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Eine Sammlung kurzweiliger Geschichten, direkt aus dem Leben gegriffen; teils ironisch überspitzt, teils mit ernstem Hintergrund — aber immer mit Humor und viel Liebe geschrieben. Stories über Menschen für Menschen, die den 'Aha-Effekt' zu schätzen wissen: spannend, unterhaltsam, gesellschaftskritisch, witzig und mit grandioser Herzlichkeit. Die perfekte Unterhaltung und Abwechslung für Urlaub und U-Bahn. "C. S. Ossig schafft es immer wieder, zu begeistern."
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Besondere Tage wie diese C. S. Ossig published by: epubli GmbH, Berlin www.epubli.de Copyright: © 2014 C. S. Ossig ISBN 978-3-8442-9843-7 Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net
Ich heiße Hartmut Helfer und bin 37 Jahre alt, Elektroingenieur. Meine Frau heißt Karin und arbeitet halbtags als Altenpflegerin. Wir ergänzen uns bestens.
Karin ist meine bessere Hälfte. Wenn ich das im Brustton der Überzeugung gerne vor anderen sage, ist sie geschmeichelt. Aber dann sagt sie, das musst du doch nicht sagen. Wenn ich es nicht sage, ist sie beleidigt. Wenn wir darüber diskutieren, ob ich es nun sagen soll oder nicht, sagt sie, wenn du erst mit mir darüber reden willst, was du sagst oder nicht, dann lass es doch gleich ganz! Frauen. Also sage ich lieber gleich das, was ihr schmeichelt.
Karin ist unglaublich ordentlich und sparsam. Und ich bin unglaublich unordentlich und gebe gerne Geld aus. Das passt. Denn sie hat durch mich nie Langeweile. Sie führt ein Haushaltsbuch und zeigt mir stolz, wie sie durch geschicktes Verhandeln wieder etwas gespart hat. Und ich lobe sie, küsse sie, und zeige ihr ebenso geschickt, wie toll so ein neuer Plasma-TV für unser Wohnzimmer wäre. Dann kuscheln wir abends auf der Couch bei dem neusten "Tatort", den sie so gerne schaut, und ich bin stolz, dass ich so eine tolle Frau habe. Und sie freut sich, dass sie es immer wieder schafft, mir meine Wünsche zu erfüllen. Planwirtschaft nenne ich das.
Meine Frau ist sogar morgens schon gut gelaunt und fröhlich. Im Gegensatz zu mir. Heute früh ging meine Motivation winkend an mir vorbei. Ich tröstete mich und versprach mir, blau zu machen. Das hilft und hebt die Stimmung. Mein Bett und ich lieben uns über alles, aber der Wecker will das einfach nicht verstehen. Und wer mich gleich nach dem Aufstehen anspricht und das noch überlebt, den mag ich wirklich. Meine Frau hat Glück gehabt. Sie lebt. Singend kommt sie mit Kaffee an mein Bett und bringt gleich ein Aspirin mit. Wer krank feiert, muss auch krank sein, glaubt sie. Weit gefehlt. Es geht auch ohne. Heute lebe ich frei nach dem Motto "Der frühe Vogel kann mich mal." Ich brauche eine Auszeit. Das habe ich im "Life-Balance-Programm" gelernt: Well-Feeling ist für die Gesundheit ganz besonders wichtig. Mein Chef ist von meiner Blau-Pause nicht begeistert. Das habe ich auch nicht erwartet. Komm schon Chef, ich mache dafür wieder ein paar Überstunden. Kopf hoch. Bin dir doch treu ergeben.
Meine liebe Frau Karin möchte den geschenkten Tag nutzen und macht mit mir Urlaubspläne. Sie hat sich in verschiedenen Reisebüros Kataloge besorgt und möchte nun die Grundsatzfrage mit mir klären, die da wäre Berg- oder See-Urlaub. See-Urlaub. Gut. Küste oder Insel? Insel. Gut. Nähe oder weiter weg? Nähe. Gut. Flug? Ja. Sie sortiert die Kataloge nach Mülleimer oder Küchentisch. Am Ende bleiben die Kanarischen Inseln. Ja, meint sie, ich hätte da schon ein Ziel im Auge… Wenn meine liebe Frau Karin so anfängt, wird es Zeit, sich dünne zu machen. Das kann jetzt langwierig werden mit der Urlaubsbesprechung. Ich sage ihr ganz lieb, dass sie doch bitte 15 gute Argumente aufzählen soll, warum sie denn genau "da hin" möchte und dann könne man ja weiter sehen. Beflissen wälzt sie die nähere Auswahl und ist mindestens eine Stunde beschäftigt. Gut gemacht. Ich gehe mit meinem Kaffee derweil die Wiederholung vom letzten Fußball-Bundesligaspiel Hamburger SV gegen die Bayern sehen. Das ist wesentlich unterhaltsamer.
Meine liebe Frau Karin ist fertig. Und strahlt. Sie hat das Non-Plus-Ultra gefunden.
Nun müssten noch die Eckdaten des Urlaubes besprochen werden. Die Eckdaten? Ja, die Unterhaltung und Abwechslung der 14 Tage auf Gran Canaria, Urlaubsziel Playa del Ingles. Wie meinen Mylady? Na ja, Spazieren gehen auf den Dünen von Maspalomas. Eine Inselrundtour mit dem Buggy. Kamelreiten durch die Berge. Museumsbesuche oder eine Ausstellung der Ureinwohner der Insel sehen. Und ob ich mit dem ausgesuchten Hotel zufrieden wäre: Doppel-Suite mit Kitchenette, Balkon, All-Inclusive , Gymnastikprogramm, Abendunterhaltung, TV im Zimmer, Soft-Drinks und einer Rund-um-Betreuung von einer deutschen Reiseleiterin. Also eigentlich brauche ich keine so komplizierte Planung, nur die großen Männer-"B"s, um mich im Urlaub wohl zu fühlen: Bar, Bier, Baden, Bumsen. Und das natürlich mit meiner lieben Frau Karin, die glücklicherweise an Letzterem auch ihren Spaß hat. Ich weiß nicht, irgendwie geht es doch insgesamt viel simpler, oder?
Aber wie immer haben wir eine super gute Lösung gefunden: Sie bucht, sie ist glücklich, und ich bin glücklich, wenn sie glücklich ist.
Meine liebe Frau Karin ist nicht nur sparsam, sondern hat den ganzen Haushalt fest im Griff. Ich muss da leider auch manchmal Hand anlegen. Sonst läuft ja alles aus dem Ruder, meint sie. Finde ich nicht. Kann man alles beizeiten beheben, falls irgendwann, und wenn überhaupt, etwas zu tun ist. Und, man kann über manche Dinge, wenn sie nicht gerade kaputt gegangen sind, durchaus darüber hinweg sehen, dass sie eventuell, auch schon vorher, erledigt werden könnten. Puh. Das sieht Karin aber ganz anders.
Daher habe ich bewusst und schuldbeladen den Baumarktgrill nicht wie jedes Jahr im Herbst gereinigt und staubsicher verpackt (ich lach mich schlapp, staubsicher verpackt, ha, ha, einmal die Grillkohle rein geschmissen und die dreckige Kohle grinst dreckig aus dem Grill zurück) in den Keller gebracht, sondern ölverklebt im Garten hinter dem Holzhäuschen stehen lassen. Nun habe ich Karin ganz traurig gezeigt, wie unschön der Grill ist, dass ich ihn wohl ausnahmsweise vergessen habe und dass alle anderen Nachbarn schon seit langem einen großen, modernen Gas-Grill auf der Terrasse stehen haben. Nur wir nicht. Und Leute, was soll ich Euch sagen, meine liebe Frau Karin hatte innerhalb von zwei Monaten pünktlich zur Grillsaison das Geld zusammen gespart. Ach, sie ist die perfekte Frau für mich. Sie glänzt nun mit Garten-Partys und einem neuen Grill. Wir sind beide glücklich. Ich sagte doch schon anfangs: Wir ergänzen uns bestens.
Zum Feierabend brauche ich mein Bier. Oder zwei. Jeder Mensch hat seinen eigenen Glauben. Und ich glaube, ich trink noch eins. Wenn das Wochenende naht, kann ich Euch die kürzeste Horrorgeschichte erzählen, die mir dazu einfällt: Es wird wieder Montag.
In vielen Dingen hat meine liebe Frau Karin zwar recht, aber meine Meinung finde ich trotzdem besser. Man muss ja nicht immer alles bis zum Schluss ausdiskutieren. Das wäre nicht gut. Dabei würde sie gewinnen. Bei Karin rennst Du gegen Mauern. Du meinst, nichts ist unmöglich? Weit gefehlt – dann schlag mal eine Drehtür zu! Das ist dann in etwa so, wie mit Karin über bestimmte Dinge zu reden.
Ich heiße Karin Helfer und bin 35 Jahre alt, ich arbeite halbtags als Altenpflegerin und den Rest des Tages fungiere ich als Spezial-Babysitter, das große Kind ist 37 Jahre alt und mein Mann. Hartmut ist stets freundlich, ein lustiger Typ, ich vertraue ihm zu 100 % und dafür liebe ich ihn. Der Rest wird verziehen, darauf hat er bei mir sozusagen eine Pauschale gebucht. Mein Leben verlief nicht immer leicht. Und wenn ich gewusst hätte, was mich so alles später erwartet, wäre ich wahrscheinlich erst mal lieber im Sandkasten sitzen geblieben.
Ich sei eine "Wilde Hilde" gewesen, sagten meine Eltern immer. Alles, was Jungs machten, wollte ich auch. An dem Weitpinkel-Wettbewerb konnte ich leider nicht teilnehmen. Im Kirschkernspucken war ich jedoch die erste. Als ich die Kindheit hinter mir hatte, fing ich an zu hinterfragen, was man mit Jungs noch so anfangen konnte. Meine Freundinnen waren mir da schon weit voraus. Ich sah mich aber keineswegs ruhig neben einem Jungen sitzen, der mir zart unter die Bluse fasste. Ich lebte lieber frei nach dem Motto: Scheiß auf den Prinzen – ich nehme das Pferd!
Mit knapper Volljährigkeit war ich gezwungen, aus meinem Kinderzimmerfenster ein Schild mit Job-Angebot rauszuhängen "Suche neuen Schutzengel. Meiner ist mit den Nerven am Ende."
Dann kam Hartmut. Er sah klasse aus. Hartmut war ein richtiger Stromer. Er war zwei Jahre älter als ich und hatte seine Elektroniker-Lehre bereits beendet. Eigenes Einkommen. Eigenes Auto. Sturmfreie Bude. Und ich dachte: Wie angel ich mir den Typen?
Da kam mir meine Erfahrung der verrückten Jahre mit den Jungs, mit denen ich um die Häuser gezogen bin, zu Gute. Meine Kumpels von damals sagten immer: Wie gewinnt man das Herz einer Frau? Küsse sie, liebe sie, gehe für sie bis an das Ende der Welt. Und wie gewinnt man das Herz eines Mannes? Komm nackt und bring Bier mit.
Das klappte. Verlobung nach 6 Monaten. Hochzeit auf Malle. Wir waren unglaublich glücklich.
Hartmut ist ein bequemer Mensch, der nur das tut, was wirklich unumgänglich ist. Ansonsten liebt er das Leben und genießt es. Was ich sehr schön finde. Wenn man ihn z. B. fragen würde, warum er mit seinem Auto zum Kiosk fährt, würde er sagen, warum denn zu Fuß gehen, mein Auto hat vier gesunde Reifen. Das ist original mein Mann. Wenn wir irgendwo einkaufen gehen, fährt er lieber so lange auf dem Parkplatz herum, bis er neben dem Eingang parken kann. In der Zeit wäre ich wahrscheinlich schon fertig mit den Einkäufen. Wir sind da sehr unterschiedlich. Aber was soll ich sagen: Wir ergänzen uns.
Was ich an ihm liebe, ist seine Großzügigkeit bei Dingen, die ich mag. Auf der anderen Seite nervt mich seine Großzügigkeit bei Dingen, die ich dann erledigen muss, weil er mit der Aufgaben-verteilung eben sehr großzügig umgeht. Verständlich, oder? Ich habe mir angewöhnt, die Haushaltsplanung inklusive der Finanzlage selbst zu beurteilen.
Lustig ist, dass Hartmut meint, er könne mich manipulieren und mir sogar zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen, wenn er mich lobt, wie gut ich das alles mache und wie stolz er auf mich ist. Na ja. Hör ich ja auch gerne. Kann er auch sein. Die Wahrheit ist: Ich freue mich, wenn er sich freut. Ich denke, umgekehrt ist es genauso.
Richtige Männer wie Hartmut stehen auf Kurven, nur Hunde spielen mit Knochen. Natürlich mache ich auch gerne Sport. Deshalb auch so selten. Es soll ja schließlich etwas Besonderes bleiben. Und dass mein Mann mich weiterhin so liebt, wie ich bin, fördere ich. Heute habe ich wieder intensiv Sport gemacht. Ritter Sport. Zwei Tafeln. Und solange Kakaobohnen an Bäumen wachsen ist Schokolade für mich Obst. Bingo. Aber wer nun denkt, ich bin so eine Jogginghosen-Mutti mit Schlabber-Hintern, der irrt. Festes Fleisch, klasse Rundungen, alles erogene Nutzfläche.
Manchmal treffe ich mich mit meinen Freundinnen. Wir reden dann über Dies und Das und Jenes. Und, klar, auch über unsere Beziehungen zu unseren Freunden oder Männern. Wenn die mir mit Problemen kommen, sage ich immer, Du hast den Typen gewollt, und jetzt bist Du in einer festen Beziehung. Wir sind hier bei ‚So ist es' und nicht bei ‚Wünsch dir was'. Also mach was draus. Dann klagen meine Freundinnen manchmal, Männer könnten keine Gefühle zeigen. Von wegen. Geh mal in ein Fußballstadion, da schlagen die Emotionen hoch! Hartmut kann sehr wohl Gefühle zeigen. Aber es war ein langer Weg bis dahin. Seine Tränen gehören nur mir. Und das macht mich stolz.
Hartmut liebt mich auch, weil ich sehr offen bin. Andere würden sagen: direkt. Aber das tut hier nichts zur Sache. Für bestimmte Menschen gehe ich auch heute noch bis ans Ende der Welt, für andere nicht mal mehr ans Telefon. Natürliche Selektion nennt man das. Und wenn jemand ein Problem mit mir hat, dann darf er es ruhig behalten. Ist ja schließlich seines.
Ich lache gerne, sehr gerne auch über mich selbst. Denn ich bin ein hoffnungsloser Anti-Technik-Freak. Ich lerne immer durch Ausprobieren der Knöpfe bis es klappt. Manchmal ist die neue Anlage dann verstellt, so dass meine Hartmut-Feuerwehr es wieder richten muss. Besser, ich lass es gleich.
Wir könnten unsere Unterschiedlichkeiten auch in eine Art Differenzsumme mit Plus und Minus in ein Buch eintragen und darüber diskutieren, in welcher Situation was angebracht oder daneben war. Mal ganz ehrlich, was bringt das? Wir lieben uns, das fordert pauschale Großzügigkeit. Ich bin sogar der Meinung, das hätte beim Standesamt unter "Kleingedrucktes" gestanden.
Wenn es ein Lebensmotto für mich gäbe, dann dieses: Nimm das Leben nicht so ernst, du kommst hier sowieso nicht lebend raus. Und wer zuletzt lacht, hat das eher nicht begriffen. Und was uns angeht: Ich bin ganz sicher - fragen sie Hartmut - er würde sagen:
"Freundschaft ist ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet." Soweit die Definition von Wikipedia zum Thema Freundschaft im Internet. Ich denke, bei Schicksalsschlägen erprobt sich deren Güteklasse. Wenn sie Belastungen in extremen Lebenssituationen stand hält, erwächst daraus echte Wertschätzung. Solche Freundschaften sind wie Blumen von vollendeter Schönheit: Sehr selten und wertvoll.
Die Freundschaft von Frederike und Karla, nämlich mir, wurde letzten Samstag auf eine harte Probe gestellt. "Dich bring ich um, du Schwein", rief sie, und schon sauste mit voller Kraft der Golfschläger, ein Mashie Iron - Eisen 4 - mit der harten Kante auf den Hinterkopf des Mannes nieder. Der Schädel knackte. Er brach zusammen. Das Blut lief. Ganz ehrlich: Es sah insgesamt wenig gut aus. Besonders für den teuren hellen Parkettboden.
Ich war noch in der Küche beschäftigt. Wir waren zum Abendessen verabredet, und weil Frederike immer sehr pünktlich ist, hatte ich ihr die Eingangstür bereits geöffnet. In der Zwischenzeit war wohl ein Einbrecher unbemerkt durch die Verandatür vom Garten her über das Wohnzimmer in die Küche gekommen. Er stellte sich genau hinter mich, als ich vollkommen ahnungslos die Häppchen zubereitete. Er hatte das Messer schon an meinem Hals. Das war`s dann. Exitus. Nicht bei mir. Aber bei dem Typen. "Ja – Wahnsinn. Wie kommt der Mann hier rein – und danke, Mensch, Frederike, du hast mir das Leben gerettet!" Ich bin die Ehefrau von Franz-Edward, dem bekannten Kämmerer des hiesigen Ortes. Franz-Edward hatte sich diesen politischen Posten der Stadtverwaltung hart erarbeitet. Ein Drama dieser Art, kurz vor seiner Wiederwahl, war undenkbar. "Frederike, wir müssen den Typen hier raus schaffen. Ein Mord in unserem Hause …das geht einfach nicht."
"Ich verstehe. Lass mich mal nachdenken."
Meine Freundin Frederike und ich kennen uns vom Golf-Club her. High-Society, die Upper-Class, Ehefrauen, die sich durch langweilige Ehrenämter, exklusive Friseur-Besuche, das neuste Nagel-Design und Shopping-Erfolge auszeichnen. Aber wir waren mit Sicherheit anders! Ganz klar, wir hatten ja jetzt auch einen Totschlag am Hals. Scheiße.
"Hör zu Karla, wir gehen jetzt erst einmal an deiner Bar einen Kaffee trinken. Lass uns mal in Ruhe nachdenken. Und bitte mach hier mal das Fenster auf." "Das Fenster, Frederike?" "Ja, was denkst du denn, die Seele muss raus, oder willst du einen Zwischenstopp provozieren, mit Sitzposition und dem ständigen Gemaule der eingesperrten Seele auf einem deiner Schränke?" "Ne, lass gut sein, wir sorgen für ausreichende Frischluft und ich mach uns einen starken Schwarzen." "OK, her mit den Tassen, ich hätte gerne dazu Milch und Zucker. Sag mal, kennst Du den: Kommt ein Mann im weißen Kittel ins Krankenzimmer und fragt den Patienten: Wie groß sind sie denn? Patient: 1 Meter 80, Herr Doktor. Mann: Ich bin nicht der Doktor, ich bin der Schreiner." "Ne, aber kennst du den, der passt besser zu unserer Situation: Haltet den Dieb, der hat noch mein Messer im Rücken!" "Jetzt bleib doch mal ernst. Was machen wir denn jetzt? Wohin mit dem Einbrecher?" "Hm." "Jetzt sag doch mal, du hast doch immer die zündenden Ideen." "Hm." "Warum redest Du nicht. Was hast Du denn?" "Herpes." "Akzeptiert." "Ne, ich nicht."
Friederikes Mann ist Inhaber der zentralen Tierkadaververwertungsanstalt im Landkreis Offenbach. Ein Privatunternehmen, klein aber fein. Ihr Mann sagt dazu: Klein aber mein. Und recht hat er. Immerhin wirft es ein schönes Vermögen ab, von dem sie sehr gut leben können. Sechs Mitarbeiter, drei davon absolute Metzger, wenn man mich fragt. Sie hat eine 24 h-Vollmacht, also die All-Inclusive-Erlaubnis, dort ein- und auszugehen. Mit Schlüssel. Ob nun tote Tiere oder Einbrecher verarbeitet werden, was soll's. Gibt alles Hundefutter sozusagen. Soweit ihre Idee.
"Komm, pack den Typen in Umzugstüten, ich fahre meinen SUV in eure Tiefgarage und wir packen das Kerlchen in mein Auto. Bis nach Dreieich zu unserer Firma ist es nicht weit. Das ist schnell erledigt", sagt meine Freundin Frederike.
Aber zunächst musste der Einbrecher ausgezogen werden. Ganz nackt. Die Klamotten gingen extra. Ich leitete derzeit eine Sonder-Sammel-Aktion für Rumänien, dem ärmsten Land Europas. Die Männerschuhe, Größe 44, kamen in einen gesonderten Karton, die Hosen und die Oberbekleidung, in einen anderen. So nackt, wie der Mann da lag, das war schon eine Sache für sich. Immerhin sah er von vorne nicht schlecht aus. "Wirklich schade. Der hatte echt was zu bieten", meinte ich und sah ihn mir ganz genau an. Besonders die Mitte. "Jetzt mach weiter, wir müssen heute noch fertig werden", forderte Frederike mich auf. "Schon gehört, amerikanische Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass man mit Toten reden kann." "Das ist ja phantastisch." "Ja, aber das Dumme ist, sie antworten nicht." "Du bist echt blöd, sieh zu, dass wir die Leiche in Säcke packen."
Mit Hau-Ruck und Aufbietung aller unserer Kräfte fuhr der Mann nun unfreiwillig mit einem neuen SUV und uns in die Offenbacher Pampa. Nackt und in PVC gehüllt. Wohlfühlen geht sicher anders.
Frederike versuchte mich abzulenken: "Stell Dir vor, ein Taxi-Passagier tippt dem Fahrer auf die Schulter, um etwas zu fragen. Der Fahrer schreit laut auf, verliert die Kontrolle über den Wagen, verfehlt knapp einen Bus, schießt über den Gehsteig und kommt nur wenige Zentimeter vor einem Schaufenster zum Stehen. Für ein paar Sekunden ist alles still, dann sagt der Taxifahrer: Bitte machen sie das nie, nie wieder! Sie haben mich zu Tode erschreckt. Der Kunde entschuldigt sich und sagt, ich konnte nicht ahnen, dass sie wegen eines Schultertippens gleich dermaßen krass reagieren. Ist ja auch nicht wirklich Ihr Fehler, meint der Fahrer. Heute ist mein erster Tag als Taxifahrer. Die letzten 25 Jahre fuhr ich einen Leichenwagen." "Doofe Nuss!! Zum Glück sind wir fast da. Gib mir schon mal die Schlüssel, ich mache dann gleich das Tor auf."
Wir fuhren unbemerkt auf das Gelände. Die Firma war zu klein, um Security zu beschäftigen. Keiner bemerkte uns. Kameras gab es auch nicht. Aber wundervolle Zerkleinerungsmaschinen. Wir parkten ganz in der Nähe von Halle 1, der Sägezentrale. Der gut gebaute Mann musste nun hier auf die Edelstahlliege. Irgendwie schade um ihn.
Frederike und ich zerlegten ihn in Einzelteile. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Alles was Fleisch ist, musste nach links, Kopf und Knochen nach rechts. Zum Glück hatte der Typ eine Glatze. Reste von zerkleinerten Haaren würden nun mit Sicherheit nicht auffallen.
Es gab bestimmte Ablaufmechanismen, die ich bereits kannte. Davon hat Friederikes Mann oft genug erzählt. Übrig bleibt zum Schluss: Nichts Erkennbares. Sagt er.
Wir schalteten die Maschinen an. Was soll ich sagen: Es stank. Zum besseren Verteilen warfen wir noch ein paar Tiefkühltiere mit hinein. Diese Masse war so undurchsichtig und schmierig wie grobe Leberwurst. Mir wurde schlecht. Ich beschloss, zukünftig Vegetarierin zu werden.
Wir schmissen die automatische Dosenfüllanlage an. Die nächste Lieferung ging komplett als Billighundefutter raus. Passt. Wir fuhren die Anlage runter, reinigten alles, schlossen die Firma ab und fuhren zu mir nach Hause.
"Sag mal, Frederike" sagt ich, "da haben wir wohl gerade noch die Kuh vom Eis gekriegt. Aber was wollen wir denn in Zukunft machen?" "Wir eröffnen ein Detektiv-Büro." "Super Idee! Und wie wollen wir uns nennen? ‚Frederike und Karen-Lara, Detektei', das klingt unprofessionell." "Ne, wir kürzen unsere Namen ab in: Frikasse, Fred und Karla, Erlensee, Detektivbüro." "Genau, und weißt du, worauf wir uns spezialisieren? Auf das Aufspüren von Mördern und Kriminellen: Wir verkleinern ihre Probleme!"
Es gibt tatsächlich Schlangen, die es schaffen, zu Menschen zu mutieren. Als Frau getarnt zischen sie mit ihrer Zunge und häuten ihre Meinungen, wenn es gerade passt. Es ist kaum zu glauben, wo diese Mutanten im täglichen Leben überall anzutreffen sind. Selbst an harmlosen, ganz banalen Orten oder Situationen, wie bei einem Restaurantbesuch.
Ich gehe mit meinem Mann recht gerne im Bürgerhaus essen: Gute deutsche Küche, Schnitzel mit Pommes und Salat. Aber seit Neustem gibt es hier einen anderen Pächter, einen Italiener, der frischen Wind in die Speisekarte gebracht haben soll. Wir wollen das testen. Es ist Freitagabend, 18.30 Uhr, das Restaurant ist noch nicht ganz voll. Die Leute kommen nach und nach. Wir sitzen gegenüber vom Eingang in einer Nische, ich mag diese Ecke, sie gibt einen unterhaltsamen Überblick.
Zur Tür herein kommt eine Frau mit ihrem Mann und wählt den Tisch neben uns. Sie zieht ihre Fellstola von den Schultern und bestimmt ganz klar, wer sich wo hinsetzt. Er auf der Bank, sie auf dem Stuhl. Sie nehmen sich beide die Speisekarte und vertiefen sich in die Auswahl. "Wir nehmen zum Essen einen Grillo, was meinst du?" "Ja, mein Schatz." Und dir bestelle ich Schweinemedaillons Scaloppine, die sind mager, das ist gut für deine Figur." "Ja, mein Schatz." "Und als Vorspeise Antipasti und einen Cocktail Camberetti, einverstanden?" "Ja, mein Schatz." "Und sag nicht immer ‚Ja, mein Schatz'." "Ja, ist gut."
