Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Besser als Bus fahren - Renate Bergmann

Ein Tag Altenheim kostet 180 €, ein Tag Kreuzfahrt nur 120 €. Ich habe das mal meiner Tochter gesagt.«Man muss das Leben genießen, solange man noch krauchen kann! Wer weiß, wie lange es noch geht ohne Pflegekraft? Meine Freundin Gertrud spricht ja schon seit Jahren von Busfahrten und Cluburlaub! Die spinnt doch! Da pullern Kinder ins Wasser, und man muss den ganzen Tag Ententanz machen. Nicht mit Renate Bergmann, ich spendierte uns einen richtjen Urlaub.Also sind wir los und haben eine Kreuzfahrt gemacht. Die fahren gar nicht über Kreuz, sondern eine große Schleife. Wussten Sie das?Wir haben jedenfalls viel erlebt. Ich habe den ganzen Schrank voll mit neuen flauschigen Handtüchern, und im Froster ist Dauerwurst vom Büfett für bis Ostern hin!»

Meinungen über das E-Book Besser als Bus fahren - Renate Bergmann

E-Book-Leseprobe Besser als Bus fahren - Renate Bergmann

Renate Bergmann

Besser als Bus fahren

Die Online-Omi legt ab

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Ein Tag Altenheim kostet 180 €, ein Tag Kreuzfahrt nur 120 €.

Ich habe das mal meiner Tochter gesagt.

 

«Man muss das Leben genießen, solange man noch krauchen kann! Wer weiß, wie lange es noch geht ohne Pflegekraft? Meine Freundin Gertrud spricht ja schon seit Jahren von Busfahrten und Cluburlaub! Die spinnt doch! Da pullern Kinder ins Wasser, und man muss den ganzen Tag Ententanz machen. Nicht mit Renate Bergmann, ich spendierte uns einen richtjen Urlaub.

Also sind wir los und haben eine Kreuzfahrt gemacht. Die fahren gar nicht über Kreuz, sondern eine große Schleife. Wussten Sie das?

Wir haben jedenfalls viel erlebt. Ich habe den ganzen Schrank voll mit neuen flauschigen Handtüchern, und im Froster ist Dauerwurst vom Büfett für bis Ostern hin!»

Über Renate Bergmann

Renate Bergmann, geb. Strelemann, wohnhaft in Berlin. Trümmerfrau, Reichsbahnerin, Haushaltsprofi und vierfach verwitwet: Seit Anfang 2013 erobert sie Twitter mit ihren absolut treffsicheren An- und Einsichten – und mit ihren Büchern die ganze analoge Welt.

 

Torsten Rohde, Jahrgang 1974, hat in Brandenburg/Havel Betriebswirtschaft studiert und als Controller gearbeitet. Sein Twitter-Account @RenateBergmann, der vom Leben einer Online-Omi erzählt, entwickelte sich zum Internet-Phänomen. «Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker» unter dem Pseudonym Renate Bergmann war seine erste Buch-Veröffentlichung – und ein sensationeller Erfolg, auf die zahlreiche weitere, nicht minder erfolgreiche Bände und ausverkaufte Tourneen folgten.

Guten Tag,

Sie wissen bestimmt schon, wer hier wieder schreibt, oder? Richtig. Renate Bergmann. Ich höre schon das Fräulein vom Verlag: «Immer erst schön vorstellen …»

Jajaja.

Ich lerne das!

Also, hier ist Renate Bergmann aus Berlin. Ich bin vierfach verwitwete Eisenbahnpensionärin und habe jetzt einen neuen Klappcomputer. Ach, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie praktisch die Dinger sind. Ganz klein, wie mein Aktenordner, in den ich die Heirats- und Sterbeurkunden weggeheftet habe und auch die Bedienungsanleitung vom neuen Herd. Man klappt den hoch, und dann schreibt der sogar ohne Strom, nur alle paar Stunden muss man den Stecker einstöpseln. Das Gerät geht ohne Farbband, und man kann es überall mit hinnehmen – sogar in den Urlaub, denken Se sich das mal! Was ist denn jetzt los? Jetzt ist eine ganz andere Schrift! Ich werde noch verrückt. Immer wenn man denkt, jetzt klappt es, jetzt habe ich die Großmachtaste im Griff und es klemmt auch kein Buchstabe, ist wieder was anderes … aber so sieht es auch hübsch aus. Das lasse ich jetzt so und bitte Stefan, was mein Neffe ist, bei Gelegenheit, sich das mal anzugucken. Der hilft mir mit allem, was Strom hat und nicht in der Küche steht. Ach nee, was sagt man dazu, jetzt geht’s doch wieder.

Apropos Urlaub, darum geht es nämlich. Neulich war ich mit meiner Freundin Gertrud in den Ferien. Nicht mit dem Bus wie sonst immer, sondern mit dem Dampfer auf dem großen Meer. Ich habe sie eingeladen. Drei Wochen Mittelmeer. Wissen Se, mitnehmen kann man nichts, wenn es mal so weit ist und man abtreten muss, und in unserem Alter – wir sind beide 82 –, ja, wer weiß denn, wie lange wir noch reisen können ohne Pflegekraft? Man muss das Leben genießen, solange man noch krauchen kann! Also sind wir los mit so einem Kreuzfahrerschiff und sind durch das Mittelmeer getingelt. Die fahren übrigens gar nicht über Kreuz, sondern eigentlich eine große Schleife. Es war ein Erlebnis, aber erholt habe ich mich nicht, dafür ist viel zu viel passiert. Wie sagt man immer? Wenn es ein schöner Urlaub war, braucht man hinterher zwei Wochen zum Ausspannen!

Wir hatten extra außerhalb der Schulferien gebucht, damit keine Kinder an Bord sind. Das war ein Schuss in den Ofen, sage ich Ihnen! Statt der Pennäler, die vielleicht sogar parieren würden, wenn man sie ausschimpft, waren Familien mit Kleinkindern auf dem Dampfer. Überall kleine Quengelgeister, wohin das Auge schaute. Und das Auge musste gar nicht schauen, die Ohren hörten es auch so. Himmel, nee! Was habe ich die Herrschaften mit Schwerhörigkeit beneidet in diesen Tagen! In dem Fall ist das kein Leiden, sondern ein Segen. Wir konnten nicht mal in den Schwimmingspool, denken Se sich nur! Da pullerten die kleinen Geister doch rein und machten einen Krach, dass man nicht mal am Rand auf der Liege in Ruhe lesen konnte. Aber da wusste ich mir zu helfen, warten Se es nur ab, ich werde Ihnen berichten. Entschuldigen Se, ich bin schon mitten beim Plaudern, dabei wollte ich doch nur «Guten Tag» sagen. Aber es war so eine herrliche Reise, dass es nur so aus mir heraussprudelt …

 

Unterm Strich war es schön, da kann man nicht meckern. Mir hat es vom ersten Tag an wunderbar gefallen. Bei Gertrud dauerte es ein bisschen. Wissen Se, sie hatte die ersten Tage ganz schlimm mit der Seekrankheit zu kämpfen. Die meiste Zeit trank sie Kamillentee und aß Zwieback, aber nicht mal das behielt sie bei sich. Sie hat vier Kilo abgenommen in drei Tagen, das flutschte besser als bei einer Kohlsuppendiät, und als wir zum Dinner an den Kapitänstisch eingeladen waren, da hing das neue Abendkleid, was sie sich extra im Katalog bestellt hatte, ganz trostlos an ihr herunter.

Manchmal ging es ein bisschen besser, da konnte sie aufstehen und traute sich sogar an Deck, aber die meiste Zeit hing sie über der Reling und … Sie wissen schon. Aber das Personal war sehr verständnisvoll und wischte alles diskret weg, die haben so was ja öfter. Ich habe auch immer feuchte Reinigungstücher einstecken, und die brauchte ich auch, um Gertrud die Brille und die Mundwinkel sauber zu wischen. Heute haben se sich ja alle dumm, wenn man ins Taschentuch spuckt und abwischt, deshalb habe ich die Tücher angeschafft. Die sind sehr praktisch!

 

Ab der zweiten Woche war Gertrud wieder ganz auf dem Damm und gockelte mit den Männern rum. Ich muss mir noch überlegen, ob ich DAS alles aufschreibe, was da vorgefallen ist, nicht, dass Gunter Herbst, ihr Lebensgefährte, davon Wind bekommt. Eine Renate Bergmann ist schließlich eine verschwiegene, gute Freundin, die noch weiß, wie Diskräzion geschrieben wird, nicht wahr? (Sie ließ den Bordarzt ihre Brust abtasten, als sie erfahren hat, dass er alleinstehend ist. DIE BRUST ABTASTEN! Denken Se sich das mal! Er hatte aber kein Interesse und gab ihr nur Hustensaft mit, den sie beleidigt in der Toilette runterspülte. Das kann ich aber alles nicht aufschreiben, wundern Se sich also später nicht, wenn ich von einem Fräulein Doktor berichte.)

Und auch sonst lief nicht alles glatt. Wir waren drei Wochen unterwegs und haben wirklich jeden Winkel des riesigen Schiffes abgesucht und an jede Kabinentür geklopft, aber Sascha Hehn – Sie wissen schon: der schmucke Chefkellner von dem «Traumschiff» – war gar nicht an Bord! Das war Betrug, auf dem Prospekt vom Reisebüro war er nämlich drauf. Immerhin war das doch sein Schiff! Gertrud und ich hatten extra die Videobänder von ihm dabei, damit er ein Autogramm draufschreibt. Alles Halunken, man muss so aufpassen, sonst wird man über den Tisch gezogen wie auf einer Kaffeefahrt. Aber die Sache mit Herrn Hehn fand doch noch ein versöhnliches Ende. Mehr verrate ich jetzt noch nicht, da müssen Se schon bis ganz zu Ende lesen.

 

Ach, es war alles sehr aufregend. Wir bekamen Bändchen um das Handgelenk. Unsere Gruppe hatte rot, damit kriegten wir Essen und alle Getränke umsonst – nur Korn hatten se nicht! Ich habe diese bunten Mixgetränke mit Obst drin probiert, aber ich blieb dann doch bei meiner eigenen Kornreserve aus dem Flachmann, den ich immer dabeihabe. Hugo hin oder her – wenn etwas riecht wie Haushaltsreiniger, dann trinkt eine Renate Bergmann das nicht. Die andere Gruppe hatte grün, die durften nur umsonst essen und mussten ihr Bier bezahlen. Erst dachte ich ja, es wäre so ein modernes SOS-Armband, mit dem alte Leute den Pflegedienst alarmieren können, und wollte mich schon entrüsten, aber der nette Kellner, der Herr Pablo, erklärte es uns ganz genau.

 

Apropos rotes Bändchen: Das Essen hätten Se sehen sollen! Ein Gedicht! Meist gingen wir Büffet essen, weil es so wunderschön angerichtet war. Geschnitzte Melonen und Schinkenröllchen und sogar Schwäne aus Eis. Wir mit den roten Bändern waren Gruppe eins, das hieß zeitig Mittag und Abendbrot. Die Grünen mussten warten, bis wir fertig waren. Die kamen erst danach an die Tröge. Wir durften mit unseren roten Bändchen auch in die Restaurants und dort Menü essen und alles, was auf der Karte stand, aber das dauerte Stunden, und es waren nur so kleine Portionen, dass man immer mehr Hunger bekam. Aber wo Ilse mir doch extra das schöne neue Abendkleid genäht hatte, wollten wir auch mal schick ausgehen, und wenn es im Preis mit drin ist, na, dann lässt man sich das nicht entgehen, oder? Man konnte ja Nachschlag nehmen.

 

Wir fanden sogar recht bald nette Reisegesellschaft, die Bömmelmanns aus Dresden. Gittl und Herbert, ein wirklich freundliches Pärchen. Ich will ganz ehrlich sein, sie waren eine nette Bekanntschaft, aber ich werde mich nicht wieder bei ihnen melden. Etwas merkwürdige Leute, die ihren Aufschnitt von zu Hause mithatten. Wozu hatten die denn die Bändchen? Man konnte nur den Kopf schütteln.

Gittl war um die 70 und, bis sie pensioniert wurde, Turnlehrerin. Sie hat das nicht ganz abgelegt und wollte uns jeden Morgen zur Gymnastik scheuchen. Ab der zweiten Woche, als Gertrud nicht mehr so oft speien musste, stichelte sie sogar gegen die. Nicht mal meine künstliche Hüfte zählte als Entschuldigung. Gittl wollte mit uns Hampelmann machen, Kniebeugen und Wassertreten – natürlich ganz früh am Morgen, als die Quengelkinder noch schliefen und wir den Schwimmingspool für uns gehabt hätten. Aber weder Gertrud, die sich nur bewegt, wenn die Schips alle sind, noch ich fanden viel Spaß an der Turnerei, sodass die Gittl allein sporteln musste. Sie machte sogar bei der «Passagierolympiade» mit und holte den zweiten Platz beim Minigolfturnier! Man muss dazu sagen, dass es nur zwei Teilnehmer gab, und der Sieger war Herr Knopfler. Er sitzt im Rollstuhl und ist blind, aber das weiß ja keiner, und Gittl ist sehr stolz auf ihren Pokal, den sie bekam.

 

Ach, die Wochen gingen so schnell rum! Wir machten Landgänge, jeden Abend war irgendwo ein Ball, es sang ein Seemannschor, man konnte Servietten und Handtücher falten lernen und Gesichter in Melonen schnitzen – ein bisschen war es wie im Altenheim. Sie hatten sogar ältere Herren angestellt, die einsame Damen zum Tanz führten und später auf die Kabine begleiteten … Sodom und Gomorrha! Sogar meine Gertrud war sich dafür zu schade, und das hat was zu bedeuten.

 

Sie merken, wir haben viel erlebt in der schönen Zeit. Ich habe den ganzen Schrank voll mit neuen flauschigen weißen Handtüchern, und im Froster ist Dauerwurst vom Büfett für bis Ostern hin!

Dann werde ich Ihnen jetzt mal ausführlich Bericht erstatten und wünsche viel Vergnügen,

 

Ihre Renate Bergmann.

 

(Kommt da ein Punkt? Ich muss Ilse fragen.)

Machen. Ich sage immer: machen, machen, machen. Bereuen kann man später noch.

Man muss sich auch mal selber was wert sein und sich was gönnen. Das heißt nicht, dass ich mein Geld zum Fenster rausschmeiße. Schließlich bin ich nicht Wilma Biese, die jeden Vormittag vorm Edeka am Bäckerstand steht und Kaffee und zwei halbe belegte Brötchen für 4 Euro 20 verfrühstückt. Rechnen Se sich das mal durch, da gehen 20 Euro drauf im Lauf der Woche! Mehr sogar, die haben ja auch Sonnabend auf. Na, die Wilma hat es aber auch dicke. Ihr Mann war Zahnarzt und hat sich ordentlich was erbohrt im Lauf der Jahre. Wenn der wüsste, dass sie nun alles beim Bäcker verjubelt, der würde sich im Grabe umdrehen.

Nee, so eine bin ich nicht. Aber es war doch an der Zeit, sich mal eine schöne Reise zu gönnen. Wissen Se, ich bin durch die Verkettung glücklicher Umstände zu ein bisschen Geld gekommen. Die Bank hat einen Fehler gemacht! Das kam so … Nee. Das geht nicht, das kann ich Ihnen nicht alles noch mal aufschreiben.

Ich höre quasi schon das Fräulein vom Verlag in den Ohren: «Nein, nein, nein, Frau Bergmann. Keine Wiederholungen!» Da isse ganz streng mit mir und schimpft. Aber sie hat ja recht, wissen Se, die haben nur soundso viel Papier bestellt in der Druckerei, und wenn ich Ihnen jetzt hier über 50 Seiten erzähle, wie das kam, dass die von der Bank statt Sparbriefen aus Versehen Aktien für mich gekauft haben und ich auf einmal zwölf oder fuffzehn mal so viel Geld hatte wie vorher, dann rollen Sie mit den Augen, denken sich: «Jetzt wird se senil, die olle Bergmann», und blättern weiter.

Ich habe lange hin und her überlegt, was wohl mal werden soll mit meinen Kröten, und alles genau hinterlegt. Jeder, der für mich da war und sich um Renate Bergmann gekümmert hat zu Lebzeiten, wird bedacht. Aber trotzdem wollte ich mir auch was Schönes leisten, und zwar eine Kreuzfahrt mit meiner besten Freundin Gertrud.

Wie oft haben wir Weihnachten und Neujahr mit ein paar Bechern Restbowle vor der Flimmerkiste gesessen und «Traumschiff» geguckt! Schon die schöne Musik, ach, man bekam richtig Lust auf Sonne und Urlaub unter Palmen. Schon lange träumten wir davon, selber mal so eine schöne Reise zu erleben. Nun gab es keinen Grund mehr, noch länger zu warten. Wir sind beide über 80, ich bitte Sie. Da duldet so was keinen Aufschub! Wie schnell sitzt man im Lehnstuhl, kann nicht mehr und denkt sich: «Hätte ich doch bloß!», und ärgert sich.

Ich kann so was nicht leiden. Ich sage immer: «Machen, machen, machen – bereuen kann man immer noch.» Und sind wir doch mal ehrlich: Viel öfter bereut man Dinge, die man NICHT gemacht hat, als umgekehrt. Äh … also, Sie wissen schon, die, die man gemacht hat.

 

Als Gertrud das nächste Mal bei mir zu Besuch war, erzählte ich ihr von meiner Idee. Gertrud ist … nun, wie soll ich sagen … ein bisschen lethargisch und nicht immer zu Unternehmungen aufgelegt. Sie hat es gern gemütlich und ruhig. Ich dagegen bin, sooft es geht, unterwegs. «Auf dem Sofa kann ich noch sitzen, wenn ich alt und klapprig bin, Gertrud», sage ich oft zu ihr, und dann guckt sie mich verständnislos an und sagt: «Renate, wir SIND alt!»

Umso überraschter war ich, dass sie sofort Feuer und Flamme war. «Auf das Traumschiff, Renate? Auf das richtige Traumschiff mit Sascha Hehn?» Ihre Augen leuchteten. Wissen Se, an regnerischen Herbsttagen, wenn man nicht rauskann, machen Gertrud und ich gern mal einen Filmenachmittag. Diese modernen kleinen Silberscheibchen sind ja so praktisch! Man muss nicht zurückspulen, und es ist ein 1-a-Bild. Gern gucken wir Peter-Alexander-Filme, aber ab und an auch Försterfilme oder Traumschiff mit Sascha Hehn. Natürlich nicht die Schmuddelfilme, die der auch gemacht hat, als er Geld brauchte. Obwohl Gertrud wahrscheinlich auch die angucken würde, aber so was kommt mir nicht ins Haus. Eine Renate Bergmann ist eine Frau mit Anstand und weiß, was sich gehört!

Wir überlegten den ganzen Nachmittag, wann es wohl am günstigsten wäre zu reisen. Am liebsten wäre mir ja der Winter gewesen. Wissen Se, wenn es hier so kalt und usselig ist, dann wäre ich gerne weg. Jeden Tag muss man das Treppenhaus wischen, weil die Nachbarn wieder alles dreckig gelatscht haben, und wenn es schneit, wer muss raus um fünf am Morgen? Es bleibt doch alles an mir hängen. Die sollten ruhig mal sehen, wie sie ohne mich zurechtkämen! Außerdem lag im Winter auch kaum Arbeit auf den Friedhöfen an, da verpasste man nichts. Ab und an den Schnee vom Stein wischen und das Laub aus den Wintergestecken lesen, fertig.

Andererseits war es auch nur wirklich sehr weit weg von hier warm um diese Zeit. Da musste man schon nach Afrika oder Südamerika fliegen, und, ganz ehrlich, dafür fühlte ich mich doch ein bisschen zu alt. Man muss da eine ganze Nacht lang mit dem Flugzeug fliegen, es gibt nur eine Toilette, die zudem noch eng ist wie ein Sarg, und dann die Zeitverschiebung … nee, das traute ich mir doch nicht mehr zu. Wir fassten den Mai ins Auge, da war es um das Mittelmeer herum zwar schön warm, aber noch keine Gluthitze wie im Hochsommer. Trotzdem wälzten Gertrud und ich die Kataloge, die ich mitgebracht hatte, und guckten uns erst mal alles an. Man muss ja schließlich wissen, was es überhaupt so gibt, nich wahr?

 

«Oder nach Granada? Gertrud! Nun hör doch mal zu, wenn ich mit dir rede!»

Ich blätterte in einem der vielen Reisekataloge, die wir vor uns auf dem Esstisch ausgebreitet hatten. Die Häkeldecke hatte ich abgenommen und ordentlich zusammengelegt in der Schrankwand verstaut. Auf dem Tisch habe ich immer eine Wachstuchdecke liegen. Wie schnell stößt man mal ein Glas um? Dann hat man das Theater! Das schöne Möbel muss doch geschont werden und darf nicht leiden, schließlich hat das alles viel Geld gekostet. Das waren ja noch D-Mark, als ich das gekauft habe. Und mit der Druckerschwärze der Kataloge muss man auch vorsichtig sein. Wie schnell saut man sich alles voll!

«Gertrud! Granada?», rief ich noch mal, und erst jetzt merkte sie auf.

So was macht mich ja verrückt, wenn ich etwas Wichtiges mit jemandem besprechen will und der mir nicht zuhört. Wissen Se, da lade ich sie schon ein auf eine Kreuzfahrt und bezahle allen Pipapo, und dann interessiert sich meine beste Freundin gar nicht richtig dafür?

«Was soll ich denn in Kanada? Du hast doch gesagt, wir wollen ins Warme. Kanada war neulich erst im Wetterbericht, und die sprachen von an die 30 Grad Miese.»

«Kanada? Kein Mensch spricht von Kanada. GRA-NA-DA, Gertrud. GRA-NA-DA!»

Herrje, die mit ihrem Hörgerät! Sie trägt das Ding, um Männer anzulocken, obwohl sie hört wie ein Luchs. Jetzt fragen Se sich sicher, wie das denn funktionieren soll. Passen Se auf: Gertrud denkt, Männer interessieren sich für die Technik und sprechen sie deshalb eher an. Nicht nur, dass sie sich die obersten Blusenknöpfe absichtlich abreißt und deswegen ständig verkühlte Bronchien hat, nein, sie trägt auch das Hörgerät vom Trödelmarkt deutlich sichtbar am Ohr. So ein Quatsch, die modernen Geräte sind alle so tief in den Gehörgang eingebaut, dass man gar nichts von denen sieht. Weil sie aber so ein Altgerät vom Schrotthändler hat, das ihr vor den Ohren baumelt und die Wörter gar nicht durchlässt, hört sie dann wirklich schwer.

Unmöglich, diese Frau! Ich schaute sie aus den Augenwinkeln an und dachte bei mir: Renate, vielleicht hatte Mutter doch recht. Die hat immer gesagt: «Halt dich von der Gans fern, das ist kein Umgang für uns.» Gertrud ist eine geborene Gans, müssen Se wissen. Gertrud Gans. Was haben wir sie geärgert in der Schule! Ich glaube bis heute, sie hat ihren Gustav seinerzeit nur geheiratet, damit sie den Namen loswird. Potter klingt zwar auch nicht viel eleganter, aber wenigstens hörten die Hänseleien auf. Zumindest, bis die Filme mit dem Zaubererkind in die Lichtspielhäuser kamen.

«Gertrud, wenn man bei dir nicht aufpasst, geht es dir wie der Frau aus Sachsen, die am Telefon Urlaub nach Bordeaux gebucht hat und sich dann wundert, als sie im Flieger sitzt und erfährt, dass es nach Porto geht. Du musst besser zuhören!»

«Wo liegt denn dieses Granada überhaupt? Und ist es da warm?»

Ich guckte im Klappcomputer beim Gockel nach. Wissen Se, die haben da sogar einen Atlas eingebaut. Es ist alles sehr praktisch und geht ruck, zuck – jedenfalls, wenn man sich nicht vertippt.

Die Idee mit Granada verwarfen wir sehr schnell wieder, denn es lag im Landesinneren von Spanien. Da war es zwar warm, aber man kam mit dem Kreuzfahrtdampfer schlecht hin. Und die Fotos sahen auch nicht schön aus, überall nur Staub, sandige Gegend und herrenlose Hunde. Nee, da konnte ich mit Gertrud nicht hin.

Da kam mir eine Idee. Ich holte die CD «Das Beste von den Flippers» aus meinem Schränkchen, und wir gingen die Liste mit den Liedern auf der Rückseite in Ruhe durch. Wir überlegten, wo man wohl hinfahren könnte.

Napoli, Barbados, Marbella, Mexiko, St. Tropez, Venedig, Lotosblume.

Ich guckte alles beim Gockel nach. Bei Napoli zeigte er Nudelsoße an, Lotosblume war keine Insel, sondern eine Blume (da hatte ich selber nicht aufgepasst, das muss ich zugeben, da hätte man draufkommen können), und Mexiko war eindeutig zu weit. Da hat man dann die Zeitverdrehung und kommt mit dem Schlaf, den Tabletten und dem Austretenmüssen ganz durcheinander, nee, das kam nicht in Frage. Gertrud und ich müssen ja beide unsere Tabletten schlucken, und da frage ich Sie – sollen wir uns einen Wecker stellen für nachts um vier, um unsere Blutdruckmittel einzunehmen? Und wo bekam man um die Zeit was zu essen her? Die schlafen bis in die Puppen auf so einem Dampfer, ich weiß das doch. Frühstück gibt es erst ab sieben! Ich muss immer einen Bissen zu essen haben, wenn ich meine Medikamente nehme, gerade bei den gelben, sonst kriege ich Reizmagen. Südsee und Mexiko kamen schon deshalb nicht in Frage.

 

Gertrud blätterte in einem der Kataloge und rief just in dem Moment, als ich «Venedich» in die Lexikonmaschine tippte: «Renate, ich hab’s! Venedig, guck mal, ach … wie schöööööön …»

Der Gockel klugscheißerte, dass man das hinten mit G schreibt und nicht mit CH, aber bitte. Eine Renate Bergmann lernt gern dazu.

Gertrud zeigte mir das Angebot, das sie gefunden hatte. Die Reise sollte drei Wochen gehen, das war eine gute Zeit, um sich auch anständig zu erholen. Man muss ja bedenken, dass noch An- und Abreise hinzukommt. Dazu die Vorbereitungen! Impfen, packen, die Gießdienste auf den Friedhöfen organisieren, den Kühlschrank abtauen, vorher noch mal sauber machen – man will schließlich keine verdreckte Wohnung hinterlassen, falls unterwegs was passiert und man nicht mehr wiederkommt –, da würden unterm Strich gute vier Wochen zusammenkommen, wenn man alles mit einrechnete. Das war lange genug.

Ich muss sagen, Gertrud hatte es gut ausgesucht. Die Reiseroute ging von Venedig aus durch das Mittelmeer über Griechenland nach Malta. Korfu war auch dabei, denken Se sich nur! In Korfu war die Sissi damals auch, als sie es so auf der Lunge hatte. Im dritten Film, glaube ich, als die Mutti ihr nachreiste und sie schöne Spaziergänge am Strand machten mit ihren Reifröcken und Schirmen bei Sonnenuntergang. Irgendwie habe ich das bis heute nicht richtig verstanden. Ich habe «Sissi» bestimmt 30-mal geguckt. Sie hat es so auf der Lunge, dass man mit ihrem Ableben rechnet und schon eine neue Braut für den Kaiser gesucht wird. Kein Doktor kann mehr helfen, und man schickt sie quasi zum Sterben in die südliche Sonne. Aber dann kommt die Mutti, geht ein bisschen mit ihr spazieren, und zack, ist sie wieder genesen? Das ist alles sehr merkwürdig, aber bitte.

Jedenfalls würde es von Korfu aus noch nach Kroatien gehen. Das ist bestimmt auch schön, und wenn man nicht wollte, musste man ja nicht von Bord gehen und die Ausflüge mitmachen, sondern konnte auf dem Kahn bleiben. Zu guter Letzt würde das Schiff uns nach Mallorca fahren. Von dort würden wir nach Berlin zurückfliegen.

 

Ich muss sagen, Venedig klang reizvoll. Ich war viermal verheiratet und hatte mir immer gewünscht, dass mich einer der Gatten mal in die Laugenstadt entführen würde, aber es war mir nie vergönnt. Damals mit Otto war nicht daran zu denken, der war ja schneller verstorben, als man überhaupt ins Reisebüro hätte gehen können, und bei Franz und Wilhelm stand die Mauer. Da kamen wir nicht raus. Unser Venedig war der Spreewald. Schön war’s trotzdem, doch. Wirklich schön. Aber eben nicht Venedig, Sie verstehen mich bestimmt. Später, nach der Wende, als ich Walter geheiratet habe, ja, da hätten wir fahren können. Aber der konnte nicht weg wegen seiner Karnickel. Ständig mussten sie gefüttert, ausgemistet und zu Ausstellungen gefahren werden, und ehe ich hätte auf den Tisch hauen können, lag Walter eine Etage tiefer in der Kiste, und ich war zum vierten Mal eine gramerfüllte Witwe.

Das lehrte mich, seine Träume nicht aufzuschieben, sondern sie sich zu erfüllen. Wie schnell ist das Leben um! Lassen Se sich das gesagt sein von Oma Bergmann. Ich bin 82 (hatte ich das erwähnt?), und für Sie klingt das vielleicht uralt. Für mich jedoch fühlt es sich so an, als wäre ich erst gestern ein Backfisch gewesen und als hätte die Zeit nur ein Mal mit den Fingern geschnipst, und zack!, war ich eine olle Frau. Es geht so schnell rum, dieses Leben. Schieben Sie nie etwas auf! Machen Se, worauf Sie Lust haben, wenn es niemandem weh tut und Sie es sich leisten können. So.

 

Ich brühte uns einen frischen Tee auf, und wir studierten die Angaben zu der Reise ganz genau. Man muss höllisch aufpassen; wenn man nur ein Wort falsch versteht, hat man nachher den Salat. Vor Jahren haben wir eine hübsche Busfahrt gemacht in die Eifel. Man konnte aus zwei Hotels wählen. Die sahen beide passabel aus, und ich dachte, es wäre egal, was ich ankreuze. Da hatte ich mir aber ein Dilemma eingehandelt, sage ich Ihnen! Passen Se bloß genau auf, dass da nicht «familienfreundlich» steht. Es gab nur Nudeln mit Tomatensoße und Grießbrei zum Abendbrot, und der ganze Flur stand voll mit Kinderwagen, man kam gar nicht durch. Vom Gebrüll rede ich nicht, Kinder sind Kinder – ich hätte eben besser aufpassen müssen.

Gertrud fand es nicht schlimm, sie ist sogar zum großen Wettbewerb «Wer buddelt die schönste Sandburg?» gegangen und hat einen Sonderpreis bekommen. Nicht, weil ihre Burg so schön war, aber die Betreuerinnen waren dankbar, dass sie eine Oma mehr zum Aufpassen hatten. In allen Ritzen und sogar in den Haaren hatte Gertrud den Sand, das ganze Bett hat sie vollgesandet in der Nacht danach. Nur gut, dass wir zwei Einzelbetten gebucht hatten. Auch wenn Doppelbett billiger gewesen wäre.

Nee, so was würde mir nicht noch mal passieren. Keine Kinder an Bord! Wir studierten die Reisebeschreibung eingehend und ganz genau, alle beide. Mit Lesebrille und Zeigefinger auf dem Text, Zeile für Zeile. Ich las sogar im Interweb noch Erfahrungsberichte, und die äußerten sich alle in den höchsten Tönen und sehr begeistert. Eine Dame schrieb sogar: «Gediegen, luxuriös und doch erlebnisreich – Erholung auf allerhöchstem Niveau.» Doch, das könnte mir gefallen. Es gab eine deutschsprachige Reiseleitung, jeden Tag Ausflüge, Unterhaltungsprogramm an Bord, und Essen und Trinken war alles inklusive. Das Schiff sah wunderschön aus, die abgebildeten Fotos waren sehr einladend. Die Kabinen machten einen geräumigen und sauberen Eindruck. Das ist schon eine Menge wert, wenn man nicht vor dem Einzug erst mit dem Lappen und Hygienespray selber Hand anlegen muss.

Doch, diese Reise sollte es sein. Wir entschieden uns des angenehmen Wetters wegen für drei Wochen im Mai. Das brachte jedoch eine Menge Probleme mit sich. Immerhin war das die Pflanzzeit, da mussten nicht nur die Balkonkästen, sondern auch die Gräber meiner verschiedenen Gatten in Schuss gebracht werden! Aber Eisbegonien hin oder her – nach so vielen Jahren des Gießens darf eine Renate Bergmann auch mal an sich denken. Wir hatten eine hübsche Außenkabine ausgesucht mit kleinem Balkon, Essen rund um die Uhr, Landausflügen und allem Drum und Dran. Gertrud freute sich wie ich, aber dass ich sie einladen und alles für sie bezahlen würde, bereitete ihr doch Unbehagen.

«So viel Geld für mich auszugeben, Renate! Eine Busfahrt hätte es doch auch getan», wiegelte sie ab.

«Warte nur ab, Trudchen. So ein Dampfer, das ist viel besser als Bus fahren!»

Frau Doktor war sehr zufrieden mit meinen Blutwerten. Nur die Leberwerte stechen irgendwie raus, wir rätseln seit Jahren, woran das liegt.

Irgendwie musste ich es Kirsten beibringen, dass Gertrud und ich auf große Reise gehen würden. Ich befürchtete das Schlimmste, bei solchen Dingen ist sie immer etwas ängstlich und besorgt um ihre Mutti und spielt sich auf, als wäre ich das Kind und nicht sie. Aber es war gar nicht so schwer, wie ich dachte.

Ich hatte es aber auch sehr geschickt eingefädelt. Schließlich bin ich nicht auf den Kopf gefallen, hihi. Ich hatte mir überlegt, dass es das Beste wäre, sie zu einem schönen Spaziergang durch den Park zu überreden, als sie auf Besuch war. Sie kommt in letzter Zeit immer öfter aus dem Sauerland nach Berlin und macht Kurse und Seminare, wo sie mit anderen komischen Frauen das ganze Wochenende zusammensitzt und Wasser linksrum rührt. Kirsten kuriert nicht nur alle möglichen Blockaden mit ihrem Esoterik, sondern turnt auch mit Kätzchen, Hunden und anderen Kleintieren. Sie isst kein Fleisch und keine Eier. Ich habe kein leichtes Los mit ihr, sage ich Ihnen!

Wir flanierten bei schönem Wetter um den Parkteich. Ganz nebenbei fing ich an, vom geplanten Urlaub mit Gertrud zu erzählen. Kirsten hörte gar nicht richtig hin und sammelte ständig Federn und kleine Stöckchen vom Boden auf. Daraus wollte sie Traumfänger zusammenwerkeln. «Die gehen für 18 Euro weg, das ist eine Goldgrube, Mama!», rief sie mir zu. Das Kind brachte mich ein ums andere Mal zum Staunen. Wie die immer wieder auf so einen Blödsinn kommt! Aber dass es auch Leute gibt, die ihr den Plunder abkaufen?

Letzthin konnte sie nicht ans Telefon gehen, weil sie mit Katzen Rückbildungsgymnastik machte, damit die keinen Hängebauch behalten nach dem Werfen. Und Ostern konnte sie nicht kommen, weil da ihre Lupinensprossen keimten und sie zu Smufiesaft verpresst werden mussten. Das ging nur da, weil Neumond war, sagte Kirsten. Man müsse die gekeimte Lupinensaat bei Neumond verarbeiten, sonst würde der Saft die Fruchtbarkeit nicht so anregen wie geplant.

Erwarten Se bitte nicht, dass ich zu diesem Blödsinn etwas sage. Ich nehme meine Blutdrucktablette und denke mir meinen Teil, wundern tue ich mich schon lange nicht mehr. Soll se machen. Soll se andere mit ihren Wünschelruten und Räucherstäbchen beglücken, solange sie mich damit in Ruhe lässt. Ich sah eine hübsche Feder, die wohl ein Habicht oder ein Falke verloren hatte, und bückte mich vorsichtig, um sie für Kirsten aufzuheben.

«Aber Mama! Zwei Schritt zurück und in den klassischen Sonnengruß!», rief sie mahnend von hinten.

Da musste ich mir dann aber doch auf die Lippen beißen. Dass das Mädel aber auch nie wusste, wann es genug war! Wissen Se, ich habe die Hüfte operiert gekriegt und bin froh, wenn ich den Ostwind nicht spüre und ohne den Rollator gehen kann, und die murmelte was von Sonnengruß. Haben Se das mal probiert? Da knackt alles, was morsch ist, und zwar nicht nur bei alten Leuten mit Ossiporose! Und dann noch mit Anlauf!

Es war jedoch nicht der Moment, sich aufzuregen und sie zu verärgern, deshalb lächelte ich nur und reichte ihr die Feder.

«Kirsten, mein Kind … denk dir nur: Ich werde wieder verreisen im Mai», hob ich an, mich ihr zu erklären. Sie reagierte gar nicht, sondern suchte weiter nach Federn. Die Reste eines vom Habicht gefressenen Huhns fielen in ihr Blickfeld, und wir steuerten auf die Schlachtestelle zu.

«Mit Tante Gertrud. Du musst dir also gar keine Gedanken machen um mich, ich bin ja nicht allein. Es ist auch ein Arzt an Bord und deutsche Reiseleitung. Wollen wir heute Abend den schönen Salat mit Tomaten und dem Brasilikum machen?»

Wenn ich was hinterherschob, das sie interessierte, würde sie vielleicht gar nicht groß auf die Reise eingehen, hatte ich gehofft, aber sie war helle dabei und hakte nach.

«Was soll das heißen: ‹an Bord›? Und überhaupt, wieso deutsche Reiseleitung? Du willst doch nicht etwa ins Ausland?»

Kirsten guckte entgeistert.

«Nicht mit Brasilikum? Vielleicht nur mit Essig und Öl, wie ihn Oma Strelemann immer gemacht hat?»

«Mama! Versuch nicht, mich für dumm zu verkaufen. Raus mit der Sprache: Wo soll es hingehen, wie lange, wie teuer ist das, und wie läuft das ab? Und wessen verrückte Idee zum Teufel war das wieder?»

Kirsten war richtig böse.

«Kind …»

«Du bist 82 Jahre alt …»

«Eben! Wie lange habe ich denn wohl noch? Da muss ich jetzt fahren, wo ich noch krauchen und mir alleine die Schuhe zubinden kann!»

Kirsten guckte vorwurfsvoll runter zu meinen bequemen Sandaletten mit Klettverschluss.

«Du weißt genau, wie ich das meine! Und überhaupt, Stefan sagt, auf dem Kreuzfahrtschiff bin ich vielleicht sogar eine der Jüngsten!»