Erdbeerzeit - Anja Siouda - E-Book

Erdbeerzeit E-Book

Anja Siouda

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Beschreibung

September 2002. Angela, eine junge Frau Ende zwanzig, führt eine unglückliche Ehe mit Benno, seinen zwei Töchtern aus erster Ehe und ihren gemeinsamen Zwillingen. Die ständigen Demütigungen, denen sie durch Benno ausgesetzt ist, und ein nie verarbeitetes Trauma aus ihrer Jugendzeit bringen sie zur völligen Verzweiflung. Vor allem wegen ihres großen Übergewichts hat sie kein Selbstwertgefühl und tut sich seit Jahren schwer mit ihrem Körper, bis sie sich eines Tages dazu entschließt, ihr Leben in die Hände zu nehmen und sich in einem Altersheim für eine Stelle zu bewerben. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz Anja Siouda, Schriftstellerin und diplomierte Übersetzerin, wünscht sich mehr Toleranz unter den Menschen und begeisterte ihre Leserschaft bisher mit ihren dramatischen interkulturellen Romanen. Im vorliegenden Liebesroman hingegen schreibt sie über die Diskriminierung von Übergewichtigen, die Fixierung auf Äußerlichkeiten in unserer Gesellschaft und über eine Frau, die keine neue Diät, sondern sich selbst findet!

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Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für meine Mutter Rita Elisabeth

„On ne voit bien qu'avec le cœur. L'essentiel est invisible pour les yeux. “

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

1 September 2002

Ein zartes Lüftchen wehte um ihre Ohren, spielte mit ihrem blonden Haar, und sie fühlte sich plötzlich leicht wie eine Feder, wie von unsichtbaren Händen und einem seltsamen Gefühl der Euphorie getragen. Aus dem Fenster der Nachbarn ertönte ohrenbetäubender Rap, unten auf der Strasse mischte sich das schrille Geschrei der Kinder, die aus der Schule kamen, mit dem ungeduldigen Hupen der Autos, deren erschöpfte Insassen seit fünf Uhr morgens im Industrieschlachthof gearbeitet hatten und sich nun durch den täglichen Stau nach Hause quälten, um sich in ihrem trauten Heim vom Töten im Akkord zu entspannen. Es war keine einfache Arbeit, sie wusste das, denn Benno war auch eine Zeit lang dort beschäftigt gewesen und hatte sich jeden Abend bei ihr, die nur müssig zu Hause hockte, über die eklige Schinderei beklagt, bevor er schliesslich im Supermarkt eine verhältnismässig angenehme Stelle als Magaziner gefunden hatte. Ein Glück war das. Für Benno und für die Haushaltskasse, von der die sechsköpfige Familie zehrte.

In der Luft hing ein Gemisch von Abgasen und feuchter Herbstmelancholie und am blaugrauen Himmel ein illusionäres Netz aus Kerosinstreifen, das nach wenigen Minuten verblasste und nicht einmal den fallenden Engeln Halt gab.

Angela warf einen dumpfen Blick durch die Glastür auf die Zwillinge Samuel und Emanuel, die brav vor dem Fernseher sassen und gebannt zuschauten, wie die einfältigen, tollpatschigen Teletubbies mit den integrierten Flimmerbäuchen in ihrem kitschigen Wiesenparadies zwischen den Hoppelhasen umherwatschelten und auf Erdbeersuche gingen. Erdbeeren. Allein bei dem Gedanken daran wurde ihr beinahe übel.

Die Zwillinge werden nichts merken. Sie konnten stundenlang vor der Glotze sitzen, ein Kinderprogramm nach dem anderen reinziehen, selbst diejenigen Serien, die längst nicht mehr ihrem Alter entsprachen, und die Welt um sich herum vergessen, genau wie die älteren Geschwister, Benno und sie selbst. Der alte Fernseher lief jeden Tag, ununterbrochen, bis das Kunststoffgehäuse heiss wurde und Angela des seltsamen Geruchs wegen manchmal sogar das Fenster öffnen musste. Kaum hatte sie die Kleinen am Morgen geweckt, setzten sie sich vor den Flimmerkasten und suchten zielsicher nach ihren Lieblingstrickfilmen, sodass Angela Mühe hatte, sie zum Ankleiden zu bewegen. Ihre Schokomilch nuckelten sie aus den Flaschen mit den zerbissenen Silikonsaugern, obwohl es jetzt, wo sie fünf Jahre alt waren, schon längst an der Zeit gewesen wäre, sie davon zu entwöhnen, aber Angela mochte nicht mehr darum kämpfen. Ihr war alles egal. Es war ihr auch egal, dass die zwei Grösseren in ihrem Zimmer allein fernsahen und sie nie um Erlaubnis fragten. Sie hatten schon immer gemacht, was sie wollten, waren gewöhnlich rotzfrech und liessen sie in jeder Hinsicht spüren, dass einzig und allein ihr Vater Benno für sie zählte.

Die werden keine Träne um mich weinen, dachte Angela, deren Anflug rauschhafter Euphorie bereits am Verpuffen war, schluckte den Kloss im Hals hinunter und stieg schwer atmend auf den hölzernen Schemel. Sie zog ein Bein über die Balustrade und verspürte plötzlich ein schmerzhaftes Zwicken im Rücken, das ihr einen Moment lang den Atem nahm. Sie keuchte bereits vor Anstrengung und auch vor Angst. Ihr Herz flatterte jetzt und ihr wurde fast schwarz vor den Augen, aber heute, heute war der Tag, ihr Tag …

Ein plötzlicher Knall, gefolgt von einem Funkenregen im Wohnzimmer, brachte ihr Herz beinahe zum Stehen und den restlichen Teil ihres Körpers fast aus dem Gleichgewicht. Erschrocken riss sie das Bein wieder auf den Schemel hinunter und stürzte erstaunlich wendig vom Balkon in die Wohnung, wo die Kinder in Todesangst nach ihr schrieen. Der Fernseher stand in Flammen, genau wie die Vorhänge am Fenster dahinter, und der Teppich war mit Glassplittern übersäht. Aus Emanuels nackten Füssen spritzte das Blut, weil er bereits auf die Splitter getreten war, und Samuel erbrach sich in seinem Schock gerade auf den Teppich. Angela packte die Kinder geistesgegenwärtig und hastete um Hilfe schreiend aus der Wohnung bis ins Treppenhaus, wo die vom Knall erschreckten Nachbarn bereits vor ihren Türen standen.

„Ruft die Feuerwehr! Der Fernseher ist explodiert!“, keuchte sie, während Samuel sich mit dem Hemdsärmel schluchzend einen Rest Erbrochenes vom Mund wischte und Emanuel kreidebleich auf das Blut blickte, welches aus seinen weichen nackten Fussballen spritzte wie kleine, rote Fontänen. Der junge Nachbar, der Angela wohlbekannte Rap-Fan, der wie immer ein weisses Eminem-T-Shirt trug, griff sofort zum Handy und alarmierte die Feuerwehr, während bereits dicker schwarzer Rauch aus Angelas Wohnung quoll.

„Wir müssen die Tür schliessen“, rief ein älterer Mann befehlend, ohne aber das Zittern in seiner Stimme ganz unterdrücken zu können, „damit sich der Rauch nicht im ganzen Treppenhaus verbreitet!“

„Und dann müssen wir sie mit nassen Tüchern abdichten“, riet eine jüngere Frau, stand aber dabei unbeweglich wie eine Salzsäule.

„Vielleicht können wir das Feuer selber löschen“, entgegnete der junge Eminem-Fan mit dem Handy forsch, riss sich kurzerhand das T-Shirt vom Leib, hielt es sich vor die Nase und stürzte sich waghalsig in Angelas Wohnung.

„Seien Sie bloss vorsichtig!“, rief ihm eine alte Nachbarin mit ängstlicher Stimme nach, während sie eine fauchende fette schwarze Katze an sich drückte, aber er war bereits im dicken Rauch verschwunden und der ältere Mann schloss mit zitternden Händen die Tür hinter ihm. Einen Moment lang blickten sich Angelas Nachbarn alle ratlos an. Ob es wohl so gefährlich war, dass man am besten gleich die Flucht ergriff? Oder konnte man sicherheitshalber nochmals in die eigene Wohnung zurückkehren und das Portemonnaie, den letzten Lottozettel, ein paar Fotoalben und das Katzenkissen einpacken? Aber durfte man den mutigen, aber natürlich auch unvernünftigen jungen Mann einfach so seinem ungewissen Schicksal überlassen?

Die schrillen Sirenen der Feuerwehr, die kurz darauf ertönten, rissen sie aus ihrer Erstarrung, und die ersten Männer, die keuchend in den zehnten Stock hinaufgestürmt kamen, riefen ihnen zu, unverzüglich hinunterzusteigen und das Hochhaus zu verlassen. Angela aber, die inzwischen mit ihren weinenden Kindern auf dem Schoss schluchzend neben dem Lift auf dem Boden sass und, vor lauter Tränen halb blind, versuchte, die Glassplitter aus Emanuels Fussballen zu entfernen, machte keine Anstalten, dem Befehl der Feuerwehrleute zu folgen.

Heute war der Tag … heute war ihr Tag, und sie hatte es wieder nicht geschafft. Sie würde es nie schaffen. Sie war eine Versagerin, eine Niete, wie immer.

„Ist noch jemand in der Wohnung?“, riefen die Feuerwehrleute den Mietern mit ihren erschrockenen Gesichtern nach, die nun eilig die Treppen hinunterstiegen.

„Der junge Nachbar! Er wollte das Feuer selber löschen. Wir haben ihm gesagt, er solle vorsichtig sein, aber er hörte nicht auf uns.“

Genau in dem Moment öffnete sich die Tür von Angelas Wohnung, der junge Mann torkelte heraus, hustete sich die Lunge aus dem Leib, krächzte, das Feuer sei gelöscht, und brach zusammen. Drei junge Feuerwehrmänner gingen sofort in die Wohnung, zwei andere drückten ihm eine Sauerstoffmaske vors Gesicht, legten ihn auf die mitgebrachte Bahre und trugen ihn rasch die Treppe hinunter, während ein weiterer Feuerwehrmann, der etwas älter wirkte, Angela aufforderte, zur Sicherheit das Haus so schnell wie möglich über die Treppe zu verlassen.

„Kommen Sie!“, sagte er sanft, aber energisch zu Angela, die immer noch wie betäubt auf der obersten Stufe der schmutzigen Betontreppe sass und nun mit der rechten Hand ein zerknülltes Papiertaschentuch auf eine von Emanuels Fusssohlen drückte, um das Blut wenigstens dort zu stillen, während sie mit dem linken Arm den schluchzenden Samuel umfangen hielt. Der Feuerwehrmann hob den weinenden Jungen aus ihrem Schoss und Angela erhob sich wie im Traum mit Emanuel, der sich wie ein verschrecktes Äffchen an sie klammerte, und folgte ihm die unzähligen Treppen vom zehnten Stock bis zum Erdgeschoss hinunter. Als sie endlich aus dem schäbigen Wohnblock traten, schoben die zwei Feuerwehrleute den jungen Mann auf seiner Bahre gerade in die bereitstehende Ambulanz, die kurz darauf mit Blaulicht, aber ohne zu hornen, Richtung Spital fuhr.

Vor dem Block standen die Mieter aus den anderen Etagen, die ebenfalls bereits vorsorglich evakuiert worden waren, sowie eine beträchtliche Menge Schaulustiger aus dem Quartier, die die Männer mit ihren gezückten Schläuchen auf der langen Leiter aus respektvollem Abstand zum Einsatzfahrzeug der Feuerwehr bestaunte und gespannt auf den Löschangriff wartete, der der Wohnung, aus der noch leichte Rauchschwaden entwichen, unmittelbar bevorstand, aber nachdem offensichtlich wurde, dass der Brand bereits gelöscht war und keine weiteren Einsätze der Feuerwehr mehr nötig waren, zerstreute sich die Menge gelangweilt.

Auf dem Platz vor dem Block kümmerte sich der nette Feuerwehrmann um Angela und ihre Kinder, nachdem er die Erste-Hilfe-Tasche aus dem roten Kommandowagen geholt und gleich eine weitere Ambulanz angefordert hatte. Er entfernte die Glassplitter Emanuels mit einer Pinzette, wusch das Blut von seinen Füssen, desinfizierte die Wunden, aus denen das Blut inzwischen nur noch tröpfelte, und klebte Pflaster mit Harry-Potter-Motiven drauf. Dann drückte er beiden Jungen einen Schokoriegel in die Hand.

„Damit heilt es sicher doppelt so schnell“, sagte er scherzend zu Angela. Sie aber lachte nicht, sondern fing an zu weinen.

„Das kommt vom Schock“, tröstete sie der Feuerwehrmann und legte ihr die Hand auf den Arm, „ich habe eine zweite Ambulanz herbeigerufen, damit sich ein Arzt um Sie kümmert und Ihnen gleich etwas Beruhigendes verschreibt.“

„Was wird nun aus der Wohnung?“, fragte Angela zwischen zwei Schluchzern.

„Die werden Sie eine Zeit lang nicht benutzen können, bis die Ursache des Brandes abgeklärt …“

„Der Fernseher ist explodiert“, unterbrach ihn Angela leise.

„Also, wenn alles abgeklärt ist, wird Ihre Wohnung so schnell wie möglich wieder hergerichtet werden. Sie werden sehen, das ist kein Problem. Auch die Versicherungen sind in solchen Fällen meist unkompliziert.“

„Aber wo soll ich denn mit meinen Kindern wohnen?“

„Eine von der Gemeinde angestellte Sozialarbeiterin wird Ihnen helfen“, tröstete der Mann. „Sie müssen bestimmt nicht auf der Strasse schlafen.“

„Und wie soll ich meinen Mann und meine zwei Töchter benachrichtigen? Ich habe kein Handy.“

„Kein Problem“, insistierte der Feuerwehrmann. „Die Sozialarbeiterin wird Ihnen bei allen dringenden Telefonanrufen und auch sonst mit Rat und Tat zur Seite stehen.“

„Kann ich noch ein paar Sachen aus der Wohnung holen? Meine Handtasche wenigstens und ein paar frische Kleider und Schuhe für die Kinder?“

„Wir besorgen das für Sie, dann müssen Sie nicht nochmals die vielen Treppen hochsteigen.“

Der Mann sagte es, so schien es Angela, ohne Ironie. Er musste gesehen haben, dass der Lift schon vor dem Brand ausser Betrieb war, und er hatte recht, es war ihr ein Gräuel, ihr Gewicht nach diesem Schrecken und mit ihren schlottrigen Knien aus eigener Kraft nochmals zehn Stockwerke hochzuhieven.

Wenn der Lift in ihrem von der Verwaltung arg vernachlässigten Hochhaus nicht funktionierte, ging sie meistens einfach nicht aus dem Haus oder nur im absoluten Notfall. Und ausser Betrieb war der Lift ständig. Mindestens einmal pro Monat. Deshalb hatte sie in der Küche und in ihrem Schlafzimmer unter dem Bett auch einen richtigen Notvorrat an lang haltbaren Nahrungsmitteln angelegt: Konserven, Teigwaren, Tomatensaucen, Milchtüten, jede Menge fettiger Kekse und Kuchen, Gläser voller Konfitüre, Honig und Erdnussbutter, Sparpackungen Kartoffelchips, eine Flasche Eiercognac, die sie einmal bei einem Lotto gewonnen hatte, und ganze Stapel Schokoladentafeln, wovon sie manchmal auch naschte, wenn sie verzweifelt und vergeblich Schäfchen zählte, die Benno mit seinem nervtötenden Schnarchen immer wieder aus der sorgsam zusammengetrimmten Herde sprengte.

Die grösseren Kinder waren flink und gross genug, um allein in die Schule zu gehen, und die kleineren schickte sie in diesen Fällen einfach nicht in den Kindergarten. Sie rief dann die Kindergärtnerin an und entschuldigte die Abwesenheit der Buben mit der fadenscheinigen Ausrede, die beiden seien leider zusammen krank und kämen deshalb erst nach ein paar Tagen wieder. Die Zwillinge freuten sich jeweils, weil sie dann den ganzen Tag über fernsehen durften, und Angela liess es resigniert geschehen, denn länger als zwei Tage dauerten die Liftpannen sowieso meistens nicht.

Der Feuerwehrmann hatte sich ein paar Schritte von ihr entfernt und telefonierte kurz, als Angela sich etwas beruhigt hatte. Zwei jüngere Feuerwehrmänner standen in einigem Abstand und schwatzten halblaut miteinander.

„Wir hatten mal wieder Schwein, dass sich das Feuer nicht weiter ausgebreitet hat. Stell dir vor, wir hätten dieses Walross über die Leiter nach unten bringen müssen.“

Angela zuckte zusammen, wagte aber nicht, in die Richtung zu blicken, aus der das demütigende Getuschel kam, und schluckte die bittere Pille, die beinahe am Kloss in ihrem Hals stecken blieb. Die zweite Ambulanz traf ein, gefolgt von einem Polizeiauto. Man nahm ihre Personalien auf und befragte sie kurz nach dem Hergang. Dann stellte einer der Polizisten noch eine andere Frage:

„Kurz bevor der Notruf für die Feuerwehr eintraf und die Information danach an uns weitergeleitet wurde, hat uns ein anonymer Anrufer gesagt, im Haus gegenüber seiner Wohnung steige irgendeine Verrückte gerade auf das Balkongeländer. Haben Sie das vielleicht auch beobachtet? Sie sagten doch, dass Sie vor der Explosion des Fernsehers auch auf dem Balkon war…“

Der Polizist brach plötzlich ab. Womöglich war das die Frau selber, die ihrem Leben ein Ende hatte machen wollen und den Fernseher irgendwie zum Explodieren gebracht hatte, damit die Kinder, die sie sich vielleicht nicht auch noch vom Balkon zu werfen getraute, in der brennenden Wohnung an einer Rauchgasvergiftung starben und verbrannten. Sein Gesichtsausdruck wirkte plötzlich sehr grimmig. Verdammt, wie konnte man nur so egoistisch sein. Wenn man selber des Lebens überdrüssig war, ging es ja noch an, dass man der Gesellschaft mit seinem bewölkten Geist nicht zur Last fallen wollte, aber wenn man beabsichtigte, die eigenen Kinder mit in den Tod zu reissen, war es wirklich nicht schade darum, selbst aus dieser Welt zu scheiden. Er würde seinen Vorgesetzten auf jeden Fall über seinen Verdacht informieren.

Die dicke Frau mit dem grauen, schrägen Schneidezahn, der ihr Lächeln, falls es überhaupt je ihr Gesicht aufhellte, wahrscheinlich arg entstellte, sass apathisch vor ihm im Gras und schien überhaupt nicht zugehört zu haben. Sie streichelte ihren Zwillingen mit derart mechanischer Regelmässigkeit übers Haar, dass es wirkte, als wären ihre Hände wie die Glieder einer Marionette an unsichtbaren Fäden aufgehängt und würden absolut synchron über die zwei blonden Scheitel gesteuert. Der Polizist zuckte die Schultern, wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer der Ambulanz, dem Notfallarzt und seinem Assistenten, und hiess Angela und ihre Kinder schliesslich einzusteigen. Bevor die Tür zuklappte, kam der Feuerwehrmann nochmals vorbei, reichte Angela eine Plastiktüte mit Kleidern, drückte ihr die Hand und lächelte ihr aufmunternd zu.

„Sie werden sehen, es kommt alles gut.“

Sie nickte und brachte es fertig, nicht wieder in Tränen auszubrechen. Heute war ihr Tag, heute hätte sie endlich den Mut gehabt, heute hätte sie es geschafft …

Emanuel winkte dem Feuerwehrmann durchs Fenster nach und Samuel bestaunte mit grossen Augen die Sauerstoffflaschen, den ausgeschalteten Monitor, den offenen roten Notfallrucksack mit den leuchtend gelben Streifen, den dünnen Plastikschläuchen, den verschiedenen Spritzen, dem Verbandsmaterial, den Medikamenten und den anderen seltsamen Geräten. Angela aber bekam zuerst eine Gänsehaut, als sie das Innere des Wagens betrachtete, und danach wurde ihr beinahe schlecht. Der Arzt hiess sie, sich auf die Pritsche zu legen, obwohl auch ihm bewusst sein musste, dass die schmale Unterlage für eine mehr als füllige Frau wie Angela sehr unbequem war. Angela gehorchte ihm trotzdem, liess ihn ihren Puls und den Blutdruck messen, aber das Schwindelgefühl gab nicht nach, im Gegenteil.

Sie hörte die Sirenen heulen und das zuckende Blaulicht drang durch die getönten Scheiben. Sie weinte, spürte den Geschmack des Blutes in ihrem Mund und hielt sich den dicken Bauch vor Schmerz. Zwischen ihren Beinen sickerte es warm auf die harte Unterlage. Mutter sass neben ihr, mit starrem Gesicht.

„Ihr Blutdruck ist sehr niedrig. Bei Leuten wie Ihnen ist das eigentlich selten der Fall“, bemerkte der junge Arzt, weil er der dicken Frau in seiner unbeholfenen Unerfahrenheit irgendetwas Positives sagen wollte. Angela erwiderte nichts und der Arzt warf einen flüchtigen Blick auf die Pflaster an Emanuels Füssen und fuhr ihm dann verlegen durch das blonde Wuschelhaar.

Den tobenden Vater hatte die Polizei an Handschellen abgeführt und ihr dadurch weitere Tritte erspart. Das Kind würde sie vielleicht verlieren, aber mit sechzehn war es bestimmt nicht das Schlimmste, das einem passieren konnte, das leierte ihre Mutter ununterbrochen herunter, als könne sie damit seinen Tod heraufbeschwören.

2

Im Spital wurde sie mit ihren Kindern für kurze Zeit in ein Einzelzimmer gebracht, damit sie sich etwas von ihrem Schock erholen konnte. Eine Beruhigungstablette gaben sie ihr auch, aber als die unwissende Krankenpflegerin wohlmeinend den Fernseher mit dem Kinderprogramm einschalten wollte, schrieen Samuel und Emanuel und verkrochen sich unter dem Bett ihrer Mutter.

„Haben Sie nichts anderes, ein paar Legos vielleicht?“, wagte Angela zu fragen. Die Krankenpflegerin, die bereits die ganze Nacht durchgearbeitet hatte und nun auch noch mehrere Stunden für eine kranke Kollegin einspringen musste, verliess mit säuerlicher Miene das Zimmer. Immer diese Extrawünsche der Patienten. Als liefe sie nicht schon täglich Kilometer über Kilometer durch die frisch gebohnerten Gänge des Spitals. Gerade dieser dicken Frau würde es guttun, durch Marschieren ein paar Kalorien zu verbrennen.

Sie brachte schliesslich eine Schachtel Lego, einen Block Papier und ein paar Buntstifte. Angela bedankte sich leise und dachte, dass die Kinder schon seit Langem nicht mehr gemalt und Lego gespielt hätten. Emanuel begann etwas zu zeichnen, das aussah wie ein Teletubbie mit aufgerissenen Augen, der in Flammen steht.

Angela seufzte. Was wohl aus der Kleinen geworden wäre? Ein Mädchen war es gewesen und sie hatte es nur kurz in den Armen gehalten, bevor man es ihr wegnahm. Es hatte ihre Wangengrübchen gehabt. Das hatte sie genau gesehen, aber wo es hinkam, das sah sie später nicht. Ein eigenes Grab gab es nicht. Einem alten Mann hatte man es in die faltigen, steifen Arme gelegt, hiess es. Seine Familie sei damit einverstanden gewesen. Nur sie selbst fragte man nicht. Erholen sollte sie sich, schon damals. Von dem Zwischenfall, dem sündigen. Und so lag ihr Frühgeborenes, acht Monate alt, tot neben dem zahnlosen alten Leichnam im Holzsarg, während Angela im Spital noch eine Zeit lang das Bett hütete.

Angela fing erneut an zu weinen, aber genau in diesem Moment trat ein Arzt ins Zimmer, versicherte ihr, es sei doch alles halb so schlimm, sie werde sich bestimmt in kurzer Zeit vom Schock erholen, untersuchte sie und die Kinder kurz und stellte schliesslich fest, dass Emanuels Füsse abgesehen von ein paar frischen Pflastern keiner weiteren Pflege bedurften und bei ihnen dreien auch sonst alles in Ordnung war. Darauf klopfte es und eine Frau trat ins Zimmer, die sich als Sozialarbeiterin vorstellte und ihr helfen sollte, für die Zeit, bis die Wohnung wieder bewohnbar war, eine Unterkunft zu finden.

„Das ist alles halb so schlimm“, versuchte sie Angela mit dem gleichen Satz zu trösten, der offenbar in diesem Spital nicht nur zwischen Ärzten und Patienten als empfohlener Eisbrecher galt.

„Wir werden bestimmt eine gute Lösung für Sie und Ihre Familie finden. Hauptsache, Sie und ihre Kinder sind nicht verletzt.“

Angela schluckte ihre Tränen hinunter und nickte.

Eine Woche später konnte sie zusammen mit Benno, Lea und Dora sowie den Zwillingen endlich zurück in ihre gesäuberte, frisch gestrichene Wohnung ziehen, aus deren Stube die grässlich nach Rauch stinkenden, unbrauchbar gewordenen Polstermöbel, der angesengte Fernsehtisch und die kläglichen Reste des zerstörten Fernsehers und der verbrannten Vorhänge entfernt worden waren. Sieben Tage lang waren sie in einem einzigen Zimmer in der städtischen Jugendherberge untergebracht und Opfer und Täter in ihrer eigenen Familienhölle gewesen. Abgesehen davon war es sehr unbequem gewesen, zu sechst auf so engem Raum zusammengepfercht zu leben. Benno hatte nachts wie immer ununterbrochen geschnarcht, Lea mit den Zähnen geknirscht, Dora im Schlaf geredet und Emanuel und Samuel hatten ins Bett gepinkelt. Angela hatte fast jede Nacht kein Auge zugetan und fühlte sich nach Ablauf der Woche noch geräderter als sonst. Der ständige Streit mit Benno und den Mädchen trug auch dazu bei, dass sie sich sehr elend fühlte und verzweifelt, aber völlig unbewusst versuchte, durch ständiges Essen eine zusätzliche Schicht an ihrem Panzer aus Fett zu bilden, um Bennos Sticheleien standzuhalten. Er hackte, ausser wenn er an der Arbeit war, unermüdlich auf ihr herum und behauptete, es sei ihr Fehler, dass der Fernseher explodiert sei, weil sie ihren fetten Hintern niemals bewege und mit den Zwillingen nie an die frische Luft ginge, sondern sie ständig vor dem Kasten sitzen liesse. Dass er in dieser Beziehung selber auch nicht gerade ein gutes Beispiel war, da er nach der Arbeit und am Wochenende auch nie etwas unternahm, sondern jede freie Minute systematisch vor dem Flimmerkasten verbrachte, kam ihm nicht in den Sinn. Es war viel einfacher, seiner Frau, der Mutter und dem obligaten Sündenbock der Familie, die Fehler in die Schuhe zu schieben. Allein das Dicksein bewies doch bereits, dass sie selber an ihrem Unglück schuld war. Was brauchte sie auch so viel zu essen? Konnte sie sich nicht endlich zusammenreissen, eine Diät bis ans Ende durchstehen und die vielen Kilos, die sie sich in den Jahren ihrer Ehe noch zusätzlich zugelegt hatte und die sie dermassen verunstalteten, ein für alle Mal loswerden? Wie konnte sie mit siebenundzwanzig Jahren dermassen willensschwach sein und überhaupt kein Durchhaltevermögen beweisen? Und wie konnte sie glauben, dass er, Benno, auf diesem Fettberg noch auf den Gipfel der Lust klettern wollte?

Die älteren Töchter, die elf- und zwölfjährig waren, motzten bei jeder Gelegenheit, vor allem aber, weil sie während der Zeit, in der sie in der Herberge untergebracht waren, einen viel längeren Schulweg hatten und deshalb viermal, am Montag, am Dienstag, am Donnerstag und am Freitagnachmittag, ihre Lieblingsserie im Fernsehen verpassten. Sogar am Wochenende mussten sie sich glücklich schätzen, wenn sie sich ihre Serie angucken durften, denn in der Jugendherberge stand der Fernseher im Gemeinschaftsraum und Lea und Dora mussten sich dem Geschmack der anderen Gäste anpassen.

Das einzige Positive am Ganzen war, dass sie, als sie alle sechs wieder in die vertraute, jedoch trotz der frischen Farbe immer noch nach Rauch riechende alte Wohnung an der Schlachthofstrasse zurückkonnten, für einmal ein gemeinsames Gefühl der Erleichterung verspürten, aber bereits die Freude über den neuen Flachbildschirm, der erstaunlicherweise im sonst leeren Wohnzimmer thronte, obwohl sie nicht einmal wussten, wie es kam, dass die Firma, die die Marke des in Flammen aufgegangenen Gerätes vertrieb, ihnen diesen zum Geschenk machte, war nur von kurzer Dauer. Die traumatisierten Zwillinge trauten sich nicht in seine Nähe und Lea und Dora wollten nun statt des alten kleinen Fernsehers, den sie bereits hatten, unbedingt auch ein flaches Exemplar in ihrem Zimmer. Dem Frieden zuliebe und weil sie gehört hatte, dass bei den moderneren Flachbildschirmen ein geringeres Explosionsrisiko bestand, kaufte Angela vom Geld, dass sie von der Sozialhilfe vorgestreckt bekommen hatten, bis sie von der Versicherung für den Ersatz der verlorenen Einrichtungsgegenstände in der Stube entschädigt würden, einen kleineren Flachbildschirm für die Mädchen. Allerdings blieb deswegen kein Geld für ein neues Kanapee übrig und sie selber musste während der Pausen, die sie sich in den Tagen nach ihrer Rückkehr hie und da gönnte, während sie sonst damit beschäftigt war, sämtliches Bettzeug aus den anderen Zimmern, alle Vorhänge und Teppiche, alle Frottiersachen, alle Plüschtiere und Kleider zu waschen, um den penetranten Rauchgeruch zu vertreiben, und die Matratzen auf dem Balkon auszulüften, in der Stube auf dem nackten Fussboden sitzen, denn auch für einen neuen Teppich mussten sie zuerst auf das Geld von der Versicherung warten. Das war auf Dauer sehr unbequem, auch wenn Angela, da ihr auf dem harten Boden der Hintern einschlief, nach einiger Zeit einen Stuhl aus der Küche holte. Auch die Tatsache, dass die Zwillinge wegen des explodierten Fernsehers so stark traumatisiert waren, dass sie keinesfalls vor den Flachbildschirm sitzen wollten, obwohl ihnen Angela gut zuredete, führte dazu, dass sie plötzlich viel weniger fernsah als vorher. Emanuel und Samuel spielten zwar wieder mehr mit ihren Spielzeugautos, Playmobil-Figuren und den paar Legos, die sie noch hatten, aber sie zankten sich auch viel mehr und tobten in der Küche und auf dem Balkon herum, dass Angela angst und bange wurde.

Als die beiden deshalb an einem Mittwochnachmittag wie wilde kreischende Affen die Wohnung unsicher machten, während die zwei älteren Schwestern bei Freundinnen eingeladen waren, raffte sich Angela zu einem Spaziergang mit ihnen auf. Sie wartete mit den beiden vor dem Lift, aber als er nach fünf Minuten immer noch nicht kam, war sie beinahe bereit, den Ausflug an die frische Luft sausen zu lassen. Samuel und Emanuel fragten aber so aufgeregt danach, wohin sie denn nun gehen würden, dass sie mit ihnen im Treppenhaus ganz langsam bis ins Erdgeschoss hinabstieg. Das war der Abstieg und ihre Knie schmerzten bereits. An den Aufstieg wollte sie lieber nicht denken, aber vielleicht war der Lift ausnahmsweise nur für kurze Zeit blockiert.

Draussen schien die Septembersonne mild und freundlich und auf dem Quartier-Spielplatz, auf dem sie schon seit mindestens zwei Jahren nicht mehr gewesen war, sassen ein paar Mütter mit ihren Kindern, schwatzten angeregt und strickten. Angela fühlte sich fehl am Platz, weil sie niemanden kannte, und fürchtete sich vor den abschätzigen Blicken der anderen. Die Mütter waren aber in ein intensives Gespräch verwickelt und bemerkten sie gar nicht. Nur eine verschleierte Frau, wahrscheinlich eine Türkin oder Albanerin, die unter ihrem weiten grauen Mantel auch nicht gerade wie eine Bohnenstange wirkte, sass etwas abseits und warf ihr ab und zu einen verstohlenen Blick zu. Angela beneidete die Frau, weil sie ihren Körper gänzlich unter dem weiten Stoff verstecken konnte. Sie brauchte sich bestimmt nicht um die Blicke der anderen zu kümmern, denn Zweck des grauen Mantels und des schwarzen Schleiers war es doch, nicht aufzufallen.

Angela blickte auf ihre schwarze Jogginghose, die sich um ihre dicken Oberschenkel spannte, obwohl es Grösse XXL war, und auf den dunkelbraunen Pullover, der verwaschen und an den Ellbogen durchscheinend war. Er war ihr Lieblingsstück, weil er so weit und bequem war und sie nirgends einengte. In den anderen Sachen fühlte sie sich wie das Michelinmännchen, das auf dem Dach der Garage neben der Schule stand, und deshalb vermied sie es auch gewöhnlich, überhaupt in den Spiegel zu schauen. In letzter Zeit hatte sie sogar ein schwarzes Tuch über den Spiegel im Schlafzimmer gehängt, weil sie es einfach nicht mehr ertrug, sich selbst anzuschauen. Benno aber machte sich einen Spass daraus, das Tuch wegzureissen, vor allem dann natürlich, wenn er Sex mit ihr haben wollte, wobei das in letzter Zeit nur noch selten vorkam. Das fehlte ihr aber am allerwenigsten. Benno dachte schon seit ihrer ersten gemeinsamen Nacht nur an sein eigenes Vergnügen und liess sich auf die Seite fallen, sobald er fertig war.

Angela war in ihren Gedanken versunken und merkte erst wieder, dass sie auf dem Spielplatz war, als Samuel begeistert rief:

„Mami, Mami, komm schau, was wir gefunden haben!“

Angela blickte erstaunt auf ihren Fünfjährigen, der sie an der Hand vom Spielplatz bis zu einem riesigen Baum führte. Dort sass Emanuel am Boden und vor ihm türmte sich ein Berg brauner glänzender Kugeln, auf den der Junge blickte, als wäre es sein teuerster Schatz. Lachend streckte er Angela eine Kastanie entgegen und sie lächelte schwach zurück. Sie drehte die glatte Kugel mit ihren Fingern auf ihrer Handfläche. Kühl und wunderschön glänzend lag sie in ihrer Hand. Wie perfekt doch die Natur war, und wie unperfekt der Mensch. Angela spann diesen Gedanken lieber nicht weiter, sondern setzte sich zu Emanuel und Samuel ins Gras. Zum ersten Mal, seit dem Tag, an dem sie es geschafft hätte, wenn der Fernseher nicht explodiert wäre, fühlte sie, dass ihr Herz ein ganz kleines bisschen leichter wurde. Sie rollte die kühle Kugel zwischen ihren Handflächen, aber als sie merkte, dass sie davon eine Gänsehaut bekam, steckte sie sie schnell in ihre Hosentasche.

„Die nehmen wir mit nach Hause, nicht wahr, Mami?“

Angela nickte, obwohl sie keine Plastiktüte bei sich hatten, um die braune Pracht einzupacken. Nachdem die Kinder noch eine Stunde lang weiter Kastanien zusammengesucht hatten und es langsam kühler wurde, zog sie den Zwillingen die Pullover aus, machte bei den Ärmeln einen Knopf und klemmte die zwei Ausschnitte mit ihren Händen zusammen, während die Kinder die Kastanien in die improvisierten Säcke füllten. Schwer beladen liefen sie zum Block zurück. Angela lief voraus, verschloss hinter ihrem Rücken mit beiden Händen immer noch die Ausschnitte, damit keine einzige Kastanie verloren ging, und die Kinder hielten die Unterteile der Pullover wie eine unförmige Hochzeitsschleppe in die Höhe, um die kostbare Fracht sicher nach Hause zu tragen.

Ein Hochzeitskleid hatte sie nie gehabt. Benno hatte es damals vorgezogen, sie nur standesamtlich zu heiraten, das war um einiges billiger, denn das anschliessende kleine Fest und die Torte kosteten seiner Meinung nach schon genug, obwohl nur ein paar wenige Arbeitskollegen von Benno und deren Gattinnen daran teilnahmen, denn seine Eltern waren beide bereits gestorben und den Ihrigen sagte sie gar nichts von ihrer Vermählung. Ausserdem war sie damals so erleichtert, dass er sie überhaupt zur Frau nahm, dass sie ihre eigenen Wünsche zurücksteckte und ihre Träume von der romantischen weissen Hochzeit in die hintersten Winkel ihres Gehirns verdrängte. Mit der Heirat gewann sie zusätzlichen Abstand von ihrem Elternhaus, wo die Mutter sie nicht mehr ertrug und der Vater sie, bevor sie auszog, ständig demütigte, wenn auch nur noch mit Worten, nicht mehr mit Fusstritten wie an dem Tag, als sie sich den Zahn ausschlug. Es war aber nicht etwa der Respekt, den er seiner Tochter gegenüber plötzlich doch noch beweisen wollte, sondern die Angst, nach dem ersten Ausrutscher, wie er es nannte, wegen Kindsmisshandlung ins Gefängnis gesteckt zu werden, die ihn danach von seiner physischen Gewalttätigkeit abhielt.

Nein, wie eine Braut sah Angela natürlich auch in diesem Moment nicht aus, eher wie ein Riesenmaikäfer mit gestutzten Flügeln, der sich schwerfällig Richtung Lift bewegte. Sie hatten sogar Glück, denn der Aufzug funktionierte wieder und Angela blieb der mühsame Aufstieg erspart.

In der Vierzimmerwohnung leerten sie die Kastanien im Gang auf den Boden, gerade als Benno, früher als üblich, nach Hause kam. Er pflügte sich ärgerlich einen Weg durch die glänzenden Kugeln und herrschte Angela an: