Eine deutsche Novelle - Theodor Plievier - E-Book
SONDERANGEBOT

Eine deutsche Novelle E-Book

Theodor Plievier

0,0
5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Mann klingelt an einer Berliner Wohnungstür – und bringt eine Geschichte mit, die fünfzehn Jahre lang verschüttet war. Im Zentrum dieser eindringlichen Novelle steht ein ehemaliger Matrose, der an den Novembertagen von 1918 beteiligt war und nun, im Schatten des nationalsozialistischen Machtantritts, mit seiner Schuld konfrontiert wird. Theodor Plievier erzählt von individueller Verantwortung im Strudel der Geschichte, von Verdrängung, Mitläufertum und der tödlichen Konsequenz blinden Gehorsams. Mit großer psychologischer Genauigkeit verbindet diese Novelle die Erfahrungen der Novemberrevolution mit den Anfängen des „Dritten Reiches“ – und zeigt, wie Gewalt, einmal entfesselt, fortwirkt. Ein literarisch dichtes, erschütternd aktuelles Dokument gegen das Vergessen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Theodor Plievier

Eine deutsche Novelle

ISBN 978-3-68912-637-7 (E–Book)

Erschienen 1947 beim Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar. Für das E-Book wurde die vom Verfasser autorisierte Ausgabe für die französische Zone, erschienen 1948 im W. Ehglücksfurtner Verlag, Mainz verwendet.

Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.

© 2026 EDITION digital®

Pekrul & Sohn GbR

Godern

Alte Dorfstraße 2 b

19065 Pinnow

Tel.: 03860 505788

E–Mail: [email protected]

Internet: http://www.edition-digital.de

Eine deutsche Novelle

Es klingelte.

An den Berliner Türen wurde in jenen Tagen von allen möglichen Leuten geklingelt. Einer wollte ein Abonnement für eine Familienzeitschrift loswerden, ein anderer empfahl einen patentierten Gassparbrenner, ein mittelloser Akademiker bat um eine Unterstützung, ein Maler bot selbstangefertigte Postkartenbilder an, ein Händler ganz billige Bettvorleger … dann kam die SA mit Sammelbüchsen für ihre Wahlfonds, die Taubstummenanstalt, die Heilsarmee, die Arbeitslosen. Dieses Mal stand ein Mann an der Tür, der sich nicht wegschicken ließ und den ich selbst anhören musste. Es war einer, den ich zwar nicht kannte, von dem ich aber bei meinem Namen angeredet wurde und der erklärte: „Ich muss mit Ihnen sprechen. Es handelt sich … ja, wie soll ich es sagen, um eine persönliche Angelegenheit, aber auch um Ihre Angelegenheit. Um Ihr Buch nämlich, ich habe es gelesen. Ja, ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen!“

Dann saß er mir gegenüber.

„Also Ihr Buch … Sie schildern da den Matrosenaufstand. Ich bin mit dabei gewesen, damals im November 1918 in Kiel.“ Er machte eine Pause und sein Blick glitt zum Fenster hin. Das Licht lag voll auf seinem Gesicht und ich hatte Muße, ihn zu betrachten. 1918 in Kiel – er kann damals alles gewesen sein, ein Matrose, ein junger Offizier, oder noch jünger, ein Seekadett vielleicht.

„Das Gedächtnis, ja, das ist eine furchtbare Sache. Ich sagte Ihnen schon, oder sagte ich es nicht, ich wollte eigentlich gleich kommen, gleich nachdem ich das gelesen hatte. Es handelt sich um einen bestimmten Punkt. Sofort wollte ich kommen, also vor ein paar Monaten schon. Aber jetzt, es sind nun auch schon wieder Wochen her, habe ich den Marsch durchs Brandenburger Tor gesehen, den großen historischen Fackelzug. Die SA und SS und dazu der Stahlhelm in den alten Felduniformen, zweihunderttausend Mann, Sie wissen doch …“

Ja, ich wusste. Ich habe diesen Aufmarsch – den ersten des „Dritten Reiches“ – ebenfalls gesehen, das lange Band der Kolonnen, die Gesichter im Schein der Fackeln. Standarten, die an dem windstillen Abend schlaff herabhingen, und Hakenkreuzfahnen, die sich in engen Straßen aufblähten, gleich nächtigen Vögeln über den Marschierenden kauerten und mit dem Strom vorbeitrieben. Auch die mitgerissene Menge, das Getümmel von hochgereckten Armen und das Getöse heisergeschriener Stimmen, in seiner Plötzlichkeit war das alles betäubend gewesen. Zeitungsschreiber haben diesen Fackelzug durch Berlin hochtrabend als „Erwachen der Nation“ bezeichnet. Einen hörte ich sagen: „Wie 1914 bei Ausbruch des Krieges!“ Er fügte allerdings hinzu, dass dieses Mal nicht sechzig, sondern nur zwölf Millionen Menschen (das war die von den Nazis bei den letzten Reichstagswahlen erreichte Ziffer) mitgerissen wären. Auch was ein andrer, ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und ehemaliger Gesandter des Deutschen Reichs über diesen Fackelzug erzählte, wäre bemerkenswert.

Doch zurück zu meinem Besucher.

„Von Moabit aus bin ich neben den Zügen hergelaufen“, erzählte er. „Nun, in Moabit, es war noch nicht ganz dunkel, und dort wohnen Arbeiter. Die Leute an den Fenstern, keine Hand hat sich gerührt. Und die auf der Straße, ganz unbewegt standen sie da. Wie der Einmarsch in eine eroberte Stadt. Ja, so war es, eigentlich erschütternd, nicht wahr?“

„Ja, erschütternd!“, konnte ich nur erwidern.

„Ja, die Kolonnen“, setzte mein Besucher fort, „die braunen Hemden, die die Leute anhatten, waren für den kalten Januartag doch viel zu dünn. Was ich sagen will, es lag nicht nur am Schein der Fackeln und an den Schatten, die sie warfen, dass die Gesichter so eingefallen wirkten, so viele Arbeitslose sind doch dabei. Ich musste immer wieder die Stiefel und die schief getretenen Absätze betrachten; aber lederne Gamaschen haben sie an, und außer der Suppe aus der Gulaschkanone erhalten sie drei Mark Tagegeld. Dafür sind sie dabei, sehr viele jedenfalls, ich weiß es. Eine Weile lief ich neben ganz jungen Leuten her, das war der Nachwuchs, Schüler von siebzehn bis achtzehn Jahren. Ja, so jung war ich damals auch. Damals, aus der Obersekunda hatte ich mich freiwillig zur Marine gemeldet. Achtzehn Jahre war ich gerade!“ Mein Besucher verstummte wieder und starrte wie vorher durchs Fenster. Er sah aus wie einer, der jeden Tag sein Bad nimmt; das Gesicht war glatt rasiert, die Krawatte und auch die Strümpfe passend zum Anzug gewählt. Einer jener „besseren Herren“ vielleicht, die sich an jenem Abend heiser geschrien haben! Was will er eigentlich, und warum vermengt er jenes Erlebnis – den erwähnten „ganz bestimmten Punkt“ aus dem Jahre 1918 – mit seinen Eindrücken des Naziaufmarsches?

„Ja, es ist seltsam, ein Paar Nazigamaschen fielen mir auf“, setzte er seine Erzählung fort. „Ein Paar Gamaschen unter den tausenden. Unter den Linden war es, und natürlich waren da nicht nur die Gamaschen, da war auch der Mann, der SA-Mann, der sie anhatte. Drei oder vier Schritte vor seiner Gruppe marschierte er, exakter als die andern. Ja, deshalb fiel er mir wohl auf. Die übrigen gingen mit hängenden Schultern, obwohl sie kein Gepäck trugen. Aber dieser – Brust raus, Bauch rein, alles, wie es sein soll, das ,Zack-zack’ der Beine, das Klappen der Absätze auf dem Pflaster. Ohne nach rechts oder links zu sehen, ein Paar mechanisch funktionierende Beine, so marschierte er. Ganz und gar der Typ, der bei uns in der Marine, und auch in der alten Armee glaube ich, in seiner peinlichen Exaktheit durchaus unbeliebt war, dabei war er nicht mehr der Jüngste. Ich weiß nicht wie es kam, doch mir schien, dass mehr als nur der räumliche Abstand von drei Schritten zwischen dem Führer und der nachfolgenden Truppe bestände, und dass die besonders nachlässige Haltung dieses Sturmes so etwas wie eine Demonstration bedeutete. Und plötzlich – der Sturm, ich neben dem Sturm, wir schwenken in die Wilhelmstraße ein – mache ich drei verblüffende Entdeckungen. Ich erblicke die aus der Mitte des Sturmbannes aufragende Standarte und erkenne sie als die des Mordsturmes 33. Nun müssen Sie wissen, dass ich in Moabit wohne, in derselben Straße, in der dieser Sturm sein Quartier hat; und vom Sehen her kenne ich den Führer dieses Sturmes. Sie verstehen wahrscheinlich schon, um Maikowski handelt es sich. Aber dieser selbe Maikowski, stellen Sie sich das vor, läuft neben mir her, nicht in der Mitte, auch nicht an der Spitze seines Sturmes, neben mir mit der hurraschreienden Menge, und Zivil hat er an. Und der andere, der wie ein Apparat marschierende Ersatzsturmführer – wir waren jetzt in der Wilhelmstraße, das heißt, wir wurden in die Wilhelmstraße wie in einen langen Schlauch hineingepresst und von den Nachfolgenden fast in die Höhe gehoben und übereinander geschoben – ich bekomme diesen Ersatzsturmführer wieder zu sehen und betrachte sein Gesicht genauer, und ich erschrecke …“

Er erschrickt also, worüber? Ich weiß es nicht; ich kann ihn nur verständnislos anblicken. „Ja, es sind nun fünfzehn Jahre her“, erklärte er, „es ist aber zu sagen, sein Gesicht hat sich verändert, es ist schwer geworden; doch die schütteren Augenbrauen, der Zug um den Mund und die Narbe, ja, wenn die Narbe an der linken Gesichtshälfte nicht gewesen wäre, die ich selbst noch habe verwachsen sehen, dann hätte ich zweifeln können. Der Bremer war es tatsächlich, der Bremer, mit dem ich 1918 in Kiel in derselben Rekrutenstube gelegen habe. Sie kennen die Ursache meiner Erregung nicht, die mich ergriffen hatte. Ich will sie Ihnen erklären. Ich weiß kaum, wie ich durch die Wilhelmstraße gekommen bin. Natürlich habe ich da in der Wilhelmstraße wie alle die beiden Fenster gesehen, das weit offene und im Scheinwerferlicht liegende Fenster mit den Nazioffizieren und den Naziherrschaften und nachher auch das andere. War es nun das blaue Magnesiumlicht oder das Geschrei und das Drängen und die Aufgeregtheit der Menschen, ich weiß es nicht, – das Fenster jedenfalls und auch dieses Gesicht (mit der herabhängenden Haarsträhne war es unverkennbar), schien geradezu überirdisch über dem Getöse zu schweben, so einen verschwommenen Eindruck hatte ich. Genau genommen aber sah ich immer nur … ja, sah ich immer den Bremer vor mir, auch noch hundert Schritte weiter, als wir am Präsidentenpalais und unter dem anderen, dem dunklen Fenster vorbeikamen, von dem es hieß, dass der alte Feldmarschall Hindenburg dort stünde. Aber es war der jüngere Bremer, der von damals, den ich vor Augen hatte, in Matrosenuniform und noch ohne Narbe, genau so nämlich, wie er in der Reihe hinter mir gestanden und über meinen Kopf weg geschossen hatte. Ich habe ihn übrigens nochmals richtig zu sehen bekommen, am Ende der Wilhelmstraße. Die Fackeln waren heruntergebrannt und dicke Rußflocken flogen umher, und sein Gesicht und die Narbe – sie stammt von einem fürchterlichen Schlag mit dem abgebrochenen Stück eines schmiedeeisernen Gartenzaunes – sein Gesicht ist voll Ruß und verklebt von Schweiß, und die beiden Fackelstümpfe neben ihm schwanken und sind am Verlöschen. Er aber marschiert, ebenso exakt wie vorher und ebenso abwesend. Die Leute hinter ihm singen, dieses Lied, das sie auch vorher gesungen haben: „Wenn vom Messer spritzt das Judenblut, ja dann geht’s noch mal so gut …“ Der Bremer singt nicht, marschiert nur und klopft mit seinen Absätzen den Takt: Links, rechts – Judenblut. Links, rechts – noch mal so gut! Ja, es war erstaunlich, es war ganz erstaunlich.“

Das war es wirklich! Weniger dieser alte Erinnerungen wachrufende Bremer als die Tatsache dieser Erzählung, auch die Tatsache, dass der Sturmführer Maikowski (es handelt sich da um einen Mordfall, mit dem die Öffentlichkeit gegen die Berliner Arbeiter aufgeputscht worden war) während des „historischen Fackelzuges“ in Zivilkleidern neben seinem Sturm hergelaufen war.

Mein Besucher weiß noch mehr.

In Moabit hat er von einem SA-Mann bei einem Glas Bier erfahren, dass Maikowski den Marsch durchs Brandenburger Tor nicht mitmachen durfte, weil er entgegen der neuen Parteilinie sich geweigert hätte, seinen Sturm in die Kirche zu führen.

Aber es handelte sich da um noch mehr!

Der junge Sturmführer Maikowski hätte an die Parolen seiner Partei geglaubt. „Stellen Sie sich vor, ein Idealist von reinstem Wasser, und wenn sein Führer ,Deutschland‘ sagte, dann glaubte er, dass Deutschland, und zwar das ganze Deutschland gemeint war, in dem es keinerlei Unterdrückung oder Ausbeutung mehr geben sollte. Dafür hatte er nicht nur ein gefahrvolles, sondern auch ein für die übrigen gefährliches Leben geführt und unter Andersdenkenden eine große Anzahl an Todesopfern gefordert. Nun, als dann der Tag da war, der Tag des Zusammengehens der Nazis mit den ,feinen Leuten‘, die Teilung der Macht mit den Bankiers und Industriellen, Maikowski jedenfalls erblickte darin keinen Triumph. Nein, Sie hätten Maikowski nicht wiedererkannt …“ Was mich anbelangt, so habe ich Maikowski auch vorher nicht gekannt. Mein Besucher allerdings schilderte mir, wie dieser Berliner Sturmführer nachher aussah, nach jenem Tag, an dem sein Führer den Großindustriellen, den Großgrundbesitzern und Junkern die hunderttausend jungen Fäuste seiner Bewegung zur Verfügung stellte und mit der SA, der SS und den bedenkenlosen und desperaten Scharen, die er um sich gesammelt hatte, dem überalterten Herrschaftssystem neues Blut zuführte. Der Idealist Maikowski fühlte sich betrogen. Er war blass und schweigsam geworden, und sein Blick richtete sich starr geradeaus, wie ehemals vor schwersten Aufgaben, die ihm gestellt worden waren. Seine Partei und deren Propagandaleiter Goebbels kannten ihren alten Kämpfer, und es war unschwer zu erraten, welche Konsequenzen hinter seiner blass gewordenen Stirn heranreiften, es war auch zu ermessen, wie weittragend die Stimme des verwegensten unter den Berliner Sturmführern sein würde. Maikowski wurde am Abend des 30. Januar durch Schüsse in den Rücken ermordet (an der Spitze seines Sturmes, lautete die parteiamtliche Darstellung), und sein Leichnam von der Nazifeme dem Propagandaleiter Goebbels ausgeliefert, der den toten Dissidenten Maikowski im Berliner Dom aufbahren ließ, ihm ein prunkvolles Staatsbegräbnis bereitete, wie es bis dahin nur einem verstorbenen Reichspräsidenten und einem verdienten Minister zuteil geworden war, und ihm dann am offenen Grab die letzten Worte nachrief und mit Tränen in den Augen – er brachte es zu wirklichen Tränen – von seinem alten Kameraden, dem Treuesten der Treuen sprach, der am Abend seines höchsten Triumphes, an der Spitze seines Sturmes „roten Mordbuben“ zum Opfer gefallen wäre.

Es gab damals in Berlin einen Klub; Politiker, Schriftsteller, Journalisten, Gelehrte, Offiziere, Bürgerliche, Adlige gehörten ihm an. Und viele unter ihnen hatten, und manche nicht vor all zu langer Zeit, eine Rolle in der Politik und im öffentlichen Leben gespielt, und mancher spielte eine solche Rolle noch. Gemeinsam war in dieser dem Herkommen und dem Stande nach mannigfaltig zusammengesetzten Gesellschaft die Abwehrstellung gegen jede Kriegspolitik, oder mindestens gegen jede Art abenteuerlicher Kriegspolitik. Die Orientiertheit der Mitglieder dieses Klubs speiste sich aus vielen direkten und mehr noch aus indirekten Verbindungen zu Ämtern und Ministerien, zur Presse, zur Industrie, zu politischen Parteien und Zentren, auch zu dem in jenen Tagen Seite an Seite mit den Nationalsozialisten in den Vordergrund rückenden feudalen Herrenklub, von dem sie geradezu die Herrenverbindung der „andern Seite“ darstellte. Der erwähnte Herr aus dem Auswärtigen Amt, von dem gesagt war, dass er sich bemerkenswert über den Fackelzug geäußert hätte, war Mitglied dieses Klubs. Von ihm wusste ich, was zu jenem Zeitpunkt über den Fall Maikowski überhaupt zu wissen möglich war. Es war wenig genug, und am verständlichsten war da noch der Satz: „Außerdem sind dem Herrenklub seitens der Parteileitung handgreifliche Beweise bürgerlicher Einordnung und rücksichtslose Zügelung gewisser Auswüchse zugesagt worden!“

Besagter Herr war an jenem Abend ebenfalls durch die Wilhelmstraße gekommen. Zusammen mit einem Siebzigjährigen, einer pensionierten Exzellenz noch aus dem Kaiserreich, war er aus der Sitzung seines Klubs gekommen. Vor dem Hotel „Adlon“, wo die beiden alten Herren standen, gerieten sie in die vorbeiflutende Menge. Zuerst ließen sie sich treiben und später gab es kein Zurück mehr. Sie wurden in die Wilhelmstraße hineingepresst und weitergeschoben, vorbei an den sonst so stillen Gebäuden, in deren behüteten Amtszimmern sie den tätigsten Teil ihres Lebens verbracht hatten. Ebenso wie mein Besucher hatten sie durch Gestrüppe emporgeworfener Arme und durch den roten Dunst der Fackeln die Flucht heller Fenster der Reichskanzlei erblickt und später jenes andere im Dunkel ruhende Fenster des Reichskanzlerpalais: die beiden Brennpunkte jenes bewegten Januarabends. Nur zum Unterschied von dem mir gegenübersitzenden, gut gekleideten Bürger, der einmal ein Matrose war und der mir eigentlich eine Begebenheit aus dem Jahre 1918 erzählen wollte, wussten diese beiden Herren um Hintergründe des Geschehens, kannten sie die Interieurs der von den Massen umdrängten Gebäude, auch die Hauptakteure und selbst einzelne Entscheidungen waren ihnen bekannt. Sie konnten nicht wissen, dass ein vom Tode Gezeichneter neben ihnen Maikowski hieß. Aber was mit jenen „handgreiflichen Beweisen weiser Mäßigung und rücksichtsloser Zügelung gewisser Auswüchse innerhalb der eigenen Reihen“, auch mit der ebenso „rücksichtslosen und unumgänglichen Reinigung des Volksganzen“ gemeint war, das wussten sie; und noch mehr, denn sie nahmen die außenpolitischen Parolen des Nationalsozialismus überaus ernst; und wenn es soweit auch noch nicht war, die Lage erinnerte an die kritischsten Momente der Geschichte des Reichs. Und in den beiden – der eine ein älterer Herr, der die Berliner Straßen gewöhnlich nur durch die Fenster seiner geschlossenen Limousine sah, die am Wagenschlag ein in seiner Winzigkeit dezentes Monogramm mit der Grafenkrone trug, und der andere ein wirklich alter Mann, der nur aus dem Anlass der besonderen politisch gespannten Situation an jenem Abend sein Haus verlassen und im Hotel „Adlon“ in dem Klub, der sonst eben nicht ganz „feine Linie“ war, alte Freunde aufgesucht hatte – in diesen beiden, von der Menge an eine Hauswand gedrückten, dann von Fäusten, Ellenbogen und schreienden Menschen wieder vorwärts gestoßenen Alten stand eine Erinnerung auf, ein verschollenes Erinnern, wie es sonst nur noch beim Betrachten von Fotografien aus alten illustrierten Zeitschriften aufsteigt: die in den Augusttagen des Jahres 1914 ausmarschierenden Truppen, Blumen an den Gewehrläufen, die ahnungslosen Gesichter schon berührt vom Tod. Und dieser Eindruck war nicht unbegründet. Der Herr der vorbeiziehenden Scharen, der oben im Scheinwerferlicht mit der erhobenen Hand zu seiner eigenen Statue geworden schien, hatte die ersten Opfer unter den jubelnd Vorbeiziehenden schon bezeichnet. Und nicht nur unter den Marschierenden auf der Straße, auch unter den in schwarze Fräcke, graue Armeeuniformen, braune SA-Hemden gekleideten Herren seiner Umgebung gab es solche, die in Zukunft nicht tragbar sein würden, durch die der Blick ihres Führers schon wie durch nicht mehr Vorhandenes hindurchging.