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Als Marcel und Jule sich kennenlernen, ist es Liebe auf den ersten Blick. Sie sieht in ihm sofort ihren Traumprinzen. Doch schnell wird klar, dass Marcel keine normale Beziehung möchte ...
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2018
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„Hallo, schöne Frau. Darf ich Sie mitnehmen?“ Ich drehte mich um und entdeckte den jungen Mann in meinem Alter. Er saß auf einem Motorrad und hielt seinen Helm in der Hand. Auf seinen Lippen lag ein sympathisches Lächeln. Seine braunen Haare waren verwuschelt und hingen ihm in die Stirn.
Er hatte mich mit seiner Frage so sehr überrumpelt, dass ich gar nicht wusste, was ich antworten sollte. Ich zog mein Handy aus der Tasche und sah auf die Uhrzeit. Tatsächlich war ich ziemlich spät dran und ich wollte am ersten Schultag nach den Sommerferien nicht zu spät kommen. Der junge Mann kam mir vertrauenswürdig vor und er war auch in meinem Alter, trotzdem zierte ich mich.
„Wohin fährst du denn?“, fragte ich.
„Zur Schule. Da musst du doch auch hin, oder?“ Er deutete auf meine Schultasche. Erst jetzt bemerkte ich den schwarzen Rucksack, den er auf dem Rücken trug.
„Du hast doch gar keinen zweiten Helm, oder?“, fragte ich.
„Es ist doch nicht weit. Ich bin außerdem ein sehr guter Fahrer.“
Ich seufzte. Sollte ich wirklich mit einem Fremden mitfahren?
„Ich kann dir auch meinen geben“, fügte er hinzu.
„Aber dann hast du keinen“, erwiderte ich lachend.
„Dann bin ich wirklich gezwungen, vorsichtig zu fahren.“
Ich seufzte noch einmal und überlegte.
„Na gut“, sagte ich. „Aber du fährst mich auch wirklich zur Schule!“
„Ich werde dich schon nicht entführen“, erwiderte er lachend.
Er nahm seinen Rucksack vom Rücken und setzte ihn andersherum wieder auf, sodass er vor seinem Bauch war. Ich schwang mich hinter ihm auf den Sitz und nahm den Helm entgegen.
„Noch nie hatte ich so ein hübsches Mädchen auf meinem Motorrad“, sagte er.
Ich musste ihm zugestehen, dass er charmant war und mir ein Lächeln entlockt hatte.
„Halt dich gut an mir fest!“, sagte er.
Ich setzte den Helm auf und legte meine Arme um seinen Körper. Da fuhr er auch schon los. Die Fahrt war angenehm. Er fuhr vorsichtig und langsam, wie er es versprochen hatte. Ich klammerte mich trotzdem an ihn, weil ich noch nie Motorrad gefahren war und etwas Angst hatte.
Wir waren aber schnell da. Er hielt am Haupteingang der Schule. Ich stieg ab und zog den Helm vom Kopf. Vermutlich war meine Frisur jetzt ruiniert. Ich versuchte, etwas zu retten, indem ich mir mit den Fingern durch die Haare fuhr. Er saß währenddessen auf seinem Motorrad und sah mir zu.
„In welche Klasse gehst du? Ich habe dich hier noch nie gesehen“, fragte ich.
„Das liegt daran, dass ich die Schule gewechselt habe. Das ist mein erster Tag. Ich komme in die 11., weiß aber nicht, in welche genau.“
„Ich gehe auch in die 11.“, sagte ich. „Dann werden wir uns bestimmt auf dem Flur mal sehen.“
Die Vorstellung, womöglich sogar Kurse mit ihm zu haben, erfüllte mich mit positiven Gefühlen. Ich drehte mich um und wollte gerade gehen, da sagte er:
„Hey, ähm... Kann ich vielleicht deine Nummer haben?“
Ich sah auf mein Handy.
„Ich muss leider wirklich los, aber wir sehen uns bestimmt noch.“
„Kannst du mir wenigstens deinen Namen verraten?“
„Jule“, sagte ich, drehte mich um und ging.
Ich biss mir auf die Unterlippe, um mein Grinsen zu unterdrücken. Das Schuljahr fing wirklich gut an.
*
„Jule!“
„May!“
Ich fiel meiner besten Freundin in die Arme. Wir waren im Flur vor unserem Klassenraum und umarmten uns lachend. Wie lange hatte ich sie nicht gesehen? Zwei Wochen? Drei? Ich hatte sie schrecklich vermisst und ihr viel zu erzählen.
„Wie waren deine Ferien?“, fragte sie.
„Super! Ich werde dir alles in Ruhe erzählen, aber du musst mir auch sagen, was bei dir so los war.
Wie war es denn in Italien?“
„Wunderschön. Das Eis dort ist so lecker!“
Sie erzählte mir von den Sehenswürdigkeiten, die sie sich angesehen hatte und dem leckeren Essen.
Ich hörte zu, sah aber immer wieder den Gang hinunter, wann unser Klassenlehrer kam.
Insgeheim hoffte ich, dass er in Begleitung war.
„Jule, hörst du mir noch zu?“, fragte May.
Ich sah sie entschuldigend an.
„Wo bist du mit deinen Gedanken?“, fragte sie lachend.
Ich lehnte mich verschwörerisch zu ihr hinüber.
„Ich glaube, wir bekommen heute einen neuen Schüler“, flüsterte ich.
Ihre Augen vergrößerten sich.
„Woher weißt du das?“
„Ich habe vorhin jemanden getroffen und da wir die kleinste Klasse sind...“
May grinste.
„Ist er süß?“
„Ein wenig. Ich weiß nicht, er war... charmant, aber nicht aufdringlich.“
„Hört sich doch gut an“, meinte sie schulterzuckend.
„Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er bei allen so ist.“
„Woher willst du das denn wissen?“
Ich seufzte.
„Entspann dich einfach!“, meinte May lachend.
Ich liebte ihre lockere, unbekümmerte Art.
Manchmal wünschte ich mir, ich könnte mich auch einfach entspannen und würde mir nicht alles immer so zu Herzen nehmen.
„Ist er das?“, fragte May.
Ich drehte mich um. Den Gang entlang kam unser Klassenlehrer in Begleitung des Jungen, der mich zur Schule gefahren hatte. Sofort lächelte ich. Ich hatte so sehr gehofft, dass er in unsere Klasse kam.
Anscheinend wurde mein Wunsch erhört.
„Wow, der ist echt heiß“, meinte May. „Passt gut zu dir.“
„Ach was! Ich bin glücklich alleine.“
„Das sagst du so, aber eigentlich sehnst du dich nach Liebe.“
„Dass ich das mal aus deinem Mund hören würde... Du bist doch sonst eher die Verfechterin von lockeren Romanzen.“
„Ja, ich schon, aber du... “
Wir hörten auf zu reden, als die beiden Herren bei uns ankamen. Während Herr Schmitz die Tür aufschloss, kam mein Fahrer von heute Morgen zu uns.
„Hey“, sagte er.
„Hey“, antwortete ich und schmunzelte.
Er war ein Stück größer als ich, sodass ich meinen Kopf hob, um ihm in die Augen zu sehen.
„Ich bin ein richtiger Glückspilz, was?“, fragte er.
„Ich hatte gehofft, in deine Klasse zu kommen.“
May stand immer noch neben uns. Sie sah zwischen uns hin und her und stupste mir dann in die Seite. Ich holte Luft, um etwas zu erwidern, da sagte er:
„Also, ich meine... weil du die Einzige bist, mit der ich hier überhaupt schon einmal gesprochen habe. In diesem Jahrgang zumindest.“
Mein Lächeln verschwand. Warum sagte er das? Warum korrigierte er eine so süße Aussage? Er hatte mich zum Lächeln gebracht, nahm es mir jedoch gleich wieder. Vorher hatte er darauf bestanden, dass ich mit ihm zur Schule fuhr. Dann hatte er mich lächelnd begrüßt. Und jetzt das.
„Darf ich mich neben dich setzen?“, fragte er und lächelte mich plötzlich wieder an.
Vermutlich war es ihm genauso unangenehm wie mir und jetzt versuchte er, es wieder aufzulockern.
„Gerne. Das ist übrigens May, meine beste Freundin“, stellte ich sie vor.
„Danke, dass du mich auch endlich mal erwähnst“, erwiderte sie lachend und schüttelte ihm die Hand. Mir entging nicht, dass sie ihn dabei von Kopf bis Fuß musterte.
Wir nahmen unsere Taschen, gingen in den Raum und suchten uns einen Platz am Fenster.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte ich, während ich zwischen ihm und May meinen Platz einrichtete.
„Marcel“, antwortete er.
„Schöner Name“, meinte May.
„Deiner aber auch“, erwiderte er augenzwinkernd.
Er lehnte sich zu mir herüber und flüsterte mir ins Ohr:
„Dein Name ist auch sehr schön.“
May grinste mich von der Seite vielsagend an. Sie malte sich wahrscheinlich schon aus, dass wir ein Traumpaar werden würden und prinzipiell hatte ich auch nichts dagegen. Er war süß, charmant und schien durchaus Interesse an mir zu haben.
*
Nachdem wir die ersten drei Stunden bei unserem Klassenlehrer gehabt hatten, hatten wir in der vierten Stunde Deutsch mit einer Lehrerin, die wir schon vom Vorjahr kannten. Ich mochte Frau Niemann, aber auf Marcel schien sie gar nicht gut zu sprechen zu sein. Als wir alle auf unseren Plätzen saßen, wanderte ihr Blick erst zu seinem Motorradhelm, der in der Fensterbank lag, dann zu Marcel selbst.
„Warst du etwa dieser Motorradfahrer heute Morgen?“, fragte sie und streifte wie ein Tiger zu unserem Platz.
Er antwortete nicht.
„Wer war deine Begleitung vorhin?“, fragte sie weiter.
„Sie... geht in eine der 10. Klassen“, log Marcel.
Frau Niemann nickte.
„Wie heißt du?“, fragte sie.
„Marcel.“
„Okay, Marcel. Dann habe ich eine erste kleine Aufgabe für dich. Du schreibst bitte bis zur nächsten Stunde eine Seite darüber, warum es unklug ist, ohne Helm Motorrad zu fahren. Such dir gerne dazu ein paar Statistiken aus dem Internet.“
Er sagte erst einmal einen Moment lang nichts und dachte nach.
„Es war auch nur eine besondere Situation...“
„Ich verstehe schon. Du hattest ein Mädchen dabei.
Trotzdem erwarte ich deinen Text. Gib dir Mühe!“
„Gut, werde ich!“
Frau Niemann drehte sich um und ging zum Lehrerpult zurück.
„Es ist unklug, es sich gleich am ersten Tag mit den Lehrern zu verscherzen“, sagte Marcel. „Ich werde einen super Text schreiben, der sie begeistern wird.“
Ich bemerkte, wie einige zu uns hinübersahen.
Nach dieser Ansage war das verständlich, aber ich fühlte mich trotzdem unwohl. May stupste mich von der Seite an.
„Warst du das etwa, die mitgefahren ist?“, flüsterte sie.
Ich biss mir auf die Unterlippe und nickte.
„Das glaube ich nicht... Du kennst ihn gar nicht.
Wieso hast du das gemacht?“
Marcel lehnte sich ebenfalls zu uns hinüber, als würde ihn die Antwort interessieren.
„Keine Ahnung. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihm vertrauen kann.“
Er schmunzelte nur, May hingegen guckte mich wissend an.
„Genau... und nicht etwa, weil er dir gefällt“, flüsterte sie.
Ich sah zu ihm, aber er schrieb sich gerade etwas auf, was Frau Niemann sagte. Hoffentlich hatte er das nicht gehört...
*
Die große Pause verbrachte ich wie immer bei dem Rest unserer Klasse an unserem Stammplatz.
Marcel war auch da und auch wenn wir nicht miteinander redeten, trafen sich unsere Blicke immer wieder. Er unterhielt sich viel mit den anderen Mädchen und sie lachten, aber ich spürte, dass das mit uns anders war. Ich mochte das Lächeln, das er auflegte, sobald er mich ansah.
Trotzdem spürte ich jedes Mal einen kleinen Stich im Herzen, wenn er Lillith zum Lachen brachte.
Ich hasste sie nicht, aber wirklich gut leiden konnte ich sie auch nicht. Wie aufgesetzt sie sich durch die langen, blonden Haare fuhr und lächelte. Ich hätte kotzen können. Es war so offensichtlich, was sie versuchte.
Nachdem wir uns längere Zeit angesehen hatten, verabschiedete er sich von Lillith und ihrem Schoßhündchen Larissa und kam zu mir herüber.
„Hey“, sagte er lächelnd.
„Hey“, erwiderte ich.
Mir gefiel, was da zwischen uns war. Wir waren auf keinen Fall ineinander verliebt, aber gegenseitiges Interesse war schon da.
„Ich habe gehört, du bist ziemlich gut in Deutsch...“, sagte Marcel.
„Du... hast mit ihnen über mich geredet?“, fragte ich.
Er lachte.
„Stört dich das?“
„Nein, ich bin nur überrascht.“
„Also, ich wollte fragen, ob du mir vielleicht etwas Nachhilfe geben kannst. Auf meiner alten Schule war ich wirklich schlecht und hatte wegen meiner Rechtschreibung auch häufig Streitigkeiten mit Lehrern. Was sagst du?“
Ich musste nicht lange über die Frage nachdenken.
„Klar, ich helfe dir gerne!“
„Cool, danke. Möchtest du morgen zu mir kommen?“
„Wenn du mir deine Adresse gibst...“
„Du könntest mir auch endlich deine Nummer geben, dann schreibe ich sie dir.“
„Na gut“, sagte ich lächelnd und holte mein Handy aus meiner Hosentasche.
Während ich ihm die Ziffern meiner Nummer diktierte, tippte er sie ein. Ich freute mich, dass er jetzt die Möglichkeit hatte, mich zu erreichen.
Hoffentlich würde er mir bald schreiben.
*
Wir trafen uns allerdings nicht wie geplant bei Marcel, sondern bei mir. Das war auch der Grund dafür, dass ich jetzt hastig mein Zimmer aufräumte, anstatt mit meiner Mutter zu essen. Ich packte meine herumfliegenden Klamotten in den Schrank, irgendwelche Blätter in irgendwelche Schubladen und machte mein Bett.
Ich hörte ein Klopfen im Türrahmen und fuhr herum. Meine Mutter kam herein und musterte mich voller Fürsorge. In ihrer Hand hatte sie einen Teller mit Nudeln.
„Ich bringe dir das Mittagessen nach oben“, sagte sie lächelnd und stellte es auf den Schreibtisch.
Bevor sie wieder ging, sah sie mich noch einmal an und runzelte die Stirn.
„Wer kommt denn eigentlich so Wichtiges?“ Ich strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr und biss mir auf die Unterlippe.
„Er heißt Marcel und ist neu in unserer Klasse. Ich helfe ihm ein bisschen in Deutsch“, erklärte ich.
Meine Mutter seufzte und fuhr sich durch ihre langen braunen Haare. Die hatte ich von ihr.
„Es geht also um einen Jungen...“
Sie kam auf mich zu und zog mich zu sich an die Brust.
„Liebe ist etwas Wunderschönes, aber sie sorgt manchmal dafür, dass man die wichtigen Dinge aus den Augen verliert. Pass bitte auf dich auf, okay?“
„Natürlich“, murmelte ich.
Sie streichelte mir über den Kopf, wie sie es früher immer getan hatte, als ich noch ein kleines Kind war, das im Bett gelegen hatte und nicht schlafen wollte. Dann hatte sie mir immer ein Schlaflied vorgesungen. Ich war so begeistert von ihrer Stimme gewesen und nahezu sofort eingeschlafen.
Meine Mutter war sehr wichtig für mich und ich freute mich, dass sie mich unterstützte.
Als sie gegangen war, schlang ich mein Essen herunter und räumte weiter auf. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass wir uns bei Marcel treffen würden, aber heute in der Schule hatte er aus heiterem Himmel gefragt, ob er mich besuchen könnte. Den Grund dafür hat er nicht genannt.
Nicht direkt. Ich hatte den Eindruck, dass er sich nicht wohl bei dem Gedanken fühlte, mich in sein Reich zu lassen. Aber das war nur ein Gefühl.
Mir bedeutete mein Zuhause nicht so viel. Es war ein Reihenhaus in einem ruhigen Teil der Stadt.
Wir waren hier eingezogen, als ich noch sehr jung gewesen war. Ich hatte immer in einer Spielstraße mit anderen Kindern gespielt oder mit Kreide gemalt. Aber seit mein Bruder vor einem Jahr ausgezogen war, um zu studieren, fühlte es sich anders an. Das Haus war so leer ohne ihn. Für mich war es mittlerweile auch eher ein Übergangsheim. Bald schon würde ich ebenfalls studieren und höchstwahrscheinlich in eine Wohnung ziehen.
Das Klingeln unterbrach mich beim Aufräumen.
Ich packte die letzten Zettel in eine Schublade meines Schreibtisches und lief die Treppe hinunter. Bevor ich ins Wohnzimmer ging, fuhr ich mir mit den Händen noch einmal durch die Haare und strich meine Kleidung glatt.
Meine Mutter stand im Raum und unterhielt sich mit Marcel. Als ich zu ihnen ging, musterte er mich. Ich fragte mich, ob ich mich nicht besser umgezogen hätte. Ich trug immer noch die gleichen Sachen wie in der Schule vorhin, aber Marcel schien das nicht zu stören. Er lächelte mich an und begrüßte mich zurückhaltend.
„Mein Liebling, ich gehe jetzt einkaufen“, sagte meine Mutter und legte mir eine Hand auf den Rücken. „Wir brauchen noch Käse und Eier und Milch...“
Ich wusste nicht, ob sie wirklich vorhatte, heute einkaufen zu gehen, oder mich nur mit Marcel alleine lassen wollte. In jedem Fall war ich ihr sehr dankbar, dass sie mir peinliche Szenen ersparte.
Allerdings war dafür ohnehin mehr mein Vater zuständig.
„Bis nachher, mein Schatz“, sagte meine Mutter und zwinkerte mir zu.
Sie verließ den Raum und ich spielte mit meinen Fingern und sah auf den Boden.
„Und? Hast du eine Idee, was wir jetzt machen können?“
Marcel wirkte kein bisschen unsicher auf mich, obwohl er zum ersten Mal hier war und sich gar nicht auskannte.
„Ich dachte, du wolltest an deiner Rechtschreibung arbeiten...“
Er machte eine abschweifende Handbewegung und lächelte.
„Wir wissen doch beide, dass ich dich nicht deshalb nach Nachhilfe gefragt habe.“
Kam es mir nur so vor oder wurde es plötzlich wärmer im Zimmer?
„Warum denn sonst?“, fragte ich atemlos.
Er legte eine Hand an meine Wange und sah mir in die Augen. Marcel öffnete den Mund, um etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber anders und entfernte sich von mir.
„Ich glaube, das weißt du schon“, meinte er.
Ich versuchte, mich auf die ursprüngliche Frage zu konzentrieren, und überlegte, was wir machen konnten. Am besten etwas, bei dem man sich gut unterhalten konnte. Mein Blick fiel auf unseren kleinen Schuppen im Garten.
„Wie wäre es mit Badminton?“, fragte ich und öffnete die Schiebetür zur Terrasse.
„Klingt gut.“
Ich ging voran zum Schuppen. Die schönen Rosen, die meine Mutter daneben gepflanzt hatte, versprühten ihren Duft. Die Vögel zwitscherten und nur vereinzelt hörte man ein Auto von der Straße. Es war angenehm warm, aber die Sonne war hinter den Wolken verschwunden, sodass sie uns nicht blendete. Perfekt zum Spielen.
Ich gab Marcel einen Schläger und nahm selbst auch einen. Er machte einen Aufschlag von oben, aber ich bekam den Ball nicht. Während ich zu meinem Aufschlag ansetzte, sagte ich:
„Eigentlich schlägt man beim Badminton von unten auf. Das weiß ich von meinem Bruder. Er hat früher im Verein gespielt.“
„Oh, ich spiele Tennis und bin es daher gewohnt, von oben aufzuschlagen. Wie alt ist denn dein Bruder?“
Marcel schlug den Ball zurück und es entstand ein toller Ballwechsel.
„19. Er studiert in Frankfurt.“
„Vermisst du ihn?“
Ich bekam den Ball nicht mehr und ärgerte mich.
„Manchmal, aber er kommt uns bald besuchen...
Und du spielst also Tennis?“
Ich schlug erneut auf.
„Seit fünf Jahren. Was ist mit dir? Was sind deine Hobbys?“
Ich lächelte beschämt.
„Ich mache Handlettering, Kalligrafie und so ein Zeug...“
„Also, du malst mit Buchstaben?“, fragte er.
„So könnte man es auch sagen“, meinte ich.
„Hast du ein Beispiel hier? In deinem Zimmer hast du doch bestimmt Bilder von dir.“
Ich sah ihn unsicher an. Natürlich hatte ich Beispiele da, aber ich war mir nicht sicher, ob ich sie ihm zeigen wollte. Was, wenn sie ihm nicht gefielen? Er sie grauenhaft fand? Ich mochte ihn und wollte vor ihm gut dastehen.
„Komm schon! So schlimm werden sie nicht sein, oder?“
„Wir spielen doch gerade...“, meinte ich.
„Bitte... Ich bin wirklich neugierig darauf.“
„Na schön“, sagte ich und seufzte.
Ich sammelte unsere Schläger und den Ball wieder ein und brachte alles in den Schuppen. Wie gerne hätte ich noch weitergespielt, aber ich war auch neugierig darauf, was er zu meinen Bildern sagen würde. Eigentlich war ich mir fast schon sicher, dass er sie loben würde, ganz egal, wie er sie wirklich fand.
In meinem Zimmer angekommen freute ich mich erst einmal, dass ich aufgeräumt hatte und nicht mehr meine Klamotten verstreut herumlagen.
Allerdings war es trotzdem nicht wirklich ordentlich. Ich wusste gar nicht genau, wo ich meine Zeichnungen hatte. Also durchsuchte ich alle Schubladen, bis ich ein paar Zettel in den Händen hielt. Ich reichte sie ihm und kaute nervös auf meiner Unterlippe.
Marcel sah sie todernst durch, als müsste er jedes von ihnen gleich benoten.
„Ein Leben ohne Liebe ist wie ein Baum ohne
Blätter...“, las er vor. „Das ist wirklich schön.“
Er lächelte nicht. Nicht einmal ein Schmunzeln kam über seine Lippen.
„Du wirkst aber nicht so, als würde es dir wirklich gefallen“, sagte ich.
Marcel sah mich nicht an, während er antwortete:
„Du hast es schön geschrieben. Den Inhalt... sehe ich kritisch.“
Noch bevor ich nachfragen konnte, wie er das meinte, fuhr er fort:
„Du kannst das viel besser als meine Exfreundin.
Sie hat das auch immer gemacht.“
„Deine Ex?“, fragte ich nach.
Er nickte.
„Sie hat Kalligrafie geliebt. Überhaupt seht ihr euch sehr ähnlich.“
Marcel drückte mir die Zettel wieder in die Hand.
Ich sah ihn nur unsicher an.
„Das war ein Kompliment“, fügte er hinzu und ging im Raum umher.
„Und deine Ex... Wie lange wart ihr denn zusammen?“, fragte ich vorsichtig.
Er stand am Fenster und sah nach draußen in den Garten.
„Lass uns lieber nicht über meine Ex reden. Wir haben zwar kein Date, aber... ich möchte es nur ungern.“
Jetzt drehte Marcel sich um und lächelte mich an.
Er setzte sich auf mein Bett und klopfte neben sich auf die Matratze. Ich nahm Platz und sah ihn an.
Marcel musterte mich und schmunzelte wieder.
„Von Nahem bist du noch hübscher“, sagte er.
Ich versuchte, mein breites Grinsen zu unterdrücken.
„Und dein Lächeln gefällt mir auch.“
„Kannst du bitte aufhören, mich so in Verlegenheit zu bringen?“
„Okay, dann beantworte mir doch eine Frage!“
„Welche?“
Er sah mich einen Moment lang an.
„Glaubst du an die große Liebe?“
„Wieso willst du das wissen?“
„Kannst du nicht einfach antworten?“
Ich überlegte einige Sekunden.
„Ja.“
Er lachte.
„Du etwa nicht?“
„Nein, ich glaube nicht an so etwas. Ich denke, dass man manchmal Glück hat und jemanden findet, mit dem man gut zusammenpasst.
Manchmal trifft man auch mehrere im Laufe des Lebens. Aber ich denke nicht, dass es für jeden den einen Partner gibt und man sich irgendwann findet.“
„Keine Ahnung. Ich finde die Vorstellung sehr beruhigend.“
„Wie meinst du das?“, fragte er.
„Mit der Vorstellung von der großen Liebe geht die Vorstellung des Schicksals einher, meiner Meinung nach. Neo sagt, dass er den Gedanken nicht erträgt, sein Leben nicht selbst in der Hand zu haben...“
„Neo? Du hast Matrix gesehen?“, unterbrach er mich.
„Klar, ich finde den Film super interessant.“
„Ich dachte, du würdest eher Liebesfilme schauen...“
Ich verdrehte die Augen.
„Schön, was du für ein Bild von mir hast“, meinte ich. „Na, jedenfalls finde ich die Vorstellung von Schicksal auch beruhigend. Irgendwie wird sich alles regeln, also muss ich mir keine Sorgen machen.“
„Du meinst, so wie Menschen, die Angst vor dem Tod haben und deswegen an ein Leben danach glauben?“
„Ja, genau!“
Er sah mir in die Augen und fasste mit einer Hand vorsichtig an meine Wange. Ich atmete sofort schneller. Er war ganz weich, fast wie Seide. Aber gefiel mir. Ich fühlte mich wohl, deshalb durfte er mich gerne weiter so berühren.
„Warum hast du mich das gefragt?“, flüsterte ich.
„Weil ich dich kennenlernen möchte“, antwortete er. „Ich wollte wissen, wie du die Welt siehst, wie du denkst...“
Seine Hand strich durch meine Haare über meinen Hals bis in meinen Nacken. Ich legte den Kopf zur Seite und genoss seine Berührungen.
„Mir gefällt, wie du denkst“, flüsterte er.
„Freut mich“, antwortete ich atemlos.
Er atmete tief ein und aus.
„Und glaubst du, dass du deine große Liebe gefunden hast?“, fragte Marcel so leise, dass ich ihn kaum hören konnte.
Ich sah ihm in seine wunderschönen grünen Augen, die mich an helles Gras im Sommer erinnerten. Wie gefesselt lehnte ich mich nach vorne. Marcels Blick ging von meinen Augen zu meinen Lippen und wieder zurück.
„Ich... weiß nicht“, hauchte ich, bevor ich die Lücke zwischen uns schloss.
Er küsste mich zuerst vorsichtig, als wollte er austesten, wie ich darauf reagierte. Dann wurde er immer forscher und verlangender. Ich seufzte und legte eine Hand auf seine Schulter. Langsam fuhr ich über seinen Hals in seine weichen Haare und krallte mich darin fest.
Marcel hatte offensichtlich Erfahrung. So gut hätte er sonst nicht küssen können. Ich ließ mich einfach von ihm führen und genoss jede Sekunde, die er mich küsste. Am liebsten hätte ich Ewigkeiten so weiter gemacht und auch ihm schien es zu gefallen. Seine zweite Hand legte er vorsichtig an meine Taille. Ich fühlte mich wie gefangen in seinem Griff, aber wenn er diese Gefühle in mir auslöste, war ich gerne seine Gefangene.
Zugegeben, ich hatte nicht viel Erfahrung im Küssen, aber das war trotz allem der schönste Kuss meines Lebens. Noch nie hatte ich so viele Schmetterlinge im Bauch gespürt. Noch nie hatte mich jemand so intensiv geküsst. Normalerweise hasste ich es, wenn jemand meine Haare anfasste, aber bei Marcel war das anders. Es gefiel mir, wie er darin herumwühlte und mich zum Seufzen brachte.
Ich wusste gar nicht, wer sich zuerst löste, aber irgendwann saßen wir nebeneinander und rangen um Atem. Marcel lächelte mich an und ich lächelte zurück.
„Was sagst du?“, fragte er.
„Ich...“
Ich schüttelte den Kopf. Mir fehlten die Worte.
„Dann habe ich ja alles richtig gemacht.“
Und wie! Absolut perfekt. Ich hatte nichts zu meckern.
„Wo hast du das gelernt?“, fragte ich lachend.
Er strich sich durch die Haare und sah verlegen auf den Boden. Dann stand er lächelnd auf.
„Du kannst gerne noch mehr haben, wenn du willst...“
„Bild dir bloß nicht zu viel ein“, meinte ich lachend und tat es ihm nach.
Er strich mir ein weiteres Mal durch meine braunen Haare.
„Dein Temperament gefällt mir auch gut.“
„Und mir gefällt dein Charme“, erwiderte ich.
Marcel sah mir in die Augen und lehnte sich nach vorne, als wollte er mich erneut küssen, aber dann kehrte er wieder in die Ausgangsposition zurück, als hätte er es sich anders überlegt.
„Nein, wir sollten jetzt wirklich Deutsch üben.
Meine Rechtschreibung ist grauenhaft, das war keine Lüge.“
„War ich so schlecht?“, fragte ich lachend.
Er legte beide Hände an meine Wangen und sah mir in die Augen.
„Du küsst wundervoll, aber ich möchte mich wirklich verbessern. Was du nicht weißt, ist, dass ich einmal sitzengeblieben bin. In die 11. wurde ich gerade so versetzt. Ich will das wieder in den Griff kriegen und dabei brauche ich deine Hilfe“, erklärte er.
„Wow, ich wusste nicht, dass es dir so ernst ist.“
Ich holte aus meiner Schultasche einen Block, nahm einen Stift von meinem Schreibtisch und drückte beides Marcel in die Hand.
„Dann fangen wir mit einem Übungsdiktat an.“
„... und dann hat er mich geküsst“, beendete ich meine Erzählung.
„Er hat dich geküsst?“, wiederholte May. „Der meint es aber ernst mit dir...“
Sie kickte einen Stein mit ihrem Fuß weg. Wir waren gerade auf dem Schulhof vor der ersten Stunde. Hier waren wir alleine und keiner konnte zuhören.
„Ich weiß! Ist das nicht wunderbar? Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ein Junge wirklich Interesse an mir hat!“ Sie lächelte und kam auf mich zu. Bei jedem Schritt wippten ihre blonden Locken.
„Ich freue mich so für dich“, sagte sie.
Verträumt sah sie in den Himmel und seufzte.
„Er ist schon echt süß, oder?“, fragte sie.
„May?“
Ich wartete, bis sie mir in die Augen sah. Was ich ihr sagen wollte, war mir ernst, deshalb wollte ich ihre volle Aufmerksamkeit.
„Was denn?“, fragte sie besorgt, als sie meinen Blick sah.
„Er ist meiner, okay?“
„Natürlich!“
„Immer sind alle Jungs in dich verliebt, aber Marcel ist meiner. Den wirst du mir nicht wegnehmen.“
May nahm meine Hände und legte ihren Kopf schräg.
„Jule, entspann dich! Wenn du so verbissen an die Sache herangehst, verschreckst du ihn! Ich werde mich nicht einmischen, sondern dir nur helfen.
Versprochen!“ Ich seufzte. Sie hatte deutlich mehr Erfahrung in diesen Dingen und vielleicht konnte ich noch etwas von ihr lernen.
„Jetzt ist ganz wichtig, dass du dich rar machst“, sagte May. „Er soll doch nicht denken, dass du leicht zu haben bist. Dass du dich so schnell küssen lassen hast...“
Sie dachte nach.
„Das ist schon kritisch.“
„Hätte ich das nicht tun sollen?“
„Nein, ist alles gut. Aber jetzt darfst du dich ihm auf keinen Fall an den Hals werfen. Das schreckt ihn ab! Er muss jetzt auf dich zukommen.
Verstanden?“
„Verstanden. Danke, May!“
Ich nahm sie in den Arm.
„Gerne, doch. Ihr seid so ein süßes Paar. Aber Jule?“
Sie löste sich von mir und sah mich an.
„Ja?“
„Mach dich locker!“
Ich nickte. Wie gut, dass ich May hatte. Ich hatte sie beim Schwimmunterricht kennengelernt und auf dem Gymnasium wiedergetroffen. Wir kamen beide alleine in die Klasse ohne andere Schüler von unseren Grundschulen. Es war wohl einfach Schicksal, dass wir immer wieder aufeinander trafen.
In den Herbstferien wollten wir sogar vier Tage zusammen in ein Ferienhaus fahren. May redete pausenlos davon. Sie liebte es, Dinge zu organisieren, weshalb sie die Leitung unseres Trips übernahm. Außer uns sollte noch Erik mitkommen, ein Freund von May, mit dem sie zusammen Rhönrad trainierte. Außerdem wollte ich meinen Bruder mitnehmen, aber er wusste noch nichts von seinem Glück.
Leider dauerte es noch ein Vierteljahr, bis wir zusammen wegfuhren. May zählte schon die Tage.
*
Als wir zu zweit zum Klassenraum gingen, war Marcel schon da. Er war bei Cedric, einem Jungen, den ich auch gut leiden konnte. Er war zwar etwas unorganisiert und zerstreut, was mir sofort wieder in den Sinn kam, als ich sah, dass er zwei verschiedene Socken trug und noch Zahnpasta am Kinn hatte. Marcel wies ihn offensichtlich freundlich darauf hin, da er sich nun sauber machte.
Ich freute mich, Marcel zu sehen, aber im gleichen Atemzug überkam mich ein ungutes Gefühl. Mir wurde richtig mulmig, weil ich nicht wusste, was er jetzt dachte, da wir uns geküsst hatten. Hatte er vielleicht gar kein Interesse mehr an mir, nachdem er sein Ziel erreicht hatte? Ging es ihm womöglich nur darum, mich „klarzumachen“?
Aber meine Sorgen waren vollkommen unbegründet. Als Marcel mich sah, lächelte er mir sofort liebevoll zu, was mich erröten ließ. Er zwinkerte mir zu und ich strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Ich lehnte mich gegen die Wand und sah mich um, ob mich jemand beobachtete. Ich hatte das Gefühl, mich lächerlich zu machen, aber es war schön, so frisch verknallt zu sein. Augenblicklich musste ich wieder an unseren Kuss denken und biss mir auf die Unterlippe, um nicht wie eine Bekloppte zu grinsen. Ich konnte gar nichts dagegen tun, ich war wirklich glücklich.
Marcel verabschiedete sich von Cedric und kam zu mir herüber. Mein Herz klopfte schneller mit jedem Schritt, den er ging. Wie in Zeitlupe näherte er sich mir und sah mir dabei in die Augen.
„Hey“, sagte er und umarmte mich.
Während er sich herunterbeugte, fiel mir auf, wie groß und kräftig er im Gegensatz zu mir war. Da kam ich mir gleich wieder schwach vor.
„Hey“, sagte ich.
Ich hatte das Gefühl, mich furchtbar heiser anzuhören, und räusperte mich.
Marcel musterte mich ganz genau, als müsste er in der nächsten Stunde eine Charakterisierung über mich schreiben. Was er da wohl reinschreiben würde? Jule ist ein 16jähriges Mädchen, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie bis über beide Ohren verknallt ist, sich dabei durchgehend lächerlich macht und nicht einen ganzen Satz herausbringen kann, ohne vor Nervosität zu stottern.
Ich schüttelte den Kopf. Locker machen. So hatte May es mir doch gesagt.
„Wie geht es dir?“, fragte Marcel.
„Sehr gut“, antwortete ich.
Gerne hätte ich irgendetwas Cooles gesagt oder mit ihm geflirtet, aber mein Kopf war leer. Ich versuchte nur, mein wild klopfendes Herz unter Kontrolle zu bringen. Ob er es hören konnte?
„Und dir?“, fragte ich.
„Ziemlich gut, seit wir uns gestern getroffen haben...“, sagte er und sah verlegen lächelnd auf den Boden.
Wieder machte mein Herz einen Satz. War er wirklich auch so nervös wie ich? Die Vorstellung, er wäre genauso verknallt, beflügelte mich.
Marcel beugte sich zu mir und ich hielt die Luft an.
„Ich kann seit gestern an nichts anderes als an dich denken...“, flüsterte er mir ins Ohr.
Als er sich wieder entfernte, lag wieder dieses typische, einfühlsame Lächeln auf seinen Lippen, bei dem ich mich immer begehrt, geborgen und geliebt fühlte.
„Geht mir genauso!“, sagte ich viel zu laut.
Ich dachte wieder an Mays Worte und hätte mir am liebsten mit der Hand vor die Stirn geschlagen.
Ich sollte mich rar machen und ihm zeigen, dass er sich um mich bemühen musste. Um nicht zu blöd dazustehen, atmete ich tief durch und sagte:
„Ich hoffe, du konntest gestern noch etwas lernen.“
„Oh, ja! Ich habe zu Hause noch einmal das wiederholt, was wir zusammen erarbeitet haben.“
„Echt?“, fragte ich. „Für diesen Fleiß kriegst du einen Sticker.“
Er lachte.
„Danke, Frau Lehrerin, aber Sie haben Ihren Job eben sehr gut erfüllt. Du hast es echt geschafft, mich sogar ein bisschen zum Lernen zu motivieren.“
„Du musst doch mit mir zusammen das Abi machen! Ich kann nicht zulassen, dass du vorher sitzenbleibst.“
„Ich glaube, das habe ich auch nötig.“
Ich sah ihn verwirrt an.
„Ich schätze, ich brauche gerade jemanden, der mich ein bisschen antreibt.“
Marcel seufzte und ich hatte das Gefühl, dass er mit diesem Seufzer all seinen Schmerz, seine Trauer und seine negativen Gedanken rauslassen wollte. Ich schluckte, riss mich aber zusammen.
„Alles okay?“, fragte ich.
Er hob den Kopf und sah mich so überrascht an, als hätte er vergessen, dass ich da war.
„Ja, ich habe nur... an etwas gedacht.“
Ich lachte, um die Situation etwas aufzulockern.
„Mir ist schon klar, dass du an irgendetwas gedacht hast. Die Frage ist: Woran hast du gedacht?“
Ich legte den Kopf schräg, wie May es vorhin gemacht hatte. Bei ihr hatte es sehr süß ausgesehen und ich hatte die leise Hoffnung, dass es bei mir genauso aussehen würde.
Bevor Marcel mir antwortete, kam unser Lehrer und schloss den Klassenraum auf.
„Wir gehen rein“, sagte Marcel.
Das hatte ich auch schon bemerkt, aber ich sagte nichts dazu. Es war offensichtlich, dass er nur vom Thema ablenken wollte, weil er keine Lust hatte, mir davon zu erzählen. Das war auch vollkommen okay. Wir kannten uns gerade einmal drei Tage.
Da war es normal, dass er mir noch nicht alles sofort anvertraute, aber mir war klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wir zusammenkommen würden.
*
„Was machst du da?“, fragte May.
Auch Marcel lehnte sich zu uns herüber. Ich kramte gerade die AG-Listen des neuen Schuljahres heraus.
„Ich werde dieses Jahr in die Theater-AG gehen.
Das wollte ich schon immer machen.“
„Warum hast du mich nicht gefragt, ob ich mitkommen möchte?“, fragte May.
Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich gedacht, dass sie enttäuscht war.
„Weil ich dich kenne und weiß, dass du mit deinem Rhönrad voll beschäftigt bist“, erklärte ich.
Sie lächelte und legte einen Arm um mich.
„Du kennst mich einfach zu gut.“
Mein Blick ging zu Marcel.
„Was ist mit dir? Hast du Lust auf Theater?“
„Tut mir leid, Jule. Ich würde das gerne mit dir zusammen machen, aber ich schätze, ich sollte mich erst einmal auf die Schule konzentrieren.
Außerdem spiele ich auch noch Tennis.“
„Hey, ich verstehe das vollkommen. Wir sehen uns auch bei der Nachhilfe.“
Während wir uns anlächelten, sah May grinsend zwischen uns hin und her. Als Marcel das bemerkte, fragte er lächelnd:
„Ist etwas?“
„Ihr seid so süß zusammen!“, sagte sie.
Sein Lächeln verschwand sofort und er wendete den Blick ab. Es war ihm sichtlich unangenehm, dabei verstanden wir nicht, warum.
„Was hat er denn?“, flüsterte May mir zu.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Es ist alles gut“, antwortete Marcel.
Er lächelte wieder, aber man sah ganz genau, dass es nur gespielt war.
„Ich habe nur überlegt, weil... wir ja kein Paar sind. Verstehst du?“
„Ja, aber ich freue mich, dass ihr euch so gut versteht“, meinte May.
„Das freut mich auch“, sagte Marcel.
Er griff nach meiner Hand und streichelte sie.
Wieder lächelte er, aber jetzt war es ehrlich. Ich genoss gerade noch, wie unsere Finger sich vorsichtig berührten, da riss mich das Klingeln wieder in die grauenhafte Realität der Schule.
„Ich gebe dann mal meine Anmeldung ab“, sagte ich und stand auf.
*
„Was habt ihr denn heute Morgen besprochen?“, fragte May mich in der großen Pause.
„Nicht viel. Er hat gesagt, dass er die ganze Zeit an mich denken muss“, antwortete ich und grinste wieder breit.
„Ich hoffe, du bist schön entspannt geblieben und ihm nicht gleich um den Hals gefallen“, sagte sie.
„Na ja...“
„Jule?“
„Ich glaube, das ist gar nicht nötig. Er mag mich, denke ich.“
„Ja, ihr passt auch gut zusammen, aber damit das so bleibt, musst du geduldig sein.“
„Wie meinst du das?“, fragte ich nach.
„Warte einfach ab! Rede nicht gleich von einer Beziehung oder sonstigen Zukunftsplänen. Das setzt ihn nur unter Druck.“
„Okay, das habe ich verstanden. Sonst irgendwelche Tipps?“ May strich sich durch die Haare und sah auf den Boden.
„Du könntest mutig sein.“
„Ich sollte mich doch rar machen? May, ich glaube, du kannst dich auch nicht entscheiden, was du willst.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, das passt sehr gut zusammen. Du machst dich rar, indem du nicht alles machst, was er will.
Aber wenn du etwas willst, dann gehst du mutig ran und guckst, wie er reagiert.“
Ich seufzte. Toller Plan.
„Wieso kann ich nicht einfach ich selbst sein?“
„Das sollst du doch! Er soll dich genau so kennenlernen, wie du bist, aber wenn man eine Beziehung will, dann muss man Kompromisse eingehen und gucken, dass es funktioniert.“
„Und du denkst, du hast genug Ahnung, um mir zu helfen?“
„Klar, ich bin doch die Beziehungsexpertin!“ Ich schüttelte lachend den Kopf. Wie bescheiden sie doch war!
„Danke, May.“
„Immer gerne, Jule.“
Sie fühlte sich sicher wohl in ihrer Rolle als Expertin, die mir, der Unerfahrenen, sagen konnte, was ich zu tun hatte.
Ich sah mich um. Auf dem Schulhof war viel los.
Einige Jungs spielten Fußball. Ein paar Mädchen standen in einer Ecke und machten Fotos von sich.
Die Sonne schien und verbreitete eine wunderbare Wärme. Viele Blumen blühten auf der Wiese und dufteten nach Sommer. Obwohl es sicher sehr laut war, kam mir alles leise vor, sobald ich ihn entdeckte.
Marcel stand hinten bei Cedric und redete mit ihm.
