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Berlin, Frühjahr 1945. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wird die Reichshauptstadt zum Brennpunkt eines untergehenden Systems – zerrissen von Bomben, Flucht, Fanatismus und moralischem Zusammenbruch. Theodor Plievier folgt Offizieren, Soldaten und Zivilisten auf ihrem Weg durch die Trümmerlandschaft einer Stadt, in der Ideologie und Menschlichkeit unversöhnlich aufeinanderprallen. Mit schonungsloser Klarheit zeigt Berlin, wie Krieg entmenschlicht: wie Schuld verdrängt, Leiden relativiert und Gewalt bis zuletzt gerechtfertigt wird – und wie dennoch, mitten im Inferno, Fragen nach Verantwortung, Wahrheit und Zukunft unausweichlich werden. Ein erschütterndes literarisches Dokument über das Ende eines verbrecherischen Krieges und den Preis, den Menschen dafür zahlen.
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Seitenzahl: 880
Veröffentlichungsjahr: 2026
Theodor Plievier
Berlin
Der große Krieg im Osten, 3. Buch
ISBN 978-3-68912-631-5 (E–Book)
Erschienen 1954 im Verlag Kurt Desch GmbH München-Wien-Basel.
Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.
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Deine Hände haben mich kunstvoll gebildet und sorgsam gestaltet, danach aber hast Du Dich dazu gewandt, mich zu vernichten.
Buch Hiob 10, 8
Nach Berlin!
„Ich werde nun wahrscheinlich zu spät kommen!“
„Das mag sein, jedenfalls müssen wir Sie in Marsch setzen!“
Das Telegramm des Heerespersonalamtes in Zossen, das den Obersten Zecke als Lehrer für einen Regimentsführerlehrgang in der Pionierschule Karlshorst anforderte, war Wochen unterwegs gewesen, bis es im Generalkommando in Prag bei der Dienststelle Zeckes eintraf. Zwischen Aufgabe- und Eingangstermin lagen Nächte schwerer Bombardierungen Berlins, lag auch der Untergang der Stadt Dresden, der eine Unterbrechung des Verkehrs und auch des Post- und Telegrafenwesens nach sich gezogen hatte.
„Es dürfte nun zu spät sein!“, wandte Zecke noch einmal ein. Er hatte keine Neigung, in einem Moment, in dem der Zusammenbruch nur noch eine Frage von Tagen war, Prag zu verlassen und gegen Berlin einzutauschen, das nach allen Anzeichen zum Mittelpunkt des Mahlstromes werden musste, in den Deutschland nun hineingerissen wurde. An der Oder stand Marschall Schukow mit Russen, Sibiriern, Kosaken, weiter im Süden an der Neiße Konjew mit Panzern, mit Reitern, mit Usbeken, Turkmenen, mit dem Aufmarsch Asiens, der in jeder Stunde zu einer alles zermalmenden Lawine werden konnte. Im Westen hatten die Amerikaner und Engländer bei Remagen und Oppenheim, dann zwischen Rees und Wesel den Rhein forciert, das Ruhrgebiet eingekesselt und drangen weiter in das Reich ein. Im Süden stiegen die Franzosen über die Vogesen und umfassten bereits den Schwarzwald.
Zecke blickte durchs Fenster.
Die alte Linde auf dem Hof des Generalkommandos stand voll dicker Knospen, über Nacht werden sie aufspringen, und der Hof, auch die Straßen und Plätze und stillen Winkel der Stadt an der Moldau werden sich mit frischem Grün schmücken.
Es war April 1945 – ein warmer Frühlingstag.
„Nichts zu machen, Zecke“, sagte der Adjutant des Generals. „Lassen Sie sich in der Kantine eine Flasche Kognak für die Reise mitgeben!“ Er hatte Verständnis für die Bedenken des andern und konnte ihm nachfühlen, dass er Prag nicht mit dem Hexenkessel Berlin vertauschen wollte, zumal im Generalkommando einer den andern kannte, lange und eingehend kannte, und eine nüchterne, um nicht zu sagen skeptische Einschätzung der Kriegslage und insbesondere der Ausweglosigkeit des Hitlerreiches ganz allgemein war.
„Ich akzeptiere Ihren Einwand, Zecke, aber auch der General würde keine Änderung des Befehls erwirken können. Sie wissen selbst, dass wir der Anforderung des Heerespersonalamtes zu entsprechen haben und Sie sich bei der Pi-Schule in Karlshorst melden müssen!“
Es war nichts zu machen.
Oberst Zecke nahm seinen Marschbefehl entgegen. Ein hilfloses Achselzucken war das letzte, was er vom Adjutanten des Generals sah. Schon vor Anbruch des nächsten Tages bestieg er auf dem Bahnhof – der einmal, das war nach dem Zusammenbruch 1918, Wilson-Bahnhof genannt worden war – den Zug nach Berlin. Ja, es war der Zug nach Berlin. Zecke glaubte es erst, nachdem ein Bahnbeamter ihm versichert hatte, dass kein anderer Zug nach dem gleichen Ziel fahren würde. Zum ersten Mal sah er einen dieser neuen Militär-D-Züge, seltsam umgebaute Viehwagen mit schmalen Fensterschlitzen (Glas war ein rarer Artikel im zerbombten Deutschland), mit Holzbänken und halbhohen Bretterverschalungen für die einzelnen Abteile.
„Lebe wohl, stille Insel“, dachte Zecke, als die Räder zu rollen begannen und ihn und die anderen Fahrgäste in den anbrechenden Tag hinaustrugen. Mehr als zwei Jahre war ihm das Generalkommando ein sicherer Hort gewesen. Seit dem Zusammenbruch – seinem persönlichen Zusammenbruch – vor Moskau und dem anschließenden Genesungsurlaub hatte er in der Quartiermeisterabteilung gesessen. Nicht ganz tatenlos und etwa nur auf die eigene Sicherheit bedacht. Neben der Routine des Dienstes blieb Zeit genug, und jede Dienstreise (die waren im Generalkommando leicht zu erhalten) war eine Besuchsfahrt, manchmal eine Kurierfahrt gewesen, und hatte dazu beigetragen, das Netz fester zu knüpfen. Bis zum 20. Juli – bis die vorbereitete Bombe sich als Bumerang erwies, auf die Köpfe der Verschwörer zurückfiel, das Netz zerriss und an den gebliebenen losen Fäden die Letzten erzittern ließ. Attentate vorzubereiten, schien nicht ganz das gegebene Metier für preußische Generale zu sein. Auch der bloße Wechsel der Personen auf den Kommandohöhen, ebenso der geplante Parteienstaat mit konservativer Führung, politischem Übergewicht des Heeres und „gebührender Vorrangstellung der Kirche und Bekämpfung der materialistischen Weltanschauung“ war noch kein genügendes Versprechen und bot kaum ein geeignetes Programm für die Mobilisierung tragender Schichten der Bevölkerung. Viele Voraussetzungen fehlten – eine organisierte Arbeiterschaft, eine echte Soldatenfronde, die Zusammenfassung der zersplitterten Widerstandsgruppen.
Magische Vorstellung – man setzt sich an den Klingeltisch mit den vielen Telefonen, ergreift den Hörer, ruft die Zauberformel hinein, und am andern Ende des Drahtes werden Regimenter in Marsch gesetzt. Die Benutzung des von Hitler selbst für den Fall innerer Unruhen geschaffenen „Walkürebefehls“ zur Auslösung des Aufstandes und die Hoffnung auf mechanisches Funktionieren erwiesen sich ebenfalls als fatal. Geprellte Zauberlehrlinge – aber schließlich liegen auch bei geglückten, bei durchgeführten Revolutionen wirklicher und fauler Zauber nebeneinander auf dem Einsatztisch. Nicht in der Benutzung gegebener Mittel – die können so sonderbar sein wie die Gegebenheiten –, in fehlenden Voraussetzungen lag die Schwäche. Unter den fehlenden Voraussetzungen nicht die geringste war die Abwesenheit der ermunternden und auffangenden Hand von außen, denn wie die Dinge nun einmal lagen – im eigenen Staat und in den Verhältnissen zu andern Staaten –, hatten die gegenwärtigen Feindmächte den vollzogenen Umsturz zu legalisieren. Aber innerer Widerstand, andere Männer in einer anderen Regierung, überhaupt ein anderes Deutschland gehörte nicht in ihr Konzept der Abwicklung des Krieges. Davon hatte Zecke sich seit Casablanca, seit Teheran und neuerdings seit Jalta überzeugen müssen, und von den proklamierten „vier Freiheiten“ der Atlantik-Konferenz bis zur Forderung der „bedingungslosen Kapitulation“ hatte man auf der andern Seite der Fronten einen langen Weg zurückgelegt.
Oberst Zecke war aufgestanden und blickte sich in den Waggons um. Man sah, dass der Zug aus Prag kam, das seit langem Umschlagplatz für alle Kriegsschauplätze des Südostens geworden war. Offiziere aller Dienstgrade saßen auf den Bänken. Offiziere und auch gewöhnliche Landser – Abkommandierte, Verwundete, Genesene, auch jene fehlen nicht, die mit irgendwelchen Marschbefehlen in der Tasche von Stadt zu Stadt, landauf und landab reisten und die versuchten, die Zeit bis zum Ende mit einer Erbsensuppe auf den Bahnhöfen und in fahrenden Eisenbahnzügen zu verbringen. Es gab viele von dieser Sorte, es gab aber auch die andern, die bereit waren, durchzuhalten, und die waren in der Mehrzahl. Alle Waffengattungen waren hier im Zug vertreten. Man musste aber schon sehr sachkundig sein, um in dem Verfall und der allgemeinen Angleichung der Uniformen noch die Unterscheidungen wahrzunehmen. Das Lederzeug war nicht mehr geputzt, die Stiefel dreckig, die Kragen geöffnet, eine zerknautschte Mütze schief auf dem Kopf, eine Zigarette im Mundwinkel, stoppelbärtig, schmutzige Hände, nachlässig in der Haltung, und es war auch ganz selbstverständlich, dass der sich interessiert umblickende Oberst von niemandem mehr gegrüßt wurde. Auf allen Schlachtfeldern Europas geschlagen und jetzt müde, gebettet im gemeinsamen und allgemeinen Elend, über allen Gesichtern die Patina der Katastrophe. Nun aber komme ihnen einer mit der bedingungslosen Kapitulation! Nein, meine Herren, solche Parole ist außerstande, den Krieg zu verkürzen, und kann die Opfer aller Beteiligten nur vervielfältigen. Auf dieser Seite der Front stellt solche Parole die schon Wankenden, die Unterliegenden, um nicht zu sagen die Toten wieder auf die Beine.
Zecke saß wieder an seinem Fensterplatz. Wälder, Äcker, sanfte Höhenzüge. Böhmisches Land immer wieder, schon durch tausend Jahre in Abhängigkeit, die Herren wechseln, die politischen, sozialen, religiösen Konflikte bleiben. Und die Wälder bleiben, und die Wolken über den Wäldern bleiben. Zecke blickte in den blauen Himmel. Das Gespräch im Nebenabteil rückte ferner. Eine der Stimmen weckte in ihm eine Erinnerung, ein verschwommenes Bild fallenden Schnees. Er konnte sich nicht mehr ermuntern und schlief endgültig ein. Der Zug ließ das Gebiet der Moldau hinter sich, durchfuhr das Elbsandsteingebirge und folgte dem Lauf der Elbe, hielt auch an der Grenzstelle Tetschen-Bodenbach nicht an. Zecke holte den versäumten Schlaf nach und wachte erst wieder auf, als die Räder unter ihm im Schritttempo und wie auf einer federnden Unterlage aus Gummi fuhren.
Er blickte durch den Fensterschlitz.
Was er sah, war Dresden, aber es war Dresden.
So also sah das aus – ein riesiger Pflug war über die Erde gegangen und hatte eine trostlose Trümmerlandschaft hinter sich gelassen. Von den großen Hotels – dort hatten doch fünf oder sechs nebeneinander gestanden – war nichts geblieben. Eine Düne aus Backsteinbrocken und geronnenem Mörtel, dahinter wieder eine Düne und wieder, Woge nach Woge, in jähem Lauf stehengeblieben. Im Schuttbett eine Säule, ein Fensterbogen, mal ein Haus, die hohle Hälfte eines gespaltenen Turms, eine geköpfte Kirche, die berühmten Dresdener Fassaden im Sturze erstarrt, gespenstisch verändert und überzogen von Ruß und Qualm. – Ausradiert …
Wer hat einmal vom Ausradieren gesprochen? Wer hat damit begonnen, und wer setzt es fort? Großer Gott im Himmel, wo ist das Ende, wohin soll das führen! Unten im Trümmermeer hat auch die Frauenkirche gestanden, und nicht so lange ist es her, dass er dort in der Kirche gesessen und das „Requiem“ von Wolfgang Amadeus Mozart gehört hatte.
Vor und neben sich Uniformen, die Weite des Kirchenschiffes erfüllt von den Klängen inniger Frömmigkeit, in dem Herzen das Gedenken an einen schmachvoll Hingerichteten. Die Freunde hatten sich hier versammelt und unter die offiziellen Besucher – Träger hoher Orden und Würdenträger des Dritten Reiches – mischen lassen.
„Dies Irae, dies illa …“
Feldmarschall von Witzleben am Fleischerhaken.
Die Qualen seines letzten Weges – das konnte geschehen –, geronnen in einem Filmstreifen. Ewige Schande … nicht der mit Schmach Bedeckte, aber die in ihren Roben prunkenden Pharisäer sind besudelt. Nicht der Feldmarschall und die elende Geste seiner Hände (er musste während der Verhandlung, weil man ihm die Hosenträger weggenommen hatte, seine Hose festhalten), nicht der den Spöttern Preisgegebene, aber der brüllende Volksgerichtshofspräsident, der Propagandaminister mit der Jupiterlampe auf der Hinrichtungsstätte, der vor dem abrollenden Filmstreifen sitzende Unhold stehen am Pranger, von dem sie in Ewigkeit nicht loskommen werden.
Witzleben, Hassell, Hoepner, Moltke … Hunderte erhängt, erschlagen, erschossen, abermals Hunderte, Tausende, Arbeiter, Studenten, Frauen … sie sind es, die der Herr bei ihren Namen aufrief, und die sein sind, und die da sein werden, wenn Deutschland sich zu neuem Beginnen erhebt.
„Dies Irae, dies illa …“
Die Räder rollen im Schritttempo über die eben wieder befahrbar gewordene Elbebrücke. Der Vorhang im Tempel in der Mitte aufgerissen. Die Frauenkirche von oben bis unten gespalten. Die Orgel im Schutt, die Glasmalereien und prächtigen Rokokofenster, zu bunten Kugeln geschmolzen, auch im Schutt.
„Dies Irae, dies illa …“
Im Schutt die Bauten von Chiaveri, von Canzler, Dunger, Semper … Im Schutt die Brühlsche Terrasse, der Zwinger, im Schutt Sgraffitomalereien, Fresken, im Schutt oder in tiefen Schächten versteckt Gemälde von Raffael, Giotto, Holbein, Dürer, Cornelius. Von einem Lächeln Europas blieb nichts als Staub.
Großer Gott … und Roosevelt und Churchill!
Musste das sein, musste die Forderung Stalins – man sagt, dass die Bombardierung auf die russische Offensive abgestimmt war – solche Erfüllung finden? Aber der Bahnhof, der größte Kopfbahnhof Deutschlands blieb doch inmitten der Zerstörungen ausgespart! Dresden galt schon seit der Zeit der sächsischen Könige als eine Stadt für pensionierte Beamte, für Offiziere außer Dienst. Ein geruhsam zurückgezogenes Bürgertum wohnte hier. Hochzeitsreisende bummelten durch die berühmten Galerien. In den Gästebüchern kleiner Hotels waren die Namen Dostojewski, Tschaikowski, Balzac, George Sand, Lord Byron zu finden. Dresden ist auch Eisenbahnknotenpunkt und Umschlagplatz für den Nachschub, auch das ist es. Aber der unzerstörte Bahnhof? In der Tat rollte die russische Offensive auch ohne diese Hilfeleistung schon zu mühelos über die verödeten Linien der kaum versorgten, geschlagenen und kampfmüden deutschen Soldaten hinweg nach Westen.
Der unzerstörte Bahnhof bleibt ein Rätsel.
Und es bleibt noch ein Rest, ein kaum aussprechbarer, schwindelmachender Rest. Die Endphase der großen Schlacht an der Wolga – nun zwei Jahre zurückliegend – hatte zweihunderttausend Opfer gekostet, und ganz Deutschland war betroffen, über ganz Deutschland wehten schwarze Fahnen. Hier war die Zahl der Opfer, die in zwei Nächten in den Schutt sanken, nicht kleiner, war größer. Dort waren es Soldaten – hier waren es Pensionäre, Arbeiter, Angestellte, alte Frauen, junge Frauen, Kinder und Flüchtlinge, und kein Anlass war gegeben für einen nationalen Trauertag.
„Wie viele da unten liegen, das kann niemals gezählt werden.“
„Die Flüchtlinge hat schon vorher keiner gezählt.“
„Sie, Herr Hauptmann, sind doch auch da reingeraten?“
„Ja, ich war dort, war an jenem Tage angekommen, war auf dem Wege zum Generalkommando“, erwiderte der junge Hauptmann. Er trug ein Ritterkreuz. „Boehlke“, hatte er sich beim Platznehmen vorgestellt. Er schien keine Neigung zu haben, über das Geschehene zu sprechen. Sagte aber dann doch so viel, dass die zunehmende und nicht mehr zu ertragende Hitze ihn wie alle andern aus einem Kellerloch hinausgetrieben hatte, dass er durch brennende Straßen gelaufen und wie alle andern versucht hatte, die freien Plätze der Stadt zu erreichen. „Im Großen Garten bin ich in die Menge der dort mit ihren Treckwagen stehenden Flüchtlinge hineingeraten. Unvorstellbar … die Leute liefen hierhin, liefen dorthin, wussten nicht mehr aus und ein. Die MG-Salven der Tiefflieger kämmten durch die Wagen und die in Panik hin und her hetzenden Menschen.“
„Terrorflieger!“
Das war eine Stimme aus dem Nebenabteil. Es war die gleiche Stimme, die vorher in Oberst Zecke eine Erinnerung angerührt hatte. Ein junger Major saß dort; er trug einen Arm in der Binde, und diesmal war die Stimme alarmierend, und die Identität jenes Mannes war Zecke plötzlich klar. Der O17, wie er genannt wurde, Oberleutnant Hasse aus dem Stabe Bomelbürgs, saß dort. Oberleutnant Hasse, Hauptmann Hasse – und als Hauptmann unter ihm Regimentsadjutant. Vor Moskau war es, ein winziges Dorf an der Nara. Die Hütte schwankte. Das Fenster flog ins Zimmer. Mit den Scherben, mit der vom Tisch gefegten Petroleumlampe, mit dem hereintreibenden Schnee lag auch er am Boden. Das Gesicht, das sich über ihn beugte – neben dem Arzt, der ihm eine Spritze Strophantin verabreichte –, war das seines Adjutanten Hasse. Ein Herzanfall, und da war genug zusammengekommen, um einen Herzanfall verursachen zu können – der überstürzte Rückzug, die allgemeine Verwirrung, die schweren Verluste, und zu allem verschwand in der gleichen Nacht der Divisionskommandeur Bomelbürg, verschwand im Schnee, um niemals mehr aufzutauchen.
Und nun saß nebenan der Hasse.
Major Hasse, eine trockene, etwas dürftige Stimme.
„Terrorflieger!“, sagte Hasse.
Unten lag die Stadt, in einer Nacht zu einer Wüste geworden, und die lang gestreckten erstarrten Schuttdünen waren nun die riesigen Gräber der Bewohner.
Hauptmann Boehlke sagte doch noch einiges. Hitze, Qualm, Verzweiflung, blendende Helle, Menschen wie dürre Blätter dahingetrieben und wie dürre Blätter verbrennend. Das erzählte er und auch, dass er im Windschatten des Feuersturmes aufgefunden, ins Wasser getaucht und wieder herausgezogen worden war.
„Terrorflieger!“, wiederholte Hasse eintönig.
Sachlich war dagegen wenig einzuwenden, doch Zecke, der schon im Begriff gewesen war, aufzustehen, um seinen ehemaligen Adjutanten zu begrüßen, blieb sitzen. War wirklich nichts einzuwenden … Oradour-sur-Glane, Lidice, Treblinka, Auschwitz, das Gas Zyklon B, der „Nacht-und- Nebel“-Erlass, Berge menschlicher Skelette aus den Verbrennungsöfen und den Gaskammern und ungezählte Hunderttausende für die Vernichtung noch vorgemerkt, die Ausrottung zum Staatsprinzip erhoben, da steht es uns schlecht an, von Terror zu reden. Aber … wo ist das Ende, wie soll das alles einmal aufhören? Stehe Gott uns bei und auch den andern!
„Wenn einer abspringt, dann nichts wie hinlaufen und den Stiefel in die Fresse und das Gesicht austreten! Jeder von ihnen hat das hundertmal verdient.“ – Das war wieder Hasse.
Zecke blieb wieder sitzen.
Der Zug ließ die Brücke hinter sich, fuhr ins Land, eine sanfte, lang hingezogene Anhöhe hinauf. Neben der Strecke war eine Straße, auf der andern Seite und jenseits der Elbe lief ebenfalls eine Straße.
Das Gesprächsthema wechselte.
„Wo wollen denn die hin und die andern?“
„Die einen ziehen in die Tschechei, die andern ziehen nach Norden!“
„Die sind doch völlig wahnsinnig!“
„Wer ist das denn nicht in diesen Tagen?“
Auf der Straße treckten Flüchtlinge, auf der andern Straße jenseits der Elbe treckten ebenfalls Flüchtlinge. Aber während die einen nach Norden zogen, um Sicherheit zu finden, rumpelten die Wagen der andern auf der Flucht vor den Russen nach Süden. Die Wagen holperten schwerfällig dahin – viel zu langsam für die Gehetzten, die darin saßen und daneben herliefen. Eine irre Hoffnung trieb sie vorwärts. Eine lange Straße hatten sie hinter sich, und sollte nun alles, der Hunger, der Wind, die Tränen, die am Wege zurückgelassenen Toten, umsonst gewesen sein? In der Flucht, in der Bewegung, im Vorwärtskommen suchte jeder das Heil. Keiner schien daran zu denken, dass der Fluchtweg nach Norden ebenso versperrt war wie der nach Süden, und keiner brachte den Mut auf, an der Stelle zu bleiben, um das Schicksal zu erwarten.
„Ist es etwa hier im Zug anders?“, fragte Zecke und blickte dabei den jungen Hauptmann Boehlke an. Dieser Hauptmann war durch die wankenden Mauern und die Feuer des Weltgerichts gegangen und saß nun hier im Zuge nach Berlin, einen neuen Dienst als höherer Adjutant anzutreten. Und nicht nur diesen Hauptmann, auch andere und viele unter denen, die hier saßen, hatte der Teufel schon im Maul gehabt und wieder ausgespien, und sie fuhren nun irgendwohin, um ihren bisherigen Dienst fortzusetzen oder einen neuen Dienst zu beginnen, um den gerissenen Faden dort wieder aufzunehmen, wo er ihren Händen entfallen war. Als ob alles immer so weitergehen könnte und nach dem apokalyptischen Untergang noch höhere Adjutanten gebraucht würden, und als ob – was ihn selbst und seine Kommandierung anbelangte – dann noch Regimenter aufgestellt und Regimentsführer ernannt würden! Und da war dann auch Hasse. Er war am Abteil vorbeigekommen und stehengeblieben.
„Guten Tag, Herr Oberst!“
„Menschenskind, Hasse, Sie sind es also wirklich!“
„Das ist aber eine Überraschung!“
„Ich hatte vorher schon Ihre Stimme gehört, war aber nicht ganz sicher. Setzen Sie sich doch Hasse. Hier ist noch ein freier Platz.“
„Guten Tag also und Grüß Gott und Heil Hitler!“
Also Gott und Hitler und alles zusammen, und woher und wohin, und wissen Sie noch, und erinnern Sie sich noch … „Und damals an der Nara, wie ist es da weitergegangen?“
Sie saßen nebeneinander, der ehemalige Regimentskommandeur und der Nachfolger, der im Winter 1941 das zu einem Haufen zusammengeschmolzene Regiment übernommen und durch Wind und Schnee zurückgeführt hatte bis Juchnow.
Auch Hasse hatte der Teufel im Maul gehabt, hatte ihn ausgespien, wieder zwischen die Zähne genommen, wieder laufenlassen und ihn auch ein drittes Mal verschmäht, und wohl deshalb, weil er seinem Gaumen nicht gar genug war und zu fade und unbekömmlich erschien. Nicht nur Hasses Stimme war trocken, auch sonst war er von dürrer Wesenheit, das war schon damals bemerkbar gewesen, aber auch alle nachher durchstandenen aufwühlenden Erlebnisse hatten ihm nichts anhaben können. Er war aus der Schneehölle vor Moskau entkommen, hatte ein Jahr später im Kessel von Stalingrad gesessen und war mit einem zerschossenen Arm ausgeflogen worden. Jetzt kam er aus der Gegend der Akropolis, aus Griechenland. Die alte Wunde war wieder aufgebrochen, und er wollte zur Behandlung oder Nachbehandlung nach Berlin, wo er anschließend bei seiner dort wohnenden Familie einen Genesungsurlaub zu verbringen gedachte.
Es kam der Moment, wo alles gesagt war und Zecke und Hasse miteinander nichts mehr anzufangen wussten. Hasse wandte sich dem Hauptmann Boehlke zu. Boehlkes Stammdivision lag an der Kurlandfront. Er war vor Monaten der Generalkommandantur in Potsdam zugeteilt worden. Danach hatte er in der Kavalleriekaserne in Potsdam den Kursus für höhere Adjutantur mitgemacht, war mit dem ganzen Kursus nach Bad Kissingen verlagert worden. Nach Absolvierung der Schule wurde er nach Prag geschickt, wo er bei einem höheren Artilleriekommandeur den Dienst als zweiter Adjutant antreten sollte. Er traf aber seinen General in Prag nicht mehr an. In Leitmeritz, wo er hingeschickt wurde, fand er nur Trossteile. Ja, der General hätte eine neue Verwendung bekommen und wäre nach Dresden gefahren, um dort weitere Weisungen zu erwarten, wurde ihm gesagt. In Dresden war er in die Bombennächte geraten, war bewusstlos in ein Lazarett gebracht worden, und jetzt befand er sich auf dem Wege nach Berlin, um sich bei seinem General in Potsdam zu melden.
Boehlke war noch sehr jung, ein viel zu junger Hauptmann eigentlich, und das Missverhältnis zwischen Rang und Lebensalter galt immer als bedenkliches Zeichen. Doch er hatte ein offenes Gesicht und Augen, die eigentlich jedes Misstrauen entwaffneten. Zecke war deshalb erfreut, als er nach einer Weile bemerkte, dass auch das Gespräch zwischen Hasse und dem jungen Hauptmann erlahmte und schließlich ganz aufhörte.
Der Zug kroch langsam über das Land.
Die Fahrt schien kein Ende zu nehmen. Eintöniges Dröhnen der Räder. Zecke nickte ein, blinzelte wieder auf. Im Waggon lautes Schnarchen. Vornübergesunken der eine, den Kopf an den Nachbarn gelehnt der andere, aus dem Schlaf auffahrend und sich wieder zurückfallen lassend. Am Ende des Waggons brannte trübselig eine Kerze. Die Nacht vor dem Fenster war noch so dicht wie vor Stunden. Aber wenn die Zeit auch ebenso langsam schlich wie der Zug, so bewegte man sich doch, und sitzen, sogar in einem überfüllten Waggon und in einer von menschlichen Ausdünstungen schweren Luft, war besser als unter einem Jaboangriff irgendwo auf freier Strecke auf einem Kartoffelacker liegen.
Und auch diese Fahrt nahm ein Ende.
Die Räder klapperten über Weichen. Draußen wischte weißer Dampf vorbei. Der Zug wurde umgeleitet. Die Strecke zum Anhalter Bahnhof war nicht frei. Endlich glitt er in eine riesige Halle hinein, und die Räder standen still.
Berlin, Potsdamer Bahnhof.
Die Halle war mitgenommen, die schweren Mauern aus der Zeit nach 1870 waren geborsten und überzogen von der Schwärze des Brandes. Große Steinbrocken lagen auf den Schienen. Unter den Füßen lagen Glasscherben. Der graue Morgen blickte durch das nackte Gestänge des hohen Kuppeldaches.
Es war fünf Uhr geworden.
Zecke, Hasse, auch Hauptmann Boehlke trieben mit den andern zum Ausgang. Die zum Platz führende Treppe erinnerte an ein Geröllbett. Und der Platz unten glich einem verlassenen Bürgerkriegsgelände. Mauerbrocken, Eisenträger, Möbelwagen, zusammengefahren und zusammengetragen. Das Straßenpflaster aufgerissen, Gräber waren ausgehoben, Barrikaden waren errichtet, Spanische Reiter sperrten den Weg. Was war hier, oder was konnte hier verteidigt werden!
„Nicht sehr überzeugend!“, meinte Zecke.
Hasse lachte nur, doch Boehlke blieb ernst. „Nein, nicht sehr überzeugend, militärisch völliger Dilettantismus!“
Ein Mann mit Leiter und Kleisterpinsel war dabei, ein Plakat anzukleben. Zecke, Hasse und Boehlke erblickten es gleichzeitig: Berlin bleibt deutsch! Das walte Gott, aber der Propagandaminister sollte lieber die Schnauze halten, die Angelegenheit war seiner Kompetenz wohl schon entzogen und die Stunde zu weit vorgeschritten.
Da war schon wieder dieses Heulen.
Schauerlich hallte der an- und abschwellende Ton in der umliegenden Ruinenwelt wider.
Es war das Signal des Vollalarms.
„Alarm, Straße frei!“
„Kellerhotel ‚Atlantic’!“
„Kellerhotel ‚Atlantic’!“, rief auch Hasse, rief es den Nachzüglern auf der Treppe zu. Man brauchte nur den Vorauseilenden zu folgen. An Trümmerhaufen ging es vorbei, an leeren Ruinenfassaden, an einer abrupt nach oben gebogenen Straßenbahnschiene, unter herabhängenden Hochspannungsdrähten durch, und da war dann plötzlich am Ende eines Trampelpfades das Eingangsloch. Kein Posten stand davor, kein Portier oder etwa ein Kellner. Sonderbares Hotel, im Schein der Taschenlampe ging es hinunter. Der vorangehende Hauptmann war augenblicklich eingeschluckt von Finsternis. Wieder Stufen, weiter nach unten. Eine Höhle und noch eine Höhle, weite in Finsternis ruhende Kammern einer Katakombe. In der Ferne flackerte eine Kerze.
„Du Dussel, pass doch auf!“
„Frechheit, was fällt Ihnen ein!“
„Kannst dir vielleicht ein anderes Parkett als meinen Bauch aussuchen!“ Hasse richtete den Schein seiner Taschenlampe auf eieine Ansicht. Ein Mariner lag am Boden und funkelte Hasse aus bösen Augen an.
„Lassen Sie nur, Hasse“, meinte Zecke.
Das war hier schließlich der Umgangston, und es war auch ein Ausdruck der Zeit. Eine Stunde vor dem Massengrab durfte es nicht mehr so sehr darauf ankommen, und es konnte wohl auch ohne Anrede in der dritten Person gehen.
„Das heißt doch wohl hier nicht umsonst ‚Kellerhotel’“, meinte Zecke. „Vielleicht ist irgendwo eine Tasse Kaffee und ein Brötchen zu haben!“
„Nicht mal Muckefuck. Was Sie nicht in der Hosentasche haben, das ist nicht, Herr Oberst!“ Der Matrose hatte sich also schon, wenn auch nicht zur indirekten Anrede, zu einem höflicheren Ton bekehrt. Hauptmann Boehlke, der weitergegangen war, kehrte zurück. Er hatte eine freie Ecke gefunden und lotste Zecke und Hasse dorthin. An die Mauer geklebte Kerzenstümpfe, auch Hindenburglichter schwammen in der Finsternis. Langsam gewöhnten sich die Augen an die Umgebung. Marine, Luftwaffe, Infanterie, Nachrichter, Pioniere, alles lag hier neben- und durcheinander, mit dem Gewehr im Arm, mit dem Tornister unter dem Kopf, mit Rucksäcken, Koffern, Pappschachteln. Soldaten und Offiziere, und alle deckte das schmutzige Grau einer Uniform, die in den letzten Zügen lag. Draußen bummerte die Flak.
„Is nicht weit her mit der Flak, Herr Oberst. Nur hier die Bahnhöfe und auch das Regierungsviertel stehen unter Flakschutz, sonst is nischt da!“
Das Getöse der Flak, Detonationen von Bomben. Das Schnarchen hörte deshalb kaum auf. Auch das Schimpfen hörte nicht auf. Die einen beklagten sich darüber, dass sie gestört wurden, die andern waren ungehalten darüber, dass man sie in den Keller gejagt hatte. In Berlin sind täglich drei Großangriffe, manchmal vier oder fünf, wurde gesagt. Und bewegen könne man sich bald überhaupt nicht mehr, denn nach jedem Angriff wäre alles kaputt – die S-Bahn, die U-Bahn, die Straßenbahn.
„Und wie komme ich nach Karlshorst?“
„Nun, früher haben Sie das in einer Stunde gemacht, heute brauchen Sie einen Tag, Herr Oberst!“
„Und nach Potsdam?“
„Dahin geht es etwas schneller.“
Boehlke hatte sich auf dem Generalkommando in Potsdam zu melden. Zecke entschloss sich unter den gegebenen Umständen, zunächst ebenfalls in Richtung Potsdam zu fahren, und zwar bis Wannsee, um dort einen alten Bekannten aufzusuchen. Er hatte also mit Hauptmann Boehlke ein Stück des gleichen Weges. Nach der Entwarnung verabschiedeten sie sich von Hasse, der nach Hermsdorf zu seiner Familie wollte und nachher zur Nachbehandlung in das Reservelazarett Tempelhof. Boehlke kaufte sich auf der S-Bahn-Station eine Zeitung. Und unterwegs sah er die Nachrichten durch und las auch, und zwar genau, einen der auf die nahe Wende des Kriegsglücks abgestimmten Artikel. Zecke, der Boehlke gegenübersaß, beobachtete ihn dabei genau. Er bemerkte, wie sorgfältig er las, wie sein Gesicht sich verfinsterte und traurig wurde. Boehlke faltete melancholisch die Zeitung zusammen, begegnete dem Blick Zeckes und zuckte die Achseln.
„Es kann einen Hund jammern machen“, sagte er, „was ist nur zu tun?“
„Ich glaube, es ist reichlich spät für jedes Tun!“, erwiderte Zecke.
„Nun ja, das stimmt wohl … aber ich habe mich bei meinem Artilleriekommandeur zu melden.“
„Wir haben uns alle irgendwo zu melden.“
Boehlke erzählte dem Obersten Zecke seine Epopöe – Potsdam, Bad Kissingen, Prag, Leitmeritz, Dresden, und auch in Leitmeritz und Dresden hatte er seinen General nicht angetroffen; er sollte ihn jetzt in Potsdam finden.
„Es sieht fast so aus …“ Es sieht fast so aus, als ob er einer der landauf und landab reisenden Soldaten wäre, die nichts als die Zeit herumbringen wollen, das wollte er sagen.
„Aber es ist nicht so, Herr Oberst. Es ist verhext, ich komme überall zu spät.“
„Nun, man weiß nicht, wofür es gut ist!“
Zecke hatte sich in dem jungen Hauptmann nicht getäuscht. Der Fall war jetzt ganz klar. Er war einer, mit dem man offen reden konnte. Die Brücke von Mensch zu Mensch war geschlagen, aber dabei sollte es wohl bleiben.
Er musste aussteigen. Eine Begegnung am Wege – Schiffe, die in der Nacht aneinander vorbeifahren.
Es blieb nur noch Zeit, einander die Hände zu drücken.
Einen Fußweg von zwanzig Minuten hatte Zecke zurückzulegen, dann stand er vor einer jener geschmacklosen Villen mit Türmchen und Stuckornamenten, wie sie in der Kaiserzeit gebaut wurden. Zwei Familien wohnten in dem Haus, oben ein Luftwaffenoberst und in der Parterrewohnung sein alter Bekannter, der Schriftsteller Dr. Wittstock.
„Doktor Wittstock, was ist das für ein Mann?“, wurde Zecke einmal gefragt, und zwar in diesen Tagen seines Berliner Aufenthalts, und von einem Menschen, dem er zum ersten Mal begegnete, dem er dennoch rückhaltlos vertraute und dem er gerade diese Frage genau zu beantworten hatte.
„Ach, was ist das für ein Mann … ein begabter Mann, ein hysterischer Mann, ein sehr beweglicher Mann“, begann Zecke bei dieser Gelegenheit – das war am südlichen Rande Berlins, in einem Siedlungshaus hinter Tempelhof – seine Charakteristik. „Nein, beim Militär war er nicht, und nicht in solcher Verbindung bin ich mit ihm bekannt geworden. Sie kennen doch Potsdam, meine alte Garnisonstadt, und können sich vielleicht vorstellen, wie einem da manchmal zumute sein konnte, und dass man immer willens war, aus dem Gehege auszubrechen. Zudem in der Ära Seeckt war man überhaupt darauf aus, sich nach allen Seiten, nach rechts und links und besonders nach links, umzusehen. Berlin in den Zwanzigerjahren, man aß doch nicht immer im ‚Adlon’ – Inflationsgewinner und Deflationsgewinner und Reinhard, Piscator, und Experimente überall, die Cafés am Kurfürstendamm, die Theaterfoyers, die Kabaretts, die Restaurants abends nach Theaterschluss, da tat sich etwas! Und man kam in Salons, die geradezu Experimentierfelder für gewagte gesellschaftliche Kombinationen waren, und so kam ich auch zu den Wittstocks. Also beim Militär war Wittstock nicht, das hatte irgendwie nicht geklappt, und daher und auch aus seiner Vergangenheit heraus hat er gewisse Komplexe, hat geradezu eine Sucht nach Uniformen, und wo im Dritten Reich an so etwas heranzukommen war, war er immer dabei. Und obwohl er innerlich immer oppositionell zur Partei stand, hat er doch niemals unterlassen, mit den Brüdern zu kokettieren. Pg. war er nicht, die wollten ihn gar nicht, er hatte ihnen viel zu schwache Nerven. Und das stimmt auch und setzt ihn außerstande, auch nur wenige Jahre in Opposition zu leben. Die jeweils herrschende Macht zieht ihn an, Presse, Publizität, Autos, Aufmärsche, das ganze pompöse Gehabe, der Glanz der Öffentlichkeit, das alles fasziniert ihn, und er muss unbedingt dabeisein, muss daran teilhaben können. Dabei kann es passieren, dass er in seiner Exaltiertheit und dank seiner intellektuellen Einsicht furchtbar auf den Hitler schimpft; er kann beispielsweise in eine Gesellschaft kommen und ausrufen: Ihr habt vollkommen recht, endlich müsste man das Attentat machen! Wenn es dann aber binnen drei Tagen nicht dazu kommt, dann wird er erklären: Man sieht es ja wieder einmal, die Leute sind zu untalentiert, und die andern haben doch recht, und sie haben allein dadurch, dass sie an die Macht gelangt sind, auch die geistige Legitimation, die Macht zu gebrauchen. Sie sind wirklich die Männer, sie haben die Gegebenheiten der Geschichte erkannt und verstehen auch zuzupacken. Ihr aber, ihr armen Intellektuellen, seid blind, seid gelähmt durch Skrupel und moralische Vorurteile. Und so weit gelangt, wird er nicht mehr anhalten und die ganze Fülle moderner Redensarten steht zu seiner Verfügung. Danach ist Moral dann nur eine Zusammenfassung der Werturteile des mittleren Bürgers für sein bequemes Leben. Und Geschichte machen, heißt aus dieser Sicht brutal eingreifen. Und geschichtliche Verantwortung tragen, das bedeutet, dass auch einmal Menschenleben riskiert werden! Und das Böse, sagt er, ist nicht mehr böse, wenn es in großem Format begangen wird. Und nur mit dem Mut zum Bösen gehe man in die Geschichte ein. Und in die Geschichte eingehen, das ist ihm eine Art Religionsersatz, eine Art noch vorstellbarer intellektueller Ewigkeit. Alles andere gehört nach seiner Meinung in das Gebiet mythologischer Flausen. Allenfalls und im Gegensatz zu seinem ausgesprochenen Rationalismus (aber der ganze Wittstock ist aus Gegensätzen zusammengesetzt) lässt er das Unbewusste noch gelten. Das Unbewusste als treibende Kraft in der Geschichte ist sogar eines seiner bevorzugten Steckenpferde. Alles zusammengenommen – eine Verkennung der wirklich treibenden Kräfte, eine Verdrehung der Geschichtsphilosophie und als Leitstern ein heruntergekommenes Renaissance-Ideal: Das ist Wittstock, aber doch nicht nur Wittstock, das entspricht leider der geistigen, oder sagen wir besser, der intellektuellen Haltung vieler Menschen in unserer entgötterten Welt.“
Vor der Tür dieses verhinderten Renaissance-Menschen stand Oberst Zecke. Die Klingelanlage im Haus funktionierte nicht. Aber die Alarmsirene an der nächsten Straßenecke funktionierte. Es heulte schon wieder, und zwar in dem auf- und abschwellenden, endlosen Ton, also verspätet. Die Flak begann bereits zu ballern. Zecke trommelte mit der Faust gegen die Tür und wurde trotz des Wirbels draußen gehört. Die Tür ging auf, und vor ihm stand Wittstock mit zerzaustem Haar, beladen mit Mänteln, auch mit dem Pelzmantel seiner Frau, in der Hand das Luftschutzgepäck.
„Mensch, Zecke, du bist es, wo kommst du denn her, komm schnell herein!“
Zecke folgte Wittstock ins Haus und zur Hintertür wieder hinaus, in den Garten hinein und ein paar Stiegen hinunter in einen Splittergraben.
„Der zweite Luftangriff heute, wir sitzen mit einer kurzen Zwischenpause seit fünf Uhr hier im Graben.“
„Den ersten Angriff habe ich ebenfalls mitbekommen, im Kellerhotel ‚Atlantic’.“
„Keine Post, keine Zeitung, kein Telefon, sehr gemütlich, sage ich dir!“
Der Graben war im Zickzack angelegt, war für Regentage oben mit Brettern abgedeckt und mit Erde beworfen, war sehr schmal, und es war nur möglich, sich hintereinander aufzustellen oder allenfalls auf dem Boden zu hocken. Das Ehepaar Wittstock und er, sonst befand sich niemand im Graben. Zecke hatte erst jetzt Gelegenheit, die Dame des Hauses zu begrüßen. Frau Wittstock war eine Freundin oder stand jedenfalls im Besuchsverhältnis zu seiner Frau.
„Wie geht es Lena?“, war auch ihre erste Frage.
„Danke, den Verhältnissen entsprechend. Sie ist im Thüringer Wald, in Friedrichroda, zusammen mit Agathe, und schreibt recht befriedigend!“
„So, du kommst also aus Prag, hast du schlecht eingerichtet, lieber Herbert. In Prag ist es doch sicherlich noch ganz zivilisiert!“
„Und so schöne Dinge gibt es dort und so billig!“, meinte Frau Wittstock.
„Oh, das ist lange her, das war einmal, gnädige Frau. Und die Billigkeit damals war auch nur reine Willkür, die Dinge kosteten einmal fast gar nichts, auf Grund des hochgesetzten Kurses der Reichsmark. Lange vorbei, wie alle Vorteile, die uns unsere ‚vorausschauende’ Politik einbrachte.“
Die Bomber am Himmel dröhnten, anscheinend zogen sie direkt über den Garten hinweg. Die Einschläge saßen weiter in der Ferne.
„Vielleicht gilt es uns nicht“, meinte Wittstock. „Aber wenn man gesehen hat, wie eine Bombe ein neunstöckiges Haus durchschlägt, oder wenn man, wie hier in unserer Straße, die verkrümmten Leichen sieht, die aus den Trümmern hervorgezogen werden, dann meidet man den Keller, dann lernt man so einen Graben schätzen! Alles, was passieren kann, ein Volltreffer, und dann ist es aus.“
„Ja, es ist wie an der Front!“
„Du bleibst doch bei uns, Herbert? Es geht doch!“, wandte Wittstock sich an seine Frau.
„Ich würde sehr darum bitten. Sie wissen doch, Herr Zecke, dass Sie immer willkommen sind, und die leere Wohnung in Potsdam ist doch zu ungemütlich, vielleicht auch zu weit weg.“
„Was hast du übrigens vor?“
„Was hat man mit mir vor, kann es nur heißen!“ Er unterrichtete die beiden Wittstocks über seine Kommandierung und sagte, dass er zuerst seine Dienststelle aufsuchen müsse, dann aber gern auf das liebenswürdige Angebot zurückkommen werde.
Zecke beschloss, sich noch am gleichen Tage bei seiner Dienststelle in Karlshorst zu melden, und nach der Entwarnung und nach einem Frühstück verabschiedete er sich. „Jedenfalls kannst du zu jeder Tages- und Nachtzeit zurückkommen“, gab Wittstock ihm mit auf den Weg.
Die Voraussage, nach der er bis Karlshorst fast einen Tag benötigen würde, stellte sich als annähernd richtig heraus. Zuerst ging es glatt, aber schon am Potsdamer Platz musste er aussteigen und bis zum Alexanderplatz laufen. Mit der S-Bahn kam er nur bis zum Schlesischen Bahnhof. Er erkundigte sich nach dem weiteren Weg.
„Ja, die S-Bahn ist hier unterbrochen“, wurde ihm erwidert. „Gehen Sie mal diese Straße lang, dort fährt die Elektrische, natürlich nicht bis Karlshorst, aber vielleicht kommen Sie bis zum Ostkreuz.“
Oberst Zecke stand also dort und blickte in den Qualm hinein. Es wird schon stimmen, dachte er, als es lange dauerte. Sein Warten wurde belohnt, die Straßenbahn kam, und er konnte einsteigen. Und dass er einsteigen und mitfahren durfte, verdankte er seiner Uniform. Andere Passanten, die keinen roten Ausweis vorzeigen konnten, wurden von dem Schaffner abgewiesen. Ein kleiner verwachsener Sechzehnjähriger versah hier den Schaffnerdienst. „Ihr könnt laufen!“, sagte er zu den Leuten, die ohne rote Karte mitfahren wollten.
„Ein Stück können Sie ja mit uns kommen“, sagte der Bucklige zu Zecke. „Gestern ging es schon wieder bis zur Unterführung, aber vorhin war doch der große Angriff, und ich weiß nicht, wie weit es nun geht!“
Es ging nicht weit, Zecke stand bald wieder auf der Straße.
„Sagen Sie mal, mein Bester, wie komme ich nach Karlshorst?“
„Wenn Sie Glück haben, mit der S-Bahn, gestern fuhr noch ein Pendelwagen.“
Weiter ging es mit dem Pendelwagen der S-Bahn, allerdings auch nicht die ganze Strecke. Zecke war nun aber so weit gelangt, dass er den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen konnte. Und endlich, am Spätnachmittag, erreichte er Karlshorst und das Kasernengelände.
Eine großzügige Anlage, eine Reihe moderner Bauten. Die Fenster waren natürlich rausgeflogen, und auf den Dächern fehlten streckenweise die Dachziegel. Die Häuser wirkten verlassen. Es war kein richtiger Betrieb mehr, das sah man. Ein Posten in riesigem Fahrermantel, mit dicken Fahrerstiefeln, eine alte zerkaute Pfeife im Mund, die Mütze schief auf dem Kopf, war ganz die Landsergestalt, wie Zecke sie gern sah. Der Landser stampfte vor der Einfahrt hin und her, vier oder fünf Schritte rechts und dann ebenso viele Schritte zurück.
„Kamerad, ich suche die Pi-Schule!“
Der Posten blieb stehen und betrachtete Zecke. Ein alter Oberst, noch einer von der alten Garde. Er kaute, ohne dabei die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, eine Antwort heraus.
„Die Pi-Schule, das hier sind die Reste der Pi-Schule!“
Die Reste … so sah es aus, auf dem Innenhof lagen Trümmer, vom Haus war das halbe Dach abgedeckt, kein Fenster war heil geblieben.
„Hier hat doch mal ein Regimentsführerlehrgang stattgefunden?“
„Ja, hat stattgefunden, ist aber schon vorbei!“
„Nun, ich soll dorthin, muss mich dort melden!“
„Da kommen Sie aber reichlich spät, Herr Oberst, wissen Sie noch nicht, haben Sie noch nichts gehört?“
„Nichts weiß ich.“
„Nun, dann hören Sie mal zu, der Lehrgang wurde doch aus Angst vor den Russen verlagert, nach dem Westen. Und gerade heute Vormittag haben wir die Meldung gekriegt, dass dort die Amis gekommen sind und den ganzen Kursus ‚hopp’ genommen haben.“
„Was haben sie, den Kursus ‚hopp’ genommen?“
„Jawohl, mitten auf dem Übungsfeld. Wären Sie früher gekommen, dann hätten Sie es auch schon hinter sich, Herr Oberst!“
Oberst Zecke erfuhr weiter, dass im Hause schon einige Nachzügler für den Lehrgang im Quartier lagen und dass der Regimentsadjutant zurückgeblieben war und die Geschäfte des Regiments am Orte weiterführte.
Er ließ sich Zeit und suchte zuerst einmal die Kantine auf. Auf dem Wege dorthin hatte er auch Gelegenheit, sich die Unterkunftsräume zu betrachten. In der Kantine traf er einige jüngere Herren, sie bestätigten ihm die Erzählung des Postens. Darüber hinaus hatten sie bereits weitere Nachrichten. Danach war der gesamte Lehrgang tatsächlich in die Hände der Amerikaner gefallen, aber am gleichen Tage durch den Gegenstoß einer deutschen Panzerdivision wieder befreit worden und sollte nun abermals verlagert werden. Dieses Mal nach Süddeutschland, der genaue Ort war noch nicht bekannt. Als Zecke das Regimentsbüro aufsuchte, war er über alle Angelegenheiten des Lehrgangs bereits unterrichtet und wusste beinahe ebenso viel wie der Regimentsadjutant, auch über die Person des Adjutanten war er ins Bild gesetzt worden.
„Schönen guten Tag, hier Oberst Zecke, ich komme aus Prag.“
Dem Adjutanten fiel das Einglas fast aus dem Auge. Er starrte den Eintretenden an. Er war Major und im Zivilberuf Gewerbelehrer, doch er vertrat hier das Regiment und durfte wohl auch von einem Obersten eine richtige Meldung erwarten. Aber weder die saloppe Haltung noch der joviale Ton Zeckes entsprachen seinen Vorstellungen über eine militärische Meldung.
„Hier ist ja schon alles völlig demoliert“, setzte Zecke im gleichen Ton fort. „Was machen Sie da eigentlich noch hier! Ich bin ja nun offensichtlich zu spät gekommen. Wann kann ich also wieder abreisen?“
Dem Adjutanten fehlten die passenden Worte. Auch der Oberzahlmeister, der im gleichen Raum saß, blickte konsterniert auf, beugte sich aber gleich wieder über seine Papiere.
Der Adjutant sagte schließlich:
„Es tut mir leid, Herr Oberst, dass Sie vergeblich hierherkamen. Indessen habe ich weitere Telegramme, auch neue Aufträge für Herrn Oberst noch nicht erhalten. Unter diesen Umständen muss ich bitten, sich weiter bereithalten zu wollen.“ Und er erklärte, was Zecke bereits wusste, dass der Lehrgang nach Süddeutschland verlagert würde, der genaue Ort leider noch nicht bekannt sei, und dass man neue Marschbefehle für Nachzügler abwarten müsste.
„Aber Sie können doch mit dem Personalamt telefonieren. Eine Verbindung hier in Berlin oder nach Zossen kann doch nicht so umständlich sein?“
„Das Heerespersonalamt ist schon vor einiger Zeit nach Thüringen verlegt worden, und der Telefonverkehr nach Thüringen ist augenblicklich gesperrt.“
„Der Telefonverkehr nach Thüringen ist augenblicklich gesperrt – das will heißen, das Personalamt existiert auch in Thüringen nicht mehr, das halbe Thüringen existiert für uns zur Stunde nicht mehr. Das können Sie im Wehrmachtsbericht nachlesen. Unterlassen Sie also freundlicherweise solche euphorischen Umschreibungen.“
Der Adjutant schien tatsächlich, wie ihm gesagt worden war, ein martialischer Herr zu sein. Er ignorierte sogar die Verlautbarungen des OKH und wollte offenbar selbst Goebbels an ignorantem Durchhaltewillen übertreffen. Doch jetzt war er in die Defensive gedrängt, und das war der Moment für Zecke, kategorisch zu erklären: „Da das Personalamt sich offensichtlich in Verlagerung befindet und wir Weiteres abwarten müssen, werde ich also morgen oder übermorgen hier wieder vorsprechen.“
„Ich möchte Herrn Oberst aber doch bitten, in der Kaserne Quartier zu nehmen!“
„Kommt überhaupt nicht in die Tüte!“
Der Adjutant war geschlagen, seine Erwiderung klang lahm.
„Es wäre aber erwünscht, Herr Oberst!“
„Ich habe mir Ihre Unterkunftsräume angesehen. Die Räume sind recht unbequem, und die Betten sind auch schlecht. Ich denke gar nicht daran, die letzten vierzehn Tage meines Lebens so unbequem zu verbringen!“
Die letzten vierzehn Tage … Was erlaubte dieser Oberst sich eigentlich, was wollte er damit sagen? Dieses Mal fiel das Einglas dem Adjutanten tatsächlich aus dem Auge. Der Oberzahlmeister beugte sich noch tiefer über seine Schreibarbeit. – Zecke betrachtete beide.
Da sitzen sie also, mit abgerissenen Telefonverbindungen, in einem zerbombten Haus, die Scherben der herausgefallenen Fenster auf dem Tisch, und anscheinend sind beide entschlossen, noch im letzten Augenblick den Krieg zu gewinnen. Immerhin dürften doch auch sie nicht übersehen, dass es ein Unterschied ist, ob ein Regimentsstab an der Front zerbombt wird oder ob die Front bereits nach Berlin hineingreift.
„Meine Herren, ich verstehe Ihre Zuversicht nicht. Was meine Angelegenheit anbelangt, so habe ich in der Stadt bereits ein Quartier. Ich habe verschiedenes zu tun, will mich auch etwas umsehen, alte, liebe Freunde besuchen, und übrigens ist alles bereits so derangiert, dass es keine Rolle spielt, ob das erwartete Telegramm ein paar Stunden früher oder später in meine Hände gelangt.“
Dabei blieb es.
„Auf Wiedersehen, meine Herren, bis übermorgen also!“
Der Adjutant und der Oberzahlmeister blickten die Tür an, als handle es sich nicht um einen aus Prag kommandierten Obersten, sondern um eine Erscheinung, die sie heimgesucht hatte. Der Adjutant schüttelte missbilligend den Kopf, und der Oberzahlmeister pflichtete ihm mit ebenso schweigsamem Kopfnicken bei. Solchem unverhüllten Zynismus waren beide noch nicht begegnet. Aber um so auftreten zu dürfen, musste man wohl autorisiert sein. Dieser Oberst aus Prag, im Weltkrieg Oberleutnant, hatte vor Moskau ein Regiment geführt und kam jetzt von einer höheren Dienststelle; und man konnte nicht wissen, nein, nichts konnte man heutzutage wissen, man musste ihn wohl seine eigenen Wege gehen lassen.
Zecke meldete sich einen Tag um den anderen in Karlshorst, um jedes Mal zu erfahren, dass mit dem Heerespersonalamt noch keine Verbindung bestand. Im Übrigen besuchte er „alte, liebe Freunde“, machte auch neue Bekanntschaften. Die Abende und Nächte verbrachte er meistens bei den Wittstocks. Einmal suchte er auch Potsdam auf, um mit dem traurigen Bewusstsein zurückzukehren, dass Potsdam nur noch ein historischer Begriff ist. Seine persönliche, so lange gehegte Vorstellung entsprach in nichts mehr der trostlosen Wirklichkeit. Für seine verlassene, inzwischen ausgebombte und anscheinend ausgeplünderte Wohnung hatte er nichts als einen kurzen Rundgang übrig gehabt, nach keinem der herumgekollerten Gegenstände hatte er sich gebückt. Was sind schon Gegenstände, wenn die Mauern ringsum gerissen sind, die Tapeten von den Wänden hängen und durch die leeren Fensterhöhlen der Staub geblasen wird. Was sind schon Gegenstände, wenn sie die Beziehung zu den Menschen und zu einer intakten Umwelt verloren haben; was kann ein Louis-Quinze-Stuhl noch bedeuten, eine Damaszenerklinge, das verstreute Teil einer Münzensammlung, wenn ganz Potsdam in Trümmern liegt, die Garnisonkirche geborsten, die historische Gruft aufgebrochen, die sterblichen Überreste des Großen Königs verlagert, irgendwo über eine deutsche Landstraße rollen, und die Angehörigen des Gardejägerbataillons, des Leibhusarenregiments, des Garde du Korps in alle Welt verstreut sind, um niemals mehr zurückzukehren.
Um niemals mehr zurückzukehren! Mit solchem Gefühl der Unwiderruflichkeit kehrte Zecke nach Berlin zurück. Und wenn nun das Preußentum im Staube liegt, ist damit die auf das Preußentum aufgepfropfte Reichshauptstadt, aus hundert Bränden schwelend und in immer neuen Detonationen aufbrechend, ist damit auch diese Riesensammlung steinerner Häuser mit ihrem Fünfmillionenvolk, mit ihrer in Tiefe und Weite wirkenden Dynamik ebenfalls verurteilt; und wenn der „Morgenthau“ über das Land kommt und sie das Reich in Teile spalten, wird Berlin dann sterben müssen? Wie wird eine Stadt und wie vergeht sie? Sie wird wohl nicht allein deshalb, weil ein Großer Kurfürst sein Schloss dort aufbaut und die Straße vom Schloss bis zum Stadttor mit Linden bepflanzen lässt, obwohl auch das mit dem Werden zu tun hat, ebenso wie die Lage an einem Wasserlauf, an einer Durchgangsstraße – ebenso haben fahrende Kaufleute, der Handelssinn ihrer festen Bewohner, die Handfertigkeit ihrer Arbeiter und auch die große Feuersbrunst und die Quitzow und Itzenplitz und marodierende Kriegshaufen, die eine Feuerwehr und eine Bürgerwehr und manchmal auch tributzahlende Bürgerlist erstehen ließen, Anteil am Entstehen und Wachsen der Stadt. Vieles kam zusammen, Bewohner aus allen deutschen Gauen, aus Pommern, aus Schlesien, Kolonisten aus Frankreich und vom Lac Leman … Hugenotten, Flamen und Holländer, viele Schicksale wurden zusammengegossen, viele und ganz verschieden geartete Männlein und Weiblein mussten zueinanderfinden, vieles musste geschehen, in Bürgerbetten und Dienstmädchenmansarden und auch auf freier Liebesbahn, in den Kuscheln hinter den Zelten (das waren noch die Großmütter) und auf Wanderfahrt in den Rüdersdorfer Kalkbergen und auf Sylt und unter dem Hohen Meißner (das waren die Väter und Mütter von den heutigen Pimpfen), so vieles musste geschehen, ehe das Gesicht des Berliners zum Vorschein kam und die Berlinerin geboren wurde.
Und diese ganze Entwicklungsreihe, das aus Sand und Spreeschlamm aufgetauchte Gesicht, ist es auszulöschen mit einem Federstrich, hört es auf zu bestehen, weil ein von der Natur Versehener dank einer besonderen innenpolitischen (und noch mehr außenpolitischen) Konstellation für einige Jahre das Heft in die Hand bekam und weil am Ende des Krieges drei siegreiche Titanen sich zusammensetzen und erklären, dass das, was ist, nicht sein darf?
Kommt nicht in die Tüte! Und durch Berlin fließt immer noch die Spree, wird auch nach dem säkularen Zusammenbruch noch fließen, auch wenn in den letzten fünf Minuten ein Adjutant und die Pionierschüler aus Karlshorst und ein Major Hasse und andere Verzweifelte und Irregeleitete sich finden werden, um die schon angelegten Sprengkästen zur Entzündung zu bringen und die sich von Ufer zu Ufer spannenden Brücken in die Luft jagen werden!
Berlin wird sein, weil es ist.
Es wird sein, weil sein Volk vorhanden ist. Die Kugel ist noch nicht ausgerollt, das Wort ist noch nicht gesprochen, und kein Repräsentant – weder im Kaisermantel noch im Rock des Präsidenten, am wenigsten der im braunen Hemd – hat es stellvertretend aussprechen können. Berlin selbst – Berlin in der Mütze, im Anzug von der „Stange“, in der blauen Schlosserbluse, im Rollkragenpullover und im selbstgefertigten Kleidchen – wird das Wort zu finden haben.
Und solange …
Nein, kein Hokuspokus mit der Feder und auch nicht mit Salvengeschützen kann es eskamotieren.
Es kann sich nur selbst aufgeben!
Oberst Zecke wanderte über die Weidendammer Brücke.
Hier war der gleiche Zecke – das war bald fünfzig Jahre her – einmal an der Hand seines Vaters gegangen, unten der langsam dahinziehende gewölbte Fluss, darüber der blaue Frühlingshimmel, die Luft so traumhaft weich, wie sie nur in Berlin sein kann, und ein traumhaft leiser Lufthauch nahm dem kleinen Zecke den großen breitrandigen Strohhut vom Kopfe, entführte ihn über das Brückengeländer und setzte ihn sanft aufs Wasser ab. Da schwamm er, verschwand unter der Brücke und kam auf der andern Seite wieder zum Vorschein, trieb wie eine Nussschale, wie ein winziges helles Märchenschiffchen dahin. „He, Sie Männeken da unten, Sie mit der Stange …“, das war der Vater, und der Mann mit der Stange angelte den Hut, brachte ihn triefend und etwas klebrig heraus und erhielt als Lohn ein blankes Geldstück.
Das war an der Weidendammer Brücke.
Zecke ließ die Brücke hinter sich, kam an der zerfetzten Kaserne des Alexander-Grenadierregiments vorbei, folgte ein Stück Wegs dem langen Schlauch der Friedrichstraße und gelangte in eine Geröllschlucht. In einen Canon, die beiden Häuserseiten hatten im Sturz einander berührt und bildeten bizarre und nicht ganz geheuer wirkende Arkaden, unter denen die Fußgänger ihren Weg zu suchen hatten. Zecke gelangte wieder ins Freie. Hinter sich die Oper und die Hedwigskirche, kam er auf ein Gelände, das mit den umhergestreuten Quadern eher als allem anderen einem Marmorbruch glich. Die riesigen Paläste der Geldmacht hatten hier gestanden. Ein Sturm hatte sie weggeblasen. Zecke erblickte auch das Haus, allerdings nur den Stumpf des Hauses, das er suchte, und ging darauf zu. Es handelte sich um nichts Besonderes, um einen Gruß, den er auszurichten hatte, an einen Bankbeamten, einen ihm unbekannten Menschen, und deshalb war sein Unternehmen vielleicht doch etwas Besonderes. Das Parterre des Hauses war stehengeblieben, ruhte unter den zusammengesunkenen drei oberen Etagen. Auch die Straße war verschüttet. Ein Trampelpfad führte einen Schuttberg hinauf und führte wieder hinunter, ein paar Meter an der Hauswand entlang und hin bis zum Portal. Das stand noch, war unberührt geblieben, sogar die Drehtür funktionierte. Eine große Halle nahm den Hereinkommenden auf. Es war heller Tag, draußen schien die Sonne, aber der Schutt vor den Fenstern ließ nur ein diffuses Licht ein. Die Leute, die hier zu tun hatten, bewegten sich wie augenlose Wesen in einem Tiefseeaquarium.
Zecke stand an einem Schalter:
„Ich suche Herrn Schulze, wollte etwas ausrichten.“
„Ach ja, Herr Schulze, da gehen Sie besser zu Schalter fünf. Dort bitte, dort geht es lang!“ Die Hand des Beamten deutete in die Tiefseewelt. Zecke folgte der gewiesenen Richtung, eine in wüster Einsamkeit brennende Kerze führte ihn an das Pult eines anderen Schalters, und er wiederholte seinen Text.
„Ach ja, Herr Schulze.“
Der Schalterbeamte zog es vor, noch einen anderen Beamten, seinen Abteilungschef herbeizuholen. Der sah aus, wie ein Chef in dieser Unterwelt aussehen musste, der Anzug ungebügelt, das Hemd schon lange nicht mehr gewaschen, er trug einen Pullover. Die Kerze brannte rauchend. Der Chef und sein Untergebener wisperten miteinander und betrachteten den Besucher, der nach Herrn Schulze gefragt hatte.
Als der Chef ans Schalterfenster kam, hielt Zecke es für nötig zu erklären: „Ich habe Herrn Schulze einen Gruß auszurichten und zu bestellen, dass es seinem Schwager in Prag gut geht. Das ist von meiner Seite aus alles.“
„Ach ja, der Herr Schulze …“
Die Geschichte war dann aber doch ganz anders, als sie sich scheinbar angelassen hatte, jedenfalls nichts, das mit Haussuchung, Verhaftung, Gestapo und dergleichen zusammenhing.
„Der Herr Schulze, das ist doch so traurig. Die letzten sechs Monate war er im Feld. Er hat eine Frau zurückgelassen, eine junge, reizende Frau und zwei Kinder, vier war das eine und zwei das andere. Und wie das so ist … eine Bombe geht ins Haus rein, und die Frau und die Kinder im Keller werden verschüttet. An der Front bekommt der Schulze ein Telegramm, mit dem üblichen Text in solchen Fällen, Sie wissen schon, Totalschaden, Heimaturlaub.
Das ist jetzt drei Wochen her. Der Schulze kommt an mit acht Tagen Urlaub. Und acht Tage hat er dabeigestanden. Die Arbeiter haben geschaufelt und geschaufelt, und er steht da vom Hellwerden bis zum Abend. Am nächsten Tag wieder, die Arbeiter schaufeln, und er steht da und guckt immer hinein in die Grube von dem Haus. Die Arbeiter schaufeln bis in die Nacht, und dann ist er schlafen gegangen, dann ist er wieder hingegangen und hat wieder dagestanden, das war sein ganzer Urlaub. Und was soll ich Ihnen sagen, denken Sie daran, welches Glück hat der Mann gehabt, in den letzten drei Stunden seines Urlaubs haben sie die Leichen gebracht …“
Zecke schwamm durch das Tiefseebecken zurück, tippte gegen die Tür, die sich geräuschlos drehte, kletterte über die Schuttberge, überquerte die Steinbrüche, erblickte die Oper, das Zeughaus, die Universität, weiter hinten im Qualm blieb der Dom und die aufgeklaffte Fassade des Schlosses. Er stand wieder auf der Weidendammer Brücke, wo der Frühlingswind einmal ein Kinderhütchen davongetragen hatte.
Welches Glück hat der Mann gehabt! Diese Floskel setzte sich in seinem Kopf fest und war auch sein Refrain, als er am folgenden Tag Generaldirektor Knauer kennenlernte. Generaldirektor Knauer war der Mann, draußen hinter Tempelhof in der Siedlung Mariendorf, dem er über Wittstock genaue Auskunft zu geben hatte. Nicht Knauer hatte er aufsuchen wollen, und bis zu seinem Besuch hatte er von ihm nicht mehr gewusst als den Namen, und auch der war ihm nur ein Synonym für die Siriuswerke bei Stettin gewesen. Es handelte sich um eine junge Dame, ihr hatte sein Weg bis ganz da draußen hinter Tempelhof gegolten. Er hatte einmal auf dem Sportplatz neben ihr gesessen, war mit ihr bekannt geworden und hatte sie einige Male gesehen. Eine junge Berlinerin – realistisch, praktisch, amerikanisiert, heißt es. Allerdings, die hellen Sommerkleidchen werden selbst geschneidert, am Samstag nach Geschäftsschluss selbst gebügelt, auf den Ausflug an den Havelsee wird ein Stullenpaket mitgenommen. Ja, praktisch, realistisch auch, nüchterne Einschätzung der Umwelt ebenfalls. Das stimmt alles, aber wie viel Sehnsucht daneben nach der blühenden Heide, wie viel Romantik ist noch vorhanden! Er war also wieder einmal nach Berlin hereingekommen, hatte sie angerufen, um sie zu einer Tasse Kaffee bei „Josty“ und anschließend vielleicht zu einem Kinobesuch einzuladen. Aber sie konnte nicht kommen, sagte ihm, dass sie am gleichen Tage Kriegstrauung machen würde. Kriegstrauung, Ferntrauung, so eine Sache über den Äther. Und der Mann (ein junger Arzt, den sie ihm einmal vorgestellt hatte) war nicht anwesend, stand an der Ostfront im Felde. Nun, was war da zu tun, er kaufte einen Strauß weißer Rosen und nahm an der Hochzeit – Funkgespräche hin und her, auch ein weiterer Zeuge war da – als Trauzeuge teil, und seither hatte er die junge Frau nicht mehr gesehen.
Und nun – telefonisch war sie nicht zu erreichen gewesen – öffnete er das Gartentor, klopfte dann an die Haustür. Ein Mann öffnete, eben jener Direktor Knauer, wie sich nachher herausstellte. Im ersten Moment war es ein Mann, etwas sonderbar angezogen. Es war zwar alles von einem guten Schneider gemacht, aber nichts passte, und nichts passte recht zueinander, die Hose nicht zur Jacke und die Weste nicht zur Hose, passte auch nicht zu dem, der es anhatte.
„Ich wollte zu Frau Halen.“
„Tut mir leid, aber Frau Halen ist nicht zu Hause … überhaupt nicht mehr in Berlin.“
„Dann kann ich vielleicht die Adresse haben!“
„Das ist nicht so einfach … die Adresse kann ich Ihnen tatsächlich nicht geben. Aber kommen Sie doch bitte herein!“
Sie saßen einander gegenüber – Zecke und Knauer, der Sirius-Knauer, das wusste Zecke in diesem Moment noch nicht.
„Die liebenswürdige Frau Halen hat plötzlich abreisen müssen, nach Salzwedel, doch die Adresse stimmt auch nicht mehr. Sie ist weitergefahren, weiter …“ Der Mann am Tisch hörte zu sprechen auf. Eine Pause, beide sahen einander an. Es gehörte nicht viel dazu, dass einer den anderen verstand.
„Sie sehen meine Weste so an, sie ist von meinem Bruder, der ist nun auch tot. Und die Jacke, die Ärmel sind etwas zu kurz. Es hat sie einer getragen, ein guter Freund, der wurde in Plötzensee gehängt. Und die Hose, wir haben sie hier gefunden, sie ist von einem, der nach Italien wollte, wir wissen nicht, ob er durchgekommen ist. Hoffentlich sucht die Gestapo ihn nicht hier im Hause.“
Der Mann hatte schwere Hände und lange schwere Arme. Es war gewiss nicht leicht, eine passende Jacke für ihn zu finden.
„Knauer aus Stettin“, stellte er sich vor.
Also der Sirius-Knauer, einer der reichsten Männer da oben an der Ostseeküste. Mit diesen schweren Händen und aus eigener Kraft hatte er das Werk aufgebaut, das seine Produkte früher nach England, nach Afrika, nach China, in alle Welt lieferte.
„In einer Nacht war alles platt“, erzählte er, „die Hallen, die Vorräte, der ganze Fuhrpark, auch meine Wohnung. Eine andere Wohnung hatte ich nicht. In Pyjama und Hausschuhen, eine Decke umgehängt, so kam ich davon!“
Und darin war der ganze Umfang der Katastrophe noch nicht beschlossen. Die Gebäude zerstört, Benzin und Staubkohle ein Flammenmeer, die Maschinen und Geräte Schrott, die Tresore aus den Büros in die Gegend geschleudert, ihr Inhalt von außern verglüht oder verstreut, auch sein Privattresor war dabei. „Ich kannte einen Schriftsteller, ich half ihm gelegentlich aus“, erzählte Knauer mit leiser Stimme, die im Gegensatz zu seiner wuchtigen Erscheinung stand. „Der Mann war besessen, war voll der ihn umdrängenden Bilder, aber er schrieb nicht mehr. Er hätte nur für die Schublade schreiben können. Aber sehen Sie, die Bombennächte, die einstürzenden Häuser, die Blätter aus der Schublade flattern über die Straße, das hatte ihn davon abgehalten, seine Gedanken zu fixieren. Nun, ich dachte immer, ein Stahltresor ist etwas anderes als eine Schublade … ein Irrtum. Ich musste es erfahren. Mein Privattresor ist in der Katastrophennacht gerettet worden – von der Gestapo, die ihn abtransportieren ließ. Und so kam ich nach Berlin und wurde hier weitergereicht, so kam ich in dieses Haus zu Frau Halen.“
Rot blüht die Heide … wohin die Romantik der Berlinerin führen kann, das stellte sich so heraus, nicht nur zur Ferntrauung, auch zu sonstigen Fernzielen. Die kleine Frau Halen also auch … Hand im Ring, ein Glied in der Kette, empfängt Besuche, trifft auch den Gefängnispfarrer aus Plötzensee, nimmt Kassiber entgegen, befördert sie weiter, nimmt Gejagte auf, Juden, Offiziere, wie es kommt, auch mal einen Direktor Knauer. Und sie hat ihre Schützlinge zu bekleiden, muss sie füttern, hat Lebensmittelkarten, hat persönliche Dokumente zu beschaffen, zu erlisten, zu fälschen, vielleicht auch zu stehlen, und sie hat unter solchen Umständen – das konnte nicht ausbleiben – eines Tages zu verreisen, zuerst nach Salzwedel, dann immer weiter, und Direktor Knauer kann dann wirklich die Adresse nicht angeben. So viel Romantik … nicht nur die blühende Heide, auch die Hütte in der blühenden Heide und Friede in der Hütte, und damit die Hütte Frieden haben kann, Krieg den Palästen – den neuen Palästen des Reichsusurpators und der Reichsverderber! So viel Romantik, dass der Kreis sich schließt und romantisches Streben wieder Realität, blutige und zermürbende Realität wird:
„Ja, und nun sagt man mir, das Haus hier wäre nicht mehr ganz sicher, und erwägt andere Ausweichmöglichkeiten. Auch Doktor Wittstock wurde genannt. Sie kennen ihn doch, was ist das für ein Mann?“
„Ach, was ist das für ein Mann …“
Es war die Gelegenheit, bei der Oberst Zecke über seinen alten Freund Wittstock Auskunft zu geben hatte, und er sagte, seine Charakteristik abschließend: „So ein Mann ist er also, er schreibt nicht für die Schublade, er schreibt für den Tag. Und von den Männern des Tages glaubt er, dass sie – wie es auch ausgeht – bereits geschichtliche Figuren sind. Eine völlige Verkennung der Wirklichkeit also, und in seinen besten Stunden weiß er es auch und gibt es auch zu, sagt sogar, dass es sich nicht um geschichtliche Größen, sondern um einfache Schurken handelt. Wie gesagt, der Wittstock ist noch nicht über seinen eigenen Schatten gesprungen, wird es auch nicht tun, und der vergangene Wittstock ist noch immer sein bestes Teil.“
Oberst Zecke hatte sich so lange aufgehalten, dass es nicht ohne Luftalarm abgehen konnte, und als die Sirene zu heulen begann und dann der Drahtfunk starke Verbände in Richtung Berlin-Süd meldete, begleitete er Knauer in den Keller.
Die Siedlung war hufeisenförmig angelegt, und zwar so, dass der offene Teil, der von der Hauswand umfasste Hof, nach Norden, also in Richtung Tempelhof und Berlin, zeigte. Im Keller fanden sich auch Leute aus den Nachbarwohnungen ein. Einige Frauen, zwei alte Männer, einer davon ein pensionierter Rektor, der andere ein Buchdrucker, dann noch ein jüngeres Ehepaar, Heinrich Putlitzer mit seiner Frau, die Fotografin war. Mit den beiden Putlitzer machte Knauer ihn bekannt. Frau Putlitzer erinnerte ihn an die Abwesende, die er eigentlich hier hatte aufsuchen wollen. Nicht im individuellen Ausdruck, der war eigen bei der einen und bei der andern. Aber Blätter vom gleichen Baum, hinter den eigenen Zügen das Gesicht Berlins, und die Augen schon das lautlos näher kommende Verhängnis erspähend, und schon gewiss, auch das Schwerste zu überstehen.
Die beiden Putlitzer, der alte Buchdrucker Riebeling und Direktor Knauer gehörten zueinander, das war leicht zu erkennen. Auch die andere Seite war im Keller vertreten. Der pensionierte Rektor, der sich offensichtlich nicht mehr zurechtfand in einer in rasender Veränderung befindlichen Welt. Unter seinen Töchtern waren die beiden jüngeren einfältige Wesen ohne Ahnungen, die dritte, ebenfalls im Schuldienst, glich ihrem Vater, mit knapp vierzig Jahren schon vertrocknet, und auch sie schien mit der Welt zerfallen. Es hatte damit aber eine besondere Bewandtnis. Unter den Nachbarn war es ein offenes Geheimnis, dass sich vor einigen Tagen der Jüngste der Familie, der in der Waffen-SS dienende neunzehnjährige Bruder, eingefunden hatte, und zwar in Zivil, als Deserteur, und sich seither in einem Holzschuppen verbarg. Der Alte wusste nicht mehr aus und ein. Ihn angeben würde bedeuten, dass man seinen Sohn, der bisher der Stolz der Familie war, am nächsten Laternenpfahl aufbaumelte. Das aber meinte seine älteste Tochter der „Volksgemeinschaft“, wie sie sagte, schuldig zu sein, und von morgens bis abends lag sie dem Alten damit in den Ohren. Sie verzehrte sich vor Scham, ihr Gesicht wurde noch spitzer. Sie wagte die Augen nicht mehr aufzuschlagen, sprach mit niemandem mehr, konnte auch niemanden mehr (und das hatte sie früher nicht selten getan) wegen unpassender Äußerungen zurechtweisen.
Knauer, die beiden Putlitzer, der alte Riebeling, der Vater mit seinen drei Töchtern, und außerdem war noch die Frau eines Magistratsangestellten im Keller, ein verhärmtes Wesen, nicht nach rechts und nicht nach links blickend. Der Süden Berlins bekam dieses Mal nichts ab. Der Angriff galt dem Zentrum. Nur die wieder abziehenden Maschinen waren zu hören. Zecke und Knauer verließen schon vor der Entwarnung den Keller, und Zecke ging noch einmal mit ihm in die Wohnung. Er kam nochmals auf das vorher unterbrochene Thema zurück.
„Alles in allem“, sagte er, „können Sie bei den Wittstocks unbesorgt sein. Auch die bunte Gesellschaft, die dort aus und ein geht, kommt eigentlich aus vergangenen Tagen, auch der täglich dort anwesende Redakteur Splüge wusste einmal nicht, ob er Maler oder Schriftsteller oder Musiker werden wollte, und die Cafés am Kurfürstendamm und die Tage seines verbummelten Studentendaseins gehören noch immer zu seinen schönsten Erinnerungen, auch von ihm haben Sie nichts zu befürchten!“
„Die Gestapo oder die Russen“, sagte Knauer, „das eine kommt vielleicht, das andere kommt gewiss! Welches von beiden schlechter ist, weiß ich nicht. Aber was kann mir eigentlich noch passieren? Ich kann mein Schicksal auch hier erwarten!“
Es war das letzte Wort von Direktor Knauer.
Er begleitete Zecke bis an die Gartentür.
Ja, was kann ihm eigentlich noch passieren – das Werk platt, bekleidet von lieben Freunden, der eine gehängt, der andere wartet auf das Hängen, der dritte flüchtig, betreut von einer liebenswürdigen Berlinerin, die von Stadt zu Stadt fährt und die Spuren hinter sich verwischt; so ausgebombt, so ausgebrannt, so beladen, dass es schlimmer nicht kommen kann und er sein Schicksal dort am Rande Berlins oder wo auch immer erwarten kann – welches Glück hat der Mann gehabt!
Als Zecke am gleichen Tage noch nach Karlshorst kam, überraschte ihn der Adjutant mit einem Auftrag. Danach sollte er über Hamburg nach Jütland fahren, um dort eine Truppe zu übernehmen. „Es besteht die Befürchtung, dass die Engländer eine Landung unternehmen“, erklärte der Adjutant, „und deshalb soll aus verfügbaren Einheiten eine Sperrgruppe aufgestellt werden, um ein Einsickern britischer Truppen von Norden her abzuriegeln!“
„Ich höre nur ‚verfügbare Einheiten und britische Truppen’, dazu will ich mich überhaupt nicht äußern“, erwiderte Zecke. „Aber rechnen Sie einmal aus: Bei der Paralysierung des Verkehrswesens werde ich bis Hamburg recht und schlecht eine Woche brauchen, bis an Ort und Stelle wieder eine Woche, für die Zusammenfassung der verfügbaren Einheiten – so solche überhaupt verfügbar sein sollten – nochmals eine Woche. Danach könnte ich beginnen, die Gegend zu erkunden, wieder eine Woche.“ Er nahm seine Finger zu Hilfe, zeigte: „Eins, zwei, drei – drei bis vier Wochen also! Sagen Sie mal, Herr Major, was glauben Sie eigentlich?“
Der Adjutant schaute ihn verständnislos an oder er spielte Verständnislosigkeit.
„Was glauben Sie, wie viel Zeit uns noch bleibt! Bis jetzt war ich gewohnt, mit einer gewissen Voraussicht an eine Sache heranzugehen. Ich kann mich nicht dazu entschließen, einen Auftrag anzunehmen, der von vornherein undurchführbar erscheint. Handelt es sich um einen Befehl, um eine über das Heerespersonalamt eingegangene Kommandierung?“
„Nein, um so etwas handelt es sich nicht, mit dem Heerespersonalamt haben wir noch keine Verbindung.“
„Dann ist die Sache von mir aus entschieden. Ich bedaure, ablehnen zu müssen!“
Wieder blieben der Adjutant, der Oberzahlmeister, noch einige Herren der Pi-Schule kopfschüttelnd im Regimentsbüro zurück. Es war ihnen nicht gelungen, den Obersten, der sich in ihre Routine nicht einfügen wollte, auf diese Weise loszuwerden. Stattdessen hatten sie eine an Defätismus grenzende Beurteilung hinnehmen müssen. Der Adjutant warf dem Oberzahlmeister einen verzweifelten Blick zu. Die Anwesenheit der jüngeren Herren hielt ihn davon ab, seine Gedanken zu äußern. Aber dieser Oberst Zecke wurde ihm allmählich zu einem „Fall Zecke“. Muss er als Reserveoffizier und als alter Nationalsozialist alles hinunterschlucken, muss er sich von einem aktiven Obersten alles bieten lassen? Ja, so lange wahrscheinlich, bis der Fall Zecke zu einem wirklichen aktenkundigen Fall geworden ist.
Zecke hatte es wieder mit allen Arten von Verkehrsmitteln zu tun. Bei einbrechender Dunkelheit, auf dem Fußweg von der Großen Frankfurter Straße zum Alexanderplatz, wurde er vom dritten Luftalarm dieses Tages überrascht. Dieses Mal geriet er in den Keller eines großen Mietshauses. Frauen in Hosen, in Pullovern, mit Koffern, Decken, Federbetten. Fast ohne Worte nahmen sie ihre Plätze ein. Das Toben der Flak, in der Höhe das Brummen der fremden Maschinen, die herabpfeifenden Bomben, das ohrenbetäubende Krachen naher Einschläge gehörte zu ihren Tagen und Nächten. Ein Leben ohne Verdunklung, ohne Luftangriffe, wie weit lag das hinter ihnen.
