Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Das bisschen Hüfte, meine Güte E-Book

Renate Bergmann  

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E-Book-Beschreibung Das bisschen Hüfte, meine Güte - Renate Bergmann

Guten Tag, hier schreibt Ihre Renate Bergmann. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch entsinnen können. Ich habe Ihnen schon mal geschrieben. Und jetzt eben wieder.Ich war nämlich zur Reha. Das ist wie früher Kur, nur Kur zahlt die Kasse nicht mehr. Du liebe Zeit! Als es erst hieß, ich soll zum Turnen und Wassertreten nach Wandlitz raus - nee, da wollte ich nicht. Das olle Bonzennest! Bestimmt schleicht da immer noch die Margot, das olle Kommunistenliebchen, rum. Aber es wurde eine so schöne Zeit. Was meinens, was ich da alles erlebt habe. Hihi. Es grüßt Sie herzlich Ihre Renate Bergmann. Himmel, wieso macht das Ding da eine neueZeile?Hinfallen, Aufstehen, Körnchen trinkenRenates Rollator rollt und rollt, aber nicht vollkommen rund: 82 Jahre, 4 Ehemänner und 3000 Flaschen Korn haben Spuren hinterlassen, jemand muss an die Hüfte ran – und Renate deshalb ins Krankenhaus. Und weil so ein Mensch ja kein Koyota ist, dem man einfach ein neues Ersatzteil einbaut, geht Renate im Anschluss an die Ohpee dahin, wo es weh tut, in die Reha zu den Bandscheiben und Raucherecken, zu den Kurschatten und höhenverstellbaren Betten.Nach sechs Wochen Wandlitz ist sie um viele Geschichten, einen pinkfarbenen Jockeyanzug, ein paar Schuhe mit Spannweite H, eine ganz besondere Halskette und eine Erkenntnis reicher:«Frau Köster hat neulich gesagt: ‹Hauptsache, oben klar und unten dicht.› Da hat se recht.»«Freche Aktionen und witzige Sprüche, das Erfolgsrezept der rüstigen Rentnerin.» (Bild.de)«Renate Bergmann nimmt ihr Alter mit Humor – und die Jungen auf die Schippe.» (MDR Info)

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E-Book-Leseprobe Das bisschen Hüfte, meine Güte - Renate Bergmann

Renate Bergmann

Das bisschen Hüfte, meine Güte

Die Online-Omi muss in Reha

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Guten Tag,

 

hier schreibt Ihre Renate Bergmann. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch entsinnen können. Ich habe Ihnen schon mal geschrieben. Und jetzt eben wieder.

Ich war nämlich zur Reha. Das ist wie früher Kur, nur Kur zahlt die Kasse nicht mehr. Du liebe Zeit! Als es erst hieß, ich soll zum Turnen und Wassertreten nach Wandlitz raus - nee, da wollte ich nicht. Das olle Bonzennest! Bestimmt schleicht da immer noch die Margot, das olle Kommunistenliebchen, rum. Aber es wurde eine so schöne Zeit. Was meinens, was ich da alles erlebt habe. Hihi. Es grüßt Sie herzlich

 

Ihre Renate Berg

 

mann.

 

Himmel, wieso macht das Ding da eine neue

 

Zeile?

 

Hinfallen, Aufstehen, Körnchen trinken

 

Renates Rollator rollt und rollt, aber nicht vollkommen rund: 82 Jahre, 4 Ehemänner und 3000 Flaschen Korn haben Spuren hinterlassen, jemand muss an die Hüfte ran – und Renate deshalb ins Krankenhaus. Und weil so ein Mensch ja kein Koyota ist, dem man einfach ein neues Ersatzteil einbaut, geht Renate im Anschluss an die Ohpee dahin, wo es weh tut, in die Reha zu den Bandscheiben und Raucherecken, zu den Kurschatten und höhenverstellbaren Betten.

Nach sechs Wochen Wandlitz ist sie um viele Geschichten, einen pinkfarbenen Jockeyanzug, ein paar Schuhe mit Spannweite H, eine ganz besondere Halskette und eine Erkenntnis reicher:

 

«Frau Köster hat neulich gesagt: ‹Hauptsache, oben klar und unten dicht.› Da hat se recht.»

 

«Freche Aktionen und witzige Sprüche, das Erfolgsrezept der rüstigen Rentnerin.» (Bild.de)

 

Über Renate Bergmann

Renate Bergmann, geb. Strelemann, wohnhaft in Berlin. Trümmerfrau, Reichsbahnerin, Haushaltsprofi und vierfach verwitwet: Seit Anfang 2013 erobert sie Twitter mit ihren absolut treffsicheren An- und Einsichten – und mit ihren Büchern die ganze analoge Welt.

 

Torsten Rohde, Jahrgang 1974, hat in Brandenburg/Havel Betriebswirtschaft studiert und als Controller gearbeitet. Sein Twitter-Account @RenateBergmann, der vom Leben einer Online-Omi erzählt, entwickelte sich zum Internet-Phänomen. «Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker» unter dem Pseudonym Renate Bergmann war seine erste Buchveröffentlichung – und ein sensationeller Erfolg.

 

Weitere Veröffentlichung:

Inhaltsübersicht

Guten TagDie PersonenIlse GläserKurt GläserKirsten von MorskötterStefan WinklerAriane von FürstenbergManja BerberDoris MeiserZu jeder Hochzeit gehört eine Brautmutter, die die ganze Zeit weint, und ein Brautvater, der die ganze Zeit Fotos knipstHinfallen, aufstehen, Krönchen richten. Nu hab ich ja kein Krönchen, deshalb sage ich immer: Hinfallen, aufstehen, Körnchen trinken.Ich habe beim Bällewerfen den zweiten Platz gemacht. Schwester Sabine hat Nasenbluten.Schwester Sabine sagt, wir sollen proaktive Muskelentspannung machen. Eine Hälfte schnarcht, eine Hälfte pupst und ich weiß nun gar nicht.Schwester Sabine hat eine Gummiunterlage in mein Bett gelegt. Das ist so unverschämt. Ich werde in der letzten Nacht ein Glas Wasser auf mein Laken gießen.Leseprobe: Wer erbt, muss auch gießenKinder sind wie Griechenland: erst nehmen se gerne das Geld, und dann gehen se undankbar ihrer Wege

Guten Tag,

hier schreibt Ihre Renate Bergmann. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch entsinnen können, wer ich bin. Ich habe Ihnen schon mal ein paar Geschichten aufgeschrieben, ja, und nun weiß ich auch nicht so recht: Kennen Sie mich nun schon oder nicht? Vielleicht haben Sie mich auch vergessen? Es ist gar nicht so einfach, ich will Sie nicht langweilen und alles noch mal erzählen. Aber ich glaube, ich stelle mich doch kurz vor. Das gebietet die Höflichkeit.

Ich bin 82, Rentnerin, vierfach verwitwet und wohne in Berlin-Spandau.

Früher hatte ich große Probleme mit dem Computerzeuchs, aber mein Neffe hat es mir so erklärt, dass ich nun ganz gut zurechtkomme.

Schauen Sie: Ich kann die GRO?MACHTASTE EINSCHALTEN und auch wieder ausschalten, ich muss nicht mehr bei Stefan antelefonieren, wenn man da versehentlich drAUFKOMMT; sondern knipse sie einfach aus.

Jedenfalls mei

st.

 

Huch. Jetzt … sehense, man muss aber trotzdem aufpassen wie ein Luchs, sonst kommt man auf die große Taste mit dem Pfeil, und dann hopst es, und man schreibt eine Zeile tiefer weiter.

 

Jetzt würde ich am liebsten gleich loslegen und Ihnen erzählen, was es Neues gibt – aber das geht ja nicht. Das ist so, wie wenn ich Hilde Steinke beim Bäcker treffe. Da kann ich auch nicht einfach nur sagen: «Hilde, denk dir nur, Gertrud hat bei dem Wetter wieder so ein Reißen im Ellenbogen.» Da muss ich auch sagen: «Gertrud; du weißt doch, die Untersetzte, die mit Gustav Potter verheiratet war, der im Chor gesungen hat mit euch.» Man muss immer erst erklären, um wen oder was es geht.

So ist es hier auch.

Ich war gerade fertig mit dem Büchlein und wollte auf eine Busfahrt gehen – man kommt ja zu nichts, wenn man mit dem Klappcomputer am Tippen ist den ganzen Tag! –, da ruft das Fräulein vom Verlag an und sagt: «Frau Bergmann, irgendwie müssten wir vorab noch die Figuren vorstellen.»

Ich sach: «Fräulein, schon wieder? Das haben wir doch schon mal erklärt.»

Ja, meinte sie, das wäre so nett gewesen, und bestimmt sind auch wieder ein paar neue Leser dabei, deshalb …

Es hat ja alles keinen Sinn. Die gibt doch keine Ruhe, bevor sie nicht kriegt, was sie will. Und ich erzähle Ihnen doch sehr gern, mit wem Sie es zu tun haben werden. Also, passen Se gut auf, ich stelle Ihnen mal meine Leutchen vor:

Gertrud Potter

Meine Freundin Gertrud kenne ich seit der Schulzeit. Zwischendurch hatten wir uns mal aus den Augen verloren, aber im Grunde ist sie eine treue Seele und hält immer zu mir. Das ist es, was zählt im Leben: dass man sich auf einen Menschen verlassen kann. Dann nimmt man auch ihren Reizdarm in Kauf oder dass sie sich mit der Gabel das Essen aus den Zähnen kratzt bei Tisch. Das wäre ja nicht mal schlimm, ließe sie die Zähne dabei im Mund. Ach, meine Gertrud. Aber, das muss ich Ihnen sagen – wenn es eng wird, dann ist Gertrud da und kümmert sich. Sie hat ordentlich zu tun in letzter Zeit, da ist Gunter Herbst, ihr neuer Lebensgefährte, der will umsorgt und gepflegt sein, und dann hat sie sich ja auch den ungestümen jungen Doberschnauzer Norbert zugelegt. Ich weiß gar nicht, ob wir diesen Sommer zusammen in den Urlaub fahren, sehense, das muss ich unbedingt mit ihr besprechen. Ich schreib mir das gleich auf, sonst vergesse ich es wieder. Nee, es wird immer verrückter, was man nicht gleich aufschreibt, ist wieder raus aus dem Kopf. Wo war ich? Ach ja.

Ilse Gläser

Wissense, je älter mein Ilschen wird, desto mehr wird sie wie ihre Mutter. Die war auch so eine ganz zarte, kleine Frau, die ständig geweint hat und immer rief: «Mach bloß vorsichtig, nicht, dass was passiert!» So ist Ilse auch. Sie ist ein Seelchen und 82 Jahre wie ich, aber noch tipptopp. Die hat nicht mal Zucker. Ab und an Rücken, jawoll, aber ich glaube, das hat sie nur aus Solidarität mit ihrem Mann Kurt. Die beiden wohnen gleich bei mir um die Ecke. Sie haben ein Haus mit guter Stube und Grundstück.

Kurt Gläser

Kurt ist der Mann von Ilse. Er ist 87 und noch rüstig. Nur die Augen … er sieht ja nur noch 40 %. Er hätte in den Ferien den Hamster der Nachbarn füttern sollen. Nach ein paar Tagen ist Ilse gucken gegangen, aber da war es schon zu spät. Der Hamster war mausetot, und auf die Kiwi in der Obstschale hatte Kurt Trockenfutter gekippt. Sie haben dann schnell einen neuen Hamster gekauft, bevor die Nachbarn aus dem Urlaub kamen, und keiner hat was gemerkt. Er fährt noch selbst Auto, das ja, aber vorsichtig! Wenn Sie uns mal in Spandau sehen im blauen Koyota – winken Sie uns! Wir fahren sachte, immer mittig, so, dass Kurt die gestrichelte Linie unter sich hat.

Kirsten von Morskötter

Meine Tochter wohnt nicht bei mir, sondern in einem Dorf im Sauerland, wo es kein Onlein gibt. Ich kann nur dankbar sein, dass sie weit weg ist und ich den Blödsinn nicht jeden Tag höre. Sie ist Tiertherapeutin und Weganerin. Sie isst nur Zeug vom Komposthaufen. Und sie liest aus allem die Zukunft, was ihr in die Finger kommt – Karten, Kaffeesatz, Handflächen … ganz egal. Sie hat mittlerweile aber auch drei Dioptrien, wissense, sie ist ja jetzt auch 50. Sie sieht nicht mehr so gut und in die Zukunft schon gar nicht. Es ist nicht leicht mit ihr, aber sie hat ein gutes Herz und pflegt angefahrene Kätzchen gesund. Und wenn ich sie brauche, ist sie für mich da.

Stefan Winkler

Stefan ist mein Neffe. Genau müsste Ihnen Ilse das mal ausrechnen, sie hat den Stammbaum besser im Kopf als ich. Also, Stefans Opa ist ein Bruder meines ersten Mannes Otto. Er ist ein guter Junge, der mir immer mit dem Händi hilft und auch mit dem Farbfernsehgerät. Stefan ist jetzt 30, und langsam mache ich mir Sorgen, ob er wohl noch eine Frau findet. Früher hatten wir Backfische Probleme, einen Mann zu finden, weil die Burschen alle im Krieg geblieben waren, und heute ist es umgekehrt: Da bleiben die jungen Männer sitzen, weil die Frauen alle zum Studieren rennen und sie selbst lieber mit dem Computer spielen als mit … na, Sie wissen schon. Ich glaube, ich muss mich um die Sache kümmern.

Ariane von Fürstenberg

Zu Ariane darf ich noch gar nicht viel schreiben, sonst ist ja die Überraschung weg. Lesen Se mal schön selbst. Ach, ein feines Mädel ist das. Ein bisschen naiv, und man muss ein Auge auf sie haben, was ihre hausfraulichen Fähigkeiten betrifft, aber Potenzial ist da. Ariane studiert Computer und fährt auch selbst Auto, aber trotzdem ist sie nicht so eine Emanzipierte. Auch, wenn sie nicht weiß, wie man ein Schnitzel richtig paniert, ist sie ein gutes Mädchen. Sie kennt sich auch prima mit den Königshäusern aus und weiß genau, wo Mette Maria immer Ski läuft und Herzogin Kät von England auch. Sie schämt sich aber dafür, dass sie sich mit diesem «Olle-Weiber-Zeug» auskennt, und hat gesagt, dass ich das nicht aufschreiben darf.

 

Hihi.

Manja Berber

Die Frau Berber wohnt mit ihrem Bengel bei mir im Haus. Als älterer Mensch wird man ja für dumm gehalten, denken Se mal nicht, die käme und würde von sich aus mal erzählen, was wichtig ist. Wenn ich nicht die Post im Blick hätte – ich wüsste bis heute nicht, wer der Kindsvater von – warten Se – Jens-Elias … nee, Jeremy-Elias ist. Ein verzogener Bengel ist das. Jetzt, wo sie in der Schule so weit sind, dass sie über die 100 hinausrechnen, da wird es bei der Berber ja auch schon eng.

Doris Meiser

Die Meiser wohnt auch mit im Haus. Eine ganz aparte Person Ende vierzig ist das mit dunklem, kurzem Haar. Sie geht immer in Schuhen, in denen sie nicht laufen kann. Wenn Sie mal eine Frau sehen und denken, die hat am helllichten Tag getrunken – das ist die Meiser. Sie hat auch einen Jemie-Dieter, wie die Berber. Nur ist ihrer schon 16 und heißt Jason-Madox. Sie ist ganz dicke mit der Berber befreundet, aber im Haushalt können sie beide nichts.

 

So, dann wollen wir mal loslegen, nich wahr?

Zu jeder Hochzeit gehört eine Brautmutter, die die ganze Zeit weint, und ein Brautvater, der die ganze Zeit Fotos knipst

Der Stefan ist ein lieber Junge. Er ist ein Neffe meines ersten Mannes Otto. Großneffe. Ich glaube, ein Großneffe? Ich weiß das nicht so genau, ich kenne mich mit Verwandtschaftsgraden nicht so aus. Mir ist nur wichtig, ob jemand ein gutes Herz hat, dann mag ich ihn auch. Ob das dann ein Großneffe oder eine Kusscousine ist, das ist mir egal. Meine Freundin Ilse weiß das viel besser, die muss ich mal fragen. Ilse ist eine geborene von Wuhlisch, alter preußischer Landadel. In ihrer Familie hat man auf solche Dinge viel Wert gelegt. Sie kann ihre Vorfahren bis ins 17. Jahrhundert aufsagen. Ich frage mich immer, wozu das gut ist, schließlich muss man die zum Essen am Geburtstag nicht mehr einplanen, höchstens bei der Grabbepflanzung.

Ganz anders ist es mit dem Stefan. Wie gern hätte ich für ihn schon vor Jahren zwei Gedecke aufgelegt beim Feiern, aber er kam immer allein. Er fand und fand einfach keine Freundin! Ilse und Gertrud haben ein paar Mal junge Damen aus ihrer Verwandtschaft geschickt, die ich dann als Tischdame eingeladen habe, aber Stefan hat das nicht gefallen. Er schimpfte und fluchte, nee, das war nicht der richtige Weg.

Aber es ließ mir einfach keine Ruhe. Es war ein Jammer und nicht mehr mit anzuschauen. Der Junge ging auf die 30 zu und wurde immer blasser und ungnädiger. Die Nächte durch saß er nur an seinen Computern – er hat mehrere davon, die ganze Wohnstube voll, überall Kabel und Staub und alte Kartons vom Pizza – Sie machen sich kein Bild! Ab und an bin ich hingegangen und habe mal sauber gemacht. Aber wissense, ich bin nun über 80, und es fällt mir zunehmend schwer, in alle Ecken zu kommen. Der Junge hat ja auch keinen Staubsauger und auch sonst kein Putzgerät, also muss ich immer mit meinem RT50 mit der U-Bahn fahren. Kurt will ich darum nicht bitten, man will ja schließlich keine Umstände machen. Und wenn was drankäme an den Koyota, weil der Staubsauger in der Kurve umfällt und eine Schramme macht – nee, da will ich nicht schuld sein. Und es geht ja nicht nur darum, dass man der Wohnung ansieht, dass eine weibliche Hand fehlt – mal unter uns gesprochen: Der Junge kann doch auch nicht alles ausschwitzen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

Dabei ist der Stefan so gefällig und freundlich. Wenn mal was ist – auf Stefan kann ich mich immer verlassen. Wenn der Computer oder das Händi verrücktspielen – ich muss Stefan nur anrufen, und schon ist er da. Auch bei Ilse und Kurt ist er behilflich. Vor ein paar Wochen haben die beiden einen neuen Fernseher gekauft. Der alte war wirklich nicht mehr schön, auf dem einen Sender waren Streifen, auf dem anderen Schnee, und manche waren sogar nur schwarz-weiß. Er hatte noch Knöpfe, die schon wackelten. MDR konnten sie nur gucken, wenn Kurt drei und fünf zusammen gedrückt und mit einem Zahnstocher die Knöpfe festgeklemmt hat. Wenn der Zahnstocher rausfiel, war MDR weg und der RTL da. Das ging nun wirklich nicht mehr. Die beiden haben eine gute Rente und keine Verpflichtungen, da habe ich ihnen gut zugeredet zu einem neuen Gerät. Stefan hat beim Aussuchen geholfen, den Apparat angefahren, alles aufgestellt und den beiden erklärt. Wir haben eine Liste gemacht, welcher Sender wo ist und was sie auf gar keinen Fall anfassen und verstellen dürfen. Auf der Fernbedienung wurde mit Isolierband markiert, wo AN und AUS und LAUT und LEISE ist, und erst ging auch alles gut. Ach, es war ein klares, großes, wunderschönes Bild, und der Ton war auch prima! Kein Vergleich mit der alten Flimmerkiste. Zwei Tage lang hörte ich nichts, aber am Dienstag – ich saß gerade beim Abendbrot – rief Ilse an. Im Hintergrund dröhnte es so laut, ich verstand sie kaum. Sie schrie, dass Stefan kommen müsse, der Apparat würde verrücktspielen. Denken Sie nur, sie hatte Tränen in der Stimme!

Stefan kam nach dem Notfall noch kurz bei mir vorbei, ich musste schließlich wissen, was los war, nich? Ich muss ehrlich sein, ich komme mit meinem Apparat auch nicht immer so zurecht. Da war doch letzthin dieses Olympia im Fernsehen. Ich mache mir nicht viel aus Sport, aber Eiskunstlauf gucke ich gern. Da wird getanzt, und meist ist schöne Musik, ach, und dann die Kostüme! Wobei man oft auch den Kopf schütteln muss, die werden ja auch immer kürzer. Nee, Eiskunstlauf habe ich immer schon gern geguckt, schon seit Marika Kilius. Damals hat der Reporter immer noch gesagt: «Für die Schwarz-Weiß-Zuschauer: Die Läuferin trägt ein rotes Kleid, und die Ärmel sind gelb abgesetzt.» Das ist ja heute nicht mehr nötig; außer bis vor kurzem für Ilse und Kurt. Und die Katarina Witt, die mochte ich sowieso, nein, was habe ich mitgefiebert! In Collgrio damals, ich sage Ihnen! Bis morgens um fünf habe ich geguckt mit einer großen Kanne Mokka. Als Franz aufstand, um zur Arbeit zu gehen, war gerade Schluss. Meine Fingernägel waren kurzgekaut vor Aufregung, aber wir hatten die Goldmedaille. Das werde ich nie vergessen, so schön war das.

Dieses Mal hatte ich mir extra eine Fernsehzeitung gekauft, da war ein großer Plan drin mit allen Zeiten. Aber man soll nicht glauben, dass das Fernsehen sich daran hält! Da stand «19 Uhr Kür der Damen», aber um 19 Uhr zeigten sie Buckelpiste. Ich dachte erst, das ist was für alte Damen mit Ossiporose im Nacken, aber das hätten Se mal sehen sollen. Die sind mit Ski über Berg und Tal und haben sich durchschütteln lassen, und dann Salto und Überschlag – du liebe Güte, ich konnte gar nicht hingucken! So ein Quatsch. Die nehmen doch alle Drogen. Ich habe dann beim ZDF angerufen und gefragt, wo Eiskunstlauf kommt. Sie sagten, in ZDF Leifstriem. Bis Kanal 990 habe ich auf dem Apparat durchgeschaltet, aber kein Eiskunstlauf. Nackte Frauen überall, ja, aber nirgends Eiskunstlauf. Stefan hat mir dann den Computer angestellt, und ich konnte es im Onlein sehen, aber es ist ja nicht dasselbe. Auf dem großen Fernseher ist es schöner. Und vor allem ohne Stefan, der wuselt einem dann nur vor den Füßen rum, und man kann gar nicht richtig mitfiebern.

Nun, da er bei Ilse und Kurt geholfen hatte, erzählte er kopfschüttelnd, dass Kurt umschalten wollte, dabei den falschen Knubbel auf der Fernbedienung erwischt und LAUT gemacht hat. Der Lautstärkebalken auf dem Bildschirm wanderte immer weiter nach rechts, bis er fast in den Gummibaum reichte, der neben dem Fernsehgerät steht. Dann hat Kurt das Ding fallen lassen – und dabei ist die Batterie rausgeplumpst. Ilse hat nach einer Weile die Nerven verloren und den Stecker rausgezogen, bloß gut – da war der Stefan schon auf dem Weg. Stecker rausziehen mache ich auch manchmal, wenn es bei «Aktenstapel XY» zu gruselig wird, dann presse ich mir ein Sofakissen vor die Augen und ziehe, nee, das machen meine Nerven sonst nicht mit.

 

So ein guter Junge ist der Stefan, aber was die Frauen betraf, tat er sich immer schwer. Aber eine Renate Bergmann ist eine Frau der Tat. Kurz und gut, mir langte es, und ich nahm die Dinge in die Hand und schrieb einen Brief an den RTL zu «Schwiegertochter gesucht». Ich erklärte kurz, wer ich bin. Schließlich ist Stefan nicht mein Sohn, sondern Verwandtschaft meines verstorbenen ersten Mannes, aber so genau nehmen die es beim Fernsehen ja nicht. Alles Betrug und Schummelei. Ich beschrieb ihnen den Stefan ganz genau und legte auch ein Foto bei. Die Aufnahme, die wir an seinem Geburtstag gemacht hatten, wo er den hübschen Strickpulli mit dem Pandabären auf der Brust trägt, den ich für ihn gearbeitet habe. Was hat sich der Junge gefreut. Auf dem Foto guckt er zwar ein bisschen mitgenommen, aber das lag wohl daran, dass der Blitz ihn geblendet hat. Kurt fotografiert ja so gern. Er macht Bilder aber nicht mit dem Tomatentelefon wie ich, sondern mit einem altmodischen Apparat, in den man Filme einlegen muss. Aber nur noch bunt, schwarz-weiß gibt es nicht mehr, hat die Frau in der Drogerie gesagt. Kurt knipst wirklich für sein Leben gern. Es gibt nur drei Probleme dabei: Erstens sieht er so schlecht, dass er im falschen Moment abdrückt und die Bilder deswegen verschwommen sind, zweitens fehlen meist die Köpfe auf seinen Bildern, weil er den Fotoapparat schon weglegt, während er noch knipst, und drittens wird der Film ein halbes Jahr lang nicht voll. Wenn die Bilder dann entwickelt werden, gibt es immer eine große Überraschung, weil keiner mehr weiß, wer das auf den Fotos ist. So ohne Kopf und verwackelt, Sie verstehen sicher, was ich meine. Ilse hat ein gutes Gedächtnis und kann sich manchmal anhand des Musters der Bluse noch entsinnen, wer es sein müsste. Ach, ich sage Ihnen …

Aber ich verschwatze mich. Vom Stefan wollte ich Ihnen erzählen. Den Stefan hatte der Kurt gut erwischt, der Kopf war mit drauf, und gewackelt war auch nichts. Tipptopp Heiratsmaterial, der Junge. Gutaussehend, und Arbeit hat er auch, und er duscht regelmäßig und hat gesunde Zähne. Ach, wenn ich noch mal jung wäre, ich hätte mich gemeldet und ihm geschrieben.

Der RTL hat das aber kompliziert gemacht. Die haben es nicht einfach gesendet, wie bei «Aktendeckel XY» auch, sondern hier rief eine Dame an von der Redaktion und wollte mit Stefan sprechen. Ich sagte ihr, dass das nicht ginge, schließlich sollte es eine Überraschung für ihn werden. Sie wollte aber keine Schwiegertöchter schicken, nicht mal das Fräulein Beate, sondern einen Praktikanten, der mit Stefan ein Gespräch führen sollte. Ich ahnte schon, dass das wieder Ärger geben würde. Der Junge tut sich so schwer, wenn es um das Thema geht, ich sah es schon kommen, dass er ungehalten reagieren würde. Aber ich meinte es doch nur gut! Man konnte es nicht mehr mit ansehen, immer nur Fertigessen und die ganze Nacht Ballerspiele am Computer. Immer «bumm, bumm, bumm», und die Wohnung verdreckt. Es sah ja aus bei ihm wie bei der Berber, dem verkommenen Frauenzimmer, das bei mir mit im Haus wohnt. Also, denke ich. Ich war noch nie in ihrer Wohnung, das fällt einer Renate Bergmann nicht ein, da neugierig reinzuspazieren. Den Türspion hat sie von innen abgeklebt, und vom Balkon aus kann man auch nichts sehen, sie hat die Vorhänge immer zugezogen. Aber man hört doch, wenn jemand Staub saugt oder ordentlich durchwischt und die Küche scheuert. Dann bumst man mit dem Schrubber mal gegen die Tür oder gegen den Schrank. Wenn das richtig gemacht wird, hört man das. Bei der Berber ist es immer still, die kann gar nicht richtig wischen! Wenn sie Wäsche macht, ist die Waschmaschine auch meist nach nicht mal einer Stunde fertig. Kochwäsche geht so schnell nicht. Stellen Se sich das mal vor, nicht nur, dass die so Strippenschlüpper trägt, die kocht die nicht mal! Alles wird nur bei 40 Grad durchgespült, und dann wundern sie sich, dass sie Pilze haben. Da kann ich mir doch denken, wie es in der Wohnung aussieht. Ich sage Ihnen: Man muss immer ein waches Auge haben. So schnell hat man Ungeziefer im Haus. Lebensmittelmotten oder sogar Mäuse! Wenn ordentlich reine gemacht wird, passiert so was nicht.

Aber seit die Berber hier im Haus wohnt, bin ich auf alles gefasst.

Ja, beim Stefan sah es schon schlimm aus und weit und breit keine Frau in Sicht. Da fehlte eindeutig die weibliche Hand, und da der Junge nun 30 wurde, war es höchste Zeit zu handeln. Er hatte lange genug Zeit gehabt, allein aktiv zu werden. Ich hatte mit Gertrud schon überlegt, ob man ihm zu meinem Geburtstagsfest nicht doch noch mal eine nette Tischdame einlädt, aber uns fiel niemand mehr ein. Gertruds Enkelin, die Vanessa, war gerade 17 Jahre und hatte auch noch gar keine Aussteuer beisammen. Gott sei Dank sah Gertrud das genauso, denn offen gesagt hätte ich das Mädel auch nicht in der Verwandtschaft haben wollen. Die kann nämlich auch nicht kochen und lungert den ganzen Tag auf der Couch rum.

Nee, der RTL war schon die richtige Idee, wozu gibt es solche Sendungen schließlich? Man muss so einen Service nutzen, es kostet schließlich nichts.

Es war mir zwar nicht recht, dass die mit Stefan direkt reden wollten, der würde das nur alles wieder vermasseln. Sie sollten mit mir reden und einfach ein paar Kandidatinnen schicken, ich hätte schon die richtige ausgesucht. Aber darauf ließ sich die Dame von der Redaktion nicht ein.

 

Drei Tage darauf hopste mein Tomatentelefon über den Tisch. Ich erschrecke mich noch immer so, wissense. Ich nehme es hauptsächlich für den Fäßbock und Twitter und schreibe die Geburtstage und Adressen rein. Sie können sich nicht vorstellen, wie praktisch das ist. Wenn einer heiratet, muss man nicht groß radieren, sondern schreibt einfach den neuen Namen drüber. Auch wenn einer stirbt: Einfach löschen, und gut ist es. Was war das früher für ein Streichen und Radieren! Telefonieren tue ich nur im Notfall, weil es so teuer ist. Dafür nehme ich lieber das Posttelefon. Mich ruft auch selten jemand auf dem Händi an, wer in unserem Alter kann sich schon 13-stellige Zahlen merken? Höchstens Ilse, die hat schon als junges Mädel Schillers «Glocke» oder den «Schimmelreiter» in der Schule einfach nur überflogen und konnte es dann auswendig. Sonst keiner. Deshalb ist es immer was Besonderes, wenn es doch mal losbrummt. «STEFAN» stand auf der Glasscheibe, und ich hatte ein mulmiges Gefühl. «Da gehste einfach nicht ran, Renate», dachte ich bei mir und pfiff ein bisschen vor mich hin, damit ich es nicht so laut brummen hörte. Stefan gab auf. Hihi. Kurz darauf läutete aber das Posttelefon. «Festnetz», sagt man wohl heute. Dabei hat es auch kein Kabel mehr, sondern ist wie ein Händi. Nur ohne Twitter und Fäßbock. Fragen Se mich nicht, ich verstehe den Kram auch nicht. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie das ganze Internetz in so ein kleines Telefon passt. Auf dem Haustelefon steht auch nicht immer, wer anruft, nur manchmal. Ich dachte mir schon, dass es Stefan ist, aber man weiß ja nie. Es hätte genauso gut Ilse sein können oder Gertrud. Oder jemand vom Witwenclub oder vom Seniorenverein … nicht, dass jemand für unsere Wanderung absagen wollte? Nee, ich musste schon drangehen.

«Bergmann, Berlin 68–90–34», meldete ich mich.

Stefan rief gleich, ob ich wohl spinne.

Ohne Gruß, kein «Hallo, Tante Renate, wie geht es uns denn heute?», nichts. Stattdessen schrie er, ob mich alle guten Geister verlassen hätten und warum ich ihn bis auf die Knochen blamieren würde. Er holte kurz Luft, und dann ging es schon weiter. Er wollte Kirsten einschalten, meine Tochter. Entmündigung und Heim und solche bösen Sachen sagte er. Ich kam gar nicht zu Wort.

«Renate», dachte ich, «lass ihn erst mal fertig toben. Ihm jetzt ins Wort zu fallen, bringt gar nichts.»

Ich war mit seinem Opa Otto zehn Jahre verheiratet, ich weiß, wie man mit den Männern in dieser Familie umgehen muss. Genauso kam es, Stefan hatte sein Pulver schnell verschossen und war nach nur zwei Minuten still.

«Stefan, mein Junge, ich komme am besten heute nach dem Mittagsschlaf auf eine Tasse Tee vorbei. Tante Renate meint es doch nur gut!» Stefan überlegte kurz und sagte dann, ich solle dranbleiben. Er stellte mir Wartemusik auf die Ohren. So Hippiezeuchs, nee. Ich habe aufgelegt. Ich bin 82 Jahre alt, da muss ich nicht warten (außer auf den Tod), und schon gar nicht muss ich Hottentottengedudel zum Warten anhören. Nicht mit Renate Bergmann!

Kaum fünf Minuten später läutete das Telefon wieder. Es war Stefan, genau, wie ich es mir gedacht hatte. «Warum legst du denn auf? Ich musste nur kurz rückfragen, ob das passt mit dem Kaffee …» – «Tee!», fiel ich ihm ins Wort. «Tee. Ich darf nachmittags …» – «Jaja. Nachmittags keinen Bohnenkaffee, ich weiß. Tee. Aber in Ordnung, heute Nachmittag um drei, Tante Renate.»

«Ich bin pünktlich, mein Junge. Aber sag mal, bei wem musstest du denn nachfr…?»

«Tüüüt, tüüüt, tüüüt …»

Hat der Lauser doch aufgelegt? Einfach so, mitten im Gespräch? Ohne meine Frage abzuwarten? Da stimmte doch was nicht. So war Stefan sonst nicht, er war ein guter Junge!

 

Ich war so neugierig! Also, neugierig ist das falsche Wort. Das klingt immer so nach tratschender oller Frau. Sagen wir eher, es interessierte mich brennend.

Ich konnte vor … Interesse gar nicht schlafen und wälzte mich auf dem Sofa nur hin und her. Mittagsschlaf mache ich immer auf der Couch in der Wohnstube, müssense wissen. In die Schlafstube gehe ich erst abends. Das würde zu viel Arbeit machen, die Paradekissen und die Tagesdecke runterzuräumen wegen der knappen Stunde, die ich mittags ruhe. Mittags brauche ich auch keine Heizdecke, da ziehe ich mich auch nicht komplett aus. Nur den Rock, die Brille und die Schuhe lege ich ab. Und die Zähne kommen natürlich raus, ach, sonst verrutschen die nur, und man verschluckt sich. Nee, da bin ich vorsichtig, Gerda Pittert wäre fast erstickt damals an ihrer eigenen Prothese im Schlaf. Die Zähne kommen ins Glas mit einer halben Tablette Sprudelreiniger, wie sich das gehört. Wenn man zu lange Mittagsschlaf macht, wird man ganz rammdösig. Mir reicht ein gutes halbes Stündchen. Ein bisschen muss man ruhen, erstens geht der Tag dann schneller rum, und zweitens meckern die Dokters sonst. Ich schlafe immer nach dem Mittagessen, zu «Rote Rosen» brühe ich mir Pfefferminztee oder einen Schonkaffee, und dann gucke ich. Sonst komme ich abends gar nicht in den Schlaf.

Aber heute drehte ich mich von einer Seite auf die andere. Es ließ mir schlichtweg keine Ruhe, bei wem Stefan wohl rückfragen musste, ob es passt, wenn seine Tante ihn besuchen kommt. So was war doch noch nie! Um das Donnerwetter wegen dem RTL und der Schwiegertochtersuche machte ich mir keine Gedanken, da war ich schon mit ganz anderem Ärger fertiggeworden. Schließlich meinte ich es nur gut, das wusste Stefan im Grunde doch ganz genau. Ich grübelte hin und her. Nicht, dass der sich hinter meinem Rücken eine Reinemachefrau zugelegt hatte und das Weibsbild da noch in der Wohnung war? Sicher, es wurde zunehmend beschwerlich, mit dem Staubsauger in der U-Bahn zu ihm zu fahren und «klar Schiff» zu machen, aber für Stefan mache ich das gern. Oder dass einer seiner Freunde, die immer zum Computerbasteln bis in die Nacht kommen, vielleicht doch nicht nur ein Kumpel war und jetzt … Heutzutage ist das ja alles nicht mehr so eng, da ist das ganz normal mit zwei Männern.

 

«Eine Freundin …» – schoss mir ein Gedanke in den Kopf. Er würde doch wohl nicht …?

Mir wurde schon bei dem Gedanken ganz warm ums Herz. Ach, wenn es doch nur so wäre! Mich hielt es nicht mehr auf der Couch, ich stand auf, frisierte mich, zog eine besonders hübsche Bluse an und holte ein paar Stücken Streuselkuchen aus dem Frierer. Als gute Hausfrau hat man das ja immer parat, wissense, die Geldschneiderei beim Bäcker mache ich nicht mit. 1,80 Euro wollen die für ein schmales Stückchen Bienenstich, ich bitte Sie, das sind bald an die vier Mark, beinahe acht Ostmark. Dafür mache ich Ihnen ein ganzes Blech Hefekuchen, was ist denn da schon groß dran? Und dann ist das Zeug vom Bäcker meist auch noch trocken. Das ist doch keine Arbeit, den backe ich, schneide ihn in Portionen und froste ihn ein, da hat man immer was da. Ich hatte sogar noch ein paar Stückchen Buttercremetorte, die hatte ich auf der Beerdigung von Annegret Gerber mitgenomm… also, die waren übrig geblieben, und ich hatte zufällig eine Tupperdose in der Handtasche gehabt. Es wäre ein Jammer gewesen, wenn das umkommt, nich? Heutzutage isst doch kaum noch jemand was, alle wollen sie nur eine schlanke Linie, und wenn sie ein halbes Pfund mehr auf den Rippen haben, werden sie gleich panisch und machen Diät.

Ich machte mir noch zwei «Pffft» Parföng hinter die Ohren, aber nicht so schweres. Das frische, das mir Gertruds Enkelin geschenkt hat, weil ihr Freund es nicht mochte. Es riecht ein bisschen nach Kaugummi, aber den jungen Leuten gefällt es. Nun ja. Ich rechnete fest damit, dass Stefan mir eine junge Dame vorstellte. So was habe ich im Gespür. Da will man schließlich einen guten Eindruck machen. Ich machte mich also hübsch frisiert und fein duftend mit meinem Kuchen auf den Weg. Nur zwei Stunden zu früh, hihi.

 

Kurz nachdem ich bei Stefan geschellt hatte, öffnete er die Tür – die Hand um die Hüfte einer jungen Frau gelegt!

Sie können sich nicht denken, wie ich mich freute. Ich musste die Brille abnehmen und ein Tränchen wegwischen. Nach all den Jahren! Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, und nun hatte der Junge eine Freundin! In meinem Kopf ging ich schon die Konsequenzen durch, aber zunächst trat ich ein und legte ab.

«Das ist Ariane. Die ist jetzt meine Freundin», stellte er mir das Mädchen knapp vor, während er sich ein bisschen schüchtern am Hemd nestelte und die Ariane an sich drückte. Es war typisch Stefan. Bloß kein Wort zu viel! Sie streckte mir die Hand hin, lächelte und sagte: «Tach, Frau Bergmann. Wollen wa ‹du› sagen, Tante Renate?» Also so was! Wissense, in meiner Generation geht man nicht so leicht zum Du über. Ich bin so erzogen, dass man Älteren gegenüber Respekt zeigt. Manche Damen aus meiner Seniorengruppe kennen sich seit über 60 Jahren und siezen sich noch immer. Frau Hahn und Frau Becker zum Bespiel. Sie wohnen im gleichen Haus und harken und gießen ihre Männer auch gemeinsam alle zwei Tage, aber sie siezen sich.

Mein Blick muss der Ariane Angst eingeflößt haben, sie war jedenfalls eingeschüchtert und sprach das Thema mit dem «Du» monatelang nicht mehr an. Jetzt verschwand sie in die Küche, klapperte herum und rief laut: «Ich mache mal Kaffee.»

Ich inspizierte aus dem Augenwinkel die Wohnung. Viel hatte sich nicht geändert, seit ich das letzte Mal hier gewesen war. Es war weder aufgeräumt noch geputzt. Der Tisch war nicht gedeckt, obwohl man mich doch erwartet hatte. Ich sah schon, dass mein Einsatz gefragt war. Nicht nur kurzfristig, um die Wohnung in einen sauberen und ordentlichen Zustand zu bringen, sondern auch, was die hauswirtschaftliche Ausbildung von Fräulein Ariane betraf. «Aber Gemach, ein Schritt nach dem anderen, Renate!», dachte ich bei mir. Ich atmete tief durch, ließ mir eine Mülltüte geben und räumte leere Kartons von altem Pizza vom Couchtisch. Einen Esstisch hat Stefan ja nicht, aber wenn man seine Mahlzeiten aus Pappkisten isst oder aus Plastebechern, braucht man das wohl auch nicht. Nun ja. Es sind andere Zeiten. Früher hätte es das nicht gegeben, aber man muss sich anpassen.

Stefan rief die ganze Zeit dazwischen: «Nicht, Tante Renate! Nicht DEN Karton! Das ist ein Router.» Oder «Pass bloß mit dem Kabel auf!» und «Finger weg von der Verteilerdose!».

Verteilerdose. So ein Quatsch. Er hatte nicht mal eine Zuckerdose auf dem Tisch stehen, und eine Rute lag da auch nicht. Ich stellte mich taub und räumte auf; wissense, es tat wirklich not. Zwei volle Mülltüten später kam das Fräulein Ariane wieder ins Wohnzimmer. Sie trug drei Teller in der einen Hand und drei Löffel in der anderen. Keine Kuchengabeln, keine gestärkten Servietten. Nun ja.

«Nee, Fräulein, jetzt holen Sie mir erst mal handwarmes Wasser und einen Wischlappen. So können wir von dem Tisch nicht essen.» Meine Anweisungen waren klar und deutlich, aber statt in die Küche zu gehen, entgegnete sie mir: «Wir essen ja auch von den Tellern und nicht vom Tisch!»

 

Mir blieb die Luft weg. «Jetzt reiß dich bloß zusammen, Renate», sagte ich mir im Stillen. Ich wollte keinen Ärger, aber das konnte ich nicht auf mir sitzenlassen. Das Fräulein Ariane schob schnell ein gemurmeltes «Entschuldigung» nach; ich weiß nicht, ob nicht sonst Frau Dokter Bürgel hätte kommen müssen wegen Blutdruck. Die junge, nun, Dame machte jedenfalls auf dem Absatz kehrt, ging in die Küche und brachte einen sauberen Lappen und Wasser mit Fit drin. Man konnte nicht meckern. Der Wille war da, man musste nur ein bisschen an den Manieren arbeiten.

Es wurde Zeit, das Mädel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie war um die 30, hatte fahle, etwas trockene Haut und dunkles, gelocktes Haar. Sie trug eine Brille aus dickem schwarzem Horn und hatte eine hübsche Figur. Das Beckenmaß schätzte ich so ein, dass dem Kinderkriegen nichts im Wege stand. Die Fingernägel waren kurz und abgeknabbert, die Hände deuteten nicht darauf, dass sie häufig im Spülwasser waren. Wenigstens hatte sie nicht solche bunten Plastekrallen mit glitzernden Marienkäfern drauf. Ihre Zähne waren auch in Ordnung, soweit ich das auf den ersten Blick sehen konnte.

«Wo stammen Sie denn her? Was machen Sie beruflich? Und der Vati, was arbeitet der?» Bei der gemeinsamen Hausarbeit kann man die wichtigen Fragen so ganz beiläufig in das Gespräch einfließen lassen, ohne neugierig zu wirken. Ich kenne mich aus.

 

Ariane war aus Leipzig. Sie studierte irgendwas mit Computer, Infomatismus oder so. Sie war ein Jahr jünger als Stefan, und sie hatten sich im Internetz kennengelernt. Der Vater war ein «von» und hatte in Leipzig einen Sanitärhandel, und die Mutti arbeitete mit im Laden. Die Mutter war eine geborene Lützenschneit, was mir nichts sagte, obwohl ein Onkel von ihr vormals eine Bäckerei in Berlin gehabt haben soll, in Lichtenrade. Ich würde Ilse fragen müssen, sie konnte sich vielleicht noch darauf entsinnen. Nein, ich musste zugeben, Ariane kam aus gutem Hause und machte einen freundlichen Eindruck. Als wir beide die erste Nervosität abgelegt hatten, plauderten wir ganz prima von Frau zu Frau. Sie fand den kleinen Georg, den Nachwuchs von Prinzessin Kät und dem William, genauso entzückend wie ich. Ich muss zugeben, damit hatte sie mein Herz erobert. Nachdem wir gemeinsam den Tisch gereinigt und gedeckt hatten und auch die Couch und die Sessel vom herumliegenden Plunder befreit hatten, setzten wir uns an die Kaffeetafel. Über die Tischmanieren schweige ich besser. Nee! Sie saß im Schneidersitz auf dem Sessel, die Füße hingen fast auf den Tisch, und sie leckte sich die Finger beim Essen ab. «Ach, Stefan, was hast du dir da nur ausgesucht …?», dachte ich bei mir, als ich vom Kaffee probierte. Immerhin, der war in Ordnung. Aus der Maschine zwar, nicht handgebrüht, aber in Ordnung. Ich verlangte extra keinen Tee. Wer weiß, was sie da erst hätte abwaschen müssen. Trotz guter Ansätze sah ich viel Arbeit auf mich zukommen.

Ich wollte die Gastfreundschaft des jungen Glücks nicht überstrapazieren und machte mich nach einer Stunde wieder auf den Weg. Man will ja nicht aufdringlich wirken, und für ein erstes Kennenlernen langte das allemal. Natürlich ging ich nicht, ohne Ariane und Stefan zu mir einzuladen. Man durfte den frisch gesponnenen Faden nicht gleich wieder fallen lassen, wissense, wenn das etwas Ernstes würde mit den beiden – die Ausbildung zur guten Hausfrau duldete keinen Aufschub mehr.