Berufliche Integration junger Flüchtlinge - Reinhold Gravelmann - E-Book

Berufliche Integration junger Flüchtlinge E-Book

Reinhold Gravelmann

0,0
23,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Junge Menschen beruflich zu integrieren, ist für eine gelingende Sozialisation und gesellschaftliche Teilhabe von zentraler Bedeutung. Dies gilt in besonderem Maße für junge Flüchtlinge. Doch wie kann die berufliche Integra-tion erfolgreich gestaltet werden? Benötigt wird Wissen ebenso wie konkretes Handwerkszeug. Beides liefert der Autor in seinem Praxisbuch. Er beschreibt Chancen und Hindernisse für junge Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt und gibt Einblick in das Asyl-, Ausländer- und Arbeitsrecht. Zentrale Akteure wie z. B. Arbeitsagenturen sowie Handwerks- und Handelskammern werden ebenso unter die Lupe genommen wie Besonderheiten der beruflichen Orientierungs- und Beratungsprozesse. Das Buch enthält viele praktische Beispiele und liefert wertvolle Tipps und Anregungen für Fachkräfte sowie Ehrenamtliche.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Reinhold Gravelmann, Hannover, ist Dipl. (Sozial-)Pädagoge. Er arbeitet seit über 30 Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe, v. a. im Bereich der Integration migrierter Jugendlicher. Er ist Referent beim AFET-Bundesverband für Erziehungshilfe e. V.

Außerdem von R. Gravelmann im Ernst Reinhardt Verlag erschienen:

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Kinder- und Jugendhilfe (2. Aufl. 2017, ISBN 978-3-497-02701-9)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-02769-9 (Print)

ISBN 978-3-497-60692-4 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61007-5 (EPUB)

© 2018 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in EU

Cover unter Verwendung eines Fotos von © istock.com/gradyreese

Satz: JÖRG KALIES – Satz, Layout, Grafik & Druck, Unterumbach

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]

Inhalt

1        „Vor uns die Mühen der Ebene …“

2        Chancen und Begrenzungen des Arbeitsmarktes

2.1     Erwartungen und Reaktionen der Wirtschaft

2.2     Zur Situation junger Migranten auf dem Arbeitsmarkt

Was sind Konsequenzen für Fachkräfte?

2.3     Voraussetzungen der jungen Flüchtlinge

Hinweise für Fachkräfte

3        Die Perspektive der Geflüchteten einnehmen

3.1     Perspektivwechsel – Flucht

3.2     Perspektivwechsel – Aufnahmeland

3.3     Perspektivwechsel – Arbeit

4        Asyl- und Ausländerrecht

4.1     Asylrecht

4.2     Ausländerrecht und Arbeitsmarktzugang

Sichere Herkunftsstaaten

Duldung

Aufenthaltserlaubnis

Freiwillige Rückkehr

Abschiebung

Handlungsoptionen für Fachkräfte und Unterstützer

5        Arbeit als Identitätsfaktor für junge Flüchtlinge

5.1     Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Lebenslage junger Flüchtlinge

5.2     Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf das Individuum

5.3     Empowerment als Handlungsansatz

6        Akteure der beruflichen Integration und ihre Leistungen

6.1     Aufgaben der Arbeitsagenturen

6.2     Aufgaben der Jobcenter

Leistungsansprüche für Flüchtlinge

Risiko von Sanktionierungen und Überforderung

Förderangebote für Arbeitgeber

Eingliederungszuschuss

Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung

Einstiegsqualifizierung

Assistierte Ausbildung

Ausbildungsbegleitende Hilfen (abH)

Weiterbildung gering qualifizierter Beschäftigter (WeGebAU)

6.3     Leistungen der Wirtschaftsverbände für (junge) Flüchtlinge

NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge

Berufsorientierung für Flüchtlinge (BOF)

Willkommenslotsen

Wirtschaftsinitiative „Wir zusammen“

Ausbildungsberater

6.4     Aufgaben und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe für junge Flüchtlinge

Erwartungen an die Jugendhilfe

Erwartungen an die Fachkräfte

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Jugendsozialarbeit

Jugendmigrationsdienste

Jugendberufsagenturen

JobCoaches

Positive Wirkungen von Jugendhilfe – ein Beispiel

6.5     Leistungen von Bund, Ländern und Kommunen

Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen (IvAF)

Die Koordinierungsstelle Ausbildung und Integration (KAUSA)

Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen (FIM)

Koordinatoren für Bildungsangebote

Bundesfreiwilligendienst

6.6     Ehrenamtliche, Paten und Mentoren als Stützen der (beruflichen) Integration

Berufliche Integration mithilfe von Ehrenamtlichen

Berufliche Integration mithilfe von Patensystemen / Tandems

Organisierte Pateninitiativen zur beruflichen Integration

Senior Experten Service

Freiwilligenzentren

Integration mithilfe von Mentoren in den Betrieben

Berufliche Integration durch Migranten

Berufliche Integration mithilfe von Migrantenorganisationen

Hauptverantwortung liegt bei den Fachkräften

6.7     Netzwerkarbeit rückt in den Fokus

Intensive Einzelunterstützung im Netzwerk

Jugendberufsagenturen als Vernetzungsmodell

7        Herausforderungen bei der Beratung junger Geflüchteter

7.1     Grundlagen von Beratungsprozessen bei jungen Flüchtlingen

7.2     Kommunikation im beruflichen Beratungsprozess

7.3     Kultursensibler Umgang

7.4     Auch junge Flüchtlinge pubertieren…

7.5     Unterschiedliches Rollenverständnis im Beratungsprozess

7.6     Genderfragen bei der beruflichen Beratung

8        Spezifika bei der beruflichen Integration junger Geflüchteter

8.1     Ein exemplarisches Beispiel

8.2     Fluchterfahrungen wirken sich aus

8.3     Flüchtlinge mit Körperbehinderung

8.4     Traumata / gesundheitliche Probleme

8.5     Rechtliche Rahmenbedingungen

8.6     Diskriminierungserfahrungen

8.7     Sozialisation und kulturelle Hintergründe

Religiosität

Radikalisierungsgefahr

Elternrolle im Fluchtkontext

Familienorientierung

Situation der Frauen

Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit

8.8     Besonderheiten in kommunikativen Prozessen

Erhöhtes Maß an Reflexionsfähigkeit

8.9     Spracherwerb als Herausforderung

Sprachlernen mit neuen Medien

Berufsbezogene Sprachlernangebote

9        Berufliche Orientierung für junge Flüchtlinge

9.1     Fit für die Ausbildung?!

9.2     Fachsprache in Ausbildungsberufen

9.3     Überforderung vermeiden

9.4     Grundlegende Orientierung ist notwendig

Allgemeinbildendes Schulsystem

(Schul-)Bildung als Herausforderung

Berufsbildendes Schulsystem

Berufliches Übergangssystem

Schulische Berufsausbildung

Arbeitsaufnahme

Berufliche Weiterbildung / Qualifizierungen

Studium als Weg

Ranking der Ausbildungsberufe

Tipps und Hinweise zur grundlegenden Orientierung

Berufliche Orientierung mithilfe der Arbeitsagentur

10      Arbeitsmarktintegration junger Flüchtlinge

10.1   Das berufliche Übergangssystem als quantitativ bedeutsamstes Angebot

Jugendberufshilfe

10.2   Einstieg in den Arbeitsmarkt durch Praktika und Förderprogramme

Praktika gewähren Einblick

Einstiegsqualifizierung (EQ) – ein gefördertes Langzeitpraktikum

PerjuF hilft jungen Flüchtlingen mit besonderen Problemen

Berufsorientierung für junge Flüchtlinge für Handwerksberufe (BOF)

Berufseinstiegsbegleitung (BerEb)

KompAS

Bildungsketten

10.3   Duale Ausbildung im Fokus – Chancen, Schwierigkeiten, Tipps

Ausbildung als Zielvorstellung

Hohe Hürden

Fehlende Wahlalternativen

Berufe, die Chancen bieten

Abwägungen vornehmen

Ausbildungsabbrüchen vorbeugen

Vertragsauflösungen bei Ausbildungsverhältnissen

Aspekte für Vertragsauflösungen bei jungen Flüchtlingen

Aspekte für einen erfolgreichen Ausbildungsverlauf

Handlungsansätze

10.4   Arbeitsaufnahme als Alternative zur Ausbildung

Rechtliche Grundlagen

10.5   Helferstellen als Option

Leiharbeit/Zeitarbeit

Nachteile von Zeitarbeit für junge Flüchtlinge

Vorteile von Zeitarbeit für junge Flüchtlinge

11      Junge Flüchtlinge im Studium

12      Wichtige Bausteine der Unterstützung

12.1   Bewerbungshilfen konkret

12.2   Vorstellungsgespräche

Unzulässige Fragen

12.3   Eignungstests

12.4   Sozialtraining

12.5   Medien als Hilfe bei der Stellensuche

13      Ausblick – Die Mühen der Ebene überwinden

Literatur

Sachregister

1      „Vor uns die Mühen der Ebene …“

Flucht und Migration sind Konstanten in der Menschheitsgeschichte, somit keineswegs ein neues Phänomen. Auch in Deutschland bzw. dem jetzigen Staatsgebiet von Deutschland gab es Millionen Menschen, die als Kriegs- oder Armutsflüchtlinge migriert sind, ebenso wie es Verfolgte gab, die das Land verlassen mussten. Seit geraumer Zeit ist Deutschland nun seinerseits Ziel von Migration. Zunehmend auch in großer Zahl von Flüchtlingen. Flüchtlinge wurden und werden einerseits „willkommen“ geheißen und unterstützt, andererseits kritisch beäugt, abgelehnt, ausgegrenzt und teilweise bekämpft. Die Geflüchteten ihrerseits leben in einer für sie neuen Umgebung, einer anderen Kultur, z. T. auf sich allein gestellt oder von ihren Familien getrennt. Sie müssen ihr Leben neu ausrichten. Alles Vertraute und das im Herkunftsland Aufgebaute ist hinfällig. Ein Neuanfang nötig. Aber die Rahmenbedingungen für Geflüchtete sind nicht einfach.

Die Menschen haben die oft lebensbedrohliche Flucht überlebt und die z. T. sehr schwierigen Bedingungen, denen sie nach der Ankunft in Deutschland ausgesetzt waren, weitgehend überstanden. Auch aus Sicht der aufnehmenden Gesellschaft ist diese problematische Situation des sehr starken Zuzugs weitgehend bewältigt, insbesondere auch dank der vielen freiwilligen Helfer und vor allem Helferinnen. Nun gilt es, vom „Krisenmodus“ umzuschalten und die Integrationsaufgaben anzupacken. „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen …“ (Bertold Brecht). Die Worte sollen ausdrücken, dass ein Durchbruch zwar erreicht ist, die eigentliche Bewährungsprobe aber in der (täglichen) Praxis liegt. Von fundamentaler Bedeutung für geflüchtete Menschen, aber auch für die deutsche Gesellschaft, ist eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration. Doch gesellschaftliche und berufliche Integration gelingen nicht von heute auf morgen. Sie ist voraussetzungsvoll und anspruchsvoll – für Flüchtlinge wie die deutsche Gesellschaft, für die Akteure in den Institutionen, den mit Migrationsaufgaben hauptberuflich befassten Menschen sowie für die zivilgesellschaftlichen Unterstützer.

Dieses Buch möchte allen Fachkräften, Beratern, ehrenamtlichen Helfern durch vielfältige grundlegende Informationen eine Orientierung bieten und durch ganz konkrete Hinweise und Tipps sowie Beispiele Denkanstöße und Hilfestellungen für die tägliche Praxis geben.

Es gilt, einen Werkzeug- / Arbeitskoffer zu packen, der gutes pädagogisch-fachliches Handwerkszeug enthält. Der Werkzeugkasten allein ist aber nur begrenzt hilfreich, wenn das Wissen über den Umgang mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen unzureichend ist. Der richtige Einsatz der Werkzeuge durch Fachkräfte und Unterstützer ist notwendig, um das Ziel zu erreichen. Bei schwierigen Aufgaben und in Fällen, in denen Werkzeug oder Kompetenzen nur begrenzt vorhanden sind, ist das Hinzuziehen von spezialisierten Fachkräften etwa der Arbeitsagenturen geboten. Gemeinschaftlich lässt sich vieles bewerkstelligen und gleichzeitig ist die nötige Portion Entschlossenheit des Einzelnen unabdingbare Voraussetzung.

Das Buch beinhaltet für Neulinge im Feld der Arbeitsmarktintegration / Flüchtlingsarbeit oder für Menschen aus angrenzenden Berufsfeldern wie der Kinder- und Jugendhilfe eine gut lesbare, prägnante Orientierung und gibt vielfältige, ganz konkrete Anregungen.

Der Leser / die Leserin wird vermutlich an der einen oder anderen Stelle sicher auch auf Informationen stoßen, die ihm bekannt sind – insbesondere wenn er als Fachmann / Fachfrau im Feld der beruflichen Integration und / oder der Flüchtlingsarbeit aktiv ist. Aber auch für den Fachmann / die Fachfrau enthält das Buch neue Informationen oder gibt Denkanstöße und Anregungen zur Reflexion der bisherigen Herangehensweise.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit ist das Buch in der männlichen Schreibweise verfasst. Auf die jungen Flüchtlinge bezogen geht es im Übrigen tatsächlich vorwiegend um die Integration männlicher junger Erwachsener, da sie den bei Weitem größten Anteil der Flüchtlinge ausmachen.

Ein letzter Hinweis: Die Kapitel bleiben jeweils für sich verständlich, auch wenn sie unabhängig voneinander gelesen werden. Dadurch kommt es zu einigen wenigen kleineren Doppelungen im Inhalt.

2      Chancen und Begrenzungen des Arbeitsmarktes

Wie sieht der Arbeitsmarkt in Deutschland aus? Einerseits: Der Arbeitsmarkt brummt. Die Lage ist so gut wie seit vielen, vielen Jahren nicht mehr. Es gab noch nie eine so hohe Zahl an Erwerbstätigen und „nur“ noch 2.545.000 Menschen sind im August 2017 Arbeit suchend (= 5,7 %). Das Stellenangebot weist Hunderttausende freie Stellen aus. Das Ausbildungsstellenangebot ist nahezu deckungsgleich mit der Bewerberzahl (Bundesagentur für Arbeit 2017c). Die Arbeitslosigkeit von jungen Menschen unter 25 Jahren liegt sogar unter der durchschnittlichen Arbeitslosenquote. Ohne Arbeit waren in Deutschland im August 2017 insgesamt noch 6,0 % der 15- bis unter 25-jährigen Personen (Statista 2017b). Die Quote hat sich damit seit dem Jahr 2005 mehr als halbiert (Bundesagentur für Arbeit 2016h, 33). Die Betriebe fast aller Branchen suchen händeringend nach Facharbeitern und Facharbeiterinnen.

Wo liegt also das Problem? Müssten (insbesondere junge) Flüchtlinge nicht problemlos einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden können? Quasi mit offenen Armen empfangen werden? Dem ist leider nicht so.

Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist brutal selektiv. Das Wort „Markt“ ist kennzeichnend und bestimmend. Alle Menschen, die den Anforderungen des (Arbeits-)Marktes nicht entsprechen, haben erhebliche Probleme, überhaupt einen Fuß in die Betriebe zu bekommen bzw. dort längerfristig verbleiben zu können. Gleichgültig, ob es um durch eine Behinderung beeinträchtigte Menschen geht, um „ältere“ Arbeitsuchende oder junge Menschen mit schlechten schulischen Voraussetzungen oder ohne schulischen und / oder beruflichen Abschluss. Zu den Marginalisierten des Arbeitsmarktes zählen auch viele Migranten und Flüchtlinge. Sie stehen vor den verschlossenen Toren des Arbeitsmarktes. Nur wenige bekommen die Chance auf Bewährung in regulären Arbeitsverhältnissen. Sie jobben prekär, sind ohne Arbeit, in Qualifizierungsmaßnahmen oder z. B. in Werkstätten für behinderte Menschen untergebracht. Die Entwicklungen sind seit Jahrzehnten fast unverändert. Sicher hat der Arbeitsmarkt angesichts dringender Personalbedarfe mittlerweile auch Menschen eingestellt, die zu anderen Zeiten chancenlos waren, aber die Zahlen sind überschaubar (Bundesagentur für Arbeit 2016h, 28ff.). Bei der Situation jüngerer Menschen hingegen sind durchaus Fortschritte erkennbar (BMBF 2016, 177).

2.1    Erwartungen und Reaktionen der Wirtschaft

Die Wirtschaft sieht angesichts der demografischen Entwicklung langfristig erwartungsvoll auf positive Folgen der Zuwanderung junger Flüchtlinge, aber in den nächsten Jahren vor allem erhebliche Integrationsprobleme und lang andauernde Qualifizierungsbedarfe. Fachkräfte werden benötigt, aber nur ca. 10 % der Geflüchteten verfügen über einen formalen beruflichen oder akademischen Abschluss (Bundesagentur für Arbeit 2017h). Und auch der ist oft nicht deckungsgleich mit Herausforderungen des deutschen Arbeitsmarktes. (Nach-)Qualifizierungen im sprachlichen wie beruflichen Bereich sind daher für Unternehmen unabdingbare Voraussetzungen einer beruflichen Integration. Arbeitsmarktintegration ist „kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf“ (Arbeitsministerin Nahles, DER SPIEGEL 2017).

Auf diesen Langstreckenlauf müssen sich Fachkräfte und Unterstützer einstellen. Und auch auf Rückschläge nach erfolgter beruflicher Vermittlung durch Kündigungen seitens der Arbeitgeber oder Abbrüche durch die jungen Flüchtlinge, etwa aufgrund von Überforderung, Unzufriedenheit oder Missverständnissen mit Vorgesetzten und Kollegen im Betrieb. Auch fehlende Arbeitsmotivation einiger Flüchtlinge wird eine Rolle spielen.

2.2    Zur Situation junger Migranten auf dem Arbeitsmarkt

Der 15. Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 2017b) formuliert, dass es die Aufgabe des Sozialstaats sein muss, allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen – einschließlich der geflüchteten jungen Menschen – einen gleichberechtigten Zugang zu sozialen, bildungsbezogenen und beruflichen Perspektiven zu ermöglichen (Deutscher Bundestag 2017b, u. a. 427). Seit Jahrzehnten hat sich wenig verändert. Viele Menschen mit Migrationshintergrund sind sozial weniger gut gestellt und im Bildungsbereich weniger erfolgreich. Und sie sind zu überproportional großen Anteilen vom Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ausgeschlossen (Beicht 2012; 2015; 2017). 18,7 % der jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind in der Altersgruppe von 15 bis 29 Jahren im Vergleich zu 7,6 % einheimischer junger Menschen weder in Schule noch in Ausbildung noch in Arbeit (Höller 2016). Das Bildungssystem hat es nicht geleistet, für mehr soziale Teilhabegerechtigkeit durch Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Zwar wird der Hauptschulabschluss im Vergleich zu früheren Jahren öfter erreicht, aber bei zunehmender Entwertung desselben durch eine insgesamt steigende Anzahl von höheren Schulabschlüssen und zudem steigenden Anforderungen des Arbeitsmarktes ist dies nur begrenzt hilfreich. Ihre schulischen Abschlüsse sind zudem deutlich schlechter als bei jungen Menschen ohne Migrationshintergrund, auch scheitern sie öfter im Schulsystem und später – sofern ihnen Optionen eingeräumt werden – im Ausbildungssystem (BMBF 2017b; Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2016). Neben strukturellen Bedingungen verstärken individuelle Aspekte die unzureichende schulische und berufliche Integration.

Ein spezifischer Aspekt wird oft außer Acht gelassen, wenn es um die Arbeitsmarktintegration von Migranten und Migrantinnen geht: Einige Migrantengruppen sind weniger erfolgreich als andere. Oder anders ausgedrückt: Migranten aus bestimmten Kulturkreisen oder Nationen erhalten deutlich weniger Chancen. Dies betrifft in besonderem Maße Menschen aus dem afrikanischen und asiatischen Raum, die statt im 1. Arbeitsmarkt zumeist im beruflichen Übergangssystem einmünden (müssen) (BMBF 2016, 176).

Sehr viele Problemfelder, die es bei der sozialen und beruflichen Integration von Migranten gibt, die bereits seit vielen Jahren in Deutschland leben, sind übertragbar auf die Situation junger geflüchteter Menschen. Junge Flüchtlinge haben keine oder in seltensten Fällen in Deutschland anerkannte Schul- oder Ausbildungsabschlüsse oder zertifizierte Berufserfahrungen vorzuweisen. Die deutschen Sprachkenntnisse sind z. T. rudimentär bzw. entsprechen nicht den Erwartungen der Arbeitgeber. Berufliche Erfahrungen in der deutschen Arbeitswelt fehlen. Die ausländerrechtlichen Rahmenbedingungen kommen massiv erschwerend hinzu, ebenso bürokratische Hürden oder Ressentiments.

Der Traum vom „schnellen Geld“ oder von einer guten Arbeits- oder Ausbildungsstelle zerplatzt häufig. Großunternehmen bieten kaum noch Arbeitsplätze für Ungelernte an. Dabei suchen mindestens 60 % der arbeitslosen Flüchtlinge eine Tätigkeit auf Helferniveau (Bundesagentur für Arbeit 2017g, 1). Auf Versprechen und Ankündigungen der Global Player ist kein Verlass. So haben die wertvollsten Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax), die es zusammen auf einen Jahresumsatz von mehr als 1,1 Billionen Euro bringen und rund 3,5 Millionen Menschen beschäftigen, Mitte 2016 gerade einmal 54(!) Flüchtlinge fest angestellt.

Im Ausbildungs- und vor allem im Praktikabereich sehen die Zahlen etwas besser aus, sind insgesamt jedoch erschreckend niedrig (Haufe 2016). Ende 2016 hatten immerhin 10 % der Betriebe Erfahrungen mit Flüchtlingen in ihrem Betrieb (z. B. Bewerbungen oder Vorstellungsgespräche), aber nur 3,5 % haben Flüchtlinge eingestellt (Gürtzgen et al. 2017, 2). Allerdings war der Anteil in 2017 steigend (Bundesagentur für Arbeit 2017a).

Die jungen Flüchtlinge und Unterstützer könnten angesichts der insgesamt eher ungünstigen Aussichten den berühmt-berüchtigten Vogel Strauß nachahmen und vor Verzweiflung den Kopf in den Sand stecken, um diese Fakten nicht zu sehen und zu hören, hilfreich ist das hingegen nicht. Es gilt, sich den durchaus schwierigen Rahmenbedingungen zu stellen und die Wege zu nutzen bzw. zu erschließen, die gangbar sind. Und zumindest erhöht die gute wirtschaftliche Lage die Chancen auf eine berufliche Integration.

Was sind Konsequenzen für Fachkräfte?

Unterstützung muss so beschaffen sein, dass sie Ungeschicklichkeiten, Fehler und Fehlentscheidungen vermeidet und tatsächlich – trotz aller objektiven Hindernisse – Perspektiven erschließen hilft.

■  Das Gros der Integration leisten Klein- und vor allem mittelständische Betriebe. Dort sind Initiativen von Flüchtlingen und Unterstützern erfolgreicher.

■  Viele junge Flüchtlinge hoffen dennoch, eine Arbeit in größeren Betrieben zu finden. Die (schlechten) Aussichten sollten realistisch vermittelt werden, gleichzeitig gibt es eine minimale Chance, die genutzt sein will. Wer gibt seine Träume und Hoffnungen auf, ohne versucht zu haben, diese zu verwirklichen? Deshalb sollten zumindest einige Initiativbewerbungen unternommen werden. (Harte) Fakten sind dann oft wirkungsvoller als (nicht bewiesene) Worte und die jungen Flüchtlinge zeigen, wenn es zu Ablehnungen kommt, eher die Bereitschaft, sich anderweitig zu orientieren. Und manchmal gibt es tatsächlich auch Glückstreffer.

■  Gegebenenfalls kann – sofern es keine ausländerrechtlichen Einschränkungen gibt – auch die Binnenwanderung eine Option sein, etwa wenn die Arbeitslosigkeit vor Ort sehr hoch ist oder wenn sich anderweitig Chancen auftun. Während beispielsweise Baden-Württemberg und Bayern in der Altersgruppe bis 25 Jahren nur eine Arbeitslosenquote von 2,9 % aufweisen, sind es in Berlin und Bremen 9,9 % (Statista 2017b). Zu bedenken ist, dass es bei einem Umzug zu einer erneuten Entwurzelung kommen kann. Sind gute soziale Bindungen aufgebaut worden, können diese u. U. eine höhere Relevanz haben als eine Arbeitsstelle andernorts. Der junge Flüchtling muss daher unter Erläuterung der Vor- und Nachteile intensiv an den Überlegungen beteiligt werden.

2.3    Voraussetzungen der jungen Flüchtlinge

Wer sind die jungen Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind? Welche Hoffnungen haben sie? Was bringen sie an Befähigungen mit? Was sind arbeitsmarktrelevante Faktoren?

„Das Spektrum derer, die hier herkommen, ist sehr unterschiedlich. Sie haben den Analphabeten, Sie haben aber auch den gut ausgebildeten. Es sind aber überwiegend hoch motivierte, tolle junge Menschen, und wenn es uns gelingt, dafür zu sorgen, dass die sehr schnell die Sprache kennenlernen, dass sie Ausbildung bekommen, dass sie in Arbeit integriert werden, dann schätze ich die Aussichten eigentlich sehr gut ein und als einen Gewinn auch für unser Land“ (Hettinger 2015).

„Obwohl die Geschwister erst ein halbes Jahr lang in Deutschland leben, geht Abdullah jetzt in die 9. Klasse auf das Winsener Gymnasium. Sein großer Bruder Mohammad besucht in Lüneburg einen Universitäts-Vorbereitungskurs – er möchte sein Medizinstudium wieder aufnehmen“ (Rabe 2015).

So sieht die optimistische Seite aus. Junge Flüchtlinge, die mit großem Ehrgeiz vorwärtskommen wollen, Pläne entwickeln und hohe berufliche Ziele für sich anstreben. Besonders schwierig ist die Lage für diejenigen, die keine guten Qualifikationen vorweisen können und denen das Erlernen der deutschen Sprache, das Erreichen von Abschlüssen und das Einleben in die Gesellschaft schwerer fällt. So ist der Anteil der Analphabeten etwa in Afghanistan mit ca. 70 % der Bevölkerung sehr hoch. Diese Flüchtlinge können oft weder Englisch noch Deutsch. Für sie bieten sich noch weniger Möglichkeiten für halbwegs realistisch umsetzbare Träume und wenig Optionen einer beruflichen Integration.

Insgesamt sieht das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) ein erhebliches Potenzial bei den 55 % der Flüchtlinge, die laut IAB unter 25 Jahren sind. Diese könnten durch Investitionen in Bildung und Ausbildung qualifiziert werden (Brücker et al. 2015, 4). Allerdings geht auch das Institut davon aus, dass die Qualifizierungsprozesse viele Jahre benötigen. Und: Auch bei jungen Flüchtlingen wird es einige geben, die für sich andere Lebensvorstellungen entwickeln bzw. (z. T. phasenweise) andere Wege gehen.

Hinweise für Fachkräfte

„Ein Mann, der recht zu wirken denkt, muß auf das beste Werkzeug halten“ (Johann Wolfgang von Goethe).

Bei jungen Flüchtlingen gibt es völlig unzureichende Kenntnisse über den deutschen Arbeitsmarkt, die Zugangsvoraussetzungen, die Strukturen, Verfahren und Erwartungen. Bei vielen Fachkräften etwa in der Kinder- und Jugendhilfe und ehrenamtlichen Unterstützern ist ebenfalls eine rudimentäre Informiertheit feststellbar. Hier gilt es, (sich) zu qualifizieren! Nur wer das nötige Wissen hat, kann richtig, hilfreich und weiterführend informieren und beraten. Falsche Beratung kann sehr viel Schaden anrichten. Die oft ohnehin vorhandenen Frustrationen der jungen Flüchtlinge können verstärkt und das Vertrauen in Unterstützer kann untergraben werden. Also: Selbstinformation ist grundlegende Voraussetzung für qualifizierte Unterstützung.

Eine weitere Option wäre es, auf Fachleute etwa in den Arbeitsagenturen oder Jobcentern zu bauen. Dies ist aber keinesfalls ausreichend. Gerade junge Flüchtlinge benötigen mehr als nur sporadische berufliche Beratung. Sie brauchen intensive längerfristige Unterstützung durch ihnen vertraute Personen (Kap. 6.7). „Wir rechnen damit, dass im ersten Jahr zwischen acht und zehn Prozent von ihnen Arbeit finden werden, im fünften Jahr wird rund die Hälfte einen Job haben“, so der Vorstand der Arbeitsagentur Becker am Rande einer Jobbörse für geflüchtete Menschen (DER SPIEGEL 2017). Geduld ist eine Tugend, die sowohl die jungen Flüchtlinge als auch deren Unterstützer (leider) lernen und aufbringen müssen.

3      Die Perspektive der Geflüchteten einnehmen

Es ist im Umgang mit Menschen immer ausgesprochen hilfreich, sich in die Gefühlslagen, Gedankenwelten und Lebensbedingungen des Gegenübers hineinzuversetzen. Dies ist keineswegs selbstverständlich, oft legt man im Umgang mit anderen Menschen, bewusst oder unbewusst, die eigenen Sozialisationsbedingungen und Erfahrungshorizonte zugrunde. Mit dem Versuch, sich in andere Menschen und deren Lebenswelt hineinzudenken und zu fühlen, ist zumindest eine Basis gegeben, deren Verhaltensweisen, Probleme, Entscheidungen und Denkweisen besser nachvollziehen zu können. Im Kontext Flucht fällt dies besonders schwer, da Flucht und die Gründe für die Flucht weit weg sind von der Lebensrealität der Menschen in Deutschland. Um Geflüchtete ansatzweise verstehen zu können, sind zuhörende und einfühlende Bezugspersonen / Pädagogen gefragt, die die Menschen und ihre Lage als Ausgangspunkt für die Kommunikation / Arbeit mit ihnen nehmen. Max Frisch sagte im Kontext der Gastarbeiteranwerbung in Deutschland: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ Und jetzt kommen Geflüchtete, die nicht nur Geflüchtete sind, sondern Menschen mit eigener Sozialisation, eigenen kulturellen und religiösen Vorstellungen, hoch motiviert oder auch weniger, realistischen oder unrealistischen Erwartungen und Hoffnungen sowie eigenen Lebensentwürfen. Bis dato gemachte Sozialisationserfahrungen müssen reflektiert und neu bewertet werden, ebenso wie die Wünsche den Realitäten, etwa des Arbeitsmarktes, im Aufnahmeland angepasst und korrigiert werden müssen. Aber dies kann nicht von heute auf morgen und nicht durch Ansage und Vorgaben von „besserwissenden“ Einheimischen (auch Wohlmeinenden) passieren, sondern erfordert längerfristige Prozesse.

Die Sicht verändern bedeutet Verstehen.

3.1    Perspektivwechsel – Flucht

Stellen Sie sich daher vor, Sie müssten aus Deutschland nach Syrien fliehen. Schon der Gedanke fällt Ihnen sicherlich schwer. Auch ein syrischer Arzt oder Verkäufer aus der florierenden Metropole Aleppo hätte sich vor einigen Jahren sicherlich nicht vorstellen können, dass seine Stadt in Trümmern liegt und er das Land verlassen muss.

Sie müssen also nach Syrien fliehen. Schon die Entscheidung zur Flucht ist mit enormen Belastungen verbunden. Sollen Sie Ihr Land wirklich verlassen? Oder wird morgen vielleicht doch alles besser? Ist die Gefahr des Bleibens so groß, oder machen Sie sich übertriebene Sorgen? Wie sind die Perspektiven im Land, wenn Sie bleiben? Sind Sie in den Augen der anderen zu egoistisch? Sollten Sie nicht helfend oder sich aktiv kämpferisch auf eine Seite stellen und im Land verbleiben? Wie sehen Ihre Möglichkeiten im Ausland aus?

Eine Flucht der ganzen Familie entfällt aufgrund der zu großen Gefahren und der erheblichen Belastungen etwa für die Kinder oder Kranke sowie auch der mehreren Tausend Euro, die den Schleppern zu zahlen sind. Also entscheidet die Familie, dass Sie allein flüchten sollen, zumal Sie als junger Mann besonders gefährdet sind, in den Krieg hineingezogen zu werden. So wird – im schlimmsten Fall – zumindest ein Mitglied der Familie überleben. Die Hoffnung liegt aber vor allem darin, dass Ihre Familie nachreisen kann, ohne den beschwerlichen Fluchtweg, bei dem man den Schleusern ausgeliefert ist, in Kauf nehmen zu müssen. Sehr hilfreich wäre es auch schon, wenn Sie als Geflüchteter Geld an die zurückgebliebene Familie überweisen können. Welche Gefühle beherrschen Sie? Angst vor der Trennung von der Ehefrau, den Geschwistern, den eigenen Kindern, den Eltern, den Verwandten? Angst vor der Flucht? Angst vor dem neuen Leben allein im fremden Syrien? Stimmt es, was von Syrien erzählt wird? Wie sind die Bedingungen vor Ort? Kann ich bleiben, meine Familie nachholen? Wie ist es um die Verständigung bestellt? Arabisch ist eine gänzlich andere Sprache, schon die Schreibweise der Buchstaben ist komplett anders ().

Die Familie will, dass Sie fliehen, im eigenen Interesse und im Interesse aller. Es bleibt die Verbindung zur Familie, zur Community über das Smartphone. Es wird für Sie zur Nabelschnur. Und auf der Flucht auch zum Rettungsanker. Es hilft beim Routenfinden ebenso wie beim Dolmetschen. Sie schaffen es schließlich, aus Deutschland rauszukommen. Der Weg ist riskant. Die Grenzen zu überwinden ist nicht einfach. Sie erleben Hunger und Kälte, freundliche und abweisende Menschen, Gewalt einerseits und Unterstützung andererseits, ständiger Begleiter ist die Angst, dass die Flucht nicht gelingt. Sie sind auf sich allein gestellt bzw. den Schleusern ausgeliefert. Dann erreichen Sie das Mittelmeer. Die Gefahren der Überfahrt sind hinlänglich bekannt. Tausende sind im Mittelmeer ertrunken. Sie haben jedoch keine Wahl und riskieren die Flucht in einem überfüllten Boot. Panische Angst fährt mit. Endlich erreichen Sie nach Monaten Ihr Zielland: Syrien. Sie kommen mit Tausenden anderen Flüchtlingen an.

3.2    Perspektivwechsel – Aufnahmeland

Syrien ist auf die Aufnahme einer großen Anzahl von Flüchtlingen nicht gut vorbereitet. Die Unterbringung erfolgt in Notunterkünften. Es gibt keine Privatsphäre, Sie leben monatelang mit Menschen aus allen Kulturen und Ländern, Älteren wie Jüngeren, aus allen sozialen Schichten, mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen, mit allen ihren individuellen Eigenheiten gemeinsam in großen Hallen Bett an Bett zusammen. Sie finden keine Ruhe, aus Sicherheitsgründen brennen auch nachts die Lichter. Sexualität kann nicht gelebt werden, Lautstärke und unterschiedliche Ruhe- und Schlafbedürfnisse bereiten Probleme, es kommt zu Missverständnissen und zu Gewalt. Die Sprache ist ein Problem. Die Langeweile und das Warten sind weitere.

Immerhin werden Ihnen vereinzelt Unterstützungsangebote unterbreitet und es gibt nach einiger Zeit Integrationskurse zum Erlernen der syrischen Sprache, der syrischen Kultur und der Regeln im Land. Aber es gibt wenige Gelegenheiten, die Sprachkenntnisse anzuwenden. Die Kontakte zur einheimischen Bevölkerung sind sehr begrenzt. Geld erhalten Sie zwar, aber es ist zu wenig, um davon etwas nach Deutschland schicken zu können. Sie werden immer unruhiger, weil die Familie Ihre Unterstützung erwartet und Sie endlich aus der Gemeinschaftsunterkunft rauswollen.

Dann werden Sie innerhalb von Syrien nach einer Quote verteilt. Sie sind zwar in einer Großstadt aufgewachsen, kommen aber nach Chan Schaichun (), einer syrischen Kleinstadt mit knapp 50.000 Einwohnern. Einen Einfluss auf die Verteilung haben Sie nicht. Gleichzeitig läuft Ihr Asylantrag, den Sie erst nach etlichen Monaten stellen können. Sie müssen weiter auf einen Bescheid warten. Dann erst ist absehbar, wie es mit Ihren Bleibeperspektiven und einer Einreise Ihrer Familie aussieht. Von dem Bescheid ist auch abhängig, ob Sie nur geduldet werden oder u. U. in nicht absehbarer (Warte-)Zeit wieder nach Deutschland zurückmüssen. Ein schlechter Aufenthaltsstatus erschwert die Wohnungssuche ebenso wie die Arbeitsaufnahme im Aufnahmeland. Bestimmte Rechte, die Einheimischen zustehen, werden Ihnen vorenthalten. Sie beginnen, in Integrationskursen die syrische Sprache zu erlernen und werden über rechtliche Fragen, gesellschaftliche Bedingungen und kulturelle Gepflogenheiten informiert.

Einige Monate hilft Ihnen der syrische Staat durch finanzierte Angebote, dann sind Sie mehr oder weniger auf sich selbst gestellt bzw. auf die Hilfe von Unterstützern und Behörden angewiesen. Die Bürokratie macht Ihnen enorme Probleme. Wer ist für was zuständig? So viele Ansprechpartner für so viele Angelegenheiten. Zwar gibt es vereinzelt Informationen auch in deutscher Sprache, aber Sie verstehen dennoch vieles nicht, weil es in Deutschland völlig anders war. Die vielen Anträge und Formulare sind für Sie völlig unverständlich. Antragsformulare in einer spezifischen Fachsprache und dann noch in Arabisch? Es gibt viele Menschen, die Sie als Flüchtling ablehnen, es kommt zu Gewalt und Protesten, aber es gibt auch sehr viele Menschen, die Sie willkommen heißen und Sie unterstützen.

Ebenso gibt es Bemühungen staatlicherseits, die aber keineswegs ausreichend sind. In Ihrem Kopf schwirren diese vielfältigen Erfahrungen und die Eindrücke der Flucht und des Ankommens, die enormen Anforderungen ebenso wie die positiven und negativen Erlebnisse. Die Familie ist zwar nicht vor Ort, aber ständig anwesend in Ihrem Kopf. Wie geht es der Familie? Ist sie in Sicherheit? Wie kann ich sie unterstützen? Wie kann ich den Zurückgebliebenen erklären, dass alles in Syrien so lange dauert und so kompliziert ist? Wann kann ich endlich gute Nachrichten überbringen – und sei es auch nur, dass ich Geld überweisen kann? Phasenweise plagt Sie ein schlechtes Gewissen. Auch die erlebten Traumata wirken sich aus. Sie fühlen sich erschöpft und überfordert. Therapieangebote gibt es nur wenige und zudem ist die Sprache ein Hindernis. Therapie über Dolmetscher? Kaum vorstellbar. Obwohl es Ihnen nicht gut geht und es immer wieder Phasen gibt, in denen jegliche Energie und Kraft fehlen, bemühen Sie sich dennoch um das Erlernen der Sprache und das Erschließen von Perspektiven – Wohnungssuche, Freundschaften aufbauen, Hobbys ausüben, Integration in die andere Kultur, Suchen von Arbeit.

3.3    Perspektivwechsel – Arbeit

Arbeit ist hoch bedeutsam für Ihr Selbstwertgefühl, sie ist zudem hoch bedeutsam für die Integration in die syrische Gesellschaft, das Erlangen von mehr Unabhängigkeit und dafür, die Zurückgebliebenen finanziell unterstützen zu können.

Aber wie sollen Sie in Syrien Arbeit finden? Sie haben zwar ein Studium als Lehrer abgeschlossen, doch das Schulsystem in Syrien ist völlig anders aufgebaut und der Umgang mit den Kindern ein anderer als in Deutschland. Das wäre vielleicht noch zu bewältigen, aber die Sprache ist das zentrale Hindernis, zudem fehlen Ihnen als junger Mensch die Praxiserfahrungen. Wie lange brauchen Sie, bis Sie in der Lage sind, syrische Kinder zu unterrichten? Können Sie Ihre akademische Ausbildung verwenden, oder müssen Sie sich gänzlich umorientieren? Wie lange müssen Sie sich weiterqualifizieren? Und wie lange warten Sie auf einen Arbeitsplatz, der Ihrer Ausbildung entspricht? Wie lange müssen Sie Jobs unterhalb Ihrer Qualifikation annehmen? Was macht das mit Ihrem Selbstwertgefühl? Der einst erworbene gesellschaftliche Status lässt sich kaum halten.

Wie muss es da erst anderen weniger qualifizierten Flüchtlingen gehen? Sie haben schon große Probleme mit der Umstellung und dem Spracherwerb, insbesondere in der Schriftsprache. Wie können da Haupt- oder Förderschüler im neuen Land klarkommen und beruflich Fuß fassen? Und was ist mit den Flüchtlingen, die in Deutschland eine Ausbildung absolviert haben und nun in Syrien als Flüchtlinge einen Neustart hinbekommen müssen?

Das Ausbildungssystem in Syrien ist völlig anders aufgebaut als in Deutschland. Berufliche Qualifikationen werden überwiegend schulisch erworben, durch Learning by Doing in den Betrieben oder z. T. an Schulen und Einrichtungen des Bildungsministeriums bzw. des Ministeriums für Hochschulwesen. Die duale Ausbildung in Deutschland ist damit in keiner Weise vergleichbar. Welches Land kennt schon fast 330 Ausbildungsberufe? Außerdem sind die Berufsbilder stark differierend. Was soll ein ausgebildeter Gebäudereiniger in Syrien mit seiner Ausbildung anfangen? Wie viel muss ein Koch von seiner Ausbildung „vergessen“, wie viel muss er neu lernen? Sahnekuchen wird es wohl ebenso wenig geben wie Pudding oder Kartoffelsalat, stattdessen Falafel, Ful, Taboulé. Ein Bäcker müsste sich komplett umstellen, ausgebildete Konditoren hätten keine Arbeit, wohl ebenso wenig Fachangestellte für Bäderbetriebe. Was macht ein ausgebildeter Altenpfleger in Syrien? Die meisten alten Menschen werden von ihrer Familie versorgt, Altenheime sind selten. Und käme ein KFZ-Mechatroniker, der sich mit modernen computergesteuerten Fahrzeugen auskennt, noch mit der KFZ-Technik älterer Fahrzeugmodelle zurecht? Hat ein ausgebildeter Landwirt noch Kenntnisse von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Ackerbau? Gibt es den Beruf des Försters in Syrien? Wie viel muss ein Maurer neu lernen?

Und diejenigen, die als junge Menschen ohne Ausbildung nach Syrien gekommen sind, sollen diese Flüchtlinge ihren Fokus auf schulisches Lernen richten (wenn das Aufnahmeland das überhaupt ermöglicht) oder auf eine Ausbildung, um längerfristig bessere Perspektiven zu haben? Oder soll sogar der Versuch unternommen werden, ein Studium aufzunehmen? Andererseits sind Ausbildungsprozesse langwierig und schwierig zu bewältigen.

Vielleicht doch (erst mal) eine Arbeit als Helfer suchen? Doch qualifiziertere Arbeitsstellen kommen sicherlich ebenso wenig infrage wie Jobs an einem Flughafen, im Sicherheitsbereich, als Wachmann oder bei der Polizei, von denen man als Flüchtling mit christlichem Glauben aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen ist. Aber irgendeinen Helferjob annehmen? Dann ist die Integration vielleicht schneller zu schaffen, da Kontakte zu Einheimischen entstehen, das Beziehen einer eigenen Wohnung eher möglich ist, individuelle Konsumwünsche befriedigt werden können und auch Unterstützungszahlungen an die Familie möglich werden. Was also tun, zumal Sie sehr unterschiedliche Ratschläge hören – je nachdem, mit wem Sie gerade sprechen.

Sie als Akademiker haben schon große Probleme, aber wie soll es dann erst den anderen Flüchtlingen gehen? Sie fangen neu an, Sie fangen klein an, Sie müssen wieder lernen, Sie müssen mit der anderen Arbeitswelt zurechtkommen, Sie müssen andere Sitten erlernen und übernehmen, Sie müssen sich in der „neuen“ Welt zurechtfinden. Erst der Krieg im Heimatland, die Trennung von der Familie, die problematische Flucht und nun ein hochgradig herausfordernder Neuanfang. Vor Ihnen liegen die Mühen der Ebene!

4      Asyl- und Ausländerrecht