere Kameras oder andere kluge Geräte in den fleckigen Händen.
Vor vielen Jahren verbrachte Ivo mit seinem kleinen Sohn eine Woche auf so einem Narrenschiff. Er denkt nicht gern an diese Reise zurück. Das Essen, das nach Pappe schmeckte, aber während eines senilen Abendprogramms mit fürstlichen Mienen zelebriert wurde. Und die ganze Zeit, rund um die Uhr, knurrten unter den Füßen der Tanzenden und Kauenden abertausende Pferdestärken. Dieses kaum hörbare Raunen machte ihn wahnsinnig; die anderen Fahrgäste schienen es gar nicht wahrzunehmen, von Wonne wie betäubt.
Was treibt erwachsene Menschen, denen es an nichts fehlt, in die Ferne? Überdruss oder Überfluss? Sie flüchten vor dem trüben Regen und vor dem dunklen Winter, sie bewegen sich auf Wasser, über die Erde und durch die Luft: Flugzeuge sieht man über der Festung inzwischen öfter als Vögel; Ivo schaut in den Himmel – keine einzige Wolke, nur ein paar flauschige Kondensstreifen. Immer eifriger durchmessen sie die Welt, der Länge und der Breite nach, während Ivo manchmal schon der Weg über die Brücke in die Stadt lästig ist.
In letzter Zeit spürt er die Schwerkraft und das Gewicht seines Körpers immer stärker. Dabei hat sich seine Erscheinung in den vergangenen Jahren äußerlich kaum verändert: kurzer Hals, kantiger Rumpf, borstiges, dichtes schwarzes Haar, eine Zigarette und eine Tasse türkischer Mokka. Er ist noch nicht sechzig, fühlt sich aber träge und angeschlagen. Wie mit hundert, nein, wie mit tausend, wie die Platane unten, am Fuß der Festung. Sie ist uralt und riesig, aber dieses Jahr scheint sie der Hitze nicht mehr trotzen zu können. Sonst bleibt sie bis November grün, nun ist ihre Krone schon im August mit braunen Flecken toten Laubs gescheckt. Nicht nur der Baum leidet unter der Hitze, auch die Wiesen hier oben sind gelb und riechen nach Heu und Herbst. Über der glatten steinernen Tonsur des Platzes bebt geschmolzene Luft.
Es ist kurz nach neun, die Sonne brennt aber schon wütend hernieder. Der Sommer ist auf seinem Höhepunkt angelangt, bereit, wie eine überreife Frucht jeden Moment vor Fülle zu platzen. Die ersten Touristen, die durch das Tunneltor den Platz betreten, rollen die Augen empört gen Himmel und nippen an ihren Wasserflaschen, erschöpft nach dem Aufstieg. Bevor sie sich um die Tische vor dem Restaurant versammeln, stolpern sie noch unter die Erde, in die Katakomben. Wie gigantische Wurmlöcher durchziehen die unterirdischen Gänge den Berg, in dessen Tiefen man den unverweslichen Leichnam des örtlichen Heiligen bestaunen kann (»die besterhaltene Mumie Europas«, wie der Reiseführer verrät). Wer Glück hat, bekommt auch Einblicke in das Leben der Fledermäuse – die endlosen, noch nicht restlos erkundeten Tunnelgänge des Oros beherbergen die größte Kolonie auf dem Kontinent.
Wenn der letzte Tourist unter der Erde verschwindet, ist der Platz, weiß vor Sonne, wieder leer. Nur die Kellner laufen mit Besteck zwischen den Tischen hin und her, und mitten in diesem Getümmel sitzt eine junge Frau mit einer Kaffeetasse in der Hand. Es ist Mira, Ivo hat nicht bemerkt, wie sie gekommen ist. Noch vor wenigen Augenblicken war der Tisch frei, und nun sitzt sie plötzlich da, über ein aufgeschlagenes Buch gebeugt, bunt geblümter Rock, helle ärmellose Bluse, goldbraune Arme. Eigentlich sollte an ihrer Stelle Ivos Tochter Ana hier sitzen; für sie hatte der Museumsdirektor auf Ivos Drängen einen Praktikumsplatz frei gehalten. Zum Vorstellungsgespräch erschien Ana allerdings nicht allein, sondern mit ihrer Freundin, diese sei für die Arbeit im Museum besser geeignet, ihr Vater teile diese Einschätzung. Und so sitzt dieses Mädchen hier, während seine Tochter im Ried, einer Vorortsiedlung, in einem Kinderheim arbeitet.
Die Siedlung liegt ungeschützt an dem niedrigen, versumpften Ufer, das wegen Überschwemmungsgefahr unbebaut geblieben ist. Müllhalden, Garagen, Scheunen, Lager hat es dort immer schon gegeben, neuerdings wachsen hier auch Hütten aus dem Boden. Immer mehr Flüchtlinge sickern von Süden her durch, einige ziehen weiter nach Westen, andere bleiben hier und errichten ihre Behausungen aus Müll und Lehm an dem feuchten Ufer. Neuerdings wächst die Siedlung beunruhigend schnell. Es ist nicht ganz klar, wer diese Menschen sind, welche Götter sie anbeten und welche Sprachen sie sprechen. Am späten Nachmittag, wenn die Schatten lang werden, schleichen sie in die Stadt, wo sie in Mülltonnen wühlen oder betteln. Abends ziehen sie mit ihrer dürftigen Beute wieder ab, und die engen Gassen der Siedlung füllen sich mit Leben. In der Nacht zünden die Rieder Lagerfeuer an, über denen sie Pferdefleisch auf Stöcken grillen. Oder sie backen in der glühenden Asche Igel, die sie zuvor in Lehmkugeln einmauern. Erst am frühen Morgen kommt das Leben im Ried zur Ruhe, aber selbst dann wagen es nur wenige Bürger von Gradow, die schmutzigen Gassen zu betreten. Und unter diesen wenigen ist Ana, Ivos Tochter, die frisch diplomierte Anthropologin.
Für sie sitzt Mira hier, nippt an ihrem Kaffee, raucht und blättert in einem Buch. Ihr schwarzes Haar trägt sie fest zusammengebunden, bis auf eine Strähne, die sie versunken um den Zeigefinger dreht. Wäre da nicht diese Bewegung, sie würde ein Bild absoluter Ruhe abgeben: eine junge Frau über einem geöffneten Buch im Schatten eines Sonnenschirms – ein trügerisches Bild.
Ruhestörerin nannte sie der Direktor des Museums, als er sich unlängst bei Ivo ausweinte: »Dauernd redet sie von Narrativen, mal braucht sie Bildschirme, dann will sie die Altstadt mit Infoständen vollpflastern, und ständig schickt sie mich zu Sponsoren. Wie einen Bettler! Geh selber, sag ich. Nimm den Hut und geh! Und sie geht! Wenn du wüsstest, was bei uns jetzt los ist! Vielleicht sollte sie sich in Mitrea bewerben, im Archäologischen Museum. Da wird eine Stelle frei, die einzige, dann wäre sie für alles zuständig und könnte ihren Tatendrang ausleben …«
Tatsächlich, das könnte eine Lösung sein – aus den Augen, aus dem Sinn: Mitrea liegt zwanzig Kilometer von Gradow entfernt. So würde Ivos peinliches Verlangen nach dieser Frau vielleicht bald zur Ruhe kommen. Gesagt hat er damals freilich etwas ganz anderes: »Wart erst mal ab. Die Jugend will immer alles anders und neu, aber dieser Übermut wird sich bald verlieren, glaub mir.«
Im Stillen gab er Mira freilich Recht; die Ausstellung brauchte ein neues Konzept, seit Ivos Kindheit hatte sich im Museum nichts geändert. Immer noch stehen in der Eingangshalle die gleichen Munitionsstücke aus verschiedenen Jahrhunderten (am meisten liebt Ivo die grünlichen Kanonen, die wie Kröten vor einem Haufen dunkler Kugeln sitzen) und eine alte Kutsche mit übergroßen Rädern. Dahinter, im dämmrigen Fond des Foyers, hängt ein Bild, das sich über die ganze Wand erstreckt, eine Darstellung des Ereignisses, das als Geburtsstunde der Stadt gilt: Am 28. August des Jahres 1715 schlug wundersamer Sommerschnee die Belagerer, die die Festung mehrere Monate lang fest im Griff gehalten hatten, in die Flucht. Auf dem Wandbild ist zu sehen, wie die leicht und bunt gekleideten Männer mit dunklen Gesichtern ihre Packtiere, Esel und Kamele, über die Pontonbrücke treiben, der Kopf des Zuges verliert sich in den nebligen Tiefen der Niederung. Die Erde hinter den flüchtenden Kriegern ist weiß, der Himmel über ihren Köpfen dunkel und tief, die Bäume neigen sich unter starken Sturmböen fast bis zum Boden – eine lebendige und gelungene Darstellung, die Farben aber sind längst verblasst, das Schneeweiß vergilbt.
Die eigentliche Ausstellung erstreckt sich über die Zimmerfluchten der ersten und der zweiten Etage: Gemälde, Urkunden, Uniformen, ein Waschkrug, ein Medaillon, ein Fleischkessel; auch ein echtes Sultanszelt kann den Räumen ihre bürokratische, verstaubte Langeweile nicht nehmen. »Was sollen alle diese Gipsköpfe, Gewehre, Töpfe, die nichts erzählen! Kein Wunder, dass die Touristen immer gleich zu der Mumie laufen«, hörte Ivo Mira einmal sagen, hier auf der Terrasse, wo die jüngeren Museumsmitarbeiter in einer Kaffeerunde über neue Konzepte diskutieren. Wenn Ivo in der Nähe ist, hört er neugierig zu. Nicht nur, was Mira sagt, gefällt Ivo.
Fast täglich sieht er sie hier, umringt von ihren Kollegen, mit denen Ivo immer unbekümmert plaudert. Es würde ihm aber schwerfallen, sich direkt an Mira zu wenden, ihren Namen auszusprechen, aus Angst, seine Stimme würde sein Verlangen nach ihr verraten – sein peinliches, untragbares Verlangen: Mira ist zwei Dutzend Jahre jünger als er, sie ist mit seinen beiden Kindern befreundet und hat in seinen Tagträumen nichts zu suchen. Mira spricht ihn auch selten direkt an. Es sind immer nur die gleichen wortlosen Gesten, wie diese jetzt: Sie schaut zu Ivo auf, nickt ihm kurz zu, und er winkt ihr mit willenloser Hand – eher die Geste eines kapitulierenden Soldaten als ein Gruß.
Ein Kellner, der seine Handbewegung falsch deutet, eilt zu ihm herüber. Es ist Adam, ein langer Kerl mit blassem, grob gemeißeltem Gesicht. »Noch Kaffee?« Wie ein Fragezeichen verbeugt er sich vor Ivo.
»Nein, danke.«
Mit einem kleinen Nicken stellt Adam den sauberen Aschenbecher auf die Brüstung, hält seinem Chef das Feuer hin und eilt davon. In den letzten Monaten hat Ivo mehrmals versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, immer ist er gescheitert. Dann ärgerte er sich über sich, die Welt und seine linke Hand, die stumpf und plump ist wie eine Baggerschaufel – die Folge des Hirnschlags vor einem halben Jahr.
»Sie sind außer Gefahr«, säuselte der Arzt, als Ivo damals nach einem Zusammenbruch im Krankenhaus zu sich kam. Während der Arzt sprach, rieb er die Gläser seiner Brille an seinem weißen Kittel. Die junge Krankenschwester, die während der Visite einen Stapel mit Unterlagen hinter ihm hertrug, steckte ihm ein Tuch zu. Die Bewegungen und die Blicke der beiden verrieten, dass sie die Nacht in einem Bett verbracht hatten und dass ihre Begierde noch nicht erschöpft war. »Nun, Sie sind außer Gefahr«, wiederholte der Arzt nach der kleinen Unterbrechung. »Aber immerhin, es war ein Hirnschlag, die Lage war ernst.«
Hirnschlag – was sollte er mit so einer Diagnose anfangen? Er stand mitten im Leben, hatte noch Kraft und Träume, Wünsche. Das alles sagte Ivo damals natürlich nicht, aber der Arzt, der nicht jünger zu sein schien als Ivo, konnte seine Gedanken lesen. »Keine Panik!«, sagte er mit sanftem Lächeln: »Es ist nur ein kleiner Glockenschlag, eine zarte Mahnung. Das Leben geht weiter!«
Ja, tut es – nach sieben Monaten hat sich sein Körper fast erholt, nur seine Linke schmerzt manchmal, und auch sein Gang ist etwas anders geworden, langsamer, bedachter, als ob er sich über eine Hängebrücke bewegen würde, ausgespannt über einem Wasser, das große Gefahr birgt.
In der vergangenen Nacht hat er von dieser Gefahr geträumt. Der Fluss war dunkel und tosend, der Himmel tief und düster, dazwischen schwebte ein weißes Schiff im Glanz der letzten Sonnenstrahlen, die plötzlich unter den schwarzen Wolken hervordrangen. Unten am Ufer stand ein Junge; wo sich Ivo befand, war nicht klar – einmal sah er von der Festung zu dem Jungen herab, einmal von Bord des schwankenden weißen Schiffs. Jedenfalls war er irgendwo oben, und der Junge war unten, dem aufziehenden Sturm ausgeliefert. Ivo wusste, dass der Regen schnell zu einer Sintflut werden würde. Er lehnte sich über die Brüstung und versuchte den Jungen zu warnen. Dieser schaute zu ihm herauf und antwortete nichts. Trotz der Entfernung konnte Ivo ihn gut sehen: ein knorriger großer Stock in der ausgestreckten Hand, knielanges Hemd mit ausgefransten Schößen, die bloßen Füße versunken in dickem gelbem Staub, der die ersten Regentropfen in panierte Blasen verwandelte. Das Letzte, was Ivo im Traum sah, war der massive Stockknauf, auf dem die schwarzen, aufgedunsenen Kinderfinger ruhten.
Als er erwachte, löste sich der Traum auf; nur die taube Linke schmerzte. Erst jetzt, beim Anblick der lesenden Frau, entsinnt sich Ivo dieser vagen Bilder und begreift, dass sie der Geschichte entsprungen sind, die Mira neulich erzählte. Sie galt einem der ältesten Museumsexponate: dem Kirschstock, mit dem Damir in die Festung gekommen war. Später, als der Junge groß und mächtig geworden war, ließ er den schlichten Ast reich verzieren und mit einem Knauf krönen. Das Prachtstück wird heute in einer verglasten Vitrine ausgestellt, Raum 7. Wie eine wertvolle Klinge ruht der Gehstock in einer samtenen Vertiefung, kahl und abgegriffen. Der Knauf aber, ein bronzener Ziegenkopf mit mondartigen Hörnern, ist gut erhalten. Man kann sogar die alte Gravur um den Hals entziffern: »Das Paradies ist der Rockzipfel der Mutter.«
Damir war der Letzte, der mit seinen drei Ziegen das untere Tunneltor zur Zitadelle passierte. Wie eine träge Schlange bewegte sich die Karawane nach oben, als sie langsam die Serpentine entlang zur Festung hinaufzog. Da die Festung noch im Bau war, gab es für die Ankömmlinge genug Arbeit – sie mauerten, tischlerten, kochten, wuschen die Wäsche der Soldaten, reinigten die Uniformen und bedienten die Offiziere. Sie hatten Glück, denn sie bekamen sofort ein Dach über dem Kopf und ein Stück Brot. Sie ackerten nicht, sie dienten, und schnell verwandelten sie sich in Städter, deren Frauen ihre Kopftücher bald gegen Hüte tauschten und von Sonnenschirmen träumten.
Die Festung mit der Zitadelle war wie eine kleine Stadt. Der leicht gewölbte Attila-Platz zwischen dem Arsenal und der Kaserne war das Herzstück der ganzen Anlage, die anderen Gebäude – Kasematte, Spital, Munitionslager und Wohnanlagen – standen etwas tiefer, verstreut im Gassengeflecht. Auf der tiefsten Terrasse, die ungefähr die mittlere Höhe des Berges markierte, befand sich der Markt, auf dem Bauern aus nahegelegenen Dörfern ihre Waren feilboten: Obst, Gemüse, Fleisch und große Laibe Käse – alles salzig von Schweiß, denn das Leben und die Arbeit da unten waren hart.
Die Bewohner der Festung, die noch gestern selbst auf dem Feld geackert hatten, fühlten sich den Bauern überlegen – selbst Damir, der Letzte unter ihnen, ein Waise, erlaubte sich, die Bauern auf dem Markt herumzukommandieren und zurechtzuweisen, wenn diese auf den Boden spuckten oder den Mist ihrer Pferde mitten auf den Straßen liegen ließen.
In der Festung herrschte strenge Ordnung und eine für damalige Verhältnisse revolutionäre Hygiene, da der Kommandant, Hauptmann Ottiz, sehr viel Wert auf Sauberkeit legte. Er mochte etwa vierzig Jahre zählen, war schlank und groß. Sein langes Gesicht schien aus geraden Linien zusammengesetzt, aus hartem Material geschlagen. Nur sein dichter Schnurrbart, goldgelb und flauschig, wirkte weich und lebendig – ein warmes Pelztierchen unter der kantigen Nase.
Allgegenwärtig und penibel, war der tatkräftige Hauptmann überall zu finden, um persönlich die Einhaltung seiner Vorschriften zu überprüfen, die sowohl die Wasserversorgung als auch die Müllentsorgung reglementierten. Mit eigenen Augen inspizierte er den Zustand der steinernen Latrinen, und eigenhändig entleerte er die Mausefallen in den unterirdischen Proviantspeichern – Sauberkeit hielt der Hauptmann neben Tapferkeit für eine wichtige militärische Tugend. Als dritte galt ihm Sparsamkeit: Als die Ankömmlinge in das Großbuch eingetragen wurden, befahl er, das »tsch« in den Namen der Fremden durch »t« zu ersetzen, um Tinte zu sparen. Da Damirs Herkunft unbekannt war, hatte man ihm den Familiennamen Tschoban gegeben, was in der Sprache der Neuankömmlinge so viel wie Hirte bedeutete. Der volle Name des Jungen war ab nun Damir Toban.
Am Anfang schlief er draußen, und wenn über den Fleischtöpfen deftige Dämpfe aufstiegen, wanderte er mit seinem Zinnlöffel von einer Herdstelle zur nächsten. Mehrmals versuchte er in die Stube vorzudringen, wo die Frau mit dem glatten, mittig gescheitelten Haar im Licht einer Öllampe ihre Kinder aus einem großen Kessel fütterte, aber ihr Mann zog die Tür so jäh zu, dass die in dem Spalt eingeklemmte Hand des Waisen blutete.
Bald bekam Damir auf Ottiz’ Erlass hin eine halbe Soldatenration und eine Pritsche in einem kleinen Kämmerchen. Dafür sollte er die Kommandantur fegen und heizen, Depeschen austragen und kleine Aufträge erledigen, für die er ab und zu ein paar Groschen bekam. Mit dem Geld ging er sehr sparsam um, was Hauptmann Ottiz, der sich dem Jungen gegenüber anfangs auch sonst wohlwollend zeigte, gerne sah.
Der Hauptmann wohnte mit seiner Frau in der Zitadelle, im Unterschied zu den anderen Offizieren, die ihren Dienst hier, am Rande der Welt, als Teil eines Feldzugs betrachteten, bei dem Damen nichts zu suchen hatten. Olga, die kinderlose Frau des Hauptmanns, hatte schmale Schultern, war luftig und still wie ein Nachtfalter, die blassen Moirékleider und ihre farblosen Brauen unterstrichen diese Wirkung. Ihr leichtes Haar trug sie fest zusammengebunden, einige ungehorsame Strähnen wehrten sich immer gegen den Kamm und sträubten sich um Olgas Kopf wie ein Nimbus. Sie galt als menschenscheu, kaum jemand konnte sich rühmen, mit ihr gesprochen zu haben. Ihre Zeit verbrachte sie vor dem Fenster sitzend, den Blick in die Ferne gerichtet, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Schoß. Ihre willenlosen Finger wirkten weißer als das Papier unter ihnen; Olga wusch ihre Hände mehrmals am Tag, bei jeder Gelegenheit, und rieb sie ständig, wie um unsichtbaren Schmutz loszuwerden.
Sie trug keine Ringe, ihr einziges Schmuckstück war die hauchdünne Halskette mit dem großen Anhänger: ein schlicht eingefasster, rundlicher, glatter Stein. Im schwachen Tageslicht ähnelte der helle Kristall einem vereisten Klumpen verdünnter Milch, in der Dunkelheit aber entströmte ihm aschfahles, stilles Licht. Wenn ihn ein Sonnenstrahl berührte, erblühte der perlmuttmatte Stein mit grün, gelb, rosa und blau schimmernden Blitzen. Von dem farbigen Lichtspiel angezogen, blieben neugierige Libellen in der Luft stehen. Noch mehr Freude hatte Olga an den Schmetterlingen, die einzeln oder als Paare oder in kleinen Scharen das Fenster umschwärmten. Blau wie eine Kornblume war der kleine Falter, der an einem Sommertag auf dem Fenstersims landete; sorglos rollte er seinen winzigen Rüssel aus und ein und legte die hauchfein gemusterten Flügel aneinander. Damir lauerte unter dem Fenster, und als plötzlich der Schatten einer schmutzigen Hand über den Schmetterling fiel, stieß Olga einen Schreckensschrei aus. Vor allem die Linke sah schlimm aus: aufgedunsen, schwarz, mit Eiterflecken gesprenkelt, der kleine Finger und der Ringfinger waren dem Jungen fast weggefault.
Der Feldscher, den die aufgebrachte Olga unverzüglich holen ließ, riet zur sofortigen Amputation. »Die ganze Hand muss weg. Wir haben keine andere Wahl, wenn du am Leben bleiben willst.« Mit großen Augen sah Olga zu, wie der Mann mit der Säge an dem Handgelenk des Jungen Maß nahm; dabei schaute er zu ihr auf wie ein Metzger, der seiner Kundin Angebote bezüglich der Größe des Stückes Fleisch macht. Damir drehte sein Gesicht von der Säge weg, zum Fenster.
Also wandte sich die verzweifelte Olga an Zoe, die Medizinfrau, die mit Wildkräutern und anderen Substanzen angeblich Heilwunder vollbrachte. Dunkles rundes Gesicht, schnelle glänzende Augen, zwei schwarze Haarzöpfe, die sich unter dem roten Kopftuch hervor herabschlängeln, schlanke Fesseln unter den Röcken, die sie in mehreren Lagen übereinander trug – Zoe war eine Frau ungewissen Alters und ungewisser Herkunft. Als die österreichischen Truppen hier eintrafen, war sie schon da. Sie reichte den Neuankömmlingen den Schlüssel zur unterirdischen Kapelle mit der Bitte, dem heiligen Leichnam angemessen Schutz und Ehre zu gewähren. Niemand wusste, woher sie kam, sie selbst sagte, sie habe hier immer gewohnt, neben dem Spital, in einem Häuschen, das mit dem hinteren Teil in dem Berg steckte und zu einer kleinen Terrasse hinausschaute. Die Decke der Kammer war mit Bündeln getrockneter Pflanzen behängt, und überall auf dem Tisch vor dem einzigen Fenster standen Glasfläschchen und Tongefäße. Das Bett in der Ecke wurde von einem Vorhang abgeschirmt, der mit bunten Paradiesvögeln bestickt war. Man munkelte, sie könne nicht nur Wunden heilen, sondern auch Männer verzaubern. Das Fluidum entfesselter männlicher Zärtlichkeit ist bekanntermaßen unentbehrliche Nahrung für die Zauberkraft einer Hexe. Zum Glück aber hatte es Zoe nur auf fremde Männer abgesehen, solche, die auf Durchreise hier waren, und die einheimischen Frauen waren ihr nicht böse. Insgeheim beneideten sie sie sogar. Auch Olga dachte mit Abscheu an die kahlen, kalten Zimmer, die sie mit dem hölzernen Ottiz teilte, als sie in das enge, warme, wirtlich bunte Weibergemach trat.
»Die zwei Finger sind schon verloren … Ich kann versuchen, die restlichen drei zu retten, aber leicht wird es nicht.« Zoe zog die Enden ihres Kopftuchs enger zusammen.
»Ich gebe dir alles, was du willst«, bat Olga, die sich in eine andere Frau verwandelt hatte; ihre Stimme war ungeduldig und laut, ihre Wangen waren rot, ihr Handgriff energisch und stark.
»Den da möchte ich haben.« Zoe zeigte auf den Stein an Olgas Hals, dann machte sie sich an die Arbeit. Sie bekam den Milchstein, dann war sie für immer verschwunden. Manche sagten, sie sei Opfer eines Gewaltverbrechens geworden, andere meinten, der Feldscher habe sie vertrieben, weil er die Konkurrenz fürchtete. Auch Damir und Olga waren dieser Meinung.
Man sah die beiden nun oft zusammen. Sie redeten leise miteinander und lachten laut, wenn aber jemand in ihrer Nähe erschien, unterbrachen sie ihr Gespräch sofort. Worüber konnten die beiden sich so lebhaft unterhalten? Diese luftige, reine Seele mit den seidenen weißen Strümpfen und der stämmige Junge mit dem borstigen Haar und den Fersen hart wie Pferdehufe? Die Bewohner der Festung staunten.
Olga hatte keine Kinder, und sie bat ihren Mann, Damir zu adoptieren, was den Hauptmann nur empörte: »Täusch dich nicht – er ist nur treu und gehorsam, weil ich streng zu ihm bin.«
Später untersagte er seiner Frau sogar, den Jungen in die Wohnung zu lassen, und heizte den Ofen selbst. Aber Olga traf sich mit ihrem Günstling heimlich, meist außerhalb der Festung. Sie machten weite Ausflüge im Hain, dann saßen sie auf der Bank im Schatten der riesigen Platane, die Köpfe über einem verwundeten Distelfink. Der kranke Vogel saß in Damirs wunder Linker, die er halb geschlossen hielt, und der Jüngling und Frau Ottiz streichelten mit dem Fingerkissen des Zeigefingers zaghaft und sachte über des Tierchens rot-schwarzes Köpfchen und den zimtbeigen Rücken – so sind die beiden auf der kolorierten Gravüre dargestellt, die im Museum hängt.
Es ist unklar, ob es sich tatsächlich um Damir und Olga handelt, das Bild ist fast hundert Jahre später entstanden, und sein Titel, Die Dame mit dem Distelfink, gibt darüber ebenfalls keinen Aufschluss. Die Postkarten mit diesem Motiv sind bei den Touristen sehr beliebt, auch weil im Hintergrund die Umrisse der Festung erkennbar sind, die bis heute unverändert geblieben sind. Auch die Platane, unter der das Paar sitzt, ist immer noch die alte. Ivo kann sie gut sehen, wenn er sich über die Brüstung weiter hinausbeugt.
Der Baum steht zwischen Ufer und Berg, ganz allein, als ob die anderen Bäume in ehrfurchtsvollem Schweigen vor einem Patriarchen zurückgetreten wären. Die kühnsten Vermutungen besagen, dass er weit über tausend Jahre alt ist. Man weiß es nicht genau – noch nicht … Aber jetzt, jetzt ist er noch nicht tot. Er lebt und atmet, er streckt seine dicken Äste in die Höhe, in die Breite, wie die verzweifelten Arme eines zum Himmel Betenden. Sein Stamm, den sogar fünf Männer nicht umfassen könnten, steht etwas schief, wie die Erdachse, und daher ähnelt die Platane, von der Festung aus gesehen, einem Globus. Jetzt, wo die Hitze ihn mit den sandfarbenen Flecken toten Laubs frühzeitig brandmarkt, ist diese Ähnlichkeit besonders augenfällig. Ist es nur die Hitze? Oder ist der Baum altersschwach? Vielleicht sterben Bäume so – Jahr um Jahr, von außen unsichtbar. Die Wurzeln werden stumm, der Stamm wird von Holzkäfern zermalmt, er aber steht regungslos da, stolz und standhaft. Stürzt er im Windsturm plötzlich um, staunen alle, dass der Riese sich so leicht ergab.
