Besessen - Diana Mond - E-Book

Besessen E-Book

Diana Mond

0,0

Beschreibung

Wie weit würdest du für die Liebe gehen? Levi hat seit einem Jahr nur noch Erik im Kopf und es frisst ihn innerlich auf, dass er ihm nicht so nah sein kann, wie er es gerne würde. Im gemeinsamen Urlaub will er ihn endlich für sich gewinnen. Seine inneren Stimmen haben dabei ganz unterschiedliche Vorschläge, aber für Levi ist klar: Erik muss ihm gehören und dafür wäre ihm jedes Mittel recht...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inahltsverzeichnis

Kapitel 1: Urlaube

Kapitel 2: Konkurrenz

Kapitel 3: Ein Fehler

Kapitel 4: Ziel erreicht

Kapitel 5: Distanz

Kapitel 6: Schreckensnacht

Kapitel 7: Ein Dankeschön

Kapitel 8: Nähe

Kapitel 9: Schicksalsnacht

Kapitel 10: Wahrheiten

Kapitel 11: Familienzusammenkunft

1. Urlaube:

Ich hatte eine ziemlich normale Kindheit, wenn man von der Tatsache absieht, dass mein Vater ein gewalttätiger, kontrollsüchtiger Choleriker war. Jeden Abend um 18:00 Uhr musste das Abendessen bei uns auf dem gedeckten Tisch stehen und wir, also meine Mutter, meine drei Geschwister und ich, hatten alle schon zu sitzen, wenn mein Vater kam. Wer zu spät kam, wurde bestraft.

Ich lernte schnell, dass wir keinerlei Entscheidung selbst treffen durften. Wenn wir ins Restaurant gingen, bestellte mein Vater für uns alle. Wir durften uns nicht einmal aussuchen, welche Kleidung wir trugen, wobei wir Jungs immerhin innerhalb unseres Kleiderschranks aussuchen durften. Meiner Schwester und meiner Mutter legte er jeden Morgen Sachen heraus.

Meine Mutter war eine schöne Frau. Leider war sie zu feige gewesen, uns Kinder frühzeitig zu schnappen und abzuhauen, bevor unser Vater uns erziehen konnte… und sie gleich mit. Am schlimmsten war der Sonntag. Da zogen sich unsere Eltern immer für eine Stunde zurück. Sie verrieten uns nicht, was sie taten, aber wir wussten es trotzdem. Mein Vater untersuchte den Körper meiner Mutter auf Knutschflecke und wog sie. Wenn ihm etwas an ihr nicht gefiel, bekamen wir es immer mit. Ihr Weinen und Schreien war im ganzen Haus zu hören.

Mein Bruder Lukas war vier Jahre älter als ich und genoss es, dass ich so klein und wehrlos war. Er ärgerte und mobbte mich, wann immer er konnte. Als ich acht war, musste ich regelmäßig unseren Rasen mit einer Zahnbürste kämmen. Er zwang mich, seine Sachen aufzuräumen und seinen Diener zu spielen. Am schlimmsten jedoch war, dass er mich auch noch an seinen Fantasien teilhaben ließ. Er hatte Gewaltvorstellungen, von denen er mir manchmal abends vor dem Schlafen erzählte. Manches probierte er gleich an mir aus.

Als ich sieben war, ist meine Mutter noch einmal schwanger geworden. Als ich acht war, kam dann mein kleiner Bruder Florian zur Welt. Ich genoss es, endlich einmal Macht über jemanden haben zu können. Wenn schon nicht über mich selbst, dann über einen kleinen wehrlosen Jungen. Als ich zehn war, hätte ich ihn beinahe im Urlaub im Pool ertränkt, hätte meine Schwester mich nicht rechtzeitig davon abgehalten. Ein Jahr später probierte ich es im Freibad erneut, aber der Bademeister schritt ein. Danach gab ich es auf, ihn umzubringen, und konzentrierte lieber all den Hass, den ich auf unsere anderen Familienmitglieder hatte, auf ihn und quälte und ärgerte ihn.

Das zweite Kind meiner Eltern ist meine Schwester Marie. Sie hatte das Glück, ein Mädchen zu sein, wodurch sie von unseren brüderlichen Streitigkeiten verschont blieb. Lukas traute sich nicht, ihr etwas zu tun. Sie war sehr klug und liebevoll und entwickelte in mir durchaus eine sanfte Seite. Ich kann ohne zu lügen sagen, dass sie wohl die Einzige in meiner Familie ist, die ich wirklich geliebt habe. Meinen Vater konnte ich nicht lieben für das, was er uns angetan hat. Meine Mutter konnte ich nicht lieben, weil sie zugelassen hat, dass er uns das antat. Mein großer Bruder Lukas hat mich zu sehr gequält und meinen kleinen Bruder habe ich zu sehr gehasst, um noch etwas wie Liebe für ihn empfinden zu können.

Nur einmal habe ich jemandem von den Ereignissen bei uns zu Hause erzählt. Als ich dreizehn war, hatte meine Schwester eine Freundin, die ab und zu bei uns zu Besuch war. Sue war ihr Name. Als klar war, dass sie bald wegziehen würde, habe ich mich ihr anvertraut. Seltsamerweise war sie nicht geschockt oder gar überrascht, sondern sprach mit einer ernüchternden Ehrlichkeit aus, was Sache war. Ich liebte und hasste sie dafür, dass sie mir keinen Honig um den Mund schmierte, sondern sagte, dass ich in eine andere Familie kommen würde, wenn ich jemandem davon erzählte. Damals war mir meine Mutter noch zu wichtig, als dass ich ihr das antun könnte. Heute wäre es mir wohl egal.

Als ich vier war, habe ich das erste Mal mitbekommen, wie mein Vater meinen Bruder Lukas schlug. Wenig später war ich dann selbst dran. Während ich es anfangs als ungerecht empfand und mich dagegen wehrte, nahm ich es recht bald hin und passte mich an. Ich war ein cleverer Junge und in den Augen meines Vaters sicher gut und tüchtig. Immer war ich als erster am Tisch und deckte ihn. Ich schrieb gute Noten, widersprach nicht und fragte meinen Vater immer, bevor ich irgendetwas tat. Ich verpetzte sogar meine Schwester, als sie einen Freund hatte, wofür mein Vater sie eine Woche in den Keller sperrte. Dass sie mich danach immer noch geliebt hat, zeigt, wie toll sie ist. Ich habe mich vor mir selbst geekelt, aber ich tat alles, um meinem Vater zu gefallen und seine Anerkennung zu bekommen, bis ich ihn dann enttäuschte und mit 16 die Schule schmiss, um eine Ausbildung zum Industriekaufmann machen und auszuziehen. Ich war vorher auf dem Gymnasium ein guter Schüler gewesen, aber der Gedanke, in eine eigene Wohnung ziehen und selbst Entscheidungen treffen zu können, war zu verlockend.

Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Familie, aber weil Lia gerade von Urlaub spricht, werde ich wieder an die Sache mit meinem Bruder im Pool erinnert. Ich habe Lia vor zwei Jahren online über ein Videospiel kennengelernt. Anfangs mochte ich sie, weil sie mich an meine Schwester erinnert hat, aber sie ist nicht so weise wie meine Schwester, sondern viel quirliger und naiver. Trotzdem mochte ich sie für ihre offene Freundlichkeit, mit der sie mich in ihre Gruppe aufnahm.

Sie stellte mir sofort ihren Freund Timo vor, mit dem sie zusammenwohnte und studierte. Er ist ein ziemlicher Loser, wenn ihr mich fragt. Würde ihn Lia nicht an die Fristen erinnern, würde er an der Uni jeden Abgabetermin verpassen. Auch sonst scheint er nie viel von seiner Umgebung mitzubekommen, sondern immer irgendwo in den Wolken zu schweben. Ich mag ihn trotzdem. Er ist treu und anständig. Das ist mir bei einem Freund am wichtigsten. Tja, und dann gibt es da noch ihn. Erik. Meine Sonne. Das Licht meines Lebens. Schon, als ich ihn kennengelernt habe, wusste ich, dass ich ihn will. Ich bin nicht schwul, nein. Im Allgemeinen bin ich heterosexuell, im Besonderen begehre ich ihn. Das erste, was er zu mir sagte, als wir uns kennenlernten, war:

„Lia meinte, du wärst cool. Eigentlich hat sie keinen guten Geschmack, was Freunde angeht, aber bei dir habe ich ein gutes Gefühl.“

Das Lachen danach hat sofort mein Herz erwärmt. Vor fast einem Jahr, am Geburtstag meines Vaters, habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich wirklich verliebt bin. Es ist immer der schlimmste Tag des Jahres, an dem meine Laune absolut im Keller ist, aber den Grund dafür erzähle ich nie jemandem. Während Lia und Timo versucht haben, ihn aus mir heraus zu quetschen, hat Erik einfach gesagt:

„Ich habe schon gehört, dass du einen Scheißtag hast. Lass uns nicht darüber reden, sondern einfach dein Lieblingsspiel zocken.“

Es war genau das, was ich gebraucht hatte, und ich liebte ihn dafür. Ich hatte immer das Gefühl, dass er mir Sicherheit gab, wie ich sie von meinen Eltern nie bekommen habe. Er ist alles für mich, und ich könnte nie akzeptieren, dass er nicht mein wird.

Als vor Monaten der Gedanke aufkam, dass wir vier zusammen in den Urlaub fliegen könnten, war ich anfangs unsicher, ob es mir gut tun wird, ihm so nahe zu sein. Mittlerweile kann ich es kaum abwarten, Tag und Nacht bei ihm zu sein, mit ihm in einem Zimmer zu schlafen…

„Und wir müssen unbedingt an den Strand!“, fährt Lia fort. „Vielleicht sehen wir sogar ein paar Fische!“

Sie ist aufgeregter als wir drei zusammen. Ich lächle und schalte die Lautstärke meiner Kopfhörer herunter, damit ich ihre piepsende Stimme nicht so laut hören muss. Wir zockten mittlerweile nicht mehr, aber redeten noch ein wenig vor dem Schlafengehen.

„Kommen die überhaupt so nah an die Küste? Was, wenn nicht?“, fragt sie verzweifelt.

„Dann können wir bestimmt einen Ausflug mit einem Boot machen“, antwortet ihr Freund Timo.

„Kommt drauf an, wie teuer das ist. Der Urlaub an sich hat mich schon genug gekostet“, sagt Erik lachend, obwohl er es ernst meint.

Ich würde natürlich für meinen Liebsten zahlen. Die drei studieren und verdienen nichts im Gegensatz zu mir.

„Möchtest du nicht ein bisschen shoppen gehen?“, fragt Lia.

„Doch schon… Ich habe schon ein bisschen Taschengeld, keine Sorge. Ich meine nur, dass wir das Geld nicht mit vollen Händen rauswerfen sollten.“ War klar, dass Lia sich darum keine Sorgen macht. Wenn Timo ihr nicht bei ihren Finanzen helfen würde, wäre sie längst pleite.

„Schauen wir mal. Wir sind ja auch nur eine Woche da“, wirft er ein.

Nach kurzer Stille fragt Erik:

„Levi? Bist du noch da?“

Natürlich ist er derjenige, dem mein Schweigen auffällt. Ich lächele leicht.

„Ja.“

„Was ist los? Du bist so still.“

„Nichts“, sage ich und strecke mich. „Ich bin nur müde.“

„Du arbeitest zu viel!“, wirft Lia mir vor.

Toll, was soll ich jetzt dagegen machen, du Genie?

„Ich weiß“, sage ich nur, weil ich weiß, dass sie das hören will. „Ich ruhe mich dann im Urlaub aus.“

Mit Erik zusammen.

Ich schüttle meinen Kopf, um die Stimme darin zum Schweigen zu bringen. Wenigstens so lange, bis ich mich von meinen Freunden verabschiedet habe. „Wir sollten schlafen gehen. Es ist schon spät. Den Rest können wir auch die Tage noch besprechen“, sagt Erik. Wie immer findet er die richtigen Worte. „Okay, gute Nacht“, sage ich leise und lege auf. Ich nehme die Kopfhörer von meinen Ohren und lehne mich zurück, um wenigstens einen Moment lang die Stille genießen zu können, doch sie wird sofort von den Stimmen in meinem Kopf unterbrochen.

Lass dir doch von ihm nicht sagen, was du zu tun hast! Wir gehen ins Bett, wenn wir es für richtig halten!

Es ist die Stimme von Heinz. Er ist zwar mein Vater, aber so nenne ich ihn schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Trotzdem ist er mein ständiger Begleiter und beeinflusst mich mit seinem Weltbild.

Aber warum denn? Es war doch nur ein gut gemeinter Rat, mit dem er uns helfen möchte. Außerdem ist Schlaf wirklich nicht schlecht für uns.

Das war die liebliche, sanfte Stimme meiner süßen Schwester Marie. Sie ist das Gegenteil von Heinz und versucht immer, mich in die richtige Bahn zu lenken. Heinz: Wer braucht schon Schlaf? Du musst hart arbeiten, wenn du etwas erreichen willst, und darfst dich erst recht nicht von anderen beeinflussen lassen. Die wollen dir doch nur schaden!

Marie: Erik ist doch wundervoll. Er will nur unser Bestes. Dafür lieben wir ihn und er uns sicher auch.

„Hört auf“, flüstere ich und fahre mir mit der Hand über die Stirn, da ich es anstrengend finde, ihnen zuzuhören.

Heinz: Der liebt uns nur, wenn wir ihn dazu zwingen!

Marie: Nein, wir müssen ihm zeigen, wie liebenswert wir sind und…

Heinz: Blödsinn!

Ich zucke kurz unter der Lautstärke zusammen.

Heinz: Er ist ein Idiot, der uns niemals genug schätzen wird! Du musst ihm zeigen, wozu du in der Lage bist, wenn er nicht spurt!

Marie: Aber er liebt ihn doch und will ihn glücklich machen!

„Hört endlich auf!“, schreie ich und tatsächlich wird es still.

Ich atme tief durch und bemerke erst jetzt, dass ich die Arme verschränkt und mit den Fingernägeln über meine Haut gekratzt habe. Das habe ich schon ein paar Mal gemacht, während ich ihnen zugehört habe. Ich hasse ihre Streitereien. Ich bin manchmal so

überfordert, dass ich zittere. Zum Glück bin ich immer noch in der Lage, sie zum Verstummen zu bringen, auch wenn es immer schwerer wird.

Ich stehe vom Schreibtischstuhl auf und gehe zu meinem Bett. In der Nachttischschublade habe ich eine Schere. Ich öffne und betrachte sie einen Moment. Ich habe mich bisher erst einmal geritzt an meinem Geburtstag letztes Jahr. Lia, Timo und Erik haben mir Geschenke gemacht und wir haben die ganze Nacht gezockt. Von meinen Eltern und Geschwistern kam nichts.

Lukas: Na?

Ich höre die verschmitzte Stimme meines Bruders und verdrehe die Augen. Hatte ich nicht gerade noch Ruhe gehabt? Jetzt wird er mich wie immer mit seinen Fantasien belästigen. Obwohl ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen habe, hat er nie damit aufgehört.

Lukas: Stell dir doch mal vor, du würdest deinen Namen in seine Brust einritzen. Schön spiegelverkehrt, sodass er es immer lesen kann. Wäre das nicht großartig?

Marie: Warum sollte er das tun? Das wäre erniedrigend.

Sie ist immer sofort da.

Lukas: Im Urlaub machen wir das, warte mal ab! Es wird euch gefallen. Euch beiden.

Ich lächle. Tatsächlich hat die Vorstellung etwas. Ich kaue nachdenklich auf meiner Unterlippe und packe die Schere wieder weg.

Sue: Wer weiß, vielleicht mag er wirklich Schmerzen. Kann doch sein. Du solltest vorsichtig versuchen, es herauszufinden, und wenn ja, dann könntet ihr beide Gefallen daran finden.

Dass die Freundin meiner Schwester auch nach Jahren noch so großen Einfluss auf mich haben würde, hätte ich tatsächlich nicht gedacht, aber ihre nüchterne Betrachtungsweise ist manchmal wirklich ein Gewinn.

Heinz: Ach, scheiß drauf, was er will! Du tust das, was du willst!

Lukas: Außerdem stell dir mal sein schmerzverzerrtes Gesicht vor… Die Angst in seinen Augen…

Marie: Ihr seid doch krank.

Ich lache bei der Vorstellung über die Kontrolle und Macht, die ich haben würde. Das wäre wirklich toll.

Lukas: Siehst du? Im Urlaub kann das alles wahr werden… Du musst es nur tun.

Ich betrachte meine Arme, die immer noch leicht rot sind, weil ich so darauf herumgekratzt habe. Ich stehe auf und hole mir einen Pulli aus dem Schrank, den ich mir überziehe, damit das nicht noch einmal passiert.

Dann lege ich mich ins Bett und versuche, schnellstmöglich einzuschlafen, damit ich ihnen nicht länger zuhören muss.

Sue: Auf jeden Fall solltest du aufpassen, dass man dir im Urlaub nichts anmerkt. Die halten dich sonst für verrückt.

*

Nächste Woche Samstag ist es soweit und wir wollen zusammen nach Hurghada ins warme Ägypten fliegen. Beim Aufwachen habe ich schon gemischte Gefühle.

Marie: Freu dich, wir haben eine Woche unseren geliebten Erik ganz nah bei uns!

Ich nicke lächelnd und packe noch schnell meinen Koffer. Klar, ich hätte es längst machen sollen, aber ich habe es einfach nicht vorher hingekriegt. Also schmeiße ich alles hinein, was ich gebrauchen kann, und versuche, nichts zu vergessen. Als ich eigentlich schon aufgehört habe, fällt mir gerade noch ein, dass ich eine Badehose einpacken muss.

Lukas: Schlag Erik doch vor, nackt mit dir zu baden…

Sue: Als ob das funktioniert.

Lukas: Er will das doch sicher auch.

Sue: Selbst, wenn: Ihr seid in einer großen Hotelanlage und nicht alleine. Mach dir keine falschen Hoffnungen.

Seufzend packe ich die Badehose ein, von der ich glaube, dass Erik sie lieber mag. Dann gehe ich ins Bad und schaue in den Spiegel. Ich sehe wie immer fast tot aus, so blass bin ich. Natürlich bin ich als Blondschopf allgemein sehr hell, aber das sieht nicht gesund aus.

Marie: Im Urlaub bekommst du sicher etwas Farbe, keine Sorge.

Ich schmunzel und beeile mich, damit ich noch etwas essen kann, bevor ich mich auf den Weg zum Flughafen machen muss. Es ist zwar erst kurz nach sieben, aber ich muss noch eine gute Stunde mit dem Auto fahren. Allerdings habe ich keinen Hunger, weswegen ich außer einem Joghurt nichts herunterbekomme. Nachdem ich ihn gegessen habe, fällt mir auf, dass er seit zwei Wochen abgelaufen ist. Ich ärgere mich und versuche, doch noch eine Scheibe Brot zu essen, da ich nicht nur blass, sondern auch sehr dünn bin. Seufzend schmeiße ich es weg. Mir ist nicht nach essen.

Marie: Ab heute Abend hast du ein breites Buffet mit leckeren Sachen. Da wirst du bestimmt Lust zum Essen bekommen, keine Sorge.Ich nicke und mache mich fertig zur Abfahrt.

*

Die Autofahrt verläuft ruhig. Meine ständigen Begleiter streiten sich die ganze Zeit über den Sinn und Zweck von Urlaub. Anfangs höre ich noch zu, doch irgendwann habe ich keine Lust mehr und schalte stattdessen das Radio ein, woraufhin sie verstummen und auch zuhören. Nur vereinzelt kommen Kommentare zu Songs oder Moderatoren, die mich aber nicht stören.

Am Flughafen schlägt mein Herz sofort viel schneller.

Ich muss gar nicht lange suchen, sondern finde Lia, Timo und Erik sofort in der Empfangshalle. Als sie mich entdecken, freuen sie sich tatsächlich, mich zu sehen, und begrüßen mich. Ich kann mich dabei natürlich nur auf Erik konzentrieren und versuche, mich ihm gegenüber ganz normal zu verhalten.

„Du bist etwas spät“, sagt Lia wenig sensibel.

Ich gucke auf die Uhr.

„Ich bin nicht zu spät!“, keife ich zurück.

Sie zuckt kurz zusammen.

„So war das nicht gemeint… Ist alles okay?“

„Du wirkst etwas angespannt“, hilft Timo ihr.

Ich sehe zu Erik, der mich nur ansieht. In seinem Blick liegt eine Ruhe, die mich sofort besänftigt.

„Ich musste früh aufstehen, habe heute Morgen noch schnell gepackt…“

„Heute Morgen erst?“, fragt Lia.

„Hammerhart, der Typ“, sagt Erik lachend.

Ich lächle leicht und kratze mich im Nacken.

„Wir sollten uns anstellen, sonst wird es echt knapp“, sagt Timo und wir stellen uns in die Schlange für die Kofferaufgabe.

Lia erzählt von dem Hotel, das sie für uns ausgesucht hat. Ich habe es mir nicht einmal im Internet angesehen. Letztendlich ist es mir egal. Solange Erik dabei ist, bin ich glücklich. Gleichzeitig überfordert mich die Nähe zu ihm jetzt schon. Am liebsten würde ich ihn an mich drücken und mit Küssen übersähen… oder am besten gleich sein T-Shirt ausziehen und mit meinen Fingern über seine weiche Haut fahren.

„Levi?“, fragt Lia.

Ich sehe sie an.

„Ja?“

Sie mustert mich leicht verwirrt.

„Wo bist du mit deinen Gedanken?“

Ich sehe zu Erik, der sich gerade ein Plakat neben der Schlange durchliest.

„Weiß nicht“, murmle ich.

Sie kommt näher zu mir und hakt sich bei mir ein. Ich verspanne mich sofort, denn ich hasse es, wenn man mich anfasst.

„Du bist wie ein kleiner Bruder für mich“, sagt sie lächelnd.

Ich schmunzle. Meine Schwester ist zwar viel besser als sie, aber Lia ist wirklich lieb und ich habe sie gerne in meiner Nähe.

„Die beiden spinnen doch…“, flüstert sie mit einem leisen Lachen.

Ich sehe wieder zu Erik und Timo. Letzterer hält seinen Kopf gerade neben ein Plakat mit einem Kugelfisch und macht dicke Backen, während Erik diesen Spaß fotografiert. Ich kann nicht darüber lachen, deshalb schaue ich wieder zu Lia. Sie sieht mit einem verliebten Lächeln zu den beiden und seufzt.

„Was gefällt dir an Timo so?“, frage ich.

Ihr Lächeln verschwindet und sie sieht mich fragend an, als würde sie wissen wollen, worauf ich hinauswill.

„Ich fühle mich wohl bei ihm und… keine Ahnung, ich liebe ihn einfach. Das kann man nicht erklären“, antwortet sie und streicht sich nervös eine Strähne hinters Ohr, die sich aus ihrem Zopf gelöst hat.

Ich fand ihre Beziehung immer seltsam.

„Warum fragst du? Gibt es vielleicht ein Mädchen, das du ganz gerne hast?“

Sie stupst mich leicht an.

Wieder geht mein Blick zu Erik, der nun neben dem Kugelfisch post.

„Ja, es gibt jemanden.“

Ich weiß nicht, warum ich ihr die Wahrheit sage. Ich habe nicht darüber nachgedacht.

„Und weiß sie es?“

Ich schüttle den Kopf.

„Das wird schon. Vielleicht kannst du sie uns mal vorstellen, wenn wir wieder in Deutschland sind.“

„Vielleicht…“, wiederhole ich nachdenklich.

Wir sind jetzt dran mit der Kofferaufgabe und Lia bittet mich, die beiden zu holen. Ich laufe zu ihnen und versuche, ruhig zu bleiben, während ich mich Erik nähere.

„Wir sind dran“, sage ich kleinlaut.

„Oh“, erwidert Timo und läuft vor, um Lia mit den Koffern zu helfen.

Erik und ich gehen ihm nach. Ich spüre, wie er mich von der Seite mustert.

„Freust du dich auf den Urlaub?“, fragt er.

Ich verschränke die Arme und fahre mit meinen Fingernägeln darüber. Zum Glück habe ich einen Pulli an.

„Schon, ich hasse nur Flughäfen“, erkläre ich, ohne ihn anzusehen.

„Wir haben es ja bald geschafft… Sieh es positiv: Im Hotel schlafen wir in einem Zimmer.“

Er zieht zweimal die Augenbrauen nach oben und lächelt leicht verschmitzt. Ich muss ebenfalls schmunzeln, wende jedoch den Blick ab.

Lukas: Wenn du wüsstest, was wir mit dir vorhaben, würdest du nicht so lachen… Das wird ein Spaß!

Ich ignoriere das böse Lachen meines Bruders in meinem Kopf und krame meinen Reisepass aus meinem Rucksack, um ihn vorzuzeigen.

In der Schlange zur Sicherheitskontrolle kommt bei mir auch langsam Urlaubsstimmung auf. Ich freue mich darauf, in der Sonne am Pool zu liegen und den Anblick von Erik in Badehose zu genießen. Je näher wir der Sicherheitskontrolle kommen, desto düsterer werden meine Gedanken wieder. Mir wird bewusst, dass das Liegen in der Sonne zu einem schrecklichen Sonnenbrand führen wird und ich nicht einmal Sonnencreme dabei habe. Eigentlich haben meine schlechten Gedanken nur eine Ursache: Ich hasse es, angefasst zu werden, und ich weiß jetzt schon, dass ich wieder abgetastet werde.

Tatsächlich piept es beim Durchgehen und ich hebe widerwillig die Arme. Meine Hände ballen sich automatisch zu Fäusten und ich beiße die Kiefer aufeinander, um nicht zu platzen.

Heinz: Was fällt dem ein, dich so anfassen? Schlag ihm eine rein!

Immer noch gereizt nehme ich mein Handgepäck und meine Jacke vom Band und gehe zu den Anderen, die schon auf mich warten.

„Du ziehst ein Gesicht…“, meint Lia lachend.

„Ich hasse es, abgetastet zu werden…“, murmle ich.

„Jetzt hast du es ja geschafft“, sagt Erik schulterzuckend und geht voran zur Halle, in der wir auf das Boarding warten müssen.

Timo kommt zu mir und geht neben mir her.

„Worauf freust du dich denn so im Urlaub?“, fragt er.

Ich zögere. Eigentlich freue ich mich nur, Erik nahe sein zu können.

„Äh… Ich freue mich, Zeit mit euch verbringen zu können. Wir sehen uns ja nicht so oft“, sage ich.

Das will er sicher hören.

„Das freut mich“, sagt er lächelnd. „Weißt du, worauf ich mich freue? Das Essen! Leckeres Buffet von morgens bis abends! Und Sonne jeden Tag! Das wird toll, meinst du nicht?“

Ich nicke leicht.

„Bestimmt.“

Ich fühle mich wieder unwohl und kratze mir leicht über die Arme, was dank meines Pullis immer noch kein Problem. Timo lächelt noch einmal, bevor er zu Lia geht. Sie und Erik scheinen sich einige Meter vor uns prächtig zu amüsieren. Sobald Timo bei ihnen angekommen ist, dreht sie sich zu mir um und winkt mich zu sich. Ich schmunzle. Sie würden mich nie vergessen.

Marie: Wir haben schon großes Glück mit ihnen.

Sue: Vermassle es nicht!

Ich bin mir fast sicher, dass ich genau das tun werde.

*

Nach einer viel zu langen Wartezeit, in der ich die meiste Zeit nur Musik hörte, dürfen wir endlich ins Flugzeug. Wir haben drei Plätze nebeneinander und einen auf der anderen Seite des Ganges. Lia möchte unbedingt am Fenster sitzen, Erik setzt sich neben sie und ich mich neben ihn. Timo hat kein Problem damit, neben dem Gang auf der anderen Seite zu sitzen. Der Angsthase möchte bloß weit weg vom Fenster.

Ich bin zufrieden. Ich sitze die nächsten viereinhalb Stunden neben Erik und das ist das Einzige, was zählt.

Das Beste ist, dass ich jetzt schon den perfekten Plan habe, um ihm näher zu kommen. Als das Flugzeug startet und abheben möchte, versuche ich, einen möglichst panischen Gesichtsausdruck zu machen und greife nach seiner Hand.

„Hey…“, sagt Erik lachend, nimmt dann aber auch meine Hand und streicht mit dem Daumen vorsichtig darüber. „Hast du Flugangst?“

„Ein wenig…“, murmle ich leise.

„Ach, das erklärt, warum du den ganzen Tag schon so angespannt bist… Aber keine Sorge, Fliegen ist wirklich sicher.“

Ich versuche, nicht überzeugt zu nicken.

„Außerdem bin ich bei dir und beschütze dich“, sagt er und lehnt sich zu mir.

Mein Blick geht zu unseren ineinander verschränkten Händen. Es fühlt sich absolut richtig an und macht mich wirklich traurig, als er nach einer Weile vorsichtig loslässt. Am liebsten würde ich so viel mehr mit ihm machen als Händchenhalten. Ich bin erst wenige Stunden bei ihm, aber seine Nähe ist jetzt schon unerträglich. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich mich noch zurückhalten kann.

Eine oder zwei Stunden später schlafen fast alle. Erik schläft und sieht dabei zuckersüß aus. Lia schläft ebenfalls tief und fest und lehnt sich dabei an seine Schulter. Wenn ich nicht wüsste, dass sie mit Timo zusammen ist, wäre ich eifersüchtig, aber so ist alles gut. Leider ist eben dieser wach, was mich daran hindert, Erik vorsichtig zu berühren, während er es nicht merken würde. Ich kann nicht schlafen, was zum einen an meinen immerwährenden Schlafproblemen liegt, aber auch an der Tatsache, dass es viel interessanter ist, Erik beim Schlafen zu beobachten.

2. Konkurrenz:

Als wir ankommen, ist es schon Abend. Wir fahren ins Hotel und checken in unsere Zimmer ein. Ich stelle erfreut fest, dass Erik und ich in einem Doppelbett schlafen, was mein Kopfkino schon ordentlich anregt.

Heinz: Nutz diese Gelegenheit endlich! Du hast lange genug gewartet!

Ich beobachte Erik, der gerade sporadisch seinen Koffer auspackt, und lecke mir über die Lippen.

Lukas: Stell dir doch mal vor, wie er in der Ecke auf dem Boden sitzt und dich mit Panik in den verheulten Augen ansieht.

„Levi… Ich habe Angst… Bitte nicht“, wird er flehen.

Und du stehst nur da und lachst.

„Gut so“, wirst du sagen, ihn packen und mit dir ins Bett zerren.

Hört sich das nicht großartig an?

Ich sehe es vor meinem inneren Auge und grinse.

Lukas: Nachher, wenn wir mit ihm alleine sind, schnappen wir ihn uns! Du hast es dir verdient!