Berührte Blüten - Anja Siouda - E-Book

Berührte Blüten E-Book

Anja Siouda

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Beschreibung

Am Ende des Romans "Ein arabischer Sommer" fliegen die Übersetzerin Elena und der Sprachlehrer und Poet Qais frisch verheiratet und bis über beide Ohren verliebt von Zürich nach Tunis, wo sie zusammen ihren gemeinsamen Traum, eine Sprachschule zu gründen, verwirklichen wollen. Was aber erwartet die beiden im Januar 2013, zwei Jahre nach der Jasminrevolution in Tunis? Wie kommt Elena mit der Familie von Qais, dem Leben in der tunesischen Hauptstadt und der muslimischen Kultur zurecht? Kann sie ihre geliebte Alp auf dem Brünig und ihr Robinsonleben einfach so vergessen? Schaffen die beiden es, ihr Projekt zu verwirklichen und dabei ihre leidenschaftliche Liebe auch im Alltag weiterblühen zu lassen? Und wie geht es dem Algerier Sabri, der als abgewiesener Asylsuchender nun in Tunis statt in der Schweiz ein Papierloser ist? Findet er in Tunis sein Glück? Anja Siouda, Schriftstellerin und diplomierte Übersetzerin, schreibt für gegenseitiges Verständnis unter den Menschen, setzt in diesem Roman aber den Akzent auf Selbstbestimmung und Emanzipation.

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Seitenzahl: 446

Veröffentlichungsjahr: 2018

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«Jede Frau wird von frühester Jugend an erzogen in dem Glauben, das Ideal eines weiblichen Charakters sei ein solcher, welcher sich im geraden Gegensatz zu dem des Mannes befindet; kein eigener Wille, keine Herrschaft über sich durch Selbstbestimmung, sondern Unterwerfung, Fügsamkeit und die Bestimmung durch andere.» John Stuart Mill 1806 – 1873

«Begreifst du aber, wie viel andächtig schwärmen leichter, als gut handeln ist?» Gotthold Ephraim LessingNathan der Weise

Inhaltsverzeichnis

Prolog

La Soukra, April 2013

Duftender Frühlingsschnee

La Goulette, April 2013

La Soukra, April 2013

Tunis, Avenue de la Liberté, April 2013

Tunis, Parc du Belvedère, Mai 2013

Tunis, Avenue de la Liberté, Mai 2013

La Soukra, Juni 2013

La Manouba, Juni 2013

La Soukra, Juni 2013

Tunis, Avenue de la Liberté, Juni 2013

La Soukra, Juni 2013

La Soukra, Juli 2013

Tunis, Avenue de la Liberté, Ramadan 2013

La Soukra, Ramadan 2013

La Soukra, Ramadan 2013

Tunis, Rue Jamaa Ez-Zitouna, Ramadan 2013

Tunis, Avenue de la Liberté, Ramadan 2013

La Soukra, Ramadan 2013

Tunis, Rue d’Iran, 25. Juli, Ramadan 2013

Tunis, Rue d’Iran, 25. Juli, Ramadan 2013

Tunis, Avenue de la Liberté, Ramadan 2013

La Soukra, Ramadan 2013

Tunis, Avenue de la Liberté, Ramadan 2013

La Soukra, Leylat al-Qadr, Ramadan 2013

Tunis, Rue Jamaa Ez-Zitouna, Aid el-Fitr 2013

Tunis, Bardo-Museum, August 2013

Tunis, Avenue de la Liberté, August 2013

La Soukra, August 2013

Tunis, Rue d’Iran, August 2013

La Marsa, 1. September 2013

Tunis, Aid el-Adha, 15. Oktober 2013

La Soukra, 19. Oktober 2013

La Marsa, 19. Oktober 2013

Flughafen Tunis-Carthage, 21. Oktober 2013

La Marsa, 22. Oktober 2013

Hammamet, Oktober 2013

La Marsa, Oktober 2013

Metlaoui, Oktober 2013

Flughafen Tunis-Carthage, 31. Oktober 2013

Tunis, Lafayette, 5. November 2013

La Marsa, November 2013

La Soukra, Dezember 2013

La Marsa, Weihnachten 2013

La Marsa, 1. Januar 2014

Karthago, Januar 2014

La Marsa, März 2014

La Marsa, April 2014

La Manouba, April 2014

Flughafen Tunis-Carthage, Mai 2014

Thun, Mai 2014

Brünig, Mai 2014

Brünig, Mai 2014

Brünig, Mai 2014

Brünig, Mai 2014

Brünig, Juni 2014

Lungern, Juni 2014

Brünig, Juni 2014

Sarnen, Juni 2014

Brünig, Juni 2014

Brünig, Juni 2014

Brünig, Juni 2014 Ramadan

Brünig, Juli 2014

Lungern, Juli 2014, Ramadan

Brünig, Juli 2014, Ramadan

Brünig, Juli 2014, Ramadan

Sousse, August 2014

Brünig, August 2014

Brünig, 8. August 2014

Brünig, August 2014

Brünig, 12. September 2014

Vom Brünig nach Tunis-Carthage, September 2014

Erklärung der Ausdrücke und Namen im klassischen Arabisch und im tunesischen Dialekt

Literaturnachweise

Das arabische Alphabet

Prolog

Ihr Schleier loderte lichterloh und das Feuer wand sich bereits um ihren ganzen Körper. Eine lebende Fackel. Kein Schrei aus ihrem weit aufgerissenen Mund, nur blankes, stilles Entsetzen. Niemand half ihr, niemand versuchte, mit Decken oder Jacken das Feuer zu löschen, niemand. Sie brannte, eine einzige Feuersäule, aufrecht, bis sie schliesslich doch wankte und zu Boden stürzte.

Elena wachte zitternd auf, tappte in der Dunkelheit nach Qais, fand ihn nicht, und schreckte einen Augenblick zurück, als sie die spitzigen Halme unter ihrer Handfläche spürte. Erst jetzt realisierte sie, wo sie wirklich war, tauchte richtig aus ihrem Alptraum auf und griff nach links, wo ein ruhiges Atmen zu hören war. Daphne reckte ihren Kopf in die Höhe, als sie Elenas Streicheln spürte und blökte leise. Dann schnupperte sie neugierig an Elena und leckte die salzigen Tränen von ihrem Gesicht, während Penelope ihren Kopf ebenfalls zu Elena hinüberbeugte.

«Ach Daphne», seufzte Elena und vergrub ihr Gesicht in der warmen Wolle, deren Geruch sie vollends zum Bewusstsein ihrer Situation brachte. Sie konnte es in diesem Moment nicht glauben, dass sie diesen Schritt gemacht, dass sie ihn nochmals Hals über Kopf verlassen hatte. Ihn und seine Gesellschaft. Und diesmal gab es kein unseliges Missverständnis zwischen ihnen wie 1989. Diesmal hatte sie eine Auszeit – so hiess das seltsame Modewort hierzulande – von ihm genommen, obwohl sie ihn doch mit jeder Faser ihres Körpers und jeder Schwingung ihrer Seele liebte. Wie konnte sie sich denn nur so vehement gegen ihre eigenen Gefühle stellen? Wie konnte sie ihm denn Dinge vorwerfen, für die er im Grunde rein gar nichts konnte? Was wollte sie denn jetzt noch hier auf der Alp, die ihr nicht mehr gehörte und in diesem Stall-Neubau, dessen blanke helle Balken so gar nichts mehr gemeinsam hatten mit dem ihr früher so vertrauten alten Holz, dessen Astlöcher sie alle auswendig gekannt hatte? Was konnte sie denn hier ausser einer gewissen vorübergehenden Routine von früher noch finden? Den vertrauten Alltag mit einer jetzt richtigen Herde Milchschafe und … Ruhe natürlich, ja absolute Ruhe und Zeit zum Nachdenken, zum Vergessen – die hatte sie aber bereits in der Gummizelle im Razi in Manouba gehabt –, aber keine Geborgenheit, keine Zärtlichkeit und keine Leidenschaft! Die warme Wolle der Schafe, ihre rauen Zungen, ihr würziger Duft und ihre sahnige Milch reichten dafür längst nicht mehr, waren nur ein kleiner, bitterer Trost. Zudem widerstrebten Elena die Aufzuchtmethoden des Milchschafbesitzers Toni, der von ihr verlangte, dass sie die armen Lämmer über Nacht mit Kordeln um den Hals an den Ringen der Stallmauern festband, damit sie ihre Mütter nicht leer tranken und somit morgens mehr Milch für die Käseherstellung zur Verfügung stand.

Elena verstand Toni in dieser Hinsicht nicht. Eine kleine Schranke aus Haselnussstauden, um die Jungtiere von den prallen Eutern ihrer Mütter fernzuhalten, wäre schnell gezimmert gewesen. Er aber wollte dies offenbar nicht und so zerrten die Lämmer fast die ganze Nacht hindurch wie verzweifelt an ihren Stricken und blökten herzerweichend zu ihren Müttern herüber, bis sie ganz heiser klangen. Die Mütter näherten sich zwar, um die Jungen zu beschnuppern und um sie trinken zu lassen, aber die Stricke waren zu kurz dafür. Elena beeilte sich deshalb, noch bevor sie sich an diesem ersten offiziellen Arbeitstag mit den Schafen um ihre eigene Morgentoilette kümmerte, im Stall Licht zu machen und mit dem Melken der zwanzig Muttertiere zu beginnen, um danach die Jungen endlich wieder befreien zu können.

Nach kurzer Zeit schäumte die warme Milch Daphnes, die Elena natürlich zuallererst molk, im Aluminiumeimer. Das heimelig vertraute Geräusch des Melkens und der Anblick des dicken, sämigen Schaumes aber, der sie an die Schaumkronen des wogenden Meers erinnerte, wollten sie in diesem Moment innerlich fast zerreissen. Denn wenn sie wirklich ehrlich mit sich selbst war, wenn sie ihr Innerstes bis auf den Grund erforschte, ihre Gefühle akribisch zerpflückte und zerlegte, dann wusste sie es: Ihr Platz war nicht mehr auf dieser Alp auf dem Brünig, sondern in La Marsa, in ihrer kleinen Wohnung direkt am Meer, wo sie am Morgen das rhythmische Geräusch der Wellen weckte und wo sie abends in den Armen von Qais einschlief. Qais, flüsterte sie und seufzte. Sie brauchte ihn und er brauchte sie. Und – auch Momo brauchte sie! Sie beide.

La Soukra, April 2013

«Ja schau, bei den Bäumen hat es Gott so wunderbar gemacht mit den Hummeln und den Blüten, aber beim Menschen machte er es so ekelhaft!»

Elena blickte die beleibte alte Frau vor ihr, auf deren runzligem und teilweise tätowierten Gesicht einen Moment lang der ganzen Ekel zu lesen war, der in ihren Worten gelegen hatte, überrascht, aber auch entsetzt an. Diesen Satz hatte sie wirklich nicht erwartet, nachdem sie versucht hatte, der schon sehr betagten Fatma, die nie in der Schule gewesen war, anhand der Befruchtung der Blüten durch die Hummeln ein kleines Stückchen Botanik beizubringen. Ihre Schwiegermutter, die Mutter von Qais, die zehn Kinder geboren hatte – acht davon waren längst erwachsen, zwei Buben, Zwillinge, waren kurz nach der Frühgeburt gestorben – und welcher alle verheirateten Kinder, mit Ausnahme von Qais, eine ganze Schar Enkelkinder, zu Fatmas grossem Bedauern waren es alles nur Mädchen, geschenkt hatten, war nun im sehr respektablen Alter von achtundsiebzig Jahren und hatte wie alle Frauen ihrer Generation als Kind natürlich nicht zur Schule gekonnt, das war früher sowieso das Privileg der Knaben gewesen, wenn überhaupt, und damals beschränkte sich der Unterricht auch bei den Jungen meist auf die Koranschulen. Als Erwachsene dann verspürte sie offenbar nie wirklich das Verlangen, Lesen und Schreiben zu lernen. Zumal ihr ein alter Imam und Freund ihres Gatten mehrmals mit Nachdruck sagte, der Prophet Mohammed habe das ja auch nicht gekonnt. Sie realisierte natürlich auch nicht, welche Welt ihr dadurch wirklich entging und in welcher Unmündigkeit sie deshalb in ihrem fremdbestimmten Leben auf immer blieb. Sie kannte es nicht anders und war es gewohnt, ständig überallhin begleitet zu werden, auch als sie noch bei Kräften war und problemlos grössere Strecken gehen konnte, anfänglich von ihrem Ehemann, danach von ihrem einzigen Sohn und ihren sieben Töchtern, die selbstverständlich alle zur Schule gingen, und von denen fünf es auch zu einem Universitätsstudium schafften. Natürlich versuchten ihre Kinder, ihrer eigenen Mutter immerhin ein bisschen Lesen und Schreiben beizubringen, aber die Mutter brachte es nur bis zum Abschreiben und Auswendiglernen der eigenen Unterschrift in ziemlich krakeligen Buchstaben. So konnte sie wenigstens, im jeweils blinden Vertrauen auf ihre Familie, ein ihr vorgelegtes administratives Papier unterzeichnen, wenn es absolut nötig war.

Die kleine Botanik-Lektion hatte sich geradezu angeboten. Sie war Elena wegen ihrer Begeisterung für die Natur und für diesen wirklich herrlichen Garten ihrer Schwiegereltern hier in La Soukra, einem Vorort von Tunis zwischen Ariana und La Marsa, einfach spontan eingefallen und die Erklärung der Befruchtung durch Bienen und Hummeln in einfachen Worten, sozusagen halal, die Früchte seien ja eigentlich die Kinder, die später aus der Vereinigung von Insekt und Blüte entstünden, die fand sie sehr anschaulich für jemanden, der keine Ahnung von Blütenstempeln und pollenübertragenden Insekten hatte. Ausserdem konnte sich Elena jetzt, etwas mehr als dreieinhalb Monate nach ihrer Ankunft in Tunis, schon wieder recht gut im tunesischen Dialekt ausdrücken, obwohl sie und Qais, wenn sie nur zu zweit waren, zumeist im klassischen Arabisch miteinander sprachen, einfach aus Freude am Fusha, und hie und da redeten sie sogar auf Hochdeutsch. Trotzdem bemühte sich Elena darum, den tunesischen Dialekt möglichst schnell zu lernen. Auf der Strasse fielen sie nämlich sofort auf, wenn sie Fusha sprachen, deshalb vermieden sie es dort oder wechselten auch mal ins Französische. Auch mit Qais‘ Eltern und seinen Schwestern und deren Männern funktionierte die Kommunikation am besten im tunesischen Dialekt. Französisch konnten die Schwestern zwar auch, aber unter sich sprachen sie doch meistens ihren Dialekt.

Überhaupt hatte sich die Verständigung zwischen Elena und Qais‘ Familie, vor allem zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter, in den wenigen Monaten seit ihrer Ankunft Anfang Jahr in mancher Hinsicht verbessert. Trotzdem zog Elena es in diesem Moment vor, auf den Ausruf ihrer Schwiegermutter nichts zu erwidern, denn sie war sich natürlich bewusst, dass direktes Sprechen über sexuelle Angelegenheiten hier, in diesem Kulturkreis, völlig tabu war. Elena konnte aber nicht umhin, ein gewisses Mitleid mit ihrer Schwiegermutter zu empfinden, nicht nur weil Sex offenbar lediglich eklige Pflicht und nie mit einem geliebten Menschen gemeinsam geteiltes Glück für sie bedeutet hatte, sondern auch weil Elena in der Zeit, seit sie mit Qais bei seinen Eltern wohnte, festgestellt hatte, dass die Schwiegermutter an einem extremen Putzfimmel litt und dass sie deshalb ihre eigenen Kleider, darunter besonders viele synthetische Röcke, glänzend und in allen Farben, wie auch zahlreiche baumwollene Unterröcke in Pastelltönen, schweisstriefend und stöhnend stets selber von Hand wusch, trotz ihres Alters und trotz der vorhandenen Waschmaschine. Einzig deshalb, weil allein der Gedanke sie anekelte, dass ihre Wäsche mit der Schmutzwäsche der anderen Familienmitglieder in Berührung kommen könnte. Elena spazierte also eine Weile weiter durch den Garten mit Fatma und begab sich dabei bewusst auf ein harmloseres sprachliches Terrain, indem sie die wunderbare Anlage der Steinobst- und Zitrusbäume in den höchsten Tönen lobte. Die Schwiegermutter freute sich über das Lob, wies dann aber auf ihre geschwollenen, schmerzenden Beine hin, liess Elena alleine weiter durch den Garten spazieren und kehrte ins schattige Innere des Hauses zurück.

Elena aber drückte ihre Nase in die zarten, süssen Blüten des einzigen Kirschbaums, der inmitten von Orangen- und Mandarinen-, Aprikosen- und Mandelbäumen, fast ein bisschen wie ein Exot, gerade in voller Blüte stand. Sie schloss die Augen und dachte an ihre Ankunft in Tunis am 2. Januar 2013 zurück, genau zwölf Tage bevor sich die Jasminrevolution vom 14. Januar 2011 zum zweiten Mal jährte. Damals wurden Qais und sie von seiner Familie und von ihrem gemeinsamen Freund Sabri natürlich voller Neugierde erwartet. Auch Elena hatte dem Ereignis mit einiger Anspannung entgegengesehen, aber es klappte dann ganz gut. Qais, der Sohn, den die Familie für mehrere Jahre an Europa verloren hatte, wurde mit offenen Armen und Yu-Yu-Rufen empfangen und Elena gegenüber benahmen sich alle sehr respektvoll. Im geräumigen, schmucken Salon mit den im offenen Rechteck angeordneten, langen Sofas, den vielen Sitzkissen aus glänzendem Stoff und den schweren Vorhängen im Elternhaus von Qais wurden sie beide wie Könige aufgenommen, verköstigt und bestaunt, so kam es Elena jedenfalls vor. Ihr eigener Aufenthalt in Tunis in der Cité Universitaire in Mutuelleville im Sommer 1989 und ihre Erinnerungen an das spartanische Interieur in jenem Studentenheim waren natürlich längst verblasst und so richtig bei einer tunesischen Familie war sie damals sowieso nicht eingeladen gewesen, da sie wegen ihres verbissenen Lerneifers ausser zu ihrem Lehrer Qais kaum Kontakt zu anderen Tunesiern gehabt hatte.

Die ganze Verwandtschaft scharte sich also um sie, sämtliche sieben Schwestern von Qais, die teilweise mit ihren Familien von Sfax und Gabes angereist waren, aber auch Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen und so standen sie beide, Qais und Elena, als frischverheiratetes Paar, Qais zudem als der zurückgekehrte, verlorene Sohn, total im Mittelpunkt. Vor allem Elenas Kenntnisse des klassischen Arabisch und auch ihre Versuche im tunesischen Dialekt beeindruckten die Familie schwer, hingegen packten sie die drei schweren Extrakoffer voller Geschenke, die Qais in der Schweiz erworben hatte, zu Elenas Erstaunen nicht aus. Die Mutter würde sich später um die gerechte Verteilung aller Handys, Markenparfüme, Kleider, Schuhe und Kilos Schweizer Schokolade kümmern, flüsterte Qais ihr einmal kurz auf Deutsch zu, als die anderen sie beide einen Moment lang nicht mit Fragen bestürmten.

Als beim Empfang aber alle so gastfreundlich und respektvoll waren, fragte sich Elena insgeheim, ob Qais seiner Familie per Skype überhaupt von ihr erzählt und ob er sie jemals darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass Elena diejenige war, die ihn im Sommer 1989 so abrupt verlassen und ihn damit in tiefste Melancholie gestürzt hatte. Etwas seltsam musste es der Familie doch schon vorkommen, dachte Elena, dass ihr einziger Sohn zuerst von einer Schweizerin verlassen wurde, dann Jahre später mit einer anderen Schweizerin nach Bern zog, um sie dort am 11. September 2001 zu heiraten und nach vielen Jahren von dieser geschieden, aber bereits wieder frisch verheiratet, eine andere Schweizerin nach Tunis zurückbrachte. Die Familie liess sich jedenfalls nichts anmerken und geschiedene, wiederverheiratete tunesische Männer waren im Grunde auch gar nichts Aussergewöhnliches, das wusste Elena, im Gegensatz zu wiederverheirateten tunesischen Frauen. Geschiedene muslimische Frauen waren allgemein Heiratskandidatinnen zweiter Klasse.

Qais und Elena konnten fürs Erste selbstverständlich im einfachen, aber geräumigen Haus der alten Eltern wohnen, das ihnen schon seit Jahrzehnten gehörte, genau wie der herrliche umliegende Garten und wo auch noch die zwei jüngsten Schwestern von Qais, Batul und Safia, lebten. Die beiden kamen Elena vom Aussehen her, das heisst vor allem in Bezug auf Körpergrösse, -umfang und Kleiderstil wie altersmässige Miniaturen von Qais‘ Mutter vor. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer sehr demonstrativen Religiosität waren sie noch unverheiratet, was in Tunesien unüblich war, und schauten schon seit Jahren, mit einem beträchtlichen Beitrag von Qais und kleinen Beträgen seiner verheirateten Schwestern unterstützt, nach ihren Eltern, die gesundheitlich ziemlich angeschlagen waren. Die Mutter, daran erinnerte sich Elena bei ihrer Ankunft, litt schon seit der Zeit, als Elena Qais in Tunis kennengelernt hatte, an Diabetes und sein Vater Hassan war in den letzten Jahren körperlich wie geistig immer schwächer und auch schweigsamer geworden, erklärte ihr Qais. An Diskussionen in der Familie beteiligte er sich kaum noch – abgesehen von seinem lauten Schmatzen beim Essen hörte man fast nie etwas von ihm, das bemerkte Elena gleich bei ihrer Ankunft – nur fürs tägliche Gebet und den Gang zur Moschee reichte seine Energie erstaunlich gut, wie Elena nach Kurzem feststellte. Er ging stets um die gleiche Zeit aus dem Haus und liess die Frauen unter sich.

In den wunderschönen Garten setzte er offenbar auch keinen Fuss, dachte Elena, als sie aus ihren Erinnerungen auftauchte und ihre Augen wieder öffnete. Dabei war er einfach eine Pracht! Und der Kirschbaum war eine besondere Augenweide, an der sich Elena hier schon seit den ersten, fast wie Popcorn geplatzten Knospen täglich ergötzte. Sie, das Naturkind aus den Schweizer Bergen oder – besser gesagt – die Übersetzerin mit ausgeprägten Robinson-Allüren, wie sie sich selbst ironischerweise aber mit realistischem Blick auf ihre Vergangenheit manchmal bezeichnete, konnte sich wirklich fast nicht daran sattsehen oder sattriechen.

Ganz zu Beginn der diesjährigen Blüte war sie sogar so hin und weg gewesen von dieser atemberaubenden Pracht gleich vor der Haustür ihrer Schwiegereltern, dass sie es fertigbrachte, das mulmige Gefühl zu verdrängen, das sie seit dem sechsten Februar beherrschte, als mutmassliche Islamisten in El Menzah, nicht weit von La Soukra, den politischen Mord am Juristen und linken Oppositionspolitiker Choukri Belaïd begingen. Ebenso erfolgreich blendete sie auch die dadurch aufkeimenden Zweifel, ob ihr Entscheid, mit Qais nach Tunesien zu kommen, richtig gewesen war, aus ihrem Bewusstsein und feilte über mehrere Tage hin an einem Gedicht, das sie später Qais vorlas, der zwar seine eigenen Gedichte selbstverständlich nur im geschliffenen Hocharabisch schrieb, ihre ersten dichterischen Gehversuche auf Deutsch aber durchaus verstehen konnte, da er bei seinem mehrjährigen Aufenthalt in der Schweiz, als er noch mit Larissa verheiratet gewesen war und in Bern in der Sprachschule Arabisch unterrichtet hatte, zu recht guten Deutschkenntnissen gekommen war.

«Komm setz dich», sagte Elena fröhlich lachend zu Qais, der gerade in ihr gemeinsames Gästezimmer im ersten Stock seines Elternhauses getreten war, nachdem er am Nachmittag mit einem Immobilienvertreter über ihren Bedarf an Schulungsraum gesprochen und bereits einige in Frage kommende Objekte angeschaut hatte. Er war vorerst extra allein hingegangen, denn er fürchtete, Elenas Präsenz als Ausländerin würde den Immobilienhändler womöglich dazu verleiten, den Preis jedes Objekts unverschämt in die Höhe zu treiben.

Qais wollte sich nicht setzen, sondern umschlang sie heftig und küsste sie. Elena aber wand sich aus seiner Umarmung und sagte neckend:

«Na, haben wir schon Grund zum Feiern? Hast du unser Traumobjekt gefunden?»

«Nein, aber ich bin sicher, wir sind auf dem besten Weg dazu!»

«So, ja dann kann ich mir die Zeit bis zur Erledigung aller Gründungsformalitäten für die Eröffnung unserer Schule weiterhin mit Dichten vertreiben!», scherzte Elena.

«Mit Dichten? Du?», rief Qais lachend. «Mein schönes Tunesien und der Paradiesgarten meiner Eltern inspirieren dich nun auch zum Dichten? Ich bekomme also Konkurrenz? Na, dann schiess mal los!»

Elena liess sich nicht zweimal bitten, zwinkterte ihm zu und las ihm mit sichtlicher Freude und hochkonzentriert vor:

Duftender Frühlingsschnee

Riesenhummeln tummeln sich wie eh

Um die Hymen meines Kirschbaums

Bräutigame in gelbschwarzer Tracht

Versinken im Frühlingsschnee

Des unberührten Blütentraums

Jede zartweisse Jungfrau lacht

Ob dem summenden Brummer

Der zitternd kommt und geht

Immer wieder, von einer zur andern

Unermüdlich, berauscht

Sanft und zart

Wird gepaart

Wind bauscht

Natur lauscht

Blütenstaub

Überpudert

Getauscht

Stempelnd

Gestreichelt

Still, sacht

Liebe

Gemacht

«Hübsch», sagte Qais anerkennend. «Wirklich hübsch und so lautmalerisch! Und die Bilder kann ich mir richtig vorstellen!»

«Es gefällt mir selber», gestand Elena lachend. «Ich wusste gar nicht, dass ich das kann!»

«Die Liebe ist es, unsere Liebe, die dich beflügelt, ya Habibati!»

«Bestimmt ist es das, ya Hanani», pflichtete Elena ihm bei und schlang ihre Arme um ihn. «Und weisst du, als ich es dichtete, hörte ich nicht einmal mehr den Lärm der Flugzeuge, wenn sie hier über die Dächer fliegen.»

Qais lachte, warf noch einmal einen Blick auf das Gedicht und meinte dann augenzwinkernd:

«Tja, also so ganz sicher bin ich mir da nicht. für das Wort ‹Brummer› haben dich die Flieger vielleicht doch inspiriert, meinst du nicht?»

Elena hatte wieder gelacht, ihn übermütig geküsst und sich erneut in seine starken Arme gekuschelt.

Allein bei dem Gedanken an Qais überkam Elena auch jetzt wieder eine wohlige Wärme und sie pflückte sich übermütig ein paar Kirschblüten und steckte sie sich ins Haar und in den Ausschnitt. Ja, sie fühlte sich, obwohl die Dinge in Tunesien, insbesondere das provisorische Zusammenleben mit Qais‘ Familie, bei weitem nicht so einfach waren, wie sie beide es sich im vergangenen Herbst auf dem Brünig und in Thun ausgemalt hatten, immer ganz glücklich und geborgen, wenn sie mit ihm allein zusammen war. Manchmal musste sie sich auch fast ungläubig die Augen reiben, denn so schnell war am Ende alles gegangen, nachdem Qais wieder aus dem Spital in Interlaken entlassen worden war, wo er wegen seiner lebensgefährlichen Rauchvergiftung längere Zeit auf der Intensivstation gelegen hatte. Sabri, sein Lebensretter, reiste ihnen schon voraus nach Tunis, während Elena und Qais in der Schweiz noch in aller Eile alle jene Papiere besorgten, die für ihre standesamtliche Heirat nach Schweizer Recht nötig waren. Da Qais nach seiner Scheidung von der Schweizerin Larissa immer noch über einen völlig legalen Aufenthaltsstatus verfügte, war es für beide naheliegend, die Formalität noch in der Schweiz zu erledigen. Ende Dezember 2012, knapp vier Monate nach Qais‘ schrecklichem Unfall auf ihrer Alp auf dem Brünig und vor allem nach all diesen langen Jahren, nach denen sie sich in der Schweiz endlich wiedergefunden hatten, heirateten sie in Thun, wobei die Ehe in Tunis nachträglich auch noch registriert werden musste.

Elena entschloss sich bei der Schweizer Administration ohne Zögern für Qais‘ wohlklingenden Familiennamen Essabra, obwohl sie vor ihrer zweiten Hochzeit auch die Möglichkeit gehabt hätte, wieder ihren früheren Mädchennamen Erb – auf Arabisch transkribiert wäre daraus vielleicht sogar ein carab geworden – anzunehmen und diesen gemäss dem neuen Schweizer Namensrecht zu behalten. Den Namen «Bruderer» ihres Ex-Mannes Claude wollte sie nicht mehr, obwohl er ihr früher, wie sie sich nicht ganz ohne Scham eingestehen musste, sehr gelegen gekommen war. Eine neue, glückversprechende Ära begann schliesslich in ihrem Leben und in dieser war sie die Elena – in manchen zärtlichen Nächten mit Qais auch die Eleyla – Essabra in Tunis. Ihr neuer Name schien ihr – obwohl die Frauen in Tunesien in offiziellen Dokumenten stets ihren Mädchennamen behielten –, perfekt zu ihrer neuen Heimat zu passen, in welcher aber alles natürlich ein bisschen weniger perfekt als in der Schweiz war, was sie gleich bei ihrer Ankunft schon am Flughafen Tunis-Carthage an den blauen, teilweise erloschenen Leuchtziffern auf dem Flughafendach erkannte. Schweizer Perfektionismus war aber völlig fehl am Platz, sagte sie sich gleich, denn natürlich gab es im Lande, zwei Jahre nach der Revolution und nachdem der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi allein in Tunesien, aber auch in der übrigen arabischen Welt, über hundert abgrundtief verzweifelte Nachahmer gefunden hatte, die nicht in die Geschichte (und in Wikipedia) eingingen, viel dringendere Probleme zu lösen, als Buchstaben leuchten zu lassen oder beispielsweise auch lodernde, zum Himmel stinkende Abfallhaufen zu löschen, die man da und dort in ärmlicheren Quartieren sah und welche, wie Elena später in den Nachrichten erfuhr, sich vor allem im Süden des Landes zu einem ernsthaften Problem entwickelten.

La Goulette, April 2013

Weil das Baby im entscheidenden Moment wie am Spiess schrie, konnte sie es nicht tun. Am ganzen Körper zitternd drückte sie das weinende kleine Wesen an sich, setzte sich auf den Boden, gut versteckt hinter dem Gebüsch, und entblösste ihre rechte Brust, aus der die Milch bereits tropfte. Sofort suchte das Kind die volle Brustwarze, schmatzte etwas und saugte dann zufrieden. Sie hörte, wie es die warme Milch – ihre Milch – schluckte. Das Einzige und Beste, was sie ihm geben konnte. Etwas, das ihr eigener Körper hervorbrachte, etwas, wofür sie sich für einmal nicht schuldig fühlen musste, etwas, worauf sie manchmal sogar eine Sekunde lang stolz war. Dass das nicht allzu oft passierte, dafür hatte man bereits im Spital gesorgt, wo sie ihr Kind vor knapp zwei Wochen unter grossen Schmerzen geboren hatte. Die Ärzte und Hebammen kümmerten sich aus medizinischer Sicht zwar korrekt um sie und ihr Neugeborenes, gaben ihr aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit unmissverständlich zu spüren, wie schuldig sie an ihrem Fehltritt war.

Auch der Beamte, der kurze Zeit nach der Geburt bei ihr erschien und sie zuerst eine Weile lang vernichtend anschaute, sie als Abschaum der Menschheit bezeichnete und dann fragte, seit wann und wo sie sich für gewöhnlich prostituiere und ob sie denn für eine allfällige DNA-Analyse einen Schimmer von den Namen ihrer Klienten habe, schien an der demütigenden Befragung Spass zu haben.

Amina, geschwächt wie sie von der langen Geburt war, brachte trotzdem noch die Kraft auf zu protestieren. Sie sei keine solche, wie er meine und natürlich wisse sie den Namen des Vaters, aber es sei völlig zwecklos, nach ihm zu suchen. Er sei fort, über alle Berge, irgendwo ins Ausland verreist, unerreichbar für eine erzwungene Vaterschaftsanalyse! Der Angestellte des Innenministeriums aber blieb hartnäckig, betonte, das Kind brauche den Namen seines Vaters, der Name der Mutter reiche nicht für eine offizielle Existenz! Sie solle ihm nun, wenn sie also keine verdammte Hure sei, genau beschreiben, wann, wie und mit wem das Kind entstanden sei.

Amina erstarrte damals und sie brachte eine Weile keinen Ton heraus, bis sie schliesslich stotternd einen Namen und eine Adresse nannte, die der Angestellte des Innenministeriums mit Siegeslächeln notierte. Er hatte endlich, womit er recherchieren konnte! Der Bastard an ihrer Brust bekäme also wenigstens eine Chance, den Namen seines richtigen Vaters zu erhalten, statt eines Patronyms, das die Behörden für das gesellschaftliche Wohl des Kindes erfinden würden, erklärte er ihr triumphierend.

Amina war erleichtert gewesen, dass sie im letzten Moment einen fiktiven Namen hatte hervorstottern können, aber als der Funktionär des Innenministeriums endlich verschwunden war, überkam es sie heiss, dass sie das Spital nun schnellstens verlassen musste, bevor er es herausfinden, zurückkehren und weitere Fragen stellen würde. Gleich am anderen Tag verliess sie das Spital und versprach, sich sofort bei dem Hilfsverein für ledige Mütter und Kinder im Zentrum von Tunis zu melden, dessen Adresskarte man ihr zugesteckt hatte. Sie solle ihr neues Domizil dann auch ihren Eltern in Sousse mitteilen, damit diese Kontakt mit ihr aufnehmen konnten, auch wenn sie sich seit der Geburt des Kindes verständlicherweise – wie man es gerne betonte – nicht hatten blicken lassen.

Seither irrte Amina mit ihrem Kind in den Strassen von Tunis herum, spürte, wie sie mit jedem zusätzlichen Tag erschöpfter und orientierungsloser wurde und wie sogar die Erinnerung an Youssef, ihren Professor für arabische Literatur an der Universität La Manouba, der ihr in einem ihrer letzten vertrauten, intimen Momente im vergangenen Sommer stolz von seiner kommenden mehrjährigen Gastprofessur im Ausland erzählt hatte, allmählich verblasste.

Amina schluckte ihre Tränen hinunter. Es kam ihr alles so unwirklich vor. Manchmal fragte sie sich sogar, ob sie wirklich Amina sei oder ob womöglich irgendein Geist, ein Dschinn, von ihr Besitz ergriffen habe – oder zumindest ein abgespaltener, bis vor wenigen Wochen unbekannter Teil ihrer selbst. Warum war sie eigentlich nicht Marjam und ihr Kleiner Aissa? fragte sie sich einmal, als sie in einem Traum, von dem sie nicht wusste, ob sie ihn am Tag oder in der Nacht geträumt hatte, am Fusse einer staubigen Palme sass. Oder war sie vielleicht Hagar und ihr Baby Ismael? Wo aber war die Quelle Simsim und wo waren die versprochenen frischen, süssen Datteln? Und überhaupt, wo blieb denn der Engel Gabriel? Und wo war Allah?

Sie blickte an sich herab, auf den Winzling Mohammed, der nun zufrieden an ihrer Brust saugte. Sein einziges Glück – ihre Milch und ihre Wärme. Etwas anderes hatte sie nicht und würde sie nie haben. Mit ihrem Fehltritt hatte sie sich den Weg zur Hölle auf Erden geebnet. Die verlorene Ehre war nicht mehr zurückzugewinnen – weder in ihrer Familie, geschweige denn in der ganzen tunesischen Gesellschaft. Sie blickte auf ihre schmuddeligen Kleider, auf ihre schmutzigen Schuhe, auf die stinkenden Lumpen, in die ihr Kind gehüllt war und auf die dreckige Tasche, die sie bei sich trug. Seit sie das Spital fluchtartig verlassen hatte, hatte sie sich nicht mehr geduscht. Sie roch dementsprechend, denn sie hatte sich auf den öffentlichen Toiletten trotz ihrer Blutungen – dafür behalf sie sich mit Zeitungspapiereinlagen – nur ein bisschen mit Wasser benetzt, hingegen hatte sie das Kind manchmal in einem Brunnen gewaschen, wenn gerade niemand in der Nähe war, aber meist nur sehr kurz, denn das Wasser war kalt und das Baby schrie sofort, sodass sie die Aufmerksamkeit weiter entfernter Passanten auf sich zog und sich beeilte, mit dem nassen Kind fortzulaufen, bevor man sie wegjagte oder womöglich die Polizei benachrichtigte. Hielt sie sich aber still und blieb das Kind an ihrer Brust ebenfalls ruhig, konnte sie immerhin fast ungestört betteln, das hatte sie in kurzer Zeit gelernt. Wahrscheinlich verdankte sie es sogar ihrem Kind, dass sie selber nicht auf offener Strasse verhungern musste. Das Kind erweckte Mitleid, vor allem bei den Touristinnen auf der Avenue Habib Bourguiba. Das Geld, das sie ihr in ihren Pappbecher legten, reichte fürs tägliche Essen und es blieb sogar noch etwas übrig. Einmal kam eine blonde Touristin, die einen deutschen Reiseführer unter den Arm geklemmt hatte, tatsächlich ein zweites Mal zu ihr, nachdem sie ihr bereits mehrerer Dinare gegeben hatte. Sie stellte ein Paket Wegwerfwindeln und ein Sparpaket Baby-Bodys neben sie, die sie offenbar im Supermarkt in der Nähe gekauft hatte und ging mit Tränen in den Augen weiter. «Danke», rief Amina ihr spontan auf Deutsch nach und die Dame warf ihr einen perplexen Blick zu, blieb aber nicht mehr stehen. Was sie wohl dachte, die fremde Frau? Vielleicht vermutete sie, dass viele Tunesier und Tunesierinnen in den Touristengebieten ein paar Brocken Deutsch konnten, sogar die Bettlerinnen mochten bei all den deutschsprachigen Touristen ein Wort aufgeschnappt haben. Amina aber war keine Bettlerin und konnte mehr als ein paar Brocken. Sie hatte neben arabischer Literatur an der Universität mehrere Jahre lang Deutsche Sprache und Zivilisation studiert und ihr Abschlussdiplom mit Glanznoten bestanden. Das starke Interesse von Professor Youssef während ihres letzten Studienjahres führte sie zuerst auf ihre Motivation und guten Noten zurück, später dann, als er ihr seine ersten, leidenschaftlichen Liebeserklärungen gemacht, sie mit teuren Parfums überhäuft und von Heirat gesprochen hatte, erlag sie, völlig unerfahren, seinem Charme und seinen Versprechungen. Sie gab sich ihm hin, liebte ihn in ihrer Naivität heiss und liess sich von ihm lieben – bis er von der Gastprofessur sprach. Erst dann überfiel sie Panik, – ihre Ehre hatte sie ja nun mit ihm verspielt – aber er beruhigte sie, sein Heiratsversprechen gälte, er würde in Deutschland, wo er die Professur zugesprochen bekommen habe, dafür sorgen, dass sie ein Visum bekäme. Zu seiner persönlichen Assistentin werde er sie ernennen und sie werde dort forschen und ein Doktorat machen können. Nach seiner Abreise glaubte sie noch eine Weile daran, klammerte sich daran fest – aber sie hörte nichts von ihm. Auch dann nicht, als sie ihm an seine tunesische Mailadresse, die einzige, die sie besass, mitteilte, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Zu Hause in Sousse jedenfalls, wo sie nach Abschluss des Studiums wieder wohnte, merkte es gottseidank niemand, zumal sie beim Essen tüchtig zulangte, was die Familie auf ihren Nachholbedarf nach dem jahrelangen Essen in der Kantine der Universität zurückführte. Als es ihr aber immer schwerer fiel, ihre Rundungen zu verstecken, obwohl sie zu Hause seit Monaten nur noch die weiten, traditionellen Kleider trug und sie sich nur mit einem unförmigen Hidschab nach draussen wagte, gestand sie es gegen Ende ihrer Schwangerschaft ihrer Mutter. Diese ohrfeigte sie zuerst, dass ihr nur so die Ohren summten und schloss sie danach in ihrem Zimmer ein. Zu ihrem eigenen Schutz, sagte die Mutter, kreidebleich wie sie war, denn die Brüder und der Vater dürften diese Schande nicht erfahren. Sie würde ihnen sagen, Amina sei unwohl und sie bliebe lieber in ihrem Zimmer. Am anderen Tag, als die Brüder und der Vater zum Freitagsgebet in die Moschee gegangen waren, stürmte die Mutter mit einer soliden weissen Kordel und einem undurchsichtigen Plastiksack wieder in ihr Zimmer, reichte ihr beides wortlos, herrschte sie danach an, Kordel, Plastiksack und ein paar Kleider zusammenzupacken und sich sofort zur Rückfahrt nach Tunis aufzumachen, drückte ihr dafür eine kleine Summe Geld in die Hand und verfrachtete sie eigenhändig in das wartende Taxi, das sie wenige Minuten vorher auf der Strasse herbeigerufen hatte. Sie solle sich dann melden, schrie sie Amina hinter dem Taxi noch nach, wenn sie in Tunis fertig sei mit dem Job, den man ihr kurzfristig anvertraut habe. Amina brachte kein Wort heraus, klammerte sich voller Übelkeit und mit zitternden Händen an ihre vollbepackte Tasche und wagte keinen Blick zurück zu ihrer Mutter.

Sie blickte wieder auf den kleinen Mohammed, der inzwischen an ihrer Brust eingeschlafen war. Die noch leicht feucht glänzende Brustwarze war ihm aus dem Mund gerutscht und er lächelte gerade sein Engelslächeln. Die dicke weisse Kordel hing locker um seinen Hals. Amina entfernte sie sachte, schob sie in die undurchsichtige Plastiktüte neben ihr, knüllte sie zusammen und warf sie in den Kanal. Fast hätte sie getan, was ihre eigene Mutter von ihr wollte! Bei Gott, fast wäre sie um der Ehre ihrer Familie willen selber zur Mörderin geworden! Die Erkenntnis fiel ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen, kalter Schüttelfrost überfiel sie und es kam ihr vor, als erwache sie endlich aus ihrem Alptraum. Sie konnte endlich wieder klar denken und suchte in ihrer Tasche mit fahrigen Händen nach dem Kärtchen mit der Adresse des Hilfsvereins für ledige Mütter, vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung! Vielleicht gab es eine Zukunft für sie und Mohammed! Allein würde sie es nicht schaffen, aber wenn es da tatsächlich doch noch mitfühlende Menschen gab, die Frauen wie ihr helfen wollten? Sie musste es wagen, gleich sofort! Amina stand behutsam auf, um Mohammed nicht zu wecken, aber er wachte auf und weinte. Amina tastete nach der feuchten Windel und sah, dass sie jetzt, wo Mohammed getrunken hatte, wie üblich beinahe überquoll. Sie setzte sich also nochmals auf den Boden, packte den Kleinen aus und entfernte die übervolle Windel. Als sie ihn aber notdürftig reinigen wollte, bemerkte sie, dass sich die zarte Haut an seinem Po in Fetzen löste und manche Stellen stark entzündet aussahen. Sie erschrak, denn noch beim vorangehenden Windelwechseln war die Haut nur gerötet gewesen. Wie war das nur möglich? Und wenn sich die Stellen nun weiter infizierten? Wenn der Kleine Fieber bekam? Wenn er plötzlich in ihren Armen starb? Amina schloss eine Sekunde die Augen, weil ein schrecklicher Gedanke sie nun verfolgte. Wer würde ihr denn glauben, dass sie das Kind nicht absichtlich vernachlässigt hatte? Wie könnte sie das jemals beweisen, falls ihm nun etwas zustossen würde, wofür sie nichts konnte? Ihre Situation mit ihrem Neugeborenen auf der Strasse war wirklich höchst kritisch. Ihre Flucht vom Spital auf die Strasse war keine gute Idee gewesen, sie sah es nun wieder rational – es war – ihr stockte der Atem – barer Wahnsinn. Schnell legte sie ihrem Sohn eine der letzten Papierwindeln um, knöpfte seinen beschmutzten Body zu und stand eilig mit ihm auf, obwohl er immer noch weinte. Die Räumlichkeiten der Hilfsorganisation Marjam lagen in der Avenue de la Liberté, nicht allzu weit vom bekannten Institut Bourguiba des langues vivantes entfernt, das erkannte Amina auf der kleinen Skizze, die sich ebenfalls auf dem Adresskärtchen befand. Sie würde die Strasse bestimmt finden.

La Soukra, April 2013

Kochen im Team war eigentlich nicht Elenas Lieblingsbeschäftigung, aber ab und zu half sie ihren Schwägerinnen und ihrer Schwiegermutter beim Zubereiten des Mittagessens, weil sie sich nicht ständig von ihnen bedienen lassen wollte und so kam es zu ihrem Erstaunen zu einem recht offenen Gespräch zwischen ihr, Fatma, Batul und Safia, als sie zu viert in der geräumigen Küche hantierten, wobei Fatma vor allem nur zuschaute und sowohl ihrer Schwiegertochter wie ihren erwachsenen Töchtern manchmal Anweisungen – genauer gesagt – Befehle gab.

«Weisst du, ya binti, wir waren schon sehr überrascht, dass er nach der Scheidung von seiner Cousine nun schon zum zweiten Mal eine Europäerin heiratete», erklärte Fatma ohne Umschweife und zerdrückte mit ihrer pummeligen Hand zielsicher eine fette schwarze Fliege, die sich auf dem Küchentisch niedergelassen hatte, auf welchem Batul mit ihren gepflegten weissen Händen, die sie, wenn sie ausser Haus ging, bei jedem Wetter und bei jeder Temperatur stets in dünne schwarze Handschuhe steckte, gerade einen Berg frischgewaschener Kartoffeln auftürmte.

«Ah ja, aber das ist doch nichts Aussergewöhnliches, es verheiraten sich doch ziemlich viele Tunesier mit Europäerinnen?», erwiderte Elena bemüht beiläufig und begann mit dem Schälen einer Kartoffel, während Fatma die zerquetschte Fliege an einem Flügel hochhob, sie mit einer Grimasse in den Abfallkübel schmiss und damit begann, sich über dem Ausguss ausgiebig die Hände zu schrubben.

«Ja schon, aber die erste, in die er sich offenbar wirklich verliebte, das war 1989, und die, also …», Fatma musste einen Moment Atem holen, «also das war ein sehr hinterhältiges Stück, denn nachdem er sich so unsterblich in sie verliebt hatte, verliess sie ihn plötzlich, von einer Stunde auf die andere, wie er uns später erklärte. Sie reiste einfach ab und er sah sie nie wieder.»

Elena schluckte und sagte nichts. Fatma aber fuhr unbeirrt fort:

«Eigentlich fanden wir ja, er solle sich zusammennehmen, schliesslich gibt es auch viele schöne und nette Tunesierinnen. Er hätte sicher auch eine», sie stockte nun doch einen Moment, «also eine … etwas ältere oder eine Witwe mit Kindern finden können.»

«Hm», sagte Elena mit gespielter Zustimmung nickend.

«Sich wegen einer einzigen Europäerin, die ihn so schmachvoll hatte sitzen lassen, dermassen zu grämen, wie er es tat, nein, das konnten wir wirklich nicht verstehen. Wo hatte er denn seinen Stolz gelassen, fragten wir uns.»

Fatmas Unverständnis spiegelte sich in ihrem Gesichtsausdruck.

«Ja, wir konnten gar nicht mehr mit ihm reden damals. Er schottete sich völlig von uns allen ab, nicht nur von seinen Freunden, sogar von uns, seiner Familie! Wir entwickelten dann einen richtigen Hass auf diese Fremde, die uns unseren geliebten Qais zwar nicht nach Europa weggenommen, ihn uns aber durch ihr Verhalten trotzdem gestohlen hatte», erklärte Batul, wusch die von Elena bereits geschälten Kartoffeln nochmals und begann, sie in Pommes-Stäbchen zu zerschneiden.

«Er stürzte sich in seine Arbeit und seine melancholischen Gedichte!», ergänzte Safia voller Entrüstung, während sie den Inhalt der Zweiliterflasche Erdnussöl in die hohe Pfanne kippte und das Gas einschaltete.

«Ach ja?» Elena wünschte sich allmählich, ihre Hilfe beim Zubereiten des Essens nicht angeboten zu haben.

«Ja, bis er dann eines schönen Tages erklärte, er habe eine andere Europäerin gefunden, die er in der Schweiz heiraten würde», berichtete Batul und rückte das schwarze Kopftuch zurecht, das sie sogar im Haus ständig trug.

«Wir waren total überrascht damals», sagte Fatma, während sie ihre Hände abtrocknete und ihre beiden Töchter zustimmend nickten.

«Genau, denn vorgestellt hat er sie uns nie. Er reiste ab und meldete uns 2001 von der Schweiz aus, dass er nun verheiratet sei.»

«Immerhin fand er in der Schweiz eine wirklich gute Stelle als Sprachlehrer und schickte uns, wie es sich gehört, auch regelmässig Geld», musste Fatma zugeben.

«Wusstest du das alles denn nicht?», fragte schliesslich Batul, die endlich Elenas überraschtes Gesicht bemerkte.

«Doch, doch», beteuerte Elena ausweichend und geniert. «Er hat es mir natürlich schon erzählt.»

«Aber jetzt mit dir ist das natürlich etwas ganz anderes, ya binti», sagte Fatma beruhigend und tätschelte ihr breit lächelnd den Arm. «Du bist ja extra hierhergekommen, damit du mit Qais zusammen diese lukrative Sprachschule gründen kannst, wie er uns erzählt hat und damit er sich endlich richtig um uns, seine alten Eltern, kümmern kann. Mit dir hat er – wenn auch etwas spät – das grosse Los gezogen.»

«Ja, vorausgesetzt du kommst auch auf den richtigen Weg, bekehrst dich zum Islam und kleidest dich anständig», sagte Batul ohne Umschweife und mit einem abschätzigen Blick auf Elenas lockiges schulterlanges Haar, ihr T-Shirt und ihre Blue Jeans. Elena war einen Moment lang dermassen perplex, dass sie gar nichts entgegnen konnte.

«Na so wie du muss sie sich ganz bestimmt nicht kleiden!», tadelte Fatma ihre Tochter. «Warum läufst du denn auch draussen noch mit diesem schwarzen Wedel vor der Nase und neuerdings mit deinen grässlichen schwarzen Handschuhen her –»

«Die Handschuhe und den Gesichtsschleier», unterbrach Batul ihre Mutter, «die trage ich, um meine Hände vor der Sonne zu schützen. Wenn ich dereinst heirate, werde ich den perfekten hellen Teint haben.»

«Hör bloss auf, von Heirat zu schwafeln, Batul, es hat ja schon seit mehr als zwanzig Jahren keiner mehr um deine Hand angehalten!»

Elena erschrak über die in ihren Augen unzimperlichen, ja grausamen Worte ihrer Schwiegermutter. Wie konnte sie ihrer eigenen Tochter so etwas an den Kopf werfen?

«Dafür habt ihr ja gesorgt!», rief Batul gehässig.

«Wir haben dich damals vor einem grossen Fehler bewahrt, mein Kind! Dass sich später keiner mehr meldete, das lag nicht an uns!», entgegnete Fatma bestimmt und fuhr dann fort: «Lassen wir das jetzt. Vorhin aber, als du mich unterbrochen hast, wollte ich, auch für Elena, noch sagen: Gott schenkte uns das Licht nicht, damit wir uns davor verstecken. Das Kopftuch, lange Ärmel bis zu den Handgelenken und Kleider bis zu den Knöcheln, das ist es, was der Koran vorschreibt.»

Elena erwiderte noch immer nichts, aber Fatma sagte beschwichtigend und etwas verlegen lachend:

«Hör einfach nicht auf Batuls Geschwätz, Elena! Sie übertreibt es mit der Religion!»

Batul warf ihrer Mutter einen bitterbösen Blick zu, und fuhr fort:

«Mutter, ich bin nicht die, die übertreibt! Ich bin auf dem absolut richtigen Weg, ich folge unserem Propheten, der Friede sei mit ihm. Diese gottlosen Europäer sind es, die absolut verdorben und dekadent sind! Haben wir nicht gestern Abend in den Nachrichten gehört, dass Frankreich nun sogar ein Gesetz verabschiedet hat, das den Sodomiten das Heiraten untereinander erlaubt? Der Teufel soll sie holen. Diese ekelhaften Lawaat müssen allesamt gesteinigt oder gehängt werden!»

«Schweig, Batul!», gebot Fatma. «Das alles hat mit Elena überhaupt nichts zu tun. Sie ist nicht persönlich für das irrgeleitete, verruchte Europa verantwortlich und gehört von jetzt an selbstverständlich zu unserer Familie, auch als Christin.»

Batul, die ihrer alten Mutter nicht weiter widersprechen konnte, kniff die Lippen zusammen, und Safia, die fast während der ganzen Diskussion geschwiegen und ihre ältere Schwester nur ängstlich angeschaut hatte, gab die nassen Kartoffelstäbchen portionenweise ins überhitzte, bereits rauchende Öl, dass es nur so zischte.

Elena aber fühlte eine plötzliche Enge in ihrer Brust, schritt schwer atmend zu den zwei Küchenfenstern und riss sie resolut auf, obwohl ihr niemand den Befehl dazu gegeben hatte. Dann verliess sie wortlos den Raum.

Dank Elenas Vermögen, das sie schon von ihren Eltern geerbt hatte, nachdem diese beim Autounfall im Oktober 1989 umgekommen waren und auch dank des Geldes von der verkauften Alp auf dem Brünig sowie ihrer regelmässigen Einkünfte aus der Vermietung ihres Elternhauses in Thun, welche ihr Ex-Mann Claude für sie verwaltete, mussten sich Qais und Elena vorerst keine finanziellen Sorgen machen, aber um ihre Projekte langfristig verwirklichen zu können, galt es natürlich trotzdem, haushälterisch mit dem vorhandenen Geld umzugehen. Auch Qais hatte in der Schweiz einiges sparen können, als er noch als Sprachlehrer unterrichtet hatte. Familiäre Pflichten hatte er gegenüber der frauenliebenden Larissa, mit der er im gegenseitigen Einverständnis eine reine Scheinehe eingegangen war, keine gehabt.

Bereits ein paar Tage nach ihrer Ankunft in La Soukra hatte die Mutter von Qais vorgeschlagen gehabt, er könne doch diverse Villen im Quartier anschauen, die sich zum Kauf eignen würden, es gäbe seit der Revolution immer noch eine beeindruckende Auswahl ausgeschriebener Objekte. Vom Drängen seiner Mutter im Januar hatte Qais Elena lange nichts erzählt, aber nach mehr als dreieinhalb Monaten brachte er das Thema endlich auf den Tisch. Elena war darüber sehr erstaunt, denn obwohl sie statt des Gästezimmers mit Bad und Toilette auf der Etage, das ihr und Qais in seinem Elternhaus zur Verfügung stand, sehr gern sofort ein eigenes Haus nur für sie und Qais gehabt hätte, hatte sie doch angenommen, dass die Familie Qais und sie aufgrund der legendären arabischen Gastfreundschaft niemals zum Weggehen drängen würde. So bemerkte sie gegenüber Qais, als sie eines Abends Ende April im riesigen Gästebett lagen:

«Es erstaunt mich eigentlich total, dass deine Familie und vor allem deine Mutter sich schon seit Januar darum sorgen, dass wir möglichst schnell unser eigenes Haus hier finden.»

«Hm. Die Eile ist schon logisch.»

«Wie meinst du das?»

«Naja, meine Mutter und meine Schwestern haben sich bereits ausgemalt, dass sie ihr einfaches Haus hier verkaufen und zusammen mit uns in eine grosse Villa mit Marmortreppen, Swimming-Pool, englischem Garten, Zierpalmen und Gardien ziehen.»

«Was?» Elena schnappte nach Luft und richtete sich kerzengerade im Bett auf. «Aber Qais, so etwas kommt doch unmöglich in Frage!»

«Ja klar, reg dich nicht auf, Habibati», sagte er beschwichtigend. «Das will ich doch auch nicht. Mit meinen bald neunundfünfzig Jahren und nach meiner Europa-Erfahrung werde ich mir sicher nicht noch vorschreiben lassen, wie ich zu wohnen habe und wie ich mein Geld ausgebe …»

Elena atmete erleichtert auf.

«Aber grade so direkt Nein sagen konnte ich natürlich nicht. Ich kann doch meiner Mutter keinen Wunsch abschlagen, zumal sie schon so alt ist!»

«Kannst du nicht?», fragte Elena tonlos.

«Na es ist doch ganz klar, dass es hier bei uns anders läuft als in Europa. Ich meine, wir haben zwar in Tunesien ein funktionierendes Sozialsystem, im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern. Also es gibt Renten für Pensionierte, Arbeitslosengeld, Kindergeld, Krankengeld, Invalidenrenten, Witwen- und Waisenrenten und so weiter, aber die Leistungen sind natürlich bescheiden und die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Deshalb stellt die Familie bei uns immer noch die soziale Sicherheit dar. Dank unseres Zusammenhalts muss kaum jemand auf der Strasse schlafen oder verhungern. Wer in der Familie mehr verdient, hilft selbstverständlich all den anderen Familienmitgliedern, die weniger oder gar nichts verdienen. Eigentlich ist das eine ganz normale und … menschliche Solidarität.»

«Ja …,» antwortete Elena etwas zögernd, «das leuchtet mir natürlich schon ein, aber das heisst noch lange nicht, dass wir nun unser Geld, das wir für unser Sprachschule-Projekt und unsere Lebenskosten ausgeben wollten, für eine pompöse Villa verschleudern werden, in der wir mit deinen Eltern und deinen zwei jüngeren Schwestern leben müssten.»

«Mach dir keine Sorgen, wir werden es schon schaffen», entgegnete Qais beruhigend, aber Elena fuhr fort:

«Und bedenke doch, Qais, ich habe nun so viele lange Jahre den Sommer allein auf meiner Alp auf dem Brünig und die restliche Zeit praktisch in meinem Büro in Thun und mit meinen Übersetzungen verbracht, also ich lebte eine Art Robinson-Leben, ich kann mich jetzt nicht von einem Tag auf den andern auf ein dauerhaftes Leben in einer Sippe umstellen! Schon gar nicht in einer Prunk-Villa. Das entspricht mir überhaupt nicht. Ich will mit dir allein», Elena sagte es mit Nachdruck, «in einem einfachen Haus oder von mir aus auch nur in einer Wohnung leben, die wir vorerst ja auch nur mieten könnten!»

Nun war ausgesprochen, was sie beide in ihren letzten Wochen in der Schweiz, in welchen sie wieder total verliebt und eng umschlungen durch die Thuner und Berner Gassen spaziert waren, einfach ausgeblendet hatten. Natürlich, über ihr gemeinsames Sprachschulprojekt waren sie sich immer völlig einig, ja sie waren so richtig Feuer und Flamme dafür gewesen, aber das konkrete Leben in Tunis und der Umgang mit Qais‘ Familie, den hatten sie unbewusst einfach ausgeklammert. Inschaallah und mit etwas gegenseitigem Goodwill würde dann vor Ort alles schon gut kommen …

Auch Sabri, der als abgewiesener algerischer Asylbewerber in der Schweiz über Italien schwarz nach Tunis und somit wieder auf seinen Heimat-Kontinent gereist war, lebte provisorisch im Haus von Qais‘ Eltern, die ihm als Lebensretter ihres einzigen Sohnes das Gastrecht auf Lebenszeit zugesichert hatten. Sowohl Qais wie Elena als auch Sabri selbst aber wussten, dass er auf Dauer in einer eigenen Wohnung im Zentrum oder auch in der Agglomeration von Tunis besser aufgehoben sein würde. Es war ganz klar, dass weder Elena noch Qais Sabris Homosexualität gegenüber der Familie auch nur andeutungsweise zur Sprache bringen würden. Sie wären damit wie David vor Goliath gestanden, mit dem Unterschied, dass der Kampf für Toleranz in diesem modernen Tunesien noch immer völlig aussichtslos war, obwohl es im Vergleich zu den anderen nordafrikanischen Ländern zwar am weitesten entwickelt und durch den intensiven Kontakt mit den europäischen Touristen, aber natürlich auch aufgrund seiner Unabhängigkeit und politischen Entwicklung seit Mitte der fünfziger Jahre, etwas liberaler war. Qais‘ Familie und die grosse Mehrheit der Tunesier waren auch in diesen frühen und schwierigen Jahren nach der Jasminrevolution noch längst nicht zugänglich dafür und eine gehörige Portion Sabr – Geduld – war gefragt. Zu gross waren die sozialen Probleme, zu festgefahren die Mentalitäten, zu stark das archaisch-religiöse Patriarchat und der gesellschaftliche Druck.

Sabri, der wegen seiner Liebe zu Tahar in Algerien ins Gefängnis gekommen war und sich nur mit Bestechung daraus hatte befreien können, worauf er über Italien in die Schweiz eingereist war und dort ein Asylgesuch gestellt hatte, das abgelehnt wurde, hatte keine Lust, eine ähnlich traumatische Gefängniserfahrung zu wiederholen und seinem langjährigen intimen Freund Tahar, der im algerischen Gefängnis so unglücklich umgekommen war, trauerte er in seinem Innersten noch immer nach. In Tunis würde er viel vorsichtiger sein. Immerhin aber sah er der Zukunft positiv entgegen, denn hier in Tunis hatte er tatsächlich wieder eine solche, im Gegensatz zur Schweiz, wo er in der Sackgasse des Abgewiesenen gesteckt hatte. In Elena hatte er zudem seit Beginn ihrer Bekannt- und Freundschaft geradezu einen emotionalen Anker gefunden und auch in Qais, seit er ihm auf der Alp auf dem Brünig das Leben gerettet hatte, hatte er nun einen verlässlichen Verbündeten. Vor ihnen brauchte er sich nicht zu verstecken oder zu verbiegen und ausserdem war ihm sein Job und sein Auskommen sicher, da er in der Sprachschule, die Elena und Qais in Tunis und online im Internet eröffnen wollten, als Webmaster für die gesamte Informatik verantwortlich sein würde. Dass er aufgrund einer mangelnden offiziellen Carte de séjour in Tunesien sowieso nur schwarzarbeiten konnte, beunruhigte ihn nicht, denn auf Elena und Qais war Verlass, das wusste er. Sie würden ihn auf jeden Fall auch finanziell unterstützen, bis sie ihr Projekt mit seiner Hilfe verwirklichen und ihn dafür regelmässig entlöhnen konnten. Auch die Wohnung für Sabri wollte Qais auf seinen eigenen Namen mieten, denn ohne offizielle tunesische Aufenthaltsbewilligung war dies für Sabri natürlich unmöglich.

Tunis, Avenue de la Liberté, April 2013

Der Wächter vor der Tür, ein etwas älterer Herr, machte ihr Angst, obwohl er entspannt auf seinem Plastikstuhl hockte, sie grüsste und ihr dabei freundlich zulächelte. Waren dies wirklich die Räume der Hilfsorganisation Marjam für ledige Mütter oder nicht doch irgendeine Erziehungsanstalt oder sonst eine Art Frauengefängnis? Amina rückte ihr Kopftuch zurecht und wollte zurückweichen, doch ihre Beine gaben plötzlich unter ihr nach, ihr Kopftuch rutschte von ihrem Haar und sie sank, ihr Kind noch mit letzter Kraft an sich klammernd, vor lauter Schwäche auf den Boden. Sofort sprang der Mann trotz seines Alters behände von seinem Plastikstuhl hoch, öffnete die Tür, rief einen Namen und eilte dann zu Amina. Zwei ältere Frauen, eine mit Kopftuch und eine mit langen, schwarzen Haaren, kamen ebenfalls herbeigelaufen. Eine nahm Amina sanft das Kind aus ihren Armen und die andere half ihr, zusammen mit dem älteren Wächter, der auch ihr Kopftuch aufgelesen hatte, wieder aufzustehen und langsam durch die Tür ins Innere zu gehen. Amina nahm die Stimmen und die Umgebung nur halb wahr und merkte kaum, dass sie durch zwei weitere Räume gingen und an vielen jungen Frauen mit Kleinkindern vorbeiliefen.

«Mach dir keine Sorgen, ya binti», sagte die Frau mit den schwarzen Haaren. «Hier bist du zu Hause und in Sicherheit, zusammen mit deinem Kind.» Dabei fuhr sie ihr sachte übers Haar, lächelte und fügte bei: «Wir sind hier eine einzige grosse Familie.»

Amina begann zu weinen, denn dies war zu viel des Guten für sie. Seitdem sie sich ihrer Mutter offenbart und diese sie ins Taxi gestossen hatte, hatte sie kein einziges liebes Wort mehr gehört, hatte eine schwere Geburt ganz ohne ein vertrautes Gesicht überstanden, hatte sich die ganze Zeit wie der letzte Dreck und als schlimmste Schande ihrer Familie gefühlt, hatte als Bettlerin und Obdachlose auf der Strasse geschlafen und wäre vor lauter Verzweiflung und am Rande des Wahnsinns um ein Haar zur Mörderin geworden. Sie liess ihre Tränen fliessen, schluchzte hemmungslos, dass es sie nur so schüttelte, klammerte sich dabei an die fremde Frau, die sie gütig umarmte und ihr beruhigend den Rücken streichelte.

«Jetzt wird alles gut, du wirst schon sehen», sagte sie leise. «Wir baden jetzt zuerst dein Baby und kleiden es frisch ein, du trinkst erst mal einen starken Kaffee und danach helfen wir dir beim Duschen. Einverstanden?»

Amina nickte stumm und klammerte sich weiterhin an die fremde Frau.

«Ich heisse übrigens Dalila, ich bin Psychologin und die Leiterin von Marjam und meine Mitarbeiterin hier, die dein Kind baden wird, heisst Soumaya. Sie ist eigentlich Krankenpflegerin von Beruf.»

Amina erwiderte nichts und blickte, noch immer von Dalila gehalten, Soumaya nach, die mit ihrem Sohn in den Armen den Raum verliess.

Schliesslich setzte sie sich nach einer Weile an den grossen Tisch, der mitten im Raum stand, wozu Dalila sie leise aufgefordert hatte und blickte auf die Thermoskanne Kaffee, den vollen Teller mit den Keksen und den Tassen, die ebenfalls auf dem Tisch standen. Auch Dalila setzte sich zu ihr hin, tätschelte ihr die