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In Haifische entwirft Theodor Plievier ein schonungslos realistisches Bild der Hafenwelt Südamerikas: eine Welt aus Hunger, Hitze, Hoffnungslosigkeit und skrupelloser Ausbeutung. Zwischen gestrandeten Seeleuten, zwielichtigen Vermittlern und korrupten Machtstrukturen kämpfen Menschen um Würde, Überleben und einen Ausweg aus der Abhängigkeit. Ein packender Roman über moralischen Verfall und menschliche Standhaftigkeit – rau, eindringlich und von erschreckender Aktualität.
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2026
Theodor Plievier
Haifische
ISBN 978-3-68912-641-4 (E–Book)
Erschienen 1946 beim Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar.
Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.
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Räderdonnern auf endlosem Schienenstrang, unaufhörliches Zusammenschlagen aneinandergekoppelter Puffer und die unter hohem Atmosphärendruck dahinbrausende Lokomotive erfüllten die Luft mit metallischem Dröhnen.
Es lohnte nicht, aus dem Fenster zu blicken.
Man sah keine Rinderherden mehr, auch die weidenden Schafe und Lamas waren zurückgeblieben und die mit hartem Büffelgras bewachsenen Flächen hörten auf. Die Puna ging in die Wüste über. Der durch die Leere heulende Zug wirbelte gelben Staub auf. Er drang durch die schlechtschließenden Fenster und sah nun auf den Gesichtern der Reisenden, ihren groben Filzhüten, den derben Hemden und Hosen grau aus.
Wenzel ließ sich zurückfallen.
Die Endlosigkeit der Fahrt, die Hitze, der Staub, die Ausdünstungen der zusammengepferchten Menschen machten stumpf und schläfrig. Hinzu kam der leere Magen. Wenzel warf noch einen Blick auf den kleinen Kerl, der ihm nun schon seit Stunden gegenüberhockte, und er lächelte, ehe er die Augen zufallen ließ und nun nichts mehr als das Dröhnen der Fahrt in ihm war.
Dies Dröhnen aber war eine Musik auf das Leben selbst, das auch noch in durchgelaufenen Schuhen großartig war. Es ist großartig, irgendwo dahinten mit heiler Haut davongekommen zu sein, und daran gemessen, bedeutete es wenig, sich auf schneeverwehten Kordillerenwegen die Schuhsohlen abgelaufen zu haben und sich nach einem Marsch von Wochen nur an eine richtige Mahlzeit erinnern zu können. Und in einem Eisenbahnwaggon zu sitzen und von den Höhen der „Wilden Puna“ wie ein Sandsturm in die Wüste Atacama hineinzujagen, auch das war großartig!
Selbst wenn man an einer weltvergessenen Station der „Huanchaca-Railroad-Co.“ seine besten Hosen für ein Billett der Eingeborenenklasse eintauschen musste und einem nur die alten Arbeitshosen geblieben waren. Und es ist großartig, dass an einer andern, geradeso weltvergessenen Station die Tür auffliegen kann und dass dann in der Menge der Filzhüte und der breitknochigen Gesichter ein kleiner Kerl auftaucht, mit in die Stirn gedrückter Mütze und einem Paar hell umherblickender Augen.
„Hallo, Joe!“
„Hallo, Johny!“
Joe und Johny, das war ihre Begrüßung gewesen, und sie waren, als sie dann über Woher und Wohin gesprochen, dabei geblieben, obwohl ihre Mütter dereinst sie ganz anders genannt hatten. Beide waren sie Seeleute, beide hatten sie sich schon all zu lang an Land umhergetrieben. Joe länger als Johny, der, einen Monat war das her, einen kleinen Trip in die Berge gemacht hatte. Die Berge, das hieß in diesem Falle in die Gegend der Blei- und Silbergruben und der Boraxraffinerien. Beide hatten sie Ähnliches betrieben. Joe hatte im Norden, neben manchem andern, Eisenbahnbrücken angestrichen, war dabei in einen Streik hineingeraten und hatte das Weite suchen müssen. Er hatte dabei einen großen Bogen ins Land hinein schlagen müssen, um auf Umwegen die Küste erreichen zu können und wieder eine Heuer zu erlangen.
Johny hatte nicht Bahnbrücken, sondern eiserne Schornsteine bepinselt, und zwar in den Boraxraffinerien in einer der Punaschluchten. Außerdem hatte er ein Drahtspleiß gemacht. Er hatte zwei Stahltrossen von Armesdicke zu einer zusammengesplisst, und die Freude an diesem schönen Stück echter Seemannsarbeit war ihm noch beim Erzählen dieser Story anzusehen.
Das Geld freilich, das ihm die Sache eingebracht, war dann allerdings schneller auf den Kopf gehauen als es verdient war, und so befand sich auch Johny auf dem Rückweg zur Küste, der Suche nach einer Heuer. Zusammen würde man ein Schiff suchen, das galt als ausgemacht.
Einen Abend, eine Nacht und noch ein paar Stunden war das Dröhnen der Fahrt in ihren Ohren, als der Zug endlich die Hochebene zwischen den Kordillerenketten überquert hatte und sich nun der Küste näherte. Es ging steil abwärts. Steil abwärts aber auch mit Wenzel. So kurz vorm Ziel fühlte er es selbst, dass er am Ende war. Nur noch mit Mühe konnte er den Blick von den Bananenschalen lösen, die die Indios weggeworfen hatten und die fußhoch den Boden bedeckten. Als es endlich gelang, starrte er statt der Bananenschalen den Pfeifenstummel an, der Johny im Mundwinkel hing. Diese Pfeife hatten sie, solange Johnys Tabak noch reichte, abwechselnd geraucht. Jetzt war auch das vorbei. Es blieb nur noch der Blick durchs Fenster. Immerhin befand man sich auf der höchsten Eisenbahnlinie der Erde! Und das Tempo des Zuges, der an riesigen Felskegeln vorbeizog und über höllentiefe Abgründe donnerte, das war noch etwas! Als aber dann – und das geschah ganz plötzlich – das Meer auftauchte und der Stille Ozean, aus solcher Höhe gesehen, wie eine blaue Schale dalag, da war es endgültig um Joe geschehen.
Er wusste, dass es im Grunde nur der leere Magen war. Aber es blieb nichts anderes übrig, er musste, um die Leere zu überwinden und um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, nach der andern Seite auspendeln. Und da lag unten in der tiefsten Kurve des von Felswänden und dem Meer gebildeten Kessels, in Staub und Rauch gehüllt, die Hafenstadt. So spielzeugklein sah sie aus, dass man nicht gerade größenwahnsinnig zu sein brauchte, um sagen zu können, man habe sie in der Tasche.
Wenzel indessen sagte es mit tierischem Ernst.
„Die Stadt haben wir in der Tasche, Johny“, sagte er.
„Natürlich, die haben geflaggt! Das machen die immer so, wenn einer ohne Hosen einzieht und die Hosen von dem andern ganz mit Ölfarbe verkleckst sind!“
Joe lachte nicht. Er saß starr und blass. Das war nicht gut. Man musste ihn zurechtstoßen.
„Beruhige dich, Joe, die warten auf uns! Joe, der Bezwinger der Weißen Kordillere, und Johny, der Schornsteinanstreicher, der Mann mit dem fabelhaften Drahtspleiß.“
Seine Witze halfen wenig.
„Die Stadt ist ein Dreck, sage ich dir!“, knurrte Joe. Dabei hatte er von eben dieser Stadt und den im Hafen liegenden Schiffen, mit ihren Kombüsen und Salzfleischtöpfen, in den Tagen und Nächten seines Hungermarsches geträumt wie vom Land der Verheißung!
„Meinetwegen. Die Stadt brauchen wir übrigens gar nicht, was wir brauchen, ist ein Schiff, Joe!“
„Nur ein Schiff.“
„Aber wir werden es uns nicht aussuchen können, Joe. Das wird Slimmy für uns tun. Slimmy wird übrigens der einzige sein, der auf uns wartet.“
„Fang bloß nicht von Slimmy an, Johny.“
„Du hast recht. Der verfluchteste Landhai an der ganzen Küste.“
„Slimmy mag schanghaien, wen er will. Mich kriegt er nicht. Und dich auch nicht, schätze ich.“
„Sicher nicht, aber wie kommen wir auf ein Schiff ohne Shipingmaster, Joe?“
„Du willst sagen, wie werden wir bis auf die Knochen abgenagt, ohne diesen Hai?“
Johny kaute den Pfeifenstiel heftiger und musterte lange den Kameraden.
Das da oben in den Bergen, dachte er, hat ihn doch verflucht mitgenommen. Der brauchte erst einmal eine richtige Mahlzeit! Erst wenn er ein ordentliches Stück Fleisch und sonst noch was im knurrenden Magen hatte, würde er wieder zu sich selbst kommen und die Welt so sehen, wie sie ist.
Zu dumm, dass man nur ein paar Cents in der Tasche hat. Was kriegt man schon dafür?
„Ja, Joe, wie kommen wir auf ein Schiff?“ Johny verzichtete auf Witze. Vielleicht kam man weiter mit dem Jungen, wenn man es ernsthaft versuchte.
Nein. Keine Antwort. Joe starrte wieder zum Fenster hinaus. Auch Johny blieb nichts anderes übrig.
Die Lok lief jetzt ohne Dampf, und die Waggons rasten die steile Bahn abwärts, scharf gebremst und doch in einem Höllentempo.
Es war eine steile Serpentinenstrecke, und Kurve folgte auf Kurve.
Endlich nahm der Zug die letzte Schleife und blieb schließlich auf freier Strecke, nahe einem Stellwerk, stehen.
Auf dem Nebengleis stand ein Zug, der von unten gekommen war, in die Berge hinauf wollte und auf „freie Strecke“ wartete. Es gab eine Verzögerung. Johny beobachtete, wie ein paar Zuspätkommende den staubigen, heißen Hang heraufkeuchten. Übrigens nicht nur ein paar, sondern fast ein Dutzend. Merkwürdig, dass diese Männer einen weglosen Hang heraufkamen an einer Stelle, an der weit und breit keine menschliche Ansiedelung zu sehen war, zudem der Zug an keiner Station hielt, sondern lediglich an einer Ausweichstelle. Hatten die Leute aber ihren Zug unten in der Stadt versäumt, so konnten sie nie damit rechnen, ihn einholen und hier mitten auf der Strecke besteigen zu können. Zunächst fiel derlei Johny nicht auf. Auch die wie leblos hockenden Indios zeigten kein Interesse dafür. Und, was Joe anlangte, war er so mit sich beschäftigt, dass er überhaupt keinen Blick für die Umwelt hatte. Zunächst waren die Näherkommenden auch für Johny nichts anderes als Leute, die Eile haben, ihren Zug zu erreichen und die zudem zu dieser Eile noch angetrieben wurden von einem kleinen, gedrungenen Kerl, der sie wie ein bissiger Köter umkreiste und die Nachzügler ankläffte. Erst als der erste so nahe heran war, dass man seine Gesichtszüge, seine Mütze, seine Hosen, kurz den ganzen Kerl erkennen konnte, wurde Johny interessierter. Denn auch diesen da hätte Johny mit Joe anrufen können, wie vor anderthalb Tagen den, der jetzt ihm gegenübersaß. Mit Joe hätte er ihn anrufen können oder mit Billy oder Patty, und wie den, so auch die andern, die nun folgten. Einige schleppten Seesäcke, eingeschrumpfte, halb leere, andere stapften in Seestiefeln durch den Sand. Wo wollten die eigentlich hin, diese Hornviecher? Natürlich zum Zug und hinauf in die Berge. Die schienen zu glauben, dass da oben in den Punaschluchten Milch und Honig fließt.
„Mensch, Joe, Joe!“
Joe hörte nichts, und Johny bemühte sich, ein Fenster zu öffnen, um denen da draußen ein Licht anzustecken über die Puna und was dort auf sie wartete, ehe es zu spät war. Aber das Fenster klemmte, und es ging auch alles zu schnell, und der Zug auf dem Nebengleis fuhr schon an. Die herankeuchenden Seeleute – Johny sah ihnen an, dass sie in der Nacht gesoffen hatten und erst auf diesem Weg durch Sonne und Staub wieder nüchtern wurden – erreichten den Zug im letzten Moment und sprangen auf. Das ganze Dutzend. Ein einziger Klumpen Dummheit. Das musste man gesehen haben. Mensch, Joe, das musste man gesehen haben!
„Menschenskind, Joe!“
Joe war für nichts zu haben. Der fremde Zug fuhr schon, und der eigene fuhr ebenfalls an.
Nur ein Mann von denen da drüben war nicht mit aufgesprungen, dieser kleine gedrungene Kerl, der die andern angetrieben und einen sogar am Arm hinter sich hergezerrt hatte. Jetzt, da er auf den talwärts fahrenden Zug aufsprang, sah ihn Johny aus der Nähe. Er trug ein sauberes, großflächig kariertes Hemd. Dennoch, ein gedrungener scharfer Hund, ein Springer, dachte Johny wieder, und „der setzt auch über eine Zweimeterhürde!“
Der Zug rollte abwärts.
Joe saß da, wie er gesessen hatte, und blickte auf das Meer, das nicht mehr hochgewölbt war. Das Meer wurde immer flacher. Die zurückbleibenden Berge, eine geschlossene Wand, türmten sich höher, ihr Anblick war erdrückend. Das schöne Selbstgefühl, in das man sich eben noch hineingesteigert hatte, fiel zusammen.
„Bei der Milly könnten wir es versuchen“, sagte Joe.
„Ja, die Milly … Aber sie wird uns nicht nehmen, abgerissen, wie wir sind. Ich hab’ nicht mal mehr meinen Seesack.“
„Ich auch nicht.“
Mehr wusste Joe nicht zu erwidern. Sein Hirn war ebenso leer wie sein Bauch und funktionierte keineswegs so, wie es sich gehörte. Was es hervorbrachte, war nichts als Dunst, und plötzlich war auch Dunst, sehr sichtbarer Dunst vor seinen Augen. Dunst, aus dem schließlich eine Tragkiepe auftauchte und dann noch verschiedenes, Körbe und Säcke. Es war aber nichts anderes, als dass der Zug sein Ziel erreicht hatte und dass nun die Indios ihr armseliges Gepäck von den Abstellborden herunterholten. Alles drängte zur Tür, kletterte auf den Bahnsteig hinab und trieb dem Ausgang zu. Ein Menschenstrom. Hunderte weißbestaubte Filzhüte, getürmte Traglasten von Maiskolben, Bataten, Wollballen und Packen bunter Gewebe. Und dann das Geschrei der Leute, die Esel vermieten wollten oder solcher, die nur ihre eigenen breiten Rücken anboten, ganz zu schweigen von denen, die Dumme suchten, denen man ihre Last ganz umsonst und für immer abzunehmen gedachte.
Joe und Johny trieben mit in diesem Strom, und das Brausen des Lärms war auch dann in Joe, als die Menge sich schon geteilt hatte und die Staubwolke vor ihnen bald den letzten geschluckt hatte und nur noch die Mittagsstille geblieben war.
War es nun so, dass Johny auf dem Wege zum Ausgang von einem Mann angesprochen wurde oder dass Johny den Mann ansprach, Joe jedenfalls hatte es kaum aufgenommen, es war ihm auch gleichgültig, dass sie nun zu dritt nebeneinander hertrotteten. Und es war nicht nur der Hunger, der in ihm wühlte, und er hatte nicht nur einen weiten, beschwerlichen Weg hinter sich, mit schwerer Arbeit an den Brücken und mit einem gefährlichen Streik, nein, es war jetzt gerade ein Jahr her, dass er dort im Norden von einem Schiff an Land gegangen war, und dies Jahr an Land war mehr gewesen als Anspannung aller Kräfte, es war ein Irrtum gewesen, ein großer Irrtum und letzten Endes der Zusammenbruch.
Er blickte auf und kam plötzlich wieder zum Bewusstsein seiner Lage.
Er merkte, dass er auf einem Stuhl saß und einen Tisch vor sich hatte und dass auf diesem Tisch drei Gläser Schnaps standen.
Ein grünlich schillernder, billiger Piscoschnaps.
Ein Glas stand vor seiner eigenen Nase, das zweite stand vor der Jonnys, und hinter dem dritten zeigte sich ein breites, grinsendes Gesicht. Ein paar ansehnliche Kinnladen und ein starkes, wunderschönes Gebiss, das war es, was an diesem Gesicht auffiel und nicht zu übersehen war. Und abgesehen davon, dass dieser Mann keinen Kragen trug, sah er eher wie ein Schiffseigentümer aus als wie einer von ihnen.
Das also war er! Das war Slimmy!
Slimmy, der als „Runner“ Millys seine Karriere begonnen hatte.
„Runner“, das war das richtige Wort für einen, der als Schlepper für Millys Boarding-House hinter jedem ehrlichen Seemann her war.
Immer unterwegs! Von der Mole in die Kneipen, von den Kneipen in die Fandangohäuser, immer auf der Suche nach Seeleuten, die eine Heuer brauchten, und nach Kapitänen, die Seeleute brauchten.
Das also war Slimmy. Und als Milly sich mit ihm verkracht hatte, hatte er seinen eignen Laden aufgezogen. Der kleine Runner, dem man unter recht schäbigen Vorwänden sogar den eignen Koffer in Millys Boarding-House zurückbehalten hatte, war nun ihr schlimmster Konkurrent geworden. Mit Methoden von verblüffender Einfachheit, Methoden, die ihn an der ganzen Küste von Valpareiso bis Vancouver in den wohlbegründeten Ruf brachten, dass man einem ausgewachseneren und gefräßigeren Hai als Slimmy in den Hafenstädten aller fünf Kontinente schwerlich begegnen würde.
So genügte es Joe, diese Haifischfresse zu sehen, um aufzustehen und ohne Einleitung und Erklärung die drei Gläser, die Slimmy spendiert hatte, mit einer Handbewegung vom Tisch zu fegen.
Da lief das giftgrüne Gesöff über die Tischplatte, und neben dem Tisch lagen die Scherben. Der Wirt kam gelaufen, und Johny sprang auf. Es war nicht anzunehmen, dass Slimmy sich derlei bieten ließ. Kein Zweifel, es musste zu einer handfesten Prügelei kommen. Nun war Joe zwar von gleicher Größe wie Slimmy, und lange Arme und eiserne Fäuste hatte er auch, aber er war halb verhungert und runter, so runter, wie man überhaupt nur sein konnte.
Slimmy hingegen war gut gefüttert, hatte überhaupt nie so etwas wie einen leeren Magen gekannt und schien in jeder Beziehung in bester Form zu sein. In Hochform, sozusagen. Da stand es für Johny denn fest, dass man mitmachen musste. Zwei gegen einen? Möglich, falls nicht der Wirt noch Slimmys Partei nahm. Egal, dachte Johny, ich setze diesem Bastard die Faust in die Magengrube, und damit es bestimmt langt, renne ich ihm den Schädel unter seine Haifischkinnladen.
Alle Aufregung war überflüssig. Slimmy blieb sitzen. Er zeigte seine Raubtierzähne, was ein Lachen bedeuten sollte, und auch seine kalten Taxatoraugen versuchten lustig auszusehen.
„Recht so, Joe! Einen Dreckschnaps hat uns der Wirt da vorgesetzt. Ich zahle die Scherben! Wir ziehen um, Jungs. Kennt ihr die Miramar-Bar? Da habe ich einen Whisky entdeckt, den müsst ihr kosten!“
„Miramar-Bar und Whisky klingt schon anders!“ Johny schien versöhnt, während sein Kumpan schon zur Tür schlenderte. „So warte doch, Joe!“
„Ja, warte, mein Junge, wir werden eine gute Zeit miteinander haben!“, rief Slimmy.
„Nicht mit dir!“
Der Haifisch pfiff durch die Zähne.
„Ihr habt wohl mächtig verdient, da oben?“
„Das kann man wohl sagen!“ Joe war stehengeblieben. Er glaubte, dass es das Beste wäre, ordentlich anzugeben. „Wir haben da Drähte zusammengesplisst, sage ich dir, von einer Dicke … Da könnte man Kordillerenzacken mit abreißen! Na, und für ein gutes Stück Arbeit gibt es noch immer ein gutes Stück Geld! Und dann, Verträge mit der Eisenbahn. Du verstehst vielleicht – Eisenbahn! Da sitzt was hinter!“
„Die zahlen in Dollar“, erklärte Johny.
„Ja, Dollar! Aber wozu erzählen wir dem das? Wir ziehen jetzt erst mal los und machen uns einen guten Tag, weiter nichts.“
Joe drehte sich kurz um und ließ die Tür hinter sich offen.
Johny zögerte einen Augenblick.
„Aber ganz egal, Slimmy, falls du gerade ein gutes Schiff für uns hast …“
„Ich habe keins“, sagte er trocken. Es fiel ihm ein, dass er heute wahrlich Wichtigeres zu tun hatte, als sich mit denen da abzugeben. Diese beiden hatte er nur aus alter Gewohnheit angehalten.
Außerdem passten Leute, die da behaupteten, die Taschen voller Dollar zu haben, nicht in sein System. Bevor sie nicht den letzten Cent auf den Kopf gehauen hatten, blieben sie für ihn ungenießbar.
„Viel Vergnügen bei den ,Damen’ an der Bergseite!“, rief er Johny nach. „Macht euch eure gute Zeit! Danach sprechen wir uns wieder. Auf Slimmy könnt ihr jedenfalls rechnen! Und wenn ihr einen guten Rat haben wollt: Haltet euch von der Milly weg! Die Bude ist verwanzt, und was sie an Schiffen bekommt, ist der letzte Dreck!“
Ob sie es noch mitbekommen hatten? Slimmy wusste es nicht, und es war im Moment auch nicht so wichtig. Im Grunde hatte er verdammt andere Sorgen. Der Himmel war still und klar, und dennoch wusste er, dass an diesem Morgen eine verflucht dunkle Wetterwand für ihn aufgezogen war. Es war sehr ähnlich wie damals, als er sein Patent verloren hatte. Ja, man hatte vor Jahr und Tag einmal selbst auf der Brücke gestanden, wenn auch der Kasten, den man fuhr, nur die olle „Guelderman“ war, die im Grunde zu nichts anderm taugte, als auf das nächste Riff gesetzt zu werden.
Das hatte Slimmy damals besorgt. An einem hellen, klaren Tag, wie es dieser war. Vor Kap Semsigoro. Und obschon er da keineswegs betrunken gewesen war, hatte es ihn doch das Patent gekostet. Nun, er hatte nicht allzu viel damit verloren. Schon vorher hatte es zwischen Kopenhagen und Ejsberg, wo man ihn kannte, niemanden mehr gegeben, der ihn auch nur als Zweiten Wachgänger haben wollte. Aber etwas war doch für ihn unvergessbar geblieben, seit der Sache mit der „Guelderman“, der Ton nämlich, mit dem sich so ein Kasten auf Strand setzt. Es knirscht, als ob einem alle Zähne im Maul zu Schmirgel zerrieben würden im Lauf einer einzigen Sekunde. Und dann begreift man nicht ganz, dass einem nichts weh tut und dass der Himmel noch weiter so blödsinnig blau ist. Erst als die „Guelderman“ auf dem Riff festsaß und gleich darauf in zwei Teile zerbrach, hatte er begriffen, was geschehen war.
Festgefahren.
Ja, und festgefahren, das war auch das einzige Wort, was man sagen konnte, wenn man an das dachte, was an diesem Morgen, diesem klaren und windstillen Morgen passiert war; aus heitrem Himmel heraus und beinahe noch im Bett. Man hatte im Pyjama auf dem Bettrand gehockt, als die Tür aufgerissen wurde und Don Hilarius eintrat. Der Polizeiinspektor persönlich und zu dieser Stunde! Und wenn ein Polizeiinspektor seine Brieftasche zieht, eine Fünfpfundnote hervorholt und sie schweigend auf den Tisch legt, so darf einem dies einigermaßen gespenstisch vorkommen. Zumal, wenn es die gleiche Fünfpfundnote ist, die man dem hochwohlgeborenen Don Hilarius am Abend vorher mit verständnisvollem Grinsen zugeschoben hatte. Und es wäre zu sagen, dass Polizeiinspektor oder Korallenriff zuweilen genau dasselbe bedeuten können.
Aus! Gestrandet! Schwimm, Slimmy! Schwimm um dein Leben! Eben hattest du noch feste Planken unter dir, jetzt schwimm oder sauf ab! So ungefähr.
Don Hilarius hatte es nüchterner ausgedrückt.
„Diese fünf Pfund, Slimmy, habe ich nie in der Hand gehabt, das versteht sich am Rande. Auch sonst habe ich niemals schmutziges Geld in der Hand gehabt, das versteht sich ebenfalls am Rande.“
Slimmy entsann sich jeder Silbe und auch genau dessen, was er gesagt hatte.
„Immer mit der Ruhe, Hilario. Da in der Ecke steht noch eine angebrochene Flasche, lass uns erst mal einen einschenken und …“
Kein Einschenken, kein „und“…
„Du warst mein Freund, Slimmy. Darum gebe ich dir vierundzwanzig Stunden und dazu den Rat, per Schiff oder Bahn abzureisen. Nach Belieben.“
Schon war er draußen. Und nur die Fünfpfundnote auf dem Nachttisch hatte Slimmy daran erinnert, was da geschehen war.
Schwimm! Schwimm nach Belieben. Mit dem Dampfer oder der Eisenbahn.
Nun, man hatte es vorgezogen, zunächst einmal durchs Zimmer zu schwimmen und sich aus der angebrochenen Flasche ein Glas einzugießen. Später hatte man sich angezogen, so mechanisch, wie man das jeden Morgen tat, hatte den steifen Hut aufgestülpt und war weitergeschwommen. Erst zur Mole und später quer durch die Stadt zum Bahnhof. Man hatte dabei verschiedene Kneipen angesteuert, Bekannten die Hand gedrückt und den neuesten Hafenklatsch erfahren. Auf dem Bahnhof hatte man dann diese beiden aufgegabelt, die sich Joe und Johny nannten, aber obschon sie doch ziemlich herunter zu sein schienen und nicht eben viel Gepäck zu schleppen hatten, war aus dem Job nichts geworden.
Noch nicht, dachte Slimmy, winkte dem Wirt, zahlte Schnaps und Scherben und schlenderte langsam in Richtung der Plaza. Nicht mehr ganz nüchtern, keineswegs, aber die paar Drinks hatten einem das Gleichgewicht nicht genommen. Im Gegenteil, zurückgegeben hatten sie es, und über die Zumutung, dass man abreisen solle, konnte Slimmy nur noch lächeln. Unter dem Hafenklatsch und Geklöne war etwas gewesen, das ihn endlich begreifen ließ, warum Don Hilarius ihm diese merkwürdige Morgenvisite gemacht hatte. Und wäre man an seiner Stelle gewesen, musste man zugeben, dass der Herr Polizeiinspektor beinahe zu Recht glaubte, mit fünf Pfund allzu billig abgespeist worden zu sein.
„Hör mal, Slimmy“, hätte er sagen können, „du machst etwa vierzig Pfund bei dieser Sache, da musst du wohl so noch an fünfzehn Pfund drauflegen.“
Und man hätte gewusst, um was es geht, und alles hätte sich aufgeklärt. Aber so ein Don Hilarius fühlt sich gleich hintergangen, beißt sich auf die Schnurrbartenden, verachtet seinen alten Freund Slimmy und sich selbst noch etwas mehr und scheint wieder mal geloben zu wollen, dass er hinfort nur noch reine Himmelsluft als Nahrung zu sich nehmen werde.
Slimmy zweifelte jetzt nicht mehr daran, dass selbst ein Don Hilarius wieder zur Vernunft kommen würde, wenn man ihm beweisen konnte, dass sein alter Freund Slimmy völlig unschuldig war. In diesem Falle jedenfalls bestimmt. Mit der „Alpha Crucis“ hatte Slimmy nichts zu tun. Ausnahmsweise wirklich nicht, und wenn da ein ganzes Dutzend auf einen Schlag getürmt war und zudem noch unauffindbar blieb, so kam in diesem langweiligen Drecknest dafür nur noch einer oder genauer eine in Frage – Milly.
Natürlich hatte nicht sie allein die Jungs aus der Stadt und dem Blickfeld des edlen Don Hilarius weggezaubert. Dazu bedurfte es schon eines kräftigen Mannsbildes, wenn dieses Mannsbild auch nur ein elender Runner war, ein Fliegengewicht, der Köter, der die besoffene Horde davontrieb.
Das musste man Don Hilarius beibringen.
Die Sonne knallte, und auch die verschiedenen Drinks hatten Slimmys Hirn nicht eben klarer gemacht, als es galt, darüber nachzudenken, wie man dieses Polizeiross mit moralischen Hemmungen von der eigenen Unschuld überzeugen könne, als er den über die Plaza kommen sah, den er als Hauptzeugen brauchte.
Bully! Das Fliegengewicht! Millys neuen Runner!
Er erkannte ihn genau, noch genauer aber erkannte er das neue, schöne, karierte Hemd, das diesem Kerl viel zu weit war und das aus einem Koffer stammte, der noch immer in Millys Boarding-House deponiert war.
Slimmy war stehengeblieben, im Schatten eines der alten Patrizierhäuser aus der Konquistadorenzeit, die die Plaza umrahmten, und es kümmerte ihn wenig, dass es das Palais des ehrwürdigen Senor de Fuentes war, zu dem er weder geschäftliche noch private Beziehungen unterhielt. Er wartete, bis Bully heran war. Slimmy hatte nicht die Absicht, das Fliegengewicht zu fragen, mit welchem Recht es fremder Leute Hemden spazierentrage, darüber konnte man hinwegsehen. Eine andere Frage war wichtiger.
„Hallo, Bully, wo hast du sie hingebracht?“
Bully stoppte, aber obschon er sofort wusste, dass es sich nur um das entlaufene Dutzend von der „Alpha Crucis“ handeln konnte, schien er nicht geneigt, eine doch immerhin höfliche Frage zu beantworten. Vielmehr zog er eine dämliche und hochmütige Grimasse, die wohl besagen sollte: Jawohl, Slimmy, die ganz großen Sachen, die schiebe ich!
Slimmy übersah das, wie er zuvor das karierte Hemd übersehen hatte, und was er sagte, klang noch immer gemütlich.
„Ich brauche gerade ein paar Mann, Bully, also wo stecken sie?“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Außerdem wüsste ich nicht, dass wir zusammen Geschäfte hätten.“
„Ja, das wollen wir eben mal besprechen. Was nicht ist, kann noch werden. Komm, drüben an der Ecke … Erst trinken wir mal einen zusammen.“
„Mit dir einen trinken? Darauf verzichte ich.“
Das hätte Bully nicht sagen sollen. Es war nun schon das zweite Mal an diesem Morgen, dass man einem Slimmy einen ehrlich gemeinten Drink ablehnte, und, wenn man Don Hilarius mitrechnete, sogar das dritte Mal. Auch für Slimmy gab es eine Grenze, und so kam es, dass seine Faust ziemlich genau in Bullys Augenhöhle landete, und dass einer, der es ablehnte, mit Slimmy anzustoßen, auch nicht Slimmys Hemden zu tragen brauchte. So ging es blitzschnell, dass ihm das Ding, das ihm nicht gehörte und ohnehin zu weit war, vom Leibe gerissen wurde. Als Abschiedsgruß sozusagen konterte Slimmy noch einen mittelschweren Haken gegen Bullys Kinnlade, ohne sich dann die Mühe zu nehmen, dies Fliegengewicht, das nun auf dem heißen Pflaster der Plaza lag, noch auszuzählen.
Weit und breit war auf dem großen Platz keine Menschenseele zu sehen. Die kleine Geschichte hatte sich ohne Zeugen abgespielt. Slimmy rollte das Hemd zusammen, aber als er es unter den Arm klemmen wollte, knisterte es in der Brusttasche, und was dann zum Vorschein kam, waren ein paar dreckige Pesoscheine und ein unscheinbares Zettelchen. Ein Zettelchen, auf dem ein Kondukteur der Railroad Company den Preis für eine Fahrt von der großen Weiche bis zum Hauptbahnhof bescheinigt hatte. Keine regelrechte Fahrkarte, aber ein Zettelchen, das vielleicht die Richtung zeigte, in der man die Leute von der „Alpha Crucis“ suchen konnte.
Und außerdem konnte man nunmehr Don Hilarius einwandfrei beweisen, dass sein alter Freund Slimmy unschuldig war und keinerlei Anlass hatte abzureisen. Weder mit dem Dampfer noch mit der Eisenbahn.
Leider war es mit dem Whisky in der Miramar-Bar vorerst nichts, das war Johny klar, als er hinter Joe die heiße Straße hinauftrottete.
Zum Teufel, er war doch ein Kerl, dieser Joe! Haut dem Slimmy die Gläser vom Tisch! Mit solchem Hunger und so ausgepumpt wie der, da würde ich … Ja, was würde ich tun? Wahrscheinlich dem Hai schön brav den Schädel zwischen die Zähne legen. Mehr als einmal hab’ ich das schon getan. Was bleibt einem schließlich anderes übrig? Aber der da …? Natürlich muss man zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Aber es wird eine verdammt böse Zeit mit ihm geben, wenn er so weitermacht. Zuerst muss er mal was zu futtern kriegen. Ich weiß nicht, was er mir sonst noch anstellt!
Johny zählte die Münzen in seiner Hosentasche. Er brauchte nicht lange zu zählen. Zu wenig für zwei anständige Portionen, dachte er, und dass dieser Kerl imstande sein könnte, ihm das Essen abzuschlagen, falls er merkte, dass es das letzte war, was man da aus der Tasche holte.
„Wie spät ist es eigentlich?“, fragte Joe, als Johny ihn eingeholt hatte. Es war eine sinnlose Frage, aber vieles, was Joe jetzt tat, war ja sinnlos.
„Wie spät? – Ja, das ist wichtig“, meinte Johny. „Wir befinden uns in einer Stadt, noch dazu einer Hafenstadt, da muss man seine Zeit genau einteilen.“
„Ich sehe überhaupt keine Stadt“, murmelte Joe.
Das konnte man überhören. Wollte Joe nicht wissen, wie spät es war?
„Also, Joe, um zehn Uhr fünfzehn sind wir angekommen, um zehn Uhr dreißig verkrachten wir uns mit Slimmy. Gegen elf können wir mit der Milly das gleiche tun und dann … Dann allerdings wüsste ich nicht, was uns noch zu tun übrig bliebe. Denn einen dritten Agenten gibt es nicht am Platze. Wir könnten dann nach einem andern Hafen abhauen. Zu Fuß. Durch dreihundert Kilometer Sand, ‘s können auch fünfhundert sein. Jedenfalls wird es dann wohl nicht auf die Minute ankommen.“
„Halb elf also etwa.“ Joe hatte nicht nur zufällig nach der Zeit gefragt. Halb elf. Demnach heller Tag. Von einer ganz verrückten Helle sogar. Das hatte er eben noch bemerkt, und die Dunkelheit vor seinen Augen war demnach nur zeitweilig und hatte ihre besondere Ursache.
„Merkwürdig, Johny, die Häuser sehen alle gleich aus. Eins wie das andere. Das findest du doch hoffentlich auch?“
„Klar, wenn es dir Spaß macht, Joe!“
„Es handelt sich da nicht um Spaß.“
„Sicher nicht. Es stimmt wirklich. Eins wie das andre, Joe. Das kommt vom Salpeterstaub, der noch die ganze Stadt verschütten wird.“
„Ich sage dir, ich sehe überhaupt keine Stadt“, wiederholte Joe. Es war unheimlich, wie nüchtern er das sagte.
„Natürlich keine Stadt! Von einer richtigen Stadt kann gar keine Rede sein. Ein riesiges Dorf aus tausend Dörfern sozusagen.“
Ja, man konnte dies Drecknest so nennen und man tat ihm damit sogar noch zu viel Ehre an. Weder Stadt noch Dorf. Eine endlose Fläche von Wellblechbaracken, Lehmbuden, elenden Holzhütten. Eine bis auf die Knochen bloßgelegte Fratze menschlicher Habgier und Gemeinheit. Durch diese Straßen zu laufen, das konnte selbst nervenstarken und gut genährten Leuten Atembeklemmung verursachen. Joe war weder das eine noch das andre. Seine Nerven versagten, und der Hunger machte ihn schwindelig. Er hatte genug. Er wollte nichts mehr hören noch sehen.
Sie kamen jetzt zur Plaza. Ein weites Karree und im übrigen Sand. Glühend heiß, wie sie ihn auch auf den Straßen, die sie bisher entlanggeschlichen waren, unter den Sohlen gehabt hatten.
Drei überlange Fächerpalmen reckten sich in den Salpeterhimmel. Genau genommen waren es nur zweieinhalbe, denn die dritte hatte ihre Krone verloren und nur ein nackter Strunk war geblieben. Und selbst diese verdurstenden Bäume waren von dem gleichen weißen Staub überzogen, wie er hier auf allem lag. Auf den Filzhüten der Indios so dicht wie auf den Dächern, die jenseits der Plaza flimmerten.
„Ich gehe nicht über diesen Platz“, erklärte Joe.
„Gut, gehen wir drum herum. Am Rand. An der Schattenseite.“
„Nein, auch nicht drum herum.“
„Aber Joe, das ist doch die Plaza.“
„Plaza?“, es klang, als hörte Joe dies Wort zum ersten Mal, und seine Mundwinkel zuckten. Es war zum Heulen. Zum Heulen auch, sein Gesicht zu sehen. So weit aber konnte Johny es doch nicht kommen lassen. Am besten, ich haue ab und lass’ ihn allein seinen Weg gehen, dachte er, aber das ging natürlich nicht. Sie gehörten ja zusammen. Dennoch war es nicht leicht, ruhig zu bleiben und mit freundlichem Lächeln daherzureden.
„Joe, es ist die Plaza. Und sie ist gar nicht so übel, finde ich. Sogar Palmen haben sie hier. Und der große Kasten da drüben, siehst du, der ist das Munizipalidad. Ich weiß zwar nicht genau, was das schöne Wort bedeutet, aber das weiß ich, dass dort über das Schicksal von einigen tausend Quadratmeilen Salpeterland entschieden wird …“
„Du redest Blödsinn, Johny. Du bist ein Idiot, Johny.“
Johny wurde nicht böse. Es war ein gutes Zeichen, wenn Joe zu schimpfen begann und ihn einen Idioten nannte.
„Gar nichts wird hier entschieden, Johny. Dies alles hier ist so abgestorben wie deine Palmen! New York entscheidet, vielleicht auch London …“
„Schön, ich bin ein Idiot, ich sehe es ein. Aber gehen wir weiter, Joe!“
„Nichts! Nichts!“, schrie Joe.
„Nichts? Na, dann dreh dich mal um und sieh genau hin. Ist das vielleicht auch nichts? Na, das siehst du gewiss nicht für einen Flaggenmast an und auch nicht für ‘ne abgeknickte Palme. Das ist ein Kirchturm. Jawohl, Joe, der Turm der Kathedrale vom ‚Siebenfach durchbohrten Herzen’, der ist es.“
Es stand da in der Tat eine Kirche, man konnte auch Kathedrale sagen, ein mächtiger Klotz, aus schweren Quadersteinen errichtet. Ein Fels, der allen Erdbeben, die dies elende Land schüttelten, standhielt. Dieser Kathedralenfels überragte die elende Öde, das platte Nebeneinander, den schäbigen Schutt derart, dass man glauben konnte, sie stünde allein, mitten im Leeren, als gebe es nichts außer ihr an dieser Stätte, keine Plaza und keine Straßen und keine Stadt, die gar keine Stadt war, sondern ein dreckiges Salpeternest. Es war höchst überflüssig, dass Johny weiter den Fremdenführer spielte und von dem zu dieser Kathedrale gehörigen Bischof erzählte, und dass die vornehmen und frommen Damen dieser Stadt Seiner Eminenz eine Kalesche und sechs Pferde geschenkt hätten.
Joe langte das durchaus. Er hatte nicht das Bedürfnis, diesem sechsspännigen Bischof noch leibhaftig zu begegnen. Allein die Vorstellung, diesen unzweifelhaft vornehmen, in würdiger Haltung und in seidener Soutane in seiner Kalesche sitzenden Herrn durch die menschenleeren Straßen und über dies Golgatha einer Plaza wegkutschieren und dort drüben am Kathedralentor vorfahren zu sehen, genügte, um Joes Knie weich zu machen. So riss er sich denn zusammen.
„Da lang!“, er deutete in eine graue Straße, die ihm zunächst war. Johny war alles recht. Auch auf Umwegen gelangt man zum Ziel, dachte er.
Die graue Straße führte vom Zentrum zur Küste. Joe schwankte nicht mehr. Der vom Meer kommende Wind war es, der ihn den Weg weitergehen ließ. Sie erreichten den Stadtrand, die letzten Elendshütten blieben zurück. Der Strand begann, eine weite, in der Sonne glitzernde Sandschwelle.
Hier am Strand wusste Johny Bescheid. Er kannte sich aus. Er wusste die Stelle, an der sie nicht mehr allein sein, an der sie ein paar Kumpane finden würden.
„Aber sie beißen nicht.“
„Nö, die beißen nicht.“
„‘s ist zu heiß, Sven!“
„Viel zu heiß, Jaap!“
„Einen andern Köder müsst ihr nehmen!“ Der, der ihnen das riet, saß ein Stück abseits von den beiden Anglern, auf losem Sand, den die See reingewaschen und eine mörderische Sonne gebleicht hatte. Sie brannte auch jetzt erbarmungslos, aber der ewig wehende Passat ließ auch in dieser Stunde seinen feuchtschweren Odem durch die Mittagsschwüle gehen, und sein Hauch allein machte es, dass die Versteinerung ringsum nicht schon das Ende aller Dinge war und dass die in ihre Umklammerung Verschlagenen noch atmen konnten.
