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Ein Sehnsuchtsort, ein Tor in Richtung Westen – das war der Alexanderplatz für Nellja Veremej, als sie in den Neunzigerjahren nach Berlin kam. Stattdessen fand sie sich auf einer unwirtlichen Brache wieder, umstellt von Häuserkästen, deren Stil sie noch aus der Sowjetunion kannte. Erst als sie sich in Alfred Döblins berühmtem Roman vertieft und in die Geschichte des Platzes eintaucht, offenbart er sich ihr als Ort der Begegnungen und Gegensätze, als Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen, als steinerne Kulisse für menschliche Hoffnungen und Enttäuschungen. Bei ihren Recherchen stößt sie auf bewegende Schicksale und verborgene Geschichten – und wird immer wieder auch an Ereignisse aus ihrem Leben im Osten Europas erinnert.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Nellja Veremej
Alexanderplatz
Tausend Dank an Gertraude Pohl, Doris Tüsselmann,
Eva Endruweit und Claudia Svensson, die so großzügig
Zeit und Wissen mit mir geteilt haben.
Nellja Veremej
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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ebook im be.bra verlag, 2021
© der Originalausgabe:
be.bra verlag GmbH
Berlin-Brandenburg, 2021
KulturBrauerei Haus 2
Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin
Lektorat: Ingrid Kirschey-Feix, Berlin
Umschlag Manja Hellpap, Berlin
ISBN 978-3-8393-0153-1 (epub)
ISBN 978-3-89809-181-7 (print)
www.bebraverlag.de
1 Am Brunnen. Auge des Hurrikans
2 Der Mann mit dem Bauchladen. Wendezeiten
3 Berolina und Urania. Frauen
4 Die neue Königstraße. Revolutionen
5 Haus der Elektroindustrie. Wahrnehmungswellen
6 Hotel Park Inn. Die verlorenen Kinder
7 Das Warenhaus. Konsum
8 Der Bahnhof. Ankunft und Flucht
9 Das Tor zum Osten. Die Mauer als Chance
10 Das Alexa. Die Sporen der Ahnen
11 Haus des Lehrers. Unser Leben
12 Die Georgenkirche. Die toten Seelen
Anmerkungen
Abbildungsnachweis
Zitierte Literatur
Die Autorin
Die Schnecke bezeichnet den Weg über den Alexanderplatz
Was ich sehe, an einem hellen, frühen Morgen mitten auf dem Alexanderplatz – eine zugepflasterte Brache, mit Kastenhäusern umstellt. Die raren Bäume scheinen direkt aus dem Beton zu wachsen, kein Halm in Sicht, kein Blümchen. Es ist Sonntag, und die Geschäfte, die den Platz umringen, sind zu, daher bleibt die steinerne Wüste eine Weile menschenleer. Erst gegen Mittag füllt sich der Raum zwischen dem Brunnen der Völkerfreundschaft und der Weltzeituhr mit Müßiggängern – nach Kaffee und Kuchen süchtige Rentner mit Pusteblumen-Köpfen, kegelförmige Frauen mit ihren schnurrbärtigen Trabanten. Verwahrloste Menschen mit wüsten Blicken und vom Wind gegerbten Gesichtern, rot wie ein Hühnerkamm. Ich sehe junge Mütter mit bunten, langen Fingernägeln oder Burschen mit kessen, weiß besohlten Turnschuhen und schnellen Blicken oder Mädchen mit engen Jeans und entblößten Bäuchen: Sehen und gesehen werden!
Aber das ist nur eins der vielen Gesichter des berühmten Alexanderplatzes, der seine Stimmung und sein Mobiliar andauernd wechselt. Während der Jahrmärkte ist er eine laute enge Dorfkneipe; nachts, leergeräumt und menschenleer, ist er ein Wunder des urbanen Minimalismus.
Heute noch eine Flaniermeile, wird der Alexanderplatz morgen zum Brennpunkt exzessiven Konsums und großer Hektik: Immerhin gilt er als Zentrum des Berliner Ostens und größtes Transitareal der Stadt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Platz ein Knoten kommunizierender Röhren und Routen, die täglich Hunderttausende durchschleusen – oben in der Luft, auf mehreren unterirdischen Ebenen und auf dem grauen Steinpflaster, zerschnitten durch die Straßenbahngleise. Die gelben schweren Trams tasten sich vorsichtig durch die Fußgängerzone, die Menschenmenge teilt sich vor ihnen kurz wie Meeresgewässer und schließt sich dahinter wieder. Er ist einer der größten Plätze Berlins und seine Dimensionen verleihen ihm eine enorme Kraft: Vieles potenziert sich hier ins Mehrfache: der Wind und die Hitze, die menschliche Kleinheit und das Gottverlassensein.
Wenn ich hier in der Mitte stehe, scheint der Platz unendlich und unförmig, seine Ränder zerfranst und uneben. Auf dem Stadtplan jedoch ist er ein akkurates Viereck, begrenzt von der Karl-Liebknecht-, Alexander-, Gruner- und Dircksenstraße mit ihren S-Bahnbögen, adrett und sachlich.
Eckig, grau, ärmlich – so war mir der Alexanderplatz auf den ersten Blick vor vielen Jahren erschienen, seine sozialistische Architektur mir gut vertraut und daher unspektakulär.
Auch als ich in eine Wohnung in Mitte umsiedelte und den Platz fast täglich überquerte, tat ich mich schwer damit, mein neues Revier lieben zu lernen. Erst Gespräche mit Freunden, die ihre Kindheit unweit vom Alexanderplatz verbracht hatten, erhellten und beseelten für mich einige seiner Ecken und Winkel.
Die ultimative Wende in meiner Beziehung zu diesem Ort bewirkte jedoch Literatur, an erster Stelle Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz aus dem Jahre 1929. Es ist die Geschichte von Franz Biberkopf, einem Arbeiter und späteren Zuhälter, und wie er sich irrte, kämpfte und zugrunde ging. Der Schauplatz seines Scheiterns war die ärmliche östliche Mitte mit ihrem Herzstück, dem Alexanderplatz: damals ein krimineller Sumpf, Arena des Klassenkampfes, Konsumparadies, moderner Verkehrsknoten und permanente Baustelle.
Der Krieg vernullte alle diese Erfahrungen, und alles, was hier davor gewesen war – das Kurvige, Einmalige, Verrußte, zufällig Zusammengewachsene –, wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und dann später abgetragen. Lediglich der Bahnviadukt überlebte und die sich an ihn schmiegenden grauen Gebäude aus der späten Weimarer Republik, die Behrens-Häuser, ansonsten erinnert hier nichts an früher – neue Gebäude, Postadressen, Blickachsen.
Im geteilten Deutschland verpasste sich der Alexanderplatz eine neue futuristische Identität, wurde modernes Hauptstadtzentrum, wuchs in die Breite und in die Höhe. Die Geister der Vergangenheit schienen für immer begraben, aber nach der Wende erwachten sie wieder und der heutige Alexanderplatz ist erneut, wie vor hundert Jahren, eine Lokalität kleiner irdischer Freuden und Sorgen, ein sozialer Brennpunkt, eine ewige Baustelle.
Während ich viele Stunden mit dem Buch von Alfred Döblin verbracht habe und mehrere Tage lang Franz Biberkopf auf seinen Irrwegen folgte, habe ich den Alexanderplatz kennen und lieben gelernt. Die Stimmen und Bilder aus diesem großartigen, übervölkerten Roman haben meine persönliche Erinnerung verlängert und bereichert. Heute ist es mir, als schritte ich seit hundert Jahren über den Alexanderplatz – einen Ort der Unruhe, der Wende, des Umbruchs.
Der Alexanderplatz mit Brunnen, 2020
Ich erinnere mich gut an meine erste Begegnung mit dem Alexanderplatz an einem Herbsttag 1994. Ich war neu in der Stadt, in einem anderen Bezirk beheimatet und hatte mich auf dem unbekannten ungemütlichen Platz beim Umsteigen verirrt. Mein Deutsch reichte nicht, um nach dem Weg zu fragen, ich wusste nicht wohin, blieb mitten auf dem Platz stehen, ich war verloren. Wenn ich heute an die neunziger Jahre zurückdenke, kommt mir zwangsläufig der Gedanke, dass wir alle etwas verloren waren, damals kurz nach der raschen Wende.
Die Welt stand Kopf. Die alte, verkrustete Wirklichkeit platzte vor den Augen, das neue Leben drang aus allen Rissen. Hier in Mitteleuropa suchten die Teile der zersprungenen Welt neu zueinander zu kommen, im Osten des einstigen Ostblocks flogen sie auseinander, beschädigt und verstümmelt von der mächtigen Explosion, deren Welle mich nach Berlin auf den Alexanderplatz verschlagen hatte.
In einem Anfall von Ratlosigkeit blieb ich also im Gewimmel fremder Menschen stecken und konnte nicht weiter. Da sah ich neben dem Brunnen plötzlich Dina, meine einstige Kommilitonin aus Leningrad, ich traute meinen Augen nicht.
Dina war Glück und Schmerz meiner Jugend gewesen. Aus der tiefen südlichen Provinz nach Leningrad gekommen, hatte ich das Zimmer mit fünf anderen Studentinnen geteilt, ich stand noch auf einer der unteren Streben der sozialen Leiter. Dina dagegen lebte fast unter den Wolken: in einer großen Altbauwohnung, mit Eltern, die um die Liebe ihrer einzigen Tochter wetteiferten. Die beiden unterrichteten Philosophie bei uns an der Universität. Die Mutter rauchte starke filterlose Zigaretten und trug Jeans, der Vater einen grauen Anzug, wie es einem Propheten des Dialektischen Materialismus ziemte. Meine Freundin war rund herum gut verpackt, wie teure Stückware aus edlem Porzellan, ich war neidisch und fühlte mich minderwertig.
Dann aber hätte ich Dina fast übertrumpft, als ich begann, mit Sascha auszugehen, einem schönen und klugen jungen Mann. In der benachbarten Bergakademie, wo er studierte, war er ein Superstar. In Seminaren glänzte er mit Leistungen, auf den Straßen fiel er mit schöner Kleidung auf und mit seinem breiten Lächeln. Hinter seinen Schultern neben dem Rucksack baumelten Tennisschläger, was seinen Charme um eine Note reicher machte. Ich kann nicht beschreiben, wie stolz ich auf ihn war. Wir waren verliebt und immer zusammen, bis Sascha eines Tages meine beste Freundin Dina an meiner Seite sah – danach verschwanden die beiden für einige Jahren aus meinem Leben.
»Ihre Wimpern sind ungewöhnlich lang, findest du nicht?« – hatte er mich zur Seite schauend gefragt. Ja, das waren sie – seidig und gewunden wie bei einer kostbaren Puppe. Jetzt aber, hier auf dem Alexanderplatz, waren ihre von Tränen nassen Wimpern wie Pfeile, wie die Dornen des Stacheldrahts, unordentlich und abweisend.
Und auch sonst war es nicht mehr die Dina, die ich vor zehn Jahren hatte sein wollen. Ihr Haar – einst hell und luftig, war jetzt dunkel und platt, ihre Haut blass, ihre verweinten Augen schmal. Dina stand reglos da, auch als sie mich näherkommen sah. Ihre Grußworte waren matt und knapp, als ob wir uns auf einer Leningrader Straße begegnet wären.
Blick auf den Brunnen, 2008
Sie sagte, sie sei auf dem Weg nach Dresden, müsse aber ihre Reise unterbrechen und nun nach Hause zurückkehren, denn ihre Eltern waren an diesem Morgen gestorben.
»Aus dem Bus gestiegen und vom Auto erwischt«, sagte Dina.
Ich murmelte so etwas wie »unmöglich« und »undenkbar«, aber ihr Tod überraschte mich nicht.
Kurz vor der Abfahrt nach Berlin hatte ich Dinas Eltern in Leningrad (das inzwischen Sankt Petersburg hieß) gesehen und kaum wiedererkannt – so verloren hatten sie auf mich gewirkt, so überflüssig. Ihr mit Marxismus durchtränktes fachliches Wissen hatte keinen Wert mehr, und das schien die beiden stark getroffen zu haben. Sie aßen runde Kuchen in einem kleinen Stehcafé im Zentrum, ich stand draußen. Es war ein trüber Tag im Winter, ihre aufgeknöpften Mäntel schienen zu groß für ihre zusammengeschrumpften Schultern und Hälse, wie Schildkrötenpanzer, was ihre Gesichter viel älter und kleiner machte, als sie vielleicht waren. Plötzlich brach die Sonne durch, blendete mich für einen Augenblick. Als ich dann wieder ins Café hineinschaute, waren sie auf wundersame Weise verschwunden, weg, wie aufgelöst und das hatte sich damals wie ein böses Omen angefühlt.
Ich versuchte Dina zu trösten, mein Beileid war ehrlich, aber mir fiel es schwer, ihr in die Augen zu sehen.
»Ich muss zum Flughafen«, sagte sie.
»Und Sascha?«, fragte ich, wohl wissend, dass sich die beiden vor kurzem hatten scheiden lassen.
»Wir sind nicht mehr zusammen. Weiß du das nicht?«
»Oh!« Mit vorgetäuschtem Staunen legte ich eine Handfläche auf den Mund, aber es gelang mir nicht, die niederträchtigen Worte einzudämmen, die mich hinterher anwiderten.
Ich erzählte, dass ich einen Job und einen Freund hatte, dass wir seit kurzem zusammengezogen waren, in eine Altbauwohnung mit großen Fenstern und Stuckverzierungen an der Decke. Und dass meine Mutter uns bald besuchen kommen würde … Auch als Dina ein paar Schritte fortging, ohne sich zu verabschieden, lief ich ihr ein Stück hinterher und konnte nicht aufhören zu reden.
Dina war weg, ich blieb stehen und musste mit einem kurzen Schwindel kämpfen. Mir war, als ob die Erdkugel sich schneller drehte und ich das alte Zeitalter vergehen sah und das neue eintreten.
Das Gefühl, die Welt rotiere um den Brunnen der Völkerfreundschaft, sucht mich auch heute heim, wenn ich an den alten Alexanderplatz denke, wie er vor und nach der Wende war. Damals war das Pflaster hier mit großen Farbstreifen geschmückt, die um das runde Brunnenbecken wirbelten und die Fußgängerzone umfassten. Das Muster, welches das große Areal architektonisch zusammenhielt und strukturierte, war zu groß, um von den Vorbeieilenden wahrgenommen zu werden. Nur aus der Höhe ließ sich der Wirbel aus helleren und dunkleren Steinstreifen erkennen und das runde Brunnenbecken wie ein Hurrikan-Auge. Der Platz selbst war wie ein riesiger Trichter, der die ahnungslosen Passanten einzusaugen drohte oder auseinander zu schleudern, in alle Himmelsrichtungen.
Jedes Mal, wenn ich vom Fernsehturm hinunterschaue, mache ich mir Sorgen um die kleinen Menschen da unten, auch heutzutage, wo die wirbelnden Kraftlinien um den Brunnen unter frischem, sandfarbenem Pflaster verschwunden sind.
Der Großstadtroman »Berlin Alexanderplatz« spielt in den wirren Goldenen Zwanzigern in Berlins Osten.
Hier die Geschichte in Kürze: Franz Biberkopf, ein kräftiger Arbeiter, verliert seinen Job und schlägt sich als Zuhälter durch. In einem Wutanfall schlägt er Ida (seine Geliebte und »Angestellte«) tot[1] und muss für vier Jahre hinter Gitter. Wir lernen ihn am ersten Tag der Entlassung kennen: »So ist der Zementarbeiter, später Möbeltransportarbeiter Franz Biberkopf, ein grober, ungeschlachter Mann von abstoßendem Äußern, wieder nach Berlin und auf die Straße gekommen, ein Mann an den sich ein hübsches Mädchen aus einer Schlosserfamilie gehängt hatte, die er dann zur Hure machte und zuletzt bei einer Schlägerei tödlich verletzte. Er hat aller Welt und sich geschworen, anständig zu bleiben. Und solange er Geld hatte, blieb er anständig. Dann aber ging ihm das Geld aus, welchen Augenblick er nur erwartet hatte, um einmal allen zu zeigen, was ein Kerl ist.«
Man schreibt Herbst 1927. Zurückgekehrt in sein Revier rund um den Alexanderplatz, beginnt Franz Biberkopf als Straßenhändler zu arbeiten, nebenbei betreibt er wieder Zuhälterei, gerät in den Sog krimineller Machenschaften und geht zu Grunde, wie bald darauf auch die kurzlebige Weimarer Republik.
Der Alexanderplatz von Franz Biberkopf war mit alten und überbevölkerten Wohnblöcken umstellt, die als schmutzig und gefährlich galten. Die anständigen Berliner hielten sich fern von diesen Orten, Franz Biberkopf aber fühlte sich hier wie ein Fisch im Wasser. Mit seinen Augen und Ohren erkundete ich während meiner Lektüre die damalige Linien-, Münz- und Invalidenstraße wie auch viele andere Straßen, deren Namen von der heutigen Stadtkarte wegradiert sind.
Nicht nur seine Umgebung, sondern auch der Platz selbst sah damals anders aus: er war viel kleiner, enger mit Häusern umstellt und stark befahren. Die Alexanderstraße, die ihn im Osten abgrenzte, verlief ungefähr zwischen dem heutigen Galeria Kaufhof und dem Hotel Park Inn[2] und kreuzte sich mitten auf der heutigen Fußgängerzone mit anderen Routen. Das Herzstück des damaligen Platzes war ein Knoten aus Gleisen und Fahrbahnen. Für die Fußgänger, die sich in das laute tobende Verkehrschaos wagten, gab es kleine Bojen: die Berolina-Statue, den Tabakkiosk und das WC-Häuschen.
Die beiden Häuser des Architekten Peter Behrens waren 1928 noch nicht da, an ihrer Stelle beherrschten vier repräsentative Bauten aus der Kaiserzeit den Platz: das Kaufhaus Tietz, das Grandhotel Alexanderplatz, die Georgenkirche und das Polizeipräsidium. Die wichtigsten Achsen des alten Platzes waren die Neue Königsstraße und die Alexanderstraße.
Der damalige Platz lebte im Kraftfeld dieser vier Riesen, die durch ihre Monumentalität und verschnörkelte Architektur stark abstachen, vor allem neben den bescheidenen niedrigen Häusern aus dem 18. Jahrhundert. In einem von ihnen (neben der heutigen Weltzeituhr) mietete das Schnellrestaurant Aschinger Räume (später zog es ins Alexanderhaus an der gleichen Stelle), eine der vielen Filialen der bekannten gastronomischen Kette.
Das populäre Restaurant bot billiges und nahrhaftes Essen in sauberem, solidem Ambiente: Bier, Würste und Erbsensuppe waren beliebt, und dazu gab es Schrippen, so viel wie in eine oder einen hineinpassten: »Wer keinen Bauch hat, kann einen kriegen, wer einen hat, kann ihn beliebig vergrößern.«
Am Alexanderplatz in den zwanziger Jahren: Kaufhaus Tietz (1), Grandhotel (2), Georgenkirche (3), Polizeipräsidium (4) sowie Neue Königstraße (A) und Alexanderstraße (B)
Biberkopf war ein kräftiger dicker Mann, er aß gerne und verabredete sich bei Aschinger mit Freunden und Geliebten – für ihn, der von Stube zu Stube streunte, war die Gaststätte sein Salon, sein Anhaltspunkt. Hier war noch alles beim alten, als Franz aus dem Knast zurückkehrte, aber der Platz selbst war nach vier Jahren seiner Abwesenheit nicht mehr zu erkennen: viele alte Häuser waren verschwunden oder hatten sich in Schuttberge verwandelt, dazwischen lagen abgesperrte Baugruben.
Im zwanzigsten Jahrhundert erlebte jede Generation Berliner eine Großbaustelle auf dem Alexanderplatz, auch Franz Biberkopf musste nun auf Brettern gehen. In diesen Jahren schickte sich der Alex an, ein idealer Weltstadtplatz zu werden. Eine fast dauernd gefüllte Verkehrsschleuse auf mehreren Ebenen wollte er sein, ein Wunder der Moderne, bebaut in Form eines Rondells mit Hochhäusern.[3]
Aber diese Pläne gingen nicht auf, genauso wie die guten Absichten von Franz Biberkopf, mit dessen Augen und Ohren wir den Schauplatz seines grandiosen Scheiterns erkunden.
Gereizt vom Menschengewimmel und eingeschüchtert von tobenden Wagen, kreist Franz durch sein Revier, verblüfft und verloren, als ob er nicht vier, sondern vierzig Jahre weggewesen wäre: In den wirren mageren Zeiten dreht sich die Erde schneller um ihre Achse als sonst.
Er ist viel unterwegs, begegnet vielen Menschen – Invaliden, osteuropäischen Juden, Linken, Hakenkreuz-Armbinden-Trägern, Dieben, Mördern, Prostituierten – sie flüstern, fluchen, schreien und den Takt zu dieser Stimmen-Kakophonie schlagen Baugeräte:
»Rumm rumm wuchtet vor Aschinger auf dem Alex die Dampfmaschine. Sie ist ein Stock hoch, und die Schienen haut sie wie nichts in den Boden.«[4]
Die Wege von Franz Biberkopf über die Baugruben sind schmal, elend und unsicher: Er wandert durch die Lokale, verkauft Schlipshalter, verbreitet auf dem Alexanderplatz erst Zeitschriften für sexuelle Aufklärung, dann völkische Blätter.
Später streift er mit einem Bauchladen voll Schnürsenkel durch die Straßen. Das Geschäft läuft gut, aber durch Betrug geht ihm eines Tages eine ganze Ladung Ware verloren. Er muss untertauchen, verkriecht sich in seiner neuen Stube in der Linienstraße; später beteiligt er sich unwissentlich an einem Diebstahl, verliert seinen rechten Arm und gibt sich geschlagen.
