Can't stop us! - Diana Mond - E-Book

Can't stop us! E-Book

Diana Mond

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Beschreibung

Laut ihren Eltern ist Liv perfekt: Sie ist Klassenbeste und Einserschülerin. Als Josh in ihre Klasse kommt, sind sich beide sofort unsympathisch. Er ist ein absoluter Badboy. Seine Noten sind schlecht, er raucht und ihm ist offensichtlich alles egal. Aber mit der Zeit bemerken sie, dass sie doch nicht so unterschiedlich sind, wie anfangs gedacht ...

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Über mich

Keine Sorge, gleich geht es mit der Geschichte los! Vorher möchte ich dich nur kurz auf meinen Blog (dianamondsite.wordpress.de) aufmerksam machen. Dort findest du alles über mich und meine Geschichten, wie spannendes Bonusmaterial, Interviews, Hintergrundinformationen und exklusive Gewinnspiele. Wenn dir meine Bücher gefallen, erfährst du dort natürlich auch alles zu Neuerscheinungen.

Ich schreibe diesen Blog vor allem für meine Leser, weshalb ich auch gerne auf deine Wünsche eingehe. Wenn du etwas lesen willst oder dich etwas interessiert, schreib es mir auch gerne per E-Mail an [email protected].

Außerdem findest du mich auf Instagram. Dort heiße ich diana.mond.autorin. Ich veranstalte Umfragen, um deine Meinung zu meinen Geschichten zu erfahren!

Wenn du auf Wattpad bist, kannst du mir auch dort folgen. Ich heiße DianaMondAutorin.

Ich schreibe leidenschaftlich gerne Jugendbücher und Liebesromane voll mit Geheimnissen, Verrat, Eifersucht und natürlich großen Gefühlen!

Und jetzt viel Spaß beim Lesen! Dia

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1.:

Alles schien perfekt. Die Sonne lachte, im Himmel sah ich strahlendes Blau ohne eine einzige Wolke. Alle Leute lächelten mich an. Ich trug mein buntes Lieblingskleid mit den schwarzen Ballerinas, in denen es sich anfühlte, als würde ich auf Wolken laufen.

Trotzdem war ich nicht glücklich.

Es war der erste Schultag nach den Ferien und obwohl alles perfekt schien, ging es mir nicht gut. Ich vermisste das Gefühl der Freiheit jetzt schon. Jeden Tag ausschlafen zu können und den ganzen Tag frei zu haben ohne eine einzige Aufgabe oder Sorge… Das alles würde ich schrecklich vermissen.

Aber das Leben ging weiter. 10. Klasse. Wow. So langsam wurde es ernst. Ich versuchte, mich selbst zu motivieren, aber es half nichts. Ich freute mich nicht, dass ich wieder zur Schule gehen musste. Als Klassenbeste und Einserschülerin würde das womöglich niemand erwarten, aber es war die Wahrheit. Alle dachten, ich hätte keine Sorgen. Aber dieser Stand ließ nur noch mehr Druck entstehen.

Trotz allem setzte ich ein Lächeln auf meine Lippen. Gute Miene zum bösen Spiel. Ich wusste, dass von mir nichts Anderes erwartet wurde. Alle dachten, dass es mir nichts ausmachte, nahezu spurlos an mir vorbeiging. Und manchmal glaubte ich sogar selbst daran.

Ich war eine der ersten, die in der Schule ankamen. Wie immer. Vor unserem Klassenraum stand ein Sofa, auf das ich mich setzte. Ich zog mein Handy aus meiner Hosentasche und stellte fest, dass ich kaum Akku hatte.

Normalerweise hätte ich mein Handy schon am Vorabend geladen, schließlich war ich perfekt organisiert, aber mein Vater hatte sein Ladekabel verloren und sich meines geliehen. Als liebevolle Tochter hatte ich es ihm natürlich ohne Widerworte überlassen, obwohl ich es auch gebraucht hätte. Während ich schlief durfte ich mein Handy auch nicht laden. Meine Mutter hatte Angst, dass das Kabel defekt sein könnte und über Nacht unser Haus abbrannte. Obwohl ich nicht daran glaubte, hatte ich natürlich auf sie gehört. Wie man es von mir erwartete.

Nun konnte ich weder lesen noch Musik hören, da ich den letzten Rest Akku brauchte, falls meine Mutter oder mein Vater mich erreichen wollten. Also steckte ich mir meine Kopfhörer in die Ohren, machte aber keine Musik an. Ich wollte ungestört sein und nachdenken können.

Immerhin hatte ich noch meine Fantasie. Ich konnte Stunden damit verbringen, nachzudenken. Ich dachte über mein Leben, meine Mitschüler, die neusten Filme und Bücher und andere Dinge nach. Besonders gern stellte ich mir meine Zukunft vor. Wobei dieses Bild fast immer gleich aussah: Ich als Ärztin mit meinem Mann und meinen zwei Kindern in dieser Stadt.

Manchmal stellte ich mir jedoch etwas anderes vor. Wie würde mein Leben wohl aussehen, wenn ich keine Kinder hätte? Oder wenn ich auswandern würde? Ich konnte mir einen anderen Job suchen und an einem Ort wohnen, wo immer die Sonne schien! Wo ich einfach glücklich sein konnte…

Ich verdrängte den Gedanken daran schnell wieder. Ich kannte meinen Weg bereits. Seit ich klein war, hatte er immer gleich ausgesehen. Es brachte nichts, über andere Dinge zu spekulieren, die einfach nicht möglich waren.

Zumindest nicht für mich. Diese Dinge waren zu unsicher. Andere hatten vielleicht so ein Leben, aber ich nicht.

Nicht einmal, als meine Freundin Isabel in die Schule kam, nahm ich meine Kopfhörer aus den Ohren. Ich wollte mit keinem reden, sondern einfach meine Ruhe haben.

Ich hatte Isabel auf dem Gymnasium kennengelernt und ehrlich gesagt war sie die Einzige aus unserer Klasse, mit der ich Zeit verbringen wollte. Natürlich unternahm ich auch Dinge mit anderen Leuten, aber ich mochte die meisten aus meiner Klasse nur sehr bedingt. Entweder waren sie nicht auf meinem Niveau, waren gemein oder hatten einfach eine ganz andere Meinung als ich. Und ich wollte nicht bei Leuten sein, die mich nicht verstanden.

Deswegen hatte ich auch in diesem Moment keine Lust auf Isa. Ich mochte sie wirklich gerne, aber auch sie konnte nicht nachvollziehen, was in meinem Kopf vorging. Ich war einzigartig und keiner konnte mich verstehen. Das war schon immer so gewesen und würde sich auch nie ändern. Ich hatte mich damit abgefunden.

Ich beobachtete aus den Augenwinkeln, dass Isabel sich in eine Ecke setzte, einen Block herausnahm und malte.

Sie war sehr kreativ. Ich war eher praktisch veranlagt und interessierte mich für Wissenschaften, nicht für Kunst.

Während ich meine Ruhe wollte, redete Isabel noch mit den Mitschülern. Sie war immer gesprächig und extrovertiert. Ich war ganz anders.

Fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn kam Isabel dann doch zu mir und wedelte mit einer Hand vor meinen Augen. Sie glaubte wirklich, dass ich Musik hörte.

„Liv?“, fragte sie.

Ich nahm meine Kopfhörer aus den Ohren und tat so, als würde ich die Musik ausschalten. Dann stand ich auf und umarmte sie zur Begrüßung.

„Hast du schon unseren neuen Mitschüler gesehen?“, fragte Isabel.

Sie war aufgeregt. So waren die anderen Mädchen aus meiner Klasse immer, wenn ein neuer Schüler kam. Ich war nicht so. Ich war wie immer die Ausnahme. Es interessierte mich nicht, wenn es einen neuen Schüler gab. Ich wollte keinen Freund. Der würde mich nur ablenken. Ich konzentrierte mich auf meine Karriere und die Verwirklichung meiner Träume.

„Er sitzt dort hinten“, fügte Isabel noch hinzu.

Entweder hatte sie mein Desinteresse nicht bemerkt oder es interessierte sie nicht.

Sie deutete auf einen Jungen, der weiter hinten im Flur auf einer Heizung saß. Er trug schwarze Schuhe, eine schwarze Hose und einen schwarzen Pullover, dessen Kapuze ihm ins Gesicht hing. Außerdem hatte er schwarze Kopfhörer in den Ohren, die an seinem schwarzen Handy angeschlossen waren. Hätte er nicht so einen fixierten, fast schon wütenden, Blick, hätte ich geglaubt, dass er ein Emo war.

„Ich glaube, ich weiß schon, was seine Lieblingsfarbe ist“, flüsterte Isabel.

„Schwarz ist keine Farbe“, erwiderte ich.

Isa verdrehte die Augen. Sie hasste es, wenn ich sie verbesserte.

„Er sieht total gut aus, oder?“, fragte Isabel.

„Das könnte man besser beurteilen, wenn man auch noch einen Teil seines Gesichts sehen könnte!“, antwortete ich.

Diesem Typ hing die Kapuze so tief ins Gesicht, dass man ihn kaum noch erkennen konnte.

„Ich finde ihn cool!“, meinte Isabel.

Und damit war sie nicht die Einzige. Die ersten Mädchen aus meiner Klasse liefen bereits zu unserem neuen Schüler, um ihn kennenzulernen. Immerhin mussten sie gucken, ob er als zukünftiger Freund infrage kam.

Armselig, wie sie ihn alle angrinsten. Ich würde mich schämen, wenn ich so zu ihm gehen würde.

„Ich will auch zu ihm! Kommst du mit?“, fragte Isa.

„Bestimmt nicht.“

„Warum?“

„Warum sollte ich?“

„Weil er total gut aussieht und vielleicht deine große Liebe sein könnte!“, erklärte Isabel grinsend. „Oder meine!“

„Jemand wie er kann niemals meine große Liebe sein. Ich mag Jungs mit Klasse und Anstand.“

Ich war eben erstklassig und brauchte jemanden, der auf meinem Niveau war.

„Du kennst ihn doch gar nicht!“, erwiderte Isabel.

Ich winkte ab: „Ich will sowieso keinen Freund! Der würde mich nur Zeit kosten. Und Zeit ist im Moment das Wertvollste, das ich habe.“

„Hätte ich jetzt auch gesagt! Insgeheim wünschen wir uns doch alle unseren Traumprinzen!“

„Wolltest du nicht zu ihm gehen? Wenn du ihn so toll findest, dann geh doch! Gleich kommt Frau Spengel!“, sagte ich.

Das ließ sich meine Freundin nicht zweimal sagen und lief zu ihrem neuen Schwarm.

Ich schüttelte den Kopf. Wie konnten sie sich nur alle so aufführen wegen einem Jungen? Er war auch nur ein Mensch! Sie sollten sich lieber auf die Schule konzentrieren, anstatt dem erstbesten Typen nachzulaufen! Das hatten sie nötig! Ich, als bestes Beispiel, verschwendete meine Zeit nicht mit diesem Kindergarten.

Lea kam von dem Fremden zurück und auf mich zu. Ich mochte Lea nicht. Sie war arrogant, egoistisch und hatte keine Ahnung vom Leben. Wenn sie kam, lächelte ich sie trotzdem freundlich an und tat so, als würde ich sie mögen. So gehörte sich das doch, oder? Selbst wenn Menschen einen nervten, musste man nett und freundlich bleiben. Leider.

„Hast du unseren neuen Schüler schon gesehen? Er ist ja so heiß!“, schwärmte sie mir vor.

Wir definierten heiß anscheinend auf sehr unterschiedliche Weisen.

„Endlich kommt mal ein gutaussehender Junge in unsere Klasse!“, erzählte Lea weiter. „Ich hoffe, ich gefalle ihm genauso sehr.“

„Bestimmt“, erwiderte ich.

Alle Mädchen aus meiner Klasse schienen diesen Jungen jetzt schon zu lieben. Eigentlich war es jedes Mal so. Oft merkten sie allerdings noch am ersten Tag, dass es sich nicht lohnte, diesem Typen nachzulaufen.

Zum Glück musste ich mich nicht weiter mit Lea unterhalten, denn unsere Klassenlehrerin kam und wir gingen rein. Ich hasste den ersten Moment im Klassenraum. Jeder wollte einen guten Sitzplatz ergattern. Ich hatte Glück und konnte mich mit Isabel ans Fenster setzen. Wir saßen zwar in der hinteren Ecke, hatten aber viel Platz und ich musste nicht neben diesem neuen Schüler sitzen.

Aber wie ich sah, war das auch gar nicht nötig. Die Mädchen stritten sich schon fast darum, neben ihm sitzen zu dürfen. Und er? Er grinste nur bescheuert. Immerhin konnte man jetzt auch etwas von seinem Gesicht sehen.

Irgendwann hatten dann doch alle einen Platz und der Neue war nur von Mädchen umzingelt. So ein Idiot.

„Guten Morgen!“, rief Frau Spengel schließlich durch den Raum.

Alle murmelten eine Begrüßung.

„Wie ihr bereits sehen könnt, haben wir einen neuen Schüler… Das ist Joshua“, stellte Frau Spengel ihn vor.

Sie wirkte nicht so freundlich wie sonst, sondern eher genervt von ihm. Es klang fast schon abwertend, wie sie ihn vorstellte. Das war ich von unserer Klassenlehrerin so nicht gewohnt, konnte es aber verstehen.

„Ich werde normalerweise Josh genannt“, sagte er.

Das interessierte unsere Klassenlehrerin anscheinend wenig. Ihr Blick lag auf Joshua, während sie sagte: „Ich hatte gestern ein nettes Gespräch mit deinen Eltern…“

„Mein Beileid!“, rief Josh dazwischen.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Frau Spengel atmete tief durch. Es war offensichtlich, dass sie unseren neuen Schüler nicht mochte.

„Ich möchte nur, dass du weißt, dass du solche Dinge mit mir nicht abziehen kannst“, erklärte sie ruhig.

„Sie wissen anscheinend schon, was sie erwartet.“

„Ich erwarte anständiges Benehmen von dir.“

„Darauf können sie lange warten.“

Frau Spengel beschloss, nicht länger mit ihm zu diskutieren und holte stattdessen einen Stapel Papiere heraus.

Mit diesem kurzen Dialog hatte Josh sich schon mächtigen Respekt in der Klasse verschafft. Keiner würde sich trauen, so mit unserer Lehrerin zu reden. Natürlich nicht! Wir waren vernünftig. Ich verstand nicht, was sein Problem war!

„Ich mag ihn“, flüsterte Isa mir zu. „Er ist mutig.“

„Dumm“, korrigierte ich sie.

„Ich finde es nicht dumm. Er macht eben, was er will. Er setzt sich durch und lässt sich nichts sagen. Das macht nicht jeder. Dafür bewundere ich ihn sehr“, erklärte Isabel.

Sie hatte recht. Leider. Obwohl ich ihn nicht leiden konnte und sein Verhalten sinnlos fand, bewunderte ich ihn insgeheim auch für seinen Mut. Kaum jemand von uns hätte sich das getraut. Dennoch war es dumm.

Einfach nur dumm.

„Welche Fremdsprache hast du?“, fragte Jacob.

„Französisch“, antwortete Josh.

Immerhin. Ich lernte seit Jahren Latein in der Schule. Das war wichtig, weil ich Ärztin werden wollte.

„Und in welchem WPU-Kurs bist du?“, fragte Linda.

WPU bedeutete Wahlpflichtunterricht. Es gab verschiedene Kurse, die man belegen konnte. Darunter fand man für fast jeden etwas. Es gab Musik, darstellendes Spiel, Kulturwissenschaften und Naturwissenschaften, was ich natürlich hatte. Das half mir hoffentlich in anderen Fächern auch weiter.

„Keine Ahnung“, meinte Josh, sichtlich genervt.

Frau Spengel schaute in ihre Unterlagen und stellte fest, dass Josh Naturwissenschaften belegt hatte. Na toll. Wir waren im gleichen Kurs. Nach einem kurzen Verhör wussten wir, dass Josh keinen bilingualen Unterricht hatte und im Religionskurs war.

„Ich habe übrigens auch schon die Listen für den Förderunterricht in diesem Jahr und übernehme selbst das Fach Deutsch. Aus unserer Klasse möchte ich keinen sehen, außer Joshua. Deine Eltern haben dich bereits im Vorfeld angemeldet. Wenn sonst noch jemand diese Hilfe in Anspruch nehmen möchte, darf er das natürlich trotzdem, aber ich denke nicht, dass das nötig sein wird“, erzählte Frau Spengel.

Es wunderte mich nicht, dass Josh Nachhilfe brauchte.

Man sah ihm schon förmlich an, dass er keine guten Noten hatte. Traurig, aber wahr.

„Bevor ich euch jetzt euren Stundenplan gebe, habe ich noch die AG-Listen für euch“, sagte unsere Klassenlehrerin und gab uns die Zettel herum.

Obwohl ich in meinem Alltag viel zu tun hatte, fand ich trotzdem Zeit, bei einem deutschlandweiten Wettbewerb mitzumachen: Jugend debattiert. Begeistert nahm ich mir eine Liste und sah, dass die AG auch dieses Jahr wieder stattfand. Zum Glück.

„Und Liv? Wirst du dieses Jahr wieder mitmachen?“, fragte meine Lehrerin mich.

Sie richtete sich an den Rest der Klasse.

„Liv gehörte letztes Jahr zu den Besten in ganz Niedersachsen und hat es fast ins Bundesfinale geschafft.

Also ich finde, das ist einen kleinen Applaus wert“, sagte Frau Spengel und klatschte in die Hände.

Fast die ganze Klasse stimmte mit ein. Alle, außer einer: Josh. Er saß auf seinem Stuhl und sah mich an. Auch als ich zu ihm blickte, sah er nicht weg. Ich konnte nicht einschätzen, was ihm in diesem Moment durch den Kopf ging. Vermutlich etwas wie: So eine Streberin!

Die ersten beiden Stunden vergingen wie im Flug. Nach dem Organisatorischen hatten wir noch eine Rechtschreibwiederholung mit Frau Spengel. Das hatte meine Klasse auch wirklich nötig, obwohl ich genau wusste, dass sie das Gelernte sowieso nicht anwenden würden.

In der Pause ging ich zu den anderen aus meiner Klasse.

Sie waren draußen vor der Schule und unterhielten sich.

Manchmal redete ich mit, oft setzte ich mich aber einfach nur hin und hörte Musik oder las etwas. Sollte mein Handy Akku haben…

Als ich nach draußen ging, fiel mein Blick auf Josh. Er saß an der Bushaltestelle auf einer Mauer und rauchte.

„Er raucht?“, fragte ich überrascht in die Runde. „Wie alt ist er denn?“

„17“, antwortete Lea.

„Wie kann man denn mit 17 in der 10. sein?“, fragte ich.

„Er ist letztes Jahr sitzengeblieben und hatte erst vor kurzem Geburtstag“, erklärte Annie.

Ich schüttelte den Kopf. Er rauchte. Wie konnte man nur rauchen? Natürlich rauchten viele, weil sie Probleme hatten, aber ich hatte dafür trotzdem kein Verständnis.

„Wisst ihr denn, warum er die Schule gewechselt hat?“, fragte Isabel.

„Irgendein Problem mit Drogen oder so“, meinte Annie.

Ich runzelte die Stirn. Das wurde immer besser.

Anscheinend hatte er einen perfekten Lebenslauf.

„Mir hat er erzählt, dass er etwas mit einer Lehrerin hatte und als das herauskam, musste er die Schule wechseln“, erzählte Lea.

„Ich habe gehört, dass er die Lösungen für eine Klassenarbeit aus dem Lehrerzimmer geklaut hat“, meinte Jacob.

„Alles klar…“, murmelte ich und sah zu Joshua, der genussvoll an seiner Zigarette zog.

Wie konnte man nur so dämlich sein? Niemals würde ich mich mit einem Jungen abgeben, der so war wie Josh.

Was fanden die nur alle an ihm? Okay, er sah ganz gut aus und war cool. Aber im Kopf hatte er anscheinend nichts! Das merkte man doch sofort! Wie hatte er es bitte aufs Gymnasium geschafft?

„Scheinbar gibt es schon viele Gerüchte über ihn. Was denkst du denn?“, fragte Isabel mich.

„Keine Ahnung. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass er versucht hat, die Schule in Brand zu stecken. Zutrauen würde ich es ihm“, sagte ich.

„Was hast du eigentlich gegen ihn? Du kennst ihn doch gar nicht.“

„Ich kenne Jungs wie ihn. Er kümmert sich nicht um Dinge wie die Schule, fühlt sie wie der Coolste und spielt mit Mädchen.“

Ich spannte meinen Körper an, wie immer, wenn ich wütend wurde. Dieses Verhalten machte mich wütend.

Isabel lachte jedoch.

„Das hört sich aber eher nach Frustration an. Kann es sein, dass du dich ärgerst, weil du denkst, dass du keine Chance bei ihm hast?“, fragte sie.

„Niemals! Niemals würde ich mich mit einem Jungen wie ihm abgeben!“, widersprach ich.

Und das war mein voller Ernst. Wie kam sie nur darauf?

„Ich glaube, du findest ihn besser als du zugibst“, meinte Isa.

„Du hast eine blühende Fantasie, Isa. Wirklich.“

„Wer weiß! Vielleicht steckt hinter seiner Fassade eine herzergreifende Geschichte und er hat eigentlich eine ganz tolle Persönlichkeit“, sagte meine beste Freundin.

„Ja, klar…“, erwiderte ich ironisch.

„Mit deiner Einstellung nimmst du dir nur selbst die Chance, ihn kennenzulernen. Ich finde, du solltest ihn nicht so schnell abschießen. Schließlich kann man einen Menschen nicht nur nach dem Äußeren beurteilen“, sagte Isabel.

Hinter seinem Äußeren steckte sicher nicht mehr als ich vermutete. Vielleicht sah ich sogar noch zu viel in ihm.

Solche Jungen wie Josh kannte ich gut. Wahrscheinlich interessierten sich seine Eltern auch nicht für ihn und halfen ihm nicht in der Schule, er trank viel Alkohol, rauchte und hatte bestimmt auch schon Drogen genommen. Auf dieses Niveau wollte ich mich nicht herablassen. Ich war zu gut für solche Sachen.

Die ersten Tage des neuen Schuljahres vergingen und es tauchten immer neue Gerüchte über Josh auf: Er sollte angeblich einer Lehrerin Schlafmittel untergemischt haben. Es wurde auch erzählt, dass er in seine alte Schule eingebrochen war und einige Dinge beschädigt hatte.

Gerüchten zufolge hatte er außerdem Drogen auf dem Schulhof verkauft. Keine Ahnung, was davon stimmte, möglicherweise auch alles. Ich würde es ihm zutrauen.

In den ersten Tagen hatte ich weder unter vier Augen noch in der Gruppe mit Josh gesprochen. Ich hielt mich von ihm fern, was vermutlich auch besser so war. Seine Stimme hatte ich auch kaum gehört. Schließlich hörte ich nicht zu, wenn er mit den Anderen sprach. Im Unterricht beschäftigte er sich mit anderen Dingen, melden tat er sich nie. Aber da waren die meisten Anderen aus meiner Klasse auch nicht besser. Manchmal hatte ich das Gefühl, Einzelunterricht zu bekommen.

Die anderen Mädchen meiner Klasse waren nach wie vor begeistert von Joshua. Mir war klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis eine von ihnen seine Freundin wurde. Den ganzen Tag schwärmten sie von ihm, sagten, dass er so gut aussehen würde und so liebevoll war. Ich konnte nur darüber lachen. Angeblich waren auch schon die ersten Freundschaften seinetwegen zerbrochen. Die hatten Probleme, oder?

Isabel mochte Josh zum Glück nicht so sehr wie die anderen. Sie meinte, dass sie zwar begeistert von ihm war, sich aber nicht vorstellen könnte, etwas Ernstes mit ihm zu haben. So ganz nahm ich ihr das nicht ab, aber eigentlich war es mir egal. Es war ihr Problem.

Bald schon kam unsere erste Musikstunde mit unserer neuen Lehrerin Frau Evasburg. Sie war eine ältere Frau, deren Falten sich quer über ihr Gesicht erstreckten. Ihre grauen Haare hingen ihr glatt über die Schulter und eine Brille thronte auf ihrer Nase. Eine lange schwarze Kutte überdeckte ihren ganzen Körper.

Wie wir feststellten, war Frau Evasburg eine sehr selbstbewusste Frau, die uns sogleich dazu aufforderte, uns nicht alles von der Schule gefallen zu lassen. Meine Meinung dazu war ziemlich klar: Die Lehrer saßen am längeren Hebel, weshalb man sich lieber nicht gegen sie auflehnte. Das gab nur Probleme.

Außerdem verkündete sie uns, dass wir Referate über Komponisten halten würden: „Ihr werdet Referat halten. Immer zu zweit zu einem Komponisten. Wir losen aus, wer welchen bekommt. Ihr könnt dann noch kurz tauschen, aber nur, wenn beide Gruppen damit einverstanden sind. Klar? Findet euch dann jetzt zusammen, damit wir losen können.“

Ich seufzte. Das war immer mein Problem: einen Partner finden. Wenn ich Glück hatte, konnte ich mit Isabel arbeiten. Hatte ich Pech, arbeitete sie mit jemand Anderem und ich war alleine. Heute hatte ich Pech.

„Tut mir leid. Ich mache schon mit Annie“, hatte sie gesagt.

Toll. Jetzt hatte ich niemanden. Ich sah mich im Raum um, in der Hoffnung, noch einen guten Partner zu finden.

Alle hatten sich schon zusammengefunden und unterhielten sich. Nur einer saß alleine: Josh.

Zuerst griff ich nach meiner Wasserflasche und trank einen großen Schluck, um wieder klar denken zu können.

Ich musste mit Joshua zusammenarbeiten. Mein Blick ging noch einmal gründlicher durch den Raum. Ich überprüfte, ob jemand krank war. Leider nicht. Josh war der Einzige, der übrig war.

Ich war überfordert. Was sollte ich tun? Ich hatte noch nie mit ihm geredet! Meine erste Reaktion war ein Griff in meine Tasche. Ich holte ein Blatt Papier und einen Stift heraus und fing an, einen Brief zu schreiben. So musste ich nicht mit ihm reden.

Ich schüttelte den Kopf und zerknüllte den Zettel. Wieso stellte ich mich überhaupt so an? Er war auch nur ein Mensch! Ich würde einfach zu ihm gehen und mit ihm reden.

Dennoch war ich sehr nervös, als ich bei ihm ankam.

„Sieht so aus als wären wir jetzt Partner“, sagte ich.

„Dann stell dich schon mal darauf ein, das Referat alleine zu machen. Von mir kannst du keine Hilfe erwarten“, meinte Josh.

Ich sog scharf die Luft ein. Kaum zwei Worte hatte ich mit ihm gewechselt und er brachte mich schon zur Weißglut. Wie konnte man nur mit so einer Einstellung durchs Leben gehen? Er war zu faul, ein Referat zu machen und deswegen sollte ich alles übernehmen? Nicht mit mir! Bei anderen hätte ich freiwillig alles gemacht, weil ich wusste, dass sie mir helfen würden, wenn sie dürften. Aber seine Faulheit wollte ich nicht unterstützen.

„Hör mir mal zu! Das ist eine Partnerarbeit, also werden wir zusammenarbeiten! Ob du willst oder nicht, du wirst mir dabei helfen!“, sagte ich ihm.

Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, dass sich seine Miene verdunkelte, er mich mit finsteren Blicken ansah und irgendetwas Freches entgegensetzte. Aber nichts der Gleichen passierte. Josh saß einfach auf seinem Stuhl und sah mich an. Er war die Ruhe in Person, was mich nur noch wütender machte.

„Du hast mir gar nichts zu sagen. Und du kannst mich auch nicht dazu zwingen“, erwiderte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Damit hatte er recht. Ich konnte mit ihm reden, aber wenn er nicht mithelfen wollte, konnte ich ihn auch nicht zwingen. Er konnte tun und lassen, was er wollte.

„Du hast recht. Ich kann dich nicht zwingen, mit mir zu arbeiten, aber ich will nicht alles alleine machen“, sagte ich.

Bevor Josh noch etwas erwidern konnte, kam Frau Evasburg und hielt uns einen Beutel hin, in dem die Lose waren. Ich griff hinein und betete, dass ich meinen Lieblingskomponisten bekam. Als ich die Karte ansah, war ich enttäuscht. Bedrich Smetana.

Ich zeigte Josh das Ergebnis.

„Ist mir egal“, meinte er.

„Mir aber nicht!“, erwiderte ich. „Ich wollte unbedingt Beethoven haben.“

Ich sah mich im Raum um und hörte heraus, dass Jonas und Marc offenbar Beethoven hatten. Ich verstand mich mit beiden in der Regel sehr gut. Es gab noch Hoffnung.

Ich lief zu den beiden und fragte freundlich, ob wir nicht tauschen wollten.

„Smetana? Der hat Die Moldau geschrieben“, sagte Marc.

„Wollen wir jetzt tauschen?“, fragte ich.

„Nein, lieber nicht“, meinte Jonas.

Geknickt lief ich zurück zu Josh und seufzte.

„Du wolltest Beethoven unbedingt haben, oder?“, fragte mich mein Partner.

Ich sah ihn an und nickte.

Er verdrehte kurz die Augen, stand auf und lief zu Jonas und Marc. Verwirrt sah ich zu ihnen. Ich verstand nicht, was sie sagten und auch aus ihren Gesten konnte ich nicht viel deuten.

„Haben Jonas und Marc Beethoven?“, fragte mich Isabel.

Als ich bejahte, liefen sie und Annie ebenfalls zu den Jungs. Allerdings sah ich, dass sie sofort wieder abgewimmelt wurden, während Josh noch weiter mit Marc und Jonas verhandelte.

Wenige Minuten später kam er zurück und verkündete: „Jetzt hast du deinen Beethoven.“

Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen.

„Wie hast du das denn jetzt geschafft?“

„Was soll ich denn schon gemacht haben?“

„Hast du ihnen gedroht? Oder sie erpresst?“

Joshua fing an zu lachen.

„Ich habe ganz normal mit ihnen geredet und sie überzeugt. Aber ich finde es toll, was du für einen Eindruck von mir hast. Du wirst mir immer sympathischer“, sagte er.

„Das ist nicht witzig!“, erwiderte ich.

„Das sollte auch kein Witz sein.“

„Halt doch einfach die Klappe!“, zischte ich.

„Süß, wie aggressiv du wirst.“

Am liebsten wäre ich einfach gegangen. Ich wollte keine Minute länger mit ihm verbringen. Allerdings musste ich noch etwas klären.

„Ich möchte, dass wir das Referat gemeinsam machen.

Wir müssen auch gar nicht richtig zusammenarbeiten, wir können die Themen auch einfach aufteilen“, schlug ich vor.

Versöhnlich war vielleicht der richtige Weg, um mit Joshua umzugehen. Ich bezweifelte es allerdings.

„Ich werde nicht mitmachen“, sagte Josh.

Ich seufzte. Es würde schwierig werden, ihn zu überzeugen.

„Das ist aber eine Partnerarbeit und wir müssen das zusammen machen. Ich werde nicht akzeptieren, dass du nichts machst“, meinte ich.

„Liv…“

Ich war überrascht, dass er meinen Namen kannte.

Josh sah mich einfach an.

„Ich bitte dich. Ich werde auch ganz nett zu dir sein.

Komm doch einfach heute Nachmittag zu mir, dann können wir das zusammen machen!“, schlug ich vor.

„Wenn du mich dann nicht mehr nervst… Okay, dann komme ich eben zu dir. Aber erwarte nicht zu viel von mir!“

Ich war zugegeben schon stolz darauf, ihn überzeugt zu haben. Zwar tat er das eher, weil ich ihn nervte, aber immerhin.

„Heute habe ich aber keine Zeit. Morgen wäre besser“, sagte Josh.

„Dann sehen wir uns morgen Nachmittag bei mir. Ich gebe dir jetzt meine Adresse und meine Handynummer.

Du schreibst mich dann einfach an“, meinte ich, setzte mich genervt an meinen Platz zurück und schrieb ihm meine Daten auf.

Morgen würde Josh zu mir kommen. Dann würde dieses ganze Theater von vorne losgehen. Ich hatte keine Lust, ihn immer zehnmal zu etwas auffordern zu müssen. Und ich wusste schon, dass er sich gegen die Arbeit wehren würde. Ich kannte ihn kaum, aber dessen war ich mir sicher.

Isabel setzte sich neben mich.

„Was ist los? Musst du mit Josh arbeiten?“, fragte sie mich.

„Ja, ich konnte ihn überzeugen, mitzuarbeiten. Ich muss immerhin nicht alles alleine machen“, erklärte ich.

„Morgen kommt er zu mir.“

„Nein!“

„Doch. Es ist keine große Sache. Wir arbeiten an dem Referat und fertig. Aber ich sehe schon, dass es die Hölle wird!“

Isabel grinste mich an.

„Ich beneide dich gerade. Der hübscheste Junge des Jahrgangs kommt zu dir nach Hause. Sind deine Eltern da?“, fragte sie mich.

„Nein, und das ist auch überhaupt nicht wichtig. Ich muss mit ihm zusammenarbeiten! Das wird schrecklich!“

„Ich glaube, du wirst morgen Spaß haben“, meinte Isabel.

Ich widersprach: „Nein! Wir werden uns bestimmt die ganze Zeit streiten.

Wir sind total unterschiedlich, wir kommen aus anderen Welten.“

Ich war eine kleine Prinzessin. Ich lernte fleißig für die Schule, hatte viele Hobbys, gab immer mein Bestes, war anständig, hatte gute Manieren. Und Josh… Er war das komplette Gegenteil von mir! Ich würde bei der Arbeit die Zügel in die Hand nehmen müssen. Dieses Referat sollte perfekt werden, dafür würde ich schon sorgen.

Joshua musste mir helfen, er musste das tun, was ich ihm sagte. Nur so konnte eine Zusammenarbeit von zwei so unterschiedlichen Menschen funktionieren. Wenn es denn überhaupt funktionierte…

2.:

Am nächsten Tag kam ich früh von der Schule nach Hause. Ich ging in die Küche, wo ich meine Mutter vorfand. Sie kochte gerade Kaffee und holte sich eine Tasse aus dem Schrank.

„Hallo, Schätzchen. Hast du schon Schluss?“, fragte sie, als sie mich sah.

„Ja, der Nachmittagsunterricht ist ausgefallen. Was machst du schon hier?“, erwiderte ich verwirrt.

Am liebsten wäre es mir, wenn sie schnell wieder gehen würde. Sie sollte nicht mitbekommen, dass Josh zu uns kam.

„Ich wollte einen Kaffee trinken. Ich kann nicht lange bleiben, da ich gleich noch einen Termin habe. Tut mir leid, Engelchen“, erklärte sie.

Ich nickte. Das bedeutete, sie würde wohl nicht mitbekommen, dass Joshua mich besuchte.

Seufzend ging ich zur Kaffeemaschine. Das würde ein langer Nachmittag werden und ich brauchte Kaffee. Ich holte eine Tasse aus dem Schrank, welche mir meine Mutter sofort wieder aus der Hand nahm.

„Du hattest heute schon eine Tasse, Schätzchen. Du sollst nicht so viel Kaffee trinken“, sagte sie und füllte sich selbst etwas ein.

„Ich bin alt genug, um das selbst zu entscheiden. Ich weiß schon, was gut für mich ist“, antwortete ich.

„Nein, das weißt du eben nicht. Und deshalb brauchst du eine Hand, die dich führt“, erklärte meine Mutter.

Sie kam auf mich zu, gab mir einen Kuss auf die Stirn und setzte sich an den Küchentisch.

„Was hast du heute noch vor? Irgendetwas Interessantes?“, fragte meine Mama und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

Sie nippte vorsichtig an ihrer heißen Kaffeetasse, welche sie mit beiden Händen festhielt.

„Nein“, antwortete ich.

Meine Mutter runzelte die Stirn.

„Ich werde meine Hausaufgaben machen, ein wenig lernen. Mehr nicht“, sagte ich.

„Dann will ich dich mal nicht länger stören und gehe ins Wohnzimmer“, meinte sie und stand auf.

Ich rührte mich nicht von der Stelle, bis sie aus dem Raum war. Mein Unterbewusstsein sagte mir, dass ich ihr besser nicht von Josh erzählte. Sie war immer etwas…

neugierig, was meine Freunde betraf. Schließlich wollte sie nicht, dass ich auf die schiefe Bahn geriet. Josh war natürlich nur ein Mitschüler. Ich mochte ihn nicht und wollte nicht mit ihm arbeiten, aber es ging nicht anders.

Meine Eltern hatten nie besonders viel Zeit für mich. Sie mussten oft arbeiten. Zwar interessierten sie sich für mich und passten auch gut auf mich auf, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mich kaum kannten. Sie wussten nicht, wovon ich insgeheim träumte und welche Bedürfnisse ich hatte.

Eine Stunde später klingelte es schon an der Tür. Ich ging hin und traf, wie erwartet, auf Josh. Seine Kleidung war wie immer schwarz und unordentlich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Josh eines Tages einen Anzug tragen würde. Seine Haare hingen ihm einfach ins Gesicht. Man konnte sehen, dass er sich keine Mühe mit seinem Äußeren gegeben hatte. Es war ihm egal, was die Anderen von ihm hielten. Eigentlich war es keine schlechte Eigenschaft, aber mit einem guten Auftreten hatte man es leichter im Leben.

Ich ging einen Schritt zur Seite und ließ ihn eintreten.

Josh sah sich genauestens um. Unser Haus war schon groß. Meine Eltern waren Ärzte und verdienten viel Geld.

Daher fand man in unserem Haus natürlich auch eine luxuriöse Einrichtung. Ein weißes Ledersofa im Wohnzimmer und Gemälde an den Wänden. Andere Schmuckstücke wie Vasen oder Skulpturen hatten auch ihren Platz.

„Nette Hütte hast du hier“, meinte Josh.

Ich antwortete darauf nicht, sondern verschränkte nur meine Arme vor der Brust.

Josh nahm sich eine kleine Figur aus einem Regal und betrachtete sie. Sie stammte aus unserem Thailandurlaub vor zwei Jahren.

„Du hast gar nicht erwähnt, dass du Besuch bekommst.“

Ich drehte mich um und sah meine Mutter. Ihre Arme hatte sie verschränkt, die Beine waren eng zusammen. Sie warf Josh einen abschätzigen Blick zu. Ich hatte gedacht, sie wäre bereits gegangen.

„Würdest du bitte unsere Einrichtung dort lassen, wo sie ist?“, zischte sie Josh zu.

Genau wie sie es immer tat, spannte sie ihren Unterkiefer an. Trotz des negativen Eindrucks von meinem Referatspartner bemühte sie sich um Höflichkeit. So wie ich es auch tun würde.

Joshua stellte die Figur zurück ins Regal und sah meine Mutter an.

„Und wenn man bei jemandem zu Besuch ist, dann grüßt man diese Person. Oder hat man dir keine Manieren beigebracht?“

Sie sah meinen Gast fragend an, doch Joshua zeigte keine Reaktion. Er steckte seine Hände in die Hosentaschen und sagte nichts.

„Nein? Gut.“

Meine Mutter atmete tief durch und sah mich an.

„Liv, warum holst du mir diesen Typen ins Haus?“, fragte sie und musterte mich.

Sie mochte Josh nicht. Das hatte ich erwartet.

„Wir müssen zusammen ein Referat für die Schule machen“, erklärte ich.

„Warum… machst du es nicht mit Isabel?“

„Sie hatte schon einen Partner.“

Der Blick meiner Mutter wanderte ein letztes Mal zu Josh, bevor sie sagte: „Wir sprechen später darüber.“

Damit ging sie. Ich wusste nicht, ob ich glücklich oder traurig über ihre Abwesenheit sein sollte. Sie war wütend, weil ich ihr nicht gesagt hatte, dass ich Besuch bekam und das konnte ich verstehen. Ich verstand auch, dass sie Josh nicht mochte. Aber das war doch nicht meine Schuld, dass ich mit ihm arbeiten musste! Ich hatte es mir nicht ausgesucht!

„Komm. Wir gehen auf mein Zimmer“, sagte ich ohne Josh anzusehen und ging voran. Er folgte mir.

„Deine Mutter ist mir wirklich… sympathisch. Erinnert mich an meine“, meinte Josh, als wir vor meiner Tür standen.

„Halt die Klappe!“

Ich hatte sowieso schon schlechte Laune, weil ich Streit mit meiner Mutter hatte und auch noch mit dem größten Idioten der Schule zusammenarbeiten sollte, da musste er nicht auch noch blöde Sprüche reißen!

Josh lächelte jedoch über meinen Ärger.

In meinem Zimmer war wie immer alles perfekt organisiert. Im Regal standen alle meine Lieblingsbücher in alphabetischer Reihenfolge sortiert. Auf meinem Schreibtisch waren meine Lernutensilien und einige Papiere gestapelt. Mein Bett war ordentlich, ich machte es jeden Tag nach dem Aufstehen. Hinten an der Wand standen mein Keyboard und Sofa mit einem Tisch davor.

„Hübsch“, meinte Josh. „Sieht aus wie das Zimmer einer kleinen Prinzessin.“

Natürlich hatte mein Zimmer immer noch etwas von dem kleinen Mädchen, das ich mal gewesen war. Auf meinem Sofa saßen all meine Kuscheltiere und schauten uns an.

Meine Lampen hatten einen pinken Schirm und auch meine Bettdecke hatte eine rosa Farbe mit Prinzessinnen darauf.

Ich schämte mich nicht für mein Zimmer. Es verriet viel über mich und meine Vergangenheit. Darin fanden sich so viele Erinnerungen, dass ich mich manchmal einfach auf mein Bett setzte und all die Dinge betrachtete, die mir ins Auge fielen. Und dann dachte ich an die Geschichten hinter all diesen Dingen und die Erinnerungen, die ich damit verband.

„Wollen wir jetzt anfangen?“, fragte ich und holte aus einer Schublade meinen Laptop. Ich stellte ihn auf meinen Schreibtisch.

Josh schmiss sich auf mein perfekt gemachtes Bett.

„Von mir aus kann das noch warten. Wir könnten uns doch erst einmal unterhalten. Ich würde dich gerne näher kennenlernen“, sagte er.

„Du willst dich doch nur vor der Arbeit drücken“, erwiderte ich und klappte meinen Rechner auf.

Joshua fing an zu lachen.

„Du bist richtig klug.“

Er setzte sich auf.

„Was gefällt dir eigentlich an Jungs? Wie würde dein Traummann aussehen?“, fragte Josh.

„Ist die Frage ernst gemeint?“

„Ja.“

Obwohl das nur eine Ablenkung von unserer Arbeit war, ging ich auf seine Frage ein. Ich sah an die Decke und dachte nach.

„Er müsste ehrlich sein. Er sollte Anstand haben, gebildet und klug sein. Mich verstehen vor allem! Und er sollte nett und hilfsbereit sein“, erzählte ich.

Josh deutete lachend auf sich.

„Du beschreibst ja mich!“

„Klar!“, sagte ich ironisch. „Weil du auch so klug bist.“

„Das bin ich!“

„Du bist sitzengeblieben.“

Joshua seufzte.

„War ja klar, dass du das denkst. So sind alle Menschen.

Sie verurteilen jemanden, ohne auch nur ein Stück seiner Hintergrundgeschichte zu kennen“, sagte er.

Für einen Moment verspürte ich ein schlechtes Gewissen.

„Aber gut. Das kann ich sogar verstehen. Ich bin sitzengeblieben, also bin ich automatisch dumm. Damit kann ich leben“, meinte Josh.

„Besonders anständig und nett bist du aber auch nicht“, fuhr ich fort.

„Warum nicht? Ich bin nur ehrlich! Wenn mir jemand Steine in den Weg legt, bin ich natürlich nicht nett zu ihm. Wobei ich auch finde, dass nett sein nicht unbedingt eine gute Eigenschaft ist. Denk mal darüber nach!“, forderte Josh und nickte als wolle er andeuten, dass ich es dringend nötig hätte. „Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich nicht anständig bin?“

Ich erinnerte mich an die Gerüchte, die über Josh im Umlauf waren. Ob er wohl davon wusste?

„Darf ich dich mal etwas fragen?“, sagte ich zaghaft und ging auf mein Bett zu, auf dem Josh immer noch lag. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Beine übereinander gelegt, sah er mich an.

„Schieß los! Ich spreche über fast alles!“, meinte er.

„Warum bist du auf unsere Schule gewechselt?“, fragte ich.

„Warum fragst du?“, sprach er. „Wegen den Gerüchten, die es über mich gibt? Dass ich etwas mit meiner Lehrerin hatte oder Drogen auf dem Schulhof verkauft habe?“

Er fing an zu lachen.

„Du weißt davon?“, fragte ich.

„Natürlich! Ich habe mir diesen Mist doch ausgedacht!“, erklärte Josh.

Das verwirrte mich noch mehr. Ich kniff die Augen zusammen.

„Warum erzählst du so etwas?“, fragte ich.

„Einfach so. Ich fand es lustig und wollte mir auch einen gewissen Ruf verschaffen“, meinte er.

Dieser Typ war komisch. Wirklich komisch. Welcher normale Mensch erzählte bitte schlimme Geschichten über sich selbst?

„Und warum hast du dann wirklich die Schule gewechselt?“, fragte ich.

Ich war nur noch neugieriger geworden.

„Ich hatte schlechte Noten, bin sitzengeblieben, meine Eltern haben mich gezwungen, die Schule zu wechseln.

Mehr war das nicht. Keine große Sache“, erzählte Josh.

Ich nickte. Ich war mir trotzdem sicher, dass Josh sich an seiner alten Schule schlecht benommen haben musste.

Wenn ich ihn jetzt mit seiner Einstellung vor mir sitzen sah, war das glasklar.

„Gut!“, sagte ich. „Dann können wir jetzt mit unserem Referat anfangen.“

„Warte!“, meinte Josh und stand auf. „Willst du nicht noch wissen, was ich an Mädchen mag?“

„Nein… ehrlich gesagt nicht.“

„Okay, dann bringen wir es hinter uns. Ich habe nachher noch einen Termin“, erwähnte er.

„Was für einen Termin?“

„Geht dich nichts an.“

Ich nickte. Es interessierte mich auch nicht wirklich.

„Wir halten unser Referat über Beethoven. Ich habe hier die Liste mit allem, was unser Referat enthalten soll: Seinen Lebenslauf, seine Frau und Familie, berühmteste Stücke, Karriere,… Hörst du mir zu?“, fragte ich.

Während ich erklärte, hatte Josh sich ein Foto von meinem Nachttisch genommen. Darauf war ich mit meinen Eltern zusehen.

„Ja, leider tue ich das.“

Ich ging nicht weiter auf seinen Kommentar ein, sondern fuhr fort: „Ich kenne ein Stück von Beethoven, weiß aber den Titel nicht mehr.“

Als mein Blick durch den Raum ging, entdeckte ich mein Keyboard und lief hin.

„Es ging irgendwie so“, meinte ich und fing an zu spielen.

Nach den ersten paar Noten verspielte ich mich schon.

Ich verzog das Gesicht und versuchte es ein weiteres Mal.

Als es auch dieses Mal nicht funktionierte, schlug ich auf die Tasten. Ich ärgerte mich und ging vom Keyboard weg.

„Das ist Für Elise“, sagte Josh.

Er ging zum Keyboard.

„Lass mich mal versuchen!“, forderte er und stellte sich dahinter.

Ich lachte.

„Ich glaube kaum, dass du…“

In dem Moment, in dem Josh zu spielen anfing, stockte ich. Er spielte Beethovens Stück perfekt durch. Mir klappte die Kinnlade herunter.

„Zehn Jahre Klavierunterricht“, erklärte Joshua.

„Das wusste ich nicht“, erwiderte ich kleinlaut.

„Es gibt eine Menge Dinge, die du nicht über mich weißt“, meinte Josh.

Er sah auf seine Finger, die immer noch auf der Tastatur lagen, und war plötzlich ganz in sich gekehrt. Er sah mich nicht einmal an, während er erzählte: „Das ist das Lieblingsstück meiner Mutter. Ich habe es ihr früher jeden Abend vorgespielt. Jeden verdammten Abend.“

Er lachte kurz und schüttelte den Kopf. Ich ließ ihn nicht aus den Augen.

„Und warum machst du es heute nicht mehr?“, fragte ich vorsichtig nach.

Josh sah auf.

„Themawechsel!“, sagte er.

Damit hatte ich schon gerechnet. Aber mit dem Referat kamen wir nicht wirklich voran. Es lag nicht einmal daran, dass Josh sich zu sehr sträubte, wir wichen einfach immer vom Thema ab und Lust auf dieses Referat hatte ich im Moment auch nicht. Aber es musste eben gemacht werden.

„Weißt du irgendetwas über Für Elise?“, fragte ich.

Joshua schien dieses Stück gut zu kennen.

Er fuhr sich durch die Haare und dachte angestrengt nach.

„Ja… Er hat es für irgendeine Geliebte von sich geschrieben… Elisabeth oder so ähnlich“, antwortete Josh.

Diese Informationen brachten mich zwar auch nicht viel weiter, aber es war ein Anfang. Ich notierte es mir und zückte mein Handy.

„Elisabeth Röckel“, sagte ich und schrieb es gleich auf.

„Oder so“, murmelte Josh.

„Wie ich sehe hast du keine Sachen dabei, deshalb schlage ich vor, dass wir runtergehen, einige Seiten aus dem Internet ausdrucken und sie dann ausarbeiten. Okay?“, fragte ich.

Josh seufzte.

„Wenn es sein muss.“

„Ja, es muss sein! Das Referat macht sich schließlich nicht von alleine!“, erwiderte ich.

„Meinetwegen können wir auch gar kein Referat machen.“

„Was hast du denn bitte für eine Einstellung? Wie hast du es denn bisher auf dieser Schule geschafft? Ach ja, richtig!

Du bist ja sitzengeblieben!“

„Du hast keine Ahnung, warum ich sitzengeblieben bin!

Also halt einfach die Klappe!“, zischte er.

Er drehte sich von mir weg und ging zur Tür.

„Warum bist du es denn? Erklär es mir doch!“, sagte ich.