Der Regenbogen ist offen - Diana Mond - E-Book

Der Regenbogen ist offen E-Book

Diana Mond

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Beschreibung

Tom hatte bei seinem Schulwechsel direkt ein schlechtes Gefühl. Dieses wird leider bestätigt, als er mitbekommt, dass einer seiner Mitschüler aufgrund seiner Homosexualität gemobbt wird. Er verspürt direkt das Bedürfnis, ihm zu helfen, doch das ist nicht sein einziges Problem, denn Tom ist selbst vom anderen Ufer...

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

1.

„Was für eine hässliche Schule!“, dachte Tom, als er zum ersten Mal vor seiner neuen Schule stand, die er von nun an jeden Tag besuchen sollte.

Was hätte er alles dafür gegeben, nicht umzuziehen, aber er konnte sich dem Willen seiner Eltern nicht widersetzen. Natürlich freute er sich für seinen Vater, dass dieser hier einen besseren Job bekommen hatte, bei dem er mehr Geld verdienen würde, aber er hatte Angst vor seiner neuen Klasse.

Hätte er doch wenigstens zu Anfang des Schuljahres wechseln können. Aber nein, alles verzögerte sich natürlich, sodass er erst am ersten Schultag nach den Herbstferien seine neuen Mitschüler kennenlernte.

Toll!

Als er das Sekretariat gefunden hatte, traf er dort seinen neuen Klassenlehrer Herrn Preist. Er war ein Lehrer mittleren Alters, der ruhig aber bestimmt auf ihn wirkte. Auf dem Weg zum Klassenraum sagte Herr Preist, Tom würde sich bestimmt sehr wohl in der Klasse fühlen. Sie waren wohl alle manchmal etwas kompliziert, aber es sei immer lustig. Also eigentlich wie jede normale Klasse.

Vor dem Klassenraum warteten schon seine Mitschüler und musterten ihn mit großen Augen. Ein Junge kam auf ihn zu. Er war ein kleines Stück größer als Tom, dafür waren seine Schultern deutlich breiter und überhaupt wirkte er ziemlich stämmig und kräftig.

„Hey, ich bin Patrick, der Klassensprecher“, stellte er sich vor und nahm Tom direkt herzlich in den Arm.

„Tom“, stellte er sich vor.

„Also, Tom, wenn du irgendwelche Fragen oder ein Problem hast, kannst du immer zu mir kommen.“

Er lächelte und Tom freute sich, dass er schon jemanden gefunden hatte, an den er sich wenden konnte. Das war immer gut, schließlich war er an der neuen Schule noch ziemlich einsam.

Sie gingen alle in den Raum und Herr Preist bat Tom, mit ihm nach vorne zu kommen und sich vorzustellen.

Jetzt hatte er eine gute Übersicht über die Klasse. Es waren 20-25 Schüler. In der vorderen Reihe saßen ein paar Mädchen, die ihn interessiert musterten. In der zweiten Reihe saßen die Jungen, darunter auch Patrick mit seinen Freunden. Man sah sofort, dass sie zu dritt ein gutes Gespann waren. Neben Patrick am Gang war ein Platz frei. In der letzten Reihe saßen auf der linken Seite noch zwei Jungs und ein Mädchen. Auf der rechten Seite saß ein schmaler, blonder Junge ganz alleine und sah aus dem Fenster.

„Magst du dich vorstellen?“, fragte Herr Preist.

„Ja, also… Ich heiße Tom. Wir sind vor kurzem umgezogen und deshalb bin ich jetzt hier.“

„Was hast du so für Hobbys?“

„Äh… Ich spiele ab und zu Computerspiele. Früher habe ich mich auch mit Freunden getroffen, aber das geht jetzt ja nicht mehr…“

„Du wirst hier bestimmt bald neue finden“, sagte Herr Preist optimistisch. „Magst du dich nach hinten zu Kevin setzen?“

Das war also der Blondschopf in der letzten Reihe.

„Kann er nicht zu mir kommen?“, fragte Patrick. „Ich bin schließlich der Klassensprecher. Deswegen ist es meine Aufgabe, ihm hier alles zu zeigen.“

Herr Preist schüttelte den Kopf.

„Nein, ich fände es besser, wenn er sich zu Kevin setzt“, sagte er bestimmt.

Tom hätte sich auch lieber zu Patrick gesetzt, immerhin hatte dieser ihn zuvor schon nett begrüßt. Kevin hingegen sagte kein Wort, als er sich neben ihn setzte und sah ihn auch nicht einmal an. Tom wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte gerne fragen, warum Kevin hier hinten alleine saß, aber er spürte schon, dass er damit einen wunden Punkt treffen könnte, deshalb ließ er es lieber und beschloss, Patrick später danach zu fragen.

„Wollen wir eine kleine Vorstellungsrunde machen?

Jeder sagt seinen Namen und ein Hobby von sich“,

sagte Herr Preist. „So kann Tom sich schnell integrieren.“

Nach den ersten paar Schülern war Tom schon klar, dass er sich ohnehin niemals alle Namen merken konnte. Deshalb konzentrierte er sich auf die wichtigsten: Patrick, mit dem er sich bestimmt schnell anfreunden würde, und seine Freunde Dennis und Sascha. Das Gespräch vor der Stunde war zumindest sehr vielversprechend gewesen.

Daneben merkte er sich den Namen von Naomi, weil diese als Hobby „Essen“ genannt hatte, was Tom direkt sympathisch war. Einen weiteren Namen merkte er sich noch: Jonas. Das lag daran, dass dieser Junge Tom die ganze Zeit über mit einem Blick ansah, den dieser absolut nicht deuten konnte. Und natürlich merkte er sich den Namen von Kevin, weil dieser mit seiner abweisenden, isolierten Haltung aus der Reihe fiel. Als dieser an der Reihe war, sagte er:

„Ich bin Kevin und ich schaue gerne Serien.“

Er kauerte sich schnell wieder auf seinem Stuhl zusammen und hoffte, Herr Preist würde schnell weitermachen. Offensichtlich mochte er es nicht, wenn alle Augen auf ihn gerichtet waren. Tom dachte sich nichts weiter dabei. Manche waren nun einmal eher introvertiert und mochten es nicht, so viele Menschen um sich herum zu haben.

Als sie nach der Vorstellungsrunde mit dem Matheunterricht anfingen und Kevin ein Blatt herausholte, fiel es ihm herunter. Während er es aufhob, entdeckte Tom eine dicke Schramme an seiner linken Wange.

„Was hast du denn gemacht?“, platzte es aus ihm heraus.

Kevin hielt in der Bewegung inne, starrte ins Leere und atmete schneller.

„Nichts“, flüsterte er schließlich und fing an, die Aufgaben von der Tafel abzuschreiben.

Da er offensichtlich keine Lust hatte, sich mit Tom zu unterhalten, konzentrierte sich dieser einfach auf den Unterricht.

*

Nach der ersten Stunde hatten sie eine kleine fünfminütige Pause, in der Patrick wieder nach hinten zu Tom ging.

„Schade, dass du dich nicht zu uns setzen durftest.

Immerhin sind wir uns so ähnlich“, sagte er.

Sein Blick ging kurz zu Kevin, der stumm auf seinen Tisch starrte, und dann wieder zu Tom.

„Ähnlich? Wie meinst du…“

„Na ja, ist doch schade, dass du jetzt hier hinten alleine sitzen musst“, unterbrach er ihn.

„Aber…“

Tom wollte widersprechen, dass er doch Kevin bei sich hatte, aber Patrick unterbrach ihn ein weiteres Mal:

„Nach dieser Stunde haben wir jedenfalls einen Raumwechsel. Halt dich einfach an uns, wir zeigen dir genau, wie hier alles läuft.“

Wieder ging sein Blick kurz zu Kevin, bevor er sich lächelnd zurück zu seinem Platz begab. Tom sah zu Jonas, der sie anscheinend beobachtet hatte. Er versuchte, etwas aus seinem Blick zu deuten, aber bevor er zu einem Ergebnis kam, standen schon ein paar Mädchen an seinem Platz und baten ihn, doch mit vor die Tür zu kommen, da sie sich mit ihm unterhalten wollten.

Sie waren alle wirklich nett, fragten Tom nach seinen Interessen, Lieblingsfächern und ob er an seiner alten Schule eine Freundin gehabt hatte. Die letzte Frage verneinte er lächelnd, ohne näher darauf einzugehen.

Er wollte nicht unbedingt an seinem ersten Tag damit rausrücken, dass er sich eigentlich gar nicht für Mädchen interessierte.

*

Nach der Stunde stand Patrick als erster an seinem Platz. Dieses Mal hatte er auch seine beiden Freunde Dennis und Sascha bei sich. Kevin war schon, bevor sie ankamen, fluchtartig aus dem Raum gestürmt. Tom wunderte sich, warum er so schnell weg wollte, aber bevor er Patrick danach fragen konnte, fingen die Jungs schon mit einem anderen Thema an.

„Frag ihn jetzt, Patrick!“, drängte Sascha ihn.

„Überstürz nichts, Sascha!“, erwiderte Dennis.

„Überfordert ihn nicht an seinem ersten Tag!“

Patrick schmunzelte über die Diskussion der Jungs.

Tom runzelte interessiert die Stirn.

„Worum geht es?“

„Wie du bemerkt hast, ist in unserer Reihe ein Platz frei… Aber es nicht nur in unserer Reihe einer frei, sondern auch in unserer Gruppe. Wir wären halt ganz gerne wieder zu viert“, erklärte er.

„Wieso seid ihr es nicht mehr? Wer saß denn vorher da?“, fragte Tom.

„Das Opfer“, sagte Sascha.

Tom verstand nicht, wen sie meinten.

„Kevin.“

Patrick spuckte seinen Namen voller Verachtung aus.

„Und wieso ist er nicht mehr bei euch?“, hakte Tom nach.

Der kleine Blondschopf war vielleicht etwas introvertiert, aber das war doch kein Grund, ihn rauszuschmeißen, oder?

„Weil er eine Schwuchtel ist!“, sagte Patrick aggressiv.

„Solchen Abschaum will keiner in seiner Nähe haben!“

Tom bekam eine Gänsehaut. Jetzt würde er sich definitiv von den dreien fernhalten. Wenn die herausfanden, dass er ebenfalls vom anderen Ufer war… Aber wie sollten sie das herausfinden? Das konnten sie nicht wissen, also musste er eigentlich keine Angst vor Beleidigungen und Sticheleien haben.

Trotzdem wollte er nicht mit Leuten befreundet sein, die andere aufgrund ihrer Sexualität ausgrenzten.

„Also, wir haben jetzt Bio. Da kannst du dich dann neben uns setzen“, fuhr Dennis fort, als wäre nichts gewesen.

„Ja, mache ich“, meinte Tom.

Sobald sie beim Raum ankamen, entdeckte er Jonas, was er gleich als Rettung sah.

„Hey, Jonas, kannst du mir den Kiosk zeigen?“, fragte er schnell.

„Das können wir auch machen“, meinte Sascha.

„Ich möchte doch alle meine Mitschüler kennenlernen“, erwiderte Tom.

Er fand die Ausrede gar nicht so übel. Vielleicht nahmen sie es ihm ab. Glücklicherweise ging Jonas sofort darauf ein.

„Klar, mache ich gerne.“

Tom stellte schnell seine Tasche ab und ging mit Jonas mit. Hauptsache weg von Patrick, Dennis und Sascha.

Die ersten Meter gingen sie schnell durch den Flur, bis sie aus der Sichtweite waren.

„Ich bin froh, dass du mich das gefragt hast“, meinte Jonas.

„Warum?“

Er sah Tom kurz in die Augen.

„Ich hatte Angst, dass du dich mit den falschen Leuten anfreundest.“

„Warum sollten sie die Falschen sein?“

Tom wusste, dass sie etwas gegen Schwule hatten, aber er wusste nicht, ob es das war, was Jonas meinte.

„Weil sie einen unschuldigen Jungen fertigmachen, nur weil er schwul ist?“

Okay, er meinte also wirklich das. Aber dass sie ihn fertigmachten, war Tom neu. Bisher dachte er, sie würden ihn lediglich ausschließen.

„Es stimmt also?“, fragte Tom nach.

„Das ist zumindest das, was Patrick behauptet. Kann sein, dass er dieses Gerücht nur verbreitet, um Kevin schlechtzumachen. Ich weiß es nicht.“

„Warum fragst du ihn nicht einfach?“

Jonas seufzte.

„Ist nicht so leicht, an Kevin heranzukommen. Jeder, der weiter mit ihm befreundet ist, gerät ebenso in Patricks Schusslinie. Es ist das Beste, sich einfach herauszuhalten.“

„Aber wie kam es denn dazu? Ich dachte, sie wären befreundet gewesen?“, fragte Tom.

„Die genauen Details kenne ich auch nicht. Es fing irgendwann dieses Schuljahr an.“

Tom schwieg. Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Patrick hatte zuerst wie ein netter Typ gewirkt, der ihn ganz herzlich in der Klasse aufgenommen hatte und dann das.

„Ich rate dir einfach, dich von ihnen fernzuhalten. Stell dich ihnen nicht in den Weg, aber freunde dich auch nicht mit denen an. Halt dich lieber an mich“, sagte Jonas.

„Ich glaube, das werde ich“, meinte Tom.

Er wollte auch nichts mit Leuten zu tun haben, die andere für ihre Sexualität ausgrenzten.

*

Trotzdem setzte er sich in Biologie zu ihnen. Sie sollten nicht merken, dass er etwas gegen sie hatte. Wie Jonas es gesagt hatte, wollte er sich ihnen ungern in den Weg stellen. Wenn sie dachten, er würde sie einigermaßen mögen, dann würden sie auch nicht auf die Idee kommen, dass er schwul sein könnte.

Der Tag verging glücklicherweise ohne negative Zwischenfälle. Tom hatte ihn überlebt, ohne sich Feinde zu machen und er hatte auch das Gefühl, in Jonas einen guten Ansprechpartner gefunden zu haben. Auch die anderen waren ihm alle wohlgesonnen, außer vielleicht Kevin, der ihm keinerlei Aufmerksamkeit schenkte.

Die letzte Stunde hatten sie wieder im Klassenraum.

Tom sehnte schon den Schulschluss herbei und ihm entging nicht, dass auch Kevin permanent zur Uhr sah.

Dass dieser schon zehn Minuten vor Schluss seine Tasche packte, unauffällig seine Jacke überzog und fünf Minuten vor Schluss seinen Stuhl nach hinten schob, entging ihm auch nicht. Wahrscheinlich wollte er nach dem Klingeln als allererster draußen sein.

Das war er dann auch tatsächlich. Doch Patrick, Dennis und Sascha hatten es ebenfalls sehr eilig, aus dem Raum zu kommen und liefen Kevin nach. Als Tom den Raum verließ, standen sie gerade vor der Tür.

„Es ist der erste Schultag. Dann wollen wir mal nicht so sein“, hörte er gerade Patrick sagen.

„Hey“, sagte Tom. „Könnt ihr mir vielleicht sagen, wo mein Schließfach ist?“

„Bestimmt einen Gang unter uns, da sind die meisten“,

antwortete Dennis.

„Okay, danke.“

Damit machte Tom sich auf den Weg, um die Bücher wegzupacken. Während er ganz entspannt sein Schließfach einrichtete, zogen die Schülermassen vorbei, bis er schließlich alleine im Gang war. Da ging plötzlich die Tür auf und eine Person betrat den Flur.

Es war Kevin. Als er Tom entdeckte, riss er erschrocken die Augen auf. Tom musterte den Jungen nur neugierig und ging einen Schritt auf ihn zu, doch da ging Kevin einen zurück.

„Bitte…“, sagte er leise. „Geh weg!“

Er sah ihn angsterfüllt an. Tom verstand nicht, warum er so auf ihn reagierte, doch bevor er etwas sagen konnte, war Kevin schon wieder weg. Warum hatte er solche Angst gehabt? Wovor fürchtete er sich?

*

Am nächsten Tag kam Kevin als letzter in den Klassenraum. Er kam fast schon zu spät, was aber niemanden zu interessieren schien. Keiner begrüßte ihn, keiner sagte ein Wort dazu. Man musste kein Sozialpädagoge sein, um zu sehen, dass er komplett isoliert in der Klasse war. Dass Patrick, Dennis und Sascha ihn ausschlossen, wusste er zwar schon, aber dass alle Mitschüler da so mitmachten, wunderte ihn dann doch. Vielleicht hatte Jonas Recht mit der Annahme, dass sich niemand Kevin näherte, weil keiner Stress mit Patrick haben wollte.

Trotzdem wagte Tom es, Kevin zu begrüßen.

„Hallo“, sagte er, nachdem sein Banknachbar sich gesetzt hatte.

Dieser sah nur auf seinen Tisch.

„Hi“, erwiderte er knapp.

Bevor sie sich weiter unterhalten konnten, kam Patrick zu ihrem Platz.

„Hey, Tom, mein Bruder!“, sagte er und begrüßte ihn herzlich.

Jetzt verstand Tom auch endlich, warum Patrick ihn immer so herzlich behandelte: Es lag an Kevin, der neben ihm saß. Er wollte ihm zeigen, dass sie ihn durch Tom ersetzten und er weiter alleine blieb ohne jegliche Unterstützung.

„Heute Sport oder was?“, fuhr Patrick fort.

„Was macht ihr denn gerade?“, erwiderte Tom.

„Basketball.“

Patrick wendete sich an Kevin.

„Pass auf, dass du nicht wieder einen Ball an den Kopf kriegst!“

Er lachte.

„Die kleine Schwuchtel spielt halt wie ein Mädchen und ist manchmal… etwas ungeschickt“, erklärte er für Tom.

Dieser wusste nicht, was er dazu sagen sollte, also schwieg er einfach. Ihre Geschichtslehrerin betrat den Klassenraum und Patrick ging an seinen Platz. Vorher sagte er aber noch:

„Pass auf, dass er dich während der Stunde nicht begrabscht!“

Tom versuchte, sich ein kleines Lächeln aufzusetzen, damit Patrick nicht merkte, wie wütend er gerade auf ihn war. Natürlich sagte er das nur, um Kevin zu verletzen, aber so ein asoziales Verhalten fand er absolut nicht in Ordnung. Am liebsten würde er sagen, was er dachte, aber er hatte Vertrauen zu Jonas und wenn dieser ihm riet, sich Patrick nicht zu widersetzen, dann tat er das auch.

*

Nach der vierten Stunde machten sich alle auf den Weg zur Sporthalle. Natürlich ging Kevin alleine hinter allen anderen. Tom hielt sich an Jonas, der ihn über das informierte, was sie im Sportunterricht bisher gemacht hatten und woraus vermutlich die Prüfungen bestehen würden. Tom war ihm dankbar, dass er ihn von Patrick und seinen Freunden fernhielt.

Er freute sich auf Sport. Zwar war er selbst nicht der sportlichste Typ, aber das Fach war besser als so ziemlich alle anderen. In der Umkleidekabine herrschte eine entspannte Stimmung. Die meisten unterhielten sich über Fußball, während sie sich umzogen. Tom hielt sich aus den Gesprächen heraus.

Als er einmal in die Runde guckte, blieb sein Blick bei Kevin hängen, der sich gerade sein Oberteil auszog.

Sein nackter Rücken war übersät von blauen Flecken.

Er sah furchtbar aus, als hätte er große Schmerzen erlitten, aber keiner sagte etwas dazu. Tom wurde richtig schlecht bei dem Anblick. Er sah zu Jonas, aber dieser schüttelte nur den Kopf, um ihm zu sagen, dass er einfach schweigen sollte.

Nachdem die beiden die Umkleidekabine verlassen hatten und in die Halle gegangen waren, setzten sie sich in eine ruhige Ecke, da noch einige fehlten.

„So sieht er immer aus“, sagte Jonas.

„Aber wer…?“

„Patrick, Dennis und Sascha“, meinte Jonas ganz unbekümmert.

Tom schüttelte entsetzt den Kopf.

„Sie verprügeln ihn regelmäßig in der Schule. Ist quasi ein offenes Geheimnis. Keiner bekommt es mit, aber jeder weiß, dass es so ist.“

„Und warum tut keiner etwas dagegen?“

Jonas zuckte mit den Schultern.

„Keiner stellt sich Patrick in den Weg, sonst wird er selbst auch zum Opfer. Und ich für meinen Teil habe keine Lust, bald auch so auszusehen“, erklärte er.

Tom schüttelte wieder den Kopf.

„Aber…“

„Du kannst ihm nicht helfen. Dafür ist es zu spät. Ich ärgere mich selbst, dass ich nicht früher eingegriffen habe, aber jetzt geht es nicht mehr. Er steckt zu tief drinnen. Kevin kann man nicht mehr helfen.“

Es tat Tom in der Seele weh, das zu hören, aber vermutlich hatte Jonas Recht. Gegen Patrick und seine Truppe konnte man sich nicht wehren. Sie waren zu kräftig und zudem zu dritt.

„Und wenn wir zu einem Lehrer gehen?“, fragte Tom.

„Dann würde es ihm noch schlechter als jetzt ergehen, glaub mir! Wenn sie ihn für eine Petze halten, werden sie ihm noch mehr wehtun!“

Auch damit hatte er Recht. Leider. Tom wünschte sich, es wäre anders und es gebe eine Weg, Kevin zu helfen, aber den fand er nicht.

„Halt dich einfach raus! Es ist vielleicht nicht der eleganteste Weg, aber auf jeden Fall der klügste.“

Jonas stand auf, da nun alle in der Halle waren. Tom ging ihm nach. Zum Aufwärmen durften sie Völkerball spielen. Die Teams wurden von Patrick und Dennis gewählt. Der Klassensprecher hatte offensichtlich großen Einfluss auf die Klasse. Zu seiner Verwunderung wurde Tom direkt als zweites gewählt, nach Sascha natürlich. Die Jungs meinten es offensichtlich ernst mit ihrem Wunsch, ihn in ihre Gruppe aufzunehmen. Ihr Lehrer ging in der Zwischenzeit Bälle holen.

Alle wurden irgendwann gewählt, bis zum Schluss nur noch eine Person übrig war: Kevin. Eigentlich würde er damit in Patricks Team kommen, da dieser angefangen hatte zu wählen. Er sträubte sich allerdings sehr dagegen.

„Oh, nein! Ich will diesen Dreck nicht in meinem Team haben! Kannst du ihn nicht in dein Team nehmen?“

„Meinst du, ich will das Opfer haben?“, erwiderte Dennis.

„Los, nimm ihn jetzt!“

„Komm her, du kleine Missgeburt! Du bist in meinem Team!“

Kevin gesellte sich stumm zu Dennis‘ Team. Ihr Sportlehrer kam endlich wieder und hatte zu Patricks Bedauern zwei Schaumstoffbälle dabei. Alle stellten sich aufs Feld und er selbst war der König, da er nun näher am anderen Team stand. Kevin drehte sich unsicher um. Es war ein furchtbares Gefühl, seinen Feind die ganze Zeit im Nacken zu haben. Und dann grinste er ihn auch noch so an!

„Angst, Kevin?“, fragte er.

Er antwortete nicht, sondern drehte sich wieder um und versuchte, Patrick auszublenden. Dann hatte er aber immer noch Dennis neben sich in seinem Team, der ihn sicherlich bei der erstbesten Gelegenheit vor den Ball schubsen würde.

Wie erwartet, war Patrick das ganze Spiel über nur darauf fixiert, Kevin einen Ball an den Kopf zu knallen, was ihm letztendlich auch gelang. Beim Basketball sah es ähnlich aus. Da stießen alle drei Kevin bei jeder Gelegenheit um oder rempelten ihn an. Sport gehörte definitiv zu seinen meistgehassten Fächern, weil sich hier für seine Peiniger immer wieder Möglichkeiten boten, ihn zu demütigen.

*

Aber leider war es aber damit noch nicht geschafft für diesen Tag, denn dienstags hatten sie lange Schule. Die Mittagspause war die Zeit, die Kevin neuerdings am meisten verabscheute. Er konnte unmöglich über eine Stunde vor den anderen weglaufen oder sich verstecken. Natürlich versuchte er, ihnen aus dem Weg zu gehen, aber sobald sie ihn gefunden hatten, ließen sie ihn nicht mehr in Ruhe.

Nachdem Tom etwas gegessen hatte, zog er sich auf die Toilette zurück, um ungestört auf seinem Handy zu schreiben. Er schloss sich in einer Kabine ein und schrieb mit einem Freund von seiner alten Schule.

Eigentlich hatte er keine Lust, irgendjemanden zu sehen oder mit jemandem zu reden, aber das Schicksal hatte etwas anderes geplant, denn er hörte plötzlich mehrere Leute, die die Toilette betraten.

„Los, rein da!“, hörte er eine Stimme, die eindeutig Sascha gehörte. „Beweg deinen Hintern, Prinzessin!“

Kevin wurde von ihm unsanft ins Herrenklo geschubst. Sein Herz pochte deutlich schneller. Er ahnte, was ihn erwartete, und fürchtete sich davor.

„Was habt ihr vor?“, fragte er.

Die drei lachten nur. Kevin hob leicht die Arme, um sein Gesicht zu schützen. Er atmete schneller und ihm kamen schon fast die Tränen.

„Bitte nicht“, flüsterte er. „Können wir nicht darüber reden? Wir waren doch Freunde.“

„Freunde? Meinst du echt, ich wäre mit so einer wertlosen Schwuchtel befreundet?“, fragte Patrick und ging einen Schritt näher an ihn heran.

Kevin antwortete nicht. Er bereitete sich mental auf das vor, was ihm unweigerlich bevorstand.

„Ich habe dich etwas gefragt!“, brüllte Patrick und schlug ihm mit der Faust in den Magen.

Kevin stöhnte schmerzerfüllt auf und hielt sich gekrümmt die Hände vor den Bauch. Das nutzte Patrick natürlich, um ihm die nächste Faust ins Gesicht zu rammen. Er zog sich vor Schmerz zusammen. Auch Dennis und Sascha fingen nun an, ihn zu treten und zu schlagen. Selbst als Kevin schon auf dem Boden lag und sich vor Schmerzen krümmte, traten sie noch nach.

Schließlich hörten sie auf und betrachteten stolz ihr Opfer, das auf dem Boden lag und vor Schmerzen wimmerte. Patrick schloss die Augen und atmete tief durch. Sie genossen den Anblick von Kevin und das Gefühl ihrer Macht und Überlegenheit. Sein schmerzerfülltes Stöhnen drang in ihre Ohren und sein Flehen ebenso.

„Bitte…“, murmelte Kevin zwischen dem Schluchzen und Stöhnen.

„Genau da, wo du hingehörst“, sagte Patrick. „Du bist nichts als ein wertloses Stück Dreck.“

Er trat dem Blondschopf noch einmal kräftig in die Rippen, sodass dieser laut aufschrie, und dann gingen sie, als wäre nichts gewesen. Kevin versuchte, weiter zu atmen und sich zu beruhigen. Voller Schmerzen versuchte er, sich aufzusetzen und lehnte sich gegen die Wand. Er hielt sich mit den Händen die Stelle, an der der letzte Tritt ihn erwischt hatte. Dann fasste er sich mit der einen Hand vorsichtig ins Gesicht. Seine Lippe blutete ziemlich stark.

Tom hatte währenddessen nur in seiner Kabine gesessen. Wie unerträglich das war, Kevins Schreie zu hören und sein Weinen und sein schmerzerfülltes Stöhnen. Diese Geräusche würde er nie wieder vergessen können. Er hätte eingreifen sollen. Er hätte dazwischen gehen sollen, aber wie? Sie hätten mit ihm wahrscheinlich das Gleiche getan. Dann würde er sich jetzt ebenso vor Schmerzen auf dem Boden rollen.

Damit wäre auch keinem geholfen, oder?

Er redete sich ein, das Richtige getan zu haben, auch wenn er tief in seinem Inneren wusste, dass das nicht stimmte. Es war einfach unangenehm, hier zu sitzen, mitzubekommen, wie jemand litt, und demjenigen nicht helfen zu können. Am liebsten hätte er sich der Situation einfach entzogen, aber er kam nicht unbemerkt aus der Kabine heraus. Dann hatte er versucht, sich die Ohren zuzuhalten und an etwas anderes zu denken, aber auch das funktionierte nicht.

Kevin war einfach zu laut.

Selbst jetzt, als die drei schon weg waren, saß er immer noch stumm in der Kabine. Er war wie betäubt von dem, was er gerade mitbekommen hatte. Eine innere Stimme sagte ihm, er solle aufstehen und Kevin helfen, der immer noch im Vorraum saß und vor Schmerzen stöhnte. Aber was, wenn das rauskam? Er konnte nichts tun. Zumal er immer noch nicht in der Lage war, sich zu bewegen. Tom hoffte nur, dass Kevin irgendwann von alleine ging.

Doch dann schaffte er es, aufzustehen und die Kabine zu verlassen. Er sah zu Kevin, der auf dem Boden saß und vor sich hin heulte. Als dieser ihn sah, hob er den Kopf und sah Tom mit glasigen Augen an. Obwohl er am Ende seiner Kräfte war, begab er sich instinktiv in eine Schutzhaltung.

„Bitte… Nicht schlagen…“, sagte er schluchzend und hielt sich die Arme vors Gesicht.

Tom wollte ihm antworten, dass er ihm nie wehtun könnte und er keine Angst vor ihm haben musste, aber er war zu verstört, um etwas zu sagen. Er wollte nur noch weg und nicht mehr darüber nachdenken, dass er gerade einfach zugelassen hatte, dass ein wehrloser Junge verprügelt wurde. Dieser Gedanke verfolgte ihn die gesamte restliche Mittagspause.

*

Gegen Ende der Mittagspause traf Tom auf Jonas, der vor dem Kiosk saß. Um unter vier Augen zu reden, machten sie sich auf den Weg zum Klassenraum. Tom erzählte ihm kurz und knapp, was er mitbekommen hatte.

„Diese Monster…“, meinte Jonas. „Aber ich wusste das schon, von daher schockt es mich nicht.“

„Aber mich. Du hättest hören müssen, wie groß seine Schmerzen waren! Hätte ich eingreifen sollen?“

Jonas legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Auf keinen Fall! Sonst hättest du das genauso abbekommen! Ich verstehe ja, dass es dich mitnimmt, aber man kann ihm nicht mehr helfen. Das solltest du einsehen und akzeptieren. Dann lebt es sich auch viel leichter damit.“

Tom versuchte, seinen Rat anzunehmen. Er hatte gar keine Wahl, es gab keinen anderen Weg.

Die beiden kamen am Klassenraum an, vor dem schon ein paar Mädchen auf den Unterrichtsbeginn warteten.

Jonas ging noch an sein Handy, Tom wollte es ihm gleichmachen, aber da kam ein Mädchen aus ihrer Klasse auf ihn zu. Es war Anastasia, die, wie er mitbekommen hatte, so ziemlich das beliebteste Mädchen der Klasse war. Sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungs.

„Hey, Tom“, sagte sie.

„Hey“, antwortete er knapp.

Er hatte eigentlich kein Interesse daran, sich mit ihr zu unterhalten.

„Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht Lust hast, dich am Samstag mit mir zu treffen. Wir könnten ins Kino gehen. Nur wir zwei…“, erzählte Anastasia.

Sie wickelte eine ihrer langen braunen Haarsträhnen um den Zeigefinger und lächelte Tom an.

Natürlich verstand er, was sie von ihm wollte. Er wollte auch wirklich nicht unhöflich sein, aber was sollte man machen, wenn man einfach nicht auf Mädchen stand? Es wäre unfair ihr gegenüber, ihr Hoffnungen zu machen, wenn am Ende sowieso nichts daraus werden würde. Aber wie verklickerte er ihr das am besten, ohne ihre Gefühle zu verletzen und ohne zuzugeben, dass er schwul war?

„Tut mir leid, aber… im Moment geht es einfach nicht“, sagte er.

„Wie meinst du das? Wollen wir uns in zwei Wochen treffen oder so?“

„Ich bin gerade erst umgezogen und versuche erst einmal, mich hier vernünftig einzuleben und in der Schule gut mitzukommen. Verstehst du?“, fragte er.

„Ja, schon klar. Ist in Ordnung“, antwortete Anastasia.

„Vielleicht kreuzen sich ja später noch einmal unsere Wege.“

Vermutlich eher nicht und wenn doch, dann nur freundschaftlich, aber das behielt Tom für sich. Er nickte nur lächelnd.

*

Kevin kam als letzter zum Nachmittagsunterricht, aber er kam. Seine Lippe blutete immer noch ziemlich stark.

Er hielt sich während des Unterrichts einen Finger davor, bis dieser auch schon leicht blutig war. Tom sah sich das Ganze einen Moment von der Seite an, bevor er beschloss, ihm zu helfen. Er holte ein Taschentuch aus seinem Rucksack und reichte es wortlos seinem Sitznachbarn, der ihn erst einmal verwundert ansah.

Dann nahm er das Taschentuch doch an und murmelte:

„Danke.“

Tom schmunzelte. Es tat gut, anderen Menschen zu helfen. Trotzdem blieb Kevin ihm gegenüber misstrauisch.

*

Für Tom war das Gespräch mit Anastasia nur eine kurze Begegnung, die keine weitere Bedeutung hatte.

Sie hatten sich schließlich nicht gestritten und keiner von ihnen war verletzt. Sie hatte die Absage gut aufgenommen und sogar noch Hoffnung gehabt, dass sie sich irgendwann noch treffen würden. Für Tom war damit alles gesagt.

Aber die Nachricht, dass er Anastasia einen Korb gegeben hatte, verbreitete sich in der Klasse ziemlich schnell. Nach der ersten Stunde des Nachmittagsunterrichts wusste schon fast jeder Bescheid. Eigentlich alle außer Kevin, denn mit ihm sprach ja niemand. Auch Patrick hatte davon gehört und war mehr als verwundert, weswegen er in der kleinen Pause zu Toms Platz kam.

„Hey, können wir kurz reden?“, fragte er.

„Klar“, antwortete Tom und stand auf. Er hatte keine Ahnung, worum es gehen könnte.

Kevin nahm wahr, dass Tom wieder mit Patrick rausgegangen war. In der Mittagspause hatte er ohne jeden Zweifel mitbekommen, wie die drei ihn zugerichtet hatten und trotzdem war er weiter mit ihnen befreundet. Das bedeutete, dass er ihre Meinung teilte und sie unterstützte. Also musste Kevin sich zukünftig auch noch vor Tom in Acht nehmen.

Tom und Patrick gingen in den Flur vor dem Raum.

„Was habe ich gerade zu Ohren bekommen? Du hast Anastasia einen Korb gegeben?“, fragte Patrick und stemmte die Hände in die Hüfte.

„Na ja, also einen richtigen Korb jetzt nicht…“,

murmelte Tom, um sich herauszureden.

Er konnte schlecht vor Patrick zugeben, weshalb er kein Interesse an ihr hatte.

„Alter, hast du sie dir mal angesehen? Die ist wunderschön!“

Tom zuckte nur mit den Schultern.

„Also? Warum hast du abgesagt?“, hakte Patrick weiter nach.

„Ich stehe halt mehr auf Blondinen“, erwiderte Tom lachend.

Jetzt lachte Patrick auch.

„Du bist doch bekloppt!“, meinte er. „Mal was anderes: Hast du Kevin gesehen?“

Das Lachen verging ihm. Tom überlegte angestrengt, was er sagen sollte. Er durfte jetzt keinen Fehler machen.

„Du meinst… in der Mittagspause?“, fragte er nach.

„Nein, ich meinte in der Umkleidekabine. Hast du es gesehen?“

„Du meinst… die blauen Flecken?“, fragte Tom.

Patrick nickte grinsend.

„Geil, oder?“

Tom schluckte und hoffte, dass Patrick es nicht gesehen hatte.

„Das war ich“, erzählte er stolz. „Ich habe den so zugerichtet.“

„Wow“, meinte Tom halbherzig.

Er war wirklich überrascht, wie stolz Patrick auch noch mit seinen Taten prahlte.