Wirbel um einen Kuss - Roma Hansen - E-Book
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Wirbel um einen Kuss E-Book

Roma Hansen

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Beschreibung

In der frühlingshaften grünen Großstadt Essen findet ein Tantra-Kurs statt. In das Hohe Lied der Liebe führt Romi zwölf Frauen hinein und agiert sinnlich, farbenreich und lustvoll. Immerzu aber träumt Romi auch hoch sensibel von einem besonderen Kuss, zu dem sie Ja sagt, weil er sie so ermuntert wie die Sonne am lichten Himmel. Dass dieser Kuss einiges durcheinander wirbelt, bemerkt Romi erst später. Sie bejaht ihr Verlangen nach Luies, nach einer verbindlichen Wiese mit ihr, und gleichviel Luies ihre Zuneigung. Hernach hakt Luies eine flache Episode mit Simon ab und scheut auch den einsamen Hannes, der sich an sie anhängen möchte. Viel lieber beackert Luies ihre hohen Ansprüche an ihre sozialen Ziele im Uni-Studium. Mittlerweile stolpert Hannes in das Projekt einer Gruppe ehemaliger Obdachloser. Den Töchtern und Söhnen osteuropäischer Zechen-Arbeiter und Emigranten haut das Schicksal auf die Finger. Obgleich sie mit einem Cargo-Rad ihr Waffel-Eis zu den Leuten bringen, auf einer ruhigen Straße und an der Ruhr. Ihren Schicksalsschlag meistern sie, da Hannes einen Abgrund ihres Schocks aufdeckt. Inzwischen scheut Hannes nicht mehr vor seinem Frohsinn zurück sowie Luies nicht mehr vor ihrer Erotik mit ihm und auch Romi nicht länger vor einem sie seltsam irritierenden Duft an Luies ...

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Roma Hansen

Wirbel um einen Kuss

Liebende sind sich gut

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Wirbel um einen Kuss

Von der Nasenspitze nach oben - unermesslich langsam liebkosend - streichelt samtweich ein Mund ihren Nasenrücken, verweilt auf der glatten Haut zwischen den Augenbrauen und saugt dort in schockierender Zärtlichkeit ... genau so träumt es Romi jetzt und zum wiederholten Mal des nachts leider nur.

Gleichviel ist dieser nächtliche Kuss jedes Mal ein hochsensibles Erlebnis. Der erste besondere Kuss damals hatte Romis Sehnsucht Frieden gebracht und ihre zarte Natur so vergrößert, dass sie lebbar wurde. Anfangs freilich mit ungezügelten, haarsträubenden Effekten, die Romi meistens nervten. Ihr Tumult, ein so gut wie vergessener Schatten, streift flüchtig nur ihre beständig agilen Sinne, die darüber hinaus etwas anderes in den Vordergrund rücken.

Zuerst gewahrt Romi auf dem weichen Areal ihrer Stirn die Kraft des Kusses als die eines Pfeils. Und dessen von Rot behaftete Spitze flitzt voraus - wie von einer Bogensehne losgelassen - zu einem Blatt an einer, jetzt in diesem Moment, sich öffnenden violett-blauen Blüte, aus der ein Lächeln erwächst. Alsbald bebt in dem Lächeln, von der Kraft der roten Pfeilspitze herrührend, ein unerschütterliches Glucksen, das die Blüte völlig ausfüllt. Flugs senden die Blütenblätter ihren violett-blauen Glanz weit fort an den Horizont. Am Rande von Romis Sehfeld aber tanzt das Lächeln in so blendenden, bläulichen Strahlen, als ob das flirrende Licht einer Sonne aufgeht.

Immerzu darin schwelgen und begnadet lächeln ..., erträumt sich Romi. Im nächsten Moment bekundet ihr das tanzende Lichtlächeln - unter skeptisch hohen Augenbrauen und mit einem heftigen Zungenschnalzen: Tzh, tzh! Als Knospe ruht dein ersehntes Ziel! Darf SIE nie an Duft gewinnen, mit ihrem vollen Duft dir etwa nie die Sinne betören? Verschläfst du, wie SIE sein würde? All das Licht in der Skyline würde SIE ernähren. Geh Schritt für Schritt vor, trödele nicht. Wisse, der heutige Nasenkuss bedeutet mehr als der eine damals, empfangen von einer dich ergreifenden Gebenden.

Das Gemunkel meint deine vergangene Zeit...!, weicht zunächst ein renitenter Teil in ihrem Gedächtnis aus, und kickt das Lächeln ins Abseits. Hinweg über die leere Bettstelle nebenan, wohin auch im Traum nie ihre Hand tastet. Nach Pete, der hin und wieder dort schläft, ein zeitweiliger Besucher. Doch mehr Teile aus der Schaltzentrale mischen mit am Traumverlauf, drängeln sich vor. Denen liegt etwas belebendes, erfrischend Sinnliches am Herzen. Prompt vermelden sie den speziellen weiblichen Duft nach reifem Lavendel an einer Frau. Obwohl, diesen Duft untermalt ein in weiter Ferne hallendes Tzh, tzh!, das sich dann heraushält, weil Romis Herz im Galopp nur eines Namens klopft: Lu...ies, Lu...ies.

Schon wärmt der küssende Hauch mehr, köstlich im Kontakt an den Stirnkerben. Auf deren Linien prickelt die erotische Berührung treppauf und auch tiefer treppab hinein ins frontale sensible Netzwerk. Dies ortet an mehreren Schwellen die Reize als längst im Voraus und wie ewig erlebte: Mit Luies erregend synchron, im beglückenden Zwiegespräch lautloser Lippen auf Haut.

Nur einen einzigen traumhaften Moment lang ein synchroner Dialog. Hervor flutet eine so unnachahmliche Wärme, die in ganzer Breite in Romis Schläfen schwappt. Nacken und Hals sinken ins Kissen, das die Hitze speichert und abgibt als den kreisenden Wirbel einer Zärtlichkeit, die noch mehr Sinne aktiviert. Im Gehör implodiert etwas. Ein drittes Ohr hört zwar Luies' Namen, aber daraus hervor dringen sirrende Töne als die besondere Abfolge von lang gezogenen Vokalen in einer sehr alten Sprache.

Romis Gedächtnis - darin ein ganz und gar bereitwilliger Teil - deutet die Vokale einer symbolreichen Kultur, als die einer vielarmigen Göttin. Schon wedeln deren etliche Hände die Klänge um Romis Körper, hüllen ein in ihre andere Zärtlichkeit, sogar den tief liegenden Basiswirbel an Romis innerer Achse. Berückend wohlig breitet sich ein tröstlicher Friede aus und dann der Halt, einzigartig angenommen zu sein.

Friedlich umhüllt und eingestimmt zu sein, ist fundamental für jene andauernde Entwicklung, um die Romi sich bemüht. Wie ungeduldig des öfteren, das verwerfen die Vokale. Und die vernichten die bockige Ironie, den knurrenden Irrglauben, dass es zu langsam gehe mit dem echt werden. Sie zu wenige stärkende Hände gereicht bekäme, die Funken versprühen für das bestmögliche Schöne, für das Romi sich entschied. Aber zu selten schwelgt Romi imaginär in den farbigen Lichtprismen kristallin funkelnder Diamanten, die ihr Wesen tagsüber in Ordnung halten könnten.

Oh!, ein Reiz reicht und das Verlangen wird, sinnlich bezaubernd, erfüllt.

Filigrane bunte Schleier sprayen Aquarelle auf den roten Rest an den Blütenblättern. Großartig nun glitzert daran wieder das Lächeln und zuletzt in einem Türkis-violett. Erträglicher wird Romi das Kribbeln an ihrem Steißbein, von wo ein Schub in ihren Kopf schwappt. In ihrem Gehör ertönt noch einmal das Tzh tzh!, sehr einprägsam, doch ebenso ein lang gezogener Zweiklang eines herzenswarmen Lu...ies.

Beide laufen in weiter Ferne aus. Keine weitere Runde an Tönen folgt, still werden ihre Sinne. Die Wärme an der Stirn verfliegt. Von der Kühle erwacht Romi und ahnt, ihre Muse habe sie geküsst und das Mögliche angelegt. Das Lächeln für den Mut, zu zeigen, wer sie sei bei ihrer Regie und in Distanz von der Wand eines etwaigen Dramas, das nie lohne, eine Maske zu tragen.

Unter so einer Maske brodelte einst ungestillte Sehnsucht, auch nach anderen Küssen. Aus ihrer ruhelosen Liebe zu Pete hervorgequollen, um später Paules Mutter zu sein. Der mütterliche Status hatte ihr Ersehnen aller Zärtlichkeit nicht in Luft aufgelöst. Auch nicht ihr Miterleben der Tapser von Paule, der seine Welt mit wertfreiem Staunen erobert und mit Augen, erfüllt von den Strahlen seiner Liebe.

Diese Urkraft gab ihr der Kuss auf Nase und Stirn. Geehrt fühlt sich Romi, vom Zauber der Liebe, den sie nie mehr vertrödeln will, und wissend um die heilsamen Schleier am guten Ort ihres Herzens. Darin wohnt ihre Liebe und tanzt ihre Seele, ihr Wohl im Werden. Diesen filigranen Wert spürt Romi als beglückend und auch ihre Hand voll Erfahrung als Coach: In Ruhe und in Stille reife Gedeihen; sogar im Lichtwerden dieses Tages mit seinen Aufgaben. Zur rechten Zeit, darauf setzt Romi, werde sie die sinnlichen Reize und einige von den Schleiern so platzieren, dass sie für die coolste Teilnehmerin am Tantra-Kurs willkommen wären.

2

„Ha!, noch ist es so gut wie sechs Uhr dreißig“, freut sich Luies halblaut am Fenster, das sie dem Dunst aus der Dusche weit öffnet und hinaus späht auf die andere Straßenseite. Zu dem Obergeschoss des Blockes in Essen-Steele. Dort flimmert hinter einer halbhohen Gardine das Frühstücksfernsehen, rieseln Nachrichten aus aller Welt in die Wohnung. Luies aber neigt sich in die frische Luft, beachtet das himmlisch sanfte Licht an den Dächern, das die Ziegel betupft. Darüber steht noch, knapp im Süden, die Mondsichel.

„Na, vielleicht weißt du es vor mir?“, fragt Luies lautlos den Erdtrabanten, „ob die drei Monde, die meinen Kosmos umkreisen, dranbleiben werden, oder ob einer abspringt?“

Die Antworten darauf würden zu ihr kommen, zuvor drängt sie mehr die Morgenroutine zum Spiegel. Ein Guckloch föhnt Luies frei und ihr braunes, zu den Ohren reichendes glattes Haar in Form. Gewöhnlich mit drei Bürstenstrichen, heute soll es fülliger sein. Deswegen wünscht sich Luies ein 'Ruhig Blut!' hinein in ihr Eiltempo, weil sie in Simons Bad steht.

Wie die Strähnen an der Lockenbürste, fliegen ihre Gedanken zu ihrem Tagesplan. Heute beginnt der April und beendet somit den Monat ihres Praktikums in der städtischen Kita. Das Bisschen Wehmut darf weder ihre Sinne betrüben noch den letzten Morgen, an dem sie Romi sehe. Eine der Mütter, die nicht nur damit eine Aufgabe hat, sondern viel mehr geworden war.

Eine sehr liebevolle Freundin und nicht nur ihr Coach im Tantra-Kurs, der hineinleitet in die Häutungen, die sieben Lebendigkeiten erwecken sollen, nach und nach durch ein Anerkennen weiblicher Erotik. Einfühlsam führt Romi heran an die sättigenden Feinfühligkeiten, und dies wöchentlich ein Mal am Abend.

Letztmalig am heutigen Morgen in der Kita, würden die Kinder mit der Hilfe ihrer Praktikantin ihre Gruppen finden. Danach wäre Hannes dran, sein genetisch vorhandenes Muster wie ein Bub zu reagieren, das leider so gar nicht ausschließt, eine Klette wie Simon sein zu können.

Ha!, die Finger einer Hand werfen Kletten in den Wind ...

Abseits dessen, kleben an Hannes nicht nur Gewohnheiten, er pflegt auch seinen leitenden Stern: Ein Gast zu sein auf Erden. Seit langem möchte er durch seinen Beitrag dem Miteinander in der Welt ein modernes Gesicht geben. Er spürt, dass nur wenig stärker sein kann wie diese Idee, deren Zeit zur Umsetzung längst da ist, meint er.

Luies spürt Vorfreude, weil auch sie an diese Vision glaubt, sich darin findet und orientiert im Studium für soziale Berufe. Denn diese Berufung kam eines Nachts mit einem Anfall von Mut über sie, die reife Frau von Vierzig. Ihr Neustart glückte seither zu achtzig Prozent. Kein völlig runder Start, eine Nuance fehlt. Die einer Eskorte, die mit durch ihr Leben spaziert. Nun bald, nach einem langen Abstand, treffe sie wieder Hannes. Für einen hübsch großen Augenaufschlag, ummalt Luies mit einem dunkelgrauen Stift ihre Augenlider, und schenkt sich ein Lächeln im Spiegelbild.

„So gefällt mir mein Gesicht, natürlich betont, wenig Make-Up aufgelegt. Das unterstreicht mein Wesen, da bin ich einer Meinung mit Simon. Noch alle meine Bad-Utensilien in die große Umhängetasche räumen, so vergehen nur wenige Minuten.“

Hinter sich klingt Luies die Badezimmertür ein, stellt die Tasche daneben zu Boden, und lugt hinüber in die Küche. Die Frühstücksbar am Fenster wirkt reichlich unterkühlt. Vermutlich absorbiert Simon, der dort sitzt, das warme Farbprisma des Morgenlichtes. Obschon er es gar nicht nötig hätte, er trägt wie sie selbst einen bunt gestreiften Pullover.

Nun ja. Luies' locker gestrickter Pullover nahm an Weite und Länge zu, reicht an ihre Knie heran. die Drei- und Vierjährigen in der Kita krabbelten gerne drunter, tummelten sich oft darin wie in einem Zelt, kitzelten spaßeshalber den Bauch, sabberten darauf aus ihren kleinen Mündern.

Und jetzt im Moment - Luies nähert sich der Küche - nimmt sie an, Simon knabbert an seinem Päckchen. Er, der praktisch veranlagte Mann, ist bestens geeignet für komplizierte Formulare von Behörden, ohne Scheu, herumzutüfteln. Bisweilen an ihrer Haut, und da nicht nur penibel. Im Moment fehlt Simon gewiss seine Zeitung, hinter der er sich verschanzt. Mehr als hinter dem flachen Frühstücksbrett möglich wäre, um das seine zuckenden, deplatziert wirkenden Hände liegen.

Im Nähern fasst Luies sich ein Herz, legt die rechte Hand hoch an die Brust, denn wie erwartet ist er da, der nörgelnde Ton seines Kommentars.

„Du brauchst jeden Tag länger im Bad.“

„Dir auch einen schönen guten Morgen“, grüßt sie ihn innig lächelnd.

Luies bemerkt, ihr lächelnder Mund wäre ebenso deplatziert, aber kaum ihr Sympathie. Seit Monaten glüht der Funke der Anziehung, reicht aber nicht annähernd ihrem echten Bedürfnis, zu keiner wünschenswerten alles akzeptierenden Liebe. Daher legt Luies in ihre Antwort einen Ton ihrer Dankbarkeit für seine Nähe und Gastfreundschaft.

„Das Bad gefällt mir. Alles da, was eine Frau für den Start in den Tag mag.“

Vom Klang ihrer Stimme blickt Simon auf, aber klagt: „Ich meine bloß, ich warte mit dem Frühstück auf dich und du beeilst dich nie.“

„Das soll ich ändern, weil es dir nicht passt“, pariert Luies.

Still registriert sie: sie sollte ihre Leichtigkeit ab sofort bewahren. Von ganzem Herzen daran festhalten, die Höhen und Tiefen im beginnenden Tag schon morgens zu umarmen. Und, wenn nicht heute offene Worte finden, wann dann?

Sie setzt sich Simon gegenüber an die Bar, gießt Kaffee in ihren Becher, trinkt sofort in langen Schlucken das lauwarme Getränk. Dann beklopft sie mit dem Löffel in kurzen Schlägen ihr Ei, von Simon wie immer in vier Minuten zubereitet.

Das Ei-Klopfen stört Simon bei seinem Resümee zur letzten Nacht, und mehr der penetrante Geruch nach Duschgel, der in seine Nase dringt. Er wendet den Kopf ab von dem Vanille auf duschwarmer Haut, das den Duft aus den gemeinsam verschlafenen Stunden überdeckt. Luies fraulicher Duft aber könnte sein Denken betäuben. Ihm die Sinne anschalten, von denen er, der männliche Part des nachts sich zu gerne berauschen und hinreißen lässt. Schal und bald so weg vom Fenster wie noch nie ist ihm zumute, seit er wartet und sich mit Kaffee abfüllt.

Simon greift in sein volles blondes Haar, streicht es am Nacken herab. Ihm fällt es schwer, die Hände still zu halten. Neben ihm steht der Toaster, darin stecken zwei Scheiben Brot und er drückt die Taste. Ein leckerer Duft wallt über den Tisch. Simon köpft mit nur einem Messerschlag sein Frühstücksei und löst das Weiche in der Ei-Kappe. Der Toaster klickt, wirft das gebräunte Brot nach oben heraus.

„Perfekt gebräunt, ganz mein Geschmack. Bediene dich, Luies“, bricht er das Schweigen. „Ach, gerade fällt mir ein, heute ist dein letzter Morgen in der Kita. Das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm.“

„Aber wohl hoffentlich doch, dass du mich zum letzten Mal dorthin fährst, und am Wochenende deine zwei Racker hier hast, ebenso an den Tagen über Ostern. Du wirst lange nicht mehr mit dem Frühstück auf mich warten müssen.“

Im Stillen hängt Luies an, seine Kinder würden ihn von den bislang zu kurz gekommenen Gemeinsamkeiten mit ihr noch mehr ablenken.

Laut ausatmend, ergänzt sie: „Simon, mein Plan für die kommende Zeit steht. Über Ostern hinaus nehme ich mir eine Verlängerung. Im Klartext, ich pausiere bis auf weiteres von dir und deinem Leben.“

Simons rechte Hand zuckt unschlüssig zur Käseplatte, greift nach einem Augenblick zu, belegt eine Ecke am Toastbrot mit einer Käsescheibe. Simon beißt ab, noch kauend, fragt er mit halbvollem Mund:

„Wieso? Meine Ex ist nach Ostern wieder dran mit den Kindern.“

„Ja ja, doch gängelt mich das Hin und Her. Ich widme mich im Studiensemester besseren Klausurnoten und den Kollegen, die ich auch gerne habe.“

Verdutzt sieht Simon hoch, hält am Weg zum Mund die Hand mit dem von Ei belegten Toast still. Vom Rand tropft weiches Gelbes über seine Hand, kleckert ans Frühstücksbrett. Simon stopft sich den Mund voll, kaut heftig und schluckt, leckt dann bedenkenlos die Handkante ab. Schon dabei schaut er Luies mit überzeugen wollenden weiten Augen an.

„Wäre ich ein alleinerziehender Vater, dann hätten wir noch weniger Zeit.“

„Mal ehrlich, was bedeuten dir unsere Stunden?“ Luies löffelt ihr Ei aufs Brot, lässt das zugleich mit ihrem Kaffeebecher hin und her schweben. „Kannst du …, erlebst du ..., ach, noch besser gesagt, befriedigen dich unsere Gemeinsamkeiten?“ Luies trinkt vom Kaffee, und beißt vom Brot ab. Der Ei-Aroma hilft ihr, drauflos zu bekennen: „Ich hatte mir mehr Verbindliches gewünscht. Ja,das fehlt mir. Du bist ein besonderer Mann. Sexuell harmonieren wir töfte. Doch folgte aus unserem Begehren, hervor aus unserem Hormon-Cocktail, auch Liebe?“

Sie senkt den Kopf. Keinen Deut ändert Simons schnelles Beteuern: „Aber ich bin mir mit dir ganz sicher.“

Eine bodenlose Zusage!, wertet Luies sein an Boden gewinnen wollen. Und das hemmt ihre Zunge noch im Rollen, im Ringen um klare, emotional neutrale Worte. Vom Gaumen herab spürt sie einen lichten Einfall in ihrem Mund. Etwas Gutes für sie selbst und ein Wohlwollen, das ihr den Kopf hebt.

„Deine Botschaft höre ich wohl und sage nicht, ich glaube dir nicht. Du meinst es ernst, dennoch frage dich: Schlagen unsere Herzen im Gleichklang? Würden sie es öfter tun oder nie?“

„Aber ich mag dich sehr, habe dich lieb.“

Simons Mundwinkel werden lang, schmal seine Lippen. Dann reckt Simon seine linke Hand über den Tisch, greift Luies ins braune Kurzhaar und streichelt über ihre Schläfe. Ihm sinkt die Hand herab, weil Luies' graue Augen ihn nüchtern, keineswegs zärtlich ansehen.

„Na ja, lieb hast du mich. Ich fühlte oft, es tut mir gut. Darum bitte ich dich, meinem Wunsch nach meiner Pause zu vertrauen. Wir vertrauen einander, das ist mehr als in mancher Ehe möglich.“

Das Thema Ehe berührt seinen heiklen Punkt. Egal, eine kleine Retour auf seine Nörgelei. Luies isst einige Happen Toast mit Ei. Ihr fällt sonst nichts mehr ein. Nachdem ihr Mund leer ist, spricht sie aber an: „Woran scheiterte deine Ehe? Hättest du eure einst geschworene ewige Liebe frisch halten können?“

Luies verrät ihm nicht, wie sehr seine vier kleinen Worte 'ich habe dich lieb' an ihr rütteln. Offen liegt seine romantische Sehnsucht nach der perfekten Beziehung, sein Sehnen nach 'für immer, unendlich nur Luies'. Das will der Kerl vor ihr, der den Rücken reckt. Der Rücken sagt ihm: Immer lieb haben, impliziert ab sofort ein Scheitern, eines wie das vormalige.

„In deiner Ehe“, legt Luies nach, „hast du erlebt, was dich prägte. Daraufhin triffst du eine Entscheidung, die deine nächste Bindung öffnet oder verschließt.“

„Du hast schon auf meine Ansichten verwiesen.“ Simon spult sein Für und Wider ab mit den Augenbrauen, hebt und senkt sie in rascher Folge, behauptet dann: „Mein Charakter ist aus Stahl, nicht zu ändern. In Herz und Seele sitzt kein Nieselprim, ich bin unverwechselbar einmalig.“

Er steht auf, geht in seine kreative Ecke, beugt sich über sein Strickzeug aus bunten Wollknäueln, gräbt die Hände hinein, murmelt: „Hätte ich ..., ich sah es kommen“, dann lauter: „Luies, wenn ich meinen Lebensstil ändern würde, könnten wir dann weiter zusammen bleiben?“

Luies horcht in sich. Ihr lichter Einfall für ihr Wohlwollen rät ihr: Zupfe am Pullover, an seinem Geschenk.

„Hör mal. Die Wollfarben hast du nach deiner Fantasie kombiniert. Anfangs hattest du nur einen Schimmer davon. So ähnlich empfinde ich deine Energie, wenn wir kreativen Sex haben.“

Ihre strahlenden Augen sind Luies so bewusst wie Simons magnetischer Blick. Das Hellblau erreicht Luies in der Tiefe in ihrem Bauch. Trotzdem rät ihr ihre Vernunft, sich nicht einfangen lassen zu dürfen. Zudem weist ihr Mitte darauf hin, sie hätte seit Langem an viel mehr geschnuppert.

„Sex gibt mir nicht alles, Simon. Hernach meiner Pause läuft die Anziehung frischer, mit kreativem Guten. Gewähre es mir von heute an.“

Unbewegt verharrt Simon in seiner Ecke. Seinen angespannt gebeugten Schultern, legt Luies obenauf: „Ich will Glück haben, nicht nur nah dran sein. Verknotete Töne sind dir geläufig. Neue teste aus, und vergisst das Nörgeln, das dir leicht fällt, wenn ich mich unperfekt verhalte.“

Hinüber zu Simon geht Luies. Sie gräbt seine Hände aus dem Wollberg, legt ihre Linke auf seine und führt dann sein Gesicht an der Nase herum vor ihres. Spöttisch lächelnd, verkaspert sie seine Ernsthaftigkeit.

„Ende der Reiberei. Jetzt sollte ein klarer Moment folgen, zu Gunsten unserer Einmaligkeit. Weil ich dich, herzenswarm wie du auch bist, so lassen kann wie du bist.“

Sie küsst einen Krümel Toastbrot und Eigelb von seiner Wange. Ihr nächster Kuss trifft seinen Mundwinkel.

Fest umgreift Simon ihre linke Hand. Er erwidert den Kuss und will in den Mund hinein lecken, einmal noch und desgleichen über ihre Stirn. An den waagerechten Falten darauf ganz und gar fähig das Wahre spüren, zuunterst dem anderen. Statt all dem, entschlüpft ihm: „Dann tun wir eben, was du willst und wissen dann, wann es genug ist.“

3

In Essen-Karnap flitzt Hannes zur S-Bahn, springt hinein. Hinter ihm schließt die Tür automatisch. Die Bahn fährt an, quert in Kürze die frei von Abwasser fließende Emscher und den Rhein-Herne-Kanal. Danach, Ecke Altenessener-Heßlerstraße, will Hannes aussteigen und zur städtischen Kita aufs Neue losrennen. Der erste Lauf glückte immerhin bei reiner Hetze. Hannes besetzt wahllos einen noch freien Fensterplatz und öffnet den Reißverschluss seiner Jacke. Hervor quillt aufgestaute Körperwärme. Der Spurt hatte mehr als ihm lieb war erhitzt, obgleich der April morgens noch Kühle gewährt und ebenso nachts.

An letzte Nacht denkt er nun, die war sehr speziell. Nicht wegen dem fadenscheinig abgenutzten Bettzeug. Daran gewöhnt, hatte es nicht gestört. Eher der hirnige Anfall, wegen dem er den Smartphone-Wecker, für den Tag und auf die Bahn, überhörte. Er musste rennen, mit tückisch gefährlich trudelnden Traumbildern in sich, so schwer wie ein vom Regen nasser Rucksack. Dem, da die Fahrt noch andauert, widmet sich Hannes.

Anfangs sah er bläuliches zahmes Wasser wie im Wellenbad der Gruga. Dann hob die Wasserfläche sich zur enormen Woge, bäumte sich hoch und stürzte auf ihn - die dunkle Säule von Mann - brach über ihn herein als riesiger Wasserberg.

Vom Anklang der Wasserwand, mittendrin er, japst Hannes auf, knetet die geröteten Hände. Die sind warm, fällt ihm auf, passen so gar nicht zu seinem Gefühl von erlebter tückischer Gefahr. Durchaus aber zu seinem Empfinden inmitten der Wassermasse, worin ihm von oben bis unten aber gar nicht kalt war. Weder fiel er starr vor Schreck um und zerbrach am Boden noch gab er den Geist auf. Der wogende Berg verebbte hinter und vor ihm so augenfällig harmlos wie ein Schwappen in einem sonnenklaren Kinderplanschbecken.

Die Hände öffnend, empfindet und begreift Hannes beiderlei Deutung des Wogens als wohl wahr, auch das Dunkle an der Säule. Er stutzt, keine Lesart will ihm gelingen. Denn die monoton fahrende Bahn besänftigt zu sehr und die daran gekoppelte ach so bekannte Unbeweglichkeit, die nur langsam, aber sicher, ein 'Aha' vermittelt.

Er verhält sich oft halb weggedreht von allem und jedem, als ob die innere Bremse einer Gefahrenwarnung destruktive Untätigkeit verlange. Schon reizt im Gemüt der Stimulus von 'wird schon werden', und enttarnt den Drang nach Vernachlässigung seiner selbst. Auch wahr, erkennt Hannes. Er legt vieles unbeachtet lange in den staubigen Schatten von Alles-egal. Die Anträge, der Behördenkram wäre im Handumdrehen erledigt, ohne einen überflüssigen Hick-Hack dagegen.

Friedlicher im Monolog sollte er das durchziehen. Zuerst mit dem Dunklen an der Säule. Gut. Nie hat es ihn gestört, wenn er sich ab und an durch die Episoden der Zeit treiben ließ. Das sollte hopsgehen, passt nicht. Besser passt die Power am Stand als Säule, um den spärlich gewordenen Kontakt aufzuwärmen. Eisern fest in der guten Absicht für die Frau, die gesund lieben kann. Sie hatte es vermocht und mit ihm geteilt, was er damals an sich geliebt hatte. Das Dunkle aber - könnte er oder sie es jemals schätzen? - lebe vermutlich auf an ihm vor Luies, die er demnächst heute bald wiedersehe.

Allein diese Aussicht erwärmt bestens in Gemüt und Gedächtnis, was Hannes von ihr weiß. Luies beendet ihr halbes Jahr Hospitation in der städtischen Kita. Als es begann war Luies – einem Wunder gleich – ihm aufgefallen bei ihrer wiederkehrenden Fahrt in der S-Bahn. Nie war Hannes am Weg zur Arbeit, noch im Job mit Gleitzeit, an der Heßlerstraße ausgestiegen. Eines Morgens folgte er der schlanken Frau, deren glattes Kurzhaar vor Eile im Wind flog. Ihr Ziel sah Hannes und ging vorbei an der Gartenanlage.

An dem damals außergewöhnlichen Tag stand er spät am Nachmittag wieder an der Ecke des Spielgartens der Kita. Dort fuhren Eltern vor, nahmen ihre Kleinen in Empfang. Luies brachte einige hinaus, drehte dann ab zur S-Bahn und fuhr in Richtung Innenstadt zum Karlsplatz. Wie ihr Schatten folgte er ihr, bevor sie sich mit erhobenen Augenbrauen umdrehte, ihn von unten bis oben taxierte. Sein Stottern erinnert Hannes nur vage, um so deutlicher ihr Auflachen. Es war so herzlich und einladend wie der laue Herbsttag, an dem alle Leute irgendwo ein kühles Stauder-Bier trinken. Ihn eingehakt hatte Luies, ganz und gar froh im Gemüt. Ein Naturtalent.

So begannen die kurzen Episoden, die Luies gewährte. Dem Anfang der zarten Romanze schadete der Sand der Alltage, ihre Studien und seine Routine in seinem Job als Manager in einem riesigen Konsortium. Sein Kampf gegen die Macht der Führenden. Seine Attacken und sein innerer Krampf von seinem nach oben zu buckeln und zur Seite treten. Seitdem ging es mit ihm bergab. Pech gehabt.

In die linke Jackentasche greift Hannes, zu dem Rest von der Stütze für April. Die Fünfer-Scheine knistern, er gedenkt Luies einzuladen. Sie hatte sich bereit erklärt, ihm den halben Vormittag reserviert. Vergeige er diese wenigen Stunden des Wiedersehens, wie so oft vorher, es wäre unverzeihlich.

Auch diesen Disput bremst er aus. Die fliegenden Fensterbilder bei der monotonen Fahrt auf den Schienen wiegen sein Inneres, das still hält. Hannes zieht die Hand aus der Jacke vor die Fensterkante, um bequemer sich sein zu lassen. Es misslingt. Im Gang zwischen den Sitzreihen läuft ein Kleinkind in seine Richtung.

Der kleine Fratz kräht ohrenbetäubend schrill „Mama, Mama“, hoppelt noch eine Reihe weiter, kehrt dann um, wobei hinten der Bommel am bunten Zopf der Mütze lustig schwingt, das Gekreisch untermalt. Schon zucken einige Mitreisende hoch und recken sich aus den Sitzen. Vier Reihen vorne dreht sich ein brauner Kurzhaarkopf, ein gebauschtes Halstuch folgt. Die Frau greift nach dem Krähenden in den Gang, fängt das stolpernde Menschlein, bevor es stürzt. Laut ruft sie: „Siehste, nur beinahe hingefallen, rücke deine Krone zurecht!“ Sie tätschelt Stirn und Mütze. Ihr mütterlich wohlwollendes Tuscheln beruhigt den Unruhestifter auf ihrem Schoß. Bald fliegt ihr Gesumme in leisem Klang über die Mitreisenden, die scheinbar in Lethargie absinken.

Nicht Hannes. Er weiß, bei dem Fratz zählt alles drum herum untrennbar zur eignen Achse. Ein Kind eignet sich neugierig an, was die Welt zur Verfügung stellt, probiert sich aus in Versuch und Irrtum und erlebt die Nebenwirkungen. Von den ach so erwachsenen Mitreisenden spielt keiner mit. Hannes schätzt, sie lassen klammheimlich plastisch laute Sprüche ab: Sie war das Objekt der Begierde, sie verursachte das Geschrei. Und wann kehrt unsere Eintönigkeit zurück?

Daher taucht am Sitz vorn des Öfteren der Kurzhaarkopf ab, um etwas nur leise zu äußern, erwägt Hannes. Frisch davon animiert, blendet er das noch zu hörende mütterliche Gesumme aus und lauscht dem eigenen gedanklichen Gemurmel. Vom kindlichen Erlebnisreich, ihre täglichen Beobachtungen, erzählte ihm Luies. Wie führte Luies seitdem ihr Leben? Auf ihre schicke Wohnung legte sie immer Wert. Oder erlebte sie die gleiche Bedürftigkeit, an die er sich schwer gewöhnt? Keinesfalls an den latenten Argwohn gegen ihn, der ohne Boden unter sich gestürzt war. Ohne Krone, im Aufrichten zurechtzurücken. An deren Stelle klebt nun der Titel Versager. Dies äußere Werturteil stoppt den Glauben an den gerecht verteilten Wohlstand und die feste Hoffnung auf eine Zeit, die den Zustand von 'demnächst ohne Obdach' irgendwie bessere. Wie soll er sich Hoffnung leisten, ein Arbeitsloser, der sich nirgendwo beweisen kann. Wie das für Jahre bewältigen?

Dies Ungewisse, die Qual der Suche nach einer Lösung, umkreist der Stimulus in Hannes. Sekunden-schnell kickt er das 'es wird schon werden' an. Die Wahl einer Hoffnung, allen Ereignissen im Voraus profan eisern zuzugestehen, die wären fair. Und ebenso gut verlaufe das Treffen mit Luies. Aus dieser Hoffnung erwecke sich der wahrlich harte Traumfänger, Hannes, ein wenig mehr mentale Willensstärke.

Soeben erreicht die Bahn die Haltestelle. Die junge Mutter steigt mit dem Kind auf dem Arm aus, stellt es zwischen den Ausgestiegenen zu Boden, zerrt am Mäntelchen. Hannes deutet ihr Gehabe im Hinblick auf die Kita, doch eigentlich geht sie ihren Weg zur Arbeit. Ihr enger Rock wirkt so. Ihre blanken Schnürstiefel. An halbhohen Absätzen trippelt sie mit dem Stöpke an der Hand los. Elegant gekleidet geht nur, wer eine gehobene, gut situierte Erscheinung abgeben will. Berufsbedingt, im anderen Leben ..., denkt Hannes, zu seinem Ziel los spurtend.

Von weitem späht Hannes mit schmalen Augen zur Kita, auf das draußen auseinander driftende Gewusel von Kindern und Eltern. Darunter sind in bunten breiten Streifen gestrickte Pullover. Der eine legere wird erhellt von einem jäh die umliegenden Hausdächer überwindenden Strahl der aufscheinenden Aprilsonne. Deutlich gewahrt Hannes nun Luies' braunes Kurzhaar und muss doch blinzeln. Luies umarmt den anderen bunten Pulli, darin den gleich großen blonden Mann, dessen Hände über ihren Rücken streicheln, dann die Hüften fest bedecken, wobei sein Mund den ihren küsst.

Hannes stolpert über einen Kieselstein am Weg, zitterig in den Knien. Dem Kuss des Kerls haftet etwas sehr anbetungsvolles an. Luies gibt sich hin bei geschlossenen Augen, verzückt in stiller Ekstase. Ohne glühende Leidenschaft auf den Wangen. Kein Rausch und kein Taumel, auf dem des Blonden ebenso nicht.

Dennoch zu viel. Hannes reduziert seine Eile. Sein Hals kratzt, der leere Magen kneift von Luies' Verzückung und Luies' Nähe mit dem anderen Mann. Gänzlich unerwartet, ohne Vorwarnung als möglich geahnt.

Anfangs, in den weit zurückliegenden Monaten, gab es mehr als einen Anlass, Luies als Frau zu sehen. Luies fanden er und andere schätzens- und begehrenswert. Aber, mein lieber Scholli!, nicht einzig nur er kreiste den lieben langen Winter über um die eigene Achse.

Der einsame Winter, der steinharte Brocken, blockiert Hannes die Schultern, die lahm absinken. Eben noch waren sie warm von vor freudiger Anspannung, und davon, erwartet zu sein, bei Luies anzukommen. Zum Gehsteigrand wankt Hannes und sieht seine ausgefranste Jeans an, um sich abzulenken.

Mag sein, der Reiz des Frühlings im Morgenlicht verführt Luies zum Küssen. Aber den Schreck würde Luies ihm anmerken, falls er nachfrage. Zu kompliziert, keine gute Idee. Besser wäre, er verzichte auf Luies und gönne ihr ihren Beginn des anderen Glücks. Ungewissheit wäre das Schlimmste.

Keinen Zweifel hat Hannes an den bunten Pullovern, dem Partnerlook. Er sah keinen unschuldigen ersten Kuss. Dennoch wird der Geschmack auf seiner Zunge bitter und bleibt wie angeklebt, als Luies den Habitus ändert. Sie atmet bei offenen Augen tief ein. Sie rückt in Distanz zu dem Blonden und hebt ihre Hand vor sein Gesicht, winkt ihm leicht zu. Na endlich, wird Zeit! Ihre Geste erleichtert Hannes. In der Tat überquert der Blonde die Straße, steigt in einen grauen Pkw ein, den er geräuschvoll startet, als ob er sich nicht leise davonzumachen vermag.

Luies dreht sich mit einem Schritt zum Lattenzaun des Gartens. Hannes erwägt, an der Reihe zu sein, doch hindert ihn das Rufen der hastigen Frau hinter ihm, deren Tritte auf halbhohen Absätzen klappern. Anbei trippelt der Fratz aus der S-Bahn, der, ihn erkennend, einen Arm hebt. Am anderen Arm zieht ihn die Frau. Er torkelt im Unvermögen, so schnell wie sie geradeaus zu laufen. Dem seltsamen Gespann blickt Hannes nach, dem schwankenden Bommel an der Mütze. Unvergessen sind der Impuls seiner Absicht, das zuvor irritierte Innere. Nach Sekunden schließt Hannes auf zu dem Fratz, verbirgt sich im Gehen hinter der Frau nur, deren nahen und tief erschallenden Ruf er hört.

„Warte Luies! Ich bringe dir etwas Schönes für dich!“

Aus ihrer ledernen Umhängetasche zieht sie ein in Goldpapier gehülltes Päckchen.

Hannes linst kurz über die Schulter der Frau, will Luies' Reaktion nicht verpassen. Da, weich werden deren Gesichtszüge und ihre distanzierte Haltung. Luies' weite Arme erwarten eine Freundin. Dennoch verharrt sie, wo sie steht. Samt und sonders richtet Hannes sein Gehör zu Luies.

„Romi, Guten Morgen! Na, ich ahne, was du mir Gutes mitbringst.“

„Zum Dranbleiben, ja. Weil du mein Meilenstein in die Zukunft bist.“