Betty und Kai - Jan Pelzer - E-Book

Betty und Kai E-Book

Jan Pelzer

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Beschreibung

Vaterlos aufgewachsene Geschwister versuchen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Betty durch riskante Geschäfte und Liebschaften, Kai durch ein anarchisches Künstlerdasein. Nach Rückkehr des Vaters allmähliche Verhaltensnormalisierung. Die Kapitel sind Tagebucheintragungen. Die Sprache ist gemischt, Jugendslang, Berichtstil und Beschreibung, rationale Gedankenwiedergabe, lyrische Einschübe als Knittelverse, Liebeslyrik, Bekenntnislyrik. Weitere Stilmittel: sanfte Ironie, engagierte Diskussionen, groteske Szenen; kurz, Humor und humanes Engagement in unterhaltsamer Form. Das Ganze: ein Versuch über Pubertät.

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jan Pelzer

Betty und Kai

Tagebuch meiner Jungmädchenjahre

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Probleme des Frauenlebens

Die Rückkehr des Vaters und die Schüleraktiengesellschaft

Das Ende der Aktiengesellschaft und Kai’s große Show

Einträgliche musische Events

Klaus Dieters Untreue, neue Freunde

Klaus Dieters Buße

Reiseerlebnisse in Irland

Papas Zusammenbruch

Wir sind Teil der Performance eines Wikingerüberfalls

Arnd, meine erste große Liebe

Ein sehr schädigender Diebstahl

Eine Verfolgungsjagd

Ein unglaublicher Wundertäter

Eine Wunderheilung und ein Erdbeben

Das gewalttätige Ende einer wortreichen Auseinandersetzung

Theorie und Praxis der Liebe

Geschäftlicher Misserfolg und menschliche Enttäuschung

Auch ein neues Geschäft scheitert mit Verlust

Auf der Suche nach einer guten Partie

Geschäfte mit Primeurweinen sollen meine Schulden tilgen

Eine neue Liebe verspricht lohnende Geschäfte

Begegnung mit einem (sogenannten) Asozialen

Ich leiste Sozialarbeit für zwei arbeitslose junge Männer

Enttäuschte Liebe

Die tragikomische Hochzeit meiner Eltern

Aus einem Bürgerlichen wird ein Graf

Eine Probeehe

Eheprobleme und schwierige Geschäfte

Das Warentermingeschäft droht zu scheitern und auch die Probeehe

Das Ende der Probeehe und der Beginn einer sozialen Einrichtung

Verführung eines Aufpassers, Weltreise und ein neues Geschäft

Meine geschädigte Finanzgruppe beschließt Selbstjustiz

Vorbereitungen zu einer Entführung

Die Entführung eines Maklers

Kai’s Jobangebot und meine Entscheidung aus der Aktion auszusteigen

Mein Ausstieg und meine Gefangensetzung

Polizeiaktion und Verhaftung aller Entführer

Verhaftung der beteiligten Frauen

Job bei Kai und Wiedersehen mit Wilhelm

Zusammenleben mit Wilhelm

Als Pfarrersfrau Einsatz für Erich

Impressum neobooks

Probleme des Frauenlebens

Ich bin jetzt 15 Jahre alt und schon eine richtige Frau, denn gestern habe ich zum ersten Mal meine Regel gehabt. Meine Mama hat mir gratuliert, als ich es ihr erzählt habe, und hat mich zu einem Fürst Pückler Eis in Ginos Eisdiele eingeladen. Sie hat mir anvertraut, dass sie dieses Ereignis sehnlichst erwartet habe, denn jetzt könne sie mit mir von Frau zu Frau reden. Sie habe sonst niemanden, mit dem sie ihre geheimsten Gedanken und Sorgen teilen könne.

Kai, mein älterer Bruder, lebe in einer anderen Welt. Ihn interessierten vor allem seine philosophischen Bücher und geistlichen Ideale. Er sei ein geborener Künstler mit seiner Musik und seiner Malerei, seinen Gedichten und seinen wissenschaftlichen Interessen und verstehe naturgemäß nicht die Nöte einer verlassenen Frau. Künstler seien Narzisse, seien nur auf sich selbst konzentriert und hätten wenig soziale Neigungen. Sie müssten auch so sein, weil sie anders nicht ihre unsterblichen Werke schaffen könnten.

Unser Vater habe sich schon früh von uns getrennt, als ich gerade geboren gewesen sei, und lebe jetzt mit einer anderen Frau zusammen. Er zahle nur noch unseren Unterhalt und sei ansonsten nicht für uns zu sprechen. Und Oma, die Mutter meines Vaters, sei unsere erklärte Feindin. Sie sei von Anfang an gegen die Heirat ihres Sohnes gewesen, weil nach ihrer Meinung sie, als einfache Krankenschwester, gesellschaftlich nicht zu einer geadelten Industriellenfamilie gepasst habe. Sie, die Oma, habe auch systematisch die Scheidung von dem Vater betrieben und ihr letztlich eine Million Mark als Entschädigung für die Trennung vom Vater bezahlt.

Der Vater habe anfangs noch zu ihr gehalten und ihr das Paradies auf Erden versprochen, eine Villa in Marrakesch, eine Hochseeyacht in Hamburg, ein Landhaus am Chiemsee und ein Millionenvermögen auf der Deutschen Bank, aber sie habe seine Versprechungen nicht sofort eingefordert und sich auch keine Notizen in einem Tagebuch dazu gemacht. Jetzt, nach dem fast völligen Verlust der Million infolge falscher Anlagestrategie mit dem Aufkauf von rasch verfallenden Bergbauaktien, habe sie keine nennenswerten Rücklagen mehr und wir müssten mit den knapp bemessenen Unterhaltszahlungen auskommen, die der Vater an uns überweise.

Die einzige Hoffnung auf eine bessere Zukunft bestehe darin, dass bei dem zu erwartenden baldigen Ableben des Vaters, der Krebs habe und der aus der Verbindung mit der anderen Frau keine Kinder habe, mir und meinem Bruder sein Erbe zufalle. Dieses sei infolge der mittlerweile wieder profitablen Situation der väterlichen Firma millionenschwer und beschere uns somit die wirtschaftliche Sicherheit, die wir als Kinder eines führenden deutschen Industriellen schon lange von Rechts wegen verdient hätten.

Ich solle aus ihrem traurigen Schicksal lernen und früh den Männern misstrauen, solle nicht wie sie ihre Versprechungen wie ihre Vergehen unnotiert lassen und somit eventuell wehr- und waffenlos möglichen Trennungen ausgesetzt sein.

Ich muss sagen, diese Offenbarungen meiner Mutter haben mich ziemlich nachdenklich gemacht. Anscheinend ist uns Frauen ein härteres Schicksal bestimmt als den Männern. Wir sind sozusagen die Dienstmädchen der Männer. Ich sehe das schon in unserer Familie. Mein Bruder muss nicht putzen oder das Geschirr spülen. Er muss nicht immer sauber gewaschen und sorgfältig gekämmt sein. Er muss auch nicht immer ordentlich angezogen sein und mit glänzenden Schuhen nach draußen gehen. Er muss sich von seinem Taschengeld keine Servietten und Tischtücher für seine künftige Aussteuer kaufen und muss auch nicht jeden Abend um 10 Uhr zu Hause sein. Er darf eigentlich alles tun, was er will, und ich muss mich an tausend Vorschriften und Regeln halten, die andere für mich aufgestellt haben!

Mama hat auch gesagt, dass wir in der Beziehung zu Männern immer die Benachteiligten sind! Wir kriegen die Kinder und haben für sie zu sorgen, d.h. wir müssen die ganze Arbeit tun. Und wenn eine andere Frau dem Vater schöne Augen macht, so lässt er seine Ehefrau mit den Kindern sitzen und bezahlt höchstens noch die Alimente. Da hast du keine Unterstützung bei der Erziehung der Kinder, keinen Rat, wenn sie Dummheiten machen, keine Hilfe, wenn dir die Probleme mit Berufstätigkeit, Kinderbetreuung und Haushalt über den Kopf wachsen.

Und selbst wenn der Mann mit dir zusammen lebt, weißt du denn, ob er dich nicht insgeheim mit einer anderen Frau betrügt? Vielleicht gibt er auch, ohne dass du es weißt, das ganze angesparte Vermögen für die andere Frau aus. Und wenn der Mann dann stirbt, stehst du mit leeren Händen da. Das ist alles schon vorgekommen! Ich weiß das von einer Freundin meiner Mutter. Oder wenn der Mann trinkt. Dann geht vielleicht der größte Teil seines Verdienstes dafür drauf und du musst Schulden machen, im Lebensmittelgeschäft anschreiben lassen, um deine Kinder zu ernähren. Nein, ich denke, Mama hat recht, auf die Männer kann man sich nicht verlassen, und man tut gut daran, über alle ihre Eskapaden Buch zu führen, Tagebuch! Dann hat man wenigstens, wenn es bei der Trennung zu einem Prozess kommt, seine Unterlagen und kann den Richtern sauber nachweisen, wann und wo der Mann einen betrogen hat.

Nachdem mir Mama alles von sich und Papa erzählt hat, bin ich mir auch gar nicht mehr so sicher, ob mein Freund Klaus Dieter mir so treu ist, wie er immer sagt. Ich denke, die blonde Ulla hat bei ihm wenigstens so einen Stein im Brett wie ich. Und ich bin mir auch nicht mehr ganz sicher, ob er sich mir gegenüber in Geldangelegenheiten korrekt verhält.

Ich habe ihm öfter ein paar Groschen geliehen, wenn er sich eine Fanta oder Sprite an der Bude kaufen wollte. Die hat er mir nur ganz selten zurückgegeben. Bis jetzt habe ich darüber hinweggesehen, weil ich ihn liebe; aber in Zukunft werde ich darauf bestehen, dass wir in Geldangelegenheiten, wie meine Mutter sagt, „Ausländer“ sind. Vor allem wird das wichtig, wenn die Beträge, die er sich bei mir leiht, größer werden.

Die Tage hat er sich bei mir 10 DM geliehen, um sich dafür bei der Aktiengesellschaft, die einige Klassenkameraden und Klassenkameradinnen in unserer Schule gegründet haben, zwei Aktien zu kaufen. Denn erst der Besitz von wenigstens zwei Aktien berechtigt zum Handel mit den Getränken und Süßigkeiten, die der Vater eines Klassenkameraden zum Großhandelspreis jeden Morgen vor Schulbeginn anliefert. Unsere ganze Klasse ist dann schon da und nimmt die Ladung in Empfang. Wir leeren unsere Büchertaschen in unserem Klassenzimmer, laufen zum Lieferwagen und packen die Fanta- und Colaflaschen, die Kaugummis und Fruchtbonbons, die Schokoladentafeln und Lakritzstangen in unsere Taschen und spurten dann in andere Klassen unseres Gymnasiums, um die bereits sehnsüchtig erwarteten Leckereien mit einem kleinen Aufschlag gewinnbringend zu verkaufen.

Die Gründung der Aktiengesellschaft war ursprünglich eine Schnapsidee von unserem geschäftstüchtigen Klassenkassenverwalter Cherry. Wir hatten nämlich im Erdkundeunterricht gelernt, wie eine “Aktiengesellschaft“ funktioniert, und er hatte sofort den Einfall das Defizit in unserer Klassenkasse damit zu beheben. Dafür wollten die Anderen aber nicht arbeiten, sondern wollten nur in ihre eigene Tasche wirtschaften. So haben wir 30 Schüler und Schülerinnen jeweils zwei Aktien zu 5 DM gezeichnet und hatten damit 300 DM, um damit einzukaufen. Unsere Ware ging reißend weg und schon stiegen unsere Aktien um das Doppelte im Wert. Wir gaben also neue Aktien für 10 DM aus und konnten jetzt für 600 DM einkaufen. Und auch dieser Einkauf war im Nu vergriffen. Unsere Schule zählt immerhin fast 1000 Schüler und Schülerinnen. Und wieder stiegen die Aktien um das Doppelte.

Jetzt wollten auch Schüler aus anderen Klassen in das Geschäft einsteigen, denn die Beträge, die wir auf den Einkaufspreis aufschlugen, wanderten natürlich in unsere Taschen und diejenigen, die mehr Aktien hatten als die Anderen, bekamen auch mehr Waren und machten somit auch höhere Gewinne. Die Aktien waren also sehr begehrt und stiegen immer weiter im Wert. Wir konnten bald täglich für 1000 bis 1200 DM einkaufen und wurden dennoch alle unsere Waren los. Bei diesen satten Gewinnen, die wir mit dem Verkauf von Aktien und dem der Waren machten, erklärten wir uns auch bereit, einen Teil der Gewinne aus den Aktienverkäufen in unsere Klassenkasse zu stecken, um dieses Geld bei der nächsten Klassenfahrt für Sonderausgaben zu haben.

Leider kam unser Geschäft nach einigen Wochen in eine Krise, denn die Aktien kosteten mittlerweile 50 DM und für einen neuen Aktionär dauerte es dann zu lange, bis er seine Unkosten wieder heraus hatte, geschweige von Gewinnen sprechen konnte.

Von da an fielen die Preise für unsere Aktien fast genauso schnell, wie sie gestiegen waren, ja sie sackten sogar unter den Ausgabepreis, auf 2.50 DM. Die Geschäfte liefen zwar noch, aber die vielen Aktionäre machten sich gegenseitig so viel Konkurrenz, dass auch die Gewinne nicht mehr der Rede wert waren. Viele wollten daher ihre Aktien loswerden und fanden keine Abnehmer mehr. Unter den Verkaufswilligen waren einige, die 50 DM und mehr für die Aktie bezahlt hatten.

Darunter auch mein Klaus Dieter. Und so begeistert sie für das Geschäft gewesen waren, als noch die Gewinne sprudelten, so verärgert waren sie jetzt, da sie feststellen mussten, dass sie erhebliche Verluste gemacht hatten. Klaus Dieter, der mir versprochen hatte, mir einen Anteil an seinen Gewinnen zu geben und mir die 10 DM, die ich ihm geliehen hatte, wieder voll zurückzuzahlen, sagte mir jetzt, ich hätte Anteil an seinen Gewinnen gehabt, also müsste ich seine Verluste auch mit ihm teilen, so könne er mir auch die 10 DM nicht zurückzahlen. Im Übrigen hätte ich meine Aktien noch mit Gewinn verkauft, als sie angefangen hätten zu fallen, und so hätte ich ja das, was er verloren hätte, als Profit gewonnen und hätte meinen Einsatz für ihn doppelt und dreifach herausbekommen, so dass ich auf seine Rückzahlung nicht angewiesen sei!

„Nachtigall, ich hör‘ dir trapsen“. Meine Mutter hat mich nicht umsonst vor der Unberechenbarkeit der Männer gewarnt! Ich werde mir das merken, obwohl ich ihn so sehr liebe, dass ich ihm seine Verluste gerne ersetzen würde, aber dann wäre er in seiner Ehre getroffen, weil ich dann als die Geschäftstüchtigere dastünde, wo er sich doch vorgenommen hat, Millionär zu werden.

Die Rückkehr des Vaters und die Schüleraktiengesellschaft

Heute stand mein Vater ganz unerwartet vor der Tür. Ich habe ihn zunächst gar nicht erkannt, als ich ihm am frühen Nachmittag die Tür geöffnet habe, weil er seinen Hut weit ins Gesicht gezogen hatte. Er wollte wohl von niemandem gesehen werden. Die Presse stürzt sich ja auf solche Geschichten, wenn der international bekannte Industrielle seine ehemalige Geliebte und mittlerweile geschiedene Ehefrau besucht.

Er war aber ganz nett und fragte mich: „Bist Du Betty von Stahl?“, und als ich bejahte, sagte er: „Ich habe dich als kleines Mädchen gekannt mit Zöpfen und Matrosenkleidchen. Jetzt bist Du ja schon fast eine große Dame!“ Ich freute mich über das Kompliment und führte ihn, als er mich bat, meine Mutter sprechen zu dürfen, ins Wohnzimmer.

Meine Mutter, die dort mit der Reinigung ihrer Schmucksachen beschäftigt war, erkannte meinen Vater sofort und begrüßte ihn überrascht mit den Worten: „Thilo, Du hier?“ Mein Vater sagte hierauf: „Ja, liebe Ate, ich hätte schon viel eher kommen sollen, aber alle diese falschen Rücksichten, die mir als künftigem Konzernchef schon mit der Muttermilch eingeflößt worden sind, haben mich daran gehindert.“ „Und natürlich die Rücksicht auf Deine neue Frau, die es Dir aber nicht gedankt hat! Man sagt, sie treibe sich mehr in New Yorks Nachtlokalen herum als in Deiner luxuriösen Villa!“ stellte meine Mutter etwas schadenfroh fest. „Ich hatte nicht genug Zeit für sie, wie ich nicht genug Zeit für dich hatte. Ich bin ein Sklave meiner Firma! Aber darüber wollte ich nicht mit Dir sprechen! Ich bin gekommen, um über Kai und Betty mit Dir zu reden!“ antwortete mein Vater hierauf.

„Also hast Du dich doch noch daran erinnert, dass Du Kinder hast“, erwiderte meine Mutter ziemlich spitz. „Lass bitte diese polemischen Töne“, forderte darauf mein Vater. „Du weißt, ich bin krank, ich habe keine Energie mehr für unnütze Auseinandersetzungen, lass uns wie zwei vernünftige Erwachsene und gute Freunde miteinander reden. Ich weiß selber, dass ich Fehler gemacht habe. Ich habe dafür einen hohen Preis bezahlt. Jetzt sollten wir ein nützliches Gespräch über eine sichere Zukunft für unsere Kinder nicht durch das Aufwärmen vergangener Geschichten unmöglich machen.“ „Verzeih“, sagte hierauf meine Mutter, „ich will dir keine Vorwürfe machen, aber meine Gefühle, die, wie Du dir denken kannst, nicht frei von Bitterkeit sind, brechen alle meine guten Vorsätze. Ich will mich aber, so gut es geht, zusammennehmen und dir keine Szene machen!“ „Dann darf ich also ablegen, mich setzen und dich um einen starken Kaffee bitten“, sagte hierauf mein Vater. „Du kannst dich hier, wie früher schon einmal, ganz zu Hause fühlen!“ antwortete meine Mama und gab mir einen Wink, um meinem Vater Mantel und Hut abzunehmen. Mein Vater überhörte die erneute leichte Spitze, gab mir seine Klamotten und setzte sich in einen unserer Ledersessel.

Mama kochte einen starken Kaffee und sagte mir, als ich unschlüssig in der Küche neben ihr stand und nicht wusste, ob ich in mein Zimmer gehen oder weiterhin bei ihr bleiben sollte: „Du kannst zuhören, worüber wir uns unterhalten. Es geht schließlich um dich und Kai. Außerdem kann ich verstehen, wenn Du deinem Vater, der dir fremd geworden ist, wieder näher kommen willst!“ Ich freute mich über diese Aufforderung, nahm mir aber trotzdem ein Buch zur Tarnung meiner Anwesenheit mit, als ich mit meiner Mutter ins Wohnzimmer zurückging.

Ich setzte mich auch etwas entfernt von meinen Eltern auf meine Lieblingscouch und vertiefte mich scheinbar in mein Buch. In Wirklichkeit verfolgte ich aber aufmerksam ihr Gespräch. Vater fragte zunächst: „Wo ist eigentlich Kai?“ Mutter antwortete darauf: „Er nutzt die Ferienzeit zu einer seiner einsamen Wanderungen durch Bayerns Berg- und Seenlandschaften. Er hat ein superleichtes Tragezelt, eine Isomatte und seinen Schlafsack dabei und campiert dort, wo es ihm gefällt. Er beobachtet die Tiere in freier Natur, macht Skizzen von seltenen Pflanzen und schönen Landschaften und schreibt auch das eine oder andere Naturgedicht in seine Kladde! Manchmal ist er eine ganze Woche oder auch länger völlig von der Bildfläche verschwunden, und ich mache mir die größten Sorgen um ihn. Und dann steht er eines Tages wieder quietschvergnügt vor der Tür, erdrückt einen mit seinen freudigen Emotionen und kann sich nicht genug tun mit seiner Begeisterung über alle die vielen Begegnungen und neuen Erfahrungen, die er während seiner Tour gemacht hat. Er kann davon stundenlang erzählen!“

„Das entspricht genau den Berichten, die mir seine Lehrer aus dem Schweizer Internat geschickt haben“, bestätigte mein Vater die Aussage meiner Mutter. „Auch dort verschwindet er tageweise ins Unbekannte und kommt dann gut gelaunt mit vielen Fotos von Gebirgslandschaften, die er durchwandert hat, wieder zurück. Seine Leistungen in den Lernfächern, also Sprachen, Naturwissenschaften und Mathematik sind demnach auch katastrophal, während er in der Anfertigung von Aufsätzen, von Bildern und im Sport seinen Klassenkameraden weit überlegen ist. Er ist also, was seine Intelligenz und seine Persönlichkeitsentwicklung betrifft, seinen Mitschülern voraus, aber es ist völlig unmöglich, ihn an regelmäßiges Arbeiten, an die Befolgung von Anstaltsvorschriften, an Kleiderordnungen und an die Teilnahme von Gemeinschaftsveranstaltungen zu gewöhnen.

Er gilt bei seinen Lehrern als ein romantischer, intellektueller Anarchist, den man auf keine Weise steuern oder berechnen kann. Seine Mitschüler dagegen bewundern, ja verehren ihn als Helden, der gegenüber dem Anstaltsbetrieb seine Unabhängigkeit bewahrt und mit seinen gefährlichen Alleingängen in den Bergen dem Muff des Lernstoffes die Gloriole des Abenteuers entgegensetzt. Er hat unter den Schülern schon Nachahmer und viele Anhänger gefunden, die wild auf seine Geschichten sind und seine philosophischen Ansichten über ein einfaches, spontanes und naturgemäßes Leben wie einen Katechismus nachbeten. Der Leiter des Internats sieht daher das pädagogische Konzept des Internats, das darin besteht, gut sozialisierte und leistungsfähige Mitglieder einer kultivierten Zivilgesellschaft heranzubilden, gefährdet und lehnt daher ein weiteres Verbleiben von Kai in dem Internat ab.“

„Das heißt: man hat ihn aus dem Internat herausgeworfen?“ fragte meine Mutter. „Fristlose Kündigung sozusagen!“ bestätigte mein Vater. „Davon hat er mir kein Wort gesagt!“ erzürnte sich meine Mutter. „Die ganze Geschichte ist ihm sehr peinlich“, erklärte mein Vater. „Der Leiter des Internats hat mir noch zwei weitere Gründe für die sofortige Entlassung Kais aus dem Internat genannt. Erstens halte das Lehrerkollegium ein Bestehen des Abiturs von Kai nach dem bisherigen Leistungsstand für ausgeschlossen und zweitens hätten sich auch die Eltern von anderen Schülern beschwert, dass Kai einen unguten Einfluss auf ihre Söhne ausübe, sie vom Lernen abschrecke, sie zu einem übertriebenen Aktionismus dränge, um eigene Erfahrungen zu sammeln und ihnen ein Sozialverhalten nahelege, das keine überkommenen Sitten und Gebräuche mehr respektiere.“

Mein Vater machte eine Pause. Dann fügte er nachdenklich den Gedanken an: „Kais Vorstellungen vom Leben sind das krasse Gegenteil von meinen Vorstellungen. Ich bin zu Disziplin, Fleiß, Leistungsbereitschaft und Anpassung an die Gepflogenheiten meiner Familie, die Erfordernisse meiner Stellung im Betrieb und zur Beachtung der gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse erzogen worden, zu einem berechenbaren, planmäßigen Handeln und bin dadurch ein unglücklicher, einsamer Mensch geworden. Er hat das wohl instinktiv begriffen und sich geschworen, nicht in meine Fußstapfen zu treten, sondern ohne Rücksicht auf irgendwelche Verpflichtungen seinen eigenen Weg zu gehen, um sein Glück zu finden.“

„Bis jetzt ist ihm das auch bis auf kleinere Abstriche gelungen!“ antwortete meine Mutter und konnte es sich nicht verkneifen hinzuzufügen: „Er würde wohl nie aus Rücksicht auf mich oder meine Geschäfte eine Frau, die er liebte, verlassen!“ Dann wechselte sie aber schnell, als sie sah, dass die steilen Falten zwischen den Augenbrauen meines Vaters sich vertieften, das Thema und fragte: „Wo hat Kai denn seine Sachen gelassen, die er im Internat hatte?“ „Ich habe sie abgeholt und in meinem Wagen“, antwortete Vater. „Wenn Ihr mir behilflich sein wollt, so können wir sie hereinholen“, und auf den fragenden Blick von Mama ergänzte er noch, „der Direktor des Internats und ich hatten das so abgesprochen.“

Wir holten also Kais Klamotten aus dem Auto und auch den Koffer, den Vater dabeihatte, denn es stellte sich heraus, dass er einige Tage Zeit hatte, um zu bleiben, wenigstens so lange, bis Kai nach Hause käme, um mit ihm die weitere Ausbildung besprechen zu können.

Nachdem wir wieder im Wohnzimmer waren, fragte mich mein Vater, was ich einmal werden wolle. Ich sagte: „Ich will einen Millionär heiraten, ein schönes Haus mit einem Swimmingpool haben, etwa zwei oder drei Kinder großziehen und mich ansonsten mit Pferden und der Börse beschäftigen.“ „Da hast Du ja allerhand vor“, sagte mein Vater. „Wie kommt denn ein Mädchen in deinem Alter darauf, Börsengeschäfte machen zu wollen?“ fragte er dann weiter. Da habe ich ihm erzählt, dass wir in der Schule eine Aktiengesellschaft gegründet hätten und dass ich meine zwei Aktien à fünf Mark gekauft und für vierzig Mark verkauft hätte und somit 70 DM damit verdient hätte, ganz abgesehen von den Gewinnen, die ich mit meinen Verkäufen von Getränken und Süßigkeiten gemacht hätte. Da musste mein Vater lachen und erklärte mir, dass er noch gar nicht gewusst habe, dass ich so geschäftstüchtig sei. Da rückte ich sogar mein wichtigstes Geschäftsgeheimnis heraus. „Ich habe Aktien von deiner Firma vor einem halben Jahr im Wert von 10000 DM gekauft und jetzt sind sie schon 18000 DM wert. Ich bin von unserer Schule die geschäftstüchtigste Aktionärin!“

„Donnerwetter“, sagte mein Vater. „Wie kommst Du denn an die Aktien? Du bist doch noch ein Kind!“ „Das ist ein Projekt der Banken!“ antwortete ich. „Es geht natürlich nicht um richtige Aktien, sondern um Spielaktien, die aber an die richtigen Börsenkurse gebunden sind. Und wer in einem halben Jahr von uns Schülern den höchsten Gewinn gemacht hat, der bekommt 100 DM. Im ersten halben Jahr war ich die Siegerin.“ „Gratuliere“, sagte mein Vater, aber vielleicht darf ich dir den Tipp geben, deine Aktien bald zu verkaufen, denn sie haben ihren vorläufigen Höchststand erreicht und es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie in absehbarer Zeit an Wert verlieren. Vielleicht findest Du andere Aktien, die sich zu einem Höhenflug anschicken und dir weitere Gewinne einbringen?“

„Danke für den Tipp“, sagte ich. „Ich werde schon morgen meine Spielaktien verkaufen und mir meine Spielgewinne sichern! Vielleicht schaffe ich noch einmal den ersten Platz in unserer Gruppe! Dann gibt es für den Sieger sogar 200 Mark!“ „Wie wäre es, wenn Du Betriebswirtschaft studieren würdest?“ fragte mein Vater. „Bei deinem Riecher für gute Geschäfte könntest Du dann meine Nachfolgerin werden!“ „Nein, nein“, sagte ich. „Für uns Frauen gibt es wichtigere Dinge im Leben als gewinnbringende Geschäfte zu machen!“ antwortete ich. „Und die wären?“ fragte mein Vater.

„Liebe, Kinder, Glück!“ antwortete ich. Darauf erwiderte mein Vater: „Aber dafür braucht man auch Geld. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass eine Frau mit vier Kindern glücklich sein kann, wenn sie mit einem arbeitslosen Mann in einer Gartenlaube leben muss und vor Armut nicht weiß, wie sie ihre Kinder am nächsten Tag satt kriegt!“ „Man darf eben keinen Arbeitslosen heiraten!“ antwortete ich. „Mein Klaus Dieter will alles tun, um Millionär zu werden! Was für ein Risiko bleibt dann?“ „Dann steht deinem Glück allerdings nichts mehr im Wege!“ gab mein Vater zu. „Ich sehe, Kai und Du, Ihr habt beide aus meinem Schicksal gelernt und stellt das Lebensglück über den Dienst für den Erfolg einer Firma“, fuhr er fort.

„Vielleicht seid Ihr weiser als ich, aber auch Ihr könnt mit euren Plänen scheitern. Und deswegen möchte ich doch den eigentlichen Grund meines Kommens nicht verschweigen, denn ich wollte über meine Nachfolge in der Firma mit euch reden, das heißt in erster Linie mit Kai! Denn ich will schon Rücksicht darauf nehmen, dass ihr Frauen Wichtigeres im Leben zu tun habt als eine Firma zu führen. Zur Sicherheit werde ich mir aber erlauben, dich in meinem Testament mit einem solchen Vermögen zu bedenken, dass Du nie fürchten musst, mit vier Kindern und einem arbeitslosen Mann in einer Gartenlaube zu landen!“

Mir stockte bei diesen Worten der Atem, ich hatte einen Vater, der sich um meine Zukunft sorgte, der meine Zukunft absichern wollte, der mir ein schönes Leben ermöglichen wollte. Ja, ich hatte mich über das Kommen meines Vaters gefreut, ich hatte mich für ihn interessiert und mir alle seine Worte gemerkt. Ich hatte ihn als meinen Vater angenommen und betrachtete ihn mit viel Sympathie, aber ich hatte kein Entgegenkommen von ihm erwartet, kein Engagement für mich. Und jetzt hatte er gezeigt, dass er mich mochte, dass er an mich dachte und für mich sorgen wollte.

Ich konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. Und jetzt geschah wirklich das Wunder, dass mein Vater mich in die Arme nahm, mich drückte und beruhigend streichelte, ja sogar einen scheuen Kuss auf mein fettiges Haar hauchte. Ich spürte diesen Hauch und es war ein Lebenshauch, ein Hauch wie Gott ihn einstmals bei der Erschaffung der Menschen der Eva eingehaucht haben musste, um sie zum Leben zu erwecken. Es war der Hauch, der mich mit meinem Vater so eins werden ließ, wie ich es durch die Nabelschnur mit meiner Mutter geworden war, und niemand und nichts würde diese Einheit und Zugehörigkeit mit und zu meinen Eltern mehr zerstören können. Ich umarmte meinen Vater und küsste ihn auf den Mund; und der spröde, beziehungsarme Mann ließ es geschehen und erwiderte meinen Kuss.

Meine Mutter hatte das Geschehen sichtlich beeindruckt und tief berührt. Sie wischte sich unauffällig ein paar Tränen aus den Augen und schnäuzte sich. Dann aber gewann ihre lebenspraktische Seite die Oberhand und sie wandte sich an ihren ehemaligen Mann mit der etwas steifen und förmlichen Floskel: „Thilo, ich danke dir, dass Du unsere Kinder auf solch fürsorgliche Art legitimierst! Vielleicht kannst Du Kai auch noch eine Chance geben, deine Nachfolge anzutreten. Er ist begabt genug für eine solche Aufgabe. Nur müsste er das Gefühl haben, dass er nicht nur als ein leistungsfähiger Funktionär von dir für deine Nachfolge vorgesehen ist, sondern als dein Sohn!“

„Du siehst, dass ich mich um ihn kümmere“, erwiderte mein Vater und zog einen Brief aus seiner Brusttasche und gab ihn meiner Mutter. „Die Antwort des Leiters von dem österreichischen Internat, in dem Kai sein Abitur machen kann“, erklärte er. „Es war übrigens nicht so leicht für Kai eine neue Schule zu finden“, fuhr er fort. „Die meisten Internate, die ich angeschrieben habe, haben eine Aufnahme von Kai abgelehnt! Dieses Internat war bereit, Kai alle Freiheiten zuzugestehen - sogar ein externes Wohnen - und natürlich spontane Bergtouren! Die Lehrer sind sogar bereit - gegen eine angemessene Bezahlung natürlich - Kai den Lernstoff, den er durch sein Fehlen versäumen sollte, in Privatstunden näher zu bringen. Was kann ich mehr für ihn erreichen und tun?“

„Dass Du persönlich mit ihm umgehst, eine Beziehung zu ihm aufbaust, ihm deinen Betrieb zeigst, ihn mit auf Geschäftsreisen nimmst“, antwortete meine Mutter. „Deswegen bin ich hier“, entgegnete mein Vater. „ Ich würde ihn gerne auf eine Geschäftsreise mit nach Mexiko nehmen, die ich in den nächsten Wochen unternehmen werde. Dort kann er sich bei seinem Interesse für alte Kulturen nebenbei noch die Denkmäler der Azteken, Mayas, Tolteken und Olmeken anschauen und zeichnen, fotografieren oder filmen, wenn er will. Er hätte völlige Freiheit sich sein Programm auszuwählen. Allerdings sähe ich es gerne, wenn er bei den drei wichtigsten Geschäftsabschlüssen anwesend wäre, allein um unsere Partner persönlich kennen zu lernen. Ich wollte dich auch für dieses Projekt um deine Unterstützung bitten. Denn ich kann natürlich nicht erwarten, dass Kai darauf positiv reagieren wird, wenn ich ihm bei seiner Rückkehr auf die Schulter schlage und ihn auffordere mit mir nach Mexiko zu reisen.“

„Du wirst ihn erst mal behutsam ins Gespräch ziehen müssen, auch seinen Berichten von seiner Wanderung zuhören müssen und solltest dich auch für seine Bilder, seine Fotos und seine Gedichte interessieren. Wenn er dann merkt, dass Du ihn ernst nimmst und respektierst, kannst Du zunächst seine schulischen Angelegenheiten mit ihm regeln und erst dann könntest Du das Thema auf Reisen und Mexiko bringen und ihn eventuell für eine solche Reise begeistern. An meiner Unterstützung für dieses Vorhaben soll es nicht fehlen, denn ich bin sehr dafür, dass er deine Nachfolge antritt, denn dann verspreche ich auch mir eine größere finanzielle Ausstattung und gesellschaftliche Rolle, als Du sie mir bis heute zugestanden hast. Denn von dir habe ich in deinem Testament wohl nichts zu erwarten! Menschliche Verpflichtungen spielen in deinen Plänen wohl keine Rolle!“ fügte sie noch etwas spitzer hinzu.

Ich sah wieder, wie die scharfen Furchen zwischen Vaters Augenbrauen deutlich bemerkbar wurden, und befürchtete schon eine barsche Antwort, aber die Furchen glätteten sich wieder und Vater gab Mutter sogar sein Bedauern zu verstehen, als er sagte: „Ich habe zu lange auf meine Mutter gehört, die mir jeden Kontakt zu dir untersagt hat. Immer wenn ich deine Apanage erhöhen wollte, hat sie mich an die Million erinnert, mit der Du abgefunden worden seiest und zwar weit über deine Ansprüche. Dass diese Million aufgebraucht sein könnte, war mir nicht bewusst. Ich setzte schließlich deine Apanage durch und übernahm die Kosten für Kais Ausbildung. Damit glaubte ich genug getan zu haben. Aber jetzt, da ich mich von meiner zweiten Frau scheiden lasse, sollst Du für die ausgestandenen Nöte entschädigt werden. Ich werde dich selbstverständlich in meinem Testament bedenken, so dass Du ein sorgenfreies und unabhängiges Leben führen kannst.“ „Wenn Du denn dein Versprechen ausnahmsweise mal wahr machst“, grantelte meine Mutter, „ich erinnere Dich nur an die Villa am Chiemsee, die Yacht im Hamburger Hafen, das Ferienhaus in Marrakesch, die Million auf einem Konto der Deutschen Bank!“ „Die Million hast Du bekommen und das andere hättest Du als meine Frau mit genossen, als ich diese Objekte erworben hatte; aber zu diesem Zeitpunkt warst Du ja nicht mehr meine Frau.“

„Soll das heißen, Du gibst mir eine Mitschuld daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Deine Frau war?“ fragte meine Mutter darauf sehr scharf. „Du hättest dich ein wenig mehr an unseren Lebensstil anpassen können. Du hättest dich auch intensiver weiterbilden können. Ich habe dir angeboten, dir ein Betriebswirtschaftsstudium in Köln zu bezahlen. Du hättest deinen Dr. da machen können und in mein Direktorium einsteigen können, und meine Mutter hätte dich mit offenen Armen als Akademikerin und Direktorin unserer Firma in den Kreis unserer Familie aufgenommen,“ erklärte mein Vater, „aber Du wolltest nur Mutter sein und als große Dame auftreten!“

Meine Mutter starrte meinen Vater nach diesen Worten fassungslos an und dann brach es aus ihr heraus: „Deine Mutter hat mich von Anfang an gedemütigt, erniedrigt, schikaniert! Sie hat nicht mit mir gesprochen, sie hat mich nicht zu euren vielen Gesellschaften eingeladen, wir durften nicht in einem Haus mit ihr und deinem Vater wohnen. Ich durfte nicht zwischen 9 und 11 Uhr morgens unser Seitenhaus verlassen, weil deine Mutter in eurem Park spazieren ging und mich nicht sehen wollte! Nie, unter keinen Umständen hätte deine Mutter mich akzeptiert, selbst wenn ich Universitätspräsidentin in Köln geworden wäre oder meinetwegen vom abessinischen Königshaus als Prinzessin adoptiert worden wäre!

Und Du, Du hast dich aus allen Misshelligkeiten zwischen deiner Mutter und mir herausgehalten und deine volle Beanspruchung durch deine Firma als Erklärung für deine Neutralität und Desinformiertheit vorgeschützt und mich diesem Drachen und seinen ätzenden Attacken schutzlos ausgesetzt. Selbst Kai hat sie mir tagsüber weggenommen und irgendwelchen lieblosen Erziehern und Privatlehrern überlassen, die ihn dann so verbiestert und verstört haben, dass ich ein psychologisches Gutachten anfordern musste, um seine seelische Beschädigung nachzuweisen und ihn wieder in meine Obhut zu bekommen. Du warst ein feiges, unterwürfiges, konfliktscheues, willfähriges Muttersöhnchen und hast deine Augen gegenüber den Kämpfen und Schikanen, die ich von Seiten deiner Mutter zu erdulden hatte, verschlossen.

Und Du willst mir vorwerfen, dass ich mich nicht genug angepasst hätte, um die Gnade einer huldvollen Aufnahme in eure Familie zu empfangen! Im Übrigen habe ich mich trotz deines enttäuschenden Versagens als Ehemann - und damit berufenen Beschützers deiner Frau und deiner Kinder - nicht von dir trennen wollen, sondern habe dir die Entscheidung über unsere Ehe überlassen, als mich deine Eltern zur Scheidung drängten und mir als Entschädigung die Million angeboten haben. Ich habe dich angerufen und gefragt, was ich machen solle, und Du hast mir geantwortet, wenn dadurch der Frieden in eurer Familie wieder hergestellt werden könne, so solle ich zustimmen. Die Ehe mit mir könne ja auch ohne Trauschein und Aufenthalt in der Nähe der Eltern weitergeführt werden. Du würdest die Kosten für alles Weitere übernehmen und, sooft du Zeit hättest, bei uns sein. Diese Lösung wäre jedenfalls besser als das irrationale Weibergezänk und die hysterischen Seelenzustände der Beteiligten noch länger zu ertragen.“

Als mein Vater hierauf meine Mutter begütigend in den Arm nehmen wollte, stieß sie ihn heftig zurück und sagte: „Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: „Weibergezänk“, „hysterische Seelenzustände“ und das mir, der kerngesunden Krankenschwester, der ehemaligen bairischen Landesmeisterin im Kraulschwimmen!“ Sie fing an haltlos zu weinen und zu schluchzen und wehrte weiterhin alle Annäherungsversuche meines Vaters ab. Das dauerte ungefähr fünf Minuten, während der mein Vater verlegen und hilflos in unserem Wohnzimmer hin und her ging und offensichtlich mit sich rang, ob er bleiben oder gehen sollte.

Trotz ihrer Tränen ließ meine Mutter ihn nicht aus den Augen. Plötzlich gab sie sich einen Ruck, stand aus ihrem Sessel auf, ging auf meinen Vater zu, umarmte ihn sehr zärtlich und sagte: „Entschuldige, aber ich musste das alles mal aussprechen. Du hast mir früher nie zugehört und hast vieles nicht gewusst. Jetzt weißt Du noch immer nicht alles, aber das Wichtigste. Damit kann ich es bewenden lassen. Es ist das Mindeste, womit ich dich belaste“.

Mein Vater akzeptierte überraschend ihren Gefühlsausbruch. Ja, er versuchte ihr sein Verständnis sogar zu beweisen, indem er ihr versicherte: „Du wirfst mir zurecht vor, dass solche Aussprachen in der Zeit unserer Ehe tabu waren. Ich war mit dem Aufbau der Firma aufs äußerste angespannt und mied alle Anflüge von starken Gefühlen, weil ich Angst hatte, dadurch geschwächt zu werden und meinen beruflichen Aufgaben nicht mehr gewachsen zu sein. Aber Du hast Recht. Man kann nach einer Liebesheirat keine Vernunftehe führen. Das verfälscht die Beziehung oder sage ich es deutlich, man betrügt den Partner um die Erwartung, mit der er die Ehe eingegangen ist. Ich kann dir heute deine Enttäuschung nachfühlen. Meine Krankheit hat mich zu einem anderen Menschen werden lassen. Die Geschicke der Firma sind mir nicht mehr so wichtig, die Anpassung an meine Gesellschaftskreise ist mir gleichgültig geworden, Geld und politischer Einfluss werden nebensächlich angesichts eines baldigen Endes. Was noch zählt, ist der kleine Kreis von Menschen, die dich mögen und die du magst. Darf ich dich zu diesem kleinen Kreis hinzuzählen?“

Meine Mutter sagte hierauf nichts, aber sie umarmte Vater noch einmal sehr zärtlich, was mehr besagte als das entschiedenste Wort.

Das Ende der Aktiengesellschaft und Kai’s große Show

Ich habe mich gewundert, dass ich das Gespräch zwischen meinen Eltern fast wörtlich behalten habe. Aber es gibt Situationen im Leben, da bist du hellwach, da ist dir jede Sekunde wichtig und du erinnerst dich an jedes Bild, an jedes Wort, was mit diesen Situationen verbunden ist.

Ich habe mich Klaus Dieter anvertraut. Ich musste mit jemandem mein Glück teilen, dass ich jetzt einen Vater habe. Klaus Dieter war nicht gerade begeistert, als ich ihm gesagt habe, dass mein Vater mich auch in seinem Testament bedenken will. Er sagte: „Dann muss ich ja nicht mehr Millionär werden, um dich als meine Frau verwöhnen zu können. Dann hast Du ja mehr Geld als ich und nimmst dir bestimmt einen anderen.“ Ich sagte ihm, dass mir solche Gedanken noch nie gekommen seien. Er aber wollte von seiner Meinung nicht abgehen und sagte: „Ich kenne die Frauen. Sie verbinden sich immer mit den Stärksten! Und das sind diejenigen, die am meisten Geld oder Macht haben! Das sagt auch mein Vater! Wenn Du eine Million hast, dann wirst Du einen Milliardär heiraten, schon weil Du allen anderen Männern misstrauen musst, dass sie dich nur deines Geldes wegen heiraten wollen. Bei einem Milliardär brauchst Du diese Sorge nicht zu haben, denn er hat ja genug Geld. Aber zu einem Milliardär kann ich es nicht bringen. Es wäre für mich schon riesig schwer, eine Million zu verdienen; aber mehr kann ich nicht bringen.“

Ich versicherte ihm noch einmal, dass ich ihn auch ohne eine Million heiraten würde, aber er wollte darauf nicht eingehen. „Dann kann ich nicht auf Augenhöhe mit dir umgehen“, sagte er „und für die Rolle eines Prinzgemahls bin ich mir zu schade!“ „Dann verschenke ich eben mein Geld!“ habe ich darauf erwidert „ dann sind wir arm, aber werden glücklich!“ Das wäre eine Lösung, die er akzeptieren könne, meinte Klaus Dieter hierzu. Nur hätte er gerne etwas mehr Geld als ich. Denn ich wäre ihm in allen Belangen überlegen und das könne er nur damit ausgleichen, dass er mehr Geld habe.

Da habe ich ihn zurechtgestaut und ihm gesagt, dass er mir mit Geld überhaupt nicht imponieren könne, sondern mit Bildung. Einen Arzt oder Pastor, einen Richter oder Steuerberater, unter Umständen sogar einen Lehrer oder Professor, den könnte ich bewundern und anhimmeln, aber doch nicht eine gefüllte Brieftasche oder ein vergoldetes Portemonnaie. Das konnte Klaus Dieter sogar einsehen und er meinte, dass er ein Medizinstudium oder auch Theologiestudium durchaus bewältigen könne, um meine Anerkennung zu gewinnen. Hach, da war ich doch sehr erleichtert, dass er endlich Vernunft angenommen hatte, und habe ihm zur Belohnung einen Knutschfleck am Hals gemacht, denn darauf sind die Jungens in unserer Klasse ganz besonders scharf.

Er hat dann sogar eine Woche lang ein T-Shirt ohne Kragen angezogen, damit alle seinen Knutschfleck sehen konnten, und war dann gar nicht mehr so traurig darüber, dass unsere Aktiengesellschaft ein plötzliches Ende fand. Denn sowohl die hohen Preise für die Aktien und ihr Wertverlust, wie die nach Meinung einiger Eltern ungesunden Waren, wie Cola und Bonbons, hatten zu Beschwerden bei der Schulleitung geführt. Diese hatte bis dahin von unserem Treiben noch gar nichts mitgekriegt, weil unser Handel unter höchster Geheimhaltung gelaufen war. Wir transportierten die Waren nur in unseren verschlossenen Aktentaschen und achteten darauf, dass auch unsere Kunden sie sofort in ihren Aktentaschen verschwinden ließen. Die Geheimhaltung hatte deswegen so gut geklappt, weil beide Parteien, die Verkäufer und die Kunden, das gleiche Interesse daran hatten, dass die Geschäfte weiterliefen. Wir empfanden die Aktion auch als eine Verschwörung gegen die Erwachsenen, die uns die ungeliebte Schulmilch aufdrängten, die auch nicht billiger war als unsere Cola.

Die Schulleitung hat dann auch schnell und diktatorisch gehandelt und die Aktiengesellschaft und ihre Geschäfte von heute auf morgen verboten. Wir fanden das ziemlich unfair, weil die Aktien sich gerade wieder etwas erholten und den Ausgabewert der ersten Aktien wieder erreicht hatten. Trotzdem wurden alle Aktionäre, die danach Aktien gekauft hatten, um die Chance gebracht ihre Verluste zu vermeiden oder wenigstens zu verringern. Außerdem hatten wir erwartet, dass die Schulleitung zumindest mit uns gesprochen hätte, bevor sie ihre Entscheidung traf. Aber Gewalt geht wie so oft vor Recht und wir mussten uns den Stärkeren beugen. Ich habe Klaus Dieter die Schulden erlassen, weil ich gemerkt habe, dass er mich echt gern hat. Er hatte sich auch nach Kräften bemüht, gute Geschäfte zu machen. Die Schließung unserer Aktiengesellschaft war ein Akt „höherer Gewalt“. Dafür konnte Klaus Dieter nichts. Wir haben aber sofort neue Projekte beschlossen. Wir werden demnächst in unserer großen Aula an den Wochenenden eine Schülerdisco veranstalten und dazu laden wir auch die Jugendlichen von anderen Schulen ein! Wetten, dass wir damit noch größere Geschäfte machen als mit der Aktiengesellschaft!

Wir haben auch überlegt, ob wir eine Band gründen sollen oder eine Theatertruppe. Mit Musik und Theater kann man auch ganz schön Geld verdienen. Ohne viel Aufwand könnte man auch auswendig gelernte Gedichte vortragen. Dann zahlte sich das Lernen wenigstens einmal aus. Jeder von uns könnte drei bis vier Gedichte lernen, am besten Balladen, die würden am besten laufen, schreibt sein Angebot dann auf eine kleine Tafel, die er sich um den Hals hängt, so dass die Kunden sehen können, was er zu bieten hat, und notiert auch je nach Länge der Gedichte gestaffelt die Preise daneben. Am Samstag auf dem Markt und am Sonntag vor oder nach dem Gottesdienst bilden wir dann einen Chor und singen dann das eine oder andere Gedicht, das Schubert oder Schumann vertont haben, gratis, um Werbung für unsere Gedichtvorträge zu machen – und wenn dann die Kunden in Massen auf uns zuströmen, dann bieten wir unsere Gedichtvorträge an. Das müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn die meisten Leute nicht wenigstens ein Gedicht von jedem von uns hören wollten.

Ich habe diese Geschäftsideen mit Papa besprochen und er war ziemlich begeistert von unseren Aktivitäten. Er meinte, dass wir Lied- und Gedichtvorträge mit Gitarrenbegleitung auch passend für Kindstaufen, Hochzeiten, Beerdigungen und Geburtstage zusammenstellen und über selbstgemalte Plakate anbieten könnten. Es gäbe sicherlich eine große Nachfrage für solche Programme für viele kultivierte Menschen, die ihre Familienfeiern nicht nur mit Festessen und alkoholischen Getränken veranstalten wollten. Vielen seien professionelle Bands und Sänger zu teuer. Wir könnten mit akzeptablen Preisen da in eine echte Marktlücke stoßen. Wenn wir wieder eine Aktiengesellschaft hierfür gründen würden, so wolle er sich sogar als Hauptaktionär bei uns beteiligen und seine Gewinne weiter in uns investieren. Ich bin vor Glück fast umgefallen, als er das sagte, denn Mama wäre nie auf solche Gedanken gekommen, und habe ihm versprochen, kräftig bei meinen Klassenkameraden für diese Idee zu werben.

Es haben sich auch sonst viele Berührungspunkte zwischen Papa und mir auf geschäftlicher und sportlicher Ebene ergeben. Es zeigte sich, dass er was von Pferden versteht, weil er in seiner Jugend sehr viel geritten ist und sogar ein eigenes Pferd hatte. Ich habe ihm von unserem Reitverein erzählt und ihn auch zum Vereinsturnier mitgenommen. Ich bin bei der Dressur Dritte geworden, beim Springen aber leider vom Pferd gefallen, weil das Pferd den Sprung über den Oxer verweigert und aus vollem Galopp gebremst hat und zum Stand gekommen ist. Da hat sich mein Vater große Sorgen um mich gemacht und wollte in die Reitbahn laufen, um mich aufzuheben, aber ich bin von alleine wieder hochgekommen und habe ihm zugerufen, dass ich unverletzt sei.

Als ich mit ihm nach Hause fuhr, fragte er mich, ob es am Pferd gelegen habe, dass ich gestürzt sei, oder ob ich einen Fehler gemacht hätte. Ich habe meinen Fehler zugegeben. Denn ich hatte den richtigen Abstand für den Absprung verpasst und dann konnte das Pferd natürlich nur noch bremsen. Ich versicherte ihm auch, dass mein Pferd eines der besten Springpferde sei, das der Verein besitze, und dass wir beide, das Pferd und ich uns gut verständen. Er meinte nämlich schon, dass er mir ein gutes Pferd kaufen müsse, wenn mein Vereinspferd nichts tauge und es mich gefährde; aber ich konnte ihm solche Flausen ausreden und habe ihn aufgefordert, zuerst einmal an seine eigene Gesundheit zu denken und sein Geld dafür auszugeben.Mutter war zu Hause geblieben, um da zu sein, wenn Kai zurückkäme. Und so war es auch. Immer wenn er keine sauberen Klamotten zum Anziehen mehr hatte, kam er nach Hause. Das war meistens nach einer Woche der Fall. So auch heute. Er saß bereits in der Badewanne, als wir ankamen, und schmetterte seine Folksongs. Sein Rucksack stand wie üblich unausgepackt in der Diele und wartete darauf, dass Mutter oder ich sich seiner erbarmten. Mutter hatte Kai noch nicht gesagt, dass Vater zu Besuch war. Erst, als er Vaters Stimme hörte, ging ihm ein Licht auf. Er hörte sofort auf zu singen und fragte, ob es einen besonderen Grund für Vaters Besuch gebe.

Mutter sagte: „Du kannst dir schon denken, warum Vater gekommen ist!“ Darauf sagte Kai: „Na klar! Schulversagen! Das ist doch das einzige Mittel, um Vater herzuzaubern!“ „Na, na“, sagte Vater „ich habe dich auch schon zu Rock Konzerten abgeholt!“ „Zugegeben“, tönte Kai aus dem Badezimmer, „aber das war nur zwei Mal! Jetzt habe ich aber die Masche gefunden, um dich öfter hierher zu locken! Schulversagen kann ich unendlich wiederholen. Das macht mir überhaupt keine Schwierigkeiten!“ „Nun werde mal nicht übermütig“, warf meine Mutter ein. „Schulversagen ist keine Heldentat, mit der man sich noch brüsten muss. Im Übrigen hast Du mir bis heute noch kein Wort davon gesagt!“ „Na ja, ich wollte dich schonen, Rücksicht auf deine angegriffenen Nerven. Du wärest doch gleich wieder ausgerastet, wenn ich dir die Schose mitgeteilt hätte!“ antwortete Kai. „Ich kann auch gleich noch ausrasten und dir die Meinung geigen, wenn Du aus deinem Bunker herausgekommen bist“, antwortete Mutter. „Fühl dich mal nicht zu sicher!“

„Gott sei Dank ist Vater da“, erwiderte Kai. „Der wird dich schon daran hindern auszurasten!“ „Aber ich lasse mich nur beruhigen, wenn man vernünftig mit dir über deine Zukunft reden kann!“ „Abgemacht, Mutter, ich ziehe mich an meinen Ohren aus der Wanne. Die sind dann groß genug, um auf euch zu hören. Mir ist es auch lieber, wenn ich noch eine Chance auf eine bürgerliche Zukunft habe!“ Nach diesen Worten kam Kai aus dem Badezimmer und umarmte erst einmal Vater, dann Mutter, dann mich, dann unseren Hund und war so charmant und gut gelaunt, dass überhaupt keine schlechte Stimmung aufkommen konnte. Darauf griff er sich seinen Rucksack, der noch immer in der Diele lag, und verschwand in seinem Zimmer.

Einige Augenblicke später hörte man Schellenklänge, eine Gitarre wurde gestimmt und Kai erschien in einem grünen Schellenkostüm mit einer Narrenkappe, an deren langgezogenem Zipfel ebenfalls eine Schelle hing, wieder auf der Bildfläche. Er hatte eine Gitarre in der Hand, postierte sich vor uns und begann mit Gitarrenbegleitung ein Gedicht vorzutragen. Es hatte den Titel „Dichtkunst“ und bestand aus folgendem Text:

Dichtung, Gewalt, Überschwang

Brich aus cumäischem Schoß;

Wie lydischer Wildbach goss,

Heiß, Korybanten Gesang.

Sprenge, Muskel, den Zwang!

Panthersprung, Blizzard, Geschoss,

Schallenergiefluss entspross

Neue Gestalt und erklang.

Rhythmischer Sprachhorizont

Reißt die Mänade entzwei.

Rausch des Dionysosmond

Rast der ekstatische Schrei,

der keinen Körper verschont

Geist in dem Gotte wohnt: frei.

Kai trug das Gedicht wie ein Rocksänger vor und mit einer solchen Wucht, dass wir alle perplex waren. Kai bemerkte unser Erstaunen und unser Unverständnis und wiederholte seinen Vortrag noch einmal sehr langsam. Wir konnten trotzdem mit seinem seltsamen Auftritt nichts anfangen und Mutter konnte es nicht unterlassen Kai tadelnd zu fragen, was diese Narrenposse solle!

Sie erreichte mit diesen Worten genau das, was sie beabsichtigt hatte, Kai war tödlich beleidigt. „Es ist traurig, dass ihr die gleichen Banausen seid wie die meisten meiner Zuhörer!“ sagte er nach einer quälenden Pause. „Bei euch hatte ich auf Verständnis gehofft für meine hohe Kunst, weil ihr euch zu den Gebildeten zählt, aber anscheinend reichen weder eure Kenntnisse der antiken griechischen Mythologie noch eure literarische Bildung, um die Produktionen eines kompromisslosen jungen Sängers zu verstehen. Von Wertschätzung des Geistes und der Freiheitsliebe, die sich in diesem Sonett manifestieren, ganz zu schweigen.“

Zu meiner Überraschung ergriff jetzt Vater zugunsten von Kai in den Streit ein. Er sagte: „Du willst uns offensichtlich mit diesem Auftritt etwas sagen. Und, wie Du selber schon angedeutet hast, soll dieser Auftritt eine künstlerische Darbietung sein, die man interpretieren muss, wie alle echten künstlerischen Äußerungen. Wenn ich dich recht verstehe, willst Du uns erstens klar machen, dass Du dich als Künstler verstehst und dass Du dich dem kulturschöpferischen Geist der Menschheit verpflichtet fühlst, und als zweites willst Du uns mit deinem Narrenkostüm das Ansehen, das fehlende Ansehen veranschaulichen, unter dem ein innovativer Künstler beim Publikum zu leiden hat. Und zumindest solange zu leiden hat, bis mit seinen Werken Geld zu machen ist. Habe ich dich richtig verstanden?“

„Heureka, Du hast es geschnallt, Vater!“ freute sich Kai! „Dann wirst Du auch sicher verstehen, dass ich ohne Rücksicht auf Anstaltsordnungen und Karrierelaufbahnen meinen eigenen Weg gehen muss und den Eingebungen meines Genius bedingungslos folgen muss! Das heißt, wenn ich die „Stimme der Natur“ höre, muss ich ihr folgen und mich in die Wälder oder Berge aufmachen, und wenn „der große Geist der Kunst“ mich anruft, so muss ich ihm antworten, sofort, bedingungslos und ausführlich!“ „Mit anderen Worten: Du willst in einer anderen Welt leben, einer Welt der totalen Freiheit und der totalen Ichbezogenheit!“ stellte mein Vater fest. „Oder“, so fuhr er fort, „um es negativ zu sagen: Du willst dich über alle Sicherheiten und Errungenschaften unserer Zivilisation und Kultur hinwegsetzen und wie der erste Mensch leben“ „Ich kann es nicht besser ausdrücken!“ bestätigte Kai unseren Vater.

„Dann musst Du dir aber klar sein, dass Du einen sehr einsamen und gefährlichen Weg gehen wirst! Denn wer soll dir helfen, wenn Du dir im Gebirge ein Bein brichst oder Du dir im Urwald eine Lungenentzündung holst? Womit willst Du dich ernähren, wenn dir Geld und Vorräte ausgehen? Womit willst Du dich kleiden, wenn Du dir bei einem Sturz im Gebirge Hose und Hemd zerrissen hast? Und wo willst Du wohnen, wenn dich in deinen Bergeshöhen Schnee und Regen erkältet und durchnässt haben? Ich kann dir zwar eine jährliche Rente vermachen, die dich finanziell sichern würde, aber so, wie Du keine Kompromisse machen willst, um wie der erste Mensch zu leben, so wirst Du eine solche Lösung ablehnen müssen.“

„Ich würde mich ja wieder vom Geld und von anderen Menschen abhängig machen, wenn ich auf ein solches Angebot einginge“, erklärte Kai. „Ich müsste Banken kontaktieren, Steuern zahlen, dieses ganze korrupte Spiel von dem Genuss finanzieller Erträge ohne Arbeit mitspielen! Und bald wäre dies mein Hauptlebensinhalt und nicht mehr das spontane, unprogrammierte Erproben meiner eigenen Kräfte in der Begegnung mit der unbekannten Natur, mit unbekannten Menschen. Diese immer neue Bewährung angesichts des Unbekannten macht ein Leben erst frisch und immer neu, reicher an Selbsterkenntnis und Welterfahrung! Dagegen beschert dir dieses Zivilisationsvegetieren ein Dutzendleben ohne Überraschungen! Es besteht aus der endlosen Wiederholung der immer gleichen Vorgänge. Mag sein, dass in Spitzenpositionen der eine oder andere Verantwortliche auch neue Lösungen und neue Lebensformen erfährt, aber das sind doch ganz wenige Ausnahmen. Alle anderen sind Mitläufer, Stimmvieh, Komplizen!“

„Das sind bemerkenswerte Einsichten – auch wenn sie nur halb wahr sind – und im Narrengewand vorgetragen werden. Aber die Narren haben ja zu vielen Zeiten das Privileg gehabt, die Wahrheit sagen zu dürfen“, entgegnete mein Vater und er fuhr fort: „Aber dein solipsistisches Paradies hat natürlich einige Macken! Denn das soziale Leben, das Du ausklammerst, kann auch voller Überraschungen und Innovationen sein. Und es kann viel beglückender sein als dein Traumbild des einsamen ersten Menschen! Ich habe zwar nur Zipfel von einem beglückenden sozialen Leben erfahren, aber ich möchte sie nicht missen: die Umarmung einer liebenden Frau, die Zutraulichkeit eines Kleinkindes, das nach deiner Hand greift, das gemeinsame Lachen mit Mitarbeitern nach einem gelungenen Geschäftsabschluss. Ich könnte diese Reihe bis ins Unendliche fortsetzen, obwohl ich ein Stiefkind des sozialen Glückes bin. Und wenn Du ehrlich dir selbst gegenüber bist, so wirst auch Du dir eine ganze Menge Glücksmomente des sozialen Lebens in dein Bewusstsein rufen können, die von keinem anderen Glücksmoment übertroffen werden können!“

Mein Bruder war von dieser Argumentation beeindruckt. Er drehte sich um und verschwand in seinem Zimmer und kam nach einigen Minuten tatsächlich ohne Narrengewand, sondern in ganz normalem Outfit zurück. Er ergriff die Hand von unserem Vater und bekannte ganz ehrlich: „Du hast recht! Es gibt tatsächlich mehr Chancen für Glück im sozialen Leben als im individualistischen Fürsichsein! Dieses Gespräch mit dir hat mir solch einen Schimmer von Glück vermittelt. Ich werde es ganz bestimmt nie vergessen. Aber wenn Du von frühester Kindheit an von deinen natürlichen Sozialpartnern nur enttäuscht und im Stich gelassen worden bist, so ziehst Du dich in dich selbst zurück und magst dich nur noch auf dich selbst verlassen. Und Du hast uns ja bereits vor eurer Trennung allein gelassen und Mama hat dir dann die ganze Zeit nachgetrauert und in mir einen Partnerersatz gesucht. Das war für mich überfordernd und frustrierend. Und Betty hat ein ganz anderes Lebenskonzept als ich. Sie will nur vorteilhafte Geschäfte machen und ansonsten schon verheiratete Frau sein. Sie hat mich auch frustriert. Aber dieses Gespräch hat mir gutgetan. Ich fühle mich zum ersten Mal verstanden und in meiner Eigenart respektiert. Das eröffnet mir neue Lebensperspektiven – vielleicht auch im sozialen Bereich!“

Darauf antwortete mein Vater: „Ich will das seltene Glücksgefühl, das Du jetzt empfinden magst, nicht für meine Zwecke ausnutzen. Aber ich möchte dich wenigstens über die Gründe informieren, die mich zu euch geführt haben! Erstens, ich bin krank und habe vielleicht nicht mehr lange Zeit, um euch zu sehen und auch eure Zukunft gesichert zu wissen. Zweitens ich lasse mich von meiner zweiten Ehefrau scheiden und möchte Mama zeigen, dass sie die eigentliche Frau meines Lebens war und ist. Drittens muss ich eine Entscheidung darüber treffen, was aus der Firma werden soll, und bevor ich sie in eine Stiftung umwandle, möchte ich schon erkunden, ob eventuell Du, Kai, willens und fähig bist, meine Nachfolge anzutreten. Ich erwarte jetzt keine Antwort von dir, möchte dich aber bitten, über diese Mitteilungen nachzudenken und würde gerne morgen mit dir über deine Einstellung zu diesen Angelegenheiten sprechen. Vielleicht bedenkst Du in diesem Zusammenhang auch, dass Du eine Position erreichen würdest, die dich vor viele neue Probleme stellen würde, so dass Du wirklich wie deine Traumfigur, der erste Mensch, deine Kräfte gegenüber dem Unbekannten erproben könntest und auch viele neue unbekannte Menschen kennen lernen könntest.“

Mein Bruder sagte hierauf nichts, nickte aber zustimmend in die Richtung unseres Vaters und schlug dann vor, sich um das Essen zu kümmern, denn er hätte großen Hunger.

Einträgliche musische Events

Am nächsten Tag haben Papa und Kai einen Kompromiss geschlossen. Kai hat sich bereit erklärt, das Internat in Nordtirol, das Papa für ihn gefunden hat, zu besuchen und dort sein Abitur zu machen. Papa hat es ihm daraufhin freigestellt, immer wenn er wolle, der „Stimme der Natur“ oder dem „Anruf des großen Geistes der Kunst“ zu folgen oder ihm zu antworten. Er müsse nur bereit sein, die versäumten Lernstoffe mit der Hilfe von seinen Lehrern nachzuholen.

Was Papas Betrieb angeht, so ist Kai bereit, sich in seinen Ferien von Papa in die Geschäfte einführen zu lassen und Papa auf seinen Geschäftsreisen zu begleiten. Allerdings will Kai sich selber seine Zeit einteilen und sich die Projekte auswählen, die er kennen lernen will. Ansonsten will er seinen eigenen Interessen nachgehen und die „Natur besuchen“ oder seine bekannten „Kunstflüge“ absolvieren.

Wir, Mama, Papa und ich können diese seine „Ticks“ nicht sehr ernst nehmen, aber wir dürfen ihm das natürlich nicht zeigen. Mama und Papa sind der Meinung, dass sich diese weltfremden Schwärmereien mit zunehmendem Alter und zunehmendem Verstand „auswachsen“. Denn welcher halbwegs gescheite Erwachsene lässt sich schon ein Erbe wie unsere Firma entgehen, denken sie. Aber ich bin mir nicht sicher, dass sie Recht haben. Kai ist ein sturer Hund! Was der sich einmal in den Kopf gesetzt hat, das führt er auch zu einem Ende, egal, ob er dabei Pleite geht oder ins Gefängnis muss oder ob er sogar dabei draufgeht. Der wird immer verwegenere Bergtouren unternehmen und immer unverständlichere Gedichte machen oder Bilder malen und, wenn nötig, für seinen Hunger auch einmal einen Mundraub begehen. Der Typ ist völlig unbelehrbar und wie von einem anderen Stern.

Selbst von mir lässt er sich nicht helfen, obwohl ich ihm unbedingt helfen will. Dabei hat er die Stirn, mir zu sagen, ich hätte doch keinen Durchblick, was in dieser Welt abgehe. Ich sei noch ein Küken, das erst einmal aus seinem Nest klettern solle, um die Welt kennen zu lernen. Dabei wollte ich ihn an unserer neuen Betriebsgesellschaft beteiligen.

Wir haben nämlich die Idee von Papa aufgegriffen und eine Event-Gesellschaft gegründet. Papa hat uns ein Startkapital von 1000 DM gestiftet und daher bin ich zur Präsidentin der Gesellschaft gewählt worden. Ich habe dann gleich Klaus Dieter zum Vizepräsidenten ernannt und wollte auch Kai zu meinem zweiten Stellvertreter ernennen. Er hätte damit Anteil an unseren Gewinnen gehabt und wäre wenigstens finanziell schon einmal etwas abgesichert gewesen. Aber der sture Bock hat mich ausgelacht und mir entgegengehalten, er habe für solcherlei kapitalistische Kindereien keinen Sinn und seine Zeit sei ihm zu kostbar, um sie für erfolglose Geschäfte zu vergeuden. Das Leben sei kein Kinderspiel, sondern eine ernste Sache und man müsse sich mit ganzer Kraft dafür einsetzen, dass der Rest von Natur, den es noch gebe, intakt bleibe und der Rest von moralischem Bewusstsein, den es bei wenigen Menschen noch gebe, durch Kunst und Wissenschaft gestärkt und erhalten bleibe. Das seien Ziele, für die es sich lohne als verantwortungsvoller Zeitgenosse einzutreten, aber doch nicht für das lächerliche Papier, auf dem eine wertlose Zahl stehe und das man Geld nenne.

Nun, ich habe diese abgehobenen Gedanken nicht kritisiert – es hätte sowieso keine Wirkung bei Kai, aber ich habe ihm gesagt: „Schließen wir eine Wette ab! Wer von uns nach 10 Jahren besser dasteht, Du mit deinem Waldläuferleben und deinen brotlosen Künsten oder ich mit meinen kapitalistischen Kindereien und meiner eigenen Familie zusammen mit Klaus Dieter. Da hat er mich wieder ausgelacht und mir gesagt, er wolle mir meine Illusionen nicht nehmen. Wir lebten in zwei verschiedenen Welten, die unvergleichbar seien, und daher könne er meine Wette nicht annehmen, aber treffen könnten wir uns alle 10 Jahre und uns über unser Leben austauschen. Er brauche halt gelegentliche Kontakte zu der sogenannten realen Welt und schließlich sei ich seine Schwester, zu der er immer Kontakt haben wolle – auch wenn unsere Lebenswege in ganz andere Richtungen gingen. Das war nun wiederum lieb von ihm und ich habe ihm deswegen einen Kuss gegeben.

Vater ist nach einer Woche wieder abgefahren. Nach ein paar Tagen hat er angerufen und uns mitgeteilt, dass Oma gestorben sei. Wir sollten aber um Himmels willen nicht zu der Beerdigung kommen. Das sei ihr letzter Wille gewesen und er habe ihr versprochen, ihn zu respektieren. Seine zweite Frau werde auch nicht bei der Beerdigung anwesend sein. Sie habe sich nach Amerika abgesetzt, nachdem er die Scheidung eingereicht habe. Er komme in zwei Wochen, um Kai zu der Mexikoreise abzuholen. Danach bringe er Kai wieder zurück und bleibe noch gerne einige Tage bei uns, um sich von den vielen Strapazen zu erholen. Mutter sagte ihm, sie freue sich, wenn er komme, und wolle Kai für die Mexikoreise mit Klamotten und Sprachführer ausrüsten.