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Zauberhafter Esprit und bodennaher Wildwuchs im Herzen von Madeira. In ihrer Quinta, gelegen in der Bergwelt von Ponta do Sol, zeigen vier Frauen und zwei Männer Gemeinschaftsgefühle längs eines Mitbringsels der weltweiten Wetterlage im Jahr 2010, und einem Plattfuß am Jeep. Der Kinderstreich aus der Insel-Nachbarschaft ruft sie in den übergeordneten Plan für ihr Trend-Projekt 'der Generation vielfarbiger neuer Alter' im Abenteuer von Freundschaft und Liebe.
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Seitenzahl: 623
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Roma Hansen
Sonne satt
auf der Insel des ewigen Frühlings
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
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Inhalt
Vita:
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Impressum neobooks
Madeira - Roman vom Zauber der Insel und dem des Alterns in einer Ü 60 - WG,
von deren Integration und Abgrenzung während Ereignissen echten Lebens.
Die Gemeinschaft ist handwerklichem Schaffen aufgeschlossen, sowie der Magie zweier alter Kulturvölker und einigen psychologischen Ansätzen für ihre Alltagsbedürfnisse.
Dies und ihre stärkste Kraft, die Liebe zu ihrem Leben, das auch das Sterben integriert, bringt manches Unfassliche. Jenen, die auf der Insel Madeira dem Lauf der Sonne folgen, und dem Setzen vertrauensvoller Schritte im Lauschen auf sich.
Denn Sanduhren entrieselt die Zeit - ein Schwenk erst kitzelt einen Zauber hervor.
Die Autorin lebt seit 20 Jahren auf Madeira. Sie brachte ihren reichen Erfahrungsschatz aus alternativen Verfahren, sowie die Heilpraktik in Psychotherapie, ein im Gesundheitsbereich eines Hotels
„Mein Freund Ohle liebt Naturgeräusche, Sonne, Wind und Düfte. Dort am Foto träumt er sich vor unserer Fachwerkscheune in den blühenden Apfelbaum hoch, stellvertretend für Madeiras grünes Paradies mit allerorten Roma-, Cherimoya- und Feigenbäumen.“
Ertappt - wo habe ich denn meinen Kopf!, denkt Usa, an der Supermarktkasse vorgebeugt, und betrachtet kurz noch neugierig an der aufgeklappten Geldbörse vor ihr das Foto des Genannten und seine rote Sportkappe.
Verlegen hebt sie den Blick. Der Sprecher, ein schlanker Mann, ist kein genervter Tourist, nach erfolglosen Suchen nach Tiefpreisen. Vielmehr betrachtet er ihre von etlichen Massagen muskulösen und sonnenbraunen Arme, während die Kassenfrau seine Einkaufsartikel am piepsenden Scanner vorbei räumt.
„Eine Frage hätte ich“, ergänzt er, mit krauser Stirn, der Usa ein dem ihren ähnlichen Alter Ü 60 ansieht. „Wissen Sie ein Häuschen zu kaufen? Wir suchen danach. Meeresbrisen einzuatmen belebt den Geist, und die Sonne Madeiras schenkt uns, was alle so lieben: Seele satt! Ihr Licht gebiert Ideenreichtum und neue Gedanken. Im Sog kopflastiger Reizfluten stecken wir drüben, hier stillt unsere moderne Psyche ihr Sehnen nach Minderung.“
Ohne die abwartende Kassiererin zu beachten, dreht Usa sich um. Zu einer Auskunft bereiter als sie, müsste hinter ihr Anton stehen - nichts seiner Schmauchspur riecht sie, der Kugelblitz verschwand. Dem Unsichtbaren nach flitzt ihre Vermutung, mit lautlosem Seufzen behaftet: Umgekippt ins Belohnungsverhalten findet der kostspielige Mann noch mehr in irgendeinem Regal, obgleich er schon den Bioladen leer kaufte, in einem Sträßchen der Altstadt gelegen. Na, nicht ganz leer, nur ebenso teuer.
Usa hebt ihre Brauen, besinnt sich und vergegenwärtigt ihre jahrelange Kenntnis vom Hörensagen. In einer vage anbindenden Bewegung ihres Oberkörpers wendet sie sich an den Frager.
„Raten könnte Ihnen Sekretärin im Konsulat, dahin gehen Sie sowieso. Auch Touristikbüros wissen über ihre Wanderführer von leerstehenden Quintas. Fragen Sie auch in den Bars der Dörfer.“ Auf die Kassiererin mit einem Kopfrucken deutend und ihre Stirn glättend, lächelt Usa und ergänzt: „Residente begegnen einander immer irgendwo. Bis dahin sind Sie sicher sonnig ermutigt, und übersehen den ruinösen Verfall hie und da. Den Wildwuchs müssen Käufer aussortieren wie in einem Garten, der geliebt wird. Die Sonne hier räumt auch solche alten Ängste aus. Viel Glück!“
Nur kurz noch forscht Usa in seiner erwägenden Miene. Rasch wendet sie sich ihrem Einkaufswagen zu, legt dessen abertausend Teile ab, und entledigt sich zugleich der Absicht des nun einer Hoffnung wohl beraubten Inselauswanderers. In Kürze schaut sie ihm nach. Er spürt noch keine neue Welt in Händen, an Tagen wie heute mit Sonne knapp, und die gaukelt zumindest ihr nicht vor, oder macht sie glauben, alterslos zu sein.
Vor der Atlantik nahen Einkaufsmeile in Funchal, Hauptstadt von Madeira, pladdert es am Jeepdach ins Tickern des Blinkers, mit dem Usa wenig später anzeigt, aus dem Parkhaus herausfahren zu wollen. Die Scheibenwischer schieben blanke Viertel frei, auf die binnen Sekunden dicke Tropfen regnen.
„Subtropischer Regen, für die Inselnatur immens wichtig!“, nuschelt am Nebensitz Anton. Seine eng stehenden braunen Augen, eingebettet in gebräunte Haut, lugen voraus. Er glättet seine sonnenverschossene kakifarbene Weste, steckt die Hände dann samt der Manschetten seines langärmelig grauen Hemdes darunter.
„Wer nur rief den?“, grummelt er nochmals. „Wir Gestrandete wollen ständige Sonne. Leider macht sie sich mehr als rar bis zum heutigen Samstag, dem 20. Februar 2010.“
„Gewiss liegt über den Regenwolken knatschblauer Himmel im All, das Universum rückt uns wieder näher“, räumt Usa ein. Doch klingt ihre Stimme wenig freudig. „Jede Bitte um Sonne überhört die unendliche Obrigkeit. Wie wir gar das Blinkerticken!“
Sie blinzelt in das Verhangene empor mit Augen, die im Echo ihr Hellgrau unter den ausgebleichten Brauen dunkeln. Dann hart das Gaspedal tretend, fädelt sie den Jeep in eine Lücke der auf überfluteter Straße langsam fahrenden und wieder neu gestockten Kolonne. Nur von der Gegenfahrbahn her teilen vorbeiwischende Autolichtkegel regelmäßig die Regenwand vor der Frontscheibe.
Und daher brummt Anton: „Die für dieses Desaster zuständige Obrigkeit überhört ja auch den Schrei nach 'Sonne statt Socken' der Winterflüchtlinge aus dem kalten Europa. Die gehen baden an den pompösen, im Hafen aufgereihten Luxuskreuzern!“
Ein kleiner Gedanke entrückt ihm voraus der Route Richtung Kanarische Inseln, und alsbald an die genauso sturmgebeutelten Küsten der Azoren. Er kehrt um, zu Usas violettem Kleid, unter einer lavendelfarbenen Weste getragen, und daran gewinnt er an Klarheit. Weich und warm wähnt er Usas rundlichen Bauch auf den Schenkeln liegen. Aufwärts schweift Antons Blick, über Usas rot gesträhntes Schläfenhaar zu ihrem Stupskinn über den gebräunten Halsfalten, an die sich graublondes Kurzhaar schmiegt, und ihre Edelsteinkette, die sogar jetzt glitzert im diffusen Licht.
Darin wirkt ihm seine Knittershorts nur verlottert. Genauso wie das braune Kraushaar seiner bloßen Waden, kurz über seinen ausgelatschten Tretern. Da unten rufen die Erdränder an seinen Fußnägeln nach einem nachhaltigen Bad mit Kräuteressenzen.
Usa aber vermutet an Antons Bild der Luxuskreuzer nur seine Gelüste nach überladenen Büfetts. Diesen Fettnapf umschifft sie geschmeidig, und nuschelt baldigst ihren Kommentar.
„Unsere Mitbewohnerin Vera weiß aus all ihrer Erfahrung als Hotelangestellte, Schiffsanimateure bügeln die Wetterschlappen aus, falls Gäste übrig sind, deren grüne Gesichter die Reling nicht schmücken. Verkraften sogar See Untaugliche das Schaukeln nach einer Weile, nehmen sie an Bord Behandlungen bei einer wie mir, die enttäuschten Visionären das Hören und Sehen klären und sämtliche Illusionen austreiben.“
Angetrieben von ihrem Anton noch nicht offenbarten Anlass so harscher Kritik, schaltet Usa die Wischer eine Stufe höher. Vor ihr zeigt sich ein Kreisverkehr. Den passierend und sich einer Brücke nähernd, über deren Weite nur Grau hängt, hämmert es von allen Seiten Tropfen in ihre nächste Anmerkung.
„Zuvor wünschte ich mir für die Rückfahrt nach dem Einkauf einen der legendär doppelten Regenbögen über dem Atlantik, und, der möge eine Botschaft aus dem Sonnenland herabtragen, Wärme. Allzeit war der warme Februar hier eine gegebene Größe, auf die ich mich verlassen konnte.“
„Wer sich darauf verlässt ... Heute schwappt kein Goldtopf am Meer“, entgegnet Anton, wischt mit einem Hemdärmel auf der beschlagenen Seitenscheibe ein Guckloch. „Da oben besteht kaum Chance auf Sonne. Von Süden kommen die Wolken.“
„Hier unten nähern wir uns einem akuteren Hindernis.“ Usa rückt ihr Gesicht zur Scheibe. „Ein Uniformierter lenkt uns nur einspurig und bergauf über die Überführungsbrücke weiter.“
Am Ende der Brücke anhaltend, wo mehr Fahrzeuge einscheren, betrachtet sie in der Tiefe die Via Rapida, und wispert:
„Frei! Versteh Einer die Umleitung zur alten Bergstraße.“
Da wälzt schon unter der Brücke eine Schlammlawine über die Fahrbahn der Schnellstraße. Schäumend an den Rändern, fluten unaufhaltsame Wellen hügelabwärts, mit kniehohem braunen Dreck.
„Irgendwo rutschte ein Berg!“, japst Usa panisch, und dreht den Kopf von der verheerenden Aussicht ab.
„Gullys fassen nichts mehr! Die Sonnenverwöhnten der City erleben ein seltenes Desaster, die Hektik erlahmt.“ Anton reckt sich der fatalen Verschmutzung entgegen. „Wahrscheinlich liegt die City bereits stellenweise überflutet. Und wir mittendrin!“
Daumennagelgroße Regentropfen prasseln nun in endloser Woge an die Schlammlawine an der Via Rapida, deren Brücken nicht nur hier im Süden Täler und Felsrisse überspannen, auch weit in den Westen hinein. Plötzlich entlädt sich kirschkerngroßer Eishagel auf die oben stehenden Fahrzeuge.
Eine Minute lauscht Anton gebannt dem Knallen am Jeepdach.
„Es klingt wie das Wetter im alten Leben. Nebel ziehen hier ja auf, steigen die Temperaturen höher, aber dies entartet zur Zitterpartie“, brummelt er in die Stille, in der sich der Hagel an der weißen Motorhaube des Jeeps verflüssigt, und dabei seine Zehen eisig und klamm werden.
Usa aber zerwuselt hektisch mit beiden Händen die sattroten Strähnen im Kurzhaar der Schläfen, und zieht daraus eine ebenso verstimmte Antwort.
„Nichts hilft, nichts! Wir fahren möglichst denen nach, die sich auskennen, irgendwie westwärts in die Berge.“
Starr geradeaus sehend, lenkt Usa den Jeep am Polizisten vorbei, dessen blauen Regenmantel Eiskrümel bedecken. Stoisch schwingt er die Kelle vor der blinkenden, rotweißen Absperrung.
Nach hundert Metern Schrittfahren stoppt die Kolonne. Anton öffnet die Seitentür, steigt aufs Trittbrett, späht voraus. Und lässt Usa voll Grausen wissen: „Eine Flutwelle kreuzt schon die Fahrbahn!“ Schreckensbleich setzt er sich zurück und knallt die Tür zu, wischt den Regen aus seinem Gesicht, schnallt den Gurt an. „Schnell weg! Todesmutig!“, fordert sein Ton eindringlich.
„Die vor uns starren ins Unglück, bessert doch nichts!“
Tief atmend reckt Usa ihre Brust unter dem Lavendel ihrer Weste. Im Reiz des Anlaufnehmens greift ungeduldig ihre Hand in die Schaltung, der Wagen vor ihr rollt an, gibt Gas.
„Durch den Modder treibt Allradantrieb. Anton, festhalten!“
Mit heulendem Motor schert der Jeep aus, durchquert den vor Minuten angelangten Schlamm bergauf mit Gepolter, schleudert im Schotter. Tosend dröhnt es plötzlich hinter dem Jeep und lauter als das Durchfahren der Reifen zuvor war. Die neue Gefahr wird erkennbar im Heckfenster. Von der Bergflanke stürzt meterbreit eine Lawine, mitgeführte Felsen jedweder Größen kollern in die Wagenkolonne, und überwältigen sie, reißen dahinein eine Lücke.
Halt die Welt an, halt sie an - alle dahinten sollen leben,
fleht Anton. Nur wen meint er? Seinen vertrauten Indianergeist? Kaum zuständig. Was kann der dafür?, denkt Anton in der Sekunde des Spektakels. Zumal er die Vielen erahnt, die jetzt ganz und gar mit dem Denken aufhören.
Noch ein Kleinwagen, Spielball der Lawine, taumelt über den Brückenrand in die Tiefe, andere stapelt die Woge vor den Berg. Mit furchtbarem Getöse zermalmen die Felsbrocken Fahrzeuge bis zur Unkenntlichkeit. Schlammfontänen spritzen darüber, mehr und mehr wildes Wasser prasselt von der Bergflanke nieder.
Vor der entmenschenden Rohheit dieser Massen, presst Anton seinen schreckstarren Rücken an den Sitz, und sieht nicht mehr zurück. Auf seine innere Lippe beißend, schmeckt er eine Dosis eigenen Blutes, kaum annähernd so grauenvoll beladen wie er das in der Karambolage wähnt. Nichts kann er dagegen halten. Diese Sekunde des Unglücks so präsent wie sein Zittern vor den alles überlagernden Bildern seiner Vorstellung von schlammbesudelten Leichen, in Trümmer eingeklemmt. Eng schnürt es ihm die Kehle. Blicklos vorschauend, schnauft er den Überdruck durch die Nase.
„Bald - sind - wir - oben“, raunt Usa, so stotternd wie der Jeep die Steigung hinauffährt. Sie blickt Anton an. Aus ihrer Stimme klingt Erleichterung. „Oben kommt uns kein Schlammwasser entgegen. Unglückswasser fluten runter. Wir sind sicher.“
„Hast du es im Rückspiegel gesehen?“
„War laut genug. So bald es geht, halte ich an. Mein Gasfuß zittert noch ebenso wie meine Hände am Lenkrad.“
Im Regen taucht das Laufband einer blinkenden Barriere auf. Sie markiert den Abzweig zur Serpentinenstraße, hinter der die schnurgerade Höhenstraße der Hochebene Paul da Serra folgt, um daran auf die andere Inselseite zu gelangen. Höher und steiler wird die Steigung, führt in engen Kurven vorbei an ausladenden Akazien, hernach durch alte Pinien und den triefenden Wald von Eukalyptusbäumen, der seinen aromatischen Duft verströmt.
Bald düst der Jeep hinter einem Kleinlaster her, der, wenig Deckung gebend, Wasserlachen zerteilt. Usas Fuß hoppelt auf dem Pedal der Breme, während der Jeep im Aquaplaning schwimmt.
Anton korrigiert seinen Atem mit einem ihm kaum seine Brust erleichternden Seufzer. Gebeugt im Gurt hockend, orientiert er sich für eine lange Zeit nur längs des Straßenrandes.
„Plutonisches reißt in diese Zerstörung“, meint er danach.
Usa antwortet mit heftigem Nicken. So plötzlich wie sie es beendet, enden auch die Steigung der Fahrbahn und das Pladdern. Einsehbar öffnet sich die Straße. Am Rand harren braune Rinder aus, die Hufe in den Hagelwehen vor Büschen aus Besenheide. Im Nu stoppt Usa, klappt die Kapuze der Weste hoch, steigt aus und geht drei Schritte. Der Wind schmiegt ihr violettes Kleid vor die Beine. Sofort umkehrend, steigt Usa ein und sieht Anton an.
„Es stürmt mich aus den Angeln. Leben sieht anders aus.“
Sie zieht die Kapuze vom Haar. An ihre vor Anspannung roten Ohren legt sie ihre Hände, um zumindest den Kopf beim nächsten Atemzug aufzufrischen.
Anton mag sie nicht ansehen, seine Brauen zucken nervös zur Stirn hoch. Leise, verhalten und in getragenem Ton, murmelt er:
„Die Toten brauchen keine Angeln mehr, weder an Türen, noch fürs beliebte Fischen. Schockschwere Nöte kommen den Verletzten für ihr Überleben. Keine baldige Änderung der Turbulenzen lese ich an den stoischen Rindern, sie sind klug aus Erfahrung. Aber noch sind wir nicht am Ziel, nur deine Geistesgegenwart rettete uns das Leben. Hab Dank“, erklärt er sein Befinden. „Mir fehlen die Worte. Mag es mir nicht länger vorstellen.“
Usa schaut in den Rückspiegel. Daran haften das Grauen des Desasters unbeherrschbarer Elemente. Ihr bricht kalter Schweiß aus. Nicht, weil sie den Jeep an die Asphaltstraße steuert, nun westwärts der Hochebene, gnadenlos im Sturm gepeitscht, der den Wagen mittwärts drückt. Nach einer Weile anstrengenden Lenkens geht ein Ruck durch den Jeep nach einer Rechtskurve, scharf um eine Felsformation herum. Im Blick in die nasse Bergwelt bremst Usa ab, denn voraus stürmt erneuter Regen in aufrechten Fäden.
„Im Westen nix Neues“, feixt Anton.
„Nimm hin, was du nicht zu ändern vermagst.“
Usa entspannt ihren Kiefer. Die Zähne öffnet sie zu einem Gähnen, das ihr den Schreck des zuvor Erlebten herauszieht.
„Auch meinen Hunger nach Sonne und dem Zauber der Insel?“
Ungemütlich fummelt Anton am Sicherheitsgurt, knallt ihn an seine Brust. Er reckt seine kühlen Zehen in den Sandalen zu Usa hinüber, sein Kinn zuckt protestierend. Das ihre jetzt mehrmals seitwärts bewegend, lockt Usa ein Gähnen hervor, und streichelt über ihren klammfeuchten Hals. Ihren Ton färbt linder Spott.
„Bessert dein Meckern deinen Hunger? Ich sehe den Grund zur Freude, wir kehren unbeschadet heim. Im Regen forsche nach mehr Gefasstheit. Geistige Beschäftigung vertreibt deinen Koller der Langeweile. Du brauchst wohl mehr als den Quintagarten, hm?“
„Kommt nicht in die Tüte, mich irgendwelchen Arbeitszwängen
auszuliefern, jetzt, nach dem allgemeinen Ende des Hausumbaus.“
„Stimmt also“, versetzt Usa milde herablassend. „Gefährlich ob deiner Geschichte. Doch deinen Geist anregen sollte etwas in den tristen, ans Haus bindenden Tagen. Merke dir, dein Nörgeln macht dich unausstehlich!“ Usa blinzelt voraus, senkt die Lider müde, auch von Antons geballter Nähe. „Generell alle in unserer Gemeinschaft starteten an Standorten, die ungleich waren, doch führten sie uns in die warmen Breiten.“
Einen lahmen Moment später fügt sie zögerlich, im Sog ihres Inneren unterwegs, an: „Haste vergessen, wie sonniges Gemüt und Herzlichkeit gehen? Wärme spendet allen subtropischen Wesen nur eine grundlegende Zufriedenheit. Die lindert die Reißspuren des mitgebrachten Plunders auch bei dir!“
Protestierend runzelt Anton seine Lippen, presst sie hart vor, dämpft dahinter seinen Frust an der Dominanz dieser Frau. Dennoch abverlangt er sich ein Patentrezept, nur leider weilen dessen Zutaten unerreichbar irgendwo. Die eingekauften Schätze böten Anlass für Schub und Wende. Er peilt zum Heck, gewahrt im Augenwinkel aber Usas Profil und daran den Impuls anderer Art. Ja, die Liebe wächst still und unbeeindruckt wie Graswurzeln.
„Überredet!“, haucht Anton aus weichem Mund. Er drängt sein Begehren hinter die Retourkutsche. Von der wähnt er sich etwas holprig, wohl mehr der Mühe wert.
Antons warm klingenden Ton genießend, linst Usa in den nun dünneren Regen und an die schwache Kontur eines Schemens. Wenig nach dem in triefender Regenjacke Wandernden, hält Usa den Jeep an, obschon ein waagerechter Nebel wabert, aus dem es tropft.
„Ups! Einer zum Mitnehmen, weit und breit kein Unterstand.“
Bereitwillig dreht Anton sich nach hinten, und klappt die Seitentür auf. Der Wanderer nähert sich wie schlafwandelnd.
„Rasch, rasch!“, ruft Anton, „aus dem Sauwetter heraus!“
Hinter sich die Jeeptür zuknallend, blickt der Mann in ihm zugewandte Gesichter, in die er grinst. Dann wischt er sich die nasse Kapuze seiner Plastikjacke vom Kopf.
„Ich liebe Sturm, bin nun ausgekühlt.“ Eine Pranke reckend, wispert er: „Die reiche ich Ihnen nicht, die wühlte in Erde. Bin übrigens Carel, ein Naturforscher. Guten Tag!“
Usas Mundwinkel zucken, während sie das runde Gesicht unter der landestypischen Ohrenklappenmütze mustert. Welcher Spezies gehört Carel fürwahr an? Das will sie mit mutwillig ernsthafter Tonlage nicht wissen.
„Ist es in Ordnung, Sie nach Ponta do Sol mitzunehmen?“
„Fantastisch! Habe heute genug erledigt.“
Carels zufriedenes Gesicht weicht ihrem forschenden Blick aus. Antons dagegen zieht, mitsamt einer glühenden Frage darin in ein Blinzeln, und klimpert mit den Wimpern.
„Nur zu, Usa. Der Herr will, wohin wir fahren.“
Er reibt über sein linkes Ohr, schweigt aber. Usa kennt die Geste, und dirigiert den Jeep über von Schlaglöchern gesegnete Kurven talwärts, rutschig von nassen Eukalyptusblättern. Rasant schleudern die Reifenprofile hindurch, und im Heck klappert der Einkauf, wo er nicht mit Nudelpaketen verkeilt wurde. Ab und an linst Usa im Rückspiegel zu dem Erbleichten. Meldet ihm bald:
„Ab jetzt geht es nur geradeaus, danach halten wir.“
„Trifft sich gut“, grunzt Carel aus schmalen Lippen. „Diese Abkürzung kannte ich noch nicht. In der Ortsmitte, da unten am Kreisverkehr, steige ich aus. Mein Hotel liegt auf der Klippe.“
Nach dem Durchfahren des Kreises mit seinen vier Abzweigen, steigt Carel in der Haltebucht des Regionalbusses kommentarlos aus, und schlurft fort durch einen erneut einsetzenden Schauer.
Anton beklopft mit einem Finger seine Nase.
„Klippenhotel! Vera kennt persönlich die Gäste und sie wird wissen, was für einen Charakter dieser Carel hat.“
„Carel scheint dir ein absonderlicher Spinner zu sein? Das aus deinem Mund?“, japst Usa wenig heiter. tragikomisch im Ton.
Anton schmunzelt, erklärt dann zögerlich sein Grübeln.
„Ups! Du meinst, Gleich und Gleich erkennt sich leicht? Nur buddle ich nicht bei strömendem Regen im Naturschutzgebiet.“
„Anpacken wirst du gleich müssen.“ Usa schaltet die Wischer ab, und startet mit dem Ausruf: „Zum Heimathügel in der Region Madalena do Mar! Noch einmal Serpentinen, dann erreichen wir unseren schmalen Asphaltweg mit all seinen gepflegten Häusern.“
Wenig später fährt Usa auf ein holpriges Stück am Ende, und in die Parkzone der Quinta. An deren Fassade rankten Maracuja an einer Palisade in Höhe und Breite. Jeder Meter der sauberen Bruchsteine bezeugt mit seinen hellen Fugen die Umbauarbeiten.
„Die schweren Kisten trage zur großen Küche. Unsere Tüten nehme ich mit zur Teeküche. Auf besser Wetter warte nicht.“
Usa klappt ihre Kapuze über, öffnet dann rasch die Hecktür.
Anton tritt neben sie und hebt eine Flechtkiste heraus.
„Lian ist mit dem Kombi fort. Reißaus vorm Wetterkoller.“
„Kaum, sie inspirieren wohl eher die Regentropfen für ihr Töpfern. Du bedauere Margarita, sie hört den ganzen Tag lang das Glas am Gewächshaus knattern. Sie wird abends taub sein.“
Das Ausladen zieht sich hin. Unter dem vagen Windsäuseln in den Fingerblättern der Ranken an der Mauer. Nach wiederholtem Hin und Her stehen Anton und Usa am Jeep vor den letzten Tüten. Aber davon hält sie ein Sacken rechts hinten ab. Usa hockt sich irritiert vor den platten Hinterreifen. Sie sieht zu Anton hoch und fasst es nicht, wie viel Glück sie im Nachhinein erkennt.
„Der Katastrophe Funchals sind wir entkommen und hier nicht sicher vor Schaden. Fahnden wir nach der Ursache?“
Anton beugt seinen Rücken hinab an das seltsame Malheur.
„Mürbe war der Reifen nicht! Manchmal schadet die Sonne dem Mantel über die Jahre. Der Plattfuß hat andere Gründe.“
Antons Kommentar hört Usa schon hinter sich leiser werden. Sie geht gebückt, quert die Einfahrt, mustert den Wegschotter.
Noch blinken die regennassen Nägel nicht im Sonnenschein, aber fallen Usas suchenden Augen in der Wucherung von Unkraut auf.
„Schau dir das an, wie ausgesät! Extra ausgestreute Nägel! Kann das sein? Attackiert uns der Fremdenhass?“
Herangehumpelt an die krummen Ungeheuer, bedeckt Anton im Schock mit einer Hand seinen Mund.
Kindliches Kichern tönt an einer weit höher gelegenen Mauer aus den rankenden Polstern, die prachtvoll violett blühen. Das struppige Kraut versteckt weder die zwei Jungengesichter, noch das sich zur Mauerkrone nähernde, geblümte und zurückgebundene Kopftuch an einer alten Frau.
„Jacko, vai aki!“, krächzt sie und zerrt den Einen am Ärmel mit sich. Der kleinere, also jüngere Bruder will fort sprinten, sie erwischt ihn am gelockten Haar. Er heult auf und zieht die Schultern zum Hals, obgleich kein bisschen eingeschüchtert. Am Grundstück nun kreischt und quiekt es, die Frauenstimme zetert bruchstückhaft. „Policia“, tönt darin, und Schlagen auf Haut.
„Sie straft sie“, murmelt Usa hart. „Mir sagen meine Sinne, nicht zum ersten Mal. Die Alte ahnt nicht, wie sehr sie das natürliche Vertrauen der kleinen Frechdachse erschüttert.“
„Sie handelt nach ihrem Unrechtsbewusstsein, bläut es ein“, bestätigt Anton heftig nickend. „Ja, Prügel werden für immer ins Gedächtnis gebrannt. Ich fege für die uns Nachkommenden.“
Anton greift zu den Tüten und folgt Usa, humpelnd an seinem unfallbedingt kurzen Bein. Hernach kehrt er die unseligen Nägel in den Schmutz am Weg. Danach betrachtet er oberhalb das einer verfallenen Hütte gleichende Häuschen, von dem moderne Menschen nie annehmen würden, darin wohne jemand mit Kindern.
Es pladdert erneut. Anton flüchtet in Richtung Balustrade, unter den Balkon vor den Räumen von Margarita, Vera und Maik, und weiter in seine und Usas Teeküche. Eintretend, begegnet ihm Usa im grau gefliesten Flur, den sie quert in fünf Schritten an Bad und Büro vorbei. Sie lehnt sich zu ihm an die Herdzeile mit dem Regal der Kräuterdosen darüber.
„Seit wir losfuhren, filterten die Lufttrockner literweise Wasser, den feuchten Wänden entgegengewirkt. Den Brummer im Büro stellte ich ab, mag das Geräusch nicht.“
Ihr Blick auf Anton verkündet das Ende des Nägeldramas. Mit einem weichen Klang, der selbst ihm angenehm gefällt an seiner sonst so tiefen Stimme, erwidert er:
„Klar! Genehmigen wir uns aus der Espressomaschine Bickas? Maik scheint lange fort zu sein, er ließ den Küchenkamin drüben kalt. Ich montiere ohne ihn das Ersatzrad nach dem Schauer.“
Bald stehen am schmiedeeisernen Küchentischchen dampfende Tässchen, am dazu passenden eisernen Stuhl sitzt Usa eingehüllt in eine Jacke. Sie zupft am mittleren Knopf, worunter ihr Busen wogt, und schaut in die fingerdicken Rinnsale vor dem Fenster.
„Der graue Tag hält sich nicht an Madeiras Regel von drei Tagen. Seit drei Wochen kreist am Atlantik der Orkan.“ Usa sagt es erschöpft, doch spürt die Zeit einer anderen Erklärung wäre gekommen. „Den ertrage ich, seit ich gemobbt werde.“
„Ups! Das belastet dich! Letzthin gingst du auffällig krumm umher. So sitzt du auch jetzt hier.“
„Zu Gunsten einer jüngeren Frau werde ich abgedrängt. Sex sell’s ist die aktuelle Devise. Der Chef wird sich noch wundern und sein Haar raufen! Wenige Gäste begeben sich in fremdartige Hände, stehen auf billige Menschlichkeit! Deren Vertrauen muss locker sitzen, sonst stecken ihre Euros in der Börse fest.“
Eine Armlänge entfernt, sieht Anton das bildhaft. In seine Augen tritt ein feiner Humor und etwas tröstliche Sympathie.
Usa gewahrt es, es erleichtert ihr, neu anzusetzen.
„Das kam nicht unerwartet. Längst merkte ich, dem Chef galt meine Fachkompetenz nichts mehr, obgleich viele der Gäste ihre Erwartung ausdrücken, für sie zähle für eine Behandlung, neben sinnlich heilenden Händen, vor allem ein entfaltetes Gemüt. Ja, ja, eine unfaire Zwickmühle!“
„Aussöhnen derhalben, würde mir auch nicht schmecken.“
Mit seinem Tässchen in Händen lehnt Anton sich zurück, und fordert Usa mit einem Kinnruck auf, zumindest ihren Jackenknopf in Ruhe zu lassen. Usa faltet und legt ihre Hände in den Schoß.
Hinabsehend, treten vor sie Bilder aus dem Hotel. Zum Glück wandert ein winziges Erinnerungteil zum ersten Treffen Antons an der Hotelbar. Vor dem ergreift sie die kleine Kanne, an der ihr Daumen längs dem noch warmen Metall streift.
„Anton, seit du kamst, seit damals änderte sich im Hotel so Vieles, und zerstörte meine jahrelangen Gewohnheiten. Leere und Ende aber, haben den Haken von Miete und Unterhalt.“
„Suchen wir demnächst gemeinsam, was uns die Tage füllt?“
Selbst Anton klingt seine Frage schwer von Usas Weh, seiner Mühe damit. Über sein linkes Ohr reibend, schießt ihm auf, Usa knistere in Hochspannung, nach der Zitterfahrt aus Funchal ihm darüber hinaus verständlich.
„Unser Überleben heute relativierte mir diesen Jobverlust, Anton. Angst mag guten Rat und einen Neuanfang initiieren, wenn ich mich ihrer entledige. Ein großes Wenn.“
Den Kaffeeschaum wischt Usa vom Inneren der Tasse mit einem Finger ab, steckt den in den Mund und kaut im Moment nicht nur an dem Aroma im Speichel. Schon klatscht sie theatralisch ihre Rechte an die Stirn, gestattet sich einen Blitz Sarkasmus, und entlädt ihn an Anton vorbei in die Küche.
„Stets zu oft, ließen sich im Hotel gelangweilte Touristen verwöhnen, und schätzten wenig, was ich ihnen bot. Nach einem mit Nörglern gefüllten Tag fühlte ich mich wie an einem anderen Stern, und musste mir meinen Kopf zurechtrücken. Aber ...“, Usa stützt die Hände am Tisch, steht agil auf, und überträgt Anton ihre Verwandlung in einem harten Ton, „bevor ich an einen Stern stürze, pack ich die Bioladenleckereien aus. Derentwegen, längs des Unglücks, wurde mein Kopf dem Casus knaxus geweitet.“
Antons dunkle Wimpern zucken kurz hoch, doch sofort auch in der Vorfreude auf die Hochgenüsse.
„Hm! Damit erscheint mir augenblicklich das Unvollendete in unser beider Entwicklung leichter. Essen setzt ein Gegengewicht ein, auch aufs Fehlen von Maik und Lian, die irgendwo sind.“
Der Störsender Telefon unterbricht seine Mutmaßung, weshalb die Quinta leer wäre. Er nimmt den Hörer und stöhnt auf bei der besorgten Frage zur Unwetterkatastrophe eines trauten Freundes in Deutschland. Er wimmelt die lästige Fliege ab, um sich der angerichteten Platte schwarzer Oliven und grüner Avocadohälften zuzuwenden und den marinierten Peperoni und würzigen Gürkchen.
Davon bedient sich auch Usa reichlich und nascht nicht nur ein winziges, mit Artischocken- und Basilikumpaste bestrichenes Pumpernickelscheibchen als ihre generelle Kompensation. Am Ende ihres paradiesischen Schmausen öffnet Usa eine Tüte Mangokekse, deren süßes Aroma sich in die Essigdüfte am Tisch mischt.
Einen fruchtzarten Bissen kauend, grollt sie: „Ich wate in der Abwasserkloake des Hotels in dem Gefühl, die mich beerbende Milchkaffeehäutige hat von meinem Therapiestil keinen Schimmer. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, denke ich nur kurz an sie wie an meine Masseurin. Leicht gelingt das sonst keiner Frau!“
Sie vergewissert sich, ob noch genügend Kekse in der Tüte stecken. An einem davon kauend, äußert sie kalten Herzens:
„Mach ich zum Beispiel Abstriche fürs Eingewöhnen, bleibt die Neue trotzdem ein mürber Knochen! Mein täglich Brot ist ein Zeckenrüssel, der in meine Haut sägt.“
Mit in sich gewandtem Blick, denkt Usa an die Küste voller Hotels. Welches käme in Frage? Sie seufzt auf ob des Plans, der inkognito unterwegs ist. Trotzdem existiert er. Ihm entspringe Aktivität. Doch noch quält sie ihr Schicksalsruck.
„Ich räume den Tisch ab, hernach hoffentlich auch in meiner Ausrichtung eine Bahn frei. Die gnädige Zeit wird mir helfen.“
Bei ihrem Scharfblick nickt Anton, bei ihrem Räumen stellt er es ein, wie sein Mitgefühl. Usa lässt Krümel liegen, die ihm Leere erzeugen, ähnlich der nach der Unwetterkatastrophe, von nichts zu stoppen, mit keinem Dreh. Er findet auch jetzt keinen für den platten Reifen. Eher veranlasst ihn der krümelige Tisch zu dem profunden Klären seiner selbst als ein Krümel im großen Gefüge. Er vermag nicht ähnlich Usa kluge Schlüsse zu ziehen.
Unruhig linst er an die Tür, die Usa nach sich schließt.
Sagte Usa etwas, auf das er spitz sein könnte? Am Urgrund bei sich hatte ihn etwas erreicht ... Also Kräutertee trinken.
Am Teeduft schnuppert Anton und fahndet daran entlang. Alle Einsicht verkrümelt sich in die stillen oberen Räume der Quinta von zweien der abwesenden Mitbewohnerinnen, Margarita und Vera, wo das nicht anders sein kann. Doch das Pladdern draußen stört seine gedankliche Suche, beunruhigt ihn extrem damit, ob Lian und Maik zumindest trocken heimkehren werden.
„Ah, du bist hier, Maik!“, stellt ein Ausruf fest am Portal der Dorfbar.
Maik stellt seine Tasse mit Zitronenschalentee, von dem ein Schluck seine Kehle wärmt, ab und erblickt in Öljacke Jörg.
„Ja, doch“, grüßt Maik zurück, in schwankendem Ton, ob ihm die Begegnung gefällt.
Jörg öffnet schon seine Jacke. Zum Vorschein kommt kiwigrün ein Tshirt. Ein bauchiger Farbklecks, dem die Einheimischen in der Bar ausweichen, einen Kreis öffnen. Ihnen widmet Jörg, zur Theke unterwegs, ein Rundumlächeln. Zwar schauen die unbewegten Mienen ihn nicht an, beobachten aber genau. Deshalb hebt Maik eine Braue, und erklärt sich Jörg schließlich.
„Damit ich an die Luft komme, ließ Lian mich hier. Sie fuhr in die verkommenen Gärten in Achada da Cruz, erneuert im Regen ihre Inspirationen. Nimmst du auch einen Stärkungstee zu dir?“
Maik fragt wohl wissend um Jörgs Tendenz zu harten Tropfen. Er selbst bevorzugt aus Gewohnheit etwas natürlich Gewachsenes. Aber hier ist weder die Zeit noch der rechte Raum, sich durch den Kakao zu ziehen. Frotzeleien gab es monatelang, das erstarb aber baldigst in gegenseitiger nachbarschaftlicher Anerkennung.
„Bah, dünne Plörre!“, krächzt Jörg derb im Ton, Maiks Tasse abschätzig musternd. „Ersetzt das deine vom Orkan fortgewehten guten Geister?“
Kaum gesagt, hört Jörg, unter Füßescharren hinter sich, den Raum größer werden. Den Eingang belagern dunkle Jacken. Konträr seiner Absicht. Nur Maik kann er sich schrittweise nähern, doch schroff und alarmiert klingt seine Stimme weiterhin.
„Weißt du, Firstziegel fielen herab. Ich wollte unter den Dauertrinkern hier den Einen finden, der aufs Dach steigt.“
„Bei Sturm? Kalte Knochen kraxeln jetzt nicht über Leitern. Stoisch wie die Rinder, schalten sie ihre Oberstübchen ab.“
„Schaltet mir mein Geschäft ein“, giggert Barfrau Maria, am Tresen, in ihrer Steppweste aus Jeansstoff. Dem Gegenbild aller regendurchtränkten Beine im selben Material.
Maria deutet vor eine Flasche Zuckerrohrrum.
„Wie immer in den Kaffee, Jörg?“
Ihre deutsch gesprochene Frage klingt brüchig, in Resonanz wirtinnenkluger Unterscheidungsgabe für Neigungen. Jörg nickt, beobachtet ihr Eingießen in seine Tasse. Ratlos rührt er darin, sein Bedauern nicht abschüttelnd.
Die Rumflasche räumt Maria nicht weg. Sie greift zu Orangen und Zitronen, entsaftet einige nach und nach in eine Karaffe, quirlt Honig mit einem Holzstab hinein. Einen halben Liter Rum füllt sie ein, durchquirlt das spezielle Getränk des Aqua Dente und kredenzt es auf ein Holztablett.
Davon aufschauend, fragt Jörg, versöhnlich milde:
„Maik, du eventuell, siehst dir das Malheur am Dach an?“
„Im Regen? Da habe ich Besseres vor.“ Maik grinst Maria an. „Kehren mehr Reisende ferner Länder gemütlich bei dir ein?“
„In diesem Februar fahren Mietwagen nicht nur hier vorbei zu ihren obligatorischen Zielen.“ Maria schaut vor die Tür, zu glasklaren Schnüren, die unisono aufpladdern. „Unsere Dorfleute reden vom Jahrhundertregen, wie vor zehn Jahren!“ Sie wiegt den Kopf, sieht bedeutungsschwer Jörg an. „Teils freuen sie sich, teils müssen sie in den Terrassenfeldern aufräumen. Es sind zu wenige noch rüstig genug, oder abkömmlich.“
Jörg schlürft etwas des Gebräus, stellt die Tasse ab. Über seinen Hals wischend, krächzt er: „Der Rum heizt ein.“
„Dumme Redensart. Nachher wird dir um so kälter sein, und das spürst du nicht. Alkohol schwächt das Immunsystem.“
Maik kaut betont an seinem letzten Teeschluck.
Maria nickt, mit strahlendem Augenaufschlag dunkelbraun und einladend. Sie deutet auf schlanke Glasflaschen und erklärt:
„Bei nassem Wetter trinkt eine Menge Tee mit Honig aus dem Berg! Davon trinken alle Madeirer, ob jung oder alt. Nehmt eine Flasche zu zwanzig Euro mit!“
Ihre Aufforderung wehrt Maik ab, kerbt den Mund ein, zieht eine Schulter im naturweißen Pullover mit Zopfmuster höher. Vom Überziehen wohl hängengeblieben, steht ihm das graue Haar wirr um Ohren und Hinterkopf. Seine tief blauen Augen, umgeben von blonden Wimpern, deuten keine Kaufabsicht an.
Jörg schüttelt deutlicher den Kopf, auf dem der Lichtreflex aus dem Portal sich an seiner Glatze spiegelt. Jörg zieht seine buschigen Brauen über die Augen. Deren Braun erkennt Maria kaum mehr, als er sie ruckartig dem Geschehen draußen zuwendet. Ein Kleinbus hält. Die Seitentür wird mit hohlem Schieben geöffnet, zerteilt die blaue Außenbeschriftung der Agentur. Vier Wanderer wanken in die Bar.
„Ah, Ausflügler!“, freut sich Maria und positioniert sich.
„Wird eng“, raunt Jörg Maik zu. „Kommst du mit?“
„Ich höre den Wettergeschädigten nicht zu“, entgegnet Maik steif, betontes Entsetzen im Gesicht.
Jörg gestikuliert wegwerfend, trinkt seinen Kaffee in einem Schluck aus. Er schließt die Jacke, fummelt einen Euro hervor. „Ate logo, Maria!“ Er enteilt mit einem überlauten Räuspern.
Maik wirft Maria einen mitfühlenden Blick zu, den sie weder zur Kenntnis nimmt noch benötigt Ihre Intension fliegt voran wie ihre Blicke, und ihre Tüchtigkeit einer fremdenfreundlichen Wirtin. Maik wendet sich zum Gehen.
Unterwegs auf den Serpentinen des zu ihren Häusern in Hanglage führenden Asphaltweges, an dem Jörg seinen roten Jeep steuert, unterhalten sie sich ausschweifend.
„Nachts hörte ich auch Donnerschläge“, berichtet Maik aus durchwachten Stunden. „Das war nur Wind. Ich erlebte bisher im Vorjahr ein einziges Gewitter.“
Jörg hört aus Maiks Stimme nur seinen zur Genüge bekannten Verdruss, behält den Dachschaden berechtigter Weise im Sinn.
„Ja, genau! In Angst abwartende Leute wissen, überall beten die Menschen unter den Dächern um Geduld. Keiner hält das aus.“
„Hier verrammeln die Einheimischen die Fenster, steigen mit scharfen Getränken ins Bett. Wohl auch Maria mit ihrem Rum, sie ängstigst sich nicht um ihr Haus, stürmt es ununterbrochen. Der Wind kommt derzeit zum Glück von Südost, und wärmt die Luft an. Noch mehr Feuchte wäre schlecht für mein Rheuma. So schnell der Orkan kam, so soll er meinetwegen abhauen.“
Jörg kraust die Nase, kurz nur erregt ihn ein Protest.
„Sollte er! Meine werte Mona nimmt sonst in den Hotels viel zu viele überteuerte Wohlfühlanwendungen.“
„Besser so versorgt, als tagelang an den Flughäfen frieren, wo kurzfristig Flüge gestrichen werden, erinnere die deutschen Nachrichten. Vor dem Schneechaos Flüchtende klappen vor Frust zusammen. Dies Jahr sind die Fernreisenden angeschmiert!“
„Wie im Tollhaus geht es drüben zu, das Streusalz reicht in den Innenstädten längst nicht mehr gegen das Winterwetter. Ob das bis zur letzten Hinterkammer aller Oberstübchen vordringen wird? Auswandern hilft, und bleiben!“
Maik reibt mit einer Hand seinen Nacken, erinnert etwas.
„Anton meinte kürzlich, die Erde brauche nun mehr Beachtung und Anpassung an sie. Er hält sporadischen Kontakt zu Freunden seines Indianercamp, die teils weltenergetisch arbeiten und von künftigen Katastrophen faseln. Sonneneruptionen würden Stürme auslösen und nicht nur das. Vermehrt sei mit Dürren zu rechnen, Überschwemmungen und Vulkanausbrüchen, und mit Aschewolken, die ganze Kontinente bedecken. Verflixt bedrohlich das Ganze.“
„Davon hörte ich noch nichts, nur von den Verschiebungen an kontinentalen Erdplatten, die Madeira nicht treffen. Mir reicht schon das Wetter der fliegenden Gartenstühle! Alles nicht Niet- und Nagelfeste segelt bergwärts hinunter.“
Jörg schlägt sich abrupt kurz auf den Mund. Weil er zuvor etwas aufgesessen ist, von dem seine Mona oft genug fasele. Dem Einhalt gebietend, äußert er entschlossen:
„Wir kamen für den Lebensabend und zum Glück mit reichlich körperlicher Anpassungsfähigkeit an das Wetter.“ Durch die von Tropfen bedeckte Frontscheibe sieht er hinaus. „Klar lieben wir die Natur. Regen genauso wie Sonne, bestrahlt sie alles Schöne, wenn auch sparsam. Schönes beachte ich, es weckt neue Ideen.“
Soeben verlässt sein Jeep den Asphaltbelag und fährt an den Schotter, der zu den Anwesen am Berg führt. Der Orkan stimmt zu und hat ein Einsehen. Es tröpfelt nur leicht, als sie ihr Ziel erreichen, eine gepflasterte Einfahrt.
Erleichtert steigt Jörg aus, und weist mit einem Daumen zum Dach. Daran spuckt und gluckst die Wasserrinne. Bedächtig nickt Maik zu diesem Geräusch, schaut unterdessen aber im Tal auf die sich gegen den Horizont auflösenden Regenschleier. Dann eilt er hinter Jörg über die Stufen in den Hanggarten, um von oberhalb des in Terrassen befestigten Areals ans Dach der dem ehemaligen Grundriss entsprechend erbauten Quinta zu sehen.
„Fass dir die Handwerker, die es deckten! Ramponiert sieht das aus, ohne Silikon zwischen den Firstziegeln, gegen den Sog im Hurrikan unangebracht. Schlamperei!“
Jörg drückt sein Kinn in den Kragen der Regenjacke.
„Unverwechselbare Mucken hatten die Bauleute. Einen Stil im Umgang miteinander, bei dem mein Frühstücksei im Magen rumpelte wie deren klumpiger Beton im Mischer, hörte ich ihr Gebrüll.“
Maik sieht fort, im gegenüberliegenden Gelände zetert eine Frau mit Kopftuch. Sie sperrt zwei Jungen in den der Hütte nahe liegenden Felsenkeller, stemmt obendrein einen Stecken vor den Außenriegel. Perplex, als ob ihn ein Pferd trete, obgleich nur selten auf der Hochebene geritten wird, weist Maik hinüber.
„Von dem Geschrei kriege ich Hals! Sie schikaniert Kinder.“
„Ja, weiß ich vom Fernglas, als ich nach Seeadlern ssh, die mich vor allen zweihundertfünfzig Vogelarten interessieren. Sie fliegen im Tal, wird es über dem Meer kälter. Meistens kreisen nur Bussardpaare über dem ökologisch intakten Tal.“ Jörg zieht seine buschigen Brauen hoch auf die Stirn, sein Blick funkelt unheilvoll braun. „Den Sohn der Frau kenne ich aus der Bauzeit. Kommt er abends heim, lässt er die Jungs heraus. Zustände! Nach dem Bauen hier, taumelte er bis in die Nacht mit seinem Spezi durch die Hügel. Von mir befragt, faselte er, im Suff sei ihm der erlöste Christus viel näher als bei klarem Verstand.“
„Puh! Wie hast du reagiert?“
Maik tänzelt etwas auf seinen steifen Beinen auf der Stelle herum. Hingegen sein Blick klebt noch am Nachbargelände.
„Auf religiöse Fantasterei? War einfach, herauszubekommen, ob sein Spezi das auch so sehe. Er meinte, der habe nur Fische im Kopf, lade im Morgengrauen am Merkado der City fangfrische Ware ein. Am Ende der Verkaufstour sei Saufen dran. Hast dessen plärrenden Lautsprecher am Kühlwagen sicher schon gehört.“
„Ein entrückter Fanatiker und ein Fischverkäufer betätigen sich als erste Trinker vor dem Herrn? Merkwürdiges Gespann.“
Magisch angezogen schaut Maik hinüber und macht am steilen, niedrig bewachsenen Hang zuoberst ein Feld Zuckerrohr aus.
„In dem Feld am Hügel lagen die und leerten die Pullen? Das Leben der Landbauern ist auf hergebrachte Weise arm, an Moral mit sich und ihren Kindern! In unserer Sozialkultur stände die Oma wegen Kindesmisshandlung vor Gericht. Hier sah ich bislang nur die Horden auflaufender Familien, mitsamt behüteter Kinder und ihren umhegten, wertgeschätzten Alten.“
„Es sind Bessergestellte. Andere verwahrlosen, halten ihre Kinder mit Schlägen zum Betteln an.“
„Katastrophal!“ Maiks Ton schraubt sich hoch, er merkt es, und schöpft Luft, einen Moment innehaltend. Brasst steckt ihm im Hals. „Jörg, mieses Verhalten zeugt davon, kein wirksameres Instrument zu kennen. Sind die Kleinen ins Dunkle weggesperrt, haben sie keine sichtbaren Verletzungen durch tägliches Leid. Doch was wird bei aus denen? Sie leben ein Schattendasein, sie vegetieren unter praller Sonne.“
Trocken schluckt Maik, um seinen anbrandenden Zorn und sein Einfühlungsvermögens unten zu halten. Vor ihm klart unerwartet zumindest die Wolkendecke auf, und scheucht, Schlag auf Fall im launischen Frühling, in einem kräftigen Windsog wogende Wolken über den Himmel. Derweil versteckt sich die Sonne noch abnormal im hohen Dunst, vermag kaum ihr Licht hindurch zu schicken.
Sie wärmt und hat Kraft, ihre Temperatur steigt, redet Maik sich gut zu in der Absicht, ihm würden dann seine Atemzüge die stets hohe Luftfeuchtigkeit wie Balsam in die Lungen pumpen.
Den Hader mit der Himmelsmacht abschüttelnd und ebenso nach Linderung seiner Entrüstung über die Nachbarn suchend, schwenkt Maiks Blick über das Tal zur anderen Seite, haftet sich an das bauliche Treiben bei einem Wasserreservoir. Dort bannt ihn ein Kollern. Dessen Hall dringt über die Ferne näher.
Maik blinzelt durch seine hell bewimperten Lider zu den die Lasten wegwerfenden, fliehenden Arbeitern. Erdbraune, aus dem Nichts kommende Wassermassen fluten ihr halbfertiges Mauerwerk. Bodenlos sich überstürzend, umspült diese Woge aus blitzartig aufgewühltem Erdmatsch dort auch einen Mast. Und nach und nach neigt der sich, und mit ihm sacken in etwa zehn Meter Höhe die Überlandkabel tiefer. In all dem Gewoge, der in ihrer Schwere schwingenden Kabellast, bricht eine bröckelnde Erdwand aus der Basis der Mastverankerung und kippt den Pfosten im Winkel gegen Ein Uhr dem Hang zu.
„Der fällt um!“, stößt Maik aus und greift spontan an Jörgs Jacke. „Quer dem Steilhang schwingen Kabelleitungen, auch das unserer Quintas von dem Rutsch. Die Arbeiter dort müssen doch, offenen Auges wie wir, das nahende Fiasko ahnen!“
Seine Erwartung erfüllt sich, auf Zwei Uhr zeigt der Mast. Endlich rühren sich die Drei an der Baustelle. Winzig wirken die sich selber mit Stangen Sichernden, die mit irgendwelchem Gerät den Mast verkeilen, den Sturz beenden. Dennoch beobachten Maik und Jörg, wenig fern der Zisterne züngelt eine Brache mit regenschwerer Erde zur nächsten, den Hang stützenden Terrasse.
„Hält die?“
Jörg erschaudert, ihm wird klamm. Er befreit Maiks Arm von seiner Jacke. Seinen Blick heftet er an die fernen Männer. Sie flüchten zu einer meterbreit entfernten Gruppe grün belaubter Lorbeerbäume. Die grauen Stämme gräbt der sich den Weg bahnende Schwall hüfthoch ein, spritzt vorbei an den Festgeklammerten, reißt statt ihrer eine orangefarbene Papageienstaude um.
„Was für eine Wucht!“, japst Jörg, mit einem Kick zynischen Humors. „Abwarten und Tee trinken, würden Engländer sagen, die nicht dort drüben in der Haut der Betroffenen stecken!“
Seine Situationskomik vergeht ihm. Die Schlammlawine prallt vor die Mauerkrone der tiefen Terrasse. Geröll und braune Brühe stürzen ins nächste Terrain, schlagen ein riesiges Loch in die Wand eines Hauses. Darin wirbeln Stühle schlammbespritzt auf. Ein schwarzer Hund sucht zappelnd sich zu retten. Vergeblich, der Schlamm füllt das Loch, flach wie ein Teig, bis zur Kante. Von oberhalb stürzt mehr herab, eine grausige Lawine schwappt. Das sehen auch die drei Gestalten an den Bäumen, und verharren.
„Wie anders wir hier leben!“, wispert Jörg, in Kompensation der Hilflosigkeit, wäre auch seine Quinta derartiger Zerstörung ausgeliefert. „Deren Lebenskultur impliziert die Anpassung an Gefahren, wir verpassten das bislang, wir beginnen mit unserer Integration bei Null.“ Schon tritt vor sein geistiges Auge der Levadakanal oberhalb der Hanglage, und ihm keimt die Vermutung nicht davonzukommen, wäre der übervoll.
„Maik, ich meine, die Verwaltung müsste mehr Levandheiros an die Levadas der Berge senden, und die tausende Kilometer auf Wolkenbrüche konzipieren, nicht nur das Quellwasser auffangen.“
Mit dem Handrücken über seine Stirn wischend, räuspert Maik sich zittrig, weist dann in ausladender Geste in den Berg hoch. Davon aber greift Jörg blitzschnell an Maiks Pullover.
„Solchen Schaden ahnt doch keiner! Warum sprachen wir nicht früher darüber? Wachsame Raubvögel liebe ich über alle Maßen, aber penne selber vor der Gefahr, die mir, zusätzlich zum Dach droht. Die dort drüben lassen sich von Verwandten helfen. Aber wir sehen sicherheitshalber nach der Levada, ja? Was die andere Seite umriss, kann schon oberhalb aufgehalten worden sein.“
In Jörgs Miene und an seiner Stimme den Grad seiner Ängste deutend, will Maik ihn beruhigen.
„Die Erde vor unseren Mauern hält seit Urzeiten. Nur wo die Äcker bewässert werden, gibt sie nach, und Niederschlag bricht sie auf. Dennoch willst du in den Berg? Die Idee empfinde ich als weitaus mehr schmerzhafte Fortsetzung. Meinem Rheuma gemäß überfordere ich mich nicht, stechende Schmerzen nagen an allen Gelenken. Verlangst du das? Wir übernehmen uns wohlmöglich und haben keinen Spaß, sieh dir die Sonne an!“
Jörg rückt von ihm ab, und blickt an den Boden auf dem er steht. Der dämpft nicht sein Bangsein vor der Nacht. Sein Blick fliegt über sein beschädigtes Dach, und in den fernen Himmel.
„Du hast Nerven! Bist abgebrüht durch ein sonnenverwöhntes Jahr!“, protestiert Jörg, verstummt für nur einen Moment. „Wo steckt dein Mitleid mit denen im Haus, vor Minuten verschüttet? Schau zu den Gestalten am Wasserspeicher. Vergeht ihr Schreck, brauchen sie Hilfe, um den Kladderadatsch auszuschaufeln.“
„Nur junge mutieren zu Helden! Ich halte meine Grenze!“, verteidigt sich Maik vehement.
Jörg gähnt - und nochmals, verwundert gen Himmel.
„Der hellt auf? Ich gehe, Sonne berauscht zu neuen Taten! Komm, ziere dich nicht und klage mir nicht die Ohren voll.“
Die Sonne bricht durch, als sie mit Schaufeln ausgestattet zur Levada gehen. Vorbei an sturmgeschädigten Pinien und frisch glänzenden Lorbeerbäumen führt der Schotterweg. Munter fischen sie die im Modder der Levada begrabenen Äste und Pflanzenteile heraus, und sehen am trüben Wasserspiegel auch die von Südost anstürmenden Wolken, und die verbleibende Zeit bis zum Regen.
„Meine Rheumasicherung springt an, Jörg“, wimmert Maik nach geraumer Weile, gestützt am Schaufelstiel auf den gereinigten Abschnitt sehend. „Reicht für die Nacht, sei zufrieden.“
Bestätigend nickt Jörg, spült dann beider Geräte, schultert sie tropfnass. Bergab stapft er dem Freund voraus. Vor seiner Quinta gestikuliert er einladend.
Maik klopft mit einem schlammfleckigen Pulloverärmel, sich kraftlos verabschiedend, an Jörgs Arm.
„Sitze ich erst, komme ich schlecht wieder auf die Beine. Ich hinke mit dem Rest meines Elans abwärts. Ate logo!“
Auf der Parkzone vor der Quinta fehlt noch Lians Kombi vor der mit Maracuja berankten Palisade. Der Jeep parkt, hinten rechts ist das Rad sauberer als das vore, bemerkt Maik. Röhrend fährt der PKW von Veras Mitfahrgelegenheit vor. Maik enteilt so gut es geht voraus, wendet sich schließlich um.
Vera, noch in ihre dunkelblaue, und schreigrün paspelierte Hoteluniform gekleidet, die ihre grüngrau changierenden Augen bestens betonen, steigt aus und kommt auf Maik zu. Sie runzelt ihre schmalen aschblonden Brauen, legt ihre Linke ans Kurzhaar ihres Oberkopfes.
„Wie siehst du denn aus! Rasch hinein, die Treppe hoch!“
Hinter den Rankenschlingen, die im April die hängenden rosa Knospen öffnen und den Bananen ähnliche Fruchtschoten treiben, liegt die Außentreppe. Maik zieht sich am Handlauf hinauf.
Im Flur vor den Räumen hilft Vera ihm beim Ausziehen seines nach Moder stinkenden Pullovers. Den Schweißfleck auf der Brust seines roten Tshirt vor Augen, murrt sie, bar jeden Erbarmens:
„Wie unbedacht, morgen ist nichts mit dir los!“
„War unvermeidbar“, wimmert Maik, bei einem matten blauen Blick. „Ich war mit Jörg im Berg. Mach bitte Tee, ich dusche.“
Hernach lauscht Maik, im Bademantel auf der Bank sitzend in der gemeinsamen Teeküche oben, und kurz nach seinem berichten, Veras nahe gehender Katastrophenschilderung. Die lindert etwas seine Duschwärme und, für den Orkan der Nacht wurde vorgesorgt.
„Der Hotelboss teilt seine Arbeiter mit den Hilfsdiensten. Seine Gäste haben es vergleichsweise gut, da der Bürgermeister aus den einsturzgefährdeten Häusern nun viele Dörfler vorhat zu evakuieren. Vorrangig aus einem Ort, den Gullys überschwemmen. Geröll tobt in dem überfließenden Bach, zuvor ein Rinnsal ins Meer, jetzt drückt eine Kloake durch die Türen, und unterhöhlt durchweg die Fundamente.“
„Bisschen spät zu evakuieren, ist doch schon passiert! Ich hoffe nur, das war es vorerst, auch drüben am Hang.“
„Doch ging die Unwetterbotschaft in die internationale Welt hinaus“, fährt Vera unbeirrt fort. „Nur eben nicht, dass der Gouverneur quasi den Notstand proklamierte. Die Reiseagenturen wissen es trotzdem und stornieren, was irgend geht, denn die lassen sich nicht mit einer azurblauen Hoffnung abspeisen. Die könnte teuer werden. Gewiss finde ich an der Rezeption morgen allerhand panische Emails.“
So meint auch draußen eine Bö, saust über den Balkon in den Flur, belüftet Veras dunkelroten Hausanzug. Doch Vera weiß, ihr Dienst ist erst morgen fällig. Sie legt ihre bloßen Füße an die Bank. Kurz nur währt ihre beinahe Seelenruhe. In den Flur hinkt Anton in Latzhose, an der Schmiere klebt, und gestikuliert mit erdigen Fingern, peilt am Küchentisch Maik an aus weiten Augen.
„Metertief grub die Flut vom Dach Rinnen in die Gartenerde. Alle meine Stauden sind futsch, alles Gemüse liegt im Matsch an der Oberkante der unteren Grenzmauer!“
„Das konnte der Orkan knicken?“ Die Hände am Bauch, reckt Maik sich. „Eine Karre mit Gartenerde verdreckt dir die Sicht?“
„Hörst du mir nicht zu? Das ist nicht mehr mein Garten!“
„Bringe ihn auf den Stand von vorher, dann ist er es.“
„Nur weiter, so du kannst!“ droht Anton. „Im Sitzen ist das leicht gesagt! Machst du es? Ein Wunder braucht der Matsch!“
„Zwei Hände hast du!“, ereifert sich Vera, „Maik und Jörg säuberten die Levada im Berg, damit wir ruhig schlafen können!“
Vera rückt schon die Füße unter den platzraubenden Tisch. Er steht nahe dem Dachfenster zum Hang und fern dem Fenster zur Balustrade, wo unten davor der Kräutergarten liegt, sorgsam von Anton angelegt. Sie hält inne, mag nicht sehen, was er beklagt. Ihm selber schaut Vera fest in die Augen.
„Du willst ein Wunder? Dich haut der Matsch um? Brüll nicht wegen deinem Garten, darin wurden keine Menschen verletzt durch mächtige Überflutungen wie in den Bergdörfern rund um Funchal! Tiefliegende Cafes wurden grauenvoll verwüstet. Wo Bachläufe trocken waren, schwellen sie an bis in die Straßen. Sobald das aufhört, registriert das Umweltamt alle Schäden, auch auf den öffentlichen Plätzen und an privaten Gebäuden.“
Ihr Blick huscht über seine Latzhose, aber die birgt nichts von Antons Feinsinnigkeit, die ihr jetzt lieber wäre.
Mattigkeit legt sich um ihre Schultern, färbt ihre Stimme.
„Todesfälle wurden gemeldet. Morgen beruhige ich die Sorgen der Hotelgäste um ihre schönste Zeit im Jahr, damit sie von den ernstlich Betroffenen nichts merken, denn das werden mir meine Kollegen aufladen. Würde dir diese Pflicht gefallen?“
„Nein. Etwas des anderen sahen wir unterwegs“, brummelt er kleinlaut, und wankt mit gesenktem Kopf zur Tür. „Irgendwelche Maßnahmen nötig, uns vor weiterem zu schützen?“
„Sei zuversichtlich“, berappelt Maik sich mit müder Stimme. „Nicht überall war es schlimm. Wir kamen glimpflicher als Vera schildert davon. Übergelaufenes sucht sich seine Wege.“
„So plötzlich wie der Orkan kam, endet er“, sichert Vera in versierter Überzeugungskraft und aus ihrer jahrelang erprobten Freundlichkeit als Rezeptionistin zu, aber verschränkt die Arme vor der Brust in ihrem dunkelroten Hausanzug.
„Nee, der dauert noch, Vera.“
Anton umgreift die Türklinke, senkt den Kopf, und verzögert seinen Abgang. In Maik gärt ein Abschmettern.
„Freude an Gartenarbeit endet nicht, weil Unwetter stören.“
„Lebendiges“, fällt Vera ihm ins Wort, und schlägt in Maiks Kerbe, „erwartet eben ständig etwas wiederholte Zuwendung.“
Vera misslingt, Anton aus seinem Missmut zu rütteln.
„Wie abgeklärt!“, brüllt er ohne sich umzuwenden.
In ihm rumort mehr, da raunt der kleine Anton besessen vom Alleingelassensein. Dies Uralte abdrängend, behält Anton seine Sinne beisammen und seinen Logo in der tristen Gegenwart.
„Euch erschüttert nichts!“, schauft er lauter. „Ich soll es reinfressen, und magenkrank werden.“
„Im Sonnenschein vergisst du alles.“
Maik hat vor, ruhig an der Bank zu sitzen, Anton aber noch etwas auf den Weg mitzugeben.
„Mach dich härter fürs Überleben als unser Gärtner. Sei ein Spieler und setze neu im Garten, Anton.“
„Allein das, Maik“, hart sprüht er einen Blick hinter sich, „bewältige auch du! Von Nebenan schlug der Fremdenhass unserem Jeep einen Plattfuß! Das schüttere Haar raufe dir und bedenke, was du mit der Oma drüben anfängst!“
Sich abwendend, will Anton nichts der Reaktionen auf diese Mitteilung sehen. Er stapft in der Windstille nach einer Bö die Außentreppe hinab, bis vor den Steingarten zaghaft sprießender Küchenkräuter und am Kies auf und ab. Er blinzelt zur einstigen Beetanlage, dem Wall vor der Mauer, den Dunstschleiern, in die hinein die Erde die aufgesogene Feuchtigkeit verdampft.
Strapazen rumoren mit Mistgabeln im Gärtnerherz, Anton kann sich dessen kaum erwehren. Sein Gespür eilt voll Qual zurück in die Zeit der Beetanlage bei brütender Hitze. Die stach ihm zwar ins Gehirn, und das verabschiedete sein Funktionieren unter dem Hacken in der Erde. Aber damals erfassten alle Sinne die grüne frische Existenz, und daran ein Lechzen nach lebensspendendem Nass, und seiner Zuwendung. Es war ihm ein Hochgenuss gewesen inmitten des lebendigen Wachsens zu sein. Und nun - alles hin!
Nach einer Weile knattert hinter Anton im Nähern Margaritas Moped, und fährt zum Unterstand neben dem Felsenkeller. Lahm in ihren Bewegungen steigt Margarita ab, und entnimmt dem Korb am Lenker den Rucksack aus braunem Leinen. Den bleichte die Sonne des vorherigen Jahres, doch noch kontrastiert es ihre betörend braunen großen Augen. Sich umwendend, öffnet sie die Jacke, und rekelt ihre Schultern. Und schon fuchteln Antons beide Arme zum vormals mit viel Schweiß gepflegten Land.
„Sieht so auch der Hang an der Gärtnerei aus?“
„Ola! Ich freue mich auch, dich zu sehen! Nicht ans krasse Wetter gewöhnt? In mir knistert, was den Tag lang ans Glasdach der Gärtnerei prasselte, und wo das viele Glas zu Bruch ging.“
Im Nähern ringt Margarita um Geduld, greift in ihr kinnlang braunes Haar, beäugt an Antons Hose die Schmierfettkleckse und weiß ihre bis an die Knie nass. Sie lugt Antons Fingerzeig kurz nach; es tönt ihre Stimme nur tiefer ein.
„Hände sah der Himmel vor für unsere Spucke, um allen Unrat wegzuschaffen. Nicht nur für Zartbesaitete, nicht nur für die sensiblen Körnchen in der Sanduhr, denen alles zu eng wird!“
Antons Blick füllt sich traurig. Er hebt eine Hand, berührt für einen Moment Margaritas Wange, schaut dann tiefer abwärts. Ein Himmelssegen tröpfelt neuerlich an den Kies.
„Trink mit mir Tee in meiner Küche, komm, Margarita.“
Eingehakt, führt er sie hinein, und neben den Wasserkocher. Den füllt er, und fragt, unter dessen Aufbrummen:
„Hast du eventuell eine Idee für den Garten?“
Einen Stoß vor seinen Arm versetzt sie ihm, sagt eher müde:
„Meine Kraft reicht nur für den Gedankenanstoß. Leo meldete sich aus Berlin zu Besuch an, dafür erhoffe ich von Herzen das Ende des Orkans.“
Sie plumpst auf einen Stuhl, indes Anton herum hantiert mit seinen Kräuterteedosen. Margaritas abgearbeitete Miene umfängt er dann mit einem Blick, der ihr seine Freude zeigt.
„Leo zu Besuch, wie schön!“
Er neigt vor den Dosen den Kopf, dreht dann Margarita seine kleinen engen Augen zu, in denen ein Scherz blinkt.
„Mir ist die Kräuterkunde gut genug vertraut, damit dir ein ein Geistesblitz für meinen Gartenwust kommt. Und Leo soll mich auch nicht aufzuheitern haben. Also trinken wir einen Glückstee nach dem uralten Rezept, gegen ein Jegliches wuchs ein Kraut.“
In den Flieger aus Berlin dringt über Funchal ein Azurblau, wie selten im deutschen März. Hohl klingt das Applaudieren dennoch aus den Reihen der dreihundert und mehr Sitze, wo tief geatmet wird nach windiger Landung. Auf der Rollbahn holpern die Räder, und ebenso die Blicke der Fluggäste auf die vor den Berghöhen glitzernden Atlantikwellen, fast ohne jedes Lächeln.
Flink nesteln Hände an den Sitzgurten, obgleich der Flieger noch nicht steht und die Lautsprecher schnorren: „... bis die endgültige Position erreicht ist.“ Wie gehörlos recken sich die Ersten nach den Handgepäckkästen. Doch einige Luftraumerfahrene träumen Madeira entgegen, bleiben sitzen, passiv wie Leo.
Leo beobachtet diese wenigen Wissenden, die keine Sekunden kennen. Erstkommende strukturieren den perfekten Urlaub voraus in der Idee, das Beste aus allem mitzunehmen. Leo läuft nichts weg. Auf sie wartet ein vorbestelltes Motorrad.
Nach einer halben Stunde stemmt Leo ihre roten Stiefeletten auf einen Jeepanhänger, und rollt das Geländerad von der Rampe. Ihre sehnigen Hände greifen zu, prüfen die Technik rundum. Auch den Tank, vor den besorgten Blicken einer sie musternden jungen Einheimischen. Von ihr nimmt sie die Kontrollpapiere an, stopft die in ein Innenfach der rot paspelierten Lederjacke, zurrt den Reißverschluss hoch. Leo schwingt ein Lederhosenbein über den Sitz, und schon trippeln die hohen Absätze der Jeepfahrerin auf einer Stelle. Zu ihr weitet Leo ihre reisemüden braunen Augen.
„Ich weiß, wo die Insel des ewigen Frühlings grün ist. Und Senhora Maria hat ein Auge auf diese hutzelige Touristin, die Maschine bleibt heile! Meine Überreste entsorgt niemand.“ Eine Hand klatscht die junge Frau an den Mund, Leo legt den ihren in ironische Falten, und ergänzt: „Ich kenne das Gerede über den Lebensmüden, abgesprungenen vom Cabo Girao, fünfhundert Meter tiefer an den Klippen zerschellt. Ihre Kandidaten erreichen mit Pestiziden im Wein kein so endgültiges Resultat.“
Leo zieht den Auspuff knatternd durch, und setzt ihren Helm an die weißgrauen Strähnen, die alsbald hinter ihr flattern.
Die junge Frau bekreuzigt sich, klappt rasch die Rampe ein, und die Jeeptür hinter sich zu. Sie sieht dem kleiner werdenden Punkt nach, er verschwindet im ersten Tunnel.
Vor der Gärtnerei schaltet Leo neben Margaritas erdverkrustetem Moped den Motor ab. Ein rostiges Ausstellungsregal sehend, mit Blumentöpfen bestückt, bemerkt Leo dahinter im Glas die Sprünge und Rahmen mit Pappen ausgefüllt. Den Boss vermutet sie in der Mittagssonne und lauen Luft dösen, lieber, als sein Gewächshaus zu reparieren. Kein Vergleich mit den an allen hektischen Tagen einen Schlips tragenden Berliner Bankern.
Margarita eilt in wiegendem Gang heran, ihre grüne Schürze in den Jeansbund krumpelnd. An den Wangen ziehen feine Falten ihre Frühjahrsbräune in ein frohes Grinsen.
„Ola, Berliner Weiße!“, ruft sie schon, ihre Hände strecken erdige Haut vor, sodass Leo kommentiert: „Hallo, Landei!“ Sie zieht den Helm ab, reckt dann beide Arme zur Begrüßung, und ulkt fröhlich: „Dein Stutenfohlen funktioniert noch?“
Margarita nickt über der prächtigen Leihmaschine, Leo hält es nicht mit ihrer Denkart.
„Bergaufwärts könnte ich zwar Blumen pflücken, aber für die WG sind drei Schadstoffschleudern genug. Sei willkommen, liebe Freundin, nur leider ist meine Mittagspause um und mir stehen, im Vergleich zu dir, vor Eile die Haare zu Berge.“
„Wie das? Gehen Madeiras Uhren doch wie im Rest der Welt?“
„Nur sonst nicht, uns piekt der Auftrag zum Blumenfest, und der Chef lässt auch die grundlegenden Schäden bearbeiten. Kurz ist er fort, bin knapp erlöst.“ Durch ihr kinnlang braunes Haar streichend, fragt Margarita dann: „Magst du sehen, wie weit wir sind? Drei zusätzliche Arbeiter ernten an den Terrassen unten Paradiesvogelblumen, die Anfang März im Temperatursturz eines zweistündigen Hagelsturms brachen. Der Boss beaufsichtigte die quasselnden Kerle, ihn respektieren sie, so lange er ihnen den Rücken nicht zudreht. Mir ein Gräuel, aber nun muss ich hin.“
„Dein Meister liegt nicht im Streicheln seines Egos hinter dem ramponierten Gewächshaus?“ Leo schlägt eine Parallele, und sprudelt hervor: „Freilich wirkt es nicht so zerstört wie Chile vom verheerenden Erdbeben und dem Tsunami am 27. Februar. Diese Warnung ging an Australien, Hawaii und Japan, und flatterte in unsere Bank. Zu aller Aufatmen kam die befürchtete Höhe nicht an. Die Saison der Tornados ab April in USA lässt mit Weiterem rechnen. Hier schiebe ich dergleichen weg, ebenso alle in rote Zahlen gehende Immobilienfonds.“
Ins Azurblau, in den Strahlenkranz des Feuerballs blinzelt Leo. Ihre weißen Vorderzähne blitzen im Mund über ihrem spitzen Kinn, an das sich im Senken weißgrau ihr Haar wellt.
„Ihr steht alle am Schlauch - ich bin weg vom Krötenkrampf! Die Sonne scheint satt, komm schon, seil dich mit mir ab!“
Grinsend zuppelt Margarita an Leos Jackenverschluss, wobei sie die dunklen Ränder kurzer Fingernägel präsentiert.
„Ich wage es nicht. Heute streichelt der Meister keinen und am wenigsten sich selber. Aber zwinkert er, dann vibriert auch etwas Erotik für mich.“
„Ah? Entsichert er seine Managermaske? Und regt sich was?“
„Noch ist der Gärtnermeister eine fette Raupe, schlüpft er zahm, rank und schlank, dann vielleicht. Bis dahin fälteln sich meine Hände wohl noch mehr auf.“
Leo stampft mit den Stiefeletten an den Boden.
„Ach, dein altersgenügsames Gefüge bioelektrischer Schläge! Aber gut, ein Hund verhunzt nur deinen Teppich, nicht das ganze Leben, erinnere die Filme aus den Sechzigern!“
Leo sieht Margaritas Blick von sich ab, in sich kehren, und ihre Hände betasten, von denen sie Erdstaub abreibt.
„Vorrang hat, etwas zum Leben zu haben. Hast du die großen Plastikblüten hoch oben an den Straßen im Vorbeifahren gesehen, den Festschmuck? Die Gebilde, die meinen Namen ehren?“
„Die verbraten die knappen EU-Gelder, die Portugals Kassen fehlen. Der Armutsstand wird Madeira immer zugeordnet, aber der gibt euch einen bezahlbaren Standort, verglichen mit dem teuren Deutschland. Na, Schwamm drüber.“
„Oh, das ist dein handfestes Pokerwissen. Gelder fehlen den Blumenbauern, für die Überseeimporte, zum Schmuck der Wagen im Blumentorso. Madeira erhielt EU-Zuschüsse für die dem Tourismus nutzenden Tunnel. So kommen Gelder ins Land.“
„Die locken die Leute nach Funchal in die Hast, was für ein Urlaub! Ich freue mich auf euren prächtigen Quintagarten. Jedes Mal, insbesondere nach den Monaten, in denen hier Spinnen ihre Gewebe ausbreiten, fühle ich mich mit wahrer Naturverbundenheit beschenkt. Ich spüre schon die duftreiche Abendfeuchte ins Hemd dringen. Eine so köstliche Erfahrung, wie die Himmelsfarben auf die Sinne. Sogar die Nebel morgens, steigen sie ins Nirgendwo, derweil ich ganz gelassen meine Aktivitä plane. Ach, schön!“
Margarita tritt vor Augen der Wetterschaden im Februar, von Anton nicht beseitigt, der motiviert ihn beileibe nicht.
„Ja, genieße nur das Schöne“, haucht sie, zurückhaltend im Ton. „Das Gästezimmer neben Lians Atelier erwartet dich.“
„Auch Pat und Patachon, lang und kurz, breit wie hoch?“
„Ja! Maiks Gewinnerpokal ist die leere Schüssel, aber Anton frisst besinnlicher. Usa und Lian kochen heute. Jetzt aber muss ich hier den Kollegen einheizen.“ Sich abwendend, umrundet bald Margarita das Glashaus und ruft zurück: „Ate logo, bis später.“
Leo befährt die Terrasse der Quinta und hupt, nichts rührt sich. Ihre angelieferte Tasche steht auf der Krüppelholzbank.
Vor dem Atelier am Kies bestreuten Vorplatz haltend, freut Leo sich an den Töpferwerken hinter der blanken Glasfront über dem halben Meter Bruchsteinmauer aus dunklem Basalt. Am Eingang reckt eine Kiwi am Spalier ihre Ranken über einem Holztrog mit skurrilen Wurzeln. Sechs Meter ferner liegt das Gästezimmer und davor die Glastür, aufgehend zu Vorplatz und Garten.
