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Mit "Berliner Hufgeklapper. Pferde als Spiegel der Vergangenheit" präsentiert Gerd von Ende (66) ein empfehlenswertes Geschichts- und Geschichtenbuch. Nach fast 30-jährigen Recherchen in Archiven, Museen und Bibliotheken widmet sich der Diplom-Journalist den Vierbeinern von anno dazumal erstmals in ihrer Gesamtheit und Bedeutung. Zwanzig Kapitel zeichnen Bilder von Kauf, Unterbringung, Betreuung und Pflege sowie von Einsatz und Verwendung. Eingefügte Originalzitate wirken ergänzend, lockern auf und vermitteln Kultur- und Stilhistorie. Dass vor allem Rösser bei der sogenannten besseren Gesellschaft vorwiegend Liebe und Achtung genossen, belegen Erinnerungen an Leibreitpferde, Marställe und alljährliche Parforcejagden der Hohenzollern. Viel Aufmerksamkeit schenkten Könige und Kaiser dem Militär, besonders der Kavallerie. Mit Paraden auf dem Tempelhofer Felde löste sie reine Völkerwanderungen aus. Gefragt waren auch Rennsport-Veranstaltungen, Reit- und Springturniere (Concours hippique), Korsos und Zirkus-Darbietungen. Darüber hinaus besaß das Pferd Einfluss auf die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens, was die Abschnitte zum Straßenverkehr, zu Handel und Versorgung, zu Polizei, Feuerwehr und Post sowie zu Amazonen, Kunst und Medien veranschaulichen. Angeprangert werden zudem Verachtung und Quälereien sowie mangelhafte Versorgung und Quartiere, die in der Hauptstadt Tierschützer auf den Plan riefen. Ebenfalls dem Wohlergehen von Pferden diente die sich als wissenschaftliche Einrichtung etablierende Tierarzneischule. Detailreich und lesenswert dokumentiert diese durch 20 Kurzporträts ergänzte Lektüre samt ihren rund 300 Abbildungen, wie selbst Pferde bis 1918 die Architektur und Stadtentwicklung zu beeinflussen vermochten. Ihren "Hufspuren" folgte Prof. Dr. sc. Michael Laschke (Geschichtsfreunde Karlshorst im Kulturring Berlin), als er die Veröffentlichung als "spezifisches Handbuch der Berliner Gesellschaft, mit den Augen eines Pferdes gesehen" klassifizierte.
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Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2020
Der Herr hat das Pferd zum Gesellen des Windes gemacht und zum Gefährten des Sturmes.(Johann Wolfgang von Goethe )
Er konnte über nichts anderes mehr sprechen als über sein Pferd.(William Shakespeare)
Gleich wo du hingehst, überall, wo du natürliche, zufriedene und freundliche Menschen triffst, wirst du eines sehen: Der Pferdestall ist der Mittelpunkt des Hauses.(George Bernard Shaw)
Gebet eines Pferdes
Gib mir zu fressen, gib mir zu trinken und sorg für mich, und wenn des Tages Arbeit getan ist, gib mir Obdach, ein sauberes Lager und eine breite Box, sprich zu mir, oft ersetzt mir deine Stimme die Zügel, sei gut zu mir und ich werde dir freudiger dienen und dich lieben. Reiss nicht an den Zügeln, lass die Peitsche, wenn es aufwärts geht, schlage oder stosse mich nicht, wenn ich dich nicht verstehe, sondern gib mir Zeit, dich zu verstehen.
Halte es nicht für Ungehorsam, wenn ich deine Gebote nicht befolge – vielleicht sind Sattelzeug und Hufe nicht in Ordnung. Prüfe meine Zähne, wenn ich nicht fresse, vielleicht habe ich einen kranken Zahn. Du weisst, wie das schmerzt. Halftere mich nicht zu kurz und kupiere meinen Schweif nicht, er ist meine einzige Waffe gegen Fliegen und Moskitos!
Und am Ende, geliebter Herr, wenn ich dir zu nichts mehr nütze bin, lasse mich nicht hungern oder frieren und verkaufe mich nicht. Gib mir nicht einen neuen Herrn, der mich langsam zu Tode quält und mich verhungern lässt, sondern sei gütig mein Herr und Gebieter, und bereite mir einen schnellen und barmherzigen Tod und dein Gott wird es dir lohnen, hier und im Jenseits.
Lass mich dies von dir erbitten und fass es nicht als unehrerbietig auf, wenn ich es im Namen dessen tue, der in einem Stall geboren wurde wie ich. Dein Heiland Jesus Christus.
Amen
(Text: Ansichtskarte vom Klostergut Rettershof bei Königstein im Taunus, gegründet 1146)
Gerd von Ende
Berliner Hufgeklapper
Pferde als Spiegel der Vergangenheit
Titelbild
„Alte Freunde“ – Aus „Kamerad Pferd. Ein Buch von Roß und Reiter“, Klaus Gundelach, Safari-Verlag, Berlin 1936
Federzeichnung Rückseite
„Fig. 76. Absitzen“ – Aus „Der Damen-Reitsport“, Richard Schoenbeck, Grethlein & Co. Leipzig 1911
Zitate und Quellenangaben
Alle Zitate und Quellenangaben (im Hauptteil und im Anhang kapitelbezogen beziehungsweise fortlaufend nummeriert) werden in ihrer Originalfassung veröffentlicht, was etwaige Abweichungen von der heutigen Rechtschreibung (Duden) erklärt.
© 2020 Diplom-Journalist Gerd von Ende ([email protected])
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-02095-5
Hardcover
978-3-347 02096-2
e-Book
978-3-347-02097-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Begleitworte Prof. Dr. sc. Michael Laschke Hans-Heinrich von Loeper
Vorwort Autor Gerd von Ende
Kapitel 1: MonarchenpferdeAuch Königlich‘ Gaul hat nur Rosshaare
Kapitel 2: ReithäuserPferde erhöhen und adeln den Menschen
Kapitel 3: Tierarzneischule„Trichinentempel“ und Kluger Hans
Kapitel 4: MilitärSoldatenstadt par excellence
Kapitel 5: JagdUhlands Lied vom weißen Hirsch
Kapitel 6: GalopperPamina und Leonardo erfreuten die Preußen
Kapitel 7: KorsoWenn Kranzler Flagge zeigte
Kapitel 8: Concours hippiqueWie an der Riviera
Kapitel 9: FrauenAmazonen mit Mut und Schneid
Kapitel 10: KunstEinzige Berlinerin ohne Verhältnis
Kapitel 11: MedienAus alten (Presse-)Zeiten
Kapitel 12: HandelWer dein Pferd tadelt, will’s oft kaufen
Kapitel 13: TrabrennenMoskauer Tiger zeigte Krallen
Kapitel 14: PolizeiDes Bismarcks oller Schwede
Kapitel 15: FeuerwehrIm Streite mit des Feuers Glut
Kapitel 16: PostHoch auf dem gelben Wagen
Kapitel 17: StraßenverkehrNoch eene lumpichte Person!
Kapitel 18: TierschutzMisshandlung zweier Zossen
Kapitel 19: ZirkusWie ein Blitz in der Manege
Kapitel 20: WeltkriegSie hatten keine Wahl
Persönlichkeiten
Zu Kapitel 1:Viktoria Luise von Preußen (1892-1980)
Zu Kapitel 2:Benno von Achenbach (1861-1936)
Zu Kapitel 3:Prof. Dr. Heinrich Möller (1841-1932)
Zu Kapitel 4:Heinrich von Rosenberg (1833-1900)
Zu Kapitel 5:Carl Prinz von Preußen (1801-1883)
Zu Kapitel 6:Paul von Bachmayr (1877-1956)
Zu Kapitel 7:Joseph Neuss sen. (1818-1889)
Zu Kapitel 8:Wilhelm Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen (1882-1951)
Zu Kapitel 9:Emilie Roux-Loisset (1857-1882)
Zu Kapitel 10:Emil Volkers (1831-1905)
Zu Kapitel 11:Fedor André (1833-1908)
Zu Kapitel 12:Hans Kohlhase (um 1500-1540)
Zu Kapitel 13:Robert Großmann (1870-1952)
Zu Kapitel 14:Carl Ludwig von Hinckeldey (1805-1856)
Zu Kapitel 15:Ludwig Carl Scabell (1811-1885)
Zu Kapitel 16:Michael Matthias (1612-1684)
Zu Kapitel 17:Gustav Hartmann (1859-1938)
Zu Kapitel 18:Hans Beringer (1832-1902)
Zu Kapitel 19:Albert Schumann (1858-1939)
Zu Kapitel 20:Erich Graf von Holck (1886-1916)
Anhang
Textquellen
Bildquellen
Literaturverzeichnis
Zu den Autoren
Begleitwort
Gerd von Ende ist den Freunden des Pferderennsports durch seine vielfältigen Publikationen seit Jahrzehnten bestens bekannt. Meine Bekanntschaft mit ihm ist deutlich kürzer. Als Mitglied der Geschichtsfreunde Karlshorst, die sich im Jahre 2005 gründeten, habe ich Gerd von Ende während der Beschäftigung mit der Rennbahn Karlshorst als überaus hilfsbereiten und zuverlässigen Experten schätzen gelernt. Das Anliegen, zu seinem neuen Buch ein Begleitwort zu schreiben, war für mich dennoch eine ehrenvolle Überraschung, der ich gerne nachkomme.
Als sie dann vor mir lagen – von Endes Berliner Pferde, – natürlich nicht die Pferde, sondern die Seiten über ihre Rolle als ein „Spiegel der Vergangenheit“ –, die der Autor in jahrelanger Arbeit zusammengestellt hatte, überraschte mich zunächst das Quellenverzeichnis. Es zeigt die Mühen der Ebene, denen er sich unterzogen hat. Nur wer selbst schreibt, kann das Ausmaß an Zweifeln ermessen, ob sich dieses Mühen über Jahre auch nachhaltig als nützlich erweisen würde. Diesen Zweifeln widerstanden zu haben, ist eine Leistung, die nun, da das Ergebnis vorliegt, nicht genug gewürdigt werden kann. Gerd von Ende legt ein umfangreiches und durch seinen Detailreichtum anspruchsvolles Werk vor.
Es verknüpft das Pferd als solches mit Architektur und Stadtentwicklung und im Weiteren mit fast allen Bereichen der Gesellschaft, seien es Wirtschaft, Transport, Alltagsleben, Militär und anderes. Es ist zugleich ein Blick in die Medizin-, Kultur- und Pressegeschichte wie auch in die des Tierschutzes. Diese Vielfalt, mit der das Pferd das Leben des modernen Menschen beeinflusst und seine Widerspiegelung in der Literatur konnte unmöglich in wenigen Abschnitten behandelt werden. Zwanzig Kapitel sind es geworden. Dass der Pferdesport allein in mehreren von ihnen eine große Rolle spielt und dabei viele bekannte Namen wiederzufinden sind, verwundert nicht.
Die Vielfalt der inhaltlichen Kapitel wirft die Frage nach der Struktur des Buches auf. Die Antwort, die Gerd von Ende gefunden hat, erschließt sich nicht beim Durchblättern des Buches, sondern erst nach längerem Lesen. Die Struktur ist vergleichbar mit einem stämmigen Baum, dessen Wurzelwerk die königlichen Gedanken und Verhaltensvorschriften in Bezug auf das Pferd bilden und die sich bis in die einzelnen Bereiche der Gesellschaft, vergleichbar den Ästen eines Baumes, auswirken. Manche Aussage in dem Buch erscheint zunächst erstaunlich, so im 4. Kapitel, dass es gerade Pferde waren, die die Berliner Architektur in besonderer Weise beeinflussten. Der Soldatenkönig zog nämlich zur Verbesserung der Kavallerie, die ihm am Herzen lag, aber zu seinem „Amtsantritt“ in keinem guten Zustand war, die Kavalleriepferde aus den Dörfern ab und brachte sie in Berlin unter. Die Bauern dankten es ihm, waren sie doch die Last des königlichen Pferdes los, was ihnen mehr Zeit für ihre eigene Wirtschaft verschaffte. Dafür zahlten sie gerne den „Kavalleriepfennig“, der zur Baufinanzierung der großen Stallanlagen eingesetzt wurde, die es in Berlin bis dato nicht gab. So entstanden die ersten dieser Pferdekasernen noch vor den großen Soldatenkasernen, wie Gerd von Ende ausführlich darstellt.
Das Pferd als Wirtschaftsfaktor beeinflusste Handel und Wandel in vielfältigen Formen und fast nebenbei stößt man auf einen Namen, der heute weitgehend vergessen ist: Bethel Henry Strousberg, der 1868 sein neu erbautes Palais Wilhelmstraße 70 bezog. Es lag beinahe in der Nachbarschaft des preußischen Ministerpräsidenten und Kanzlers des Norddeutschen Bundes, Otto Graf von Bismarck. Beide bezeichnete die „Illustrirte Zeitung“ am 16. Oktober 1869 als die „Größten, die der Muße und der Laune immer Unterhaltung boten“. Strousberg war also weit mehr als der Initiator des 700 Morgen umfassenden ersten Berliner Viehhofs, der Besitzer eines stattlichen Marstalls mit 12 Pferden oder der ersten Berliner Markthalle, die zum Zirkus und viel später zum Friedrichstadt-Palast mutierte. Bethel Henry Strousberg (1823-1884) ist als „Eisenbahnkönig“ in die Gründergeschichte Deutschlands eingegangen, nachzulesen im gleichnamigen Buch von Manfred Ohlsen. Mit ihm verbunden waren Adelsfamilien, die sich von seinem aufwendigen Lebensstil angezogen fühlten und mit ihren hochkarätigen Namen und Titeln als Aufsichtsräte, Konzessionsinhaber oder Gründungsmitglieder für Strousberg „Geschäftskapital“ in Eisenbahnbau-Unternehmen darstellten. Zum Beispiel Herzog von Ujest aus dem Hause Hohenlohe, Fürst Anton von Hohenzollern-Sigmaringen, Herzog von Ratibor, Graf Lehndorff-Steinort oder der Baron von Alvensleben. Namen, die im Pferdesport eine große Rolle spielten und spielen.
Es kann nicht ausbleiben, dass in den verschiedensten Abschnitten, vor allem in denen, die den Verkehr von Gütern und Personen beinhalten, das Nebeneinander konventioneller und neuer Technik beschrieben werden muss. Man weiß es und ist dennoch überrascht, vom Übereinander der Posthalterei mit 240 Pferden in zwei Geschossen und der Rohrpostanlage im dritten Geschoß im Postgebäude Oranienburger Straße zu lesen. 1920 waren noch immer 1.598 Postpferde zu verpflegen, ein ewiger Berliner Rekord, denn erst 1925 verließen die letzten reichseigenen Gespanne das Paket-Postamt in der Oranienburger Straße. Pferdefuhrwerke verschwanden damit nicht. Allerdings haben sie wohl überwiegend in den Außenbezirken Dienst getan. So ergab 1934 eine Verkehrszählung an einem Septembertag zwischen 7 und 21 Uhr am Großen Stern in Berlin-Mitte, dass von den gezählten Fahrzeugen Fuhrwerke mit 1,9 Prozent das Schlusslicht bildeten. Spitzenreiter waren mit 41 Prozent Radfahrer! PKW nahmen mit 36 Prozent den zweiten Platz ein. Im Jahr 1940 wurden in den verschiedensten Berufszweigen in Berlin 10.609 Pferde eingesetzt; 1938 waren es sogar noch fast 14.000 Pferde. Vergnüglich zu lesen ist nicht nur, wie die Droschke sich in Berlin mit Hilfe der königlichen Wirtschaftsförderung durchsetzte, zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor wurde und durch den Siegeszug der Pferdestraßenbahn unterging.
Aber auf alle Verästelungen der Veröffentlichung kann nicht gesondert hingewiesen werden. Das Gesamtergebnis der Nachforschungen Gerd von Endes ist ein spezifisches Handbuch der Berliner Gesellschaft, mit den Augen eines Pferdes gesehen. Die zahlreichen Pressezitate bringen ein gehöriges Maß Humor mit, die den Leser aufmuntern und nebenbei noch Kultur- und Stilgeschichte vermitteln. Gerd von Ende ist für dieses Buch zu danken. Ich wünsche ihm eine Leserschaft, die weit über jene hinausreicht, die sich aus Liebe zu den Rössern das Buch sowieso in den Bücherschrank, besser auf das Lesepult, stellt.
Prof. Dr. sc. Michael Laschke, Berlin 2020
Geschichtsfreunde Karlshorst im Kulturring Berlin
Begleitwort
Als alter Pferdemann glaubte ich, so ziemlich alles von edlen Rössern, ihren möglichen Verwendungen und unserem einmalig schönen Reitsport zu kennen. Aber beim Lesen des Buches musste ich sehr schnell feststellen, wie wenig ich doch eigentlich über Ursprüngliches weiß. Darüber, welch gewaltige Entwicklung das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier gerade zu Zeiten preußischer Könige und Kaiser – speziell in der aufstrebenden Spreemetropole Berlin – genommen hat. Sei es im Herrscherhaus der Hohenzollern, beim Militär, in Industrie, Gewerbe, Veterinärmedizin und öffentlichem Straßenverkehr, bei Polizei, Feuerwehr und Straßenreinigung oder im Renn- und Turniersport, ja im Zirkus. Daran erinnert Gerd von Ende mittels alter Quellen und Bilder sehr detailliert und anschaulich. Er beschreibt Auswahl, Ausbildung, Dienst und Lebensumstände, charakterisiert so Freud und Leid von Pferden. Letzteres beispielsweise war verschiedensten Tierquälereien und oft genug tödlich endenden Kriegseinsätzen unterm Sattel sowie vor Nachschub- und Sanitätswagen geschuldet.
Ständig entwickeln sich unsere Lebensbedingungen weiter, verändern sich. Im Bunde von Mensch und Pferd momentan leider eher negativ. Aber dieses Werk dokumentiert eben auch, dass es immer wieder kluge Köpfe gab (und hoffentlich gibt), die gangbare Perspektiven für ein weiteres spannendes und lebenswertes Miteinander wiesen (und weisen). Und es zeigt, welch wichtige Impulse gerade für den deutschen Pferdesport von passionierten Berlinern ausgegangen sind. Woran sich – siehe Hoppegarten, Mariendorf und Karlshorst – bis heute nichts geändert hat. Folgerichtig wird an verdienstvolle, von Pferden faszinierte Persönlichkeiten erinnert, wie den Olympia-Kandidaten Prinz Sigismund von Preußen, den Fahr-Künstler Benno von Achenbach, den Kavallerie-General Heinrich von Rosenberg, den Herrenreiter-Champion Paul von Bachmayr, den Maler Franz (Pferde-)Krüger, die Kunstreiterin Emilie Loisset, den Trabertrainer Robert Großmann oder auch den Droschkenkutscher Gustav Hartmann, legendär als Eiserner Gustav. Sie alle, eingebettet in Geschichte und Geschichten, führen uns nochmals die Zeit vor Augen, in denen das Pferd als unverzichtbare Hilfe und Unterstützung, aber ebenso als gern gesehener Freizeitgefährte galt.
Das alles darf der Leser fast hautnah erleben. Unwillkürlich musste ich darüber nachdenken, wie sich unser Dasein eigentlich ohne die treuen Vierbeiner entwickelt hätte. Und wie freudlos wäre es heute ganz ohne sie! Selbst ein wenig Wehmut sei erlaubt, wenn man als alter Pferdemann von einem längst vergangenen Berlin liest, in dem Hufe fast an jeder Ecke klapperten, man im Tattersall oder Tiergarten seine Sattelrunden drehen durfte. Aber vielleicht ist ja auch das ein wenig im Sinne des Autors!
Hans-Heinrich von Loeper, Bedburg, Kleintroisdorf 2020
(Hauptvorsteher des Vereins für Pferdezucht und Rennen in Preussen, gegründet durch königliche Kabinettsorder von König Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1835; damit der älteste deutsche, heute noch aktive Rennverein)
Vorwort
Wo der Mensch in Krieg und Frieden auch immer einen Fußabdruck hinterlassen hat, ist oft genug die Hufspur eines Pferdes dicht dabei! Auch in der einstigen Spree-Ansiedlung Berlin, später mittelalterliche Handelsstadt, dann Residenz der Kurfürsten, Könige und Kaiser, seit 1877 Millionenstadt. Anno 1883 wurden hier bereits 27.052 Rösser bei 1.232.716 Einwohnern, 1903 dann 43.732 bei 1.946.076 Einwohnern und 1913 sogar 45.448 bei 2.079.156 Einwohnern gezählt. Sie prägten das gesamte Stadtbild, waren für Arm und Reich sowie Jung und Alt fast allgegenwärtig, oft genug berufs- und nicht selten sogar lebensnotwendig. Bestens geschulte Vertreter edler Rassen verliehen den Monarchen besondere Größe, Ausstrahlung und Autorität. Ja, unterm Sattel dienten sie ihnen als eine Art lebendiger, allseits bewundernswerter Thron. Einen schon zu Lebzeiten fast legendären Status genoss Condé, der Leib- und Lieblingsvierbeiner von König Friedrich II.
Seit 1657 durch den Großen Kurfürst Friedrich Wilhelm erklärte Garnisonstadt, gab es in Berlin ab 1722 besonders bei Paraden und Manövern auf dem Tempelhofer Feld leistungsstarke Kavallerie- und Artilleriepferde zu bestaunen. Polizisten ritten durch die Straßen, bespannt war ihre Grüne Minna ebenso wie Gefährte von Feuerwehr, Post, Stadtreinigung, von Industrie sowie Handel und Versorgung. Zu einem echten Berliner Markenzeichen avancierten weiße Milch-Verkaufswagen von „Bimmel-Bolle“. Den prunkvoll aufgeschirrten Vierer-, Sechsersowie Zehnerzügen und Fassbierwagen der Brauereien huldigten Einheimische sogar als den „Königen der Straßen“. Das Gros brachte jedoch der öffentliche Innenstadtverkehr auf die Hufe, für den sich beispielsweise am 1. Januar 1892 immerhin 16.747 Hengste, Wallache und Stuten kräftig ins Zeug zu legen hatten. Fortbewegen mussten sie 3.187 Droschken 1. Klasse und 2.460 der 2. Klasse, 1.220 Pferdebahnwagen, 284 Kremser und 255 Pferdeomnibusse. Begrenzt dienten Vierbeiner dem Freizeitvergnügen, denn nur betuchte Einwohner konnten sich teure Reit- und Wagenpferde leisten, Reithäuser und -bahnen besuchen, beim Korso und Concours hippique antreten oder sich einfach nur bei Ausritten im Tiergarten treffen. Dagegen zogen Galopp- und Trabrennen in Lichterfelde, Tempelhof, Hoppegarten, Charlottenburg, Karlshorst, Strausberg und Grunewald beziehungsweise in Weißensee, Westend, Ruhleben und Mariendorf Tausende Berliner aller Coleur – unter ihnen manchmal namhafte Künstler – gemeinsam in ihren Bann.
Naturgemäß hatte solch ausuferndes Einsatzspektrum eine Kehrseite. Beklagenswert waren schlimme Unfälle. Regelrecht auf die Nerven gehen konnten Verunreinigungen durch Pferdeäpfel (pro Pferd durchschnittlich 23 Kilogramm Kot täglich) und Harnpfützen (im Schnitt 10 Liter Harn pro Pferd täglich), Geruchsbelästigungen durch Stallungen sowie monotone „Großstadtmelodien“ klappernder Hufe und knirschender Räder. Einen hohen Aufwand erforderte die tägliche Futterversorgung. Zudem galt es, zahlreiche Krankheiten und Verletzungen zu behandeln sowie weitverbreitete Tierquälereien einzudämmen. Da ließ eine Neuerung vom 29. Januar 1886 zumindest aufhorchen. Hatte ein gewisser Carl Benz doch sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ auf drei Rädern in Berlin zum Patent (DRP 37435) angemeldet. Obwohl dieser Motorwagen Nummer 1 anfangs reichlich Spott und Hohn erntete, galt sein Automobil als technischer Meilenstein. Selbst wenn derlei Gefährte die Menschen anfangs irritierten, Kinder nach ihnen Steine warfen, Erwachsene manchmal sogar Baumstämme quer über die Straße legten, war der Siegeszug von Autos und damit der kontinuierliche Pferde-Abspann nirgendwo mehr aufzuhalten.
Seither sind mehr als 100 Jahre verflogen, in denen sich Berlin nach dem Ersten und Zweitem Weltkrieg und überwundener Spaltung zur modernen Hauptstadt mit mehr als 3,7 Millionen Einwohnern gewandelt hat, weltweit anerkannt und geachtet. Längst sind Pferde aus der Öffentlichkeit fast völlig verschwunden, spielen lediglich eine Rolle bei Hoppegartener, Mariendorfer und Karlshorster Veranstaltungen, bei Reit- und Springturnieren, im wachsenden Freizeitsport oder in mehrfacher Hinsicht als Therapiebegleiter. Nur wenige Einheimische verschwenden da Gedanken an Königs- und Kaiserzeiten, wenn ihnen im Großstadtgewühl mal eine prächtige Hochzeitskutsche oder ein schmucker Kremser begegnet. Pferde samt ihrem ehemaligen Lebens- und Wirkungsumfeld sind aus den Köpfen der Menschen, ja aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt verdrängt worden. Wenig hoffnungsvoll äußerte sich dazu auch im Juli 1990 Prof. Dr. Klaus Donat: „Eine Metropole ist kein Museumsdorf, deshalb werden bald alle materiellen Zeugnisse der einst so lebenswichtigen innerstädtischen Tierhaltung vernichtet oder bis zur Unkenntlichkeit entstellt sein.“ (1) Aber noch sind in allen Stadtteilen – neben Exponaten der Museen und Ausstellungen, Literatur in Bibliotheken und Archiven sowie Kunstwerken in Galerien und Sammlungen – alte Spuren greifbar. Erwähnt seien umgewidmete Häuser und Ställe, Skulpturen, Denkmale und Grabstätten, Hinweistafeln, Schriftzüge an Fassaden oder einfache Straßenschilder, wie „Zum Zirkus“ oder „Rennbahnallee“. Selbst so manches Gebäude weist im Innern gar „Rätselhaftes“ auf: eiserne Fahrrinnen im Tordurchgang, eigenartig anmutende Raumaufteilungen, Reste von Futterraufen oder eiserne Halteringe an den Wänden.
Derlei „Hufabdrücke“ von Pferden waren es, die mich – über mein eigentliches Faible für Galopp- und Trabrennsport hinaus – zu Recherchen und der Suche anregten. Sei es im Osten Berlins und den Bezirken der DDR sowie nach dem Mauerfall auch in westlichen Stadtbezirken. Neue Wege wies mir das 1991 erschienene wissenschaftliche Werk von Brigitte Krokotsch „Tierhaltung und Veterinärmedizin im Berlin des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine Spurensicherung“. Davon inspiriert, stieß ich auf weitere Mosaiksteine, wie beispielsweise Kunst, Zirkus, Concours hippique und Korso. Im Laufe der Jahrzehnte füllten sich so Aktenordner und Bildschatullen. Selbst mit bislang in der Öffentlichkeit weitgehend Unbekanntem, wie dem Kriegstagebuch des Berliner Buchbindemeisters Adolf Nieke, der sein jahrelanges Frontleben mit „Kamerad Pferd“ eindringlich und realitätsnah – ohne jegliches Pathos – geschildert hat. Bewahrt wird dieses Zeitdokument von seiner Enkelin Gabriele Streichhahn, der Intendantin des Berliner Theaters im Palais. Dank des Historikers Emil Schoppmann kann in Wort und Bild ein Porträt von Prof. Dr. Heinrich Möller erscheinen, eines verdienstvollen Berliner Pferdechirurgen. Der Klassische Archäologe Harry Nehls steuerte Forschungsmaterial zu Pferde-Gedenksteinen bei. Altes Neues gaben naturgemäß zeitgenössische Quellen preis, neben Büchern vor allem Zeitungen, wie das überregionale „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ und die „Berliner Volkszeitung“ sowie die Fachorgane „Der Sporn“, „Sankt Georg“, „Sport-Welt“ und „Sport im Bild“. Während sich das Puzzle füllte, reiften parallel dazu Bereitschaft und Wille, erworbenes Wissen – gerade zu Zeiten von Automatisierung und digitaler Revolution – weiterzugeben und somit zu bewahren. Vielleicht ein letztes Mal soll so der geliebten, gehassten, geschundenen und getöteten Pferde unterm Sattel und vor dem Wagen gedacht werden, in ihrer Gesamtheit und Vielfalt. Erinnernd an die wechselvolle Geschichte ihrer Beziehung zum Menschen des früheren Berlins, an ihre Schicksale als Lastenträger, Zugtiere, Kriegskameraden und Sportpferde.
Raum für entsprechende Recherchen boten traditionell die Berliner Staatsbibliothek, das Zentrum für Berlin-Studien der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die Bibliothek der Humboldt-Universität, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, die Polizeihistorische Sammlung Berlins, das Tierheim Berlin und das Brandenburgische Landeshauptarchiv in PotsdamGolm. Wertvolle Bilddokumente steuerten beispielsweise die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Lutherstadt Wittenberg und das Dichter- und Stadtmuseum Liestal bei. Allen Helfern – genannt sei meine Ehefrau Ute, als Diplom-Journalistin jahrzehntelang eine große Hilfe und Stütze – und Einrichtungen möchte ich ganz herzlich danken. Mögen die Berliner Rösser wie ein Spiegel der Vergangenheit in „Berliner Hufgeklapper“ einerseits mehr Interesse und Neugier an lokaler Historie entfachen, andererseits zum baldigen Besuch von Rennbahn oder Turnierplatz anregen. Vielleicht findet ja der eine oder andere Leser in seiner näheren Umgebung nunmehr selbst einen „Hufabdruck“. – Im sprichwörtlichen Sinne: „Was immer auch werde, bleibt treu dem Pferde!“
Gerd von Ende, Neuenhagen 2020
1) Tierhaltung und Veterinärmedizin im Berlin des 19. und 20. Jahrhunderts. Brigitte Krokotsch, Berlin 1991. S. V
Berlin II
Der hohe Straßenrand, auf dem wir lagen,
War weiß von Staub. Wir sahen in der Enge
Unzählig: Menschenströme und Gedränge,
Und sahn die Weltstadt fern im Abend ragen.
Die vollen Kremser fuhren durch die Menge,
Papierne Fähnchen waren drangeschlagen.
Die Omnibusse, voll Verdeck und Wagen.
Automobile, Rauch und Hupenklänge.
Dem Riesensteinmeer zu. Doch westlich sahn
Wir an der langen Straße Baum an Baum,
Der blätterlösen Kronen Filigran.
Der Sonnenball hing groß am Himmelssaum.
Und rote Strahlen schoß des Abends Bahn.
Auf allen Köpfen lag des Lichtes Traum.
Georg Heym 1887-1912
(Aus „Der ewige Tag“, Ernst Rowohlt Verlag Leipzig 1912)
Spurensuche heute: Monarchenpferde
Abb. 1: Das Reiterstandbild Friedrich Wilhelms IV. an der Alten Nationalgalerie
Abb. 2: „Reitende Alexandrine“, die Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin in Ludwigslust. Seit 2003 auf dem Platz, der schon seit 1822 ihren Namen trägt
Abb. 3: Grabplatte des Hengstes Allamont im Park von Glienicke nahe der Töpferbrücke
Kapitel 1: Auch Königlich‘ Gaul hat nur Rosshaare
„Der gegen Napoleon siegreiche König Friedrich-Wilhelm III., Gemahl der Königin Luise, und ihre Söhne, der spätere König Friedrich Wilhelm IV. und sein Bruder, späterer Kaiser Wilhelm I., haben durch ihre häufigen Besuche und durch Stiftung von Ehrenpreisen damals die Rennen überall gefördert. Diese drei preußischen Könige bzw. Prinzen haben auch die ersten Rennplätze in Mecklenburg häufig besucht. Der spätere Kaiser Wilhelm I. wurde bei der Eröffnung von Hoppegarten am 17. Mai 1868 bereits von seinem gleichfalls nicht nur reit-, sondern auch rennfreudigen […] Bundeskanzler Bismarck begleitet. Wilhelm hat als blutjunger, gerade 18 Jahre alter Prinz [… ] die seltene Gelegenheit gehabt, die englischen, hochgezüchteten Truppenpferde mit den schwerfälligen Kürassierpferden der Franzosen sowie mit den leichten, langsamen, meistens aus Polen stammenden der eigenen Truppe zu vergleichen. Man muß hier beachten, daß damals für einen Soldaten der Vergleich der Pferde von Freund und Feind mindestens so wichtig war wie heutzutage die Beobachtung der verschiedenen Auto- und Flugzeugtypen. Da ich noch beide Zeiten miterlebt habe, kann ich bezeugen, daß das Gedankengut des Pferdes vielmal reicher war als das des toten, mit mehr oder weniger schönen Namen versehenen Motors. Ein Auto kann auch niemals wie ein Lebewesen ,rennen’, sondern höchstens fahren’.“
(Aus „Das Leistungspferd“, Franz Chales de Beaulieu, Echzell 1983, S.70)
Pferde begleiteten auch Kaiser und Könige durch die Jahrhunderte. Vereinzelt schrieben sie sogar Geschichte, wie das Streitross Bukephalos (Alexander der Große), der Vollblut-Fuchs Copenhagen (Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington) oder der arabische Schimmel Marengo (Napoleon Bonaparte). Zu ihrem illustren Kreis zählt mit Condé das letzte Leib- und verbriefte Lieblingspferd von Friedrich dem Großen, ab 1740 Kurfürst von Brandenburg und König in Preußen (ab 1772 von). Der Status dieses Fliegenschimmels konnte verwundern, denn gerade Pferde spielten im bewegten Leben Friedrichs des Großen – freilich neben den Hunden – von jeher eine wichtige Rolle in Krieg und Frieden, bei der Kavallerie und im königlichen Marstall. „Friedrich ritt nur Englische Pferde, denen er nach dem erste Ritte, wenn sie ihm gefielen, einen Namen gab; dann durfte sie kein Stallmeister mehr besteigen und die Leib-Reitknechte ritten sie nur auf der Decke spazieren. Der König trug nie Sporen; wollte er das Pferd züchtigen, so schlug er es mit dem Krückstock zwischen die Ohren. Er hatte in der Regel 40 bis 60 Pferde zur besonderen Disposition, 1754 sogar über 100. Die Lieblings-Pferde wurden mit in den Krieg genommen.“ (1) Beispielsweise kaufte der Alte Fritz 1760 zu Meißen den Rotschimmel Cäsar, den er dann während des Siebenjährigen Krieges in den Schlachten bei Burkersdorf und Reichenbach ritt. Nach seiner Ausmusterung stand Cäsar unangehalftert im Potsdamer Marstall und durfte im Lustgarten umherspazieren. „Dagegen hatte es ein schönes, bis dahin gern gerittenes Pferd schwer zu büßen, daß es unglücklicher Weise den Namen des Englischen Ministers Lord Bute trug, denn als England bundbrüchig 1762 mit Frankreich gegen Preußen Frieden schloß, fiel es in Ungnade und mußte in Sanssouci mit den Mauleseln Orangenbäume ziehen.“ (2)
Abb. 4: Eine alte Künstler-Ansichtskarte: Friedrich der Große vor der österreichischen Festung Schweidnitz (Schlesische Kriege), nach Adolf von Menzel
Weitaus mehr Glück hatte da ein Vierbeiner, der neben anderen Artgenossen vom Stallmeister Wolny in England gekauft worden war. 1777 auf die Liste der zu „probirenden Pferde“ gekommen, begeisterte der Wallach seinen König schon beim ersten Versuchsritt derart, dass er ihm gleich beim Absteigen den Namen Condé gab. In Erinnerung an den von ihm verehrten Louis II. de Boubon, bekannt als Le Grand Condé. Jener Spross des französischen Königshauses Bourbon galt im 17. Jahrhundert als einer der bedeutendsten Feldherren. Sein 1766 auf der Insel geborener vierbeiniger Namensvetter kam nun nach Sanssouci, wo traditionell die zehn Erwählten des Alten Fritz standen. „Condé wurde auf ausdrückliche Ordre dort besonders gut verpflegt und verdiente auch in der That diese Sorgfalt, denn er war von schönem Körperbau, gesund, ganz tückenlos, immer munter und lustig, frei von Furcht, scheute nicht und blieb selbst im heftigsten Kanonendonner ruhig; dabei war er vollkommen zugeritten und parirte leicht dem Zügel.“ (3) Täglich ließ sich der König das Pferd vorführen und verwöhnte es mit Zucker, Melonen und Feigen, die in umliegenden Gärten und Warmhäusern gedeihten. Bald machte sich Condé, bei freier Bewegung, selbst auf die Suche nach seinem Herrn, um neue Süßigkeiten zu erbetteln. Zuweilen folgte ihm der Wallach bis hinein in die Gemächer, um bei einem solchen Besuche auch schon mal einige Marmorfliesen zu zertöppern. Gesattelt wurde Condé höchstens noch zu gelegentlichen Spazierritten, Stadtbesuchen und den jährlichen Potsdamer Frühjahrsund Herbstparaden, bei denen Friedrich der Große stundenlang hoch zu Ross verharrte.
„Am 21. Mai 1785 sah ich den König von der Revue zurückkommen. Er kam auf einem weißen Pferde geritten, ohne Zweifel dem alten Condé […]. Hinter ihm waren eine Menge Generale, dann die Adjutanten, endlich die Reitknechte. Das ganze Rondell am Halleschen Tor und die Wilhelmstraße waren gedrängt voll Menschen, alle Fenster voll, alle Häupter entblößt. Der König ritt ganz allein vorne und grüßte, indem er fortwährend den Hut abnahm, vom Rondell bis zur Kochstraße wohl wenigstens 200mal. Am Palais der Prinzessin Amalie angekommen, lenkte er in den Hof hinein, worauf die Flügeltüren sich schlossen. Alles war verschwunden, und noch stand die Menge mit entblößten Haupte, schweigend, alle Augen auf den Fleck gerichtet, wo der König verschwunden war. Und doch war nichts geschehen. Keine Pracht, keine Musik! Nein, nur ein 73jähr. Mann, schlecht gekleidet, staubbedeckt, war von seinem mühsamen Tagewerk zurückgekehrt.“ (4) Im Mai 1786 riskierte es der bereits schwerkranke König, neuerlich mit Condé auszureiten. Schon beim Neuen Palais musste er umkehren. Doch Friedrich II. ließ nicht locker und sich am 4. Juli um 11 Uhr erneut aufs Lieblingspferd heben. Nach einer Dreiviertelstunde Galopp kam der König völlig entkräftet zurück. Es sollte sein allerletzter Ritt gewesen sein. Am 17. August starb er im Alter von 74 Jahren. Sein getreuer Condé würde ihn um 18 Jahre überleben, natürlich stets bestens betreut, gehegt und gepflegt.
Abb. 5: Condé, Campagnepferd Friedrichs des Großen im einstigen Königlichen Marstall
Auf den Tod des Leibpferdes Friedrichs des Einzigen
Wenn ungestüm, du, Condé in Gefahren,
Und lenksam, wenn von Preußens Heldenschaaren,
Einst Friedrich seine Heerschau hielt,
Mit sicherm Schritt den Tapfern schnell getragen,
Wohin voll Wuth den kühnen Feind zu schlagen,
Sein Auge freudig hingezielt;
Wenn stampfend und mit stolz gehob’nem Haupte,
Gleich Bucephal’n aus dir die Freude schnaubte,
Daß dich der Helden Held bestieg,
Dein Ohr sich bei der Völker Jauchzen spitzte,
Die wonnevoll der Friedensschall erhitzte,
Nach Friedrichs schwer errungnem Sieg;
Wenn du geehrt mit abgebleichten Haaren
Noch Pflege fand‘st nach vierzig Lebensjahren,
Bis zu dem letzten Athmenzug:
So wird, wie du, am Ende vom Jahrhundert,
Von Enkeln auch das Leibroß einst bewundert,
Das unsern jetz‘gen König trug.
(Aus: „Zeitung für Pferdeliebhaber“ Nr. 29, 22. April 1834, S. 232)
Abb. 6: Königin Luise im Damensitz, Gemälde von Ludwig Wolf um 1806
Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Diese etwas abgewandelte Sentenz des römischen Satirendichters Juvenal übertrugen Zeitzeugen gern auf ihren am 22. März 1797 geborenen Kaiser Wilhelm I., weil der selbst in höherem Alter – wenn notwendig – kaum eine Mühe scheute oder eine Anstrengung vermied. Bei Truppen-Besichtigungen und Revuen saß er beispielsweise unermüdlich im Sattel. Oder er ließ sich in bekannt flottem Tempo durch die Berliner Straßen kutschieren, mit zwei Trakehnern oder Russen vorm Wagen. Dabei die Grüße der Berliner stets freundlich erwidernd. Hautnah hatte er Pferde schon 1806 – sprich auf der Flucht der königlichen Familie vor Napoleon nach Ostpreußen – in Königsberg erleben dürfen. Auf der Reitbahn des Schlosses wurde der damals dünne und schwächliche Neunjährige erstmalig in einen Sattel gehievt, worauf der Prinz anfing, bitterlich zu weinen. Doch seine Eltern – König Friedrich Wilhelm III. und Gattin Luise – verordneten dem zarten Bürschchen weitere Lektionen in Danzig und Memel. „Nach dem Frieden von Tilsit kehrte die Königliche Familie nach Königsberg zurück. Es erhielt Prinz Wilhelm in Memel 1808 auf dem Weihnachtstisch sein Patent als Lieutenant und der Stallmeister Schur bildete ihn zu einem der unerschrockensten Reiter aus, die kaum einen Unterschied darin finden, ob sie zu Pferde sitzen oder nicht, leicht und frei im Sattel sich bewegen und den Zügel führen, wie wenn der sausende Galopp über Stock und Stein nicht mehr auf sich hätte, als ein Ritt auf ebenem Promenadenwege. Der Prinz gewöhnte sich an’s Pferd und lernte es lieben.“ (5) Bei einer Ausfahrt nach Samland bekam Wilhelm ein Pony geschenkt, dann 1814 in Frankreich vom Kosaken-Hetman Platoff zwei edle Russen-Pferde, mit denen er bis zum Einmarsch der Alliierten in Paris Ende März beritten blieb.
Abb. 7: Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere erste deutsche Kaiser
Erste Eindrücke vom englischen Turf erhielt der junge Wilhelm nach dem Ersten Pariser Frieden vom 30. Mai 1814, als sein Vater samt den Prinzen und Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher einer Einladung zum Royal Meeting zu Ascot folgte, wo der fünfjährige Hengst Pranks den „Gold-Cup“ erspurtete. Danach traf sich Wilhelm öfters mit Blücher, um sich über Kavallerie, Rennsport und Vollblutzucht auszutauschen. So auch am 6. September 1819, nur sechs Tage vor dem Tod des Heerführers. Feuer und Flamme war Wilhelm zudem, als sein Bruder Carl 1823 die erste deutsche Steeplechase nahe Berlin in Szene setzte. Und seine eigene Hochzeit im Juni 1829 gab den letzten Anstoß für die ersten öffentlichen Galopprennen gleichen Monats vor den Toren Berlins in Lichterfelde, wofür sich die königliche Familie stark engagierte. Vater Friedrich Wilhelm III. übernahm das Vereins-Protektorat und spendierte jährlich als Preis eine wertvolle Vollblutstute. Zudem würde Kronprinz Friedrich Wilhelm zwei bedeutsame Rennen stiften, 1830 das um die „Silberne Peitsche“ und zwei Jahre später das „Silberne Pferd“. Während der Meetings, ab 1830 auf dem Tempelhofer Feld, besetzte er gern den Richterstuhl. Dabei wechselte er sich in der Regel mit Bruder Wilhelm ab, der sich dieser Verantwortung ebenfalls in Doberan stellte, wo sich wiederum seine Schwester Alexandrine für den Turf engagierte.
Diese hübsche Adlige war schon vom jungen Heinrich Heine im Berliner Tiergarten angehimmelt worden: „Aber jenes leuchtende, majestätische Frauenbild, das, mit einem buntglänzenden Gefolge, auf hohem Rosse vorbeifliegt, das ist unsre – Alexandrine. Im braunen, festanliegenden Reitkleide, ein runder Hut mit Federn auf dem Haupte und eine Gerte in der Hand, gleicht sie jenen ritterlichen Frauengestalten, die uns aus dem Zauberspiegel alter Märchen so lieblich entgegenleuchten und wovon wir nicht entscheiden können, ob sie Heiligenbilder sind oder Amazonen.“ (6) Nach der Eheschließung mit Paul Friedrich Großherzog von Mecklenburg-Schwerin zählte sie bis ins hohe Alter hinein zu den treuesten Anhängerinnen des Pferderennsports. So beehrte sie ab 1822 traditionell den Doberaner Turf, wo sie dann nach den „Alexandrinen-Rennen“ eigenhändig die von ihr gestifteten Ehrenpreise überreichte. Entworfen von Karl Friedrich Schinkel und ausgeführt durch Johann George Hossauer, Goldschmied am Preußischen Hofe in Berlin. Am 16. August 1828 ehrte die allseits beliebte Alexandrine – Bruder Wilhelm fungierte wieder einmal als Richter – den englischen Sportsmann und Schriftsteller Charles James Apperley (Pseudonym NIMROD), der mit der Stute Prunella (Besitzer Graf Bassewitz) in zwei Läufen gewonnen hatte und den Silberpokal huldvoll auf den Knien liegend entgegennahm.
Es dauerte kaum lange, da erwarben die Preußen-Prinzen selbst Vollblüter, an denen speziell Wilhelm – trotz des ersten Sieges mit dem dreijährigen Firetail am 20. September 1832 – allerdings wenig Freude hatte. Bestes Pferd im Stall war der Robin-Hood-Sohn Robinson, der 1835 im klassischen „UnionRennen“ allerdings eine äußerst unglückliche Niederlage kassierte. Ähnlich verlief ein Versuch zu Wandsbek, wonach der Hengst leider immer wieder Lahmheit hervorkehrte. Auch als junger Züchter gab es für Wilhelm wenig Grund zu jubeln. So hatte seine Lieblingsstute Jeanne d’Arc nach dem englischen Derby-Zweiten Riddlesworth ein vielversprechendes Fohlen geworfen, das der Prinz und seine Gattin ins Herz schlossen. Anfangs im Marstall aufgezogen, wechselte die Stute später in die Obhut des John Hart nach Schöneberg. „Allein leider raffte der Tod das Füllen nach dem Absetzen hinweg und die öfteren Besuche der Prinzlichen Herrschaften im Trainir-Stall erfuhren so ihr plötzliches Ende.“ (7) Während Wilhelms Interesse an Rennstall und Zucht abflaute, setzte er sich umso stärker als Rennstifter, Förderer und Gönner auf verschiedenen Bahnen ins Bild. 1862 spendierte er für die erstmals in Karlshorst angesetzte „Armee-Offizier-Steeple-chase“ einen kostbaren Ehrenpreis und wohnte der Entscheidung auch gern bei. Natürlich gab sich der Adlige ebenso die Ehre, als Hoppegarten 1868 offiziell eröffnet wurde und er verlieh 1874 dem Union-Klub die Rechte einer juristischen Person. Nur drei Jahre darauf übernahm er das Protektorat über dieses Gremium. Von großer Zuwendung des Herrschers – in jungen Jahren selbst ein famoser Jagdreiter – profitierten ebenfalls kaiserliche Parforce-Jagden am Stern und im Grunewald. Seine letzte Hatz über Stock und Stein ritt Wilhelm im Jahre 1871, wonach er sich ausschließlich der Schießjagd widmete.
Abb. 8: Der stattliche Alexander, letztes Leibreitpferd von Kaiser Wilhelm I.
Sehr groß war die Trauer, als mit Wilhelm I. am 9. März 1888 der erste Deutsche Kaiser und König von Preußen für immer die Augen schloss. Sieben Tage später folgte innerhalb des Trauerzuges sein treuer Alexander – nach Sadowa (früher Veranda), Gravelotte (früher Romeo) und Sedan (früher Aladin) letztes Leibpferd des Herrschers – dem Sarg. Zu einigen Tränen dürfte auch das im Mai in der „Deutschen Rundschau“ erschienene Gedicht „Des toten Kaisers Roß“ des Ernst von Wildenbruch gerührt haben, dem Begräbnis aus Sicht des prächtigen Alexanders gewidmet. Dieser Fuchs lebte noch mehr als drei Jahre, verendete dann unterwegs an Altersschwäche, als er „nach Stadt Müncheberg gebracht werden sollte, um photographiert zu werden […]. (8)
Am 9. März folgte ihm sein Sohn unter dem Rufnamen Friedrich (III.) auf den Thron, für die Untertanen zumeist „Unser Fritz“. Wie viele seiner Ahnen pflegte er ein Faible für Pferde, deren Namen manchmal sogar familiäre Bezüge verrieten. Besuchte der Prinz doch beispielsweise mit 19 Jahren die Erste Weltausstellung im Londoner Hydepark, wo er seiner späteren Gattin Victoria begegnete. Beide waren sehr von Schottland angetan, weshalb sie sich dort über die Jahre hin öfters trafen. „Balmoral Castle, Dienstag, den 25. September 1855. […] Vicky war fast den ganzen Tag an meiner Seite, bald zu Pferde, wo oft, wenn ich im engen Pfade ihr Platz machte, sie mich heranwinkte, oder wenn wir gingen, mit mir nach jenen schottischen Edelsteinen und Rauchtopasen suchte, die man hier vielfach findet. Dabei war sie wieder so lieb für mich und sagte, sie suche beständig nach einem solchen recht schönen Cairngorm, wie sie genannt werden, um ihn mir zu geben.“ (9)
Abb. 9: Detail aus dem Wandbild „Schlacht bei Königgrätz“ von Emil Hünten: Kronprinz Friedrich Wilhelm auf Cairn-Gorum und sein Vater Kaiser Wilhelm I. (links)
In Erinnerung an derlei Schatzsuchen taufte Friedrich Wilhelm Anfang der sechziger Jahre sein Leibreitpferd nach genanntem Quarz-Edelstein. Diesen Irish Hunter ritt der Kronprinz tatsächlich am 13. Juli 1863 in Putbus auf Rügen, bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen am 18. April 1864 und zwei Jahre später in einem weiteren Waffengang. „Den 3. Juli. Schlacht bei Königgrätz. […] Wir selbst hatten von acht bis abends halb elf Uhr zu Pferde gesessen. […] Unsere armen Pferde hatten wir weder füttern noch tränken können. Wo ich Bagagewagen begegnete, rupfte ich Heu aus und gab’s meinem treuen Cairn-Gorm aus der Hand zu fressen; der Fuchs hatte mir heute vortreffliche Dienste geleistet.“ (10)
Gedenksteine für Pferde
„Der […] vielleicht interessanteste Gedenkstein für ein Leibreitpferd befindet sich im Park von Sanssouci in Potsdam, den ich bei einem Spaziergang im November 2011 abseits des touristischen Pfades wiederentdeckte. Er steht unauffällig und halbversunken im Wiesengrund nordöstlich des Neuen Palais, nur wenige Schritte hinter dem gerade restaurierten Heckentheater. Der wuchtige Stein mit keilförmigem Querschnitt – ein hellgrauer, weißgeäderter Granitfindling (ca. 0,80 x 0,90 m) – trägt auf der Vorderseite folgende sechszeilige Inschrift:
Cairn-Gorum / Geritten vom Kronprinzen in den / Feldzügen 1864 und 1866, trug / Seine Königliche Hoheit am Tage / von Königgraetz den 3ten Juli / 1866.
Auf der Rückseite steht die fünfzeilige Inschrift:
Cairn-Gorum / Irischer Hunter, Leibreitpferd / I.I. K. K. [H.] des Kronprinzen und der / Kronprinzessin von Herbst 1863 bis / Frühjahr 1870.
Die vom Steinmetz maximal 1-2 mm tief in den Granit eingeschlagenen Inschriften ließen sich nur schwer entziffern. Aber die Mühe hat sich gelohnt.“
x
Grabplatte am Wegesrand nahe der Töpferbrücke im Glienicker Park:
Allamont / br: H: v: Allahor a: d: Alhalia / geb: 1812 gest: 1839
Platten nahe dem ehemaligen Wildparkgehege:
Brownhorse / von 1815 bis 1843 / über 20 Jahre im Besitz Sr. K. H. Agathon/ geboren d. 8. April 1822 zu Ivenack/ verendet d. 29. October 1854
Granitplatten am Jagdschloss Klein-Glienicke nahe dem Dampfmaschinenhaus:
QUICKSY / AUG 1900 / 27 APRIL 1908
TAURUS 1882 / EINGESTELLT 1.6.1890 / DISTANZRITT BERLIN – WIEN /
1-4.10.1892 / † 29.11.1909
(Nach „Mitteilungen des Vereins für Kultur und Geschichte Potsdams. Studiengemeinschaft Sanssouci e. V..“ 17. Jahrgang. Potsdam 2012. „Preußische Hippomanie“ von Harry Nehls, Klassischer Archäologe in Berlin. S. 78, 72, 73 und 76)
Als aber Friedrich Wilhelm zu Kaiserehren kam, plagte ihn bereits unheilbarer Kehlkopfkrebs und verurteilte zur Stummheit. Während seiner 99-Tage-Regierung blieb er den Gepflogenheiten des Vaters weitgehend treu, was ebenfalls für den Turf galt. „Er selbst war ja ein armer Leidender, der an das Zimmer gefesselt war, aber in seiner Jugend, da war er ein schneidiger Reiter, der überall dabei war, wenn es einen guten Galopp galt. Als Kaiser aber konnte er sich nur darauf beschränken, dem Sport ein mächtiger Schirmherr zu sein.“ (11) Da ließ es sich Friedrich III. nicht nehmen, fürs „Große ArmeeJagdrennen“ in Hoppegarten am 12. Juni 1888 einen recht wertvollen Ehrenpreis auszuloben, den der von jeher sportbegeisterte Kronprinz in Begleitung des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen überreichte. Es sollte der einzige Kaiserpreis des Sterbenden bleiben, den der Tod nur drei Tage später im Neuen Palais zu Potsdam eigentlich nur noch erlöste. Im Alter von gerade einmal 29 Jahren wurde Kronprinz Wilhelm nun deutscher Kaiser und der König von Preußen.
Abb. 10: Black Prinz, das Leibreitpferd von Kaiser Wilhelm II., unter einem Mitarbeiter des Marstalls
„Mein Vater war ein vorzüglicher Reiter. Er ritt fabelhaft, fast unglaublich gut, wenn man an die Behinderung durch seinen einen Arm denkt. Ich war stets darauf aus, mit ihm ausreiten zu dürfen“, erinnerte sich Viktoria Luise. Die 1892 geborene Tochter von Kaiser Wilhelm II. wusste natürlich auch um gewisse familiäre Schwierigkeiten. „Mein Vater mochte nicht, daß sich Mitglieder der Familie bei Reitkonkurrenzen produzierten. Mein Vetter Friedrich Karl, ein Sohn des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen und der Prinzessin Luise, einer Schwester meiner Mutter, war der erste, der sich an einem Rennen beteiligen durfte. Ich hatte für ihn ein Wort bei meinem Vater eingelegt. Friedrich Karl erhielt dann die Erlaubnis, in Schweden zu starten. Er war eigentlich der erste ausgesprochene Sportsmann in der preußischen Familie. […] Er fiel 1917 als Flieger im Westen. […] Begeistert für den Reitsport war auch mein Bruder Wilhelm. Für ihn bestanden bei meinem Vater noch zusätzliche Bedenken. Einmal sollte sich der Kronprinz nicht den bei Rennen typischen Gefahren aussetzen. Zum anderen sollte möglichen Redereien aus dem Weg gegangen werden, denn, gewann er, dann mochte es heißen, das sei so dirigiert; verlor er, dann war es doch irgendwie eine Blamage.“ (12)
Zumindest erahnen lassen diese Worte, dass der neue Regent kaum die große Begeisterung seiner Vorgänger für den Rennsport teilte. Diese Ungnade vertieften leider gewisse Unregelmäßigkeiten und Wettmanipulationen in Berlin. Bald setzte es eine Beschränkung der Totalisatorkonzession und vor allem das Verbot der Sonntagsrennen in Deutschland. „Dem Volke mußte die Religion erhalten werden, und zu diesem Zweck war es unumgänglich, daß die Leute auch in die Kirchen gingen, die gebaut wurden. […] Der Kaiser hielt es damals unbedingt mit dem Schah von Persien, dem es seit langem bekannt war, daß ein Pferd schneller laufe als das andere; welches, sei ihm egal. Er hieß jede Unterdrückungsmaßnahme gegen den Rennsport gut.“ (13) Da blieb in Berlin, wo man hart und lange arbeitete, für die Kirche hauptsächlich der Sonntag. Es bedurfte schon eines für den Turf brennenden Viktors von Podbielski, seines Zeichens früherer Kommandeur der Rathenower Zieten-Husaren und aktueller Preußischer Landwirtschaftsminister. Dieser urwüchsige, burschikose und kluge Mann „wußte Wilhelm II. die Notlage des Rennsports, die Gefährdung der Landespferdezucht und damit der Armee so überzeugend vor Augen zu führen, daß dieser mit unverzüglichen Reformen sich einverstanden erklärte.“ (14) So wurde unter anderem das Verbot der Sonntagsrennen aufgehoben. Der Totalisator erhielt 1905 mit einem Reichsgesetz die notwendige Rechtsgrundlage und der Monarch näherte sich dem Turf verstärkt an, wofür der erste Besuch des Derbys in Hamburg-Horn – wegen des hohen Gastes als „Kaiser-Derby“ in aller Munde – 1903 einen wichtigen Anstoß gab. Am 15. Juni 1910 übernahm Wilhelm II. das Protektorat über den Union-Klub und gab sich im Folgejahr am 28. Mai, dem Tag des 5.000. Rennen in Regie des Hindernis-Vereins, erstmals in Karlshorst die Ehre. Zudem förderte der Monarch das Gedeihen des Königlichen Hauptgestüts Graditz („Königlicher Stall“) und der Galopper-Piste Grunewald, die er gern als „schönste Bahn der Welt“ lobte.
Unter diesem Engagement hatten andere Zweige des Pferdesports längst nicht zu leiden; und das nachvollziehbar. „Als der Kaiser noch als Prinz bei den Potsdamer Gardehusaren stand, da ritt er alle Jagden des Regiments mit, bei Meetings der kaiserlichen Parforce-Jagden fehlte er nie, und selbst bei verschiedenen Steeple-chases soll er damals in den Sattel gestiegen sein. Für das Armee-Jagdrennen stiftete der Monarch ebenso […] kostbare Preise, verschiedene Regimentsrennen stattete er mit Preisen aus, und die Distanzritte in den verschiedenen Armee-Corps um die Kaiserpreise wurden von ihm eingeführt.“ (15) Selbstverständlich hatte der passionierte Reiter und Vielreisende („Reisekaiser“) stets ein ganz besonderes Auge auf seinen Königlichen Marstall.
Abb. 11: Kaiserin Auguste Victoria im Damensitz
Wilhelm II. bevorzugte breite und starke Rösser. „Zum Zweck ihrer Verwendung mußten sie totensicher im Temperament, dabei aber flotte und ausdauernde Galoppierer sein. An das Temperament wurden schier unglaubliche Ansprüche gestellt. Bei Paraden über ein oder, wie es auf dem Tempelhofer Felde zuweilen vorkam, über zwei Armeekorps, standen sie stundenlang ohne sich zu rühren; bei feierlichen Einzügen wurden sie umflattert von Fahnen und umbraust vom Jubel der Bevölkerung; bei Denkmalsenthüllungen setzten, wenn die Hülle fiel, sämtliche Musikkorps mit Pauken und Trompeten unter Salutschüssen der Artillerie ein“, erläuterte der 1909 zum Marstall kommandierte Graf Lubbert von Westphalen. „Dieses ohrenbetäubende Getöse, das schon einen Menschen fast zum Umsinken brachte, habe ich noch in sorgenvoller Erinnerung von einer Feier im Berliner Lustgarten vor dem Denkmal Friedrich Wilhelms III. Da waren die Geschütze an der Ostfront des Zeughauses, also in unmittelbarster Nähe aufgestellt und donnerten, daß alle Scheiben klirrten, trotzdem stand der brave ,Onegin’ wie angewurzelt.“ (16)
Abb. 12: Die Kaiserliche Familie 1911 beim Spazierritt im Berliner Tiergarten
Ihm eiferte „Oranier“ bei den Londoner Beisetzungsfeierlichkeiten König Eduards VII. 1910 nach, wo einige Pferde auseinanderstoben, aber der hübsche Schimmel des deutschen Kaisers Ruhe und Würde bewahrte. Als bestes Paradepferd galt ein Dunkelbrauner namens Herkules. „Nach einer Berliner Parade ritt S. M. mit der Fahnenkompagnie vom Tempelhofer Feld ins Schloß. […] Es war Mittagszeit. Alle Pferde rückten ein, nur der Herkules nicht. S. M. hielt im Lichthof des Schlosses, also in einem geschlossenen Raum, eine Versammlung sämtlicher Kommandierenden Generale und Schiedsrichter für das Kaisermanöver als Vorbesprechung ab. Diese Besprechung dauerte zwei Stunden. Alle Herren zu Fuß, nur S. M. auf Herkules zu Pferde. Wer könnte wohl als Reitersmann nicht verstehen, was es bedeutet, wenn ein Pferd mit leerem Magen - alle anderen Pferde fressen schon - ohne sich zu rühren oder unruhig zu werden, zwei Stunden ruhig dasteht. Dies ist wirklich eine Glanzleistung, zumal wenn man bedenkt, daß das Pferd schon vorher bei der Parade über zwei Stunden gestanden hat.“ (17)
Abb. 13: Der Kaiser im Felde „zum 11. November 1916"
Wie sehr sich Wilhelm II. mit dem Sattel verwachsen fühlte, belegt seine mehrfach geäußerte Meinung, brenzlige Situationen seien nichts für Zivilisten, da müsste vom Sattel aus regiert werden. Dass der Kaiser diesen Ausspruch sehr wörtlich nahm, bewies sein Arbeitsplatz: ein Pferdesattel auf Holzgestell vor dem Schreibtisch. Doch dieser kleine „Thron“ ging wohl – wie auch der große kaiserliche – im Ergebnis des Ersten Weltkriegs verloren, denn im November 1918 flüchtete der Monarch gen Niederlande.
Erst viel später würde ein Familienmitglied dann sogar international im Sattel brillieren, nämlich ein Sohn des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen, Schwager des letzten Kaisers. Anfangs hatte sich dieser 1891 im Jagdschloss zu Glienicke bei Potsdam geborene Friedrich Sigismund nichts sehnlicher gewünscht, als zu den 2. Leibhusaren nach Danzig-Langfuhr versetzt zu werden, wo er sich ab dem 19. Juni 1912 reitsportlich vervollkommnen durfte. Schon nach Jahresfrist gewann er mit seiner Stute Dohna zwei leichte und ein schweres Jagdspringen. Er sollte zur Militärreitschule Hannover delegiert werden, was aber der Erste Weltkrieg – der Prinz diente als Ordonanz- und Fliegeroffizier – vereitelte. Im Winter 1920/21 verdingte sich der adlige Heimkehrer bei Oberst Krähe, einem anerkannten Reitlehrer. Zu der Entscheidung äußerte sich Franz von Hertzberg-Schöneiche: „Er ließ sich, um späterhin seine Pferde selbständig auszubilden, auch in der Dressurreiterei genauestens unterweisen, ganz im Gegensatz zu den meisten unserer damaligen Turnierreiter. Durch unermüdlichen Fleiß und strenge Gewissenhaftigkeit entwickelte sich der Prinz von Jahr zu Jahr mehr, bis er nach zwei Jahren soviel gelernt hatte, daß sein Reitlehrer ihm erklärt, daß er nunmehr vollkommen ausgebildet und er seine Mission als erledigt betrachte. Der Prinz hatte sich zu einem wahren Künstler der Reitkunst entwickelt.“ (18)
Abb. 14: Prinz Friedrich Sigismund von Preußen 1921 im Sattel von Preußenstolz
Am Wohnsitz in Glienicke entstand ein entsprechendes Domizil mit Stallungen und eigener Reitbahn. Den endgültigen Durchbruch bescherte das Jahr 1924, in dem der Adlige sage und schreibe 37 Siege in Eignungs-, Dressur- und Vielseitigkeitsprüfungen sowie in Jagdspringen und Geländeritten errang. In Vorbereitung auf Olympia 1928 in Amsterdam erwarb der Prinz sogar das Gut Kölzow; rund 25 Kilometer östlich von Rostock gelegen, um dort ein wahres Trainingsparadies aus dem Boden zu stampfen.
Für 1927 avisierte das Deutsche Olympische Komitee wichtige Wettkämpfe in Luzern und Hilversum, bei denen Friedrich Sigismund Deutschland inmitten von zehn Nationen vertreten sollte. Mit dem Versprechen: „Sie können versichert sein, dass ich die Vorbereitung meiner Pferde mit sehr großem Ernst betreiben werde.“ Der Hohenzollern-Prinz hielt Wort, denn am 3. Juni triumphierte er in Luzern mit Heiliger Speer in der Olympiade-Vielseitigkeitsprüfung gegen dänische und ungarische Konkurrenten. Leider währte die Freude nur kurz, denn am 4. Juli schleuderte ihn sein Schützling Posidonius beim Training vehement aus dem Sattel. Zwei Tage später erlag der Prinz, bei vollem Bewusstsein, den schweren Brustverletzungen. Ein Reiterherz hatte aufgehört zu schlagen. „Bald nach dem Tode des Prinzen hatte der Turnier-Herrenreiter- und Fahrer-Verein den Plan gefaßt, das Andenken an den für unser Sportleben so hoch bedeutsamen Prinzen nicht vergehen zu lassen. Er beschloß, dem Prinzen Friedrich Sigismund einen Gedenkstein zu setzen. […] wo alljährlich das deutsche Springderby zum Austrag kommt. Der Norddeutsche Verein in Klein-Flottbeck stellte gerne seinen Platz zur Verfügung. […] Inmitten einer kleinen Kuppe, die bestanden ist von drei gewaltigen Eichen, deren Kronen sich zu einem grünen Dome vereinigen, wurde der Gedenkstein, der ein Werk von der Meisterhand Willibald Fritsch’s ist, am 19. Juni 1928 […] enthüllt. […] Das Denkmal selbst stellt in seinem Bronzerelief den Prinzen […] auf seinem hervorragendsten Pferde, dem ,Heiligen Speer‘ dar.“ (19)
Reitersiege des Prinzen Sigismund
1913: Preisspringen (3 Siege)
1920: Preisspringen (8 S.) und Gebrauchsprüfungen (1 S.)
1921: Eignungsprüfungen für Reit- und Jagdpferde (10 S.), Vielseitigkeitsprüfungen (2 S.), Preisspringen (2 S.) und Dressurprüfungen (1 S.)
1922: Dressurprüfungen (1 S.)
1923: Jagdspringen (8 S.), Dressurprüfungen (2 S.) und Vielseitigkeitsprüfungen (1 S.)
1924: Eignungsprüfungen (14 S.), Jagdspringen (10 S.), Dressurprüfungen (7 S.), Vielseitigkeitsprüfungen (3 S.) und Geländeritte (3 S.)
1925: Dressur- und Reitprüfungen (10 S.), Eignungsprüfungen (10 S.), Jagdspringen (9 S.), Vielseitigkeitsprüfungen (3 S.) und Geländeritte (1 S.)
1926: Eignungsprüfungen (5 S.), Dressur- und Reitprüfungen (2 S.), Vielseitigkeitsprüfungen (2 S.) und Jagdspringen (1 S.)
1927: Eignungsprüfungen (3 S.), Dressur- und Reitprüfungen (3 S.) und Olympiade-Vielseitigkeitsprüfungen in Luzern (1 S.)
( Aus „Ein Reiterleben, Prinz Friedrich Sigismund von Preußen“, Franz von Hertzberg-Schöneiche, Berlin 1929. S. 113/114)
Spurensuche heute: Reithäuser
Abb. 1: Schriftzüge am Wohnhaus Grolmanstraße 47 (Savignyplatz) erinnern an den Tattersall des Westens
Abb. 2: Pferdedarstellung an der Remise der Villa Stoltzenberg in der Trabener Straße 1 im Grunewald
Abb. 3: Wandschmuck der Remise auf dem Hof der Villa Eger am Tempelhofer Ufer 11 in Kreuzberg
