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Zu wessen Vorteil ertrinkt der Strandfischer Jos in der Ostsee? Allein im Unglück, nutzt die junge Ahlbeckerin Helena gewitzt und ohne Unterlass ihre innere Instanz. Sie setzt winzige Nähstiche am Spielzeug für Kinder und sammelt Bernsteine, die bei Sturm im Sand kollern. Gefeit von ihrer Seele, trotzt Helena den Umwälzungen im geselligen Gefüge und dem am alten Bernsteinweg anreisenden Friedel, aber nicht seiner Tochter Tilly, und nicht der für sie bestimmten herzigen, heimlichen Liebe. Helena bemuttert Tilly gerne, voll der Wärme, die ihr ihre frostige Kindheit vorenthielt. Trotz der Sorgen um den Unterhalt und wegen der sie meidenden Dörfler. Obgleich, als Saisonverkäuferin müsste sie anerkannt sein. Eine Ursache liegt in den Ängsten vor den Häschern, die Helena beim Bernsteine sammeln zu spüren bekommt. Ebenso unbeugsam erduldet sie auch den Frevel an Nahrungsmitteln, als sie miterlebt, dass die Mühlenflügel im Achterland sich für vieles drehen, das Geheimnis um ihren Mann Jos jedoch nicht lüften. Um sein Land behalten zu können führt Helena ihr waches Wesen mit Courage ins Geschick, vervollkommnet mit neuem Werkzeug das Bernsteinhandwerk. Eine noch größere Macht schiebt sie an, um den bernsteinhell sprechenden Augen von Tilly entgegen zu wachsen. Zu ihr geführt durch einen verzwickten Zufall und Schäfer Vedder, der Helena die siebenjährige Tochter des Jenischen Händlers bringt und ihn, krank von der Rettung eines Ertrinkenden im Swinemünder Hafen. In Helenas Scheune und Kate endet deren Reise von Eilenburg über das Lärmen in Rostock und Stralsund. Friedels erotischer Magie entgeht Helena, nimmt nach seinem Tod Tilly zu sich. Infolgedessen wird Jos' Tod aufgedeckt als offensichtliche Drangsal des Agenten, der an Geschäftspraktiken für Danziger Kaufleute festhält, ebenso wie sein gegen ihn intrigierender Gehilfe Krischan.
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Seitenzahl: 601
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Roma Hansen
bernsteinhell
Usedom-Ostseeinsel-Roman im Milieu von 1889
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Epilog
Impressum neobooks
An der Ahlbecker Chaussee trotten schrittgleich zwei Pferde in edlem, und trotz andauernder Pflege abgenutzten Ledergeschirr vor einer schwarzen Kutsche. Sie bemerken nicht, wie aufmerksam aus einem Seitenfenster ein greisenschwaches Augenpaar auf die See späht, nach den Fischern des wie erwartet einlaufenden Kahns, in den eisigen letzten Tagen des Januar 1889 vor der Ostseeküste.
Auf den Kahn keine Neugier richten zu sollen, das spürt der Kutscher. Hinter ihm vibriert unter mehrmaligem hölzern harten Klopfen die Wagenrückwand, vor der er draußen sitzt. Er schnalzt, das Gespann trabt voran am Schnee. Den Nüstern entdampfen nun weiße Nebel, nur kaum solche, die ebenso abrupt und blitzgeschwind die Kutsche umwallen. Knapp nur noch, sieht der Kutscher des Steuermanns Arm im Kahn aufwedeln, wenig mehr.
In die Schwaden fliegt ein von der See feuchtes Knäuel. Es wickelt sich ab, und es vertraut den fünf schwieligen Fingern. Etwas von derer Wurfgewalt lässt das Tau schlingern im Kampf der Nebel im Vormittagslicht. Voraus in donnernde Dünung klatscht sein Ende, mitsamt dem Ruf „Helge, zieh an!“
Zur Strandgischt blinzeln drei nahe beieinander Schulter an Schulter Wartende. Darunter Helge, der, mit der Furchtlosigkeit eines Heranwachsenden, an seinen Helferpfennig denkt. Das Tau fischt er auf, nass bis zur Brust seiner derben Jacke wird er.
Die beiden in Ölzeug gekleideten Fischer springen über und stapfen seitwärts. Nur der Bootsmann schaut zurück zu Helge. Ihn ermahnt seine kehlig krächzende Stimme, hinweg über das Tosen: „Der Kahn kippt! Mach hinne, sieh die Heckwelle! Sichern!“
Teils unter Netzgewirr hervor quillt schon eine glitschige Menge in den Sand, bevor Helge die Reling könnte stützen. Des Bootsmanns Arm gestikuliert zu den Strandhütten. Er aber dreht ab, um, wie der andere Fischer, Helges Vater, sich wenige Schritte ferner nach abgenutzten Rollhölzern zu bücken.
Helge spurtet zur Gekrösetonne, rollt sie hinab, schaufelt mit beiden Armen die Heringe des großen Schwarms hinein, für den in der Sturmnacht wie üblich drei Strandfischer ausfuhren. Dies beunruhigt ihn bodenlos, als er den Bottich hoch wuchtet, den Sand der Hände flüchtig an die Jacke reibt, und bei den Hölzern hilft, über die seit ewig der Fischer den Kahn bei holt, den Fang für die Salzhütten.
Dort steht, neben der vermummten Frau mit Strickmütze, eine junge Frau, zierlich im Wuchs. Zum Wintermantel trägt sie ein Kopftuch, in das sie die Schultern hoch zieht, weder Blicke für den Fang hat noch das Boot. Zur See starrt sie. Seit den Minuten der Ankunft verrinnt ihre Zeit in taumelndem Suchen auf jeder Woge, jedem weißlich-braun gekrönten Gischtschwall.
„Joos blieb draußen in der See, Helena“, knurrt die Stimme des alten Bootsmanns im Annähern. Auf ihre Schulter sackt seine Hand schwer, indes sein stoppeliges Kinn trotzig zuckt. Selbst ihm klingt die Mitteilung zurechtgelegt. „Keiner konnte Joos retten. Über Bord ging er - tauchte nicht mehr auf.“
Seine letzten vier Worte befördern Helena in eine Welt aus Trümmern. In ihre Nase bohrt sich Ekel erregend der Geruch von des Bootsmanns Hand. In jähem Dreh schüttelt sie seine Hand ab.
Der Alte rückt direkt vor sie. Helenas Gesicht ist weiß wie Muschelkalk, als ob darin alles Blut gefror. Ihr dumpfer Blick verführt ihn, so eisenhart wie die Krallen an seinem Kahn die Reling umspannen, so auch Helena von den Salzhütten fortzustoßen.
Könnte der Fischer - wäre er in der Verfassung seine Tat zu deuten, versinke er vor Scham im Sand. Nein, ihm liegt mehr an Erleichterung. In seinen Gedanken brodelt es giftiger als aus seiner Meldung herausklang, von seinem Verlust. Und daher wendet er sich ab von der zierlichen Gestalt, deren Tuch am Kopf eine Sturmböe hinten hochschlägt. Ihren Haarzopf im Nacken tränkt der Nebel grau, an anderen Tagen schimmert daran blonder Glanz. Helena bewegen mechanische kleine Schritte, sie wankt in den kniehohen Dünengräsern oberhalb - und versinkt.
„Vater, sieh!“, ruft Helge im Klang seiner Herztöne, die in ihm stolpern, seit der Steuermann Helena grob stieß. Vom Dünengras absehend, wedelt er seine Arme hinüber zum Vater. Weder rührt der sich, noch blickt er ihn an. Seine Sturheit kennt Helge und eilt aufwärts, scheucht zwei Möwen aus dem Nestlager. Sie stieben kreischend fort, kehren gemeinsam heim. Vor nur einem Flügelschlag von Zeit aber brach Einsamkeit über Helena herein, ermisst Helge in seiner Unschuld. Er springt der Gestürzten zur Seite, um am Weg zu ihrer Kate bei der Feuchtwiesen ihre Last mitzutragen. Mit aller Kraft rappelt er Helena hoch, umfasst ihren Rücken.
Der Bootsmann leckt mit der Zunge in die Lücke seiner unten verbliebenen Zähne. Helge entkam ihm, wie er dem Elend und der Ahnungslosigkeit in Helena. Ihm selbst dröhnt in seinen Ohren die Brandung, sein ureigener Herzschlag und doch voll Bitternis. Einen Blick von seiner Frau möchte er erhaschen. Doch sie wendet sich mit der Hand am Mund um zu Helges Vater, der seitlich abgedreht mit hängenden Armen zur See vorausblickt.
Ihm verdirbt die Sache unangemessen stark den Blick hinaus, kaum beachtenswert, denkt sie diffus. Ihre Arbeit wartet. Sie beugt sich, schlägt unter ihrem Mantel den Rock auf, zieht ihr Fischmesser aus einem Stiefel. Im Aufrecken entrinnt ihrer Lebenserfahrung ein abgeklärter Gedanke, ein saurer Gruß aus verbittertem Gemüt: Die Häscher brauchen keinen wie Joos, keinen unbeugsamen Querulanten. Sein Untergang zertrümmert zwar Helges Vater den Sand unter den Füßen, aber mehr darf nicht sein. Punktum.
Ihre Schultern drückt sie zurück, und blickt zu ihrem Mann. Inmitten der Nebelwogen schüttelt er seine drängenden Gedanken ab, wohl zu Recht. Um ihr Heringseinsalzen nicht zu vergiften, beachtet sie ihn keine Minute länger. Sie wäscht den von Helge in die Tonne gefüllten Heringen den Sand ab, schlitzt sie auf. Blut und Gekröse spritzen heraus. Aber sie ahnt weit mehr ihrem ergrauten Mann bevorstehen. Das gewohnte Unvorhergesehene, den Dunst des Agenten, sein ungnädiges Blut. Seine anmaßende Macht wünscht sie sich weit weg, so wispert auch ihr Messer.
Solche unerwarteten Vorgänge, und die plötzlich zerfledderte Haltekraft unter Dörflern, die Saat von Unverständnis und mangelhaftem Beistand und mehr fürs Schüren von Furcht, obliegen dem seiner Arglist verpflichteten Agenten. Früh am Nachmittag erreicht seine schwarze Kutsche den nächsten Treffpunkt am Feldweg der Peenefurt an der sieben Kilometer langen Bahnbrücke von Karnin.
Nicht des Agenten habgierige Geister oder nur die im Nebel, bewegen deren sechsundzwanzig Meter breites mittleres Hubstück. Die Zuggewichte der Brücke lassen die Schienen auf Platten wie einen Fahrstuhl herabgleiten und scheppernd einrasten. Von den Streben des alles überspannenden, geschwungenen Gestänges platschen Eisbrocken in die schwarz wie Blei kabbelnden Wellen.
Herüber vom anderen Ufer quert ein Zug mit Lastwaggons die Brücke, daran quietschen Stämme, gesichert mit Ketten, für das Ahlbecker Sägewerk, und allerlei Gerüste des Bauhandwerks. Der Qualm vom Schlot der Lok steigt in den Nebel, den der frostige Ostwind anhob, doch braune Schwaden über den Feldweg deckt, wo ein hochrädriger Einspänner wartet.
Unter dessen Dach kauert, haltend den Zügel vom feurigen Traber, ein Helfer des Agenten, Krischan. Er hat einen Leinenbeutel mit rohen Bernsteinen, an deren Leuchten in Gold er nicht denkt. Er kaut an rissigen Lippen, ebenso wie am Drangsalieren, das ihn immerzu verfemt und ächtet. Prompt verätzt ein Tropfen dreister Bosheit sein Überlegen, schmerzt in der Nase und dem blau geäderten Wulst daran. Wie seit der Hetzfahrt herbei von Ahlbeck. Als Lehrer Johann ihn aufhielt, tadelte bei einem Heilsgequatsche, nur bestimmt für die Bernsteinsammler.
Der allseits beliebte Lehrer dreht bei meinem Heil den Hahn nicht zu!, wütet Krischan vor Rage, in der ihm Kaiser Wilhelm II. Bernsteinmonopol blinkt. Das verhagelte seinem Dienstherrn, Mittelsmann Danziger Kaufleute, einst das Grünzeug. Aber dessen Heimtücke brachialer Überwachung presst alles Denkbare aus den Küstensammlern heraus. Denn reiche Adern, wie in alter Sage die Bernsteinhexe im Streckelsberg fand, findet ein schlauer, zäher Greifvogel in anderen Bergen, randaliert im Inneren Krischan hinein in den Hall des Dröhnens auf den Schienen über dem Wasser.
Der Hall lässt nach. Nun wirft sein Traber den Kopf hoch. Leises Klirren unterlegt das Gerappel der Kutsche, die wenig fern anhält. Aus der Tür heraus fährt ein Gehstock, am Knauf krümmt sich ein winkender Finger. Und dorthin schlendert Krischan hinüber, als ständen Banalitäten an.
„Dag, Krischan.“
Der bieder in feines Wolltuch gekleidete Alte, seine Beine umhüllt eine Webdecke, fixiert ihn wie ein seniler Geier aus eng stehenden Augen minutenlang. Schließlich wischt er über seine schiefe Nase, zieht eine Börse aus einer Manteltasche.
„Danziger Kaufmannsgesetze bleiben Gottes Gesetz,“ ertönt dröge seine Stimme, in ein Krächzen gedämpft. „Strandsammler rühren sich. Bist du mit Swinemünde durch, klappere die Usedomer ab.“
Krischan taxiert die Börse. Wieselflink dämmert ihm etwas, das heraus muss. „Die verschieben ihren Bernstein selber. Für eine Reichsmark wird keiner denunziert, deine fetten Zeiten sind längst rum.“
Widerspruch hat der Agent keinen erwartet. Sein Kinn klappt faltig herab an den Mantelkragen.
„Läuft die Tour miserabel, pack Riemen ein, leg Feuer unter deren Mors! Ich mache den Rest, du bist bloß mein Knecht! Pah! Und dafür nimm hin deinen Lohn, Schmarotzer!“
Wie jedes Mal nach Austausch von Börse und Leinenbeutel, trommelt der Gehstock auf die Tür. Der Kutscher schnalzt den Pferden, und die Kutsche biegt bald darauf in einen Seitenweg ab.
Auf die Brücke blickt Krischan, dort heben sich gurgelnd die Bodenplatten der Schienen. Tief im Wasser der freien Durchfahrt nähert sich ein mit Fässern voller Kahn unter braunen Segeln.
Krischans Nase prickelt. Heraus gärt niederträchtig, was ihn den Agenten gänzlich vergessen, an nur eines denken lässt: Am Swinemünder Markt entlädt der Kahn Schwarzes, längs des abblätternden Namens Helena. Die bringt Glanz in schnöden Alltag! Und Eggebrecht! Der greift zur Ladung wie nach einem Strohhalm, damit sein Kopf oben bleibe, ihm sein Swinemünde nicht vollends absäuft. Ich bin also gar nicht mit Observieren durch. Kiek eens det an, der Nebel wäre geklärt!
Krischan springt mit entkrampften Knien hinter die Zügel, bringt den Einspänner in Position.
An einem Nachmittag im Februar quert des Lehrers Einspänner von Ahlbeck herbei den Wiesenweg. Kurz darauf fährt er in den von Schnee überkrusteten Hof der Kate hinein, deren Fachwerk höher reicht als bei anderen in der Gegend. Über den Stufen öffnet sich die massive Eingangstür. Helena tritt heraus. Ihr Kopftuch umrahmt die Stirn wie ein Riegel vor inneren Welten, den Rinden gleichend im nahen lichten Wald. Der Lehrer geht zu ihr, ihn begrüßen reglose graue Augen in blassem Gesicht.
Er folgt ihr hinein in die Kök mit den soliden Schemeln aus Grünebergs Ahlbecker Zimmerei, an den Wänden verteilt sind eine Truhe und robuste Regale, am Milchtisch das Durcheinander der Kannen. Düster wirkt der Raum trotz des Glühen im Kaminfeuer und dem am Tisch hell schimmernden Kuvert.
In den Lehrer huscht eine Ahnung. Er setzt sich, wie er es vorgehabt hatte, an den Schemel am Tisch, und stemmt die Stiefel darunter, der Fahrtwind versteifte ihm die Beine und jetzt auch den Abstand zum Brief. Er zieht den Filzhut vom Kopf, dreht ihn in der Hand, streicht behutsam seinen korrekten Seitenscheitel nach.
„Nur kurz sehe ich heute herein zu dir.“
Er mustert ihren Seemannspullover. Lang wie ein Sack hängt der über den dunkelblauen Wollrock, der zu den Stiefeln reicht, die sie im Haus trägt. Blitzartig geht ihm auf, dieser Pullover wärmte Joos, ihm nahe will Helena sein! Doch an ihr ist mehr. Nachlässig gebunden hängt ihr Zopf unter dem Kopftuch, ihrem Äußeren widmet sie vor Gram keine Pflege. Ihre Augen wirken wie das Wasser in einem Gebirgssee. Lehrer Johann erinnert seine Wanderung, einst über die Lande. Er fand an einem solchen See für sein Herz den möglichen Anker in jeder Lage, und im Glauben an seine Berufung. Deshalb sitze er nun auch hier bei Helena. Mit väterlicher Güte mag er ihr helfen, und fragt sich doch unbehaglich, ob es gelingt? Sie macht nicht den Eindruck.
In Helenas Geist ringen noch zäh seine Worte der Begrüßung. Sie streckt langsam eine Hand, deren sonst zupackende Kraft wie erloschen nach dem Brief greift, der anfängt: Besinn dich, zieh her, nimm Anstellung bei einer Pension in Swinemünde. Und diese harsche Aufforderung brennt in ihr. Nur der Truhendeckel kann ihre Aufmerksamkeit davon abziehen.
Die in Jahren gedunkelte, lederbeschlagene Holztruhe öffnet Helena, legt den Brief hinein. Krachend fällt der Deckel herab, pufft den Staub seiner Rillen seitlich heraus. Helena zuckt mit weiten Augen zurück. Ihr wirkt der Deckel wie ein Spiegel der gefährlichen Gegenwart voller scharfer Kanten, und sprengt ihr den Mund auf, sie wendet sich um.
„Ach, Lehrer Johann! Der Brief der Verwandten ist wie jede andere Belästigung, seit Joos mich als Witwe sitzen ließ! Mich ändert das doch nicht! Ich will nicht inne Backsteinvilla, mit runzlig engen, hochnäsigen Mündern voll! Auf keinen Fall lasse ich mich als bemitleidenswertes Anhängsel betiteln, und fürs Schöntun begehrlichen Herren in Swinemünder Salons vorführen!“ Feucht blinzeln ihre Augen den Lehrer an, und fordern sein verständnisvolles Zuhören. „Verwandtschaft schwimmt auf eigene Weise. Mir sind Heringe und Aale in der Beek lieber. Alle Male treibt sie ihre Gleitfähigkeit an, die brauche ich jetzt.“
Helena spricht in der kernigen Schwermut, mit der sie sich selbst seit dem tödlichen Sturm von allem Winterleben ringsum trennt. Der emphatische Blick des Lehrers verlangt danach, ihre Wehmut zu erklären, aus ihrer Kehle sprudeln zu lassen. „Wachtmeister Karl zeigte mir den Polizeibericht, nur eine Bestätigung der Rückkehr ohne Joos. Seither meiden mich Fischerfrauen als hätte ich Krätze.“
„Wie konnte das nur passieren! Sonderbar“, wirft der Lehrer ein, und sucht ratlos nach dem Grund für die voreingenommenen Gemüter, und seinem sonst flüssigen Trost bei derlei Geschick.
„Die Wetterlage nur, die könnte den tödlich endenden Unfall erklären.“
Sein leiser Kommentar lässt Helena seufzen, von allem, was ihr vor Augen steht. Sie entlädt sich mit einem Wortschwall. „Ich will nichts von denen, die in wortkarger Einfalt mich übersehen als wäre ich nicht mehr! Lieber horche ich, ob Joos nicht doch übern Hof latscht, vor der Treppe grunzt, sich der Stiefel entledigt. Auf Socken steht er nie wieder im Türspalt, nie mehr umarme ich seinen nach Fisch stinkenden Pullover! Na, ich erledige, was jeder Tag fordert. Doch Sprotten und Dorsche vom Fang draußen, Flundern von der Küste, die Joos heimbrachte, die fehlen mir wie er. Aber niemals gebe ich mein Land auf! Diese Scholle bleibt mein, auch wenn ich allein mit allem dastehe.“
„Ach, Kind! Setz dich her! Allzu kurz halte ich heute meinen Kondolenzbesuch doch wirklich nicht.“
Bevor Helena gegenüber am gedrechselten Schemel hockt, legt er den Hut zur Tischkante, knöpft den Mantel auf, lockert den vom Alter gebeugten Rücken. Zeitgleich mit seiner Einkehr geht ihm auf, wie widerspenstig Helena den geltenden Leitrollen trotze.
Sie befolge eine Königsdisziplin, und rackert sich ab, würde bald in lichter Neugeburt aus der Asche steigen, schneller als Fischweiber zuwege brächten. Ja, da er sie trimmte, nicht nur der literarische Damenkreis seiner werten Gattin Emilie, die ihnen passable Traditionen vorlebt. Was wäre, sorgte sie nicht dafür? Und für mehr, weil in Ahlbeck auch einmal eine Kirche stehen soll. Mager wäre seine Sammelbüchse, hänge sie einzig an seinen Sohlen. Rasseln Damen, sind Herren spendabel bei den so viel versprechenden Festen, wo er sich allem Widrigen stelle, und danach die Büchse verberge im günstigen Moment daheim, wo Emilie die Magd Rosa nicht auf Schleifspuren im Staub aufmerksam machen könnte. Mit Staub lebt Emilie in Fehde. Sie würde sogar die zehn Trauerränder unter Helenas Fingernägeln kritisieren, und wohl auch die tröpfelnden Augen.
Kurz sieht er an ihre unaufhaltsam rinnenden Tränen und rasch weg. In Helena geht vieles vor, ihm reizvoller als seine Dramen zu Hause. Der Lehrer tastet mit auf- und niederfahrenden Fingern in seinen Spitzbart, und löst den Kiefer zum Sprechen. „Ja, weine tüchtig, das erlöst und erleichtert. Irgendwann betrachtest du den Kummer wie einen ausrangierten Hut, und begreifst das als von dir gemeistert. Oder muss ich Emilie um etwas Mütterlichkeit bitten, die dir Trost spenden könnte?“
„Kaum ihr Talent. Deswegen fehle ich vorerst im Kränzchen. Ach, Lehrer Johann, meine Not schabt mich ganz hohl. Wird mir dieser harte Tisch aufdecken, was mich wahrhaft erlöst? Niemals brach er unterm Essgeschirr zusammen, alle Viere ausgestreckt.“
Helena wischt mit einem Ärmel über ihre Wangen. Unter dem Nässeschleier der Wimpern schaut sie an des Tisches Maserung, kratzt mit allen Fingernägeln darüber. Sinnlich in ihren spürenden Fingern unterwegs, schaut Helena von unten herauf.
„Übriggebliebenes als gemeistert erkennen?“
„Bei deiner Nachlese. Du hast Joos’ Eigenarten oft beklagt! Dem entgegen riet ich dir, lege die nicht auf die Goldwaage.“
„Mit Unzen war der nicht aufzuwiegen! Unter seinem Betragen litt ich einst mehr als eine Goldwaage verkraftet.“
Der Lehrer neigt sich vor und dahin auch den Funken in seiner Absicht. Erregt springen ihm seine Augenbrauen hoch zu den faltigen Gebirgen an seiner Stirn, die jetzt weit mehr noch gefordert ist.
„Ja, eure zurückliegende Zeit füllte Waagschalen, so groß wie Badekübel. Verkläre die nicht wie eine Trauernde, die Leere mit Glorifizierung füllt. Immerhin warst du jahrelang geduldig mit Joos. Diese Kraft setze wiederum ein, gegen den Kummer.“
Nun scheint dem Lehrer, er müsste sich den Schaum vom Mund abwischen. Er faltet die Hände auf der Tischkante, sammelt sich und wagt ein feines Lächeln bei seinem nächsten Rat.
„Ein Zauber steckt im Detail, meint Meister Fontane. Doch meinen andere Weise, es stecke im Detail der Gottseibeiuns! Er trete ein, wenn wir einzig hadern mit unserem wenigen Guten!“
Helena reagiert weder auf sein zahmes Lächeln, noch all die Hintergründe seiner Erregung. An die Tür der Stube blickt sie, daran klebt breit eine Erinnerung.
„Joos schlich oft beunruhigt fort. Hinterher nörgelte er, ich käme ohne ihn zurecht. Ernüchternd war das, ohne Zauber. Ab und an bringt auch Emilie bei mir so etwas zustande.“
Sie wechselt schon einen wissenden Blick mit ihm. Still fragt der Lehrer sich, wie oft sie im Ehealltag an einem Unabwendbaren verzweifelte. Irritiert sieht er Helena an. Doch er kennt ihr Mienenspiel und sieht einige dunkle Gedanken aus den emotionalen Ereignissen im Damenkreis weit fort eilen.
„Sowieso erinnere ich kaum Mütterliches. Einzig mein Name gibt ab und an dazu Anlass. Weil viele Leute denken, sie hätten sich verhört und nennen mich Helene, nach der Äbtissin von Bülow. Wie können die annehmen, ich wäre so fromm wie sie?“
Dezent spielt Lächeln um ihre Mundwinkel. Sachte liebkosend berühren ihre Hände die Tischplatte. Offensichtlich verflog ihr Groll, sagt dem Lehrer ihr Blick grauer Augen, der ihn leichter atmen lässt. Und schon dreht er den Kopf zum Fenster, sieht zum Wandbord darüber, den Reihen der Köppen aus glasiertem Ton, zu den Schatten dahinter. Im Augenwinkel erfasst er, Helena folgt seinem Blick nicht, sitzt nur aufrecht, in sich gekehrt. Keine Chance auf die behagliche Wärme eines Tees, denn vom Kaminholz brennt nur noch die Glut. Rede er also von ferneren Welten, um Helena mehr anzuregen.
„Sei stolz auf den Namen der Halbinsel Hela, den dir einst deine Mutter gab. Ah, ich sehe das Eis im Februar vor mir, woran die Kegelrobben ihre Jungen säugen. Es war schon so, bevor dort das Toben der Fluten die Ausgleichsküste erschuf.“
Aus solcher Ferne krabbeln nach Helena gierende glitschige Tentakelquallen, die sie niederdrücken. Helena knickt ein. Nun eingefangen von ihrer frostigen Kindheit, klagt sie schroff:
„Die kalte Ostküste kennzeichnet den familiären Stall, dem ich angehöre. Der eisige, schneidende Ton im Brief meiner Verwandten erinnert daran. Zu dem wuchs Mutter in Urgroßvaters Heimweh und Sehnsucht auf. All dem entspringt mein Name, obschon sie riet, ich soll mehr daraus machen, eine Helena wäre nicht irgendein Weib. Ablegen will ich meinen Namen nicht, doch die frostige Tonlage in der Familie grub sich ins Gemüt. Ja, ja, die muss mich umso mehr fürs karge Leben stärken!“
Nicht in diese Richtung wollte der Lehrer schwenken. Heftig und laut atmet er. Helena will er seine Hand reichen. Schließlich kam er deshalb. Aber konnte er ahnen, in welch freudloser Tiefe sie heute fischen würde? Ihm steigt dennoch eine kleine forsche Idee für eine gelingende Ablenkung in den Geist. Vor nur wenigen Minuten tröpfelten Helenas Augen. Nur trockene erkennen Neues. Suchend sieht er zu den behauenen Deckenbalken, und startet in eine Wende.
„Ach, glückt mir nicht, dir dein sonniges Gemüt herüber auf die Goldwaage zu locken? Oder doch? Ich jedenfalls bestaune bei jedem Besuch die Höhe oben, die breiten Dielen, gut erwogen von Joos’ Eltern, da sie nah der Feuchtwiesen bauten. Es sollte für alle Ewigkeit halten.“
„Du springst von Hölzchen zu Stöckchen, um mich aufzuheitern.“
Nun wähnt Helena, den Verlauf seines Besuchs neu bestimmen zu sollen, derhalben prickeln die fünf Fingerkuppen an ihrer Rechten unmissverständlich. Sie deuten zu den Bodendielen. Dahin führt ihre unumstößliche Instanz das Ruder und weist sie an, mit den gefühlten Impulsen sorgsam umzugehen, und mit denen ihres guten Freundes. Sie faltet die Hände, stillt das Prickeln, und kann sich sortieren.
„Mein sonniges Gemüt liegt brach, dazu mag ich nichts mehr erklären. Aber zum Bau von Joos’ Eltern vermag ich zu sagen, er war wegen dem Käsekeller gut erwogen, denn die Großmutter ließ sich ihre Milchkühe nicht ausreden, als sie in diese Kate einzog.“ Helena bemerkt im hellen Blick des Lehrers sein Begehr. Aber vor hat sie nicht, in den Keller zu gehen. „Eigensinnig war Großmutter, behielt ihre Käserei bei, wie Joos meinte, der ihr unendlich nachtrauerte. Mir drängte er die Schinderei mit den Laiben auf, zusätzlich zum Backen, das ich zum Glück schon konnte. Aus der Seitenklappe meines im Rauchfang eingemauerten Brotofens steigt kein Dunst von frisch gebackenem Krustenbrot. Zu lange her, Lehrer Johann! Nur Seufzen kann ich!“
Sie schrappt mit den Nägeln abermals über den Tisch. Das Gekratze ist dem Lehrer geläufig von den Tischen in der Schule, er verbirgt es hinter einem nachsichtigen Blick.
„Deinen Wert vergiss trotzdem nicht. Fühle dein Besonderes! Du lebst auf, wenn du auf dem Acker stehst, halte ihn wach als dein Wertvollstes. Mach es wie dein Ahnherr, der Osthändler, er schipperte an unsere Küste, ihm gefiel unser Inselchen.“
Verdutzt von seiner Kehrtwende, auch herausgerissen aus ihrer Schwermut, streichelt Helena ihre hohen Wangenknochen.
„Ich erbte eine mit einer Bernsteinrosette verzierte Truhe, worin er Urgroßmutter Eli ihre Brautkette aus Bernstein übergab, und dann sein Geschäft gründete. Die Familienchronik besagt, er erlitt unter Heimweh nach dem abgekehrt von offener See liegenden Ort Hel. Ihn erlöste der nach Swinemünde rollende Aufschwung nicht davon. Noch herber zogen ihn die Bankrotte der Kaufleute hinab, jeder Stein der Villa raubte seinen Frohsinn, aber seine innere Instanz couragierte ihn, seine Familie über Wasser zu halten. Ich halte ihn dafür in Ehren, werde gleichlautend den Swinemündern antworten, denn ihm verdanken sie ihren Wohlstand.“
„Stimmt, Helena. Niemals hätten deine Verwandten auf der Halbinsel Hela den Luxus einer Stadt wie Swinemünde. Doch höre, so sensitiv austrocknen wie dein Ahnherr könntest auch du. Ich will dich darauf hinweisen, und ...“ verklingt seine Stimme.
Denn Funken sprühen Helenas Augen. Rosiger Glanz steigt in ihre Wangen, während sie kräftig noch einmal darüber reibt.
„Sag, was du willst, aber Warnungen schlage ich in den Wind! Vor Swinemünde graust es mich. Ich behalte mein Land, das kein bauwütiger Herr kaufen würde, so nah den feuchten Wiesen. Deren Duft der Erde trägt mich wohl oder übel durch die Widrigkeiten! Und ich wünsche mir auch gar nicht, dich zu verlassen!“
„So ist es mir Recht!“
Lehrer Johann erfasst - kurz in sein Anliegen spürend - es wurde zu Nichts aufgelöst. Helena trieft nun vor Lebendigkeit. Ausgenommen bei dem Einen.
„Deinen Verwandten sende einen respektvollen Brief! Du bist nicht wie sie, sonst hättest du keinen Ärger. Das bedenke einmal. Aber danach auch, dann vermeide harte Worte, denn die festigen auch in dir die Tristesse.“ Zufrieden nickt er ihr zu und zieht die Stiefelabsätze unter sich, jetzt im Sprung bereit, aufzustehen. „Helena, ich eile, käme ich noch später, knurrt Emilie sonst beim Essen. Dem ist vorzubeugen. Bringe mich zur Tür.“
„Ja, sollst kein Nachsehen haben. Ich beherzige auch deinen Rat für den Krempel der Lüüt. Und weil ich meinen einzigartigen Urahn verehre, gelingt es meinem Wesen sicherlich, allen, die mich aus der Dorfgemeinschaft abdrängen, die Stirn zu bieten.“
Helena begleitet ihn. Vor der Katentür winkt sie zum Abschied. Des Lehrers Magenknurren hört sie nicht, aber sieht ihn verschmitzt lächeln und den Hut in die Stirn rücken. Ihm erleichtert ihre so lebhafte Geste seinen Heimweg.
Unterdessen bückt sich Vedders schlanke Gestalt im nahen Wald beim Acker unter einer blattlosen Buche. Vor einem verschneiten Beerengestrüpp zerrt er einem Kaninchen eine Schlinge vom Hals. Er richtet sich auf, drückt die Fellkappe aus seiner Stirn. Wie eines seiner Schafe, von dem er felsenfest glaubt, es sieht arg schlecht in die Ferne, späht er aus seinen kurzsichtigen und so hellblauen Augen wie die Ostsee im Sommer schimmert, zu Helenas Kate. Soeben rollt des Lehrers Kutsche vom Hof, und Helena geht schon an der Hintertreppe nach draußen.
Vedders Herzschlag hüpft ob ihrer zauberhaft eiligen kurzen Schritte! Sie treffen ihn mitten ins Herz. Dies täte auch die quietschende Tür, würde sie endgültig zufallen, allerdings mit einem wehen Stich, tief bohrend in seiner Brust.
Er luschert gebannt. Helena fingert eine blonde Strähne unter ihr dunkles Kopftuch, und schaut zur Schneekruste am reetgedeckten Dach, mustert den Qualm am Schlot. Sodann stapelt sie Scheite auf einen Arm, steigt damit hoch. Vedders Atem stockt. Sofort weiß er, sie kommt noch einmal. - Da! Schon geht sie wie ein Schemen herab, vom grauen Pulloverärmel unter der Fellweste wohl kleine Hackspäne zupfend. Diesmal umrundet sie die Holzlege bis zum Anmachholz, stampft davor laut auf.
„Rattenviecher, fort mit euch!“, fleht Helena, und trampelt auf den gefrorenen Schnee. In Angst vor den Nagern, rafft sie schleunigst Anmachholz an sich, eilt in die Küche, wirft es in den Kasten am Kamin. Das Feuer an den Scheiten prasselt inzwischen. Sie geht zum Fenster zum Hof, schaut hinaus auf den sich übergangslos aus der vom Winter grauen See sich kaum hebenden Horizont.
In ihre Erinnerung steigt, angespitzt vom Gespräch mit Lehrer Johann, was Urgroßmutter Eli gescheit und erbaulich in der Familienchronik schrieb: Wo es ging, gebrauchte ich meinen Willen, sah hinter den Horizont. Dort tummelte sich allerhand, weniges nur konnte ich erreichen mit reichlich Geschick.
Kaum ein Moment der Besinnung verstreicht, schon rumort in Helena ein winziges Bruchstück voller Tiefgang: Eli, was nützt deine Weisheit! All mein Wille ertrank mit Joos! Einsamkeit alarmiert mich, wie meine Kuh, fällt sie in Hitze.
Von der Fellweste löst sie ihre verschränkten Arme, umgreift das Fensterbrett, betrachtet nun doch das eigenartige Licht am Horizont. Eine schneeschwere Wolke teilt ein Strahl Abendsonne. Helenas Lider dämmen nichts des blendend hellen Lichtflirren, der golden phosphoreszierenden Farben, die ihr Augenlicht umkehrt in einen hellblauen Abdruck, und Frieden und Geborgenheit vor den Klumpen im Gemüt senden. Der stirbt, das Friedliche hat Bestand, verkrümelt sich nicht. Helena sieht herab an den Hof mit seinem Sinn, mit dem gepflastert - auch wenn darauf Schnee liegt - was sie wäre, könnte sie warten. Helena lugt aus schmalen Augen ins Abendlicht, darin flirrt ein Regenbogen. Der bunte Fingerzeig überträgt ihr eine Ahnung, die, wonach sie am Waldrand hätte forschen können.
Oft lockt der Kaminrauch um diese Stunde Vedder an, in ihre Fenster zu spähen. Riskiert er es heute erst im Dustern? Dann erwische sie ihn keinesfalls. Eher ein andermal, vielleicht. Mit dieser Ahnung daneben gelegen zu haben, spürt sie, und zeitgleich, wie wirkungslos sein Luschern wäre, ihr leeres Heim zu ertragen, sähe sie ihn in echt. Ein lästiger Gedanke. Dennoch prickelt ihre Stirn den Hauch unumstößlichen Vertrauens wach, eine Seelenantwort, die eine ganz und gar andere Wende meint.
Der Strahl des Abendlichts taucht ein in die Wolken. Helena wendet sich vom Fenster ab, legt mehr Brennholzscheite auf das Kaminfeuer, das ihre Kök und Schlafstube in dieser Nacht wärmt.
Vedder steht inzwischen an der Bretterwand der Scheune, wo ihn der Wind nicht gar so trifft. Er hört ein Muhen, riecht Heu und Gülle. Doch blinzelt er magisch angezogen in das Licht der Tischlampe im Katenfenster.
Helena verstrickt Wolle aus seiner Schur, im Herbst überaus förmlich vor seiner Kate erbeten. Sie sah seine steife Schulter an, die, im Sturz vor einen Holmen, seinem Tagwerk als Fischer das Ende gab. Helenas Blick war tiefgründig. Und, so glimmt in Vedder auf, über ihr wölbte sich im Mittagslicht ein violetter Bogen, eine gnadenreiche Faser. Kodderig wurde ihm, er rannte später um seine Kate am Schloonsee. Joos lebte damals noch. Er selber würde sie niemals verlassen, und immerzu beachten! Denn seither wurde sein Gemüt wieder froh.
Soeben trägt Helena Strickzeug und Öllampe fort. Die Stube dunkelt. Die Nachtkälte rückt näher um Vedder als ihm lieb ist. Durch das Tor schlüpft er, lässt den Jagdsack zu Boden fallen. Dunkel umfängt ihn, und das Schnauben der Milchkuh. Auf den Pfosten davor geht er zu, gräbt sich in sein Heulager. Inzwischen kennt ihn die Schwarzgefleckte, sie fällt auf die Streu nieder, keucht ins raschelnde Stroh, bevor sie einschläft. Ihre Rempler an den Holzstäben der Futterlege wecken Vedder. Es tagt. Die Kuh reagiert, bevor die Dämmerung das Helle auf die Scheune schickt. Vedder regt seine kühlen Glieder, stakst mit einem Arm voll Heu hinüber, wischt hernach Halme von der Hose. Das Tor öffnet er knapp zum Hinausschlüpfen. Vor Eile stößt er Atemwolken in den eisigen Morgen. Er muss die Schafe seines Stalls versorgen.
Den Holzriegel an der Hintertür öffnend, trifft ihn der vertraute herbe Geruch. Rasch legt Vedder den Jagdsack ans Gatter, greift über zu blökenden Köpfen mit hellem Fell zwischen hängenden Ohren, und geht vorbei.
Am Spiegel bei der Stubentür nimmt er die Fellmütze ab. Speckig klebt sein Haar am Kopf. Au weh! Er geht drei Schritte weiter in die Knie, legt Zunder in den Kamin, macht Feuer mit Zweigwerk. Nach und nach entweicht den Fingern der Frost, aber nicht im Geringsten ihm der Schock über sein Spiegelbild.
Erwägend hockt er am von Asche bedeckten Sims. Ja, Ella hätte ihm einen kalten Guss verpasst, mit festen Griffen den Kopf eingeseift! Sie schleuderte eher selber hin und her, statt ein hartes Wort zur Schluderei zu sagen. Umwerfend witzig war sie, ihr Geifern hörte er trotzdem heraus. Sie war mit sich unaufrichtig; starb daran. Ihm verblieb ihre Art als grüner Lichtblick. Und nun weiß er auch, mit Ella gab es keine so enorme Anziehung wie zu Helena. Mächtig, ja, und näher als die Wassergeister vom See, denen bloß am Schabernack und weniger daran liegt, einem armen Schäfer beizuspringen. Sind die einmal böse geworden und stur, dann schlägt man am besten Haken, die sie abschütteln.
Sein Schlenker zu Seegeistern setzt einen Widerhall in seine Beine, so, als steckten sie im Schloonsee, vom Rand hinein gewatet, von Sommerlicht umflort. Und schon werden seine vom Schnee bedeckten Stiefel schwer wie Blei, und das erreicht seine Knie, saugend wie der See. Vedder glaubt beinahe, es steige noch höher, rüttle und trete er sich nicht los aus dem dunklen Morast. Unbeweglich kauert er am Sims, ihn treibt etwas, größer und stärker als er selber, unaufhaltsam in den Sog. Er weiß weder, wie er hinein geriet, noch, wie er herauskommt. An den Beinen lecken Sommerwellen. Er schüttelt benommen den Kopf - was es noch schlimmer macht. Ihm schwappt eine plötzliche Welle vor, eine Vision reißt ihn mit.
Helena sieht er in ihre Scheune kommen, in deren dämmrigem Licht er hockt. Vedder sucht den Sog abzuwehren. Aber drückend fesseln Netze ihn in knotigen Maschen, durch die er einen Blick zwingt. Das Tor steht weit offen. Im selben Moment spürt er ein Gemisch aus frohem Frieden und banger Zurückweisung. Handelte er falsch? Verließen ihn alle guten Geister? Ein winziges Wissen erreicht ihn, weich wie eine in die Netzmaschen gewundene Alge: Helena lief ein Kind in den Buchenhain, um sich zu verkriechen als mutter- und vaterloses Tier. Helenas Schemen im Sommerlicht eilt dem Kind nach. Aber Vedder fesselt das Netz an seinen Platz. Doch jetzt und sofort kann er den Umstand, ein Kind würde Helena bestürzen, abschütteln.
Ah! Die Seegeister schicken wie eh und je an diesem Ort irritierende Gedanken, dem leichten Opfer ihrer Ränke! Oder, war es gut so? Mischt sich sogar Ella ein, sein grüner Lichtblick? Schon lacht ihr Witz in Vedders Gehör, erleichtert von Zauberhand seine Beine. Einher damit reißt ein unsagbarer Druck in den Augen ihm die Fäuste hoch. Der Schmerz vergeht halbwegs. Er weiß, Helena lebt ohne ein Kind. Die unsinnige Flut entspringe nur dem Wunsch nach Kinderhänden, denen er lehre wie die Funken im Leben fliegen. Voll Wärme brennen die, hinausgekehrt gehört nachher nur ein wenig von der Asche.
Höchst betroffen von dem, was ihn durch treibt, schichtet Vedder kreuzweise Scheite über die Glut. Bald knistert das Feuer. Er tunkt die Kelle in den Milchkübel, wärmt damit den Rest Grütze im Topf, kratzt mit dem Holzlöffel, fährt mit der Zunge nach.
Schließlich entlässt er am Gatter das Böckchen und öffnet den Verschlag der Herde. Die schubst vorbei, erregt mit den Schwänzen wackelnd, erreicht sie das schneebedeckte Gehege. Die Keckeren springen den Bock seitwärts an, hüpfen munter. Ein paar ihrer Bäuche sind trächtig. Vedder karrt den Dung zur Miste, sein Blick streift auf die hüfthohe Räucherstelle aus seegeschliffenen Kieseln. Sein Mund muss warten. Vorerst, einige Schritte ferner, schlägt Vedder in das Eis im Regenfass, schöpft mit den Händen Wasser und benetzt sein Haar. Kernseife reibt er an seine Kopfhaut, und hält beim nächsten Guss die Luft an.
Es tropft vom Kinn, als sein Haar am Kamin trocknet, in der inzwischen wärmeren Stube. Aus den Ecken steigt Modergeruch und muffelt krass. Zu nah am See liegt seine Kate, versinkt mit den Jahren im Grund. Vedder öffnet ein Fenster dem rauen Sturm, der die See aufschäumt, doch keineswegs seinen Entschluss mindert, die verwirrend klugen Ahnungen aus dem Gemüt zu treten, im Ziel eine Kiepe voller Fische vom Ostseefang.
Schon vor den Salzhütten blickt er voraus, und erkennt Helena mit einem Henkelkorb zu den Frauen gehen, die sich dort über Tröge bücken. Ein Blitz voll Magie zuckt durch Vedder, schlägt entzückend ein unter seiner Fellkappe, weit über die Ohren herab gezogen, und dann auch ein im Bauch. Lautlos japst er, tritt steifbeinig zum nächsten Fischer, vor dem er den Korb vom Rücken streift, und spröde den altgedienten Mann begrüßt: „Dag och. Allens en Maaten?“
„Sturmgebrus blev, dat kannst me glööven. Sust de Wind in Februar, reken up een godes Jahr.“ Bei seinen kundigen Worten füllt der alte Fischer den Korb mit silbrigen Heringen, patscht ein Dorsch obenauf, und seine Freude am reichhaltigen Fang.
„De Well’ hät allens geven. Hölpt för de Appetit. Helge is nu wech. De denkt, quasselt de Ohren up.“
Vedder hievt den randvollen Korb über seine Schulter, nickt ihm zu, und stiefelt schwer tragend im böigen Wind fort. Helena blinzelt er nach. Unter dem Sturm, der anrückt, würde er heute nicht mehr nach ihr sehen. Doch des Fischers Blick folgt Vedders, bläht seine Wangen. Bitter schluckt er an dem, was er spürt und denkt über das Unglück der jungen Frau. Er krümmt den Rücken, wendet sich ab.
Über Helena saust der steife Sturm hinweg, treibt sie voran am Pfad zu den Sanddornbüschen. Davor stellt sie den Fischkorb in den Schnee und bläst in ihre Hände, macht sie geschmeidig, denn die verhärtete nicht nur der Wind. Die sie musternden, sie mit Stolz verwünschenden Fischweiber.
„Ach, was soll es!“, ruft sie ins Sanddorngebüsch, „diese in dreister Unwissenheit Befangenen gehen mich nichts an!“
Achtsam für sich selbst, zupft sie schrumpelige Früchte von dornigen Zweigen. Danach hetzt sie mit sicheren Schritten ihren eigenen Fußstapfen folgend am Wiesenweg heim.
Später rieselt grober Zucker auf die Beeren. Goldener Sirup soll es werden, das Morgenmus süßen. Den Pott stellt Helena zum Köcheln neben die Glut. Sie rührt Graupen in ihre Fischsuppe im Topf am Haken, legt einen Kiefernzweig ins Feuer, setzt sich auf den Schemel davor und erschnuppert den aufsteigenden Duft. Untätig schiebt sie die Hände ins vorne überkreuz gebundene Schultertuch, nun fertig geworden aus der im Herbst fein gesponnenen Schafwolle. Sie betrachtet die Strickmaschen, das Licht und die winzigen Schatten darin. Unter dem Stricken saß am Tisch bei ihr ihre Einsamkeit. Die Hände regten sich, die Finger erschufen mit jeder Masche des wärmenden Stücks die Vollendung einer neuen Form. Und dabei prickelte ihre Stirn ihr zu, all die Maschen beseele ein Geheimnis, noch genau zu erfassen, es belichten im Traum. Nur soeben jetzt erhebt der harzige Duft des Kieferastes ihre Sinne zu Joos’ Vorvätern, die, waren keine Netze zu knoten, an Feuern saßen und strickten, vom Wetter gegerbte Kerle. Schließlich erfasst Helena nur noch, nie mehr Socken stopfen zu müssen, ihr hinterließ Joos löchrige Lumpen in ihrer Leere.
Mehr verdrängt die brodelnde Suppe. Helena deckt den Tisch am Fenster, entzündet den Docht im Petroleum. Im gelben Licht sitzend, zerdrückt sie Graupenkörnchen und Fisch auf der Zunge. Warm wird ihr. Noch eine Weile später, kocht sie einen Teil der gemolkenen Milch auf, setzt damit einen nächsten Käse an, rührt Sauermilch in den anderen Teil, lässt ihn über Nacht stehen.
Weit in der Nacht fliegt sie träumend in eine Dünenlandschaft, streift darüber und gleitet in eine Bucht mit wiegendem Schilf, das seinen modrigen Duft der Seeluft beimengt. An der sandigen Bucht jagt ein Fuchs einem Hasen nach. Ein Windstoß wendet wie von Flügeln aufgestellt den Kopf des Jägers. Der Träumenden wie eine stille Antwort, senden die Fuchsaugen einen intensiv von Bernstein beseelten Blick. Ins tiefste Innere hinein verankert sich dies, als die hetzenden Tiere zu winzigen Punkten im gelben Sand werden. Der Flug führt ostwärts. Auf einer goldenen Wolke erscheint ein von Gletschern geglätteter Findling. Darauf steht eine Frauengestalt, knochig und von einem Mantel umhüllt, deren in der Kapuze verborgener Kopf gen Strand weist. Das sphärische Gewahrsein der träumenden Helena lauscht nun magischen Worten.
Mein Kind, wachsam gehe, anstoßen wird dein Fuß. Wohin der zu heben ist, wie es mir misslang, das weißt du dann, bist du dir der Schatz, den du begehrst, mit dem du dich erlöst. Pendele dahin, wo du noch nicht stehst. Sei dir einen Schritt voraus.
Wie jedem Traum möglich, wandelt sich umgehend die Sphäre. Ein rosa Strahl des Lichtes bricht sich an der Frau, an Helenas Urgroßmutter Eli. An ihrem langen Mantel weht der Saum hoch von den Knöcheln, und befreit die Melancholie einer wunden Seele. Schon verblasst der Findling, liegt leer, milde salzige Seeluft streicht darüber in Böen, mehr und mehr daran rüttelnd.
In dunkler Kammer erwacht Helena erschreckt, das Dach ächzt im Sturm. Absolut mehr irritiert der Traum, und der Duft von Schilf in der Nase, klebrig wie für eine Anleitung, um den Lebensfaden frei von Fesseln zu erneuern. Und ihren Willen, der ihrem Erkennen folgt, wie weit es Elis Generation brachte. Helena zieht die Bettdecke über den Kopf, seufzt sich in den Schlaf.
Eine Stunde vor dem ersten Morgenlicht dieses Tages pocht vor die Hintertür der Swinemünder Hafenschänke mit beiden Fäusten Krischan. Es dröhnt in der Leere dahinter. Widerwärtiger noch, wähnt er den Dunst vom Abtritt im Hof hinter ihm zu wabern, doch der schiebt das Türöffnen auch nicht an. Oben fliegt ein Fenster auf. Der Knecht reckt sein Gesicht.
„Was willste? Hämmere nicht das ganze Viertel zusammen!“
Ruckartig gibt unter Krischans Fäusten die Tür nach. Einen Schürhaken schwingt die Magd heraus, und dahinter eine Laterne.
„Du also? Meinetwegen warte auf den Wirt. Komm herein.“
Wie ein lichtscheues Wesen flieht Krischan vorbei am Kamin zum hintersten Winkel, an die hölzerne Stiege zum Lager. Daran lehnt er, und riecht etwas feucht abgestandenes herabsickern.
Allzu vertrauter Brandweingeruch. Noch derselbe im Mix mit schalem Bier, dem Gammel gestockter Salzheringsfässer, und dem sauren Schweiß vom Wirt. Dessen schiere Gier roch er oft, bevor der Wirt ihn nur ansah, erfasst Krischan. Heute will er kein Dünnbier, koste nur ein Vermögen an Zeit. Blanke Münzen sollen tüchtig klimpern, am besten die von Eggebrecht!
Scharf sticht ihn der Dunst in seine Nase, in den Wulst am Ende. Krischan tastet hinauf. Noch kühl, keinerlei Regung. Lässt ihn sein Kompass im Stich? Den braucht er doch für die Swinemünder Vetternwirtschaft.
Wie zur Antwort - fast eigenständig, würden Krischans Knie nicht doch bange beben - klicken die drei Groschen in seiner Hosentasche leise aneinander. Umgehend endet das Klimpern, sie kriechen vor das Loch in der Naht, entgehen jedoch nicht Krischans rauen Krallen, die sie umkrampfen. Denn draußen vor den winzigen Fenstern beginnt es zu tagen. Wirt und Knecht kommen in die Schänke. Längst scheuert die Magd Holztische ab. Darüber streicht ein Stoßseufzer aus der Jacke des Wirts, und aus der Gegenwart heran, der Krischan sich zu stellen hierher kam.
„Wieder du?“, höhnt der Wirt, als wäre er ein Morgenmuffel nach einer langen Nacht vor nur dem Besäufnis anderer. Aber dann winkt er, recht aufgeweckt und herrisch wie stets, zuerst den Knecht zur Feuerung. „Fülle auf!“ Ohne jedes weitere Wort eilt er selber zur Stiege zum Lager, steigt hinan und voraus Krischan.
Der Knecht hechtet hinaus. Zurückgekehrt poltert er laut herum mit dem Holz, und spitzt die Ohren woandershin. Listig zur Stiege, heiß vor Neugier. Später, an der Straßenseite der Logierstuben, wo er oben wohnt, passt er Krischan ab.
„Ha! Das Schlitzohr treibt dich aufs Glatteis! Rede du mit Eggebrecht. Gegen zehn Uhr flaniert der am Hafen, wegen seinem Widersacher, dem Frachtmeister. Die Helena ist doch bloß eines von Eggebrechts Treiberkähnen.“ Er hält eine Hand offen vor Krischans Jacke. Krischan sieht auf die am Wasser steigenden Nebel. Also setzt der Knecht nach: „Was Eggebrecht entgeht, lagert die Schmiede am Stadtpark. Ich baue bald mit an der Marienkirche in Usedom, werbe fürs neue Dampfsägewerk schon Kameraden an, die sichere Münzen nicht vertrödeln.“ Mit schiefem Mund taxiert er die Groschen, die er einsteckt. Seine Tonlage verliert an Redefreude. „Wirst grade eben Bernsteine stemmen, warst inne Schule nur zum Kreideholen da. Schaff dem Schmied an, ich komm vorbei.“
Die Daumen hängt er in die Hosentaschen ein, schlenzt ab. Weder dem noch dem dreisten Tonfall des Knechts schenkt Krischan Beachtung. Er eilt um die Ecke, vorbei am Kurpark gen Schmiede. Bis zehn Uhr ist es noch lange hin, auch wenn noch Nebel vor dem Hafen lagern.
Solche Nebelschwaden lagern auch nahe Helenas Kate auf den Feuchtwiesen. Schummrig nur dringt Licht in die Küche, deren Wände ein Film dumpfer Feuchte bedeckt, während Helena standhaft den Tag beginnt und Kaminasche in einen Kübel kehrt. Sie erinnert das irre Gemenge in ihrem Traum, dessen Morgenröte, zart wie Malven am Obstgarten in strahlender Sommersonne. Doch saust ihr Blick vom Besen fort, und die Schultern rücken hart aufwärts. Denn da sind sie wieder, klar in der Asche sichtbar! Fuchs und Hase hängen im Lauf fixiert in der Luft des Traums, und vor dem Geruch vom Schilf, der deutlichen Melancholie vom Mantelsaum.
„Nein, halt, nicht weiter, ich will da nicht rein!“
Ihr Ruf rumpelt durch die Feuerstelle, hallt in den Schlot, zittert am Besen. Die Jagd der Tiere war in der Natur. Nun sind sie starr fixiert. Ein Rätsel, das sie löse, wärme sie ein Feuer.
Bald knistert es unter dem Wasserkessel, zum Wärmen daneben steht das Frühstücksmus mit Sauermilch. Jetzt hält Helena nichts mehr auf. Sie greift in die Truhe, zieht die Sagen von Karl Eduard Haase heraus, schlägt abgegriffene Seiten um, die mit den Mähren über Bäume, deren Wispern sie lauschen müsste, um zu verstehen. Sie legt es zurück auf die mystischen Sagen, die Joos ein Verdruss waren, aber ihr, in der Achtung ihrer Bestimmungen und Impulse durch lebendige Natur, immerzu Freude bereiten. Dafür ist nicht die Zeit, kühle Morgenfrische streift heran. Die Kaminglut glimmt schwach nur. Helena stapelt Scheite zu einem Stern, der lange abbrennt. Dann sortiert sie aus der Truhe rasch die löchrigen Socken in einen Weidenkorb hinein, bevor sie sich an ihr Frühstück setzt.
Dabei in einem Buch über Tiere in Wald und Wiese blätternd, stutzt sie bei einem mageren Tier mit struppigem Fell gezeichnet, ein Rotfuchs mit weißer Brust und buschigem Schwanz. Weiter hinten hockt in einer Mulde harter Dünengräser ein Hase, mit den Hinterläufen im Sand schaufelnd.
Helena stockt unvermittelt bei hübsch gezeichneten Rindern. Solche Flecken bedecken die Flanken ihrer Kuh, die auf ihr Melken wartet. Nur winzige Decken wären zu stricken aus dunklen Fäden, für Kälbchen, deren Ohren am Kopf abstehen. Könnte aus den Traumtieren Spielzeug für Kinder werden? Stricken könnte sie einen tapsigen Fuchs, und ihm Knopfaugen sticken. Ja, dafür taugen Joos’ Socken, und die Bilder in den Schulbüchern.
Sie steht auf, behaftet von ihrer planenden Fantasie. In der Scheune klaubt sie zum Ausstopfen der Stofftiere Heu vom Boden auf in einen Sack. Dabei den Aalreusen näher kommend, fixiert sie die, als stören sie ihre neu errungene Aussicht. Je nun, damals stieg Joos damit in die Mündung der Beek. Sollte sie auch das übernehmen?, fragt sie sich, und denkt weiter. Steige sie in die Beek, wird der Rock nass, auch wenn sie ihn schürze. Stört nur. Eine Hose von Joos ziehe sie an und im Stall. Seines wurde ihres. Ja! Sie grabe den Kopf nicht ins Heu hinein - bessert die Aussicht nicht.
Helena wedelt mit der Hand durch die Luft, die leidige Befangenheit verscheuchend. Nun schwappt ihr eine zurückliegende Zeit vor Augen, als Joos wegen ungeklärter Ursachen kompliziert wurde. Ein Gang an die alte Eibe half. Deren bernsteinhelle Sonnensprenkel im Grün flirrten ein Willkommen. Im Dämmerlicht tief darunter, raschelte magisch der Schemen des Wuschelhaares, rotgrau, schulterlang gewachsen dem hüfthohen Wesen vom anderen Volk. Völlig außer Atem sprang es, plötzlich wie wild vor ihre Beine. Zu Boden gestürzt, schlief sie ein im Eibenduft, träumte vom Werktisch der Kammer. Eine Kinderstimme plapperte nebenan. Nachschauen wollte sie, nur verging ihr der Impuls. Erwacht, wusste sie, weshalb der Zwerg atemlos war. Zu kurze Beine. Er bündelte all sein Feuer in dem einen Tritt, damit sie der gütigen Eibe lausche. Sie weist nicht nur den Weg ins Jenseits, auch den ins Recht im Diesseits, für ein Anerkennen des Mannes Joos, und sie sich, in der Erwartung seines Kindes.
Umsonst war es gewesen, wie die leere Kammer. Nun liegt die einst gesehene Vision neu in ihrem Atem und sagt, Joos' Tod ändere am Recht im Leben kein Fitzelchen, auch nicht die Erde unter der Eibe. Auch ihr Alleinsein verebbe, während sie sich dem widme, was mit der Hände Arbeit gedeiht.
Erfüllt von ihrer Erkenntnis, die ihre Hoffnungslosigkeit verdrängt, folgt sie diesem Vorsatz und greift aus dem Heu einen Ballen, trägt den zur Box, streichelt anschließend die warme Flanke der Kuh.
Beim Melken zupft die Kuh gemächlich Halme aus der Schütte, muht ab und an zufrieden. Helenas Gedanken fliegen derweil zum Schiet unter ihr, zur Miste draußen, zu dem Wetterpfeil auf eisernen Willen, schichte sie den Haufen um auf Kartoffel- und Gemüseacker. Einzig ihr Stolz, so erkennt sie bald, darf nicht auf die Miste! Er bewirke den Mut mit den Ahlbeeker Viechern im Stricken. Die Eibe blinke ihr doch wie das Leuchtfeuer am Turm seewärts zu, beseele sie. Indes fehlt irgendetwas doch noch, während die Milch in den Eimer rinnt, der Hals der Schwarzgefleckten einmal schaukelt.
„Fühlst du mit? Dir liegt die Käserei näher“, raunt Helena ihr zu, drückt ihre Stirn ins Fell der Flanke.
Unruhig stampft ein Hinterbein auf, das Helena tätschelt, dann aufsteht, den Melkschemel nahebei zwischen zwei der Streben im Ständerwerk der Pfosten klemmt. Weite Kuhaugen drehen sich ihr zu, und kehliges Muhen, dem sie sich nähert. Die Zunge der Kuh leckt durch ihr Gesicht. Kichernd wischt Helena den Seim am Ärmel ab, ergreift den Milcheimer und den Jutesack mit Heu.
So schnell wie möglich quert sie im Hof das böige Wehen; es trug die Nebelschwaden fort. Ihr Herz klopft deutlich rascher, als sie bald darauf vor den Socken am Tisch sitzt. Sie ribbelt und sortiert Wolle nach den natürlich grauen Farbtönen der Schafe und weiß nichts Wichtigeres zu tun, bis das abendliche Zwielicht sie zum Melken ruft. Helena versorgt flink die Schwarzbunte, prägt sich deren Formen ein, schon dabei überdenkend wie es weitergeht.
Der Bogen aller Körper wäre in gleicher Art wie im goldenen Schnitt zu entwerfen, auch die kräftigen Hälse, kurze Beine, Pfoten und Hufe. Das Verhältnis bestimmt, wie eines wirkt, ein Tier an den Beinen steht. Eine Passe aus Stoff würde es hübsch betonen. Kapuzenjacken mit Ärmeln sollten es werden, mit deutlichen Nähten an Kopf und Maul, in die Kinder später hinein beißen dürfen. Dafür würden Joos’ Küstenklamotten dran glauben müssen.
Bis weit in die Nachtstunden hinein heftet Helena. Sie gibt verstimmt ihre Entwürfe für tadellose Schnittmuster auf, als an die Fenster immer öfter Hagel knattert. Eindringlich pfeift der Luftzug über die Dielen, flirrt und kreiselt im Kamin in Glut und Asche. Die kehrt Helena zusammen, und geht schlafen. Traumlos verläuft die Nacht, in der sich ein Sturm absoluter Art ungebremst entlädt.
In den nächsten drei Wetter verhagelten Tagen hört Helena ihre Schwarzbunte in gereizten Tönen muhen und überdrüssig quengeln. Fast erwartet Helena, den massigen Kuhkörper im Dreieck in der Streu springen zu sehen. Sie selber täte es, würde es das Drama abstellen. Allein ihre Gewissheit lenkt sie ab, irgendwann ende es, nur einander im Anlehnen zu halten. Doch ihre triste Unruhe bleibt. Die kurzen Wege in der Scheune und zwischen den Wänden der Kate reichen nicht aus. Am nächsten Morgen stiefelt Helena, den Kopf umhüllt und in den Mantelkragen gezogen, in eiskalter Februarluft ans Ufer. Am Wasser driftet ein Boot mit erdbraunem Segel gen Horizont. Den Vorgang überträgt sie auf sich.
Fischer geben nie auf, schippern immer. Auch wenn sie auf Wellen der Armut um Seelenruhe ringen. Joos sprach genau das für sein Drücken vor der Feldarbeit. Auf ewig nun. So ewig muss ich bewahren, was mich erhält. Viel Feines schon entdeckte ich, strickte nach Eingebung. Die führe weiter, folgert auch Lehrer Johann aus den Wolken, an denen er sich besinnt. Und die Seeluft hilft mit, das Grobe von einst durch Feines im Jetzt zu ersetzen, alte Flausen zu vertreiben.
In solch gnadenvollen Gedanken, atmet Helena tief erlöst in die Brust unter ihre verschränkten Arme, geht am Ufer ostwärts. Sie gelangt an die Verwüstung des Sturms. Zur Flutgrenze hängen Kiefern mit verkeilten Kronen, teils entrindet von der sandigen Brandung. Helena hangelt sich hindurch und zum Pfad des flachen Findling, der Landmarke nach Swinemünde.
Sie springt auf den Stein. Zutiefst vom Toben der Elemente betroffen, ignoriert sie den wüsten Windbruch, blickt seitwärts hinab. Am Strand gehen ein paar Heranwachsende in Winterjacken. Ab und an beugen sie die bemützten Köpfe tiefer, wühlen mit den Händen im Sand, sammeln eindeutig Bernsteine. Kaum angedacht, stockt Helenas Atem, flirrt ihre Sicht als träfe sie Hagel, wiederum zur Erledigung restlicher Geschäfte umgeschwenkt. Im Gesprenkel gewahrt sie eine Bewegung aus dem borstigen Dünengras oberhalb hervorkommen.
Zwei torkelnde Männer mit Schirmkappen wanken heraus, heben die Füße nicht. Ihre Stiefel stieben Sandregen auf, als hätten sie Spaß. Sie schlingern zum Wasser, und laufen davor ungestüm seitwärts, entreißen die Beutel den Sammlern, zerren sie grob an den Armen mit sich.
Helena atmet stoßweise, es klärt ihre Sicht auf den Strand, aber schickt ihr erregende Stiche in ihr Gemüt. Ihr Blick wandert wie gefesselt unten umher. Das dort sieht sie nicht zum ersten Mal und spürt, im Grunde oft entkommen zu sein. Sicherlich, vor allem, denke sie an Joos’ Verbot, der mit den rangelnden Kerlen erstklassig umgegangen wäre. War es so gewesen?
Eine kleine Scham spürt sie Gestalt annehmen, er hätte mehr Kraft. Dieser Regung folgend, wird sie ihrer Kraft sicher. Nicht weniger vehement verfolgt sie das Geschehen, unter ihr erzittert der Stein, auf dem sie steht. Doch mehr irritiert sie ihr Nichtverstehen des unten nur sichtbaren Geschreis, vor dem der Wind an- und abebbt, und in den hinein sie murmelt: „Kinder, brutal erwischt ...“
Ein lausiger Moment vergeht. Dann sieht sie nahebei am Rand der Böschung zwei weitere hinunter spurten, sie rufen und fuchteln. Die Männer blicken rückwärts. Ungestüm reißt ein Kind sich von ihnen los, tritt eine Spur in den Sand und stolpert in ein von Gras bestandenes Areal, verliert seine Mütze vom roten Haar. Das andere Kind zerren die Männer fort. Helena seufzt, ob des Schauers, was dem Kind in den Fängen der Männer blühe. Sie springt vom Stein, um zu der Chaussee zu gelangen, die Richtung Swinemünde führt, und daran einfacher umzukehren.
In den Hagelwehen darauf fährt eine schwarze Kutsche an. Unter den Rädern spritzen knirschende Eisklumpen, als sie an Fahrt gewinnen. Der Kutscher peitscht die beiden Gäule, mehr als nötig wäre. Voraus auf Helenas Seite zwängt sich der Rotschopf durchs Randgestrüpp und setzt an, hinüber zu sprinten. Zu ihm lenkt scharf der Kutscher sein Gespann. Der Junge kippt beim Ausweichen und stürzt rücklings ab, hält jäh sein Knie, schreit scharf und laut heraus. Dann bricht seine Stimme.
Im Moment des Vorbeifahrens schaut ein alter Mann durch das Rückfenster. Sein kalter Blick trifft Helena, stoppt abrupt ihre Schritte. Ein befehlendes Klopfen im Wageninneren hört sie. Der Kutscher lenkt zur Mitte der Chaussee. Kleiner und kleiner wird der schwarze Punkt zwischen den winterlich kahlen Bäumen. So lautlos wie die Böen an den Ästen rütteln, so verhallt das Trappeln der Hufe .
Helena wirft die Arme hoch. Sie eilt zu dem ins Gebüsch Gestürzten. Eines seiner Hosenbeine tönt rot sein eigen Blut, tränkt einen größer werdenden Fleck. Angst und Entsetzen verzerren sein Gesicht. Hilflos zwinkert er. Seine Pupillen gleiten umher, nehmen Helena gar nicht wahr.
Keuchende Stimmen nahen. Die Halbwüchsigen, zuvor lenkten sie die Häscher ab, steigen über die schneebedeckte Böschung. Im Lauf noch streifen sie ihre Beutel von den Jacken. Der Größere hockt sich nieder und rüttelt an den Schultern des Gestürzten.
„Du bist nicht zu uns gerannt“, raunt er vor den wirren Augen, aber ändert damit nichts.
Der Rotschopf stöhnt nur kurz noch. Bewusstlos sackt er ab, gibt alle Spannung frei, sein Kopf sinkt zur Seite. Eine Beule wächst im Haar hoch auf, knapp vor der Schläfe, dem Ohr.
Erschüttert sinkt der Kleinere, herangekommen, auf die Knie, kauert mit hängenden Armen daneben. Er schlüpft aus seiner Jacke, bedeckt die blutige Hose, lagert den Kopf in seinen Schoß und stülpt ihm seine Mütze über.
„Lieber Bruder“, murmelt er leise. „Vater kommt und holt uns auf der Postrunde hier ab.“
Sein Wispern hallt ringsum in die frostkalten Böen, und erzeugt in Helena ein grausiges Erkennen.
„Marthas Söhne seid ihr? War der andere auch ein Bruder?“
„Nee, der ist von Bansin. Wir wechseln ab, wer aufpasst.“
Auf und ab blickt er mit weiten Augen, vom Kopf im Schoß zu Helena, die eigentlich auf mehr wartet.
„Wohin habt ihr denn aufgepasst? Eure Warnung kam zu spät, Betrunkene waren das keine! Ich kann kaum glauben, wie naiv ihr seid! Nun wisst ihr, wie das Leben spielt! Euer Bruder wird sich obendrein unterkühlen.“
„Soll ich ihn wach machen?“ Er klatscht ihm sogleich seine kleine Hand auf die Wange.
„Lass! So merkt er nicht, wenn wir ihn verfrachten müssen“, erwidert der größere Bruder, der schon aufspringt, sich umschaut in beiden Richtungen. Er scharrt mit dem Fuß im Schotter und reckt das Kinn, gerade so als mache ihm der Vorfall nichts aus, doch zucken seine Lider.
„Wir wurden nie ausgeraubt. Der Bansiner bezieht Prügel zum ersten Mal. Pech, die zahlen keinem von uns ein paar Pfennige.“
„So kaltschnäuzig? Du warst doch auf ihn angewiesen! Hätte dich treffen können.“ Helena knotet ihr Kopftuch ab, reicht es ihm und lächelt aufmunternd. „Bevor das Warten kein Ende nimmt, und er noch mehr Blut verliert, lege ihm einen Pressverband an. Das lerne aus eurer Misere. Roll deinen Beutel als Kompresse fest zusammen.“
Er scharrt abwägend im Schotter. So oder so haben ihm die Freundinnen der Mutter nichts zu sagen. Doch ein Glück im Pech fühlt er, als seine gesammelten Bernsteine wie Hagel prasseln, hinein in den Beutel des Bruders. Er kniet sich gehorsam neben das blutige Hosenbein, und vermeidet es, genauer hinzusehen.
Nach einer halben Stunde des Bangens galoppieren die Pferde der Postkutsche endlich heran. Die zügelt der Fahrer im Nähern. Helena sieht er an, seine Söhne. Steifbeinig steigt er ab und nimmt den Verletzten in die Arme, hebt ihn in die Kutsche.
„Wärmt ihn mal“, keucht er, rau vor Zorn, durch die Zähne.
Helena mag sich nicht vorstellen, wie er auf der Fahrt heim wüte, der Morgen des Sammelns von aus der Ostsee ausgewaschenen Bernsteinen hätte seinem Sohn das Leben kosten können. Sie eilt heim, bei jedem Schritt bemüht, die Begegnung zu vergessen.
Während sie die Hintertür öffnet, drängt schon eine Gewissheit ihrer selbst in Helena auf. Und Mut für die Stiege in der Vorratskammer, um hinaufzusteigen unters Dach, selten benutzt im Winter.
Dumpf im Schulterschlag, stemmt Helena die Bohlentür auf in den Dämmer der Sparren, und hockt sich am Giebelfenster vor die Seemannstruhen, öffnet die ihre. Darin lagern in der Schatulle Urahnin Elis Segeltuchbeutel, von ihr an der Landverbindung der Halbinsel Hela mit Bernsteinen gefüllt.
Gedankenvoll schaut Helena auf den geheimen Schatz, zu dem ihre Mutter riet, er halte die Sorge um das nächste Stück Brot fern. Verbrauchen dürfe sie etliche Bernsteine, sollte neue sammeln, sobald sie könne. Den Schatullendeckel mit der Rosette streichelt Helena wissend, nach dem Sturm sei eine gute Zeit zu sammeln. Ein Finger zentriert sich am Mittelstein der Rosette, am Ritzmuster der Rune, und spürt, mehr als erkennbar im wenigen Licht vom Fenster, die Kerben des seltsamen Zeichens. Ungleich lange drei Linien, spitz über Eck stehen sie über Kopf, als würden sie den Urquell des Bernsteins anheben, und zum Sieg über die Not verhelfen.
So winzig fein ihre Macht, dankt nun Helena still dem Urgroßvater, auf seinen Handelsreisen nutzten ihm die Runen. Ihr eröffnet der Moment, was ihr Herz für nötig zu erkennen erachtet.
Helenas schmale kalte Hand streichelt vorne den Deckelrand. Ritzmuster an drei Steinen verlaufen in ungleichen Formen, und vermitteln der sinnlichen Weite ihres Herzens den Anblick unermesslicher Tragkraft. Rechts am Eckstein sind Kerben dem Mittelstrich jeweils unten und oben angefügt, weisen spitz nach außen wie bei einem Haken, der etwas aufhängen und erfolgreich tragen kann, etwas sehr leicht auswechselbares. Helena sieht spontan die immergrünen Zweige der Eibe, spitze Nadeln. Tief drückt das Bild in ihre Seele, und vor die Hindernisse vor dem Erfolg mit ihren Stofftieren. Doch wie das Immergrüne und deren Duft, atmet sie den Anblick der Rune ein. Sie schöpft Mut zum Erfolg aus ihrer Zukunft und aus fernen Orten, an denen Wunder geschehen.
In der Ecke unten links liegt ein Stein, dessen Linien ihr unheimlich sind. Mystisch kreuzen dort zwei Mittelbalken die lange Kerbe. Wie schon oft, kreiseln sie Helena vor Augen. Not steigt ihr auf, sperrt als Kloß den Hals. Zuerst. Den Kloß zerschlägt kraftvoll ihre Atemwärme. Notstand muss ausgeräumt werden, Schutz und Geborgenheit sollen innen leben. Wie das Licht eines klaren Eiskristalls kann ihr Unbeschwertheit dazu verhelfen. Bald betrachtet sie genauestens die Mitte der Deckelkante, darin den Bernstein mit kreuzenden Linien zwischen aufrechten Kerben, ähnlich einer Fahne, seitlich weist ein Dorn nach links. Helena richtet sich aus, wächst ein Stück in diese Bindung hinein, die sie vorhat. Und sie räumt aus, was in ihr noch von dem Unnötigen im Gemüt sie bremst und zwickt, als gäbe ihr gerade diese Rune die Resonanz auf kommenden Geldsegen.
Helena versteht es, klappt den Deckel zu und drückt daneben Joos’ Truhe auf, ertastet Dokumente und eine sperrige Socke. An der abgewetzten Ferse lugt Papier hervor. Sie legt den Strumpf auf ihren Schoß. Tiefer im Truheninneren tupft sie auf einen zweiten, nachgiebig voll. Sie löst den Knoten, und steckt die Hand hinein. Leichte Bernsteine rieseln, deren Leuchten sie ahnt.
Plötzlich sieht sie Joos an der Tür auf Socken, und hört ihn verdreht reden von seinem Notgroschen. Die Not haue ihn aus den Socken, und, wer ohne Schuhe gehe, stehe unter einem schlechten Omen, würde sich bald keine mehr leisten können. Doch das war oft gehört, und jetzt sowieso nur lästig und hinderlich. Sie verscheucht ihn mit abwehrender Hand, knallt den Deckel auf seine Truhe. Die beiden Wollsocken in ihren vor Kälte steifen Fingern, steigt sie die Stiege herunter.
Joos’ Gold der Armen kippt sie am Tisch aus, bedeckt die halbe Platte mit seinen Notgroschen, und entschließt sich vor diesem Reichtum, noch vor Beginn ihrer Arbeit im Lebensmittelladen fahre sie nach Stralsund. Die Stofftiere müssten doch in einem Kaufhaus unterzubringen sein, und nachfragen um Geschäfte mit Bernstein könnte sie auch gleich dort.
